Iphigenie in Aulis - Gerhart Hauptmann - E-Book

Iphigenie in Aulis E-Book

Gerhart Hauptmann

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Beschreibung

Hauptmann führt den Leser tief in die griechische Mythologie und macht Lust auf mehr.Agamemnon, Anführer der Griechen im Trojanischen Krieg erbeutet in dem Gebiet der Artemis, Göttin der Jagd, einen heiligen Edelhirsch. Zur Strafe soll er seine Tochter Iphigenie der erzürnten Göttin opfern, andernfalls kann der Trojanische Krieg nicht fortgeführt werden...-

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Gerhart Hauptmann

Iphigenie in Aulis

Erster Teil der Atriden-Tetralogie Tragödie

Saga

Iphigenie in Aulis

 

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1944, 2021 SAGA Egmont

 

Alle Rechte vorbehalten

 

ISBN: 9788726957105

 

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

 

www.sagaegmont.com

Saga Egmont - ein Teil von Egmont, www.egmont.com

Dramatis personae

Agamemnon Klytämnestra Iphigenie, auch Iphianassa genannt Menelaos Achilleus Odysseus Aigisthos Kalchas Thestor Kritolaos Talthybios Peitho Ein Herold Chor der alten Männer Der Führer des Chors Drei weibliche Gestalten Stimmen aus dem Volke

 

Die Tragödie hat von Anfang bis Ende ihren Verlauf

im Monat Thargelion (etwa Mai und Juni).

Erster Akt

Vor dem Zelt Agamemnons: ein Rasenplatz mit Zelteingang. Steile Küstengegend, hie und da mit Ausblick über See und jenseits der Aulisbucht über die Insel Euböa mit Chalkis. Höher als der Zeltplatz liegt der Artemistempel von Aulis, ein älterer Säulenbau, durch einen Park uralter Bäume verdüstert. Noch ist es Nacht, mit geringer Morgendämmerung hinter dem Tempel. Vollmond. Vor dem Zelt hält, auf einem behauenen Stein sitzend, beim Licht einer Fackel Kritolaos Wache.

Erster Auftritt

Kritolaos

Seltsam spukt wacher Schlaf und schlafendes

Wachsein! Wann endet dieser schlimme Trug

und wo? Der Mondesgöttin grauses Licht,

das leichenhafte und gespeist aus Gräbern,

ist seine Milch. Wer mag vom Hades noch

getrennt sich fühlen in der obren Welt?

O Gott, in welchem Graun sind wir gefangen!

Was ist geschehn, daß tausend Schiffe nun

zerbröckeln in der Bucht von Aulis? Wütig

sind sie erst jüngst herangebraust zum Kampf.

Nun ja, es brennt der Himmel gnadenlos.

Nach Wasser heulend, schreiend, kreischend zieht,

von Priestern angeführt, das Volk umher

in Prozession, soweit nicht Raserei

des blinden Wahnsinns es zur Erde schleudert,

wo es mit blutigen Händen hoffnungslos

nach Wasser gräbt. Mit Jauchzen hub es an!

Kaum, daß von Sparta und Mykene her

der Atreussöhne Kriegsruf über Hellas

erscholl, so gab es tausendfältig Antwort.

Zu werben, Boten auszusenden tat

nicht not; die fernsten Gaue stimmten ein

in das Getös nach Rache: »Den Dardanern

und ihrem Königshause Fluch und Tod!

Man mache ihre Stadt dem Boden gleich«,

so hieß es, »denn es soll die Welt erkennen,

was es bedeuten will, friedbrecherisch

an einer Fürstin Menschenraub zu üben,

die Hellas ihre Heimat nennt, und noch

dazu das heilige Gastrecht zu verraten.«

Furchtbare Wendung! Ohnmacht überfiel,

durch gnadenlose Glut Apolls, das Heer.

Es lechzt nach einem Tropfen Wasser mehr

als nach Dardanerblut. Die Fürsten hadern,

und für den Zorn der Götter gibt der eine

dem andern schuld. So wurde Palamedes

gesteinigt: fürchterliche Freveltat

entehrte gleich am Anfang unsern Zug.

Das Opfer war umsonst, denn weiter brütet

tödlich der Tag wie eines Ofens Glut.

Wer aber wird als nächstes Opfer bluten?

Zweiter Auftritt

Menelaos kommt.

Menelaos

Ja, wer? Bist du es, Kritolaos?

Kritolaos

Ja,

sofern nicht Wahnwitz meine Sinne trübt.

Menelaos

Wo ist mein Bruder, und wie geht es ihm?

Kritolaos

O frage nicht! Im ganzen Griechenheer

niemand so schlimm wie ihm.

Menelaos

Ich weiß es wohl,

und deshalb komm' ich.

Kritolaos

König Menelaos,

mir ahnet Schlimmes: den ein Hagel Steine

erschlug, war Agamemnons rechte Hand.

Menelaos

Ich, leider, leider, war nur seine linke:

als rechte hätt' ich besser ihn geführt;

doch Ohrenbläser trennten ihn von mir.

Was half's ihm, daß er mich verleugnete,

weil mich zu schmähn Ulyß, der Laertiad',

nicht müde ward und auch nicht müde wird.

Er nennt mich Hahnrei: eines Hahnreis wegen –

erklärt er jedem, der es hören will –

stürzt man mit sinnlos blindem Rachezug

das ganze reiche Hellas ins Verderben

und ruft auf uns der Götter Zorn herab.

Und Agamemnon, statt den Laertiaden

mit einem Faustschlag stumm zu machen, läßt

den Schänder unsres Hauses stumm gewähren.

Kritolaos

Schafft Wasser! Wenn das gnadenlose Blau

des erzenen Himmels sich ein wenig trübt,

erquickt schon Hoffnung die Verschmachtenden.

Und was den König grauenvoll bedroht:

wenn nur die ersten großen Tropfen fallen,

der Opferbrand, nach dem das Volk verlangt,

der schon nach einem Atreuskinde züngelt,

verlöscht im lauen Regen. Wasser, Wasser!

Schafft Wasser!

Menelaos

Hast auch du davon gehört,

was sich im Heer und Volk zutage wühlt?

Es habe Artemis sich kundgetan

zu Delphi durch die Priesterin Apolls:

daß Agamemnon schmählich sie beleidigt,

mit frecher Hand ihr Heiligtum entweiht.

Was ist geschehn? Weißt du davon?

Kritolaos

Ja, Herr.

Du kennst die Jagdwut deines Bruders: mag

wohl sein, die Jagdlust riß den König hin.

Er wußte wohl nicht, wo er war des Nachts,

und traf von ungefähr im heiligen Hain,

im Angesicht der Göttin, die taghell

von oben blickte, ihre heilige Hinde.

Er ließ sie liegen, und man fand sie tot.

Menelaos

Hat er es dir gebeichtet?

Kritolaos

Ja und nein.

Doch fand ich bald ihn fürchterlich verändert.

Die gnadenlose Glut des Himmels, die

sogleich begann: er sah in ihr die Hand

der Göttin. Wirrer Sinn befiel ihn dann

zuweilen. Unbewußt, nachtwandlerisch

fand ich ihn oft und schwer vom Schlaf zu wecken.

So ist er noch. Und nun hat Kalchas ihm,

der Seher, Arges in den Kopf gesetzt.

Menelaos

Nicht ihm allein wahrhaftig: laut gefordert

wird es vom Volk bereits in jedem Bittgang,

und diese folgen endlos aufeinander.

Kalchas, aus Ohnmacht oder Herrschbegier,

bestärkt das Volk, das der gekränkten Göttin

für eine Hinde Menschenfleisch verspricht:

und zwar des Sünders, Agamemnons, Tochter

nach altverruchtem, heut verfluchtem Brauch.

Kritolaos

Herr, daß es Worte gibt, dies auszusprechen!

Es hören bringt mich schon dem Tode nah.

Menelaos

Und doch: der schwarze Wahnsinn wächst im Volk

zusehends. Ihn ernährt die nackte Not;

den Feinden aber König Agamemnons

kommt er genehm. Das Ungeheure wird

er nie und nimmer billigen und tun,

so meint man. Und wo in ganz Hellas wäre

ein Vater fähig, seine liebste Tochter,

halb noch ein Kind, dem grauenvollen Wahnwitz

der blutbegierigen Priester aufzuopfern?

Allein, verweigert er's – wer zweifelt dran? –,

so ist's das jähe Ende seiner Macht.

Kritolaos

O wär' es so! Aufjauchzen wollt' ich laut,

den König im Triumphe heimgeleiten

nach Argos, als getreuer Sklave ihn

und Arzt getreulich pflegen, bis er stark

und kerngesund des eignen Reichs genießt.

Allein, ein böser Dämon hat sich sein

bemächtigt. In der Bucht erschien ein Schiff,

schwarz, rote Fratzen auf den schwarzen Segeln,

des bloße Gegenwart ihn grausam quält.

Von Tauris stammt es, steht der Göttin zu,

die mehr als alle lechzt nach Menschenblut.

Wer zittert nicht in Graun vor Hekate?

Hund, Pferd und Löwe zeigt die heilige Säule

auf Deck des Schiffes, Hundsgebell ertönt

von dort die ganze Nacht: es schreit um Rache –

so meint das Heer und rings im Land das Volk –,

es heult um Rache für die heilige Hirschkuh.

Den König aber bringt's dem Wahnsinn nah.

Er muß es hören überall! Vergeblich

sucht er zu schlafen. Er verstopft vergeblich

mit Wachs die Ohren, hüllt in Felle sich

das Haupt, und nicht Gesang noch Saitenspiel

vermag das Wutgebell zu übertönen.

Menelaos

Denkst du wie ich, getreuer Kritolaos,

so schaffen wir ihn fort mit einem Handstreich.

Kritolaos

Zu spät!

Menelaos

Warum zu spät?

Kritolaos

Er gab dem Drängen

des Kalchas und dem eignen Wahnsinn nach

und gab Befehl zur Reise Klytämnestras

und Iphigeniens hierher ins Lager.

Menelaos

Du lügst! Unmögliches geschieht nicht! Nie

wird Agamemnon darein willigen,

den Schlächtern seine Tochter auszuliefern.

Kritolaos

Und was dann wohl bedeutet sein Befehl?

Menelaos

Daß ein Verbrechen sich vollenden will,

ganz Hellas schändend, so wie keines vor ihm

und keins in aller Zukunft es vermag:

und ließe ein Atride es geschehn

und jemand, der dem Haus verbunden ist,

ihm wüßt' ich keine Strafe groß genug

im Reich des obren und des schwarzen Zeus.

Dritter Auftritt

Agamemnon

noch unsichtbar He, Kritolaos! Kritolaos, he!

Agamemnon erscheint im Nachtgewand. Menelaos ist ins Dunkel zurückgewichen.

Wo bist du? Wollt ihr alle mich verlassen?

Kritolaos

Nein, Herr, hier bin ich.

Agamemnon

Bist du wirklich noch?

Ich weiß nicht, ob ich bin, noch, ob ich nicht bin.

Vielleicht, daß etwas sich in mir erhebt

vom Trotze des Titanen, den die Wut

des Zeus für seine Menschenliebe traf,

ihn lebend an den Felsen nageln ließ

durch seinen niedren Schmiedeknecht Hephäst

und seine Flügelhunde auf ihn hetzte,

die täglich ihm in aufgerißner Brust

die Leber mit den Fängen blutig ritzten

und, ohne ihn zu töten, an ihr fraßen.

Das ist mein Los. Doch mag der Abgrund mich

verschlingen: was er will, wird nie geschehn!

Kritolaos

Und was verlangt der Göttervater, Herr?

Agamemnon

Du nennst ihn Vater! Schäme dich des Worts! –

Das Opfer Iphigeniens, meiner Tochter!

Kritolaos

O lästre nicht den Uranionen Zeus,

der diesem blutigen Pfaffenratschluß fernsteht!

Dem nichts verborgen bleibt, solang er will,

er schließt zuweilen seine beiden Augen

und mag nichts wissen von Olymp und Welt.

Agamemnon

Wie es auch immer sei, ich trotze ihm!

Unsterblich brennt in mir Titanenblut.

Die Götter stürzten uns, so sagen sie,

um Menschen, Welt und Erdreich zu befrieden.

Und jetzt: sie spielen mit uns Katz und Maus.

Doch nun gib acht! Hier ist die Luft voll Mord.

Die Erde murrt und bebt. Die Leichen treiben,

verkrampft zu eklen Klumpen, im Euripos.

Aasgeiern gibt die keusche Aulisgöttin

allüberall ein gnädig-üppiges Gastmahl,

das auch die heiligen Hunde nicht vergißt.

So fresse sie das ganze Griechenheer

und alles Volk von Aulis meinethalb:

nur meine Tochter lasse sie in Frieden.

Spann unsre besten Stuten ins Geschirr

und schone weder Wagen noch Gespann,

bis du dem Reisezug begegnest, der

mit meinem Weibe, deiner Königin,

und Iphigenien hierher unterwegs ist, –

und wenn du ihn erreicht hast, kehr ihn um!

Kritolaos

völlig verändert, küßt Agamemnon die Hände

O Herr, dies auszuführen macht mich wach

wie nie und froh wie nie in meinem Leben!

Agamemnon

Der Fürstin übergibst du diesen Brief:

nicht eine halbe Stadie darf sie noch

nach vorwärts reisen, wenn sie ihn erhielt.

In nichts laß, Kritolaos, mit dir rechten,

auch Iphianassas Bitten achte nicht.

Kritolaos

Und weshalb sollte die Prinzessin wohl

bestehn auf dieser Reise in den Tod?

Agamemnon

Weil Jugend blind ist, wo das Neue lockt,

und Botenworte allzu leicht verwirren.

Kritolaos

Gib mir den Brief, o Herr, und lebe wohl!

Kritolaos erhält den Brief und eilt davon.

Vierter Auftritt

Agamemnon, danach Menelaos, aus dem Dunkel hervortretend.

Agamemnon

Und nun, ein gnädiger Gott begleite dich.

Menelaos

Ein gnädiger Gott! Schon ist er um dich, Bruder,

und hat zum Wahren deinen Sinn gelenkt,

zum einzig Guten.

Agamemnon

Und auch, daß du hier bist, so unerwartet, Bruder, scheint sein Werk.

In dieser Stunde meiner höchsten Not

stellt er dich neben mich, ich fühl's, als Retter.

Mir ist, als ob dein kühl-entschloßner Geist

die Fiebergluten, die mich blind gemacht,

für immer kühlte – ja, für immer! Ja!

So schlimm mein Anschlag war: er ist vergessen.

Menelaos

Wie nie gewesen, Bruder!

Agamemnon

Muß es sein,

erhält Talthybios sogleich Befehl,

mit lautem Heroldsruf das ganze Heer

der Griechen abzudanken. Sei es denn:

die Zeichen stehen gegen unsern Zug.

Menelaos

Nichts übereilen, Bruder. Von dem schwarzen Festschiff,

das uns durch seine Gegenwart bedrückt –

es ist, so heißt's, von Hekate gesandt,

der heilig-reinen Himmelsfrau von Aulis

bei ihrem Fest zu huldigen! –, von hier

dringt da- und dorthin heiliges Geraun:

kein Menschenopfer, heißt es, habe statt,

und eher werde Artemis zur Göttin

dein Kind, die zweite Helena, erhöhen,

als daß ein Tröpflein ihres Blutes fließt.

Agamemnon

Und doch umgibt das Festschiff Aasgeruch.

Gewölk von Geiern senkt sich drüber her –

das einzige Gewölk im erznen Himmel –,

senkt sich und hebt sich, Eingeweide schleifend

aus krummen Schnäbeln. Sind es menschliche?

Gerüchte sagen: ja! Gerüchte sprechen

von einer mehr als Hundertjährigen:

wer sie gesehn, will wissen, sie sei weiß,

in ihres Haares weißen Seidenmantel

allein gehüllt! Die Augensterne zittern

blutrot. Sie nagt als heilige Nahrung nur

Kaninchen, weiß im Fell und rotgeäugt wie sie.

Nur in dem schwachen Licht der Mondfrau kann

sie sehen, in dem Licht Apollens ist

sie blind. Selbst Kalchas sagt, man hole nachts

Gefangene zuweilen aus dem Schiffsraum,

geknebelt, und die grause Priesterin

bring' sie auf schaurig-rätselvolle Art

der schwarzen Göttin, der sie dient, zum Opfer.

Menelaos

Doch läßt mich irgend etwas Hoffnung schöpfen

beim Anblick dieses schwarzen Knäuls der Drohung.

Agamemnon