Involtanien - Marc Klave - E-Book

Involtanien E-Book

Marc Klave

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Beschreibung

Peter Freimann gerät während seines Ägyptenurlaubs in einen Tauchunfall und sinkt unabwendbar immer tiefer ab. Nach einem Tiefenrausch wird er bewusstlos. Als er wieder erwacht, treibt er an der Wasseroberfläche, obwohl er immer noch den Bleigurt und das defekte Jacket trägt. Plötzlich ist alles anders und er befindet sich in einer Welt, in der nichts so ist, wie er es bisher kannte.

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2016

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www.tredition.de

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© 2016 Marc Klave

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-0684-0

Hardcover:

978-3-7345-0685-7

e-Book:

978-3-7345-0686-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Marc Klave

Involtanien

Fantasy- Roman

Prolepse

Als er die Augenlider wieder leicht öffnete, fühlte er wie mehrere Arme seinen Körper hielten. Ein dünnes Seil schnürte seinen rechten Oberarm ab und wurde in regelmäßigen Abständen gelockert, um danach wieder gestrafft zu werden. Aus der Ader an dem rechten Handgelenk tropfte Blut aus dem Körper und flog gen Himmel. Nach dem wieder der Druck aus der Schlinge am Oberarm genommen wurde, geriet ein ganzer Rinnsal in Bewegung und floss nach oben. Dieser verebbte nur wieder durch erneutes Zuschnüren. Aus dem Dröhnen im Ohr wurde ein leises Rauschen und Stimmen drangen zu ihm durch.

Peter Freimanns schlaffer Körper hing in den Magnetschuhen wie eine reife Frucht am Baum, die auf den Moment wartete, sich vom Stamm zu lösen. Das war nicht seine Welt.

Die neuen Umstände forderten seinem Geist und vor allem seinem Körper einiges ab.

Die Menschen in Involtanien haben ein Leben lang Zeit, sich auf die Gegebenheiten hier einzustellen. Peter musste es in den letzten drei Tagen lernen.

„Ich glaube wir kriegen in langsam wieder!“, erklärte der Mann vor ihm.

Eine Art Stethoskop, welches allerdings nicht in den Ohren des Arztes endete, sondern einen kleinen Lautsprecher im Gerät selber hatte, ließ alle den ruhigen Puls hören.

„Wir sind wieder zwischen einhundertundzehn und siebzig, das ist normal. Noch einige Milliliter und alles ist gut!“, erklärte der Mann der Menschenschar um ihn herum.

Wieder rann Blut aus der Arterie am Handgelenk über den Handballen zum Mittelfinger und verlor dort den Halt. Für Peter kam es vor, als ob man auf offener Straße ein Schwein zerlegte. Doch hier gab es keinerlei Blutlachen, die nach kurzer Zeit geronnen und ihren eigenen Geruch bildeten. Nein, hier war alles sauber.

„Na das ist doch wieder eine gesunde Hautfarbe!“

Der junge Arzt kniff in den elfenbeinfarbigen Teint des Mannes vor ihm, der soeben einen altertümlichen Aderlass auf offener Straße erhalten hatte.

Die Menschen, um ihn herum klatschten und würdigten den reaktionsschnellen Tatendrang des Mediziners in größtem Maße. Ein Taschenlötkolben wurde aus der schwarzen Tasche des Mannes zu Tage gefördert und verödete den Schnitt am Handgelenk.

So ein Gerät hatte Peter noch nie gesehen. Hier gab es Wissen und Geräte, die einen hoch entwickelten Standard besaßen, und auf der anderen Seite wieder Anwendungen und Güter, die altertümlich erschienen. Involtanien war irgendwie farbenfroh blass, wie eine gefüllte Leere oder irgendwie säuerlich süß. Man wusste nie, was einem als nächstes erwartet. Doch diese Schwierigkeiten hatte nur Peter. Für alle Involtanier waren die Zustände normal und alltäglich.

Der Bulk, um ihn herum, erwartete nun die Heilung des Patienten und die sofortige Danksagung.

Peter versuchte sich gerade zu halten. Nun stützte ihn niemand mehr und er hing erneut in den Magnetschuhen. Er bewegte den Fuß zum Lösen des Schuhes, um einen Schritt nach vorne zu setzen. Doch zum Aufsetzen fehlte ihm die nötige Kraft und so schwankte das Bein haltlos in alle Richtungen. Der Arzt half ihm und führte ihn zum sicheren Halt.

„ohh . bestssteetesten Dannk..“, säuselte Peter.

“Es geeeehehht mir viiiiiiiieeeeeeeeel bessessesser..!“

Seine Lider bewegten sich langsam und schlossen nach jedem Wort die Augen.

Einige edel gekleidete Damen rümpften die Nasen und schüttelten verständnislos die Köpfe!

„Da ist so ein ehrenhafter Jungmediziner, der einen Menschen vorm Kopfplatzertod rettet und wofür, damit der Besoffene wie der ins nächste Gasthaus wanken kann!“, tuschelten einige von ihnen.

Die Menschentraube löste sich kurzerhand auf und Peter hing nach wenigen Sekunden allein auf der Straße. Nach einer knappen Viertelstunde fühlte er sich wieder einigermaßen fit, um einen neuen Versuch zur Fortbewegung anzutreten. Diesmal gelang es ihm. Jedoch benötigte er für die Strecke zum –knallen Rotter-, dies war der Name seines heutigen Gasthauses, die vierfache Zeit als zuvor. Er fühlte sich schlapp, müde und vor allen Dingen hungrig.

Peter trat in eine Kabine und wurde von dem Wechselfahrstuhl ins Innere der Gastwirtschaft befördert. Er fragte sich nicht, wie das alles funktionierte, sondern schlenderte zum Tresen.

Nach einem kurzen Gespräch mit dem Wirt, war er schon bald zu der höher gelegenen (sich demnach tiefer im Boden befindlichen) Etage geleitet wurden. Hier gab es ein schönes Zimmer mit Bett, Dusche und einer Toilette mit Wasserspülung. Der Abfluss erfolgte mit Hilfe der hiesigen Anziehung durch ein Kanalisationssystem, dessen Ausgang ein Rohr oberhalb des Wirtshauses war.

Nach einer erholsamen Dusche ging Peter nach unten und nahm in dem bereits gefüllten Raum, an einem Tisch, Platz.

Peter verbrachte heute den ersten Abend in Involtanien an Land. Noch vor drei Tagen hatte er ein Erlebnis, dass ihn eigentlich das Leben gekostet hätte. Noch vor drei Tagen betrat er ein Tauchboot in Ägypten, um seinen letzten Urlaubstauchgang zu genießen.

*

Tag 1

Drei Tage zuvor.

„Die Tabletten gegen die Reisekrankheit helfen bestens“, dachte Peter, während die Crew und er am zwölften August im Jahr 2014 zu einem ganz besonderen Tauchgang raus fuhren.

Bei seinem ersten Tauchgang in der letzten Woche erging es ihm anders. Kaum hatten sie das Festland verlassen und waren über die Außenriffgrenze hinweg gesegelt, veränderte sich seine Gesichtsfarbe. Er hatte sich in regelmäßigen Abständen übergeben müssen. Auch nachdem sein Mageninhalt bereits komplett ausgeworfen wurde, kam dieser Brechreiz wieder. Sein Zustand veränderte sich erst, als sie am Nachmittag zur Tauchstation zurückkehrten und er festen Boden unter den Füßen spürte.

In zwei Tagen würde Peter wieder im Flieger sitzen. Am Montag schon müsste er das Boot mit dem Schreibtisch tauschen. Er versuchte den Gedanken beiseite zu wischen. Es gelang ihm jedoch nicht.

„Wie ätzend“, dachte Peter.

„Bestimmt sind die neuen Umsatzstatistiken schon da, die natürlich wieder keiner ausgewertet haben wird!“

Er war total genervt.

Peter hasste seinen Job und sein langweiligen Leben. Der einzige Lichtblick aus seinem Alltagstunnel war dieser Urlaub in Hurghada gewesen. Die Clubanlage für Singles und die einzigartigen Tauchgänge hatten ihn in den letzten Monaten seine Arbeitsstunden durchstehen lassen.

„Du hättest mehr Initiative aufbringen sollen bei der kleinen Düsseldorferin gestern!“,

ärgerte er sich immer noch.

„Die hat ein nettes Lächeln!“

Er nahm sich vor sie anzusprechen, falls sie heute Abend wieder mit ihrer Freundin zur Strandbar kommen sollte.

An diesem Morgen sollte kein Wrack oder ein fischreiches Riff betaucht werden. Nein, heute stand die Faszination der scheinbaren Unendlichkeit auf der –briefing list-. Als „The blue hole“ wurde dieses Ausflugsziel bezeichnet. Bei diesem Tauchgang würde die Gruppe im offenen Meer ausgesetzt werden. Der Meeresgrund befand sich in 1500 Metern Tiefe. Hierbei gab es keine Orientierungspunkte durch Sandbänke, markante Meerespflanzen oder Riffvorsprüngen. Eine Endlosigkeit in Blau. Durch die Tauch-Guides wird eine Tauchtiefe auf maximal dreißig Meter vorgegeben.

„Auf offener See sind selten Fische zu sehen, dennoch wirkt dieses Gefühl noch beängstigender, da man sich einfach nur verlassen fühlt!“, erzählten ihm andere Taucher, die diesen Tauchgang bereits erlebt hatten.

„Das schlimmste ist der Blick nach unten. Man kann hier kein Grund sehen, nur ein immer dunkler werdendes Blau!“, fügten sie ihrer Erklärung bei.

Der Motor des Bootes starb ab und leichte Aufregung machte sich breit. Jeder nahm in der Nähe seiner Tauchkiste Platz und begann sich anzuziehen. Da Peter allein reiste, hatte er bei diesen Tauchgängen immer wechselnde Tauchbuddies an seiner Seite. Heute war es ein sommersprossenüberzogener Engländer mit rotem Kopf und knapp hundertzwanzig Kilo Lebendgewicht, die sich auf einer Körpergröße von eins fünfundsiebzig verteilten. Er wirkte sehr unbeholfen und hektisch. Anscheinend hatte er bislang noch nicht viele Tauchgänge erlebt.

„Oh Mann, noch so ‘n Insulaner, der sämtliche Korallen abbricht und vor Aufregung seine Flasche innerhalb von zwanzig Minuten leersaugt.“

„ Wie war sein Name noch mal?“

„Ach ja Andrew.“

„Ich werde ihn aber Paul nennen. Passt irgendwie besser zu ihm“, dachte Peter, während er sich gerade den Reißverschluss seines Anzuges zuzog.

Er sah aus dem Augenwinkel, wie sein Buddy beim Anziehen seines Anzuges enorme Schwierigkeiten hatte. Peter versuchte es so aussehen zu lassen, als habe er es nicht bemerkt. Doch schon bald wurde ihm klar, dass sich hierdurch für alle der Tauchbeginn verzögern würde.

„Wait a moment, Paul!“, ertönte Peters Stimme und Andrew schaute ihn mit offenem Mund an.

„My name is Andrew!“

Peter nickte.

Das Neopren rutschte nur widerwillig über die Schulter des Briten und auf einmal schwankte das Boot extrem. Die meisten Personen an Deck mussten sich gegenseitig festhalten. Tauchkisten und unterschiedliche Utensilien rutschten unkontrolliert über den Boden.

„Wale Attack“, rief einer der Tauchlehrer grinsend und alle auf dem Schiff grinsten zurück.

Doch keiner wusste, ob das nun Ernst war oder nicht. Der dicke Tauchpartner griff nach seinem Bleigurt und zog sich weiter an. Peter musste seine Tauchkiste erst wieder suchen und beeilte sich ebenfalls.

Seine Ausrüstung kam ihm nun irgendwie schwerer vor, als die Tage zuvor.

„Das wird wohl an dem heutigen Doppelflaschenjacket liegen“, kam es ihm anschließend in den Sinn.

Da die Gruppe eine horizontale Strecke von knapp siebenhundert Metern bei einer Tauchtiefe von dreißig Metern absolvieren sollte, benötigte man für den zusätzlichen Adrenalinfaktor einen höheren Pressluftinhalt. Stress lässt die Atemfrequenz erhöhen und somit einen höheren Flascheninhalt verbrauchen.

Peter machte gerade bei seinem Tauchpartner den Buddy- Check! Er kontrollierte, ob sein Gegenüber alle Sicherheitschecks durchführt hat. Zum Schluss war er an der Reihe. Er atmete durch den ersten Atemregler, anschließend durch den zweiten.

Kurz bevor Peter zum Jacketfüllmechanismus griff, brachte ein erneuter Ruck das Boot zum Schaukeln. Durch das zusätzliche Gewicht der Ausrüstungen fielen einige Taucher hin. Andere stießen auch zusammen und verfingen sich mit dem Equipment ineinander.

Peter fiel nach hinten, schlug mit den Flaschen gegen eine Eisenreling und prellte sich leicht die linke Rippe. Ein Schmerz durchzog seinen Körper.

„Quick, quick, quick“, rief der Tauch-Guide und winkte die Hobbietaucher zum Heckausstieg.

Die Leute rappelten sich auf und kamen sofort seiner Aufforderung nach. Ein allgemeines Zischen war zu hören und jeder füllte sein Jacket mit Pressluft.

Peter reihte sich ebenfalls ein und folgte seinem Buddy. Das Auffüllen des Jacket schmerzte an der geprellten Rippe und daher ließ er wieder Luft ab. Andrew sprang vor ihm ins Wasser und brachte eine große Fontaine zustande.

Anschließend nahm Peter den Jacketfüllregler in die rechte Hand und hielt die Maske vorbildlich mit der Linken fest, bevor er sprang. Ein kleiner Hub Luft füllte sich um seinen Brustkorb und hielt ihn kurz unter der Wasseroberfläche. Er suchte den dicken Engländer, dessen rote Haare jetzt, wie die einer Nixe, wild über seinen Kopf herumwirbelten. Ein gegenseitigen O.K. Zeichen signalisierte, dass sie den Tauchgang antreten konnten.

Peter ließ sofort die Luft aus seinem Jacket und sank hinab in die Tiefe. Mit der linken Hand glich er regelmäßig den Druckausgleich in den Ohren aus. Nach knapp fünf Metern bemerkte er, dass der dicke Engländer nicht abtauchte.

„Das geht ja gut los! Als ob ich es nicht gewusst hätte. Wo war noch mal die Tauchbuddytauschbörse? Bei deinem Eigengewicht solltest du dir lieber den Anker umschnallen“, ärgerte sich Peter.

Er schüttelte den Kopf und wollte sein Jacket wieder mit Luft füllen, um ihm zu helfen. Bei diesem Versuch hörte Peter, wie Luft durch die Schläuche strömte, die jedoch gleich wieder hinter ihm als Luftblasen aus seinem Jacket austraten. Ein weiterer langer Hub veränderte nichts an seinem Abtauchen. Die Luft blubberte weiterhin aus dem Jacketbalg.

„Was ist denn das für eine Scheiße? Wieso…“, fluchte Peter stumm.

Seine Atemfrequenz wurde schneller und flacher. Nervosität machte sich breit.

„Bleib ruhig, Peter! Denk nach!Verdammt nochmal, denk nach!“

Angst macht dumm, hatte ihm mal ein Unternehmenscoach beigebracht und Peter versuchte sich zu beruhigen.

„Okay, versuch das!“, feuerte er sich selber an und sog einen tiefen Lungenzug durch den Atemregler ein. Daraufhin nahm er den Regler aus dem Mund und blies seinen Lungeninhalt in den Pressluftregler seines Jackets. Er hoffte, dass nur ein Leck im Versorgungsschlauch der Flasche vorlag, doch während des Atemvorganges, spürte er erneut die Luftblasen an seinem Nacken aufsteigen.

Seine Körpertemperatur erhöhte sich merklich.

„Verdammter Mist!“

Der Druck stieg erneut in seinen Ohren und Peter vollzog noch mal Druckausgleich. Der Blick nach oben verriet ihm, dass er sich bereits weit von der Tauchgruppe entfernt hatte. Die glitzernde Wasserfläche umgab deutlich die Silhouetten des Tauchbootes und der anderen. Einer der Taucher versuchte ebenfalls, sich so schnell wie er, absinken zu lassen. Peter glaubte, dass es einer der Tauch-Guide sein müsste, doch auch dieser Abstand wurde immer größer.

„Wie bekomme ich Auftrieb? Verdammt! Peter reiß’ Dich zusammen!“, forderten seine Gedanken ihn auf.

„Ach ja!“

Er suchte die Schnalle seines Bleigürtels. Nach hastigen Bewegungen am Gürtelgewebe konnte er jedoch nur die Gewichte ertasten. Es kam vor, dass die Gürtelschnallen bei den Tauchbewegungen zur Seite rutschten, doch diesmal konnte Peter, auch nach weiteren verzweifelten Handgriffen, nichts außer den Gürtelstoff und die Gewichte ertasten. In solchen Fällen würden erfahrende Taucher ihr Messer herausholen und den Gurt einfach durchschneiden. Doch Peter hatte kein Messer. Er empfand das immer etwas albern. Als ob man unter Wasser mit einem Hai kämpfen müsste? Ein Blick auf seinen Tauchcomputer verriet ihm, dass er schon auf fünfunddreißig Meter Tiefe abgesunken war.

„Warum sinke ich so schnell? Das ist doch nicht normal? Der dicke Paul schwimmt wie ein Korken und ich…!“, fragte sich Peter.

In dem Moment schossen ihm die Bilder auf dem Bootsdeck durch den Kopf. Alle waren gerade beim Anziehen der Tauchausrüstung, während der starke Ruck erfolgte und die Tauchkörbe durcheinander rutschen ließ.

„Jetzt wird mir auch klar, warum die Gewichte so weit auseinander angeordnet waren. So ein Dreck! Der Engländer bringt bestimmt das Doppelte von mir auf die Waage. Das bedeutet, er benötigt auch das Doppelte der Gewichte“, überschlugen sich die Gedanken hinter Peters Stirn.

Obwohl das Jacket über dem Bleigurt lag, versuchte Peter erneut die Gürtelschnalle zu finden. Er schloss seine Augen und bemühte sich, seinen Atemrhythmus zu verlangsamen. Er drückte nun in immer kürzeren Abständen die Nasenflügel zusammen und kämpfte gegen den Druckausgleich.

Die Gürtelschnalle war nicht zu finden.

Peter bemerkte, wie er in Gedanken ruhiger und entspannter wurde.

„Eigentlich wäre das der Augenblick zur Panik“, dachte sich Peter, doch er fühlte sich nicht mehr ängstlich. Er fühlte sich leicht.

Trotz zunehmender Kälte und Dunkelheit wirkte das Absinken berauschend. Peters Gedanken wechselten von möglichen Rettungsversuchen zu Erinnerungen aus seinem Leben. Beeindruckende Momente seiner Vergangenheit rasten, in Bruchstücken von Sekunden, an seinem inneren Auge vorbei und ließen ihn, trotz Atemregler, lächeln.

Es war erschreckend wie schnell ein Mensch sich seinem Schicksal widerstandslos beugte, dachte er. Doch der Rausch und die Erinnerung an seinem bisherigen tristen Leben, ließen ihn resignieren. Er dachte, wenn ich hier mein Ende finde, dann will ich zumindest alles bisher Unbekannte auch erleben und sehen.

Peter betrachtete sein Pressluftmessgerät. Trotz des Vorganges hatte er erstaunlich ruhig geatmet und erst fünfzig von den vierhundert Litern verbraucht. Er nahm sich vor noch langsamer zu atmen, obwohl ihm die Kälte langsam frösteln ließ, und er dadurch seinen Atemrhythmus veränderte. Sein Tauchcomputer hatte sich schon verabschiedet. Ein – ERROR- blinkte in gleich bleibenden Abständen auf.

Im Unterbewusstsein begann er automatisch seine Spucke runter zu schlucken, welches den gleichen Effekt hatte, wie mit den Fingern die Nase zuzuhalten, um den Druck auf den Ohren aus zugleichen. Peter hatte keine Taschenlampe dabei, um in dieser Tiefe seine Umgebung oder das was sich unter ihm befand, betrachten zu können. Nur das Sonnenlicht von oben begleitete ihn so gut wie möglich, verlor jedoch von Meter zu Meter an Stärke.

Er lächelte erneut und begann während des Abtauchens, mit langsamen Ruderbewegungen Purzelbäume zu schlagen. Peter verwechselte seine Situation mit der eines Astronauten, in der absoluten Schwerelosigkeit. Durch die Bewegung strömte das aufgewärmte Wasser in seinem Neoprenanzug überallhin und wärmte ihn etwas. Das war der schöne Nebeneffekt seines Rausches. Geringe Mengen vom Salzwasser drangen an der Seite seiner Tauchermaske ein und brannten in den Augen. Er unterließ die Drehungen.

Langsam übermannte die Müdigkeit seinen Tiefenrausch und Peter schloss die Augen. Tränen kämpften mit dem Salz und verdünnten die brennende Flüssigkeit hinter den Lidern. Seine Atemzüge wurden flacher, und die Schluckabstände kürzer. Peter begann zu zittern und machte sich klein. Er zog die Beine an sich und hielt sie mit den Armen vor seinem Bauch. Der schwere Bleigurt hinderte ihn etwas und schmerzte an der Rippe. Der Taucher sank kontinuierlich tiefer und nach zehn weiteren Metern übernahmen die Reflexe die Schlucktechnik und Atmung. Peter fiel in Ohnmacht.*

Grelles Licht und immer lauter werdende Vogelschreie holten Peter allmählich wieder in die Realität zurück. Schwankende Bewegungen ließen den Körper, und vor allen seinem Magen reagieren. Übelkeit machte sich bemerkbar. Er versuchte seine Augen zu öffnen, doch das helle Licht ließ ihn eine Weile blinzeln, bis sich sein Blick schärfte. Über ihn bemerkte er die Silhouetten von Seevögeln hin und her kreisen. Er trieb auf der Wasseroberfläche. Die Maske war beschlagen und schmerzte auf der Haut. Sein Atemregler befand sich immer noch im Mund und brodelte ab und an, sobald etwas Wasser in ihm eindrang

„Wie bin ich nach oben gekommen“, fragte er sich.

Er spuckte den Regler aus und zog die Maske nach unten, damit sie ihm um den Hals hing. Sein Körper trieb ausgestreckt flach auf der Wasseroberfläche.

“Hatte sich eventuell doch der Bleigurt gelöst und mich wieder aufsteigen lassen.“

Er sah zur Hüfte runter. Doch der Gurt befand sich immer noch an der gleichen Stelle. Peter versuchte mit den Füßen nach unten zu kommen, um sich umzuschauen, doch seine Beine zog es immer wieder nach oben, so als ob er sich im Toten Meer befand. Der Salzgehalt des Wassers dort war so hoch, dass man ohne Bewegungen flach auf dem Wasser treiben und in dieser Position sogar lesen konnte.

Die Wasservögel über ihm kreischten immer lauter und schon bald sah er, wie sich mittlerweile fast Hunderte von ihnen dort befanden. Klatschende Geräusche machten sich hinter seinem Kopf bemerkbar und als sich Peter umdrehen wollte, kam er mit dem Ellenbogen an den neben ihm treibenden Atemregler. Dieser erhob sich langsam aus dem Wasser und schwebte vor seinen Augen nach oben. Er konnte dies noch kurz verfolgen, als ein weiteres klatschendes Geräusch zu hören war und er einen dumpfen Schlag im Genick spürte. Erneut schwanden ihm die Sinne und ließen seine Muskeln erschlaffen.

*

„Dat is woll een von de Fischlüüd!“, hörte er ein Stimme von irgendwo sagen und spürte gleichzeitig einen Ruck an seinen Flossen.

Peter riss seine Augen auf und schreckte hoch. Auf einmal rasten Gedanken in seinem Kopf und versuchten die Situation zu erfassen und, vor allen Dingen, zu deuten.

Peter wurde von knapp einem Dutzend Männer angestarrt. Sie trugen helle weite Hosen und Seidenhemden; wobei sich keine einzige Farbe mit der eines Anderen glich. Die Haare klebten, anscheinend mit großem Einsatz von Haar Gel, platt auf ihren Schädeln. Außerdem teilten sich alle eine gleiche Barttracht, die sich von einer Kotelette über die Wange, runter zum Kinn und auf der anderen Seite wieder nach oben erstreckte. Aber auch diese Haare klebten platt auf der Haut.

„Na, mien Jung, bist wedder bi di?“, fragte jemand aus der zweiten Reihe.

Peter lächelte und nickte. „Ja, ich glaube das reicht erstmal für ein paar Jahre!“

Peter konnte etwas plattdeutsch verstehen. Aber er war kein Experte, und konnte diesen Dialekt keiner bekannten friesischen Mundart zuordnen.

Die Mannschaft schaute sich gegenseitig an und nickte.

„Verhool di erst mol un dann vertell us, watt wesen is un watt hest du im Water mookt?“

Die freundlichen Männer reichten ihm trockene Kleidung. Anschließend setzte man sich gemeinsam, auf umgedrehten Eimern, an einem langen Esstisch und servierte das Essen.

Peter bemerkte durch den festgeschraubten Tisch, sowie den schwankenden Lampen, dass er sich Inneren eines Schiffes befand. Die Form des Unterdecks wirkte etwas ungewöhnlich, da die Decke halbrund, ähnlich der Form eines Kiels, aussah. Doch seine Verwunderung wurde durch reichlichem Essen und Trinken abgelenkt. Es gab Fisch und ein Getränk, welches Peter nicht definieren konnte. Doch das diese Flüssigkeit einen gehörigen Alkoholgehalt besaß, war unschwer auszumachen.

Maroon sprach ihn noch während des Essens an. So hieß ein Mannschaftsmitglied im türkisfarbenen Hemd, der grob geschätzt auf ein Stockmaß von knapp einem Meter fünfundfünfzig kam und diesen Körper mit einer Konfektionsgröße von 32 bekleiden konnte, vermutete Peter. Er erklärte ihm, dass sie ihn nur wegen der Vögel gefunden hatten. Man konnte das Schiff jedoch nicht mehr bremsen und schlug ihn mit den Unterflügeln versehentlich ohnmächtig. Der Gerettete hatte wegen des Alkoholkonsums, der etwas schwierigen Sprache sowie einigen Fachbegriffen, die er nicht kannte, Schwierigkeiten alles zu verstehen, lachte jedoch einfach mit.

Doch allmählich kehrte wieder Ruhe ein und eine erwartungsvolle Aufmerksamkeit machte sich breit. Peter spürte die Blicke der Männer auf ihn haften und ahnte, dass er nun an der Reihe wäre, seine ungewöhnliche Reise zu erzählen.

Er hatte schon immer Schwierigkeiten vor einer größeren Zahl von Menschen zu sprechen und so füllten sich seine Wangen mit Blut. Sein Kopf glühte und er nahm einen weiteren Schluck.

„Okay, Du kennst die Männer ja eigentlich gar nicht, daher kannst du dich auch nicht so stark blamieren“, beruhigte er sich gedanklich.

Er wollte sich kurz noch die Horde in Unterhosen vorstellen, verwarf allerdings diesen Gedanken wieder, und fing an, ruhig zu erzählen. Er begann seine Geschichte mit seinem letzten Tauchgang. Die Männer hingen an seinen Lippen. Doch mit jedem Satz wurden die Falten auf den Stirnen seiner Mithörer tiefer und Peter erkannte, dass sie keine Ahnung von dem hatten, was er ihnen erzählte. Er wurde nun langsamer und deutlicher, doch die Gesichter behielten ihren Ausdruck. Er verstummte und sah in die Runde.

„Pedä, wie bist so deep in t Water rinkomen?“, kam ein Frage. Peter blickte sich um.

„Na wie gesagt, das Blei hat mich runtergezogen!“

Jetzt sahen sich die Männer nacheinander in die Augen.

„Mut woll dat verdübelte Blee von Klabautermann wesen ween!“, schlussfolgerte Maroon und auf einmal lachten alle laut auf. Die beiden Tischnachbarn von Peter schlugen ihm auf die Schulter und brüllten vor Lachen. Nun musste Peter auch lachen, wusste wieder nicht warum, aber diese Jungs steckten einfach an. Die meisten Seeleute wischten sich die Tränen aus den Augen und schüttelten die Köpfe.

„Nu hebbt wi ’n godet Schipperlatein vör de Nacht!“, sagte einer und stand auf. Nacheinander folgten die anderen und lachten aufs Neue. Auch Peter war müde und Maroon zeigte ihm eine freie Koje.

Obwohl er nicht wusste, wo er sich befand und warum er diesen Tauchgang überlebt hatte, fühlte er sich dennoch wohl. Die Männer um ihn herum waren freundlich und der Alkohol im Blut beruhigte seine Ungewissheit.

Als er es sich in der Hängematte gemütlich machte, begann sein Gehirn erneut zu arbeiten.

„Die Gewässer Rotes Meer und Nordsee grenzen anscheinend dicht aneinander!“, kam es leise über seine Lippen. Er wollte jetzt nur noch schlafen.

„Morgen lässt sich alles aufklären“, versprach er sich selber und schlief nach wenigen Minuten entspannt ein.

*

Tag 2

Der nächste Morgen kam schnell und lautes Geklapper und Gemurmel weckten Peter. Man drückte ihm frischen Kaffee und trockenes Brot in die Hand.

Peter hatte gehofft, dass alles was geschehen war, nur ein witziger Traum war, doch der heiße Becher in seiner Hand bestätigten ihm, dass sich alles ganz genau so zugetragen hat.

Nachdem alle gespeist hatten, wollte man an die Arbeit gehen.

„Wollst mit an Deck komen?“, fragte der kleine Maroon und klopfte ihm auf die Schulter. Peter nickte und schluckte den letzten Rest Kaffee herunter. Er sah, wie sich die anderen Seeleute ein Gürtelgeschirr umlegten, welches sie mit einem Haken an einem Stahlseil auf dem Boden einhängten. Peter wunderte sich, doch Maroon reichte auch ihm ein Geschirr hinüber. Als er die letzte Schnalle fest anzurrte, sah er wie Maroon den Haken straff zog und die Klappe im Boden öffnete, in dem das Seilende verschwand.

Doch diese Klappe ging nicht zum zweiten Unterdeck, sondern nach oben zum Oberdeck. Sonnenlicht strömte ein und erhellte den Raum. Peter verstand gar nichts mehr. Ein Mann nach dem anderen verschwand, mit gestraffter Gurtleine, durch den Boden. Maroon ging voran und tat es seinen Kollegen gleich. Peter jedoch hockte sich hin und sah nach unten hinaus. Er erkannte einen Mast und Segel. Er sah den blauen Himmel und Vögel unter sich.

„Das gib’s doch gar nicht!“, stotterte er.

Peter traute seinen Augen kaum. Er kniete auf Schiffsdielen und sah durch eine geöffnete Luke, die sich vor ihm am Boden befand. Doch anstatt in einem tiefer liegenden Laderaum zu blicken, blickte er hinauf zum Himmel. Er sah unter sich Vögel fliegen und das Oberdeck eines Zweimasters. Ihm wurde schlecht und so musste er sich für kurze Zeit neben die Luke legen.

„Was geht hier vor? Wo bist Du gelandet, oder vielmehr was hat sich, während meines Tauchganges mit der Erde verändert? Was war im Alkohol?“, löste eine Frage die andere ab.

Peter nahm seinen linken Zeigefinger zwischen die Zähne und biss zu. Er schloss die Augen und Tränen füllten sich darin. Er hoffte, dass sich ihm beim Öffnen der Lider ein anderer Anblick, als die schwankende Deckenlampe, bot. Leider wurde er enttäuscht. Seine Atemzüge wurden kürzer und sein Finger schmerzte unter dem Druck der Schneidezähne.

„Bleib ruhig, Peter. Du hast den Tauchgang überlebt! Das allein ist das wichtigste. Du bist zwar irgendwo, wo irgendwas nichtstimmt, aber Du bist am Leben!“, drang seine innere Stimme immer wieder durch.

„Nun schau Dir doch erstmal in Ruhe an, was die anderen da draußen machen?“

Vorsichtig drehte Peter sich wieder auf den Bauch und krabbelte langsam weiter, vergas jedoch sich aufrecht und mit gestreckter Gurtleine der Klappe zu näher. Als er sich zu weit vorbeugte, rutschte er knapp am Seil durch die Luke und verlor den Halt. Peter versuchte noch sich mit den Händen an dem Lukenschacht festzuhalten, doch sein fallendes Eigengewicht war zu schwer und so fiel er hinaus zum Himmel.

Ein kurzer Ruck unterbrach sein Schreien und bremste ihn abrupt. Die Leine seines Geschirrs hing an dem langen Stahlseil, welches zu hunderten quer über das ganze Schiff gespannt war. Maroon, der kopfüber sicher im Geschirr von zwei rechts und links von ihm horizontal gespannten Stahlseilen gehalten wurde, kam sofort zu ihm gerannt und reichte ihm seine Hand.

„Mien Jung, du must di an’n Tampen fastholen, aver ok diene Fööt dool up’e Planken stemmen!“, erklärte er ihm laut.

Peter hangelte sich kopfüber in die richtige Haltung und drückte seine Füße auf den Schiffsboden. Er kam sich vor, wie eine Fledermaus und sein Kopf wurde rot. Er versuchte die Situation zu verstehen, konnte jedoch keinen klaren Gedanken fassen, da scheinbar immer mehr Blut in seinem Kopf strömte und seine Schläfen zum Klopfen brachte. Es sah alles genauso aus wie auf einem richtigen Schiff, nur das hier die Anziehungskraft nicht von der Erde ausging, sondern vom Himmel. Peters Augen begannen zu brennen und ihm wurde langsam schwindelig. Er drehte sich langsam um und versuchte wieder unter Deck zu gelangen. Mit wackeligen Schritten näherte er sich der Klappe, wusste nur nicht genau, wie ihm der Einstieg gelingen sollte. Mit der linken Hand hielt er das Seil stramm und bückte sich, um mit der rechten Hand den Rand der Klappe zu greifen. Es gelang ihm und er nahm nun schnell die linke dazu. Jetzt hing er mit den Beinen in der Luft an dem Eingang und zog sich mit aller Kraft runter. Das Seil half ihm weiter in das Unterdeck zu gelangen. Er robbte sich vor und hatte wieder festen Halt unter sich. Schiffsboden, der eigentlich die Schiffsdecke war. Peter hielt sich die Hände vors Gesicht und massierte dann seine Schläfen.

„Was ist hier bloß los?“, fragte er sich erneut.

„Ich muss noch am Schlafen sein!“

Doch als er sich umsah, erkannte er den Raum, in dem er gestern mit den Leuten gegessen hatte. Falls sich irgendetwas mit der Erdanziehungskraft geändert hat, dann war es Maroon und den anderen aber schon länger bekannt. Das ganze Schiff und die Mannschaft haben sich auf diese Veränderung schon lange eingestellt.

Peter dachte an den gestrigen Tag zurück. An den Moment, als er im Wasser aufgewacht war. Kurz bevor er den Schlag am Hinterkopf erhielt, hob sich doch sein Atemregler aus dem Wasser in die Luft. Er fragte sich, ob bereits da die Anziehung verändert war.

„Quatsch, dann wäre ja nicht nur der Atemregler sondern auch alles andere mit in die Luft gezogen worden“, versuchte er sich die Situation zu erklären.

Er hörte Schritte unter sich und nach wenigen Augenblicken sah er eine Stiefelspitze nach der anderen an der Eingangsklappe. Maroon schaute herein und kam mit geschickten Bewegungen ins Innere zurück.

„Na, ole Landratt, hest woll ohne Magnetschoh bannig veel Mallöör hat?“, lächelte ihn sein gegenüber an.

Peter verstand wieder nur die Hälfte und sah ihn ungläubig an. Er fragte sich, wie er sich verhalten sollte. Allen war diese Situation bekannt, nur ihm nicht. Sie haben ihn als einen der ihren aufgenommen, wenn er sich jetzt outet, als einer der die Erdanziehungskraft gewohnt ist, wer weiß was die von ihm halten werden. Vielleicht lässt man ihn als Aussätzigen Kiel holen? Hingegen waren diese Leute alles andere als feindselig. Warum soll man ihm was Böses tun, nur weil man nicht über Kopf arbeiten konnte?

„Töff man aff mienthalven schalst man erst unner Deck blieven. Morgen sin wi wedder an Land un denn kannst wedder in Magnetschoh lopen!“

Der kleine Seemann nickte ihm freundlich zu und verschwand genauso schnell, wie er kam, wieder durch die Luke.

Peter überlegte weiter.

„Ist das vielleicht der Himmel? Wenn man stirbt, lebt man einfach über Kopf irgendwo weiter!“, war seine nächste Schlussfolgerung.

„Doch was machen die Leute da draußen überhaupt, und wenn der Himmel alles anzieht, warum denn nicht auch das komplette Schiff?“

Fragen über Fragen kamen hervor. Peter suchte seine Koje auf und legte sich erneut hin.

„Ich werde sie einfach fragen, wenn sie wieder reinkommen! Was habe ich zu verlieren? Ich will nur hoffen, ich kann ihre Antworten dann auch verstehen“, dachte er und bettete sich.

*

Zum Mittag kamen die Fischer wieder runter und versammelten sich erneut um den großen Tisch. Die Blecheimer schepperten laut bis jeder seine Position eingenommen hatte. Auch Peter gesellte sich dazu und wartete auf die Fischmahlzeit. Es verhielt sich so, dass nach dem Mittag erst mal eine knappe Stunde geruht wurde. Diese Zeit vertrieben sich die Matrosen auf unterschiedliche Art und Weise. Einige spielten irgendwelche Brettspiele, andere schliefen, wiederum andere philosophierten miteinander. Peter ging zu Broskamp, der nun den Rest seines zweiten Teller zu sich nahm. Broskamp war das komplette Gegenstück zu Maroons Erscheinung. Seine Hemdnähte mussten Schwerstarbeit leisten, um den kräftigen Körper zu verhüllen. Mit jeder Bewegung zeichneten sich irgendwelche Muskelpakete durch den dünnen Stoff ab und obwohl dieser Mann auf einen umgedrehten Eimer saß, war er immer noch ein Stückchen größer als Maroon in Ganzen.

„Broskamp, ich habe einige Fragen an Dich. Doch zuvor möchte ich dir etwas über mich und meine Welt erzählen, damit Du verstehst, warum ich Dich das frage?“, begann Peter vorsichtig.

Broskamp kaute ausdrucksvoll und sah ihn dabei verwundert an. Peter begann seine Geschichte erneut zu erzählen, wie sein gestriger Tag angefangen hatte, diesmal achtete er jedoch darauf, sie wirklich für diese Leute verständlich zu machen. Er er zählte, scheinbar nur beiläufig, dass er in einer Welt von Erdanziehungskraft einen Tauchgang gebucht und angetreten hatte; er dabei immer tiefer absank und irgendwann die Besinnung verlor. Als er wieder zu sich kam, den Unterschied der Naturgesetze zuerst gar nicht wahrgenommen hatte, und die Veränderung erst vorhin an Deck gespürt hatte.

Während seiner Erzählung verstummten die Stimmen der anderen nach und nach und langsam vergrößerte sich die Gruppe der Zuhörer um ihn. Er hörte wie die Ränder der Eimer auf dem Schiffsboden scheuerten und sich die Mannschaft nun komplett um ihn herum versammelt hatte. Am Ende der Geschichte schwenkte er um, und begann mit seinen Fragen.

„Wie kann es sein, dass wenn alles durch den Himmel angezogen wird, ich gestern im Wasser und vor allen Dingen, das Schiff an sich, nicht nach oben fällt … ähh fliegt?“

In ihm befanden sich noch tausende Fragen, doch er wollte eine nach der anderen klären, und außerdem wollte er erstmal seine Geschichte in den Köpfen der Fischer einsacken lassen. Und dieses brauchte in der Tat etwas Zeit, denn nachdem er seine Frage gestellt hatte, trat Stille ein. Nur ein unbenutzter Eimer, der auf der Seite lag, rollte hin und her ließ sein schepperndes Geräusch erklingen.

Broskamp atmete laut und tief ein. Dabei füllte sich sein Brustkorb mit Luft und entfaltete kurzweilig sein kanariengelbes Hemd, bevor seine tiefe dunkle Stimme das Unterdeck füllte.

„Nich all to wiet von us leevt en Minsch in Fredderwlodde. Ik glöv, he kümmt ok ut diene Welt; wie seggt -meschuggen Schwadden- to em!“

Diesmal klangen die Wörter für Peter glasklar.

„Was sagst Du? Es gibt hier noch einen Menschen, der aus meiner Welt hier her gekommen ist!“

Broskamp schob die Unterlippe nach vorne und bewegt seinen Kopf, als ob er sich nicht ganz sicher wäre.

„Ich muss diesen Mann finden! Könnt’ Ihr mir helfen?“

Broskamp sagte, dass sie morgen im Hafen Gledeerbucht einlaufen und er von dort seine Suche beginnen konnte. Er gab sich auch Mühe Peter die Naturgesetze seiner Welt zu erklären. Es war für ihn jedoch schon ungewöhnlich, weil man halt nichts anderes kannte, als dass alles, was nicht festgebunden war in den Himmel fällt.

Das war als Kind schon so und ist nicht zu erklären. Das die Fische und alles, was sich im Wasser befand, nicht gen Himmel fällt, liegt daran, dass die Oberflächenspannung es nicht zulässt. Nur wenn diese einmal durchbrochen war, gab es auch dann kein Halten mehr. Man hat schon von Schiffen gehört, die bei mächtigen Stürmen auf einer hohen Welle zu wenig Fläche unter Wasser hatten und einfach gen Himmel flogen. Aber das konnte auch nur Fischerlatein sein. Die Schiffe besaßen unterhalb des Kieles zu beiden Seiten in mehreren Ebenen Flügelkonstruktionen die einen breiten und sicheren Halt gewährleisteten.

Mit einer dieser Flügelebenen hatte Peters Hinterkopf gestern bereits Bekanntschaft gemacht. Für die Fische und allen Tieren im Meer spielt diese Anziehungskraft keine Rolle, da das Wasser eine komplette träge Masse war. Erst wenn sie in einem Fischernetz zappeln und sie über Wasser gezogen werden, hebt das Netz ab und sie hängen zum Himmel im Trockenen. Sehr kleine Fische fallen dann durch die Maschen und fliegen davon. Daher ist es sehr wichtig, dass sich die Netze immer in sehr gutem Zustand befanden.

Bei einem ihrer letzten Fahrten, so schilderte Broskamp, gab der Garn eines Fanggerätes nach und zerriss das komplette Netz. Dabei flogen tausende Fische in den Himmel und waren für immer verschwunden.

Das Gefährliche daran war, dass man die Fischnetze immer rechts und links parallel aus dem Wasser zog, damit ein bestimmtes Gleichgewicht auf dem Boot herrschte. Bei dem durch Broskamp beschriebenen Fang, wurde der Rumpf um zwei Flügelebenen aus dem Wasser herausgehoben. Wenn nun wie in diesem Fall ein Netz riss, wurde das Gleichgewicht gestört und das Schiff neigte sich zur Seite. Hierbei gerieten nun weitere Flügelebenen auf der Gegenseite heraus.

Die Mannschaft hatte sofort reagiert, und auch das gefüllte Netz gekappt. Die reichhaltige Beute verabschiedete sich ebenfalls und musste für Peter, wenn dieser bereits an Bord gewesen wäre, wie ein unruhiger großer Ballon ausgesehen haben, der sich von der Leine gerissen hatte. Nur war Peter ja zu dem Zeitpunkt noch irgendwo anders gewesen.

Broskamp erzählte und Peter hatte wie immer Schwierigkeiten seine Worte im Kopf richtig zu übersetzen. Er glaubte jedoch, dass meiste richtig verstanden zu haben.

Die Oberflächenspannung war die Erklärung. Deshalb hob sein Atemregler auch dann erst ab, als er versuchte nach ihm zu greifen.

Nach den letzten Worten von Broskamp sahen alle Augenpaare Peter an. Sie versuchten sich vorzustellen, wie es wäre, von jetzt auf eben ein komplett neues Weltbild zu erfahren. Es fiel ihnen schwer, doch sein Gesichtsausdruck verriet, dass er ihnen nichts vorspielte. Peter hatte sehr viel zu verdauen. Es waren noch unzählige andere Fragen, die auf Antworten lauerten, aber für den Augenblick hatte er erstmal genug erfahren. Und außerdem war die Mittagspause sowieso beendet.

Alle Fischer standen von ihren Eimer auf und unterhielten sich grummelnd miteinander, während sie Richtung Luke wanderten. Die geschlossene Luke passte so genau in den Rahmen, dass sogar die Spalten kein Licht durchließen. Erst als sie geöffnet wurde, strahlte das Sonnenlicht unter Deck und verriet einem, dass es helllichter Tag war. Peter hatte keine Lust wieder nach oben runter zu klettern. Er wollte diesen Tag, und vor allen Dingen die restliche Reise, hier unten bleiben und überlegen, was er an Land als erstes machen wollte.

Wo, in allen Herrgotts Namen befand er sich, fragte er sich immer wieder. Wenn er eventuell von Außerirdischen entführt wurde (er war nie ein Gegner von solchen Möglichkeiten), dann könnte er eventuell auf einem Planeten mit anderen Naturgesetzen aufgewacht sein. Das die Bewohner jedoch genauso wie Menschen aussahen und niederdeutschen Dialekt sprechen, wäre schon ziemlich merkwürdig. Diese Außerirdischen würden einen doch nur entführen, um die Menschen zu untersuchen, Experimente durchzuführen und sie dann gegebenenfalls auf deren Planeten abzusetzen. Die Aliens würden die Menschen dann bestimmt nicht auf einen ganz anderen Planeten aussetzen und dessen Bewohner darüber im Ungewissen lassen. Das macht doch keinen Sinn? Oder haben Außerirdische vielleicht entdeckt, dass ganz weit im Universum, also so weit, dass unsere Raumfahrten diesen gar nicht erreichen würden, es einen Planeten gab, der von der Bevölkerung und Sprache unserer Erde sehr ähnlich war. Dieser Planet unterscheidet sich von der Erde nur durch einige kleine Gegebenheiten. Und um den Menschen diesen Bruderplaneten bekannt zu machen, wurde eine Spezies der Erde entführt und einfach auf den anderen Planeten ausgesetzt. Nun musste dieser Auserwählte es schaffen, den Bewohnern des Bruderplaneten seine Herkunft verständlich zu machen, um einen Kontakt oder Transfer zwischen diesen zu ermöglichen.

„Und dieser Auserwählte bin ich“, beendete Peter seine wirre Gedankenwelt.

Sofort bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn.

„Dieser Auserwählte soll ich sein?!“

„Dafür nimmt man einen Helden! Einen Neo, einen Bruce Wayne, einen Max Ballauf, … nee besser doch einen Bond!“, wirbelten als Möglichkeiten durch seinen Kopf.

Doch nicht Peter Freimann aus Bremen. Was hatte er schon für Voraussetzungen zu bieten? Er arbeitete als kaufmännischer Angestellter im Innendienst und hatte als Hobbys nur Tauchen und Volleyball. Und in den beiden Sportarten war er nicht mal besonders gut. Er war Single und bewohnte eine 3-Zimmer Wohnung in Findorff. Er fühlte sich nicht heroisch.

Peter überlegte weiter.

Wenn Leute von Außerirdischen entführt würden, dann doch eher nachts. Sie würden von einem Geräusch im Garten geweckt und von einem grellen Licht geleitet werden. Irgendwann würden sie die Besinnung verlieren und auf Untersuchungstischen aufwachen, erinnerte er sich aus diversen Fernsehreportagen.

Er aber war bei seinem Abtauchen dabei zu unterkühlen, die Atmung wurde langsamer und flacher. Irgendwann wäre sie vom Organismus ganz eingestellt worden.

Peter kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, während ihm eine andere Möglichkeit in den Sinn kam.

Eventuell bin ich ja tiefgefroren worden. Man hatte doch schon Experimente durchgeführt, in dem man Lebewesen ohne körperliche Schäden eingefroren hatte, um diese zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu erwecken. Das Einfrieren war bisher nicht das Problem, nur das Auftauen beziehungsweise das Erwecken des Lebewesens hatte nie funktioniert. Vielleicht war er ja einfach tiefgefroren worden und lag einige Jahrzehnte oder –hunderte auf dem Meeresboden. Während diesem Zeitraum hatte sich die Welt gegen die Umweltverschmutzung gewehrt und einfach die Naturgesetze geändert. Sämtliche umweltschädliche Gegenstände wie Autos, FCKW-Dosen, Castortransportwaggons und alle anderen nicht gesicherten Gegenstände natürlich auch, wurden einfach gen Himmel gesogen. Nur die Menschen, die sich rechtzeitig festhalten konnten, mussten sich umstellen und haben diesen Wink der zweiten Chance verstanden. Irgendwann wurde auch er langsam vom Meeresboden nach oben gesogen. Diese langsame Dosierung des Temperaturaufbaus war die richtige Lösung, um tiefgefrorene Menschen unbeschadet wieder zum Leben zu erwecken.

Das musste die Erklärung für seine jetzige Situation sein.

Broskamp und seine Kameraden waren natürlich schon die fünfte oder sechste Generation nach dem Naturgesetzumschub, und deshalb können sie sich an gar keine andere Zeit erinnern. Ganz klar. Er musste sie also nur fragen, in welchem Jahr sie sich befanden und dann könnte er sogar die richtige Generation ermitteln.

Peter konnte es sich nur so erklären. Okay, es war ein bisschen subtil, aber immer noch besser als die Außerirdischen-Planeten-Au-Pair-Geschichte. Leichte Zweifel, betreffend des einwandfreien Zustandes des Pressluftgerätes über einen derartig langen Zeitraum, kratzten an seiner Theorie, aber er verdrängte diese und erinnerte sich an die drei Wörter in der Garantiebescheinigung: –Made in Germany-!

Er könnte Maroon nachher mal nach seinem Pressluftgerät fragen, aber eigentlich gefiel ihm diese Geschichte. Er wollte sie nicht durch irgendwelche Gegenbeweise kaputt machen lassen. Zumindest noch nicht.

Peter nahm sich vor, am nächsten Tag eine Bibliothek aufzusuchen, die Zeitungs-berichte oder Aufzeichnungen über diesen Naturgesetzumschwung, dokumentiert hatten. Auch wenn es sich um eine ganz andere Geschichte handelte, hatten es Menschen aufgeschrieben. Alles was einmal auf der Welt geschehen war, und irgendwie wert war erwähnt zu werden, haben Menschen aufgeschrieben, um es der Nachwelt mitzuteilen.

Das war ein guter Anfang auf dieser Welt oder zu diesem Zeitpunkt, wie auch immer, dachte sich Peter.

Anschließend würde er die Suche nach dem -meschuggen Schwadden- in Angriff nehmen, nahm er sich vor. Zum einen war er ziemlich verzweifelt, zum anderen erlebte er hier allerdings ein echtes Abenteuer.

Also mal ehrlich, was für aufregende Sachen hatte er denn bisher mitgemacht. Den letzten Anflug von Adrenalinverdacht hatte er letztes Jahr beim ADAC-Sicherheitstraining. Das reichte wirklich nicht für abendfüllende Geschichten, mit denen man Frauen imponieren konnte.

Peter beschloss den Nachmittag zu nutzen und den Ablauf der letzten Tage, von seinem Tauchgang beginnend, zu notieren. Er hatte bisher keine Ahnung, ob seine Vermutungen richtig waren, aber sie waren vor allen interessant und so begann er ein Tagebuch zu schreiben.

Eine große Schwäche von ihm war es, sich Namen zu merken. Wenn er Menschen, die er nur flüchtig kannte, nach knapp drei Tagen wieder sah, hatte er bereits dessen Namen vergessen. Er hatte jedoch eine Taktik entwickelt, Gespräche so zu lenken, dass er dem Gegenüber nicht mit Namen ansprechen musste. Das ging nicht immer gut. Peter hatte sich angewöhnt, vor Partys und Meetings mit Kunden, sich die Namen möglicher Teilnehmer auf Zettel zu schreiben. Auch hierbei gab es allerdings gute und peinliche Momente, daher wird das Tagebuch ihm vielleicht auch hierbei helfen.

Peter Freimann hatte noch ein Problem, sein einziges Gepäck, dass er aus der alten Welt mitgenommen hatte, war eine Badehose und ein Neoprenanzug nebst Tauchgerät. Keine Papiere; kein Geld; nichts.

Er war ein Unbekannter, mit Nichts, im Irgendwo oder Irgendwann.

Auf diesem Schiff wurde er von der Mannschaft verpflegt, wie es die Pflicht zur Pflege und Genesung von Schiffsbrüchigen oder Im-Meer-Treibende, vorschreibt.

Aber was ist auf dem Festland, fragte sich Peter.

Er hatte in seinem bisherigen Leben Fenster verkauft! Brauchte man einen Menschen, der Fenster verkaufen konnte? Vielmehr einen Menschen, der Aufträge eingeben konnte, damit Fenster gefertigt und verkauft wurden?

Er selber hatte keine produziert! Das konnten andere! Er hatte kein handwerkliches Geschick, hatte keine rhetorischen Fähigkeiten, war kein Zauberer oder Künstler! „Brauchte diese Welt einen Peter Freimann?“

Konnte er auf dieser Welt mit seinem Wissen und Nichtkönnen überleben?

Diese Fragen quälten ihn und seine ganze abenteuerliche Euphorie verflog. Verdammt, hätte er auf der Volkshochschule doch irgendein Instrument spielen gelernt, oder zumindest einen Töpferkurs belegt, ärgerte er sich.