Invincible - Ich geb dich niemals auf - Stuart Reardon - E-Book

Invincible - Ich geb dich niemals auf E-Book

Stuart Reardon

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Beschreibung

Seine Welt liegt in Scherben. Er ist gebrochen. Er hat alles verloren. Aber sein Herz ist unbesiegbar.

Als Nick Renshaw mit sechsundzwanzig Jahren seine Profikarriere als Rugbyspieler wegen einer Sportverletzung aufgeben muss, verliert er nicht nur den Sport, den er über alles liebt, sondern auch seine Verlobte und alle Hoffnung. Die Ärztin Anna Scott soll das Aushängeschild der Rugby-Liga wieder fit machen, doch sie merkt bald, dass Nicks Seele den größten Schaden davongetragen hat. Nur langsam dringt sie zu ihm vor, doch als ihre eigene Vergangenheit sie einzuholen droht, wird Nick klar, dass man erst unbesiegbar sein kann, wenn man gemeinsam stark ist!

"Authentisch und besonders! Bewegend wie keine andere Sports-Romance!" Beware Of the Reader Book Blog

Debütroman von Rugbystar Stuart Reardon und Liebesroman-Autorin Jane Harvey-Berrick

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Seitenzahl: 490

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

TitelZu diesem BuchProlog1234567891011121314151617181920212223242526272829EpilogDanksagungenDie AutorenDie Romane von Stuart Reardon und Jane Harvey-Berrick bei LYXImpressum

STUART REARDON & JANE HARVEY-BERRICK

Invincible 

Ich geb dich niemals auf

Roman

Ins Deutsche übertragen von Sara Walczyk

Zu diesem Buch

Als Nick Renshaw mit sechsundzwanzig Jahren seine Profikarriere als Rugbyspieler wegen einer Sportverletzung aufgeben muss, verliert er nicht nur den Sport, den er über alles liebt, sondern auch seine Verlobte und alle Hoffnung. Die Ärztin Anna Scott soll das Aushängeschild der britischen Rugby-Liga wieder fit machen, doch sie merkt bald, dass Nicks Seele den größten Schaden davongetragen hat. Nur langsam dringt sie zu ihm vor, doch als ihre eigene Vergangenheit sie einzuholen droht, wird Nick klar, dass man erst unbesiegbar sein kann, wenn man gemeinsam stark ist!

Für Emma.

Ohne dich gäbe es kein Glück.

Stu x

»There are no stars in this game. Just men like me.«

David Storey, ›This Sporting Life‹

Prolog

Es ist ein wunderschönes Spiel.

Es ist ein hartes Spiel.

Und auch an einem guten Tag wird man grün und blau geschlagen. Es ist ein brutales Spiel mit Blut, Schlamm und Schmutz.

Die Narbe auf der Wange? Vom Rugby.

Die Narbe an meiner Augenbraue? Vom Rugby.

Ich habe viele Narben.

Ich habe dreizehn Narben von minimalinvasiven Eingriffen an jedem Arm, von Operationen am Knie, Narben auf der Stirn und auf dem Hinterkopf, Narben auf den Knöcheln. Ich wurde an beiden Augenlidern genäht, an beiden Schultern operiert, habe mir zweimal die Nase gebrochen und in den Händen Spiralfrakturen. Meine Finger habe ich mir so oft gebrochen, dass ich diese Brüche gar nicht erst mitzähle. In meinem linken Knie wurde der Knorpel entfernt, in beiden Knien hatte ich einen Innenbandriss zweiten Grades, an der Achillessehne musste ich dreimal operiert werden, und einmal habe ich mir die untere Zahnreihe durch die Oberlippe geschlagen. Nähte im Mund zu haben, ist kein Spaß. Sie ziepen, wenn man isst oder spricht.

Es gibt nichts Nettes am Rugby. Vielleicht ist das der Grund, warum ich es so verdammt liebe.

Frauen sollen ja auf Narben stehen, habe ich mal gehört.

Ich für meinen Teil habe aber die Erfahrung gemacht, dass sie nicht gerade versessen darauf sind, bei einem zu sein, während die Wunden heilen. Der Loser zu sein, der auf der Bank sitzt, ist nicht gerade sexy. Der Typ zu sein, dessen Karriere den Bach runtergeht … Das macht mich nicht so attraktiv.

Einer Frau vertrauen, wenn man seinen absoluten Tiefpunkt erreicht hat – der dämlichste und dümmste Fehler überhaupt.

Schlag mich, brich mich, reiß mir das Herz heraus.

Und dieses Mal … werde ich gewinnen.

1

April 2014

»Verdammte Scheiße! Ist es das, wonach es aussieht?« Kenny starrte auf das kleine, mit Samt überzogene Kästchen, das in Nicks Sporttasche lag.

»Woher soll ich wissen, wonach es für dich aussieht?«, sagte Nick ruhig. »Meistens bist du mit deinen Gedanken in einer anderen Galaxie, weit, weit weg.«

»Leck mich am Arsch! Ernsthaft? Du willst Molly bitten, dich zu heiraten?«

Nick war fast drei Jahre mit Molly zusammen. Sie hoffte auf einen Ring, und für ihn sprach nichts dagegen. Alle Freunde, die er aus der Schule kannte, waren schon verheiratet und erwarteten Kinder. Warum also nicht auch er? Er war sechsundzwanzig, verdiente gut, besaß ein Haus, und deshalb war der nächste logische Schritt, sich niederzulassen und zu heiraten.

»Ja, ich finde, dass es an der Zeit ist.«

Kenny sah ihn verwirrt an. »Ist sie schwanger?«

Nick lachte laut. »Nein, du Irrer! Warum fragst du mich das?«

Kenny schlug ihm auf den Hinterkopf und rief: »Warum machst du es dann, du Idiot?«

Es war kein Geheimnis, dass Ken und Molly sich nicht leiden konnten, auch wenn Nicks Leben viel einfacher wäre, wenn sie es täten.

»Du bist ein Schwachkopf«, entgegnete Nick. »Aber ich will, dass du mein Trauzeuge wirst.«

Kenny grinste ihn höhnisch an. Seine vier Vorderzähne hatte er vor zwei Monaten bei einem Spiel verloren, und jetzt wartete er bis zum Ende der Saison, bevor er sich Implantate einsetzen ließ. Er sah wie ein zu groß geratener Vampir aus.

»Oh, ja! Trauzeugenrede! Ich bin dabei!«

Nick hatte vorher schon das Gefühl gehabt, dass er diese Entscheidung bereuen würde.

»Wann willst du sie fragen?«

»Heute auf der Afterparty.«

»Game over, Kumpel.«

Was für ein Arschloch, dachte Nick und schüttelte den Kopf. »Warum sind wir noch mal befreundet?«

Kenny runzelte die Stirn. »Weiß nicht. Niedrige Ansprüche?«

Während Nick sich vorbereitete und aufwärmte, hatte er die ganze Zeit ein seltsames Gefühl im Bauch, einen Knoten der Angst.

Er holte seine Glücksstiefel heraus und stellte sie einsatzbereit auf die Bank neben den Mundschutz. Er war zwar nicht so abergläubisch wie manch anderer Spieler, aber er mochte seine Glücksstiefel. Auch wenn sie erste Abnutzungserscheinungen aufwiesen, was ihn nervös machte.

Außerdem trug er noch seine Lieblingsboxershorts unter dem Trikot, doch das ging niemanden etwas an.

»Letztes Spiel mit deinen Kumpels«, sagte Kenny, er klang wehmütig. »Jetzt, da du uns für die erste Liga verlässt, bist du einfach zu groß für uns. Für dich ändert sich alles – du wirst uns komplett vergessen.«

Nick lachte und schlug seinem Freund auf den Rücken. »Als wenn ich dich jemals vergessen könnte, Kenny.«

Kenny lächelte nicht, und es lag etwas in seinem Blick, doch dann rief sie der Kapitän auf den Platz, und sie schwiegen.

Der Himmel war fast schwarz, dunkle Wolken zogen auf, und obwohl es noch Frühling war, drängten sich die Fans zusammen, ihr Applaus war leise, und die zahlreichen leeren Sitzreihen gaben ein trostloses Bild ab. Nicht viele waren zu diesem letzten Auswärtsspiel der Saison gekommen.

Nick sah zu den spärlich gefüllten Rängen, und Enttäuschung trübte sein Vorhaben, positiv gestimmt zu bleiben. Egal wie, er war immer noch entschlossen, sein Bestes auf dem Feld zu geben. Aber wenn das Team die Chance gehabt hätte, in die Premiership – die Rugby-Superliga – aufzusteigen, wären die Ränge jetzt voll gewesen. Aber nicht heute, nicht nach einer mittelmäßigen Saison, in der sie langsam in die untere Hälfte der Tabelle gerutscht waren. Nicht einmal für das letzte Spiel des Jahres.

Als der Schiedsrichter das Spiel anpfiff, fing es in Strömen an zu regnen, und das Feld verwandelte sich schnell in ein Schlammbad. Nick und die anderen Spieler schlitterten und rutschten, das nasse Trikot klebte ihm am Körper und klatschte gegen die Haut.

Er hasste Spiele wie dieses. Er war ein Fullback – der letzte Verteidiger –, der sich den Spitznamen »Die Rakete« durch seine Schnelligkeit und Beschleunigung, Flinkheit und Kraft verdient hatte. Mit seiner Schnelligkeit konnte er ganze Spiele gewinnen. Doch an Tagen wie diesem bremste ihn der Schlamm und hing in riesigen Klumpen unter seinen Stiefeln, sodass er jedes Mal, wenn der Schiedsrichter das Spiel unterbrach, mit den Fingern Matschbrocken aus den Stollen herausholte, in der Hoffnung, damit die Bodenhaftung auf dem Feld zu verbessern.

Der Kapitän signalisierte der Hintermannschaft, enger zu spielen, denn bei kurzen Pässen kam es seltener zu Fehlern. Nick schüttelte frustriert den Kopf, Regen lief ihm über das mit Schlamm verschmierte Gesicht. Er wischte sich mit dem Shirt über die Augen, wodurch sein harter, flacher Bauch und ein Teil seiner muskulösen Brust entblößt wurden und kalter Regen auf seine heiße Haut tropfte.

Das Spiel war jetzt noch langsamer, weil der Ball glitschig wurde, und an Nick klebte hartnäckig der Matsch. Der Wind peitschte ihm den Regen in die Augen, und von der für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Kälte war er durchgefroren. Auf der anderen Seite des Feldes grinste Kenny seinen Gegenspieler herausfordernd an und sagte Dinge zu ihm, die ihm einen Platzverweis einbringen konnten, hätte der Schiedsrichter sie gehört.

Jeder Spieler kämpfte gegen die Naturgewalten an, und Nick hatte seinen Vorteil der Schnelligkeit verloren. Er konnte sich nicht mehr darauf verlassen, den Ball an den anderen Spielfeldrand bringen zu können. Das Beste wäre, ihre Gegner auf Höhe der Tryline festzuhalten.

Das Spiel war ruppig und derb, und Dennis, der auf dem linken Außendreiviertel spielte, schlug sich nach einem brutalen Tackle die untere Zahnreihe durch die Oberlippe. Das Blut lief ihm übers Kinn und hinterließ rostrote Spritzer auf seinem Shirt. Er verzog das Gesicht und schob die Zunge durch die Wunde.

Nick zuckte zusammen. Kenne ich nur zu gut, die Narbe ist der Beweis dafür.

Dennis verließ fluchend das Spielfeld. Allerdings hörte man nur ein flüsterndes Lispeln, weil er sich auch auf die Zunge gebissen hatte. Er würde in der Pause genäht werden, um in der zweiten Halbzeit wieder spielen zu können.

Das Spiel ging weiter. Nick fluchte, als Kenny bei einem Gedränge zu Boden ging und unter einem Berg schwerer, tretender und fluchender Männer verschwand. Die Sanitäter bereiteten die Tragbahre vor. Doch dann befreite der Hooker – der Stürmer in der Mitte der ersten Reihe – den Ball, und das Spiel lief weiter. Kenny setzte sich auf, schüttelte den Kopf wie ein verwundeter Bulle und stapfte auf seine Position zurück.

Nick war erleichtert, dass er unverletzt war. Die Fans jubelten.

Schließlich wurde der Ball unsauber in Nicks Richtung geworfen, und er passte ihn in der Luft ab, packte das glitschige Leder und rannte über das Spielfeld. Er kniff die Augen zusammen, um etwas durch den strömenden Regen erkennen zu können. Als er wusste, dass die Linie nicht mehr weit war, warf er sich nach vorn und spürte einen schmerzhaften Ruck im ganzen Körper, als er auf dem Feld landete, vorwärtsrutschte und eine matschige Furche hinterließ.

Das! Genau das war es, wofür er lebte. Nichts war vergleichbar.

Adrenalin schoss durch seinen Körper, als der Schiedsrichter in die Pfeife blies.

Nick rappelte sich auf, grinste seine Mannschaftskameraden an, während sie ihn abklatschten und sich über die Punkte auf der Anzeigetafel freuten. Dann trat ein Spieler vor. Er wischte sich den Schlamm aus den Augen, bevor er sich an der Erhöhung – ein Kick durch das H-förmige Tor – versuchte. Er fokussierte den Ball, sah hoch zum Tor und traf den Ball perfekt. Das Team hielt den Atem an, als er die Latte streifte und dann durch die Torpfosten segelte. Die Fans sprangen auf und bejubelten die zwei Punkte.

Nick klatschte, Erleichterung breitete sich in seiner Brust aus. In einem engen Spiel zählte jeder Punkt.

Er atmete schwer aus. Sein Oberkörper, Shorts und Beine waren mit Schlamm bedeckt, sein Gesicht dreckverschmiert. Er spuckte Matsch aus und verlor dabei fast seinen Mundschutz. Er legte den Kopf in den Nacken und bewegte ihn hin und her. Die Schmerzen und blauen Flecken ignorierte er.

Rugby war ein hartes Spiel, ein brutales Spiel, auch wenn man nicht angegriffen, getreten oder geschlagen wurde oder Stöße gegen den Kopf bekam. Er liebte es.

Das war bisher der erste Versuch gewesen, bei dem der Ball in die gegnerische In-Goal-Area getragen wurde, und jetzt brauchten sie noch sieben weitere Punkte.

Doch in der Halbzeit lagen sie mit neunzehn Punkten zurück, und die Mannschaft verlor langsam den Fokus. Der Trainer ließ sie etwas trinken und Zuckerhaltiges für mehr Energie essen. Dann ließ er sie sich eine Minute lang aufregen, bevor er ihnen eine Standpauke hielt, bei der ihm die Spucke nur so aus dem roten Gesicht flog.

»Ihr spielt da draußen, als wärt ihr im Halbschlaf! Viel zu viele Fehlpässe, zu viele verpasste Angriffe. Ihr seid doch kein Haufen blutiger Anfänger! Benehmt euch gefälligst wie Profispieler! Kommt schon! Ihr könnt das! Passt den Ball nach hinten – sie werden nur schwer punkten können, wenn ihr sie an ihrem Feldende festsetzt. Und seht zu, dass eure Passquote besser wird – ihr könnt gewinnen!«

Sie mussten daran glauben, dass sie immer noch gewinnen konnten. Niemand gab auf. Woche für Woche auf der Verliererseite zu stehen, war eine mentale Tortur. Aber man spielte bis zum letzten Atemzug.

Doch die Mannschaft war träge und mürrisch, müde von der langen Saison und erschöpft vom schlechten Wetter, ihnen tat alles weh, sie wurden immer dreckiger und bekamen immer mehr blaue Flecken.

Frustriert presste Nick die Zähne zusammen. Die Aufgabe des Fullbacks bestand darin, anzugreifen, doch der Trainer wollte ein kurzes, sicheres und sauberes Spiel. Das war doch Rugby – es sollte hart und grob und schmutzig sein.

Aber er hielt den Mund. Mit dem Trainer zu diskutieren, endete nie gut.

Sie liefen zurück auf das schlammige Feld, und Nick bemerkte, dass die meisten Fans aufgegeben hatten und nach Hause gegangen waren. Es war nur noch eine Handvoll von Zuschauern an jedem Ende der klatschnassen Tribüne übrig. Er sollte es ihnen nicht übel nehmen – das Wetter war schrecklich und das Spiel die reinste Rumpelpartie. Doch er nahm es ihnen übel. Die Mannschaft spielte sich die Seele aus dem Leib, und wo waren ihre Unterstützer? Schon im Pub, um sich volllaufen zu lassen.

Ihn überkam die Wut. Als er sich jedoch auf seine Position begab, zwang er sich, positiv zu denken, und er kehrte mit seinen Gedanken zu den Taktiken, die sie besprochen hatten, zurück. Sein Kopf fühlte sich genauso verworren und erschöpft wie der Rest von ihm an.

Von der glühenden Wut über sich selbst angetrieben, zog er die Füße aus dem Schlamm und verlor fast einen Stiefel, während er sich über das Feld schleppte, die Oberschenkel hochstemmte und das Blut in den Ohren rauschte.

Dann hantierte einer der Gegenspieler mit dem Ball und warf ihn nach vorn.

»Vorpass«, rief Nick und hob eine Hand.

Doch der Schiedsrichter, halb blind durch den strömenden Regen, hatte nicht gesehen, dass der Ball vorwärtsgeworfen worden war.

Nicks Mannschaftskameraden brachen in lautes Gebrüll aus, und plötzlich gingen die Mannschaften aufeinander los. Das heftige Aufeinanderprallen der fleischigen Körper steigerte sich zu einer Schlägerei, Teamfarben verschwammen in dem von Schlamm verschmierten Handgemenge.

Früher hätte sich Nick ihnen angeschlossen, aber mit sechsundzwanzig war er ein vernünftiger Profi und wusste, dass eine Prügelei Probleme nicht löste. Leider.

Er ging dazwischen, zog die Männer an ihren Shirts und Shorts zurück und bekam für seine Bemühungen einen Ellbogen in die Rippen.

»Wichser!«, schrie Darren, als er sich zum Schiedsrichter umdrehte. »Das war ein offensichtlicher Vorpass! Komm schon, Schiri! Gib uns eine Chance! Pfeif das Spiel vernünftig!«

Der Schiedsrichter blies machtlos in die Pfeife, und es dauerte einige Minuten, bis die Ordnung wiederhergestellt war. Die Spieler warfen sich gegenseitig aggressive Blicke zu. Ihre Gesichter waren blutverschmiert und lädiert. Nick wusste, dass sie in einer Stunde zusammen Bier trinken würden: ein stilles Pint gefolgt von siebzehn lauten.

Doch erst einmal wurde das Spiel durch die hitzigen und aufbrausenden Gemüter von Minute zu Minute hässlicher. Als Krönung der ganzen Misere bekam Nick während eines Angriffs einen Tritt gegen die Schläfe.

Er setzte sich langsam auf, schüttelte den Kopf, um sicherzugehen, dass er noch dran war. Dann rappelte er sich wieder auf und zeigte beide Daumen hoch, um zu signalisieren, dass er in Ordnung war.

Als hinter seinen Augen unerträgliche Kopfschmerzen aufflackerten und sich auf seinem Shirt Blut mit Schlamm vermischte, versuchte er, sich auf ein paar Angriffe zu konzentrieren.

Doch am anderen Ende des Spielfelds war Tufty der Halfback – die Verbindung zwischen Vorder- und Hintermannschaft – auf den Knien, hielt sich den Hoden und heulte vor Schmerz.

»Voll in den Schritt«, wimmerte er immer noch vornübergebeugt. »Ich glaube, er hat mir meinen Schwanz abgerissen!«

Ohne Suspensorium war das beste Stücke Verletzungen schutzlos ausgeliefert, das wusste auch Nick nur zu gut.

Das Spiel wurde unterbrochen, als die Sanitäter auf das Feld kamen. Sie halfen Tufty, der die Knie immer noch zusammenpresste, auf eine Bahre. Sie rutschten und schlitterten so sehr durch den Matsch, dass sie ihn fallen ließen. Er schrie auf und verweigerte jede weitere Hilfe. Mit schmerzverzogenem Gesicht schlurfte er vom Spielfeld. Nick sah ihm mitfühlend nach. Das Spiel war das reinste Schlachtfeld. Alles, was sie jetzt noch brauchten, war eine Heuschreckenplage oder Zombies, die auf das Feld liefen, dann hätte er sicher gewusst, dass es die Apokalypse war. Was für eine Ironie des Schicksals, dass die Welt genau zu dem Zeitpunkt untergehen würde, an dem er in eine Mannschaft der ersten Liga berufen worden war.

Abgesehen vom Versagen des Teams hatte er die beste Saison seiner Karriere gespielt. Ohne Nick wären sie mit Sicherheit abgestiegen. Jeder wusste das. Und jetzt ließ er sie für seine strahlende Zukunft zurück. Er hatte gehofft, dass sein letztes Spiel nicht so ein absoluter Mist werden würde.

Das Spiel ging weiter, doch war es jetzt so dunkel, dass man den Ball kaum sehen konnte. Nick kämpfte sich durch das sumpfige Spielfeld, rief Anweisungen, deckte seinen Kapitän und jagte jedem Fehlpass hinterher.

Als es nur noch wenige Minuten bis zum Schlusspfiff waren, sprintete er nach vorn, setzte seine Lunge, die Schwerstarbeit leistete, einer letzten Qual für einen finalen Angriff aus. Er bereitete sich darauf vor, heftig einzustecken, und biss die Zähne zusammen. Dann änderte er mit dem Spielfluss abrupt die Richtung. Plötzlich spürte er einen stechenden, kurzen Schmerz in der rechten Wade und sah mit schmerzverzerrtem Gesicht über die Schulter, um zu sehen, welcher Bastard ihm auf den Knöchel gestiegen war, und um sich gegen ein Tackling zu wappnen. Doch hinter ihm war niemand.

Als der Schock einsetzte, breitete sich Angst in ihm aus. Er wurde langsamer, bis er nur noch humpelte. Aus dem Stechen wurde ein dumpfer Schmerz, der mit jedem Schritt durch sein Bein schoss. Mit dem rechten Fuß aufzutreten, tat höllisch weh.

»Mist«, knurrte er, dann wurde er getackelt und in den Boden gepflügt.

Er fasste sich an den Fuß und wusste, dass etwas nicht stimmte. Er hatte zwei Sekunden, um den Ball zu spielen, während seine Mannschaft in Angriffsposition war.

Danach drehte er sich Richtung Bank und signalisierte, dass er ein Timeout brauchte. Als er von den Mannschaftsmedizinern gestützt vom Feld humpelte, kam der Trainer an der Seitenlinie zu ihm.

»Muskelzerrung?«

»Es ist mein Knöchel. Ich kann nicht laufen.«

»Alles klar, Nick. Ab zur Physio. Mal sehen, was Alan sagt. Gute Arbeit.«

Nick sah ein letztes Mal zu seinem Team, zu den Männern, mit denen er so viele großartige Spiele erlebt hatte, es waren gute Erinnerungen. Dann drehte er sich um und lief unter Schmerzen zur Umkleidekabine.

»Was ist los, Nick?«

Alan war der Physiotherapeut des Clubs und ein ehemaliger Spieler.

»Weiß nicht. Meine rechte Wade tut scheißweh. Da stimmt was nicht. So was hatte ich noch nie.«

Er setzte sich auf die Liege, während Alan ihm den Schuh auszog. Er untersuchte Nicks Knöchel an der Hinterseite und tastete den Bereich ab, der sich geprellt anfühlte und schmerzhaft anschwoll.

Alans Gesicht sah finster aus, die Wangen hingen wie bei einem Bluthund nach unten, die Augen waren rot unterlaufen und tränten.

Nick roch Vaporub, Voltaren und Tigerbalsam gemischt mit Nikotin und Körpergeruch – ein vertrauter und aufdringlicher Mief von Physioraum und Physiotherapeut.

Er versuchte, durch den Mund zu atmen und sich zusammenzureißen. Als Alan fester auf den verletzten Bereich drückte, sog er bei dem stechenden Schmerz, bei dem sich seine Bauchmuskeln verkrampften, scharf die Luft ein.

Er lehnte sich zurück. Sein Shirt und die Shorts waren so durchnässt, dass er zitterte, als er langsam herunterkam.

»Ich glaube, du musst damit ins Krankenhaus, Nick. Für mich sieht es nach der Achillessehne aus.« Er packte Nick am Knöchel und drehte den Fuß herum, Nick schnappte nach Luft. »Du kannst deinen Fuß immer noch etwas bewegen, also schätze ich, dass sie nicht gerissen ist, wahrscheinlich angerissen. Ich hole dir etwas Livopan.«

Nicks Welt geriet aus den Fugen. Eine gerissene Achillessehne bedeutete das Ende einer Karriere. Warum jetzt? Warum in seinem letzten Spiel, bevor er in die Championship League aufgestiegen wäre?

Er schluckte und schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, schaute er in das mitfühlende Gesicht des alten Mannes.

»Bist du sicher? Ist es nicht doch nur eine Muskelzerrung?«

Alan schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Kumpel.«

So viel zur Saisonabschlussparty. So viel zum Verlassen seines Teams auf dem Höhepunkt seiner Karriere. So viel zum Heiratsantrag für Molly – er konnte nicht um ihre Hand anhalten, wenn er ihr nichts mehr zu bieten hatte. So viel zu seiner ganzen verdammten Karriere.

Er legte den Kopf in die Hände, als alles in einer Welle aus Schlamm und Scheiße fortgeschwemmt wurde: all diese dämlichen Hoffnungen und Träume – hinfort.

Am Boden zerstört und schmerzerfüllt schickte er Molly eine Nachricht, damit sie Bescheid wusste, dass er es nicht zur Party schaffen würde.

Er schrieb nicht, warum, und er wusste, dass Molly zu wütend sein würde, um nachzufragen. Das würde ihm ein paar Stunden verschaffen, in denen er von einem Arzt, der ein alter Ex-Profispieler war, zu hören bekäme, dass seine Karriere vorbei war.

Er humpelte von Wand zu Wand und donnerte gegen Möbel und Spinde, als er seine dreckige Spielkleidung in den Wäschekorb warf und die Schuhe mit in die Dusche nahm, damit sie niemand wegräumte.

Das heiße Wasser fühlte sich wundervoll auf seinem lädierten Körper an, und er rieb sich träge über seine sich blau verfärbenden Rippen und geschwollenen Knöchel. Er fragte sich, ob er seine Stollenschuhe jemals wieder brauchen würde.

Schmutz und Blut sammelten sich zu seinen Füßen, und Nick tastete vorsichtig den Schnitt an der Augenbraue ab, der sich schon wieder schloss und eine weitere Narbe werden würde, ein weiteres Andenken an ein rabiates Spiel.

Er war aufgewühlt und konnte die Panik in sich kaum unterdrücken, doch in seiner ernsten Miene spiegelte sich nur Gleichgültigkeit.

Still nahm er ein Bad in Eiswasser und entspannte sich bei dem Wechsel von heiß zu kalt. Der schnelle Temperaturwechsel half dabei, die Heilung zu beschleunigen, indem sich die kleinen Risse in den Muskelfasern, die durch den intensiven körperlichen Stress während des Spiels entstanden waren, schlossen. Um eine gerissene Achillessehne zu reparieren, reichte es aber nicht. Er würde unters Messer müssen.

Im Wissen um sein Schicksal schloss er erschöpft die Augen.

Zwei Minuten lang kalt-heiß-kalt-heiß war mehr als genug, und seine Kopfschmerzen wurden schlimmer. Als er wieder unter der heißen Dusche stand, hoffte er, der Schmerz würde bei Hitze und Dampf nachlassen. Ein Schmerz, den er bis in die Knochen, bis ins Gehirn spürte, ein von dem Gefühl ausgelöster Schmerz, auf der Verliererseite zu stehen – die niemals endende Rugby-Achterbahn. Der Schmerz, der einen wissen ließ, dass man am Ende war. Fertig. Kaputt. Erschlagen. Zerstört.

»Ernsthaft, deine Achillessehne?« Kenny sah ihn traurig an, dann mitfühlend. »Verdammtes Pech, Kumpel.«

Die anderen Spieler murmelten ebenfalls ihr Mitgefühl, während sie eine Spur aus Blut und Schmutz auf dem Weg in die Kabine hinterließen, und Nick fühlte sich, als wäre er da draußen gestorben. Vielleicht war er das auch. Vielleicht war es sein Geist, der hier saß. Wäre das nicht verdammt erbärmlich, für immer und ewig in der stinkenden Umkleidekabine festzusitzen? Bei dem Gedanken lächelte er verbittert.

Er zog sich T-Shirt und Jogginghose über, konnte aber nur einen Turnschuh anziehen. Der andere Fuß war zu geschwollen und schmerzte zu sehr. Also schob er den Schuh nur über die Zehen.

Kenny legte den Arm um Nick, als er zum Aftergame-Dinner humpelte.

Es war Tradition, egal ob gewonnen oder verloren, man fütterte die Mannschaft, die auf dem Feld geblutet hatte. Das Krankenhaus musste noch warten – sie konnten sowieso nicht sofort etwas für ihn tun. Deshalb saß er stattdessen mit seinen Teamkollegen zusammen und tat so, als würde in seiner Brust kein dunkles trostloses Loch klaffen.

Betrunken und vom Curry gesättigt lief die laute Mannschaft zum wartenden Bus. Die Fahrt zurück zum Clubhaus dauerte zwei Stunden, und erst dann würde er medizinisch behandelt werden können. In der ersten Liga wäre das anders, aber in der zweiten Liga war man verloren, wenn es darum ging, versorgen zu lassen, was man sich gebrochen hatte.

Acht Jahre hatte er diesem Team gedient. Acht Jahre Erfolg, acht Jahre Herzschmerz, so wie ihn jeder professionelle Athlet kannte.

Nick wollte nicht, dass seine Karriere vorbei war.

Auf der Autobahn war viel Verkehr, und der Regen prasselte laut und so schnell auf den Bus, dass es Nick vorkam, als wären sie unter Wasser. Er nickte immer wieder unruhig ein und hörte die betrunkenen und singenden Teamkollegen nur im Dämmerschlaf. Normalerweise hätte er mitgemacht, unzüchtige Lieder gesungen und laut über dumme Witze gelacht.

Heute ließen sie ihn in Ruhe und respektierten seinen stillen Rückzug.

Als der Bus durch Schlaglöcher mit Wasser fuhr und ruckartig vor ihrem Clubhaus zum Stehen kam, zuckte er mit einem schmerzerfüllten Ächzen zusammen.

»Soll ich dich ins Krankenhaus fahren?«

Nick starrte in das vom blassen Neonlicht fahle Gesicht seines Freundes.

Er verzog das Gesicht und nickte.

Rotherham war ein Club ohne Schnickschnack. Wenn man bei Bewusstsein war und stehen konnte, musste man selbst zum Krankenhaus fahren.

»Danke, Ken. Ich glaube nicht, dass ich fahren kann.«

Kenny nickte.

»Ich sage Tufty und Gavin, dass sie dein Auto auf dem Weg zur Party nach Hause bringen sollen. Keine Sorge.«

Doch Nick machte sich Sorgen.

Sein Knöchel schwoll immer weiter an, und wenn er versuchte aufzutreten, schoss ein entsetzlicher Schmerz durch sein ganzes Bein. Auf dem Weg in das private Krankenhaus, für das der Club zahlte, hielt Nick einen tropfenden Eisbeutel an seinen Knöchel und hoffte, dass er half. Bisher tat er es nicht, und er hatte die Höchstdosis an Schmerzmitteln schon erreicht. Er war erleichtert, dass er kein Halbprofi mehr war, denn dann hätte er mit einem staatlichen Krankenhaus vorliebnehmen müssen.

Das letzte Mal, als er in einer Notaufnahme gewesen war, hingen an den Wänden, in dem für staatliche Krankenhäuser typischen deprimierenden Olivgrün, alte Poster, die davor warnten, was passierte, wenn man das Personal beleidigte. Ein alter Mann mit Demenz hatte immer wieder versucht, den Notausgang zu öffnen, und seine kleine weißhaarige Frau konnte ihn nicht davon abhalten. Ein Jugendlicher hatte sich auf sein T-Shirt übergeben.

Ein gewöhnlicher Samstagabend.

Gott sei gedankt für private Krankenversicherungen.

Denn heute parkte Kenny auf einem ruhigen Parkplatz vor einem neu aussehenden Gebäude.

Er legte Nick einen muskulösen Arm um die Taille und trug ihn fast hinein, damit er sich anmelden konnte.

Der Trainer hatte bereits angerufen, deshalb erwartete man sie.

Nick hatte das Gefühl, dass er etwas länger dort bleiben würde und setzte sich auf ein niedriges Ledersofa und versuchte, sich zu entspannen.

Er sah zu seinem Freund auf. »Hör mal, du gehst jetzt auf die Party. Es gibt keinen Grund, dass wir sie beide verpassen sollten.«

Kenny winkte ab. »Ich lasse dich nicht hier allein. Was für ein Freund tut das?«

»Ich weiß das zu schätzen, ernsthaft, aber Molly hat nicht auf meine Nachricht geantwortet, deshalb ist sie wahrscheinlich schon dorthin unterwegs. Sie wird jemanden brauchen, der ein Auge auf sie hat.« Und dafür sorgte, dass sich das Ganze nicht in eine Episode einer dramatischen Reality-Soap verwandelte.

»Toll«, murmelte Kenny. »Dann bleibe ich lieber hier.«

Nick knirschte mit den Zähnen, und Kenny seufzte. Die beiden hatten einfach nichts füreinander übrig.

»Na gut«, grummelte Kenny. »Ich gehe. Melde dich, wenn ich dich später nach Hause fahren soll.«

Nick winkte ab. »Nee, ich rufe mir ein Taxi. Ich komme schon klar.«

Er beobachtete Kenny, wie er durch den Flur schlenderte. Er wirkte erleichtert, den Krankenhausgeruch und die Geräusche nicht mehr ertragen zu müssen.

Nicks Gedanken verdunkelten sich.

Im besten Fall würde er für mindestens vier Monate ausfallen, wahrscheinlich länger. Im schlechtesten Fall konnte er nie wieder spielen.

Schmerz und Frustration überkamen ihn. Von all den Zeitpunkten, zu denen er sich hätte verletzen können, warum ausgerechnet jetzt? Warum ich?

Sollte er lachen oder weinen?

Sollte er über die Ironie lachen, dass er sich seine schlimmste Verletzung in acht Jahren professioneller Rugbykarriere während seines letzten Spiels vor dem Aufstieg zugezogen hatte?

Sollte er sich freuen, dass endlich jemand geglaubt hatte, dass er gut genug für die Top-Liga war?

Sollte er sich wie Marlon Brando anhören und den Mond anheulen? Ich hätte was werden können!

Er tat nichts dergleichen.

Er schaltete sein Handy aus, schloss die Augen und hörte, wie seine Karriere gurgelnd die Toilette runtergespült wurde.

2

»Wie schlimm ist es?«

Mollys blaue Augen waren rot unterlaufen, und sie sah müde aus. Sie hüllte sich in eine Decke ein und starrte Nick an.

»Schlimm«, sagte er leise. »Ich muss operiert werden. Je früher, desto besser.«

»Bezahlt dein neuer Club das, oder übernimmt das deine Krankenversicherung?«

Nick sah sie verwundert an. »Ich habe den Vertrag bei den Minotaurs schon unterschrieben, aber ich habe mich bei Rotherham verletzt. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.«

Sie beugte sich über ihn und griff nach seinem Telefon auf dem Nachttisch. Nick wich etwas zurück, weil er Angst hatte, sie könnte gegen sein verletztes Bein stoßen, das entsetzlich wehtat. Und weil ihm von den Alkoholausdünstungen aus ihrer Haut übel wurde.

In diesem Moment ging es ihr wahrscheinlich schlechter als ihm.

Sie stöhnte genervt und warf ihm das Telefon zu. »Ruf da an. Du musst wissen, wo du stehst. Oder ruf deinen Agenten an. Für das, was du ihm zahlst, sollte der ruhig mal seinen Hintern in Bewegung setzen.«

»Mark ist in Ordnung«, verteidigte Nick ihn. »Er hat mir schließlich den Vertrag mit den Minotaurs besorgt.«

»Hat lange genug gedauert«, murmelte Molly, als sie gähnend ins Badezimmer trottete.

Nick seufzte, tat aber, was Molly gesagt hatte.

»Das ist verdammtes Pech«, sagte Mark schließlich. »Ich prüfe den Vertrag, aber ich denke, dass Rotherham dafür die Zeche zahlen muss – so oder so, du bist abgesichert. Ich kümmere mich darum. Wie geht es dir?«

»Ich bin am Ende.«

»Das ist doch klar. Aber du hattest bisher eine Glückssträhne – kein Grund zu glauben, das Glück könnte dich jetzt verlassen.«

Das hat es schon, dachte Nick.

Zwei Tage später fuhr seine Schwester ihn für die Operation zum Krankenhaus.

»Alles okay?«, fragte sie zum dritten Mal.

Nick sah sie genervt an.

»Tut mir leid. Ich wollte nur … egal. Wo ist Ihre Hoheit heute?«

Nick rieb sich die Stirn. »Wenn du Molly meinst, sie muss arbeiten. Aber sie holt mich später ab.«

Trish presste die Lippen aufeinander, sagte aber nichts dazu. Sie war kein Fan von Molly, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Nick wusste, dass er sich besser nicht zwischen sie stellen sollte. Er hatte es einmal getan und besaß nun Narben als Andenken daran.

»Ich kann hierbleiben, wenn du willst«, bot Trish an.

»Nein, das brauchst du nicht. Ich komme klar.«

Nach einer schlimmen Trennung war Trish wieder zu ihren Eltern zurückgezogen und arbeitete von zu Hause aus – sie gab Daten ein. Es war langweilig, aber gut bezahlt. Sie hatte sich sofort bereit erklärt ihn zu fahren, als er seinen Termin bekommen hatte.

»Es macht mir nichts aus hierzubleiben«, wiederholte sie. »Jemand sollte bei dir sein.«

»Ehrlich, Schwesterchen, das ist in Ordnung. Ich werde sowieso die meiste Zeit herumsitzen. Mach dir keine Sorgen.«

Trish seufzte und gab nach. Sie ließ ihn vor dem Krankenhaus aussteigen, winkte und fuhr wieder davon.

Nick humpelte hinein und wurde auf der Tagesambulanz aufgenommen, wo eine Krankenschwester seinen Blutdruck maß und der Chirurg ihm den Eingriff erklärte. Dann musste Nick nur noch unterschreiben.

Vor der Operation durfte er nichts essen oder trinken, daher war er hungrig und durstig. Am späten Morgen wurde er in den Operationssaal gebracht.

Sein Herz schlug schnell, und er hoffte inbrünstig, dass die Operation erfolgreich sein würde. Der Anästhesist lächelte ihm beruhigend zu, und eine der Schwestern bot Nick an, ihm die Hand zu halten. Das war ihm ziemlich peinlich, aber er fand es nett, dass sie gefragt hatte.

»Zählen Sie von eins bis zehn«, sagte der Anästhesist mit einem professionellen Lächeln.

»Eins, zwei, drei …«

Das Ganze dauerte nur etwas länger als eine Stunde. Nach dem Aufwachen erinnerte er sich vage daran, dass er mit derselben Schwester bereits gesprochen hatte.

Als er nicht mehr ganz so schläfrig war, starrte er auf sein unterhalb des Knies eingegipstes Bein. Es war das erste Mal, dass Nick einen Gips trug. Sein Bein fühlte sich schwer an, und er konnte es nur unkoordiniert bewegen, aber wenigstens sorgte der Tablettencocktail dafür, dass er keine Schmerzen hatte.

Er versuchte sich zu entspannen, denn etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Definitiv leichter gesagt als getan.

Der Nachmittag verging nur langsam, und Nick langweilte sich in seinem Einzelzimmer. Er las Sportnachrichten auf seinem Smartphone, spielte darauf ein paar Spiele, dann gab er auf und schaltete den Fernseher in der Ecke ein. Tagsüber hatte er bislang nicht häufig Fernsehen geschaut. Schnell schaltete er wieder aus und versuchte, zu schlafen, doch langsam setzte der Schmerz ein, ihm wurde heiß und übel.

Als seine Mutter hereinkam, lächelte er sie überrascht an.

»Mum! Ich wusste nicht, dass du kommst.«

Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die unrasierte Wange.

»Das ist doch selbstverständlich«, murmelte sie und tat so, als wäre sie genervt. »Mein einziger Sohn wurde operiert. Wie war es? Was hat der Arzt gesagt?«

Nick zuckte nervös mit den Schultern. »Er war noch nicht hier. Er wird während der Visite vorbeikommen.«

»Willst du, dass ich ihn hole?«, fragte sie und stand sofort auf.

Es war egal, dass er sechsundzwanzig war und schon seit sieben Jahren nicht mehr zu Hause wohnte, seine Mutter wollte sich immer noch um ihn kümmern. Sie war die liebste Frau auf Erden, verwandelte sich jedoch in eine Löwin, wenn es um ihn oder Trish ging.

»Nein, schon okay, danke. Ich muss sowieso hierbleiben, bis die Medikamente von der Apotheke da sind.«

»Na gut, wie wäre es dann mit einer Tasse Tee?«

»Oh ja, ein Tee wäre schön.«

Sie sprang auf und marschierte los, um einen Automaten zu suchen. Obwohl er Schmerzen hatte, musste er in sich hineinlächeln.

Als seine Mutter gerade das Zimmer verlassen wollte, kam der Chirurg herein.

»Die Operation verlief gut. Sie werden schon bald wieder aufstehen und laufen können.«

»Danke, ich kann es kaum erwarten.«

»Das glaube ich Ihnen, aber überstürzen Sie nichts.«

»Hör auf den Arzt, Nicolas«, sagte seine Mutter ernst.

Der Arzt lächelte leicht. »Die Schwester wird mit Ihnen über die Nachsorge sprechen. Viel Glück!«

Seine Mutter wollte noch bleiben, doch Nick war erschöpft und versicherte ihr, dass Molly ihn später abholen würde.

Kurz nach sechs traf Molly dann ein. Nick hatte die letzte Dreiviertelstunde im Eingangsbereich des Krankenhauses mit einer Schachtel starker Schmerzmittel in der Tasche gewartet.

»Hey, Nicky-Schatz. Wie war es?«

»Okay, glaube ich.«

Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Mein Tag war die Hölle. Megan ist so eine Zicke! Ich hasse es, für sie zu arbeiten. Ich kann es kaum erwarten, ihr zu sagen, dass sie sich ihren lausigen Job sonst wohin stecken kann.«

Sie hatten darüber gesprochen, dass Molly nach Nicks Aufstieg eventuell ihren Job im Beautysalon aufgeben würde. Doch bis er wusste, ob er wieder spielen konnte, würden sie es sich nicht leisten können, dass Molly nicht arbeitete.

Er hantierte allein mit den Krücken und ließ sich erleichtert auf den Beifahrersitz sinken. Nicht selbst fahren zu können, würde ihn richtig nerven. Doch das war seine geringste Sorge.

Während der Fahrt hörte Nick Molly zu, wie sie sich über ihre Chefin beschwerte. Zu Hause angekommen fiel er mit einem schweren Seufzer auf das Sofa.

»Mol, ich glaube nicht, dass es im Moment eine so gute Idee ist, wenn du zu arbeiten aufhörst.«

Sie warf die Autoschlüssel auf den Couchtisch und sah ihn unvermittelt an. »Warum nicht?«

Er starrte sie fassungslos an. »Weil ich gerade operiert wurde. Weil ich nicht weiß, ob ich jemals wieder spielen kann!«

»Aber du hast gesagt, dass du wieder in Ordnung kommst!«

Das stimmte. Nick hatte das zu ihr gesagt.

»Ich hoffe es, aber ich weiß es erst sicher in ein paar Monaten. Es ist also nicht der richtige Zeitpunkt, um deinen Job hinzuschmeißen.«

Es entstand eine lange Pause, Molly sah geschockt aus. Sie ließ sich aufs Sofa fallen. »Du kannst vielleicht nicht mehr spielen?«

»Ich weiß es nicht. Ich hoffe es natürlich nicht.«

»Gott, Nicky …« Sie zögerte, doch was auch immer sie sagen wollte, brachte sie nicht über die Lippen. »Sorry, dein Tag war viel schlimmer als meiner. Soll ich uns zum Abendessen Chinesisch bestellen?« Dann lächelte sie schief. »Nein, wahrscheinlich nicht. Du isst ja nur gesundes Essen, richtig, Nicky-Schatz?«

Er nickte und lächelte müde. Für ihn war die richtige Ernährung ein wichtiger Bestandteil seines Trainings. Molly aber stand auf Fast Food und hasste es zu kochen.

»Na, schön«, sagte sie seufzend. »Ich bereite dir etwas Gesundes zu. Aber ich brauche Schokolade.« Dann setzte sie einen unschuldigen Blick auf. »Und vielleicht eine Schachtel Pralinen?«

Nick stöhnte auf, als Molly breit grinste. Sie wusste, dass er eine Schwäche für Pralinen hatte.

»Das hört sich toll an.«

Den restlichen Abend kümmerte sich Molly um alles. Sie arrangierte das Essen um ihn herum, brachte ihm Tee und erinnerte ihn an seine Schmerzmittel. Nick war dankbar.

Umso überraschter war er deshalb, als sie am nächsten Tag verkündete, dass sie arbeiten gehen würde.

»Ich dachte, du hast dir den Tag freigenommen?«

Sie sah ihn nicht an. »Na ja, wir brauchen doch das Geld, oder?«

»So schlimm ist es nicht, Mol.«

»Ich will nur meinen Teil beitragen«, erwiderte sie, während sie nach ihrem Autoschlüssel suchte und ihn auf dem Wohnzimmertisch fand. »Du kommst klar, oder?«

»Jepp, alles gut«, antwortete er, obwohl die Schmerzen an diesem Morgen ziemlich stark waren.

Sie lächelte ihn fröhlich an und gab ihm einen Kuss. »Ich bringe heute Abend Pizza mit.«

Nick verzog das Gesicht, sein Bein pochte. »Pizza? Willst du mich umbringen? Ich versuche mich von einer Verletzung zu erholen, nicht, sie schlimmer zu machen.«

Mollys Gesichtszüge verhärteten sich.

»Vielleicht Hühnchen oder Lachs oder Gemüse?«

»Du willst, dass ich den ganzen Tag arbeite und dann nach Hause komme und koche?«, fuhr sie ihn an. »Wie du meinst.«

Nick runzelte die Stirn, als sie die Vordertür zuschlug. Er würde zunehmen, wenn Molly für ihn kochte. Also musste er für sich selbst kochen. Wie er es immer tat. Ein Gips würde ihn nicht davon abhalten, in der Küche herumzuhüpfen. Er benötigte nur etwas, das er zubereiten konnte, und bereute es jetzt, vor der Operation keine Vorräte eingekauft zu haben.

Er humpelte auf den Krücken in die Küche und stöberte im Gefrierfach.

Da er nichts fand, was ihn ansprach, setzte er sich an den Laptop und bestellte beim Supermarkt dreimal so viel wie gewöhnlich. Er wollte sich ablenken, doch die einfache Aufgabe hatte nicht genug Zeit in Anspruch genommen.

Nick sorgte sich um wichtigere Dinge als nur um ungesunde Ernährung.

Den ganzen Tag allein zu Hause verbringen … Seine Gedanken verfinsterten sich.

Er wollte, dass es ihm jetzt gut ging. Er wollte jetzt wissen, wie es um seine Zukunft stand.

Nick humpelte in die Küche und spülte zwei Schmerztabletten mit einem Glas Wasser hinunter. Allmählich fühlte er sich benebelt. Er entspannte sich, doch die dunklen Gedanken lauerten ihm immer noch auf, und er döste unruhig vor sich hin.

Als er aufwachte, war er völlig erschöpft und sah nur verschwommen. Die Sonne war am Himmel weitergewandert, und die Abenddämmerung brach schon herein. Vom Sofa aus beobachtete er im Liegen, wie Staubspiralen im schwindenden Tageslicht tanzten.

Werde ich wieder spielen? Gott, werde ich wieder spielen?

Es schien, als höre das Haus ihm zu, aber es antwortete nicht.

Zittrig setzte er sich auf. Sein Blick fiel auf den Stapel Blätter, den der Arzt ihm mitgegeben hatte. Er nahm ihn und schaltete die Lampe auf dem Beistelltisch ein. Als er die postoperativen Anweisungen las, wollte er, dass die Wochen schneller vorbeigingen, anstatt sich in trostloser Langsamkeit dahinzuschleppen.

In den ersten zwei Wochen werden Sie mit dem Fuß nicht auftreten können, benutzen Sie die Krücken, um sich fortzubewegen. Ruhen Sie sich mit dem Bein in erhöhter Position so viel wie möglich aus. Beschränken Sie Ihre Aktivitäten auf den Gang zur Toilette. Nehmen Sie Ihre Schmerztabletten weiterhin ein.

Toll. Das Highlight seines Tages würde Pinkeln gehen sein.

Er warf die Zettel beiseite.

Es war nach sieben Uhr, als Molly nach Hause kam. Sie war spät dran, Nicks Magen knurrte schon.

»Hey, Nicky«, rief sie.

»Ich bin im Wohnzimmer«, antwortete er. »Wie war dein Tag?«

»Derselbe Scheiß wie immer.« Sie kam ins Wohnzimmer, ließ sich aufs Sofa fallen, kickte die Schuhe von den Füßen und schloss die Augen.

»Hast du was zu essen mitgebracht?«

»Oh, nein. Ich war mittags mit den Mädels essen.« Es entstand eine lange Pause, dann sagte sie mürrisch: »Ich könnte dir ein Sandwich machen, wenn du willst?«

»Ja, das wäre toll«, entgegnete er. »Ich habe bei Tesco eine Bestellung aufgegeben, sie sollte bald hier sein. Die Schokolade auch.«

»Deshalb liebe ich dich.« Sie lachte, Nick grinste.

Molly warf eine dicke Scheibe Käse auf ein Sandwich, dann kuschelte sie sich an ihn und schloss die Augen. Eine Minute später war sie eingeschlafen, und Nick war mit seinen Gedanken allein.

Seine Tage verliefen nun nach einem bestimmten Muster. Er wachte allein auf, Molly war schon auf dem Weg zur Arbeit. Er verbrachte den Morgen im Bett, las Sportnachrichten auf seinem Smartphone, dann stand er gegen Mittag auf.

Trish kam ein paarmal die Woche vorbei, füllte den Kühlschrank auf und leistete ihm ein oder zwei Stunden Gesellschaft, dann verbrachte er den Rest des Tages auf dem Sofa vor dem Fernseher.

Nach einer Woche wurde seine Wunde kontrolliert, und er bekam einen neuen Gips. Eine Woche danach wurden die Nähte entfernt, und er bekam eine Schiene. Nick wusste, dass es zu früh war, um eine Verbesserung zu spüren, aber sein Fuß fühlte sich wie ein unbeweglicher Fleischklumpen an. Ihm wurde das Herz schwer.

Er war gelangweilt und deprimiert, aber zu stur, um es zuzugeben.

Die Hoffnung wurde jeden Tag ein bisschen kleiner. Er wusste, dass er ein unausstehlicher, cholerischer Mistkerl war und Molly anschnauzte. Doch auch sie entfernte sich immer mehr von ihm. Sie war ungeduldig mit ihm, und es langweilte sie, jeden Abend zu Hause zu verbringen.

Ihr gemeinsames Leben hatte sich verändert.

Sie hatten immer zusammen gelacht und Spaß gehabt, doch jetzt wurde das Fundament ihrer Beziehung auf die Probe gestellt.

Eines Tages kam Molly früher von der Arbeit nach Hause, und Nick war erleichtert, als sie zur Tür hereinkam.

»Lass uns heute ausgehen«, schlug sie vor, ihre Augen leuchteten.

Es war das vierte oder fünfte Mal, dass sie versuchte, ihn zu überreden. Doch die Vorstellung, sich in einem Club herumzuschleppen und anderen dabei zuzusehen, wie sie Alkohol tranken, während er bei Wasser und Schmerzmitteln bleiben musste, bereitete ihm nicht gerade gute Laune.

»Amelia hat erzählt, dass ein toller neuer Club mit einem super DJ aufgemacht hat. Das wird lustig.«

Nick starrte sie ungläubig an. »Damit?«, entgegnete er und deutete auf seine Schiene, die seine Achillessehne stabilisierte.

»Du musst ja nicht tanzen. Du kannst in der Ecke sitzen oder so. Komm schon! Es wird dich aufmuntern.«

Dir dabei zuzusehen, wie du mit deiner Schwester trinkst und mit anderen Männern tanzt? Nein, danke.

»Nein, ich bleibe hier und …«

»Himmel, du bist so langweilig! Alles, was du tust, ist, auf dem Sofa zu sitzen und fernzusehen. Willst du das den ganzen nächsten Monat tun?«

»Ja, vielleicht mache ich das!«, schnauzte er zurück.

»Ja, und vielleicht machst du das allein«, schrie sie ihn an. »Ich gehe aus.«

Er bemühte sich nicht, sie aufzuhalten, denn er konnte ihre Nörgeleien nicht mehr ertragen.

Eine Stunde später, in der Nick grübelnd auf dem Sofa gesessen hatte, kam Molly in einem kurzen, lilafarbenen trägerlosen Kleid mit tiefem Ausschnitt die Treppe herunter. Sie sah umwerfend aus und duftete noch viel besser. Nur ihre Laune hatte sich nicht gebessert.

»Warte nicht auf mich«, sagte sie eisig. »Ich übernachte bei Amelia. Sie wohnt näher am Club.«

Nick grummelte etwas, dann schnellte sein Blick wieder zurück zum Fernseher, in dem ein Film über die Formel-1-Legende James Hunt lief. Er hatte auch alles vor die Wand gefahren.

»Wann kommst du wieder?«, rief er, nachdem sie durch den Flur gefegt war.

»Wenn du aufhörst, so ein Langweiler zu sein!«, erwiderte sie.

Er seufzte und streckte sich auf dem Sofa aus, im rechten Bein pochte unaufhörlich ein dumpfer Schmerz.

Molly kam weder an diesem noch am nächsten Abend nach Hause.

Zwar war sie noch nicht offiziell zu Nick gezogen und hatte immer noch Kleidung in der Wohnung ihrer Schwester, doch die meiste Zeit verbrachten sie zusammen bei ihm. In letzter Zeit jedoch weniger. Seit Nicks Verletzung hatten sie nicht einmal mehr Sex gehabt. Der Schmerz trug nicht gerade dazu bei, in Stimmung zu kommen.

Am nächsten Tag fuhr Trish mit ihm zu seinem Arzttermin.

»Es sieht gut aus, Mr Renshaw«, sagte der Chirurg. »Sie werden natürlich etwas Muskelmasse abgebaut haben, aber Sie können anfangen, vorsichtig aufzutreten. Ihre Haut wird sehr trocken sein, deshalb sollten Sie sie eincremen. Und wenn Sie kühlen, wird die Schwellung zurückgehen. Natürlich müssen Sie diesen orthopädischen Schuh die nächsten vier bis sechs Wochen tragen, aber Ihre Mobilität und Flexibilität wird immer besser werden. In vier Monaten wird sich alles normalisiert haben, zur vollständigen Heilung kann es jedoch bis zu zwölf Monate dauern. Ich sehe aber keinen Grund, warum Sie nicht wieder Rugby spielen sollten – wir haben allen Grund, optimistisch zu sein.«

Trish lächelte ihn strahlend an. »Danke, Doktor.«

»Gern, Mrs Renshaw.«

»Oh nein, ich bin seine Schwester.« Sie lachte seltsam.

»Entschuldigen Sie. Es ist schön zu sehen, dass Ihre Familie Sie unterstützt«, sagte er und lächelte Nick an.

Nick stimmte zu, konnte Trish aber nicht in die Augen sehen. Das Erste, was sie ihn gefragt hatte, war, warum Molly nicht mitgekommen war. Aber der Arzt sagte, dass er wieder gesund werden würde. Damit konnte er leben.

3

September 2014

Als Anna die Tür des Cottages hinter sich schloss, spürte sie einen Anflug von Unbehagen und fragte sich, ob sie den zweitgrößten Fehler ihres Leben begangen hatte.

Doch sie straffte die Schultern und schritt selbstbewusst voran.

»Das ist der erste Tag vom Rest meines Lebens«, verkündete sie laut. »Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Ich bin die Richtige dafür, das ist meine Bestimmung.«

Dann stolperte sie über einen Pflasterstein und flog beinahe vornüber mit dem Kopf gegen ihr Auto.

»Ah, verdammt!«

Als sie sich am Türgriff des Peugeots festhielt, um nicht hinzufallen, verrenkte sie sich den Arm.

Seufzend richtete sich Anna wieder auf und rieb sich die schmerzende Schulter. Sie würde sie bei der Arbeit kühlen müssen, wenigstens hatte sie nicht das Gefühl, dass es eine ernste Verletzung war.

Während sie sich den Arm massierte, konnte sie sich ein reumütiges Lächeln nicht verkneifen, als sie ihr neues Haus betrachtete. Altes Haus. Neues altes Haus. Es war ein Cottage – ein echtes, mit Rosen am Eingang, Cottage, aus Stein gebaut und fast zweihundert Jahre alt. Etwas, das sie immer gewollt hatte, aber von dem sie niemals geglaubt hatte, es jemals zu haben.

Zugegeben, es war nicht groß, hatte kleine, seltsam geschnittene Räume, und die Feuchtigkeit machte ihm zu schaffen, doch Anna liebte es über alles. Es war so idyllisch, so englisch.

Sie liebte sogar den Pfad aus Kopfsteinpflaster, der bei nassem Wetter – wie an jedem Tag seit ihrer Ankunft in England – gefährlich glatt wurde.

Sie setzte rückwärts aus der Schottereinfahrt zurück und fuhr vorsichtig auf die Straße.

Auf der linken Seite fahren, erinnerte sie sich selbst. In den letzten Wochen hatte sie sich so gut wie daran gewöhnt. Wenn sie müde oder abgelenkt war, passierte ihr jedoch schnell ein Fehler, und sie landete auf der falschen Seite der Straße vor einem wütenden Bauern auf einem zehn Tonnen schweren Traktor.

Auf dem kurzen Weg zur Arbeit konnte Anna nicht anders und zog Vergleiche. Heute fuhr sie eine ruhige von Bäumen gesäumte Straße entlang, die in einen hippen Vorort von Manchester mit viktorianischen Backsteinhäusern und modernen Glasgebäuden dazwischen führte.

Vor einem Monat hatte sie noch in New York City gewohnt, war von U-Bahn-Station zu U-Bahn-Station geschwirrt und wie eine Einheimische, die sie auch war, durch die vollen Straßen geschlendert. Doch so war das Leben nun einmal, und Dinge änderten sich. Hoffentlich zu ihrem Besten.

Sie bog auf den gepflasterten Parkplatz ein und grinste, als sie das Schild an ihrem Platz mit ihrem Namen darauf entdeckte: Dr. Anna Scott.

»Guten Morgen, Belinda«, sagte sie, als sie auf ihre Empfangsdame/persönliche Assistentin/rechte Hand zulief.

Sie hatte sich vor einem Monat bei Anna vorgestellt, und sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden. Anna wusste genau, dass der Erfolg ihres neu gegründeten Unternehmens von einer kompetenten und umsichtigen Assistentin abhing. Und Belinda war ein Volltreffer.

Das musste ein Zeichen sein – alles wird gut werden.

»Guten Morgen, Anna.« Belinda lächelte und winkte ihr enthusiastisch mit einem Stapel Notizzetteln mit Nachrichten zu. »Es gab heute Morgen schon zwei Anfragen vom örtlichen Sportclub, und Mr Jewell erwartet dich in deinem Büro.«

Anna sah von den Notizzetteln auf und runzelte die Stirn. »Er ist jetzt hier? Wir hatten keinen Termin.«

»Er ist einfach aufgetaucht und hat seinen Charme spielen lassen«, sagte Belinda und zog die Augenbrauen hoch. »Ich habe ihm Kaffee gemacht. Möchtest du auch einen?«

»Oh, nein danke. Aber könntest du mir stattdessen bitte heißes Wasser mit einer Scheibe Zitrone bringen?«

Belinda schüttelte langsam den Kopf. »Eines Tages wirst du meinen Kaffee trinken.«

Anna bezweifelte das, sagte aber nichts. In jeder anderen Hinsicht war Belinda fantastisch, aber sie konnte einfach keinen Kaffee kochen. Anna vermutete sogar, dass es lebensgefährlich war, Belindas Kaffee zu trinken.

Sie öffnete ihre Bürotür und lächelte den enorm großen Mann an, der sich in den Lehnsessel gequetscht hatte, von dem sie geglaubt hatte, dass auf ihm zwei normalgroße Menschen Platz fänden. Er hatte eine gebrochene Nase, ein rundes, grimmiges Gesicht und ein überraschend verschmitztes Lächeln.

»Anna, es tut mir leid, dass ich hier ohne Termin aufgekreuzt bin.«

»Freut mich Sie wiederzusehen, Mr Jewell«, entgegnete sie freundlich. »Wie geht es Ihnen?«

Er zuckte zusammen. »Nenn mich bitte Steve. Ich bin nicht alt genug, um dein Dad zu sein, und wir sind hier nicht so förmlich.«

Anna lächelte und neigte den Kopf. »Steve, schön dich zu sehen.«

Steve Jewell war ein ehemaliger Profi-Sportler und Freund ihres Vaters. Er war derjenige, der sie mit dem Versprechen auf viel Arbeit und der Chance auf eine eigene Praxis hergelockt hatte.

In Steinwurfentfernung – wie er es nannte – befanden sich zwei professionelle Rugby-Union-Teams, ein Rugby-League-Team, zahlreiche Sportclubs und die großen Fußballvereine von Manchester City und Manchester United. Steve war Trainer des Top-Rugby-Clubs Manchester Minotaurs.

»Lebst du dich gut ein? Hast du alles, was du brauchst?«

»Meine Assistentin hat mir gerade gesagt, dass es heute schon zwei Anfragen von zwei örtlichen Sportclubs gab. Es läuft also gut an.«

Er grinste. »Habe ich dir doch gesagt! Sobald sich herumgesprochen hat, dass wir eine topqualifizierte Sportpsychologin in der Stadt haben, wirst du dich vor Arbeit nicht mehr retten können.«

Anna hoffte, dass er recht hatte, denn sie setzte mit diesem Schritt ihre professionelle Karriere aufs Spiel. Im Grunde genommen war Rugby ein ähnliches Spiel wie amerikanisches Football. Irgendwie. Große, kräftige Männer jagen einem unförmigen Ball über ein matschiges Spielfeld hinterher.

Anna setzte sich auf ihren Schreibtischstuhl und legte die Hände gefaltet in den Schoß. »Also, wie kann ich dir helfen, Steve?«

»Ach, es geht um nichts Bestimmtes«, antwortete er und bemerkte nicht, wie sie die Hoffnung ein wenig verließ. »Ich wollte nur sichergehen, dass du okay bist. Ich habe deinem Dad versprochen, ein Auge auf dich zu haben.«

Anna lächelte. Damit wollte sie die aufkeimende Verärgerung verbergen.

Steve spreizte die Beine und legte den rechten Fußknöchel auf den linken massigen Oberschenkel, was die Strapazierfähigkeit des Baumwollstoffs seiner Hose an ihre Grenzen brachte.

»Ich habe zwei neue Spieler, die erst diese Saison bei uns angefangen haben. Dave Parks und Nick Renshaw.«

Anna schrieb sich die Namen auf, damit sie sie später googeln konnte.

Als sie wieder aufsah, schaute Steve sie aufmerksam mit seinen durchdringenden blauen Augen an. »Ich will, dass du von Anfang an mit ihnen arbeitest. Beide kommen aus einem Team aus einer niedrigeren Liga, und ich kann dir aus Erfahrung sagen, dass es ein großer Sprung ist, wenn man in ein Top-Team in die Premiership aufsteigt. Und Renshaw kehrt nach einer langen Verletzung zurück. Sie werden deine Hilfe brauchen, ob sie es glauben oder nicht.«

»Hört sich gut an«, sagte sie und versuchte, sich ihre Freude nicht anmerken zu lassen. »Wann fange ich an?«

Steve lachte. »Du bist wie dein Dad – er konnte es auch immer kaum erwarten, sich in die Arbeit zu stürzen. Wie geht es dem alten Mistkerl?«

»Er ist gesund und munter und eine Nervensäge, wie Mom sagen würde.«

»Das freut mich zu hören. Na gut, ich muss dann mal los.«

Er wollte gerade aufstehen, als Anna hastig fragte: »Und die zwei neuen Spieler?«

»Oh, ja. Diese Woche lernen sie das Team kennen, aber danach gehören sie dir. Ich sag meiner Sekretärin, dass sie die Termine vereinbaren soll. Pass auf dich auf, meine Liebe. Grüße an deinen alten Herrn.«

Er winkte ihr, als er den Raum leicht nach vorn gebeugt verließ, wie in Angriffshaltung, bereit für die nächste Aufgabe.

Belinda spähte mit einer Tasse heißer Zitrone herein. »Wie war es? War alles okay mit Mr Jewell?«

»Jepp«, antwortete Anna fröhlicher, als sie es war. »Er hat mir zwei neue Spieler versprochen, mit denen ich bald arbeiten kann. Etwas, worauf ich mich freuen kann.«

»Das wird schon gut gehen«, sagte Belinda, da sie Anna die Sorge ansah, als sie die Tasse und die Untertasse vor sie stellte. »Es wird einfach etwas Zeit brauchen.«

»Oh, sicher, ich weiß. Ich bin die Neue und so. Das ist schon okay.«

»Das ist die richtige Einstellung«, entgegnete Belinda, dann runzelte sie die Stirn, als sie Steves unberührte Tasse Kaffee mitnahm und mit einem genervten Nasenrümpfen den Raum verließ.

Anna lehnte sich zurück und massierte sich die Schläfen. Zwei neue Spieler aus einem Top-Liga-Club wie Manchester Minotaurs würden ihrem jungen Unternehmen richtig guttun, auch wenn sie mehr als zwei zahlende Kunden brauchte. Sie würde einfach daran glauben müssen, und dann würde es schon klappen. Das war ihr Neuanfang, Jonathan lag endlich hinter ihr. Er konnte sie nicht mehr verletzen. Sie hatte für diesen Fehler genug gebüßt. Allein der Gedanke an ihn bereitete ihr Magenschmerzen.

Sie nahm einen Beutel Eis aus dem Bürokühlschrank und legte ihn sich auf die angeschlagene Schulter.

4

Nick hatte um Mollys Hand angehalten, und sie hatte Ja gesagt.

»Dir gefällt der Ring also?«

Da sie vor ihm kniete und ihm enthusiastisch einen blies, obwohl nicht sein Geburtstag war, deutete Nick das als ein Zeichen dafür, dass er ihr gefiel.

Sie murmelte etwas, das er nicht verstand, aber die Vibration ihrer Stimme erregte ihn noch mehr.

Er hätte nur zu gern die Finger in ihren Haaren vergraben und ungestüm daran gezogen, doch er wusste, dass sie es hasste, wenn man ihr Haar durcheinanderbrachte. Wahrscheinlich hätte sie ihm dafür den Schwanz abgebissen.

Er gab sich ganz dem Gefühl hin und versuchte, das Waschbecken, das schmerzhaft gegen seine Wirbelsäule drückte, zu ignorieren.

Es würde dauern. In seinem Kopf war zu viel los, zu viele Gedanken und Bilder schwirrten umher, und er wusste, dass er noch etwa dreißig Sekunden hatte, bevor Molly sich darüber beschweren würde, warum er so lange brauchte.

Exhibitionismus gehörte eigentlich nicht zu seinen sexuellen Vorlieben, aber da Molly ihm in die Männertoilette gefolgt war, hatte er sich nicht dagegen gesträubt.

Er fragte sich, ob Kenny schon herausgefunden hatte, dass Nick es gewesen war, der das schreckliche Foto von Ken in Minions-Unterwäsche auf seinem Instagram-Account hochgeladen hatte. Einhundertfünfzig Likes, und es wurden immer mehr.

Kenny hatte Nick nicht zu seiner Verlobung gratuliert, aber er hatte die Überraschungsverlobungsparty auch nicht verlassen. Nick hoffte schwer, dass Molly und Kenny eines Tages miteinander auskommen würden.

Nick hatte Freunde und Familie eingeladen, um seinen neuen Job als Fullback bei den Manchester Minotaurs zu feiern. Er hatte niemandem erzählt, dass er um Mollys Hand anhalten würde.

Sie hatte Ja gesagt. Wovor hatte er überhaupt Angst gehabt?

Nick sah auf sie hinab. Ihr Gesicht war rot, und ihre Augen tränten. Er schaffte es, bis zweiundzwanzig zu zählen, bevor sie seinen Penis genervt ausspuckte.

»Verdammt, Nick! Ich glaube, ich habe mir den Kiefer ausgerenkt. Du musst es selbst zu Ende bringen.«

Er grinste. Als würde er sich für seine Größe entschuldigen. Er zuckte mit den Schultern, schob seinen Schwanz zurück in die Boxershorts und schloss den Reißverschluss der Hose.

»Ich hebe es mir für später auf«, sagte er halb hoffnungsvoll.

Molly erwiderte nichts darauf. Sie war damit beschäftigt, vor dem Spiegel einen Schmollmund zu machen und sich den matten, pinken Lippenstift perfekt nachzuziehen.

Nick beobachtete sie kurz, dann hob er seine Jacke vom Boden auf und schüttelte sie aus. Molly hatte sich auf dem Toilettenboden des schicken Restaurants, in dem sie ihre Verlobung feierten, darauf gekniet. Wahrscheinlich musste er die Jacke in die Reinigung bringen. Nick fragte sich müde, ob Sir Walter Raleigh sich über seinen in Urin getränkten Mantel gesorgt hatte, als er ihn für Queen Elizabeth über eine Pfütze gelegt hatte.

Molly war fertig mit ihrem Lippenstift, lächelte sich zur Probe an, dann wedelte sie vor ihrem Spiegelbild mit dem Ring herum.

»Du musst mir unbedingt eine passende Kette zu unserem ersten Hochzeitstag schenken, Nicky.«

Ihm gefiel, dass sie schon Zukunftspläne schmiedete, aber musste es wirklich ein neues Auto oder eine Kette sein, nur damit die Frau glücklich war? Wenn er jedoch jemals wieder Sex haben wollte, sollte er besser nichts einwenden.

Auf dem Weg zurück ins Restaurant trat Nick beiseite und ließ eine Frau vorbei. Normalerweise riskierte er keinen zweiten Blick, doch dieses Mal tat er es. Sie war das genaue Gegenteil von Molly. Nicht klein und blond, sondern groß und dunkel. Mit ihren kurzen, glänzenden Haaren und dem strengen Hosenanzug besaß sie ein formelles Auftreten, während Molly mit ihrem Rock und den High Heels, den Haarverlängerungen und falschen Nägeln nicht zu übersehen war.

Nichts an der anderen Frau entsprach seinem Typ Frau, außer den wunderschönen weichen, dunkelroten Lippen.

Beim Vorbeigehen bedankte sie sich leise, und ihm stieg ein vertrauter Duft in die Nase. Er schmunzelte, als er ihn zuordnen konnte: Tigerbalsam. Der Kampfer und das Menthol rochen unverwechselbar.

Als er Molly zu ihrem Tisch folgte, war der Geräuschpegel angestiegen und alle schienen sich zu amüsieren. Sie tranken und erzählten sich schlechte Witze. Jeder seiner alten Teamkollegen war gekommen, seine Eltern und Trish, Mollys Mutter, ihre ältere Schwester Amelia und der Hexenzirkel ihrer besten Freundinnen. Sogar Nicks ehemaliger Trainer hatte vorbeigeschaut, er war jedoch früh wieder gegangen.

Nick vermisste ihn. Er vermisste seine Schimpftiraden und seine Ansprachen vor den Spielen. Er vermisste das Fluchen und die Kameradschaft seines alten Teams. Er war dort groß geworden.

Skeptisch verzog er das Gesicht, denn er wunderte sich, warum er sich nicht mehr darüber freute, dass er jetzt endlich bei einem Premiership-Club spielte. Er hatte heute sein neues Team kennengelernt. Es war in Ordnung, aber er kannte sie alle noch nicht, er fühlte sich noch nicht vollkommen wohl bei ihnen. Nicht wie zu Hause. Er wusste, dass es Zeit brauchen würde.

Er streckte den Fuß und spürte dort, wo das Muster aus erhöhtem Narbengewebe seine Wade bis zur Ferse zierte, ein seltsames Ziehen.

Seit der Operation hatte er alles befolgt, was Ärzte und Trainer ihm geraten hatten. Zwei Monate lang hatte er einen Gips getragen, einen Monat lang einen Therapieschuh mit Krücken, Woche für Woche Physiotherapie gehabt.