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Das Buch enthält Prosa und rhythmische Texte aus gesellschaftskritischen, satirischen Programmen. Fragen, Zusammenhänge und Erfahrungen werden sprachlich gegen den Strich gebürstet. Mit anderen als den gängigen Worten wird ein Zugang und eine Klärung verschafft, wie auf anarchische und phantasievolle Weise mit der Forderung umzugehen ist: "Eine andere Welt ist möglich'".
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2019
Martin F. Herndlhofer
Irgendwann einErnstfall?
Satirische Sichtweisen über dieZeichen der Zeit und ihre Vorläufer
© 2019 Martin F. Herndlhofer
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-7503-3
e-Book:
978-3-7497-9023-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für Monika
Ich danke Michael Becker und Oliver Gehlert für ihre freundlichen Ratschläge.
Humor ist in hoffnungsarmen Zeiten eine Überlebensstrategie. Wir brauchen immer wieder einen Anlass, um über den ganzen Irrsinn lachen zu können.
Inhaltsverzeichnis
Wie das alles entstanden ist – ein Vorwort
A. Mensch sein – eine sinnvolle Beschäftigung?
1. Bleib wie du warst
2. Gutmensch und Gutleben
3. Unzeitgemäße Ostergedanken
4. Das saturierte Spaßvogeltum
5. Erwartungen dieser Zeit
6. Nur positiv denken
7. Privatisierung – wir sind gut aufgestellt
8. Der homo Lifestyle
B. Global gesehen – morgen die ganze Welt
1. Das globale Dorf
2. Im Verwirrspiel der Globalisierung
3. Ein kosmischer Event oder: Die Chronik eines fast gelungenen Weltuntergangs
4. Das Raumschiff oder: Von der List der Geschichte
5. Von der Zeit, die maßlos wurde, und von der Uhr, die traurig war
6. Zeit plus
7. Die Entstehung des Menschen
8. Der Kapitalismus macht auf Krise
9. Reformen: Alles wird neu
10. Manchmal träume ich davon
C. Werte und Leitkultur – was halt so manche bewegt
1. Die Würde des Menschen – . ein antastbares Dilemma
2. Der Titanic-Aktionär
3. Vom Geld und dem bisschen Leben
4. Der Ekel beim Betreten von Märkten – über Gefühlswelten
5. Das Hohelied der Werte – und dann muss gespart werden
6. Zeit ist Geld. Die Herrschaft über die Zeit – pausenlos
7. Was brauchen wir?
8. Treuebonus über den Tod hinaus oder: die verbrauchte Transzendenz
9. Der Zauberer und die Reflexe
10. Ordnung in bar
D. Militär und Krieg – das ureigenste Feld für richtige Männer…
1. Der Krieg – rein geschäftlich
2. Krieg braucht Lügen – Sprachprobleme
3. Kriegsbereitschaft oder: die ständige Ausschau nach dem Feind
4. Das Gedicht von der Pflicht
5. Der unbekannte Soldat
6. Volkstrauertag mit einem Fünkchen Hoffnung
7. Der Veteran erzählt
8. Der Krieg – ein Erntedankfest
9. Feste feiern bis die Leute fallen
10. Der Vertreter der guten Mine
11. Ein Absatzgebiet
E. Frieden – ob sich das auszahlt?
1. Wann wird Frieden sein? Die ersten Fragen
2. Wann wird Frieden sein? Weitere Antworten
3. Lied von der Angst
4. Der nine eleven als Segen
5. Der Krieg bricht aus und der Friede auch – wer ist schneller?
6. Ein paar kritische Fragen an die Friedensbewegung
7. Die große Versammlung – Begrüßung
8. Ich bin gegen den Frieden! Der Bedenkenträger spricht
9. Die große Versammlung - weitere Grüße und Abgesang
F. Deutschland – wo bleibt das Wintermärchen?
1. Wirtschaftsstandort oder: Die stete Suche nach Worten, die Verstehen vermeiden
2. Das Lied der Glatzen
3. Leitkultur, Wutbürger und Konsens der Demokraten – eine Erinnerung
4. Die Erfindung des Ausländers
5. Schon wieder die Ausländer – sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg und sind zu faul zum arbeiten
6. Geschäftsgrundlagen: Vorlesungen zur Leitkultur
7. Der homo glotz – von Mentalität zu Exkrementalität
8. Tele oder der entfernte Stillstand
9. Kein Spielfeld für Neonazis und Rassisten
10. Unzivilisierte Geschäftsmodelle in zivil
G. Das Feld der Sinnstifter
1. Was uns so umtreibt oder: Stirbt die Hoffnung zuletzt, zuerst oder doch nur zunächst?
2. Warten auf die Ankunft – schwere Verspätung. Wann kommt die Kirche in der Demokratie an?
3. Zwei alte Männer
4. Geschäftsgrundlagen der Kirchen
5. Dieses obskure Objekt begieriger Verehrung
6. Von einem, der auszog, am Vorbild zu lernen
7. Heiligabend – was soll das?
8. Die Freiheit des Antisinns oder: Verdauungsbeschwerden der Postmoderne
9. Ein metaphysisches Dilemma
10. Das Versprechen
11. Zwischen den Jahren
H. …und sonstige Geschichten
1. Brücken und Paläste – ein Rätsel für Zeitreisende
2. Eine brillante Welt: Die Geschichte eines Auswegs aus der verschlossenen Gegenwart
3. Das Klassentreffen oder: Der Tanz einer Epoche
Wie das alles entstanden ist – ein Vorwort
Was bringt jemanden dazu, Gefühle, Einsichten, Erfahrungen, Probleme und Widersprüche, Nichtaufgelöstes, oft auch nicht Lösbares, in Sprache zu fassen und zu Papier zu bringen? Und dabei zu versuchen, dies mit anderen als den gängigen Worten zu tun, weil er den Verdacht hat, diese gängigen sind mittlerweile richtig fertig gemacht worden – aus gefertigt, gar zu Ende gesprochen.
Vielleicht ein Dilemma, das sich aus der zwanzigjährigen Arbeit in einer Friedensbewegung ergibt.
Ich bin gelernter Mönch, Marxist und Masochist. Mönch war ich zehn Jahre lang – das prägt; Marxist bin ich: das prägt erst recht, sowohl das Denken als auch die Praxis; Masochist – muss man sein, wenn man viele Jahre lang in der Friedens- und Menschenrechtsarbeit eingespannt ist und sich immer wieder fragt: Was soll das Ganze eigentlich, was kannst du überhaupt erreichen?
Manchmal hatte ich da den Eindruck, dass es ein Kampf gegen Windmühlen ist wie die Tragikomödie eines Don Quijote.
Wahrscheinlich war es der Zorn, der mich schließlich dazu gebracht hat, Dinge sprachlich und im Verständnisduktus gegen den Strich zu bürsten, einen anderen Zugang zu finden – ein immer wiederkehrender Perspektivwechsel also.
Meine satirischen Inszenierungen waren ein einziger Rachefeldzug an den Verhältnissen. Aber auch eine Art, nicht nur mit dem Zorn, sondern vor allem mit der immer wieder aufkommenden Trauer umzugehen. Wobei ich mich nicht selten an jener Kippe stehend wiederfand, an der die Empathie sich aufzulösen beginnt und keine Zärtlichkeit mehr übrig bleibt angesichts des zu beobachtenden Irrsinns. Und das kann tödlich sein.
Ein Element dieses Zorns war und ist die bekannte Tatsache, dass in politischen, vor allem friedenspolitischen Fragen, der Propagandareigen durch die üblichen Verdächtigen einen Grad der Verdummung, Täuschung und Irreführung erreicht hat, gegen die man irgendwie zurückschlagen muss. Dass also ein Zwang zur anderen Aufklärung dann entstand, wenn die Unterscheidung zwischen dem, was wahr und was falsch, richtig und unrichtig ist, nahezu völlig obsolet geworden ist: Dadurch lässt sich auf dem zugerichteten Meinungsmarkt jeder Mist verkaufen, eben verkaufen, denn wir sind ja im kapitalistischen Geschäftsfeld der Meinungsmache und der -gewinnung – mit Gewinnerwartungen, vor allem von Aufmerksamkeit.
Entnommen sind all die Texte den vielfältigen Fragen meiner Arbeit in der Friedensbewegung und den Programmen meiner literarisch-politischen Satire, die ich nicht zuletzt genau daraus entwickelt habe.
Warum Satire? In der Kurzbeschreibung meiner Programme steht: „Vor allem deshalb, weil es befreiend ist, auf diszipliniert-anarchische Weise mit der Forderung umzugehen: ‚Eine andere Welt ist möglich’“.
Dies ist eine Art Chronik der politischen und kulturellen Umbrüche der letzten zwanzig Jahre. Allerdings „mit anderen Worten“, gegen den Strich gebürstet, gegen viele Zumutungen „anstinkend“.
Es ist nichts weiter als ein zorniges „JA – ABER“ und verlangt ein Ignoranzverbot, wenn es um gerechte Bedingungen und damit ein gelingendes Leben gehen soll.
Eschborn, im Dezember 2019 Martin F. Herndlhofer
A. Mensch sein – eine sinnvolle Beschäftigung?
Der Mensch kommt unter allen Tieren dem Affen am nächsten. (G. C. Lichtenberg)
Die Entstehung der Menschheit und ihre Entwicklung aus dem Affendasein hin zur Krone der Wertschöpfung und
später dann über die Legalisierung aller Details bis hinein in die verkorkste Gegenwart – was ist seitdem passiert? Was ist aus ihr geworden? Und wie soll es weiter gehen?
Und dann der Mensch selbst – ist der noch ernst zu nehmen?
Gut! Kommt drauf an, sagen manche, in welcher Gestalt er auftritt. Der Spruch zum Beispiel: „Du bist wohl vom Affen gebissen“ meint: Warum hast du dich mit deinen Vorfahren angelegt. Der Affe ist ja ein Klettertier, der vor allem auf unserem Stammbaum haust.
Nietzsche sah den Zusammenhang etwas drastischer. In „Also sprach Zarathustra“ schreibt er: „Man heißt dich meinen Affen, du schäumender Narr; aber ich heiße dich mein Grunze-Schwein“. Darwin hin oder her – unsere Herkunft in der Evolution ist scheint‘s doch nicht so ganz klar.
Heinrich Heine setzt da noch eins drauf: „Es ist nichts Entsetzlicheres und Grauenhafteres als der Mensch, in ihm grunzt und brüllt und meckert und zischt die Natur aller andern Tiere, er ist so unflätig wie ein Schwein, so brutal wie ein Ochse, so lächerlich wie ein Affe, so zornig wie ein Löwe, so giftig wie eine Schlange, er ist ein Kompositum der ganzen Animalität.“ (Der Doktor Faust, Kap. 8)
Manche gelehrten Zeitgenossen behaupten hingegen, der Mensch sei ein vernunftbegabtes Wesen. Kann schon sein, aber da gibt es gewisse Probleme. Denn: Das menschliche Gehirn ist zwar eine tolle Sache: Es arbeitet bereits vor der Geburt, funktioniert im Wachen und im Schlafen bis hin zum Tode. Es hört nur dann auf zu arbeiten, wenn man gebeten wird, in einer Versammlung aufzustehen und ein paar Worte zu sagen. Oder als Blogger, wenn du dich ziemlich vernunftfrei outen darfst.
Der Philosoph Ludwig Wittgenstein sagte: "Die Welt ist alles was der Fall ist". Ist der Mensch also auch so ein „Fall“? Die Theologen sind da sofort wieder da und sagen prompt: Natürlich, er ist ja ein Sündenfall. (Die brauchen das offenbar, es ist eine Art Grundansatz). Andere wiederum, die Philosophen, sagen: Quatsch, er ist ein Reinfall. Bei der Justiz ist er ein Kriminalfall, vor dem Schreibtisch des Jobcenters ein Kniefall im Angesicht der Staatsmacht, oder einfach ein Vorgang, in der Wirtschaft, je nachdem, Kostenfall oder Abfall, oder einfach nur Verbraucher, und in der Evolution reiner Zufall. Oder gar ein Durchfall – eine Art Mittel gegen die Verstopfung des Kosmos?
Ist der Mensch nun irgendein Fall oder auf keinen Fall oder bloß eine Nummer? Manchmal eine Lachnummer, klar.
Unter all den Nummern hat die Evolution so ihre Typen hervorgebracht. Die einen sind die Mafia von gestern und nennen sich heute Oberschicht, manche auch "Elite" oder so ähnlich. Andere werden entweder „Der kleine Mann auf der Straße“, „Der Bürger draußen im Lande“ oder einfach „Volk“ genannt“. In den strategischen Zentralen werden sie als „nützliche Idioten“ geführt.
Wer bin ich also wirklich? Vielleich bin ich einer, der ständig den unterschiedlichen Mächten zur Verfügung stehen soll. Bloß mir selbst immer seltener. „Ich verfüge über mich“ ist zwar die Grundphilosophie – nein, keine Philosophie, reine Behauptung – derjenigen, die sich Liberale nennen und meinen, das hätte irgendwas mit Aufgeklärtheit und persönlicher Freiheit zu tun. Aber das ist Täuschung, Fremd- und Selbsttäuschung. Spätestens als Ich–AG ist das zu spüren oder bei dem, der die Karriereleiter von Hartz I. bis IV. hinter sich hat.
Der Mensch hat also nicht nur Probleme – er ist selbst ein Problem. Und manche Probleme, so Ludwig Wittgenstein, sollte man nicht lösen, man sollte vielmehr von ihnen geheilt werden. Und hätte die Natur eine Stimme, dann würde sie genau das über den Menschen sagen angesichts dessen, was er in der Natur zu Land, zu Wasser und in der Luft anrichtet.
1. Bleib, wie du warst
Im Umgang miteinander kennen wir im Deutschen eine merkwürdige Redeweise: Ich begegne z.B. einer Person, die ich schon sehr lange nicht gesehen habe, und sage erstaunt: „Du bist ganz der Alte“. Ich meine dabei nicht, dass er alt geworden, sondern dass er jung geblieben ist.
Vom Strom der Zeit
warst du getrieben, wirst du getragen,
und mündest im Meer der Zeit.
Dort verdunstet, was Strom war,
löst sich in Luft auf,
verliert seinen Ort,
schlägt keine Wellen mehr,
treibt durch den Äther,
und du fällst irgendwann
als Tropfen zurück auf die Erde.
Wie deine Vorfahren.
Das dauert.
Und dennoch: Es kann passieren,
dass dir irgendwann – platsch!!
dein eigener Großvater auf den Kopf fällt.
Refrain:
Ach, du bist ganz der Alte!
Hast Dich gar nicht geändert,
überhaupt nicht verändert,
bist alt geworden, der Alte geblieben,
der Du warst, als Du jung warst.
bist geworden, was du gewesen.
Baumringe sind Chronisten,
sie erzählen von Zeiten, von Fristen.
Der Schnitt am gefällten Stamm
ist wie ein Phonogramm,
eine Schelllackplatte vom Leben,
abgetastet und hörbar dann eben
spielt sie das Lied von der Zeit,
ihren Brüchen, ihrer Stetigkeit.
Refrain:
Ach, du bist ganz der Alte!
Hast Dich gar nicht geändert,
überhaupt nicht verändert,
bist alt geworden, der Alte geblieben,
der Du warst, als Du jung warst,
bist geworden, was du gewesen.
Die Nadel ertastet die Jahre,
immer wieder ein Jahr noch zurück
erzählt sie, und spielt dir das Lied
vom Leben, vom Tod,
und vom Unterschied
zwischen Zeiten der Dürre und Hitze,
der Üppigkeit, Kargheit,
und die Nadelspitze
endet am Anfang, am Ausgang.
Refrain:Ach, du bist ganz der Alte!
Hast Dich gar nicht geändert,
überhaupt nicht verändert,
bist alt geworden, der Alte geblieben,
der Du warst, als Du jung warst,
bist geworden, was du gewesen.
2. Gutmensch und Gutleben – der Bürger ist extrem besorgt
„Es gibt wenige böse Menschen, und doch geschieht so viel Unheil in der Welt; der größte Teil dieses Unheils kommt auf Rechnung der vielen, vielen guten Menschen, die nichts weiter als gute Menschen sind“. (Johann Nestroy)
Alle wollen gut leben. Natürlich. Nicht unbedingt in Reichtum, aber doch im Wohlstand. Jeder und jede hat so den eigenen Traum vom „Gutleben“. Sorgenfrei gehört da auch dazu. Und wir versuchen, es uns entsprechend einzurichten. Bequem – und möglichst ungestört.
Nun gibt es da die Wirklichkeit, die stört und es gibt darin Leute, die stören.
Im Unterschied zu dem kleinen gallischen Dorf damals bei Asterix und Obelix, deren Einwohner unter der ständigen Angst lebten, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, besteht heute die große Sorge, dass uns das Klima auf den Kopf oder auf die Zehen fällt: Entweder komplett ausgetrocknet oder rastlos überschwemmt oder beides. Und das ist die Wirklichkeit, die stört.
Die Leute wiederum, die wirklich stören, das sind diejenigen, denen es andauernd so, wie es nun mal ist, nicht gut genug ist. Diese friedens- oder öko- oder sonst wie bewegten Gutmenschen – meistens politisch links, religiös oder gar noch beides – meinen, wir sollten nicht mehr so gut leben, wie wir leben, sondern wir sollten ganz anders gut leben. Und zwar deshalb, damit der große Rest der Welt auch die Chance zum Gutleben bekommt.
Was soll das? Wir können doch nicht die Welt retten.
Refrain: Wir wollen es nicht mehr hören!
Wir wollen nur positiv denken.
Wir wollen es gar nicht wissen.
Drum solltest du nicht mehr stören,
dich endgültig mit deinem Bedenken,
dem Gutmenschentum, dem verqueren
aus unserm Gutleben verpissen.
Ich finde – die sind ausgesprochen lästig. Und viele – angefangen von BILD bis zu AKK oder dem Marktintellektuellen Merz – meinen das auch. Früher hätte man gesagt: Geht doch rüber, wenn’s euch hier nicht passt. Heute müsste man sich fragen: Wo sollen sie bloß hingehen? Ich meine, im Abschieben hat man hierzulande ja genügend Erfahrung. Man bräuchte nur auf das Knowhow von Herrn Seehofer zurückgreifen. Und auf die benachbarten Erfahrungen des Herrn Orban, der das Problem mit dem Abschieben gleich gar nicht aufkommen lässt.
Aber hier leben diese Gutmenschen nun mal bereits im Land, noch dazu meist mit einem deutschen Pass.
Also: Wo wäre heute das Drüben, wohin man sie verfrachten könnte? Und wie macht man so was normalerweise? Weg damit – über die Wupper? Das ist nicht anständig. Da wären dann schon so etwas wie Menschenrechte im Weg. Obwohl, na gut, es ändert sich ja Vieles.
Sie verkaufen? Das würde die Konjunktur beleben. Aber, wie viel kriegt man davon, …und wer nimmt sie, selbst bei Konjunkturflaute?
Lassen wir das. Vielleicht sollte man sie doch besser öffentlich einfach ignorieren. Diesbezüglich gibt es in unserer freien Medienlandschaft bereits vieles an Erfahrung und auch an entwickelten subtilen Werkzeugen. Und unsere Pressefreiheit gäbe das auch her. Allein wie es manche Talkmaster und -masterinnen zum Beispiel schaffen, kritische Gäste sogar einzuladen, manchmal halt, sie aber dann gekonnt nicht zum kritischen, nun endlich interessanten Punkt kommen zu lassen, und die dabei den Anschein beibehalten, sie moderierten gerade eine wirklich kontroverse, kritische Auseinandersetzung. Da steckt viel an Erfahrung dahinter.
Mit den Friedensfreunden früher – da kam man ja noch zurecht. Aber die Klimafreunde heute – die sind ja nun wirklich nervig. Kann man – so sagt der Bürger, wenn er vor sich hin klagt – nicht alles einfach sein lassen, so, wie es ist? Kann man denn nicht endlich einmal in Ruhe leben? Es ist ja schließlich lang genug her – oder ziemlich weit weg – das Ganze. Immer diese alten Sprüche von Irakkrieg, Billiglohnländern, globaler Verantwortung, Klimakrise oder gar Ausschwitz und der ganze moralische Scheiß.
Refrain: Wir wollen es nicht mehr hören!
Wir wollen nur positiv denken.
Drum solltest du nicht mehr stören,
dich endgültig mit deinem Bedenken,
dem Gutmenschentum, dem verqueren
aus unserm Gutleben verpissen.
Kann man nicht endlich einmal eine einfachere Rechenart einschalten und Fünfe gerade sein lassen? Wenigstens einmal damit anfangen, als Alternative für Deutschland? Und morgen dann die ganze Welt?
3. Unzeitgemäße Ostergedanken
Zeit ist – was?
Geld! Na klar.
Und, in meinem Alter,
wie viel bin ich dann wert?
Eine eingepreiste Teilzeit?
Aber nein,
so ist das nicht gemeint
wird gesagt.
Zeit ist Leben!
Sicher.
Geld ist nicht Leben.
Wer dem Handel
mit Geld
verfällt,
der liebt zwar
die Menge
und die Masse,
dessen Kurs
steigt,
denn aus den Erlösen
erhebt sich Erlösung.
Doch er verfällt
mit der Zeit.
Das ist seine persönliche
Inflation,
sein Zerfall,
ist Abwertung,
Entwertung,
weggezaubert,
sinn-salabim,
sinnfreier Sinn.
Wer das Geld hat,
der schreibt
die Geschichte.
Am Ende der eigenen
ist der Abgang
dann schwer.
Umsonst ist nur der Tod,
und selbst der kostet
fast ein Vermögen.
Wer kein Geld hat,
dem geht’s
auch nicht besser.
Er wird
nach dem Ableben
billig entsorgt
und kaum erinnert.
Er – erst recht sie –
baute vielleicht einst
„das siebentorige Theben“,
wie Brecht richtig fragte.
Doch keine Fußnote
oder Anmerkung
in den Geschichtsbüchern.
Einzigartiges,
nun aufgehobenes,
enteignetes Leben,
privatisierter,
namenloser Tod.
Nicht Vorsorge,
nicht Nachsorge,
keine memoria mortis,
ein Nichts.
Und dann plötzlich
das große,
gar anmaßende
Versprechen
dieses jungen
Wanderpredigers,
damals,
in Palästina, Galiläa,
versteckt in der Frage:
AUFGEHOBEN – WO?
und: WOHIN?
4. Das saturierte Spaßvogeltum
„Das Handy am Ohr, die Finanz im G'nack und die Firma im Oasch“ (Fritz Muliar über erfolgreiche Manager).
Es gibt Typen, die ihren Weg gemacht haben: nach oben, nach draußen, nach unten, nach vorn oder nach hinten, auch seitwärts in die Büsche.
Es gibt auch welche, die hängen am Fenster herum, gucken raus und behaupten deshalb, sie hätten Weitblick. Und wenn sie vom Fenster weg sind, merken sie nicht, dass der Weitblick eigentlich nie da war, denn was sie gesehen hatten, war nur ihr Vorgarten, begrenzt durch den persönlichen Zaun. Aber sie sind der Meinung, sie wären der Zaunkönig.
Und dann gibt es Charaktere, die sind so faul, in ihrer Funktion bereits so verrottet, dass sie auf dem Misthaufen gar nicht auffallen würden. Die sind schon von vornherein kompostierbar. Sie haben die Voraussetzung dafür – haben den Wurm drin, in sich.
Der aufrechte Gang, diese Phase der Evolution, ist hier partiell (oder total) missglückt.
Es ist das saturierte Spaßvogeltum, die Voliere der Im-Käfig-Gehaltenen, mit Substanzwünschen, die passend sind: Eben Käfiggehalt, die Liebe zur intellektuellen Gefangenschaft, in voller Freiheit und Freiheitlichkeit natürlich. Und dabei muss eins in jedem Fall sein: Es muss gewinnträchtig, aber ansonsten folgenlos bleiben.
Und Legionen von Mitdemzeigefingerwarnern und Antibelehrungsschreiern „verkünden“ belehrend, dass da keine Zumutung politischer, existentieller und sonstiger sinnträchtiger Art zu sein habe. Das sei veraltet, lästig, gar links, intellektuell zumutig, belanglastig und – na ja: einfach störend.
Wobei sich in den geistigen Vorgärtchen dann in der Regel die Vorstellung breitgemacht hat, „politisch“ sei ein Text, eine Performance, eine Sache vorrangig dann, wenn ein Politiker dabei vorkommt oder wenigstens eine irgendwie geartete politische Institution.
Man kann sehen, dass Schule, mehr oder weniger privatisiertes Fernsehen und ein Teil der social media ihre Ausdünnungsaufgabe trefflich erfüllt haben: Sie haben das Denken kollektiv privatisiert. („kollektiv privatisieren“ – das muss man erst einmal schaffen), und sie haben es erfolgreich platt gemacht.
Wir erleben sogar einen Schritt darüber hinaus: Der Diskurs, der überhaupt einen Unterschied behaupten bzw. suchen will zwischen Substanz und Leere, Gehalt und Luftblase – die Philosophen würden sagen, zwischen Sein und Nichts – oder gar zwischen Fake und ganz einfach dem, was stimmt – so zu sprechen und das überhaupt zu beanspruchen sei eine Sache von gestern, sei megaout. Eigentlich sei so etwas wie „Wahrheit“ Jacke wie Hose oder, wie es ein Kabarettist einmal auf den Punkt gebracht hat: „Ist die ganze Scheiße nicht auch Götterspeise?“
Beliebigkeit perfekt!
Die Zeiten sind bescheiden geworden. Es reicht heutzutage einfach, gut aufgestellt zu sein, um zu überleben. Happy drauf und dran sein, good vibrations, echt gut abfahren, voll fit sein, die eigene Power spüren. Na so what.
5. Erwartungen dieser Zeit oder:
Die ultimative Leitkultur
Kapitalismus hat den Drang ins Totalitäre: Alles und jedes zu seinen Diensten und das jederzeit. Dieser Totalitarismus verschlingt und verbraucht dich tendenziell voll und ganz. Er verwertet dich an seiner Oberfläche durch Unterhaltung, die dich zugleich übersehen und vergessen lässt, wie sehr du praktisch selbst zum Objekt der Verwertung, also zur Ware geworden bist.
Und von dir wird erwartet, dich dazu korrekt und passend, also angepasst zu verhalten.
Für manche ist Kapitalismus, also diese anscheinend alternativlose, zum Teil geradezu irrwitzige Art zu leben, zur Religion geworden, zum verehrungswürdigen Tabu. Für sie wird das folgende Lied vielleicht auch ihre religiösen Gefühle verletzen. Doch das tut mir jetzt aber gar nicht leid.
Was also sind die Imperative heute, bei dieser gigantischen Inszenierung? Wonach sollen wir uns richten? Wir Produzenten und Konsumenten und die Überflüssigen, die weder produzieren dürfen noch konsumieren können, weil’s nicht reicht? Was wird von uns verlangt, was sollen wir tun und wie sollen wir’s bringen? Wem sollen wir’s recht machen, was also ist die ultimative, von manchen Gehirnen immer wieder hervorgezauberte Leitkultur?
Von uns wird erwartet,
dass sich unsere Leistung
wieder lohnt – für sie.
Wird erwartet,
dass wir u n s e r Wort:
SOLIDARITÄT
als ganz und gar und total,
und als Laut mega-out,
als Unwort
auf der Müllhalde der Geschichte
abladen und verrotten lassen.
Sie erwarten, dass wir vergessen,
dass wir sind, wer wir sind,
zusammen sind und gehören.
Es wird erwartet, dass jeder für sich,
allein, gegen jeden, gegen alle
Akteur des Marktes ist,
nicht seiner Hoffnungen
und nicht seines Schicksals.
Von uns wird erwartet,
dass wir das Gefühl,
um jeden Preis
Winners, nicht Losers zu sein,
im Stammhirn verankern,
dem Stammheim des In-Seins,
durch Markt und Bein.
Von uns wird erwartet,
den Tanz ums goldene Kalb
fest mitzutanzen,
den Kriminal-Tango,
den goldenen Kalbtraum zu träumen.
Dass wir denken, meinen und fühlen sollen:
Dax-isch, dow jones-isch,
nasdaq-isch und nikke-isch,
Sie erwarten von uns
die freie und bereitwillige Verehrung
des Größenwahns von Konzernherren,
des Zwangs zu Fusionen,
zur privatisierten Verwertung
der Mittel des Lebens der Vielen,
geboren aus dem Zwang
zum weltweiten Überleben
der Aktionäre –
des Zwangs zur Weltherrschaft!
Sie verlangen,
dass wir ihre Geilheit aufs Monopol
als Schicksal, Gestaltung,
Fortschritt und Wohlstand verstehen.
Sie erwarten von uns
den reinen und kindlichen Glauben daran:
Der Irrwitz sich jagender Profiteure,
die Schlacht an den Börsen und Märkten,
dies alles habe nichts,
aber auch gar nichts
mit den Schlachten zu tun, die sie rüsten
mit den Kräften der Reaktion
eine Reaktion auf die Krisen.
Doch nicht einmal das
kannst du mehr hören:
Es sei ja schließlich
zur Verteidigung „des Vaterlands“ hier
oder „der Menschenrechte“ dort,
so offensichtlich und offenkundig
sind es schon lang nicht mehr wir
und die Völker dort,
die’s zu verteidigen gilt.
Von uns wird erwartet,
das globale Spiel zu spielen,
welches bestrafen wird alle,
die sich erdreisten,
das Bett nicht zu teilen
und die Schenkeln nicht zu spreizen
für den, der im Namen der Freiheit
sich einzudringen gestattet,
weil er’s gut mit ihnen meint.
Weil er’s gut mit sich meint.
Im Bordell der freien Liebe zum Profit
sitzen die Völker im Schaufenster
der selbst nicht verschuldeten Schulden
und lassen ihre Regierungen zeigen,
was sie haben,
zu bieten haben
an Vorzügen, Reizen, Potenzen.
Verurteilt zu den Obszönitäten der Märkte
durch das Karussell der Ratings,
zur Bereitschaft, Hand anzulegen
im Lotterbett des Abzockens,
die Freier und Schuldner
zu befriedigen,
und wenn die Schuld groß genug,
es ihnen gar umsonst zu besorgen,
immer in der Hoffnung,
ein kleiner Rest von Glück, von Leben,
von Wohl-Stand bliebe übrig.
Und selbst
und zuallererst
in der Krise
ergeht noch die Forderung,
dass in Verblendung Aufklärung sei,
im Bankrott Verheißung.
Und wir sollen die Grenze erkennen,
die ultimative,
wo die Zeit sich erfüllt,
die Geschichte ein für allemal endet,
das Reich der notwendigen Freiheiten
ewig zu währen verspricht,
das Reich unseres Herrn,
das selbst in der Götterdämmerung
noch Heil verspricht,
im Namen Gottes:
des Dollar, des Euro und des Yen.
Amén. Amen.
6. Nur positiv Denken oder: Der Markt der Gemütlichkeit
„Ich habe angefangen, ein bisschen vergnügt zu sein, da man mir sagte, das sei gut für die Gesundheit“.(Voltaire)
Manchmal denk ich an den Bären im „Dschungelbuch“, wenn er tanzt und locker singt: „I like Gemütlichkeit, immer nur Gemütlichkeit…“
Gemütspflege
Es muss ja nicht unbedingt gemütlich zugehen, aber das Bedürfnis ist verständlich, nicht auch noch den Rest des Tages die globalen Zumutungen und den Irrsinn im Kopf und vor Augen zu haben, und nach Feierabend endlich sagen zu können: Es reicht heute. Und das mit gutem Gewissen.
Alle, die sich zu Friedensaktivitäten aufgefordert fühlen, machen die Erfahrung, dass sie andere Leute nerven. Vor allem dann, wenn sie diese auffordern, mitzumachen.
Wenn das Zuhause, die Welt der eigenen Sichtweisen provoziert wird, kann die Gemütlichkeit sich leicht ins Gegenteil drehen. Wenn ihn das stört, den Gemütlichen, dann wird’s bei ihm ungemütlich.
Um die Seelenlage des Gemütlichen nicht allzu sehr zu strapazieren, hat man das Positiv-Denken erfunden.
Der Vorteil bei positiv denken ist, dass es auf der einen Seite dem Gemütlichen die Ungemütlichkeiten vom Hals schafft, weil nur fürs Gemüt Erträgliches zugelassen wird. Das hat zur Folge, dass der Gemütliche gleichzeitig voll im Trend liegt und sich als Glied des dynamischen, fortschrittlichen Teils der Menschheit sehen kann, als Teilnehmer auf dem Markt des Gemütshaften. Und wenn sich für ihn alles in der Welt der Verwertung abspielt, dann wird auch die Gemütlichkeit zur Produktivkraft. Und er gehört weiter dazu.
Ich gestehe
Positiv denken – diese herrliche Erfindung der Postmoderne: Vieles weg denken, indem man gleich gar nicht denkt. Exorzismus alles Störenden, Affirmation auf Teufel komm raus.
Und jetzt kommt das Outing: Ich gestehe nämlich, ich habe einen ganz furchtbaren Fehler. Einen fundamentalen Defekt sozusagen, so eine Ungnade der frühen Geburt. Und ich schäme mich gar nicht dafür. Es ist nämlich so: Ich denke nicht positiv.
Erschreckt Sie das nicht? Bei allem denk ich mir was dabei. Überall ein Problem, immer irgendwelche Einwände. Ich denke nicht positiv – ich bedenke dauernd. Und befinde mich ständig in der Gefahr, als Bedenkenträger entlarvt zu werden. Manchmal träume ich zwar nachts, endlich mal bedenkenlos so dahin leben zu können. Aber das ist dann morgens wieder ganz ernüchtert vorbei.
Immer denke ich mir was dabei
Zum Beispiel: Wenn diese Bundes-verband-arbeitgeber-vorstandschefs, wenn die sagen: Wir brauchen mehr Gewinne, viel mehr, dann…, ja, was dann? Dann folgt meist ein Zitat aus ihren Standardtextbausteinen, der Art wie: „… nur dann können wir neue Arbeitsplätze…“ und so weiter, und sie benutzen dann meist sogar das Wort „schaffen“.
Wenn ich so was höre, dann nehme ich das nicht hin. Immer denke ich mir was dabei. Zum Beispiel denke ich mir: Die meinen eigentlich ganz was Anderes, wenn sie das dauernd so sagen.
Es sagen überhaupt viele was dazu. Der Lindner zum Beispiel, wenn der sagt, dass der Markt sagt, dass Leistung sich wieder lohnen soll, und dass selbstverständlich mehr Gewinne mehr Gewinne schaffen, und dass die dann … erneut mehr Gewinne schaffen, und dann allerdings endlich … na ja, wenn der dann irgendwann das Wort „Arbeitsplätze“ in den Mund nimmt – dann denke ich dem das nicht einfach nach, also hinterher, so wie er das sagt. Ich denke mir vielmehr: Lindner redet von Arbeitsplätzen – wie früher der Westerwelle und der Möllemann und der Bangemann. Und ich denke: Was soll der sich schon dabei denken? Oder ist das gar eine Drohung? Oder denkt er dabei nur an die Aktionäre?
Das Nicht-positiv-Denken
So ist das mit dem Nicht-positiv-Denken.
Vielleicht ist das genetisch bedingt. Gibt es eigentlich ein Gen, das dafür zuständig ist, ein dauerkritisches Gen sozusagen? Oder fehlt mir vielleicht ein anderes? Das Positiv-Denke-Gen? Lässt sich das durch Genmanipulation beheben? Damit man positiv denkt, wenn man denkt. Oder braucht man das dann gar nicht?
Denkt man überhaupt richtig, wenn man positiv denkt? Oder ganz einfach nur anders, cooler vielleicht? Bestimmte Sachen, Probleme, kommen dann einfach nicht mehr vor, die gibt’s dann nicht mehr. Ich weiß es nicht.
Die Welt muss aber viel schöner sein.
Freunde haben mir das schon vorgehalten. Haben sich bemüht – haben mir Kurse, ja richtige Trainings angetragen: Einführung in die Positiv-Denke. Nach Amerika geschickt. Dort ist das Positiv-Denken zuhause.
Warum spreche ich eigentlich von Amerika – das sind doch die USA. Als wäre die USA ganz Amerika. Oder der Rest des Kontinents bedeutungslos. Oder gehört er denen bereits?
Sehen Sie – da ist es schon wieder – dieses Kritisieren. Nicht Fünfe gerade sein und Amerika den Amerikanern lassen, wo die es doch schon längst haben – militärisch im Fadenkreuz und freihandelsmäßig sowieso. Bis auf die geplante Mauer, wo dann ganz Amerika neu, in zwei Teile geteilt wird, wie früher Deutschland – oder besser: Berlin.
Aber immerhin sind sie weit herumgekommen, die Amerikaner – jetzt, positiv gedacht. Sind bis nach Berlin gekommen – das hat uns damals sehr geholfen. Sind auch nach Hanoi, Belgrad, Bagdad, oder zum Mond gekommen. Das hat uns weniger geholfen. Oder haben auch so manches entwickelt, sozusagen fürs Weltkulturerbe: Mac Donalds, Microsoft, eine respektable Analphabetenrate. Oder Beförderungsmittel, um die Flexibilität voran zu bringen: Saturn-Rakete, Tarnkappenbomber, elektrischer Stuhl. Und, wie immer – Deutschland eifert ihnen nach.
Das kommt vielleicht davon, dass jeder kleine Amerikaner lächelt, wenn er auf die Welt kommt. Er (und natürlich auch sie) kriegt sofort zwei Sachen in die Wiege gelegt: Einen amerikanischen Pass und den genetischen Code zum Dauerlächeln, die Programmierung aufs Gutdraufsein: Cheese.
Das Immer-gut-drauf-sein trifft sich gut
Hat das Dauergrinsenmüssen in den USA, der Zwang zum ausstrahlend Positiv-Denken und Immer-gut-draufsein, gar etwas damit zu tun, dass man in diesem Land ewig in Schusswaffen verliebt ist? Hängt das zusammen, schafft die umfassende Waffenhortung etwa gar so was wie eine Grundfröhlichkeit?
Kinder sind da etwas lockerer, die lächeln einfach nur. Doch später, wenn die Leute dort erwachsen sind, lächeln sie nicht mehr sondern sie grinsen. Und zwar dauernd, vor allem, wenn eine Kamera in der Nähe ist. Das ist fast wie ein nationales Zwangsverhalten. Wenn das vergessen wird, muss die Pharmaindustrie einspringen - Happy pills usw. Oder Viagra, für die unerträgliche Leichtigkeit des ….
Kennen sie Bill Gates, den Microsoft-Wilhelm? Jetzt ist er im gesetzten Alter, da braucht er das nicht mehr so sehr, ist mehr in charity unterwegs, aber früher – es gab kaum ein Bild, auf dem er nicht grinste. Sie, manchmal dachte ich mir, der ist voll geklont. Vielleicht ist der bereits als Siliziumchip auf die Welt gekommen. Mit einer Dauer-Gutdraufsein-Schaltautomatik. Oder hat er sich gar seine Milliarden vor allem ergrinst?
Die Aliens sind bereits unter uns
Vielleicht besteht gar ein Großteil der US-Bürger, auch Amerikaner genannt, aus Aliens – und Hollywood hat recht: Sie sind schon unter uns. Und Arnold Schwarzenegger war ein als Steirischer Jodler getarnter, doppelt geklonter Hollywood-Alien.
Sehen Sie sich den US-Wahlkampf an oder Präsidentenshows im TV. Gut, beim gegenwärtigen Präsidenten hat das eher etwas Immobilienhaftes. Ansonsten schwappt es über nach Europa, überflutet uns wie eine Gut-drauf-Woge, wir werden dazu animiert und daraufhin programmiert: grinsende Comedymacher, flachsinn-exkrementierende Sinnstifter, überbordende Lachsäcke.
Früher hat man sich gefreut und gelacht. Heute muss man gut drauf sein und grinsen – dauernd, unentwegt, erbarmungslos positiv grinsen. Wie kann man da noch freundlich-entspannt dreinschauen? Das geben ja die Gesichtsmuskeln gar nicht mehr her.
7. Privatisierung – wir sind gut aufgestellt
Wo stehen wir? Manche sagen: Wir stehen nicht, wir liegen nur so herum oder einfach danieder. Ist natürlich Quatsch.
Verschlankung
Evolutionsmäßig haben wir den Gipfel der Errungenschaften erreicht: Rationalisierung, Entbürokratisierung, auch Verschlankung – mit Ausnahme der heranwachsenden Generation, die sich von Cola und Fast Food ernährt und denen man das bedauerlicherweise auch ansieht.
Verschlankung – auch auf dem Markt der Sinngebung. So manche Predigt auf den Kanzeln, oder – im Paralleluniversum – in der Unterhaltung, in vielen Fernsehkanälen, das ist alles sehr schlank, ziemlich mager, kaum ein Gramm an geistigem Übergewicht.
Entbürokratisierung ist d a s Mittel gegen die Krise. Es gibt ja viel zu viele Hemmnisse im Land, zu viele Vorschriften etc. Allein die zehn Gebote – gleich zehn – der Bereich ist völlig überfrachtet. Alles aus Zeiten lang vor der sozialen Marktwirtschaft. Da muss man verschlanken – zwei übriglassen, das würde vollauf reichen.
Zum Beispiel Erstes Gebot: „Du sollst an einen Markt glauben“. Seine unsichtbare, aber allmächtige Hand regelt alles. Hier passt das Lied: „Wer nur den lieben Gott lässt walten, den wird er wunderbar erhalten“. Also zwar Monotheismus, aber die Göttlichkeit erscheint in verschiedenen Gestalten: Arbeitsmarkt, Stahlmarkt, Agrarmarkt, Kaffeemarkt, Waffenmarkt, Drogenmarkt, die göttliche Vieleinigkeit.
Das geht allerdings wieder einmal nicht ohne einen Führer. Denn wie im alten Griechenland Göttervater Zeus den Laden dirigierte, so macht das heute – wer? Natürlich – der Finanzmarkt.
Privatisierung
Das zweite Gebot lautet: „In der Privatisierung liegt das Heil, die Erlösung“. Es geht ja schließlich um Erlöse.
Privatisierung hat eine doppelte Seite: Einerseits eröffnen sich für private Investoren wie Versicherungskonzerne etc. zusätzliche Profitfelder, und auf der anderen Seite stehen die Lebensrisiken nicht mehr in der Verantwortung der gesamten Gesellschaft. Sie werden vielmehr private, also persönliche. Und so werden sie auch zum persönlichen Risiko. Und jeder hat Chance, endlich auch mal private Insolvenz erwirtschaften oder, mangels finanzieller Mittel für eine ausreichende Gesundheitsversorgung, die Gnade einer verkürzten Lebenserwartung erleben zu dürfen.
Das Problem ist ja nicht, dass es Privates gibt, sondern dass und wie es Privatisierung gibt. Das ist wie bei arm und reich: Nicht dass es Reiche gibt ist ein Problem, sondern dass es Bereicherung gibt – fortdauernd und systematisch. Und wo es sie gibt, da gibt es Verarmung – fortdauernd und systematisch. Und das geschieht nun wirklich nicht so einfach oder gar unabhängig nebeneinander. Privatisierung ist eine unter vielen Formen der Bereicherung und letztlich das Geheimwort für Enteignung.
Enteignung
Nun war ja Enteignung nicht immer nur etwas Böses: Die Kommunisten haben enteignet: Großgrundbesitzer, Kleingrundbesitzer, Besitzer ohne Grund. Auch Hausbesitzer. Das war böse Enteignung. Heute hingegen sieht das anders aus: All die Dienste der Daseinsvorsorge, über Generationen von der Bevölkerung erarbeitet, werden zu Geschäftsfeldern und an private Investoren verscherbelt. Das ist gute Enteignung. Und dann war da auch noch ein ganzes Land, das enteignet werden konnte, nämlich die DDR. Was für ein Coup. Was da über die Treuhand abgewickelt wurde – ich glaube, da sind viele Investoren in Ländern weltweit geradezu neidisch geworden.
Zu Beginn der Entwicklung in Deutschland stand einmal: „Die Rente ist sicher“. Schließlich hat man die Alterssicherung immer mehr privaten Investoren ausgeliefert. Auch das war gute Enteignung.
Heute geht das Versprechen weiter: „Die Menschenrechte sind sicher“ heißt es. Wir können warten, bis auch sie privatisiert und den freien Märkten übergeben werden. Dann wären endlich auch die Menschenrechte richtig frei und man könnte damit Handel treiben. Hedge-Fonds zum Beispiel könnten das.
