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Von einem Tag auf den anderen geht der 13-jährige Hugo nicht mehr zur Schule. Ängste bestimmen seinen Alltag. Zwischen den Stühlen seiner geschiedenen Eltern sucht er sich und seine Identität und findet Ullrich Lichte, einen Schulbegleiter, der ihn wieder in die Normalität zurückführen soll. Doch Hugos Angst und sein Misstrauen, den meisten Männern gegenüber, bilden eine heikle Ausgangslage für dieses Unterfangen. Ein Entwicklungsroman über das Seelenleben eines verunsicherten Jugendlichen, der die ersten Schwellen zur Erwachsenenwelt überschreiten muss.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Von einem Tag auf den anderen geht der 13-jährige Hugo nicht mehr zur Schule. Ängste bestimmen seinen Alltag. Zwischen den Stühlen seiner geschiedenen Eltern sucht er sich und seine Identität und findet Ullrich Lichte, einen Schulbegleiter, der ihn wieder in die Normalität zurückführen soll. Doch Hugos Angst und sein Misstrauen, den meisten Männern gegenüber, bilden eine heikle Ausgangslage für dieses Unterfangen.
Ein Entwicklungsroman über das Seelenleben eines verunsicherten Jugendlichen, der die ersten Schwellen zur Erwachsenenwelt überschreiten muss.
Hendrik von Drachenfels, geboren 1992 in Hannover, studierte nach seinem Abitur an der Stiftung Universität Hildesheim Grundschullehramt. Heute arbeitet er als Grundschullehrer in Hannover. „Irgendwas in mir“ ist sein Debütroman.
Kontakt: [email protected]
Cover- und Buchgestaltung: Marc Glasze
www.marcglasze.de
Für Elisabeth, Sunhild und Jörg-Ulrich
Der Roman ist inspiriert von realen Personen und Geschehnissen. Bestimmte Figuren, Darstellungen, Vorfälle, Orte und Dialoge sind jedoch fiktional oder wurden aus dramaturgischen Gründen erfunden.
Jedes Jahr aufs Neue werfen Laubbäume im Herbst ihr Laub ab. Sie ziehen die wertvollen Stoffe, die sie zum Leben benötigen, in ihren Stamm zurück, um sich für die kälteste Jahreszeit zu wappnen.
Die Blätter stellen für sie eine zunehmende Gefahr dar. Richtung Winter wird der Boden immer trockener. Würde weiterhin Feuchtigkeit über die Blätter verdunsten, trocknet der Baum aus. Der Laubfall ist somit ein Schutzmechanismus, denn mit ihm werden darüber hinaus giftige Stoffe abgestoßen. Man könnte auch von einer Selbstreinigung der Bäume sprechen. Ein weiterer Vorteil ist, dass Laubbäume im Winter weniger Schneelast zu tragen haben.
Textbeginn
DREI TAGE
EINE WOCHE
ZWEI WOCHEN
DREI WOCHEN
SECHS WOCHEN
SIEBEN WOCHEN
ZWEI MONATE
DREI MONATE
DREIEINHALB MONATE
VIER MONATE
VIEREINHALB MONATE
DONNERSTAG 25.08.2005
FÜNF MONATE
SECHS MONATE
SECHS MONATE & EINE WOCHE
SECHSEINHALB MONATE
SIEBEN MONATE
SIEBENEINHALB MONATE
SIEBEN MONATE & DREI WOCHEN
ACHT MONATE
ACHTEINHALB MONATE
ACHT MONATE & DREI WOCHEN
NEUN MONATE
NEUN MONATE & ZWEI WOCHEN
ZEHN MONATE
ZEHN MONATE & EINE WOCHE
ZEHN MONATE & DREI WOCHEN
DIENSTAG
MITTWOCH
ELF MONATE
ELF MONATE & ZWEI WOCHEN
ZWÖLF MONATE
ZWÖLF MONATE & ZWEI WOCHEN
SECHS JAHRE SPÄTER
Es war ein Aprilmorgen, der nicht so richtig wusste, ob er noch zu einem Frühlings- oder schon zu einem Sommertag werden sollte. Ich stand im großen, rechteckigen Flur unserer Wohnung und überlegte, ob ich zur Jeansjacke greifen sollte. Ich ließ es sein. Erstens war mein Schulweg unglaublich kurz und zweitens hatte ich schon immer daran geglaubt, dass man den Sommer durch die Wahl seiner Kleidung frühzeitig zum Erscheinen zwingen sollte. So ging ich im dünnen Pullover das halbdunkle Treppenhaus hinunter. Meine Mutter war bereits bei der Arbeit. Sie sorgte meistens dafür, dass ich rechtzeitig am Frühstückstisch erschien und stieg dann auf ihr Fahrrad, um früh im Büro zu sein. Sie war ein richtiger Morgenmensch. Sie mochte es, aus dem Haus zu gehen, wenn sich die meisten anderen Menschen noch an ihren beruhigenden vier Wänden erfreuten. Ich war da ganz anders. Ich schlief am liebsten bis zehn oder elf Uhr aus. Heute machte ich das Licht im Treppenhaus nicht an, um mich noch ein bisschen in der Dunkelheit der Nacht zu wähnen, und zog die Haustür auf. Obwohl die Sonne im April schon deutlich vor meiner Zeit aufging, lag unsere Straße noch im Dunkeln. Eine Allee von großen Platanen säumte die Straße, die einen grünen Tunnel aus ihr machte. Die Blätter wurden kräftiger und dichter und ließen bis hier unten wenig Sonne durch. Die meisten Mitschüler von mir kamen aus anderen Stadtteilen mit dem Bus angefahren und stiegen an der Haltestelle aus, die unmittelbar vor meiner Haustür unter dem Deckmantel der großen Bäume lag. Ich versuchte eigentlich immer, meine Freunde dort abzupassen und die kurze Wegstrecke mit ihnen zurückzulegen. Heute war ich jedoch zu spät losgegangen und reihte mich allein in den Strom derer ein, die ohne öffentliche Verkehrsmittel der Schule zustrebten. Ich regelte meinen MP3-Player auf volle Lautstärke: Kool Savas & Azad mit All 4 One. Das Album One war zwei Monate zuvor erschienen. Ich hatte es mir zuerst bei Saturn angehört und es dann von der CD eines Mitschülers auf den MP3-Player überspielt. Die beiden in Kombination waren der Hammer! Kool Savas mit seinem Flow, scharf und präzise wie ein Degen, und Azad mit seiner brachialen, männlichen Stimme. Rapmusik gab mir immer ein starkes Gefühl, ein Gefühl von Überlegenheit, von Selbstvertrauen und von einer Coolness, die ich in letzter Zeit immer häufiger vermissen ließ. Viele Rapper sprachen mir aus der Seele, weil sie in Schwierigkeiten steckten und diese beim Namen nannten, und dennoch stark blieben. So ging ich mit All 4 One auf den Ohren den geraden Weg an der Hecke entlang zur Schule. Hin und wieder pflückte ich mir ein Blatt von der Hecke, zerkleinerte es und hinterließ das ein oder andere natürliche Konfetti auf dem Fußweg. Zerstreut.
Ich richtete mich auf, atmete die frische Morgenluft tief in mich ein und passierte die große, alte Platane, die, im Vergleich zur Allee in unserer Straße, einsam und verloren wirkte. Dies machte sie allerdings durch ihren dicken Stamm und die weitreichenden Äste wett. Dann ging ich an den rauchenden Oberstufenschülern vorbei, die sich missmutig und demotiviert vor dem Schuleingang tummelten. Im Eingangsbereich der Schule angekommen, nahm ich meinen MP3-Player ab und steckte ihn in den Rucksack. MP3-Player waren schließlich im Schulgebäude verboten und gehörten in die Tasche. Ich hatte kein Interesse daran, einige Tage auf ihn zu verzichten zu müssen, nur weil irgendein Lehrer ihn einkassieren wollte. Am Vertretungsplan sah ich schon Mitschüler stehen.
„Moin, Hugo.“
„Na, fällt was aus?“
„Nee. Natürlich nicht.“
„Na super.“
Gemeinsam schoben wir uns durch die Schülermenge allen Alters in Richtung Klassenzimmer. Ich ließ meinen Rucksack auf den Boden neben meinem Tisch krachen und begrüßte erstmal das Mobbingopfer der Klasse mit einem kräftigen Schlag auf den Rücken. -BAM-!
„Alles fit?“, rief ich ihm dabei zu.
Der sehr hagere Christof knallte fast mit dem Kopf auf die Tischplatte und brachte nur ein wimmerndes „Klar“ heraus. Die halbe Klasse tobte vor Lachen. Dann ging ich nach vorne zur Tafel, griff mir alle Kreidestücke und fing an, diese im hohen Bogen im Klassenraum zu verteilen.
„Oh, Hugo, hör auf, Mann!“, rief Marlene aus der letzten Reihe, die sich nur durch Ducken vor einem Kreideeinschlag schützen konnte. Ich kicherte nur und meine Jungs stimmten mit ein.
„Frau Marcon kommt“, rief ein Mitschüler, der meistens vor der Klasse auf der Heizung saß, um eben jenes Erscheinen der Lehrpersonen anzukündigen.
Ich setzte mich auf meinen Platz und schlüpfte schnell in die Rolle des Unschuldslamms. Meinen Posten als cooler Klassenclown hatte ich manifestiert. Als unsere Französischlehrerin wenig später nach Kreide suchte, hob ich schnell ein Stück vom Boden auf und brachte es ihr nach vorne. Ich sah zu, dass ich stets gekonnt zwischen Klassenclown und Lehrerliebling balancierte, ohne dabei zu sehr einer Rolle zu verfallen.
Drei Schulstunden später saßen wir im Englischunterricht bei Frau Winckler. Es war ungefähr die Hälfte der Englischstunde erreicht, als sich in mir plötzlich eine seltsame Übelkeit bemerkbar machte. Der Unterricht lief an mir vorbei, wie als würde ich in einem fahrenden Zug sitzen, ohne aus dem Fenster zu blicken. In den Augenwinkeln nahm ich zwar wahr, dass sich da etwas fortbewegte, aber ich konnte es nicht greifen, war nicht mehr Teil davon. Die Übelkeit nahm mich vollends ein, bis ich das Gefühl hatte, die Wände des Klassenzimmers wüchsen immer weiter auf mich zu. Eben war doch noch alles normal gewesen. Jetzt wurde es mir zu eng hier. Ich musste raus.
„Frau Winckler, darf ich mal auf die Toilette?“
„Nein, Hugo. In zwanzig Minuten ist Pause. Bis dahin hältst du es ja wohl noch aus!“
Ich war gefangen. Die Fenster des Zuges strebten weiter auf mich zu. Er fuhr mittlerweile so schnell, dass es in meinen Ohren rauschte. Soll ich ihr sagen, dass mir schlecht ist? Wie unangenehm! Wie würden die Mitschüler gucken? Soll ich einfach gehen? Nein, dann bekomme ich Ärger und ich gebe ein noch seltsameres Bild ab. Konzentrier dich einfach! Nur noch zwanzig Minuten!
Die zwanzig Minuten dehnten sich zu einer gefühlten Stunde. Wir sollten Aufgaben aus dem Buch bearbeiten. Der englische Text verschwamm vor meinen Augen. Zu den Aufgaben kam ich gar nicht erst. Was war nur los auf einmal? Ich konzentrierte mich darauf, so zu tun, als würde ich etwas bearbeiten und meiner Übelkeit dabei Herr zu werden. Ich musste mich stark anstrengen, nicht aufzustehen und aus dem Klassenzimmer zu rennen. Irgendwas in mir wollte raus, allein sein, in Sicherheit sein, aber es ging nicht. Der Stundenplan sah vor, dass ich noch zehn Minuten in diesem verfluchten Raum bleiben musste. Kilian stupste mich immer wieder an oder beäugte mich von der Seite. Irgendwann hörte er auf, weil ich nicht reagierte. Der Zug, in dem ich saß, raste an ihm vorbei. Fünf Minuten. Gedanklich packte ich schon mal meinen Rucksack zusammen, ging den Schulweg nach Hause, roch den vertrauten Duft unserer Wohnung. Dann unterbrach Frau Winckler die Arbeitsphase. Wie sie den Unterricht beendete, bekam ich nicht mit. Es flog dumpf an meinen Ohren vorbei. Dann kam endlich der erlösende Gong und der Zug rollte in den Bahnhof ein. Bewegung kam in die Klasse. Gedämpftes Stimmengewirr. Der Sog der Geschwindigkeit gab mich langsam frei. Jetzt war große Pause und wir hatten noch zwei Stunden, aber ich musste raus, raus aus dem Klassenzimmer, raus aus dem Schulgebäude, raus aus dem Zug. Ich ergriff meinen Rucksack und überhörte meine Freunde.
„Komm, Hugo, schnell zur Tischtennisplatte.“
Ich folgte ihnen wie betäubt und bog, anstatt links zum Schulhof, rechts zum Ausgang ab, wo ich Stunden vorher, durch die Rapmusik gestärkt, hineingekommen war. Jetzt war ich nur noch ein Schatten meiner selbst. An den ersten Pausenrauchern aus der Oberstufe vorbei, ging ich schnellen Schrittes in Richtung Platane. Puh, geschafft! Ab hier sieht mich keiner mehr. Ich stieg aus dem Zug aus und war in Sicherheit. Ich strich mit meiner rechten Hand über die raue Rinde, die immer etwas ungesund aussah, die so viele Makel hatte und doch so majestätisch über allem thronte, und folgte dem geraden Heckenweg nach Hause. Die Übelkeit ließ langsam nach. Ich atmete die frische Luft tief ein. Durch die Nase ein, durch den Mund aus. Und noch einmal. Und noch einmal. Die Beklemmung ließ nach. Ich bog links in die Allee ein und fühlte mich plötzlich ganz sicher unter dem grünen Deckmantel der Platanenkronen. Die Stille des dunklen Treppenhauses begrüßte mich wie ein alter Freund und ganz wohl war mir, als ich den vertrauten Geruch unserer Wohnung einatmete. Hier umgab mich wieder Sicherheit und Geborgenheit. Meine Mutter war noch bei der Arbeit. Ich griff zum Telefon und rief sie an.
Wenn ich heute sagen müsste, wann der Schlaghammer der Erwachsenenwelt zum ersten Mal das dünne Porzellan meiner Kindheit traf, dann gehe ich gedanklich in das Jahr 2002 zurück. Ich war zehn Jahre alt und strebte die heilige Erstkommunion in der nächstgelegenen katholischen Kirchengemeinde an. Ich konnte zwar nicht sonderlich viel mit dem anfangen, was der schon etwas in die Tage gekommene Pfarrer da so vom Heiland und dem ewigen Leben erzählte, aber immerhin verschaffte mir der Unterricht mehr Zeit mit Timon und Lennard, meinen beiden besten Freunden aus der Grundschule. Wir drei saßen während des Gottesdienstes in der zweiten Bankreihe und krümmten uns regelmäßig vor Lachen, wenn der Pfarrer zu seinem schiefen, kopfstimmigen „Evangeeeeelium unseres Hääärrn Jesuuuuhs Christuuuuuhs“ ansetzte. Wir konnten uns während der einschläfernden Predigt, bei der wir kein einziges Wort verstanden, vollkommen in Ekstase lachen. Wenn der Pfarrer oder andere Gemeindemitglieder uns ermahnten, gab es erst recht kein Halten mehr. Der Supergau kam dann aber beim Vaterunser, zu dem alle angehenden Kommunionskinder nach vorne kommen sollten. Wir versammelten uns rund um den Altar und hielten uns an den Händen. Unter den ernsten Blicken der versammelten Gemeinde mussten wir uns ohnehin schon konzentrieren, nicht vor lauter Lachen auf den blank polierten Boden zu pinkeln. Als Timon es dann auch noch dem erwachsenen Messdiener gleichmachte und die Hände ausfuhr, um die Hostie zu empfangen, die uns als Fast-Kommunionskindern noch gar nicht zustand, und er im Gegenzug lediglich das Kreuz auf die Stirn gezeichnet bekam, war alles zu spät und wir prusteten nur so los. Wie er da stand, die ausgefahrenen Hände und dieser erwartungsvolle Blick. Voll ins Leere gegriffen! Herrlich! Ich wünschte, ich könnte noch einmal solche Lachkrämpfe haben, wie ich sie mit Lennard und Timon hatte. Wenn man auf gar keinen Fall lachen darf, muss man es erst recht tun. Dagegen anzukämpfen und irgendwann nicht mehr standhalten zu können, war das wahre Hochgefühl dieser Kindertage. Wir nannten es Drucklachkrampf. Timon und ich waren Experten für Drucklachkrämpfe in den unpassendsten Situationen. In diesen Zustand erhoben wir uns auch häufig in der Schule, weshalb wir uns nicht selten auf dem Schulflur ausschütteln mussten, bevor wir wieder am Unterricht teilnehmen durften. Ich habe mich in den letzten Tagen oft gefragt, wann ich das letzte Mal so sehr lachen musste und kann mich nicht erinnern.
Die Aussicht, das Ausbildungsjahr bis zur großen Kommunionsfeier mit den Freunden an meiner Seite durchzustehen, war keine schlechte. Darüber hinaus leitete meine Mutter als Katechetin die Kleingruppe, in der wir uns einmal in der Woche trafen. So kam die Gruppe, bestehend aus vier Jungen und drei Mädchen, immer zu uns nach Hause und ich fühlte dann einen warmen Stolz, wenn meine Mutter uns Bibelstellen erklärte, sich nach unserer Meinung zu bestimmten religiösen Fragen erkundigte oder Gebete vorlas, während wir die Augen geschlossen halten sollten. Meine Mutter konnte das irgendwie gut. Sie war nicht so abgehoben und belehrend, wie der alte Pfarrer in der Kirche, von dem man kein Wort kapieren konnte. Sie klärte abstrakte Worthülsen auf, wenn uns beispielsweise die Aussicht auf ein ewiges Leben oder die Wiederauferstehung ziemlich märchenhaft erschien.
„Mit dem ewigen Leben meint der Pfarrer nicht, dass wir ewig auf dieser Erde herumlaufen und hunderte Jahre alt werden.“ Wir Kinder schauten uns kichernd an.
„Nee? Schade!“, streute Timon witzelnd ein.
„Es bedeutet, dass wir nach dem Leben, also wenn wir gestorben sind, zu Gott in den Himmel kommen und dort auf eine andere Art weiterleben.“
Bedächtig unterbrachen wir unser Gelächter. Das wussten wir natürlich.
In der Kleingruppe war auch Natascha, in die ich während der gesamten Grundschulzeit verliebt war. Ich freute mich, dass sie immer zu uns kam, meiner Mutter zuhörte und ich sie dabei beobachten konnte. Es fühlte sich gut an, dass sie mit meiner Mutter scheinbar etwas anfangen konnte. Das beruhte auf Gegenseitigkeit.
„Mama, wie findest du eigentlich Natascha?“, fragte ich sie eines Abends, nachdem die Kommunionsgruppe gegangen war. Sie lächelte mich verschmitzt an und sagte nur:
„Wirklich ein süßes, schlaues und liebes Mädchen… oder?“ Froh über ihre gelungene Typbeschreibung nickte ich lächelnd und ging, mit einem warmen Kribbeln im Bauch, hoch in mein Zimmer.
Leider hielten diese federleichten Tage nicht lange an. Eines Abends setzte sich meine Mutter zu mir ans Bett. Sie sah besorgt aus und hatte gerötete Augen, als hätte sie vorher noch heftig geweint.
„Hugo… ich muss dir etwas sagen“, fing sie zögerlich an.
„Was denn?“
Sie streichelte mit der linken Hand durch meine Haare und hielt mit der rechten meine Hände fest.
„Mama ist krank. Ich habe eine Krankheit, die Krebs heißt. Hast du davon schon gehört?“
Spontan meldete sich in mir eine Assoziation zu diesem Wort.
„Das, was Onkel Hans hatte?“
Mein Magen drehte sich um 180 Grad. Ich wusste noch, dass wir vor vielen Jahren auf einer Beerdigung gewesen waren. Onkel Hans, der Schwager meiner Oma, war gestorben. Meine Mutter hatte damals sehr geweint, und ich gleich mit. Rund um diese Beerdigung hatte ich oft den Begriff „Krebs“ gehört.
„Onkel Hans hatte Kräpps.“
Mein Opa sprach dieses Wort immer etwas ungewöhnlich aus. Dadurch bekam es eine noch viel befremdlichere und härtere Note. Es war die erste Beerdigung, an die ich mich erinnern kann und das erste Mal, dass ich meine Mutter bitterlich hatte weinen sehen.
„Ja, genau. Aber ich habe es nicht so schlimm und ich habe gute Ärzte, die mir helfen. Ich werde bald wieder gesund sein.“ Ich lag da und wusste nicht, ob ich ihren Optimismus teilen sollte. Wenn sie bald wieder gesund sein würde, konnte die Nachricht ja nicht so schlimm sein. Warum hatte sie dann so verweinte Augen? Warum wirkte sie hinter ihrem vorgeblichen Lächeln so tief besorgt?
„Ich kann leider nicht mehr den Kommunionskurs leiten. Den macht jetzt Frau Köhler, die Mutter von Melina. Ich muss jetzt erst einmal gesund werden.“
Nun fing ich an zu weinen. Diese Neuigkeit war, im Gegensatz zu der davor, schrecklich greifbar für mich. Ich wollte nicht, dass irgendeine Frau Köhler den Kommunionsunterricht leitete. Sie nahm mich in den Arm und strich die Tränen aus meinem Gesicht.
„Ich habe dich so lieb. Mach dir keine Sorgen! Mama schafft das!“ Über ihre Schulter hinweg sah ich plötzlich meinen Vater im Türrahmen stehen. Als sich unsere Blicke trafen, fing er an, merkwürdig zu blinzeln und zu schnauben, und zog sich in den Flur zurück. Meine Mutter folgte meinem Blick zur Tür, doch da stand niemand mehr.
„Möchtest du heute Nacht bei uns schlafen?“
„Nein. Erstmal nicht.“
„Gut. Wenn was ist, komm einfach rüber, ja? Ich habe dich so lieb!“
Meine Mutter machte einen Schritt von meinem nicht sehr hohen Hochbett weg, deckte mich noch richtig zu, küsste mich auf die Wange und ging zur Tür.
„Soll ich die Tür etwas offenlassen?“
„Hm, ja!“
„Gute Nacht!“
Sie lächelte mich noch einmal mit ihrem breiten, aber bangen Lächeln an, zog die Tür bis auf einen Spalt zu und verschwand im Flur. Da lag ich. Im Halbdunkeln. Wörter, die zu stechenden Gedanken wurden, kreisten in meinem Kopf. Krebs. Kräpps. Onkel Hans. Beerdigung. Frau Köhler… Ich fing erneut an zu weinen. Ich begriff zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht richtig, wie schlimm es um meine Mutter stand. Was ich erinnerte und was mich beschäftigte war, dass Onkel Hans Krebs gehabt hatte und er nicht mehr da war und alle ganz traurig gewesen waren bei seiner Beerdigung. Ich wollte sie nicht verlieren. Schmerzende Angst durchfuhr mich, die bittere Tränen hervorzwängte. Ich konnte es nicht wahrhaben, dass von nun an Frau Köhler die Kommunionsgruppe leitete und nicht mehr meine Mutter. Was würden Natascha und die anderen darüber denken? Ich drehte mich zur Wand und weinte immer mehr, bis ich irgendwann so müde wurde, dass ich einschlief.
Die Neubausiedlung, in der wir wohnten, lag in einem dörflichen Vorort einer Großstadt. Mir fehlte wenig. Wir machten regelmäßig schöne, sonnige Urlaube. Meine Eltern arbeiteten zwar viel, aber sie schafften es, dass immer jemand da war, wenn mein Bruder oder ich von der Schule nach Hause kamen, dass warmes Essen auf dem Tisch stand, dass gefragt wurde, wie es in der Schule war, dass angeordnet wurde, zuerst die Hausaufgaben zu machen und dann zu spielen.
Mein Bruder Basti ist zwar sechs Jahre älter als ich, beachtete mich aber in den Tagen der Kindheit trotzdem viel und spielte mit mir, so oft er konnte. Er offenbarte mir seine Geschwisterliebe dadurch, dass ich weitestgehend in alles miteingebunden wurde, was er zuhause tat. Und das, obwohl ich so jung war und seine Freunde mich immer häufiger irritiert und genervt anschauten. Sie fragten sich wahrscheinlich insgeheim, warum ich ständig daneben sitzen musste, über jeden dämlichen Witz der Großen lachte und einige jugendliche Gespräche mit meiner kindlichen Anwesenheit blockierte. Doch nicht so mein Bruder. Für ihn gehörte ich einfach dazu.
In unserer Familie hatte Basti einen schweren Stand, insbesondere bei unserem Vater. Mehr gemeinsame Nenner, als den Nachnamen Penser, hatten sie nicht. Sie konnten sich nicht ausstehen.
„Mein Sohn ist ein Krimineller. Ich schäme mich für dich! Wer mein Geld für Sprühdosen und Drogen klaut, wer nachts irgendwelche Hauswände besprüht und ständig bekifft durch die Gegend rennt, ist nicht mein Sohn!“
Seit diesen Sätzen, die unser Vater Basti bei einem Abendessen voller Enttäuschung und Abscheu entgegengeschleudert hatte, herrschte Eiszeit zwischen ihnen.
Für meinen Vater gab es von da an ausschließlich seine Arbeit, die Malerei, Tischtennis, meine Mutter und mich. Und vielleicht noch Detlev, seinen besten Freund. Für Basti interessierte er sich ganz offensichtlich nicht. Das hatte ich schon früher gespürt und mich immer wieder bemüht, die beiden zusammenzubringen. Auch meine Mutter sorgte sich ständig um ihre Bindung. Doch von Jahr zu Jahr gingen sie mehr auf Abstand zueinander. Es passte einfach nicht. Mein Vater konnte überhaupt nicht nachvollziehen, warum Basti so am Hip-Hop hing. Ständig taggte mein Bruder irgendwelche herumliegenden Zettel voll. Mein Vater strich sich immer am Wochenende die Sendungen in der Fernsehzeitung an, die er in der folgenden Woche sehen wollte. Fernsehzeitung und Stift waren für Basti ein gefundenes Fressen für seinen Entfaltungsdrang. „RIOT“ schrieb er in geschnörkelten, verwinkelten, fast unlesbaren Lettern in alle Freiräume. Ich wusste nicht, was das bedeutete, fand es aber beeindruckend, sogar ästhetisch. So kritzelte auch ich das ein oder andere „RIOT“ in mein Hausaufgabenheft. Heimlich, versteht sich. Schließlich hatte mir Basti schon deutlich gemacht, dass ich mein eigenes Tag finden sollte.
„Hör doch endlich auf mit diesem ewigen Rumgekritzel! Was soll das denn?“, sagte mein Vater eines Tages wieder einmal zu ihm, als wir zu dritt zu Abend aßen. Mein Vater ließ ihn, samt seiner für die Arbeit geschmierten Butterbrote, links liegen.
„Du verstehst das nicht“, bremste Basti ihn nüchtern aus, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. „Kunst…“, legte er noch trotzig nach.
„Pah… Kunst… Dass ich nicht lache. Wenn das Kunst ist, kannst du ja damit dein Geld verdienen. Dann muss ich jedenfalls nicht mehr deine Stifte bezahlen… Kunst… Diese Schweinereien!“, entgegnete mein Vater.
Sie schauten sich gar nicht an. Jeder machte an seinem Abendessen herum und feuerte aus der Deckung heraus. Ich hatte stets beide im Blick. Beide liebten sie ihre eigene Form von Kunst. Beide behaupteten sie von sich, Künstler und Kunstliebende zu sein, doch probierten sie nicht ansatzweise, die Kunst des anderen zu begreifen. Trotzig und kompromisslos verteidigten sie ihr Metier. Sie trugen ihre Scheuklappen und ritten in verschiedene Richtungen, bloß weit auseinander. „Ich nehme dich gerne mal mit ins NEOART-Museum. Dann kannst du mal sehen, was junge Künstler in deinem Alter alles zustande bringen. Vielleicht begreifst du dann, was wirklich Kunst ist.“
„Kein Interesse! Mach das mal schön alleine!“
Erneut hatten sie keine Blicke ausgetauscht.
Alles, was Basti betraf, war falsch, nicht nachvollziehbar, ja fast schändlich. Eben „RIOT“. Er war fünfzehn.
Doch nicht nur Graffiti war Basti wichtig. Er schrieb eigene Songtexte, die er in einem selbst zusammengebastelten Studio eines Freundes einrappte. Nachmittags hing er oft im Jugendzentrum rum und breakdancte.
„Das ist Hip-Hop: Graffiti, Breakdance, Rap und DJ! Die vier Sachen. Die vier Elemente.“, versuchte er mir immer zu erklären, was er da betrieb.
Ich ging verhältnismäßig gern und erfolgreich in die dritte Klasse der Grundschule, die ich durch den Ortskern zu Fuß erreichen konnte. Auch dank meines großen Bruders war ich ein angesehener Schüler und nun schon zum dritten Mal zum Klassensprecher gewählt worden. Während die anderen noch ihre quadratischen Kindertornistern mit Autos und Einhörnern schulterten, hatte ich bereits ab der dritten Klasse einen mit „RIOT“ zugetaggten Eastpak-Rucksack, den ich täglich mit Stolz auf dem Rücken trug. Mein Bruder hatte ihn mir überlassen. Außerdem hatte mir Basti gezeigt, wie man sich eine coole Gel-Frisur machte. Es verging kein Schultag, an dem ich nicht mit viel zu viel von dem Zeug in den Haaren auflief. Mit der Zeit taten es mir meine Klassenkameraden gleich. Bei meinem Bruder hatte ich auch beobachtet, dass es sich gehörte, gute Freunde mit einem besonderen Handschlag zu begrüßen. Ich setzte bei meinen den folgenden durch: zweimal mit der flachen Hand einschlagen, dann die gerade Faust, Faust von unten, Faust von oben - das wars! Ich kam gut an, weil die Mitschüler wussten, dass ich jugendliche Einflüsse von zuhause mitbrachte und diese nur zu gern mit ihnen teilte.
Meine Mutter sprach leise und unsicher. Beides war untypisch für sie.
„Ich hatte heute meinen ersten Chemo-Termin.“
„Was ist das?“, fragte ich direkt.
Hastig warf mein Vater mit halbvollem Mund ein: „Müssen wir jetzt beim Essen davon reden?“
„Ja, müssen wir. Mama, erklär es ihm!“
„Bei der Chemotherapie wird meine Brust bestrahlt. Dadurch soll der Krebs abgetötet werden. Wenn das gut hilft, muss ich vielleicht nicht operiert werden.“
Ich legte mein Honigbrot aufs Brettchen.
„Und wie war das?“, fragte ich.
„Es war okay. Mir ist jetzt nur ziemlich übel, deswegen esse ich auch nichts.“
Nun hatten alle ihr Brot abgelegt. Keiner aß mehr. Mein Vater starrte auf die Tischplatte. Mein Bruder blickte zwischen mir und meiner Mutter hin und her.
„Und wann bist du dann wieder gesund?“
„Schwer zu sagen, aber gewiss bald.“
Stille. Mein Vater trommelte mit seinen Fingern irgendwelche Rhythmen auf den Esstisch. Dann wechselte er das Thema:
„Heute kommt ein wirklich guter Film im Fernsehen. Wäre das für euch in Ordnung, wenn ich ihn gucke?“
Alle nickten, bis auf Basti.
„Welcher?“, fragte ich interessiert.
„Stadtneurotiker heißt der.“
„Darf ich aufstehen?“, fragte Basti in genervtem Ton.
„Nein. Wir beenden das Essen zusammen.“, bestimmte meine Mutter.
„Und worum geht’s da so?“, fragte ich, immer noch aufrichtig interessiert.
„Sehr durchgeknallter Film. Schwer zu verstehen. Nichts für Kinder.“, schob meine Mutter ein.
„Für Menschen, die nur leicht verdauliche Seifenopern gucken, ist das natürlich nichts.“, sagte mein Vater mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen.
„Haha, ist klar.“ Meine Mutter schaute bitter zu meinem Vater rüber.
„Darf ich jetzt aufstehen?“ Basti stand auf, wartete keine Antwort ab.
„Sebastian…“, setzte mein Vater an.
„Lass nur… aber hilf noch beim Abdecken. Ich glaube, den Aufstrich brauchen wir nicht mehr“, sagte meine Mutter.
Basti griff einige Sachen vom Tisch, stellte sie auf sein Brettchen und ging. Ich schaute ihm hinterher. Dann brach es plötzlich aus mir heraus:
„Warum habt ihr es uns nicht zusammen gesagt?“
„Was?“ fragte meine Mutter. Mein Vater schaute mich irritiert an.
„Na, das mit dem Krebs. Hier am Tisch. Alle zusammen.“
Mein Vater blickte erwartungsvoll zu meiner Mutter. Sie sollte wohl darauf antworten.
„Hugo, ich wollte dich nicht unnötig beunruhigen. Ich habe es schon länger geahnt, aber keine Gewissheit gehabt. An dem Tag hatte ich sie und dann habe ich es dir direkt gesagt. Basti war ja an dem Abend bei Paul. Sonst hätte ich es euch zusammen gesagt.“
„Und Peter? Warum war er nicht dabei? Das will er auch wissen.“ Mein Bruder stand wieder in der Tür und richtete einen erwartungsvollen Blick auf unseren Vater. Er nannte ihn schon lange nicht mehr Papa.
„Was soll das?“, angriffsbereite Wut mischte sich sofort in die Stimme meines Vaters.
„Ihr hättet euch zusammen an sein Bett setzen können.“
Dann fing ich an zu weinen. Mein Bruder ging hoch in sein Zimmer. Meine Mutter kam um den Tisch herum und nahm mich in den Arm. Mein Vater blieb auf seinem Platz sitzen und fluchte vor sich hin.
„Unverschämtheit…Was erlaubt der sich… Das muss ich mir nicht gefallen lassen … Für wen hält er sich… Respektlos…“ Dann stand er auf und schaltete den Fernseher an. Es war schließlich 20:12 Uhr.
An einem Dienstag ging ich mit Lennard, Timon und Marco, drei Jungs aus meiner Klasse, den Schulweg. Wir ließen uns Zeit. Nichts drängte uns nach Hause. Wir quatschten über Fußball und Mädchen, spielten hier und da Streiche. In einem Garten gab es Himbeeren, Brombeeren und Stachelbeeren, an denen wir uns immer reichlich bedienten. Unsere Spezialität aber waren Klingelstreiche. Ungefähr auf halbem Weg stand ein Einfamilienhaus, in dem eine russischstämmige Familie wohnte. Da klingelten wir besonders gern. Wir wussten, dass der Mann arbeitslos und daher immer zuhause war. Heute war Timon an der Reihe. Hochmütig machte er die Gartenpforte auf, nicht gerade leise. Dann setzte er schnelle Schritte hoch zur Eingangstür, drückte bestimmt dreimal die Klingel und lief zurück auf uns zu, durch die Pforte hinaus auf den Weg. Wir stratzten hinterher. Als wir in die nächste Straße eingebogen waren, blieben wir nichtsahnend stehen. Völlig aus der Puste schlugen wir uns ab. Flache Hand, gerade Faust, Faust unten - plötzlich packte mich jemand am Kragen. Ich drehte mich, versuchte erfolglos mich loszureißen und schaute in die böse funkelnden Augen des Russen. Meine Freunde konnten fliehen. Ich nicht. Einige Meter schleifte der Russe mich am Schlafittchen mit sich. Ich starrte auf seine Socken. Er war uns ohne Schuhe gefolgt. Dann stoppten wir an einem Gullideckel. Mit seinem russischen Akzent raunte er mir ins Ohr:
„Wenn du noch einmal machen Klingel und laufen weg, ich werfe dich in Gulli und mache zu. Ich haben Schlüssel dafür. JA?“
Sein saurer, beißender Atem verstärkte die Drohung um ein Vielfaches.
„Ich war das gar nicht“, wimmerte ich elendig.
Er packte mich so, dass ich ihm geradewegs in die wässrigen Augen gucken musste. Verschreckt nickte ich. Dann schubste er mich weg und ich knallte auf die Straße. Sofort spürte ich, wie warmes Blut an meinem Schienbein herunterlief. Mein Knie war aufgeschürft. Trotzdem stand ich auf und rannte los, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter mir her. Ich lief, bis ich zuhause war. Meine Freunde waren nirgends mehr zu sehen. Ich klingelte und setzte mich auf die Stufe vor unserer Haustür. Lautlos liefen mir Tränen durch das Gesicht. Ich war völlig außer Atem. Ich krempelte gerade meine blutige Hose hoch, als mein Vater die Tür öffnete. Sofort war er bei mir.
„Was ist passiert, Hugo?“
Flennend beichtete ich ihm, was gerade geschehen war. Mit jedem Wort wurde er ernster. Ich hatte das Gefühl, ich würde gleich mächtig Ärger kriegen. Dann stand er auf, zog seine Schuhe an, holte seine Schlüssel und zog mich hoch.
„Komm mit. Zeig mir, wo der wohnt.“
Überrumpelt von der Reaktion meines Vaters führte ich ihn zu dem Haus des Russen. Meine Hose war hin. Sie klebte am Bein fest und ein Blutfleck breitete sich aus. Vor lauter Ungewissheit, was gleich geschehen würde, hatte ich die Schmerzen aber verdrängt. Mein Vater klingelte und zog mich neben sich. Dann ging die Tür auf und der Russe stand vor uns.
„Was ist hier vorgefallen?“
Der Russe wollte gerade seinen Mund aufmachen, doch mein Vater ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.
„Wenn Sie meinem Sohn noch einmal drohen, dann zeige ich Sie an. Verstehen Sie das? Das sind Kinder. Die machen Streiche. Und Sie sind erwachsen und ihnen fällt nichts Besseres ein, als Drohungen auszusprechen und ihn zu schubsen? Ich warne Sie!“
Dann nahm er mich an der Hand und führte mich von dem Haus weg.
„Verpiss dich“, rief der Russe uns hinterher.
Mein Vater drehte sich um, todernst, und zeigte mit dem Finger auf ihn:
„Ich warne Sie!“
Dann gingen wir weiter. Seine Hand krallte sich in meine, dass es wehtat. Ich spürte, wie mein Vater innerlich bebte.
„Und du…“ fing er mit plötzlich brüchiger Stimme an, „das kommt nicht nochmal vor. Lass diesen Mann in Frieden und hör auf mit Klingelstreichen!“
Ich nickte. Wir gingen nach Hause. Hand in Hand. Irgendwann lehnte ich meinen Kopf an ihn. Er bebte immer noch, ging viel zu schnell. Ich spürte keinen Schmerz, keine Angst, keine Aufregung mehr. Da war nur die Verbindung zu meinem Vater. Er hatte sich aufrichtig und bedingungslos für mich eingesetzt. Wärme durchströmte mich. Er ließ mich erst los, als wir wieder an der Haustür ankamen.
Wenn ich mit meiner Mutter mal in der Stadt war, gingen wir immer in unseren Lieblingsbuchladen und verbrachten dort Stunden. Ich stöberte dann immer in der Jugendbuchabteilung, und sie bei den Erwachsenenbüchern. Sie las gern Krimis und Thriller, aber auch ab und zu Romane. Ich liebte Fantasy oder Abenteuergeschichten. Wir durchforsteten die Regale, bis wir jeder zehn Bücher ausgewählt hatten, die uns interessierten. Mit den Bücherstapeln trafen wir uns dann in der gemütlichen Leseecke. Meine Mutter hatte mir beigebracht, an den Regalen den Klappentext zu lesen, natürlich nur wenn mir das Cover und der Titel auch schon gefielen. In den Sesseln folgten dann die ersten fünf Seiten eines jeden Buchs.
„Wenn ein Buch dich nicht schon auf den ersten fünf Seiten fesselt und überzeugt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass es dir gefällt. Und wenn du dich dabei erwischst, unbedingt wissen zu wollen, was auf Seite sechs steht, musst du es kaufen.“
Und so hatten wir es auch dieses Mal wieder gemacht. Aus zehn Büchern hatte ich mich für die Geschichte des jungen Knappen Tiuris entschieden, der in der Nacht vor seiner Ritterweihe einen mysteriösen Auftrag erhält. Er soll einen Brief zum König bringen, darf den Brief jedoch nur dann lesen, wenn Gefahr besteht, dass dieser in fremde Hände gerät. Ich war sofort Feuer und Flamme für die Geschichte und stellte mir vor, ich sei Tiuri. Ein Knappe auf dem Weg zur Ritterschaft, der sich mutig jedem Abenteuer stellt. Meine Mutter hatte wieder einmal ein Buch von Ken Follett gewählt. Keine Überraschung!
„Ken Follett ist der einzige Autor, von dem ich jedes Buch besitzen muss. Einfach grandios, atemberaubend spannend, wie der schreibt.“ Wie oft ich mir diesen Satz, auf dem Weg vom Buchladen zum Auto, schon hatte anhören müssen.
Nun hatte ich es mir in meinem Bett gemütlich gemacht und war in die Welt der Ritter und Burgen versunken, als mir ein Wort begegnete, das ich nicht kannte: Schaffelle. Was könnte mit „ein paar Schaffelle“ gemeint sein? Die Schaffelle. Nie gehört. Ich überlegte kurz, ob ich es überlesen sollte. Dann gewann nicht nur die Neugier. Ich hatte einen Grund, meinen Vater in seinem Reich zu besuchen. Nach dem Abendessen hatte er sich umgehend in sein Atelier zurückgezogen, wie er das so oft tat. Unter dem Dach malte und zeichnete er. Er hatte dort aber auch eine Récamiere, in der er halb lag halb saß und sich Bildbänder anschaute, oder einfach seinen für mich so verschlossenen Gedanken nachhing. Manchmal schlief er dort auch ein. Er liebte dieses Möbelstück. Hin und wieder fand ich ihn an seinem Computer, an dem er digital malte oder Bilder betrachtete. Hier konnte und wollte er mit seiner Kunst allein sein. Ich kletterte von meinem Hochbett herunter und stieg die Treppen zu ihm hinauf. Ich fragte nicht meine Mutter, weil ich mich nach meinem Vater sehnte. Er arbeitete viel. Wenn er von der Arbeit kam, zog es ihn in sein Atelier, weg von uns. Also nutzte ich jeden Anlass, der mich ihm näherbrachte. Ich klopfte an. Kurze, zögerliche Stille. Dann ein dumpfes:
„Ja?“
