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Beinahe vier Jahre ist es her, dass Aurelia Freud ihrer Konkurrentin Kathleen Zerwitsch im letzten großen Turnier der Judosaison unterlag. Verloren war damit jedoch nicht nur der Kampf, sondern auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio. Jetzt will Aurelia nach vorne sehen und sich auf die kommenden Spiele konzentrieren. Der Plan ist einfach: So hart trainieren wie nie zuvor. Doch ausgerechnet Kathleen ist es, die dem Bundeskader als neue Assistenz-Trainerin vorgestellt wird. Nach einer schweren Verletzung musste die Frau, die einst Aurelias ärgste Rivalin war, ihre Karriere beenden. Und nun soll genau sie Aurelia dabei helfen, sich für das wichtigste Turnier ihrer Karriere zu qualifizieren. Die Judoka muss einen Weg finden, sich auf den Sport und nicht auf ihre widersprüchlichen Gefühle zu konzentrieren. Ein unmögliches Unterfangen – oder der Beginn von etwas noch Größerem?
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Foto © Saskia Nieke
Über die Autorin
Saskia Nieke wurde im Jahr 2000 bei Berlin geboren, wo sie noch heute mit ihrem Partner und einem Stubentiger lebt. Die studierte Biologin ist passionierte Kampfsportlerin und besucht regelmäßig Treffen für alternative japanische Mode. Als @saskianieke teilt sie ihre Leidenschaft für Bücher und das Schreiben auf Instagram. Ihren Debütroman „Im Blitzlichtgewitter“ publizierte sie 2022 im Tagträumer Verlag. Mit „Was die Dornen flüstern“ erschien ihr zweites Werk 2024 bei Wreaders.
WREADERS E-BOOK
Band 287
Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen
Vollständige E-Book Ausgabe
Copyright © 2025 by Wreaders Verlag, Sassenberg
Verlagsleitung: Lena Weinert
Druck: Custom Printing
Bestellung und Vertrieb: Nova MD GmbH, Vachendorf
Umschlaggestaltung: Jessica Rose
Lektorat: Buchkompass Lektorat
Korrektorat: Barbara Dier
Satz: Antje Weise
www.wreaders.de
Für die BSG Neu Zittau,
meinen Heimathafen.
Content Notes
Dieses Buch enthält Szenen, die im Zusammenhang mit folgenden potenziell unangenehmen Themen stehen:
Sportverletzungen
Beziehungen mit beruflichem Machtgefälle
Sexuelle Handlungen (einvernehmlich!)
Playlist
Fight for this Love – Cheryl Cole
That’s How You Know That You’re in Love – Loving Caliber x G Curtis
Oh No! – Marina and the Diamonds
Invested – Loving Caliber x Lauren Dunn
Really Like You – Anja Kotar
Can’t Pin Me Down – Marina and the Diamonds
In Love – Gamma Skies
Electric – Jane & The Boy
I Found The Answers In You – Loving Caliber x Mia Niles
Showed Me How To Heal – Victor Lundberg
Laugh It Off – Jane & The Boy
Someone Like Me – Velvet Moon
In My Head – Jason Derulo
Hotel – Pitbull
Prolog
Dreieinhalb Jahre zuvor
Matte zwei – In der Gewichtsklasse bis dreiundsechzig Kilogramm kämpfen nun um Platz drei: Aurelia Freud vom UJKC Potsdam gegen Kathleen Zerwitsch vom Judo-Club Friedrichsfelde ’05.«
Aurelia zog ihren Gürtel noch einmal fest. Bereits seit zwei Tagen war sie in Düsseldorf, hatte die letzten Monate tagein, tagaus trainiert, alles nur für diesen Moment. Sie pflückte einen unsichtbaren Fussel von ihrem blauen Gi, ihrem Judoanzug, während sie an die Matte herantrat. Hier ging es um mehr als nur um einen dritten Platz beim Grand Slam. Dies war das letzte Turnier, bevor feststehen würde, wer zu den Olympischen Spielen in Tokio fahren durfte. Olympische Spiele in Japan, dem Geburtsort des Judo – ein Traum, der für Aurelia beinahe zum Greifen nah war.
Sie verbeugte sich vor der Tatami. Den Jubel und die Schreie der feiernden Fans blendete sie in diesem Moment komplett aus, genauso wie den Schweißgeruch, der in diesen Tagen an allem zu haften schien. Als sie einen Schritt auf die blauen Matten tat, fiel Aurelias Blick auf ihre Konkurrentin. Nur ein Weltranglistenplatz trennte sie beide. Ein einziger Weltranglistenplatz, der darüber entscheiden würde, wer von ihnen den Traum von Tokio leben durfte. Und es war dieser eine Weltranglistenplatz, der sich durch Sieg oder Niederlage in diesem Kampf verschieben konnte. Kathleens Blick war starr auf den Kampfrichter gerichtet. Eine weitere Verbeugung folgte, dann sahen sich die Kontrahentinnen in die Augen. Natürlich hatten sie schon gemeinsam trainiert, auch wenn Aurelia und Kathleen für unterschiedliche Vereine antraten. Auf der Weltbühne des Sports kannte man sich, ob man es nun wollte oder nicht. Eine letzte Verbeugung, diesmal voreinander. Aurelia versuchte, eine Emotion oder auch nur einen Funken von Erkennen in den Augen ihrer Gegnerin abzulesen, doch sehen konnte sie nichts. Still wie dunkelgrüne Teiche blickten ihr Kathleens Augen entgegen.
»Hajime.« Das war das Signal des Kampfrichters zu beginnen. Aurelias Gesichtszüge verhärteten sich, ihre Muskeln spannten sich an. Kathleen trat zwei bestimmte Schritte vor, das Gesicht ihrer Kontrahentin im Visier. Aurelia blickte schnell auf ihre Hände. Sie wusste, wenn sie die Erste war, die einen sicheren Griff am Anzug ihrer Gegnerin finden konnte, würde ihr das einen Vorteil verschaffen. Doch das bedeutete nicht nur, selbst ein Stück Stoff zu fassen zu bekommen, sondern auch zu verhindern, dass Kathleen ihrerseits ihren Gi in die Finger bekam. Aurelia machte einen Schritt, dann noch einen weiteren. Jetzt standen sie sich zum Greifen nah. Kathleen streckte den Arm aus, doch Aurelia schlug ihn weg. Nein, sie würde zuerst einen sicheren Griff finden! Sie schob Kathleens Arm fort, als dieser ihr zu nah kam. Dann griff sie selbst zu. Angriff war die beste Verteidigung, das hatte Aurelias Coach ihr immer wieder eingebläut, während sie für dieses Turnier trainiert hatte. Kathleen riss an Aurelias Arm, doch deren Finger hatten sich bereits fest in das Revers des Anzugs ihres Gegenübers gekrallt. In diesem Moment hätte sie eher Säure geschluckt, als ihren Griff zu lockern. Das erkannte auch Aurelias Gegnerin. Sie griff ihrerseits zu, etwas, das Aurelia nun nicht mehr verhindern konnte. Doch sie konnte eines: Angreifen. Beherzt riss sie am Anzug der Konkurrentin, um sie zu sich heranzuziehen. Körperkontakt konnte den entscheidenden Unterschied machen, wenn es darum ging, ob ein Wurf gelang oder nicht. Und dieser sollte gelingen, koste es, was es wollte. Mit der linken Hand zog sie Kathleen nach oben, um das Gleichgewicht ihrer Gegnerin zu brechen – eine weitere Sache, die im richtigen Moment über Sieg oder Niederlage entscheiden konnte. Tatsächlich setzte Kathleen als Reaktion auf den Zug ihren rechten Fuß nach vorn, genau das, was Aurelia gewollt hatte. Siegessicher ließ sie mit ihrer rechten Hand los, um diese unter den rechten Arm ihrer Gegnerin zu schieben, während der Rest ihres Körpers sich eindrehte. Po vor den Bauch, in die Knie gehen und die Hüfte beim Hochkommen nach hinten schieben – wie sie es schon als kleines Mädchen gelernt hatte, setzte sie die Schultertechnik an. Sie spürte bereits, wie die Füße ihrer Kontrahentin den Boden verließen, als Aurelia mit beiden Händen an ihrem rechten Ärmel zog. Doch an irgendeinem Punkt – Aurelia konnte nicht genau benennen, wann dieser sich einstellte – ging etwas schief. Sie schien die Kontrolle über den Wurf und damit auch über Kathleen zu verlieren. Sie rutschte ihr von der Hüfte. Wie in Zeitlupe sah sie die Gegnerin an sich hinuntergleiten, aber nicht so, wie sie es geplant hatte. Stattdessen ließ sich Kathleen ganz bewusst fallen. Nicht, weil Aurelia es so wollte.
Irgendwo im Publikum schrie jemand erstaunt auf.
Kathleen ließ sich fallen, um einen Vorteil zu erhaschen und ihr eigenes Körpergewicht gegen ihre Kontrahentin einzusetzen. Eine Opfertechnik. Und während sie fiel, fanden ihre Hände Halt in Aurelias Anzug. Kathleens Fuß hakte sich an der Innenseite ihres Oberschenkels ein. Als erfahrene Judoka wusste Aurelia ganz genau, was nun folgte, aber als sie es vollends begriffen hatte, war es bereits zu spät. Kathleen zog mit ihrem ganzen Gewicht an Aurelias Körper, während ihr Bein diese von den Füßen hob. Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass sich Fallen für einen kurzen Moment wie Fliegen anfühlen sollte. Doch stattdessen fühlte sich Fliegen nur wie Fallen an, nicht mehr und nicht weniger. Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie in Kathleens Gesicht. Sie hatte erwartet, sie lächeln zu sehen, nun, da sie kurz davorstand, diesen Zweikampf zu gewinnen. Doch anstelle von zufrieden gehobenen Mundwinkeln sah sie nur die Schweißperlen auf ihrer Stirn glänzen und Augenbrauen, die sich konzentriert zusammengezogen hatten. Dann drehte Aurelia sich schon und mit ihr die Halle um sie herum. Als ihr Rücken hart auf den blauen Judomatten aufkam, zerplatzte ihr Traum wie eine Seifenblase.
Kapitel 1
Dreieinhalb Jahre später – Aurelia
Endlich konnte sie ihr Abschlusszeugnis in den Händen halten. Bumm, bumm, bumm – Aurelias Herz schlug fast so heftig wie nach dem Ausdauertraining. Sie verließ das Universitätsgebäude und blickte auf die Papiere in ihren Händen. Master of Science, das klang beinahe wie Musik in ihren Ohren. Obwohl sie die Regelstudienzeit um ein paar Semester überschritten hatte, war sie kein Stück weniger stolz auf diese Leistung – immerhin hatte sie die Zeit nicht einfach vertrödelt, sondern hart trainiert und an internationalen Wettkämpfen teilgenommen. In diesem Moment war sie ebenso stolz auf ihren Titel als Vize-Junioren-Europameisterin im Judo wie auf dieses Stück Papier, welches ihren Abschluss in Clinical Exercise Science nachwies – und das musste gefeiert werden. Umsichtig legte sie den Stapel an Papieren zurück in die Mappe, in der ihr die Zeugnisdokumente übergeben worden waren. Dann packte Aurelia alles in ihre Tasche, in der sie daraufhin nach ihrem Handy fischte. Kaum dass sich ihre kräftigen Finger darum schlossen, begann es zu vibrieren.
Als sie den Namen auf dem Display las, stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen, welches auch ihre Augen erreichte. Sofort drückte Aurelia auf den grünen Hörer.
»Ich habe gerade an dich gedacht«, begrüßte sie ihre beste Freundin Dani.
»Du denkst jede freie Sekunde an mich.«
»Woher weißt du das denn jetzt schon wieder?«
»Ich spür’s in meinem kleinen Zeh kribbeln, jedes Mal, wenn du an mich denkst.«
Aurelia lachte laut auf. Eine kleine Gruppe von Studentinnen, die gerade an ihr vorbei auf das Hauptgebäude der Universität zusteuerte, warf ihr verunsicherte Seitenblicke zu, doch das löste Aurelia nicht aus ihrer Erheiterung. Als sie dreizehn gewesen waren, hatte sich Dani beim Training den kleinen Zeh in einer Lücke zwischen zwei Judomatten eingeklemmt und stark umgeknickt. Im Alltag beeinträchtigte sie das zwar nicht, doch seitdem fühlte es sich so an, als wäre der Zeh permanent eingeschlafen. Das hatte Dani zumindest irgendwann mal behauptet.
»Wenn deine hellseherischen Fähigkeiten dafür noch ausreichen, dann verrate mir doch mal, warum ich an dich gedacht habe.«
»Mhh.« Dani schlug einen grüblerischen Ton an und Aurelia konnte sich gut vorstellen, wie sie dabei mit ihrem rosa lackierten Fingernagel auf die kleine Furche in ihrem Kinn tippte. »Du hältst es endlich in den Händen, richtig?«
»Gerade in die Tasche gepackt, bevor du angerufen hast.«
Aurelia sah sich um. Nicht weit von sich entdeckte sie eine Bank, auf die sie sich setzte. Wer konnte schon ahnen, wie lang dieses Gespräch noch dauern würde?
»Und, wie fühlt es sich an?«
Danis Stimme erreichte mit jedem Wort eine neue Oktave, die noch höher als die vorherige angesiedelt war. Wenn Aurelia Herzklopfen hatte, weil ihr Studium endlich beendet war, dann machte Dani Luftsprünge. Sie war nicht nur ihre beste Freundin, manchmal war sie auch ihr größter Fan – und dafür liebte Aurelia sie noch ein kleines Stückchen mehr.
»Mächtig, irgendwie. Ich weiß auch nicht, als wäre ich jetzt ein ganz kleines Stückchen erwachsener. Aber natürlich ist das auch vollkommener Quatsch, ich bin immer noch die, die ich heute Morgen war, außer vielleicht mit ein wenig mehr Appetit und unordentlicher Frisur.«
Dani lachte am anderen Ende der Leitung.
»Wenn deine Haare jetzt noch schlimmer aussehen als nach dem Aufstehen, solltest du sie vielleicht komplett abschneiden.«
»Hey! Diese blonde Lockenpracht ist mein ganzer Stolz!«
»Dein ganzer Stolz ist nicht einmal zehn Zentimeter lang. Hast du ein Glück, dass du kein Typ bist.«
Jetzt lachten sie beide. Aurelia hielt sich die freie Hand vor den Bauch, doch es half kein Stück dabei, ihren Lachanfall zu stoppen. Mit der anderen musste sie das Handy gut festhalten, damit es nicht aus ihrem Griff rutschte.
»Also«, fand Dani als Erste den Faden wieder, »wenn du noch ein paar Früchtchen besorgst, kann ich um vier hier fertig sein. Die Flasche steht schon kalt, ich gebe Aki Bescheid und dann kann die Sause starten.«
Aurelia sah auf die Uhr. Es war kurz vor drei. Wenn sie sich aufs Fahrrad schwang, konnte sie sich für ihren Zwischenstopp bei Aldi sogar noch richtig Zeit lassen, bevor sie bei Dani aufkreuzen würde.
»Das klingt großartig. Treibt es nicht zu bunt, bevor ich da bin!«
»Ich bitte dich. Kann es ohne dich überhaupt eine gute Party sein?«
»Keine Ahnung, ich war noch nie auf einer Party ohne mich.«
»Ich schon und das war öde. Tu mir das nie wieder an!«
»Selbst schuld, wenn du ohne mich irgendwo hingehst.«
Vor ihrem inneren Auge streckte Aurelia Dani die Zunge raus, aber das konnte sie auf offener Straße natürlich nicht einfach mit dem Telefon in der Hand machen.
»Touché. Na dann, darauf, dass wir nichts mehr ohneeinander tun werden!«
»Warte mit den Trinksprüchen bitte, bis ich da bin, in Ordnung?«
Dani gluckste, zog vermutlich für einen Moment einen Schmollmund und fand dann ihre Stimme wieder.
»Keine Sekunde länger, versprochen.«
»Alles klar, bis gleich. Und sag Aki, sie soll nicht wieder diese furchtbaren Glitzersocken anziehen, die bei jedem Schritt knirschen!«
Doch es tutete schon in der Leitung. Aurelia wusste, das war Danis Art, zu sagen, dass nicht einmal sie ihre Schwester vor schlechtem Sockengeschmack schützen konnte.
Mit einer gefrorenen Packung Blaubeeren unter dem Arm drückte Aurelia auf einen der Klingelknöpfe des Altbaus, in dem Dani wohnte, seitdem sie die Sportschule beendet hatten. Als das vertraute Summen ertönte, drückte sie die Tür mit der Hüfte auf und ging hindurch. Aurelia konnte nicht ansatzweise schätzen, wie oft sie die zweiundzwanzig Treppenstufen bis zur Wohnung von Dani in den letzten sechs Jahren schon gegangen war, doch sie bildete sich ein, entscheidend zur Abnutzung der Stufenmatten beigetragen zu haben.
An der Wohnungstür erwartete sie nicht Dani, sondern deren jüngere Schwester Aki mit offenen Armen.
»Herzlichen Glückwunsch, Große«, hieß sie sie willkommen – ein Witz in Anbetracht dessen, dass Aurelia keine besonders großen Meter achtundsechzig maß, doch Dani und Aki reichten ihr dennoch nur bis zur Nasenspitze.
»Dai verstreut noch ein wenig Glitzer oder so, bevor du diese Schwelle als Akademikerin übertrittst.«
Dani hieß eigentlich Dai, doch irgendwann in der Grundschule hatte sie beschlossen, sich lieber Dani zu nennen, weil ihre Klassenkameraden und Lehrer ihren Namen einfach nie richtig aussprachen und ständig von Dei zu Da-ih wechselten. Als Aurelia erst Jahre später in der Sportschule durch einen Zufall erfahren hatte, dass Dani eigentlich Dai hieß, hatte sie sich schon so weit daran gewöhnt, dass es ihr komisch vorkam, ihre Freundin plötzlich anders zu nennen.
»Sie weiß, dass ich schon mit einem Bachelorabschluss Akademikerin war, richtig?«
Aki zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung, was in diesem hübschen Kopf manchmal vorgeht und was nicht.«
»Oh, ich weiß gar nicht, ob ich das immer wissen wollen würde.«
Aurelia reichte Aki die Beeren und kniete sich hin, um den Reißverschluss ihrer Stiefel zu öffnen. Erst, als sie aus ihnen hinausgeschlüpft war, betrat sie die Wohnung – und wurde beinahe von rosa Luftschlangen erschlagen.
»Alles Gute zum Masterabschluss«, schrie Dani und sprang förmlich in Aurelias Arme. Sofort umhüllte sie der wohlbekannte Geruch von Zuckerwatte und dem blumigen Shampoo ihrer besten Freundin. Danis dunkles Haar kitzelte an ihrer Nase, während die zierliche Frau versuchte sie zu erdrücken.
»Danke.«
Da war es wieder, das vertraute Gefühl des pochenden Herzens in ihrer Brust. Aber Aurelia war nicht nervös – sie war glücklich und stolz.
»Ich habe Baiser im Ofen, etwas Besseres habe ich leider auf die Schnelle nicht anrühren können«, sagte Dani, während sie sich aus der Umarmung löste.
»Zufällig ist Baiser gerade das Essen auf der Welt, auf das ich am allermeisten Lust habe.«
Aki stieß Dani in die Seite.
»Sie verarscht dich«, flüsterte sie laut.
Dann tropfte etwas von ihrem Arm auf den Boden.
»Ah, die Beeren!«
Dani schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
»Hopp, hopp auf die Couch mit euch, ich verschwinde noch für einen Moment in der Küche. Keine Widerrede!«
Und bevor sie Aki überhaupt berühren konnte, machte diese sich schon auf den Weg. In siebzehn gemeinsamen Jahren mit ihrer Schwester hatte sie gelernt, dass es keinen Sinn hatte, ihr zu widersprechen. Aurelia folgte ihr durch den schmalen Flur in das Wohnzimmer und auf die mausgraue Couch, über die eine zartrosa Tagesdecke gelegt war.
Aus dem Augenwinkel schielte sie auf die Fernbedienung, dann zu Aki.
Als hätten sie sich telepathisch verständigt, tat diese genau dasselbe.
»Netflix?«
»Worauf du dich verlassen kannst.«
Und schon hatte das Mädchen die Fernbedienung vom Couchtisch gegriffen und ihr in den Schoß geworfen.
Aurelia zog die Füße ein und setzte sich etwas bequemer hin, während sie die App öffnete.
»Sing oder Pets?«
»Auf jeden Fall Sing!«, tönte Dani aus der Küche. Zwei Minuten später erschien sie mit einem vollgepackten Tablett in der Tür, noch immer voll im Thema. »Diese kleinen roten Pandas sind jedes Mal mein Highlight! Ich verstehe nicht, warum Mister Moon sie nicht in der Show haben möchte.«
Aurelia lachte, doch Aki nickte mit solch einer Überzeugung, dass sie sich fragte, ob ihr davon nicht schwindelig werden müsste.
»So sei es.«
In übertriebener Gestik neigte sie den Kopf, als würde es sie Mühe kosten, sich Danis Wunsch zu beugen. Dabei wussten sie alle drei, dass kitschige Cartoons ihre Schwäche waren.
Mühelos balancierte Dani das Tablett zum Wohnzimmertisch, während auf dem kleinen Fernseher bereits das Moon Theater ins Bild rückte. Dann drückte sie sowohl ihrer Schwester als auch ihrer Freundin eine Sektflöte in die Hand, welche mit einer violetten Flüssigkeit und gefrorenen Beeren gefüllt war. Aurelia wusste, dass es Robby Bubble war – seit ihrer Zeit auf der Sportschule war es zu ihrer Tradition geworden, mit dem fruchtigen Sektersatz auf ihre Erfolge anzustoßen, daran hatte sich auch in all den Jahren nichts geändert. Da sie am nächsten Morgen zu einem Trainingslager aufbrechen würden, hätte sie ohnehin nicht die Nacht mit echtem Sekt durchfeiern können.
»Auf meine beste Freundin, die coolste Socke der Stadt und die intelligenteste gleich noch dazu.«
Dani hob das Glas und strahlte sie an.
Aurelia grinste. »Du weißt, dass ich nicht Medizin studiert habe, oder?«
»Das ist mir egal. Ich habe dich so lieb! Lass dich doch einfach mal feiern!«
Dann ließen sie ihre Gläser klirren. In diesem Moment hielt Aurelia sich für die glücklichste Person in ganz Potsdam, vielleicht sogar in ganz Brandenburg. Sie war bei den Menschen, die ihr am Herzen lagen, und hatte den bisher größten Erfolg ihres Lebens erzielt, ohne überhaupt eine Judomatte zu betreten. Für einen Moment lang war sie unbesiegbar.
Dani griff in die Tasche ihrer Jogginghose, gerade, als die ersten Tiere zum Vorsingen im Moon Theater eintrudelten. Aurelia hätte gedacht, dass sie nun die Augen nicht mehr vom Fernseher abwenden würde, schließlich war bald ihre Lieblingsszene zu sehen. Stattdessen reichte Dani ihrer besten Freundin eine kleine Plastiktüte, gefüllt mit bunten Papierschnipseln.
»Das ist für dich, sieh es als Abschlussgeschenk an.«
Verwirrt begutachtete Aurelia die Tüte in ihrer Hand. Als sie sie umdrehte, kam ein kleiner, beschrifteter Zettel zum Vorschein.
»Wozu brauche ich denn Notfallkonfetti?«
Sie wollte sie schon öffnen und in diesem Moment verstreuen, doch Dani griff nach ihrer Hand.
»Nicht! Das ist für schlechte Zeiten oder für ganz besonders gute Zeiten. Wann immer du ein wenig Konfetti in deinem Leben brauchst. Glaub mir, ich habe auch immer welches dabei!«
Aurelia lachte. Auf solche Ideen konnte auch nur ihre beste Freundin kommen.
»Danke, schätze ich.« Dann warf sie ihr eine Kusshand zu, die Dani erwiderte.
Für ein paar Minuten schauten sie gespannt auf den Fernseher, ehe Aurelia wieder das Wort ergriff.
»Ich weiß nicht, wie es mit dem Geld jetzt weitergeht, wenn ich ehrlich bin. Mein Stipendium war auf den Zeitraum meines Studiums ausgelegt, das ist jetzt zu Ende.«
Dani griff nach ihrer Hand und drückte sie aufmunternd.
»Wir finden eine Lösung. Eine, in der du jede Faser deines Körpers dem Sport widmen kannst und trotzdem über die Runden kommst. Die Sporthilfe ist dafür da, Leuten wie uns zu helfen, weißt du?«
Aurelia verkniff sich ein Lachen. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe unterstützte jährlich viertausend deutsche Athletinnen und Athleten im Spitzensport. Zumindest war das in der Theorie so. Sie hoffte nur, dass es auch in der Praxis funktionieren würde.
»Holst du mich morgen früh wieder ab, wenn wir nach Kienbaum fahren?«, wechselte Dani das Thema.
»Klar, sonst würde ich mich schon längst hemmungslos betrinken.«
»Du hast in den letzten vier Jahren genau einmal Alkohol getrunken, ich glaube wohl kaum.«
»Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen, nicht wahr?«
Doch bevor sie sich weiter gegenseitig aufziehen konnten, stieß Aki ihrer Schwester mit dem Ellbogen in die Seite, damit sie die kleinen roten Pandas nicht verpasste, die zu japanischer Popmusik im Moon Theater performten.
Kapitel 2
Aurelia
Als Dani aus dem kleinen, hellblauen Fiat ausstieg, fragte sich Aurelia ein weiteres Mal, warum man ein Sportleistungszentrum mitten in der ostbrandenburgischen Einöde errichtet hatte. Die Anbindung der öffentlichen Verkehrsmittel war gelinde ausgedrückt spärlich und über die brandenburgische Idylle an diesem Fleckchen ließ sich auch streiten. Aber wer war sie schon, sich zu beschweren?
»Kommst du endlich?«
Dani hatte schon ihre Taschen aus dem Kofferraum geholt und verlagerte ihr Gewicht nun ungeduldig von einem Bein auf das andere. Aus ihrem Pferdeschwanz hatte sich bereits eine Strähne gelöst, die sie aus ihrem Gesicht blies.
»Das hier ist so ein Kaff.« Missmutig stieg Aurelia aus dem Wagen und griff nach ihrer Reisetasche.
»Wir sind doch ohnehin nicht zum Sightseeing hier«, hielt Dani dagegen. »Ob ich nun in einer Stadt oder auf dem Mond eine Sporthalle betrete, es ist und bleibt eine Halle.«
Aurelia zuckte mit den Schultern. Dem konnte sie nicht widersprechen, das bedeutete aber noch lange nicht, dass sie es zufrieden hinnehmen musste.
Der Gebäudekomplex, in dem sie untergebracht waren, war Aurelia bereits vertraut. Es war nicht das erste Mal, dass sie ein Trainingslager in diesen Hallen verbrachten. Schweigend stapfte sie hinter Dani her, während diese zuerst ihre Schlüssel abholte und sich dann auf die Suche nach ihrem Zimmer machte. Drei Tage und zwei Nächte würden sie hier verbringen müssen, ehe sie wieder zurück nach Potsdam fahren konnte. Eine Zumutung? Möglicherweise, aber sobald sie auf der Matte stand, würde sie andere Dinge im Kopf haben, das hoffte sie zumindest. Schnell hatten sie den Weg zu ihrem Zimmer gefunden. Dani ließ ihren Rucksack vor eines der beiden Betten fallen. »Ich kann es kaum erwarten, mich richtig auszupowern. Ich habe geschlafen wie ein Baby!«
Aurelia prustete. »Du musstest ja auch nicht Auto fahren. Die A10 war heute alles andere als ein Träumchen, aber du warst lieber im Land der Träume.«
»Wundervoll, ich sage es ja.«
Verträumt schaute Dani aus dem Fenster, als könnte sie der kargen Landschaft auf dem Gelände tatsächlich etwas abgewinnen.
Aurelia schaute auf die Uhr. In zwanzig Minuten würde die erste Trainingseinheit beginnen, es galt keine Zeit zu versäumen.
»Ich fürchte, du musst das Januarwetter ein anderes Mal anschmachten, es geht gleich auf die Matte.«
Mit einem Mal verschwand die verträumte Dani und machte einer konzentrierteren, ruhigeren Version ihrer selbst Platz. Aurelias beste Freundin nickte, griff nach ihrer Sporttasche und folgte ihr aus dem Zimmer.
Die Damenumkleide begrüßte sie mit dem vertrauten Geruch nach Schweiß und Deodorant. Es hingen bereits einige Jacken im Raum, Taschen standen auf dem Boden und Kleidung lag auf den Bänken. Aurelia stellte ihren Rucksack auf einer Bank ab und öffnete den Reißverschluss, um ihren weißen Judogi herauszuholen. Dabei fiel ihr Blick auf die Sporttasche zu ihrer Linken. Ein silberner Schlüsselanhänger, welcher die olympischen Ringe darstellte, baumelte an der Seite. Ganz kurz durchzuckte ein schmerzhafter Stich ihre Brust dort, wo ihr Herz schlug. Sie war schon einmal so kurz davor gewesen, den Traum von einer Olympiateilnahme zu leben. Beim letzten Mal hatte sie versagt, doch dieses Mal würde sie es nicht so weit kommen lassen. Diese Saison gab es keine weitere deutsche Athletin, welche sich vor ihr in der Weltrangliste befand – zumindest noch nicht. Wenn sie es schaffen würde, ihren aktuellen Platz zu verteidigen, gab es eine Chance. Gab es Hoffnung. Und die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt, nicht wahr? Aber sie starb schmerzlich, daran erinnerte sie sich.
»Du schaust, als hätte dir jemand einen Eimer Wasser über den Kopf gekippt«, zog Dani sie auf, während sie ihren rosa Büstenhalter öffnete, um ihn gegen einen Sport-BH zu tauschen.
Aurelia schüttelte den Kopf.
»An der Sporttasche neben mir ist ein Olympia-Anhänger. Ich habe nur daran gedacht, wie sehr ich die Besitzerin beneide.«
Dani lächelte. Für einen winzig kleinen Moment ließ sie die Maske der Konzentration noch einmal fallen. »Dann mach sie dir zum Vorbild. Neid klingt so gemein, lass es Bewunderung sein!«
»Aber Neid ist ein starker Motivator.«
Dani legte den Kopf schief. »Wie man es nimmt, schätze ich.« Dann zog sie sich weiter um, schlüpfte in ihre lavendelfarbenen Flipflops und griff nach ihrer Wasserflasche. »Kommst du?«
Aurelia hatte getrödelt. Der Moment, der sie in die wichtigste Niederlage ihrer Karriere zurückversetzt hatte, hatte sie kurz aus der Bahn geworfen. Eilig schlüpfte sie nun in ihren Anzug und band den schwarzen Gürtel, während im Nebenraum die Toilettenspülung rauschte.
Dann verließen die beiden Frauen die Umkleide und gingen durch einen Gang auf die Sporthalle zu.
An der Schwelle streiften sie ihre Schuhe ab, verbeugten sich vor der Halle und betraten sie. Gerade, als sich Aurelia umblickte, legte jemand die letzte Matte an die Fläche. Kurz fühlte sie sich schuldig, weil sie zu spät gekommen waren, um noch beim Aufbau zu helfen. Aber dann prasselten schon die vielfältigen Eindrücke eines Kadertrainings auf sie ein – der Duft der Sporthalle, klatschende Geräusche, wann immer jemand auf die Matte fiel, und laute Stimmen. Beinahe sofort vergaß Aurelia, wie furchtbar sie Kienbaum fand, dass es nach Schweiß roch oder wie früh sie aufgestanden war. Sie war hier, um Judo zu trainieren, und nichts und niemand würde ihr die Freude daran verderben können.
Dani zupfte an ihrem Ärmel. »Ah schau, da drüben sind Nora und Raffaela.«
Sie zeigte auf zwei Frauen in blauen Judogis, an die sich Aurelia schon von vorherigen Kadertrainings erinnerte. Zumindest mit Raffaela war sie bisher nur mäßig warm geworden. Die junge Frau hatte eine Ausstrahlung, die Aurelia als verunsichernd empfunden hätte, wäre sie sich ihrer selbst nicht so sicher gewesen. Doch bevor sie darüber nachdenken konnte, rief einer der Trainer zur Aufstellung auf.
Gleichzeitig bewegten sich beinahe fünfzig Athletinnen und Athleten auf den Rand der Matte zu, um sich dort entsprechend ihrer Graduierungen aufzustellen. Das war der Punkt, an dem sich Aurelia von Dani trennen musste. Während sie selbst den zweiten Dan, also den zweiten Meistergrad, um ihre Taille trug, reihte sich ihre beste Freundin bei den Trägerinnen des ersten Dans ein.
Zwei Trainer betraten gegenüber von ihnen die Matte. Synchron knieten sie sich hin, um sich anschließend mit dem Po auf ihre Füße zu setzen. Wie auf ein unsichtbares Signal hin machten es die Kaderathleten beinahe zeitgleich nach, bis sie alle in derselben Position saßen.
»Mokuso«, wurde das Signal vom Trainer gegeben. Sie alle schlossen die Augen und gingen in sich. Aurelia hielt die Luft an, um die komplette Stille zu genießen. Dabei dachte sie darüber nach, was sie in den nächsten drei Tagen erreichen wollte. Neben sich hörte sie jemanden laut atmen, aber davon ließ sie sich nicht ablenken. Sie nahm sich vor, vor allem an ihren Fähigkeiten im Bodenkampf zu feilen. Häufig hatte Aurelia das Gefühl, diesen Bereich im Training zu kurz kommen zu lassen, weil sie so darauf fokussiert war, bereits vorzeitig durch einen Wurf einen Sieg zu erringen. Zugegebenermaßen war sie damit häufig erfolgreich, aber sie sollte sich nicht allein auf diesen Bereich eines Judokampfes verlassen.
»Mokuso Yame!«
Sie öffneten die Augen. Aurelia brauchte ein paar Sekunden, um sich wieder an die Helligkeit zu gewöhnen. Als sie ihre Umgebung scharf gestellt hatte, folgte die nächste Anweisung.
»Rei!«
Nun legten alle Anwesenden zuerst ihre Hände und dann ihre Stirn auf die Matte, um einander zur Begrüßung den traditionellen Respekt zu erweisen. Aurelia konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie als Kind häufig zurechtgewiesen worden war, weil sie ihre Hände auf die Matte geklatscht hatte, anstatt sie respektvoll abzulegen – eine Angewohnheit, von der sie sich vor fast zwanzig Jahren getrennt hatte.
Nach wie vor im Einklang standen zuerst die Trainer, dann die Kaderathletinnen und -athleten auf.
»Rei«, ertönte es ein zweites Mal, woraufhin sich alle im Stehen voreinander verbeugten.
»Willkommen zum Trainingslager im olympischen Leistungszentrum Kienbaum«, begrüßte sie daraufhin Karsten, der Bundestrainer der Damen. Aurelia atmete aus. Es war nicht ungewöhnlich, dass Karsten während seiner Begrüßungsreden ausschweifte. Gut möglich, dass sie noch ein paar Minuten ruhig dastehen würden.
»Wie ihr wisst, stehen noch zwei große Turniere vor der Tür, bevor sich die Qualifikationsphase für die Olympischen Spiele in Paris dem Ende neigt. Das bedeutet, es gibt noch zwei Chancen für euch, richtig abzuliefern, um entscheidende Weltranglistenplätze gutzumachen oder um eure derzeitige Position zu verteidigen. Viele von euch haben bisher eine fantastische Saison hingelegt, dazu schon einmal herzlichen Glückwunsch. Nun wollen wir euch auf den letzten Metern begleiten, auf denen es noch mal so richtig ernst wird.«
Aurelia nickte. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie schon jemand zuckte, vermutlich bereit, mit der Erwärmung zu beginnen. Doch Karsten dachte gar nicht daran, seine Rede zu beenden. Stattdessen gab er für einen winzigen Moment an Mario, seinen Kollegen und Bundestrainer der Herren, ab.
Er räusperte sich.
»Aus diesem Grund haben wir uns Unterstützung geholt.«
Und dann öffnete sich die Tür zum Gang, der zu den Umkleiden führte. Als Aurelia sah, wer da gerade das Dojo betrat, rutschte ihr das Herz in die Hose.
Kapitel 3
Kathleen
Als Kathleen die Sporthalle betrat, musste sie sich zusammenreißen, nicht auf ihre Füße zu schauen. Nicht einmal, als sie sich beim Betreten des Raumes verbeugte, erlaubte sie sich, den Blick von den Männern und Frauen abzuwenden, die sie mit großen Augen ansahen. Natürlich wussten sie, wer sie war. Vor knapp vier Jahren hatte sie das letzte Mal auf diesem Gelände trainiert, mit einigen von ihnen sogar gemeinsam. Doch mittlerweile erschien es ihr, als wäre das in einem anderen Leben geschehen.
Langsam, als würde sie sich an etwas oder jemanden heranschleichen, verbeugte sie sich ein weiteres Mal, dieses Mal vor den Matten, und gesellte sich zum Trainerstab.
»Wir haben die große Ehre, dass Kathleen Zerwitsch, zweiter Dan, Olympia-Zweite von Tokio bis dreiundsechzig Kilogramm, uns auf dem Weg nach Paris begleiten wird.«
Kathleen ließ den Blick schweifen und unterdrückte den Impuls, ihre Brille zurechtzurücken. Unter den Judoka, welche ihr gegenüberstanden, kam ihr ein Gesicht ganz besonders bekannt vor. Kurz erfasste ein schuldbewusster Stich ihre Brust, doch diesen Schmerz schluckte sie hinunter. Das war es, was sie zu tun hatte. Ändern konnte sie ohnehin nichts. Doch dieser eine Kampf hatte alles verändert. Vorsichtig verlagerte sie ihr Gewicht auf das linke, das gesunde Bein. Sie stellte sicher, dass niemand es sah. Sie sollten nicht merken, wie schwach sie sein konnte – wie schwach sie war.
»Wie die meisten von euch wissen, hatte sich Kathleen erfolgreich für die vergangenen Olympischen Sommerspiele qualifiziert und sich bis ins Finale ihrer Gewichtsklasse vorgekämpft, wo sie aufgrund einer Verletzung leider ihrer Konkurrentin erliegen musste.«
Jetzt stach es wieder, dieses Mal in ihrem Knie. Denk nicht an die Vergangenheit, ermahnte sie sich. Hier geht es um die Zukunft.
»Nachdem sie sich aus ihrer Karriere als Sportlerin zurückgezogen hat, ist sie nun Teil des Trainerstabs, der euch auf den nächsten World Tour Events bis zu den Spielen in Paris unterstützen wird.«
Einige der jungen und motivierten Menschen applaudierten ihr – ein Applaus, den sie gern verdient gehabt hätte. Doch Kathleen sah auch, wer von ihnen zögerte, sich erst später verhalten unter die Klatschenden mischte: Aurelia Freud. Die Frau, deren olympischen Traum sie eigenhändig hatte platzen lassen. Und die somit daran beteiligt gewesen war, dass ihr eigener olympischer Traum explodiert war.
Sie setzte ein Lächeln auf. »Danke, dass ihr mich so euphorisch willkommen heißt.« Zumindest die meisten von euch. »Es ist mir eine Ehre und eine Freude, in den kommenden Monaten mit euch gemeinsam an euren Fähigkeiten arbeiten zu dürfen. Für manche von euch könnten es bereits die zweiten Spiele werden.« Kathleen nahm einen tiefen Atemzug, denn der nächste Satz kam ihr nicht leicht über die Lippen. »Dazu herzlichen Glückwunsch. Ich wäre gern eine von euch.«
Stille breitete sich aus. Mario, der Bundestrainer der Herren, kratzte sich verlegen am Hinterkopf und Kathleen meinte, dass man dieses Geräusch durch die gesamte Halle hören musste.
»Aber das bin ich nicht. Also los, macht euch warm. Rennt ein paar Runden, während ich dabei zusehen kann!«
Sie hob ihre Mundwinkel zu einem triumphierenden Grinsen. Karsten nickte ihr anerkennend zu – das war der Beweis, dass sie echt gewirkt hatte. Knapp fünfzig Männer und Frauen rannten nun vor ihr ihre Runden, die meisten noch mit einem Lächeln im Gesicht, das ihnen gewiss am Ende des Tages vergangen sein würde. Das hier war Spitzensport, kein Ferienlager. Eins hatte sie im Verlauf ihrer eigenen Karriere gelernt: Wenn es sie nicht an ihre Grenzen brachte, war es nicht genug. Und eigentlich war nie irgendetwas genug.
»Knie heben!«, schrie sie, um für einen Moment lauter als die Gedanken in ihrem Kopf zu sein. Sofort begannen die Judoka ihrem Kommando zu folgen. In eifrigem Kniehebelauf drehten sie ihre Runden.
»Anfersen!«
Wieder wechselten sie den Laufstil. Doch Kathleen sah, wie eine von ihnen sie nicht aus den Augen ließ. Aurelia Freud hatte sie also genauso wenig vergessen wie sie diese. Die einstige Olympiateilnehmerin wusste nicht, ob sie sich davon geschmeichelt oder verletzt fühlen sollte – in ihrem Kopf rangen die beiden Emotionen miteinander, ohne einen klaren Sieger küren zu können. Am liebsten hätte sie zurückgestarrt, doch sie wusste nicht, was sie auf die unsichtbaren Blitze erwidern sollte, die aus ihrem Blick zu schießen schienen.
Tat es ihr leid? Nein, aber wenn sie es im Nachhinein ändern könnte, sie hätte es getan.
Jetzt war sie ihre Trainerin, erinnerte sich Kathleen. Eine Respektsperson. Und es gab keinen Anlass, ihr nicht ausschließlich mit dieser Einstellung zu begegnen: Respekt.
»Stellt euch bitte in zwei gleichlangen Reihen auf der von mir aus rechten Seite auf«, hielt sie die Judoka an. Einen kurzen Moment wartete sie, bis Ordnung in das Gewusel eingekehrt war, dann fuhr sie fort.
»Ich möchte zügige Judorollen mit Aufstehen sehen, zwei über jede Schulter. Dann reiht euch auf der anderen Seite wieder ein.«
Ihre schroffe Stimme kratzte im Hals. Kathleen war es nicht gewohnt, in dieser Lautstärke Anweisungen zu erteilen, aber sie hatte nicht vor, das zu zeigen. Sie schluckte. Wenn die erste Technik-Einheit anstand, würde sie an Karsten oder Mario übergeben und etwas trinken müssen.
Die ersten Sportler begannen zu rollen, genauso, wie Kathleen es angeordnet hatte. Anerkennend nickte sie, als sich eine kleine Frau mit ostasiatischen Wurzeln wie ein Blitz über die Matte bewegte – sie war schnell, das musste sie ihr lassen. Und dann rollte Aurelia Freud. Selbst durch den weißen Judoanzug, den diese Frau trug, konnte Kathleen erahnen, wie sich ihre Muskeln bei den vertrauten Übungen bewegten. Wie eine Raubkatze kam sie ihr vor, jederzeit bereit zum Sprung. Kathleen schüttelte den Kopf. Das war lächerlich. Eine Raubkatze? Sie hatte diese Frau bereits besiegt, sie war allerhöchstens ein Stubentiger. Aber irgendwo in ihren hintersten Gedanken erinnerte sie eine Stimme daran, dass es alles andere als leicht gewesen war, diesen Sieg zu erringen. Kathleen rückte die Brille auf ihrer Nase zurecht. Noch war es ungewohnt für sie, diese im Dojo zu tragen, wo sie doch normalerweise auf die Sehhilfe verzichtet hatte, damit sie beim Kontaktsport nicht im Weg war. Aber nun musste sie alles ganz genau im Blick haben, ohne dabei selbst ein Teil des Getümmels zu sein.
Mittlerweile hatte sich der Mittelteil der Matte wieder geleert. Weitere Anweisungen wurden erwartet.
»Die ersten beiden Personen machen bitte jeweils einen kleineren Bock, die anderen möchte ich rückwärts darüber fallen sehen. Wenn die letzte Person durch ist, kauert diese sich bitte hin, damit die beiden ersten auch noch fallen können.«
Schon traten zwei Männer vor, knieten sich in wenigen Metern Abstand vor den Reihen hin und stützten sich auf ihre Unterarme, um ein kleines Hindernis zu mimen. Die anderen Sportlerinnen und Sportler gingen nun einzeln auf sie zu, drehten sich kurz vor dem Hindernis um und ließen sich, sobald sie auf Widerstand trafen, routiniert nach hinten fallen. Dort schlugen sie, mit den Armen eng am Körper, auf den Matten ab, bevor sie sich mit einer eleganten Rückwärtsrolle wieder aufrichteten. Es kribbelte Kathleen in den Fingern, eine von ihnen sein zu wollen. Sie wünschte sich, das vertraute Spiel ihrer eigenen Muskeln ebenso spüren zu können, wie sie es bei den Athletinnen beobachtete.
Noch drei weitere Male gab sie Anweisungen zu Fallübungen, dann übergab sie das Dehnen an Mario. Ihr Hals war trocken, ihr Knie steif und aus unerfindlichen Gründen brannten ihre Augen, als hätte sie während der gesamten Einheit vergessen, wie man blinzelte. Als sie die Halle verließ und in den langen Gang trat, stützte sie sich für einen winzig kleinen Moment an der Wand ab. Ganz bewusst atmete Kathleen mehrmals tief ein uns aus, bevor sie ihren Weg fortsetzte, um ihre Wasserflasche aus den Umkleideräumen zu holen. Ihr Knie pochte, aber mittlerweile wusste Kathleen gut genug, dass es Phantomschmerzen waren – Schmerzen, die sie jedes Mal aufs Neue aufsuchten, wenn sie dachte, es würde ihr besser gehen. Schmerzen, die sie quälten, wenn sie davon träumte, wieder auf der Matte aktiv werden zu können.
Als das Wasser endlich ihre Kehle hinunterrann, fühlte sie sich seltsamerweise nicht erlöst. Es floss einfach hindurch, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Beinahe hätte sie gehustet, doch selbst hier, ganz allein, während sich alle anderen im Dojo befanden, fürchtete sich Kathleen davor, dass jemand ihre schwache Seite sehen konnte. Noch einen letzten Schluck erlaubte sie sich, dann straffte die einstige Olympia-Zweite die Schultern und marschierte hocherhobenen Hauptes zurück in die Sporthalle.
Unterdessen hatten sich die Judoka paarweise auf der Matte verteilt. Aus dem Augenwinkel sah Kathleen Aurelia Freud zusammen mit der Sportlerin, deren Schnelligkeit sie noch vor wenigen Minuten bewundert hatte.
Sie trat einen Schritt an Mario heran.
»Was sollen sie machen?«, wollte sie wissen.
»Standardsituationen«, antwortete dieser knapp. »Drei verschiedene Konter auf Eindrehtechniken. Ich habe nur vorgeschrieben, dass eine davon ein Ko Soto Gake sein sollte, den Rest können sie sich aussuchen.«
Kathleen nickte. Der Ko Soto Gake, auch kleine Außensichel genannt, war eine solide Reaktion auf viele Wurfansätze, die ein Gegner versuchen konnte. Man stieg einfach mit einem Bein über und hakte das verbliebene Bein knapp oberhalb des Fußes des Gegners ein. Dann zog man das Bein weg, während man oben gegen die Schulter drückte. Ein Standardwurf, gewiss, aber manchmal höchst effektiv.
»Ist die Eindrehtechnik vorgeschrieben?«, erkundigte sich Kathleen. Sie wusste, dass nicht alle Kontertechniken gleich gut als Reaktion auf alle Würfe funktionierten, bei denen man sich eindrehte.
»Bisher nicht.«
»Alles klar«, stellte Kathleen fest, dann bahnte sie sich einen Weg um die trainierenden Paare, damit sie diese beobachten konnte. Natürlich beherrschten die Judoka, die an diesem Tag anwesend waren, die vorgeschriebene Wurftechnik. Alles andere hätte Kathleen daran zweifeln lassen, wie sie es so weit gebracht hatten. Bei dieser Übung ging es vielmehr um Geschwindigkeit und darum, den richtigen Moment zu finden, in dem die Kontertechnik am effektivsten war. Es ging darum, nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, während der eigene Körper einfach fühlte, was er zu tun hatte.
Kathleen beobachtete aufmerksam zwei junge Männer, bei denen einer mit einem Tani Otoshi, einem Selbstfallwurf, auf den anderen reagierte. Gekonnt stieg auch er zuerst über. Anstatt sich dann mit dem anderen Bein einzuhaken, stellte er es aber hinter beide Beine seines Partners und ließ sich dann fallen, um den anderen mit zu Boden zu ziehen.
Der Konter gelang, mit weniger als einem Wimpernschlag Verzögerung fielen beide.
»Gut gemacht«, stellte Kathleen fest, was beiden ein Lächeln entlockte.
Dann sah sie zu, wie der andere Mann einen Angriff startete. Die Eindrehtechnik, für die er sich entschied, war ein O Goshi, ein Hüftwurf, bei dem er mit seinem rechten Arm um die Taille seines Partners griff und die Hand am Rücken auf Höhe des Gürtels ablegte. Kathleen sah dabei zu, wie der andere Mann über das Bein stieg und mit der kleinen Außensichel den Wurf ansetzte, den Mario und Karsten vorgeschrieben hatten. Die Technik gelang, doch er kam ins Straucheln.
»Sei nur um einen ganz kleinen Augenblick schneller, damit du handeln kannst, bevor dein eigenes Gleichgewicht gebrochen wird. Dann stehst du stabiler«, riet Kathleen ihm.
Der Sportler nickte erst ihr und dann seinem Partner zu, bevor er es erneut versuchte. Diesmal war er tatsächlich schneller – und erwischte genau den richtigen Moment, um selbst nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
»Gut gemacht«, lobte Kathleen ihn und für einen kurzen Moment dachte sie, dass sie genauso stolz sein konnte, wenn jemand aufgrund ihres Ratschlags Erfolg hatte, als hätte sie selbst diesen Erfolg erzielt. Ganz vielleicht war es möglich, dass sie in ihrer neuen Rolle als Trainerin tatsächlich aufblühen könnte. Doch dann fiel die Wahrheit wie ein Stein wieder auf sie herab und konfrontierte sie mit dem Unvermeidbaren: Sie hatte sowieso keine Wahl. Entweder sie fand eine Funktion oder ihre Judokarriere war gelaufen.
Angestrengt presste sie die Lippen aufeinander. Sie musste jetzt stark sein – für sich und für all diese Menschen, denen sie eine Hilfe sein sollte, kein Klotz am Bein. Also ging Kathleen weiter. Doch leider landete sie damit direkt bei Aurelia und ihrer Partnerin. Als Erstere sie bemerkte, fühlte sie sich, als würde sie mit deren Blick auch ein Schlag mitten ins Gesicht treffen. Kathleen widerstand dem Drang zusammenzuzucken. Sie sah auf die zwei goldenen Streifen herab, welche auf ihren Gürtel gestickt worden waren, und erinnerte sich daran, dass sie es war, die sich Respekt verdient hatte. Ganz beiläufig ließ sie den Blick auf Aurelias Gürtel schweifen, den ebenso zwei der Streifen zierten. Dann sah sie wieder in ihr Gesicht.
»Aurelia.« Sie nickte ihr zu, dann wandte sie den Kopf zu deren Partnerin, ohne auf eine Reaktion zu warten. »Und du bist?«
»Dani, äh, Dai«, stellte sich die junge Frau vor.
»Dani oder Dai?«, hakte sie nach. Kathleen wollte sich auf gar keinen Fall in den kommenden Tagen einen Fehler erlauben, und sei es nur, den Namen einer Athletin zu vergessen.
»Ich bin mit beidem zufrieden, was auch immer dir leichter von der Zunge geht.«
Kathleen nickte. »Du bist schnell, Dani. Da sehe ich großes Potenzial.«
Die junge Frau lächelte, doch statt dass sich Aurelia mit ihr freute, wurde ihr Blick kaum merklich noch feindseliger. Und obwohl es nur eine minimale Abwärtsbewegung ihres Mundwinkels gewesen war, stellten sich Kathleen dabei die Nackenhaare auf. Diese Frau respektierte sie nicht.
Sie würde ihr zeigen, wer hier das Sagen hatte.
»Wechselt bitte alle einmal den Partner«, ordnete sie an und sah dabei zu, wie ein Gewitter in Aurelias Blick aufzog.
Kapitel 4
Aurelia
Das hat sie nur getan, um mir eins auszuwischen, fluchte Aurelia in Gedanken. Kathleen Zerwitsch, ihre einstige Rivalin, würde sie nicht mit Samthandschuhen anfassen – das war ihr klar gewesen, sobald sie durch diese Tür marschiert war. Natürlich war es ihre Tasche gewesen, an der sie den Schlüsselanhänger mit den olympischen Ringen bewundert hatte. Wie viel mehr Glück hätte sie schon haben können? Aber nein, sie war zu ihr und Dani gekommen und hatte ihr ihre eigene Unfähigkeit vorgeführt, indem sie Dani ein Kompliment gemacht und ihr gesagt hatte, wie viel Potenzial
