Irisblüte - Lars Röder - E-Book

Irisblüte E-Book

Lars Röder

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Beschreibung

Dieser Roman handelt von einem Paar zwischen 60 und 65 Jahren, Elvira und Manfred, beide sind verwitwet. Sie lernen sich auf einer Urlaubsreise in Kapstadt kennen. Es entwickelt sich eine innige Liebe mit einem Schönheitsfehler, der sich alsbald als sehr positiv herausstellt. Sie wohnt am Edersee, war Chefsekretärin, und er ehemaliger Banker wohnt in Heppenheim. Dazwischen liegen 230 km, der kleine Schönheitsfehler. Beide wollen aus unterschiedlichen Gründen ihren Wohnsitz beibehalten. Das Verbindende sind ihre große Zuneigung, der Humor, die gleichen Interessen, das Reisen, die Kultur und ihre Aufgeschlossenheit für alles Neue, nicht zu vergessen das Kochen. Als Vorteil stellt sich heraus, das beide sich, nach intensiv gelebten Tagen, in ihr persönliches Reich zurückziehen können, jeden Tag aber zweimal telefonieren. Zur Partnerschaft auf Distanz, mit ihren großen Vorzügen und kleinen Nachteilen, werden intensive Zärtlichkeiten, Reisen, Gedichte und Kochrezepte beschrieben.

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Seitenzahl: 443

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Lars Röder

Irisblüte

Erinnerungen an eine späte Liebe

© 2016 Lars Röder

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-4521-4

Hardcover:

978-3-7345-4522-1

e-Book:

978-3-7345-4523-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Zuneigung, Liebe und Vertrauen zwischen zwei Menschen sind ein hohes Gut. Vor allem, wenn es um eine außergewöhnliche Beziehung geht. Nach Eintritt des Rentenalters entwickelt sich bei den meisten älteren Paaren ein etwas anderer Lebensrhythmus. Sie haben nach dem Berufsleben mehr Zeit, können mit dieser gewonnenen Zeit mehr anfangen und sind in der Regel einigermaßen finanziell abgesichert. Wenn das Schicksal älteren Menschen allerdings die Partnerin oder den Partner genommen hat, fallen viele in ein tiefes Loch. Dies ist nach einiger Zeit vielleicht mit einem guten Hobby zu kompensieren, wofür Aufgeschlossenheit für neue Eindrücke, ausreichende geistige Beschäftigung und viel Bewegung die Voraussetzungen sind, denn sonst schleicht sich schnell körperliche und geistige Trägheit ein.

Wem es allerdings vergönnt ist, im vorgerückten Alter noch einen lieben Menschen kennenzulernen und das Glück einer intakten Partnerschaft genießen zu dürfen wenn auch auf Distanz, für den ist es ein Segen Gottes. In dieser Situation bieten sich ungeahnte Möglichkeiten. Die Kreativität zur Gestaltung des Alltags und die Reiselust werden angeregt. Ein zufriedenes, glückliches Leben kann sich entwickeln, geprägt von starker Zuneigung und eventuell intensiver Sexualität. Das Wiedersehen ist jedes Mal ein Jungbrunnen. Allerdings, erzwingen kann man so etwas nicht. Es gehört eine gute Portion Glück dazu. Eine Hilfe kann es sein, die Geselligkeit zu suchen und nicht im eigenen Kämmerchen sitzen zu bleiben.

Die Begegnung

Von besonderen Konstellationen mal abgesehen, geschieht »es« üblicherweise dann, wenn man plötzlich angesprochen wird und keine passende Antwort weiß: Die Schaltzentrale im Hirn setzt aus oder arbeitet zumindest sehr langsam. Das kann ganz schön peinlich sein. Ganz besonders schlimm kann es beim Anblick einer interessanten Frau kommen. Ein Mann steht ihr plötzlich gegenüber und möchte ihr so gern etwas Nettes sagen, da verschlägt es ihm die Sprache. Das Ergebnis kann ein stummes Staunen sein, ein offener Mund oder ein völliger Blackout.

So erging es auch Manfred Ziegler, einemSchulkameraden aus früheren Zeiten, den ich kürzlich zufällig getroffen habe. Manfred, etwas über sechzig, war in seinem Berufsleben Banker, versiert in seinem Metier, sozusagen in allen Sätteln gerecht. Er erzählte, er sei seit einiger Zeit verwitwet und verspüre eine gewisse Einsamkeit. Bisher habe er aber keine passende Partnerin gefunden, auch auf Kreuzfahrten, Reisen und Veranstaltungen sei der Erfolg ausgeblieben. Im Bekanntenkreis habe es wohl eine Interessentin gegeben, aber das nahe Umfeld berge Gefahren, meinte er. Jeder kenne jeden und persönliche Dinge würden dann schnell die Runde machen. Jetzt aber wolle er einen erneuten Versuch starten. Er habe eine Reise nach Südafrika gebucht. Keine Rundreise, wie üblich, sondern ein stationäres Hotel, von dem aus Tagesfahrten unternommen würden. Auf der Reise wolle er sich seinem Hobby, der Tier- und Pflanzenfotografie widmen und natürlich auch ansonsten die Augen offen halten. Bei den letzten Worten zwinkerte er mir zu. Ich wünschte ihm viel Erfolg und wir verabschiedeten uns. Nach seiner Reise wollten wir uns wieder treffen. Manfred versprach mir einen interessanten Reisebericht und hoffentlich auch eine Erfolgsgeschichte.

Flug nach Kapstadt

In der großen Wartehalle für Jumbo-Reisende am Flughafen Frankfurt am Main herrschte wie immer kurz vor dem Abflug ein ziemliches Gedränge. In dieser Masse von Köpfen war Manfred eine Dame mit schönen weißgrauen Haaren aufgefallen, die sofort sein Interesse geweckt hatte.Er war ausgezogen, die Liebe oder, besser gesagt, eine liebevolle Partnerin zu finden, und das nicht zum ersten Mal. Der Anblick dieser Frau löste jedoch etwas Ungewohntes, bisher nicht Dagewesenes in ihm aus. »Warum in aller Welt beschäftigt mich ausgerechnet diese Frau, die ich nur einen kurzen Augenblick gesehen habe? Das war doch noch nie so.« Ihr wohlgeformtes Gesicht und ihre weißen Haare hatten ihn ohne Zweifel beeindruckt. Später, als sie kurze Zeit nicht durch andere Fluggäste verdeckt war, bemerkte er auch ihre sehr attraktive Figur. Doch dann war sie irgendwo zwischen den anderen Fluggästen untergetaucht.

Der Flug nach Kapstadt war angenehm. Das Essen war recht ordentlich, der Wein vorzüglich. Ein südafrikanischer Rotwein mit dem blumigen Namen »Edelrood«. Fantasienamen sind in Südafrika erlaubt und Verschnitte aus mehreren Rebsorten häufig anzutreffen. Dadurch entstehen sehr wohlschmeckende, abgerundete Weine. Als die Stewardess das Tablett und die leere Flasche abräumte, bemerkte Manfred beiläufig mit einem Lächeln, dass der Wein vorzüglich sei. Daraufhin fragte sie ihn, ob er noch ein Fläschchen wolle. »Ja, sehr gerne«, gab er mit einem noch netteren Lächeln zur Antwort. Das zweite Fläschchen beflügelte seine Fantasie. Er musste immer wieder an die Dame denken und malte sich aus, wie schön es wäre, wenn er Kontakt zu ihr aufnehmen und sie vielleicht sogar als Partnerin gewinnen könnte. So in schwärmerische Gedanken vertieft, schlief er schließlich ein.

Nach der Landung in Kapstadt beobachtete er sehr interessiert die Mitreisenden, die zu den Bussen dirigiert wurden. Und da, im Gewühl der Passagiere, entdeckte er sie wieder, die Dame mit den weißen Haaren. »Ob sie wohl allein reist?« Irgendwie hatte sie ihn mächtig beeindruckt. Doch in der Menge der Fluggäste verlor er sie bald wieder aus den Augen.

Im Hotel angekommen war er froh, sich zuerst einmal duschen und etwas aufpolieren zu können. Danach war ein kleiner Empfang mit Informationen angesagt. Diese Veranstaltungen laufen immer nach dem gleichen Schema ab. Zuerst gibt es einen Cocktail und dann wird das Programm abgespult. In einem größeren Raum, sonst wohl für Festlichkeiten vorgesehen, waren schon viele der neu Angekommenen versammelt. »Die können doch unmöglich alle zu meiner Reisegruppe gehören«, dachte Manfred bei sich. Aus organisatorischen Gründen waren wohl alle Neuankömmlinge in diesem Hotel zusammengefasst worden.

Die Informationsveranstaltung langweilte ihn. Er musste an die Dame vom Flugplatz denken. Vorsorglich hatte er sich im Saal schon so gesetzt, dass er den Raum recht gut überblicken konnte. Vielleicht war sie ja auch in diesem Hotel untergebracht. Und tatsächlich. Plötzlich erhellte sich sein Blick. Er hatte sie wieder entdeckt. Zu seinem Leidwesen stellte er allerdings während des Empfangs fest, dass sie zu einer anderen Gruppe gehörte. Doch er wollte sich nicht entmutigen lassen. Zumindest wohnte sie im gleichen Hotel. Vielleicht würde sich abends an der Bar eine Gelegenheit bieten, vorsichtig Kontakt aufzunehmen.

Die Unbekannte

Beim Abendessen, im großen Speisesaal, saß sie an einem kleinen Tisch am Fenster. Allerdings in der entgegengesetzten Ecke des Raumes, wie konnte es auch anders sein. Im Augenblick war sie noch allein und das schien auch so zu bleiben. Vielleicht war es ihr Wunsch und sie wollte, egal aus welchen Gründen, ungestört ihren Gedanken nachhängen. Seine Hoffnung konzentrierte sich wieder auf die Bar. Nach dem Essen begab er sich dorthin, bestellte sich einen Drink und hoffte auf ihr Erscheinen. Doch vergebens.

Am nächsten Morgen fuhren die Busse vom Parkplatz auf ihre Tagestouren. Leider hatte jeder ein anderes Ziel. Manfred war etwas enttäuscht. Trotzdem verlief der Tag für ihn erfolgreich. Er hatte sich, soweit es ihm möglich war, immer etwas abseits der Gruppe gehalten. So war er zu einigen hübschen Blumenaufnahmen gekommen und hatte dazu einen wunderschönen großen Schmetterling vor die Kamera bekommen.

Am Abend war er so früh wie möglich im Speisesaal erschienen. Schon beim Eintreten sah er sie an ihrem Tisch sitzen. Da hatte er eine Idee. Als er endlich den Kellner entdeckt hatte, der für ihren Tisch zuständig war, versuchte er den altbewährten Trick mit einer kleinen Spende für die Mitarbeiter. Der Kellner fragte bei ihr an. Offensichtlich hatte sie nichts dagegen, dass Manfred an ihren Tisch kam, woraufhin der Kellner ihn zu ihr führte.

Sie lächelte ihm zu. Er stellte sich vor und auch sie nannte mit leicht sonorer Stimme ihren Namen. Manfred lief eine leichte Gänsehaut über den Rücken. Elvira Kaiser hieß sie. Aber das hatte er wie durch einen leichten Nebel gehört. »Ist das eine Frau!« Jetzt war die anfangs erwähnte Situation eingetreten. Manfred schaute sie an – und hatte eine Blockade. Er war froh, dass er wenigstens seinen Namen herausgebracht hatte, doch dann überschlugen sich seine Gedanken. »Aus der Nähe sieht sie noch viel besser aus. Dabei könnte sie fast in meinem Alter sein, so zwischen achtundfünfzig und sechzig.Ihre wunderschönen weißgrauen, kurz geschnittenen Haare und dazu der gepflegte, leicht sonnengebräunte Teint. Wahnsinn. Nicht wie bei einigen Frauen, die laufend auf der Sonnenbank liegen und aussehen wie gegerbtes Leder. Und dann ihr wohlgeformter Mund mit den kleinenFältchen darüber. Die bestätigen wohl das Alter, das ich vermute.« Sie trug eine etwas längere Bluse mit dezenten afrikanischen Motiven, die sie vermutlich unterwegs schon gekauft hatte, dazu eine weiße Hose, zwei Ohrringe aus kleinen Perlen und einen dezenten afrikanischen Halsschmuck, sicher auch neu erstanden. Ihre Erscheinung wirkte sehr gepflegt und auch fast sportlich, obwohl sie nicht gertenschlank war. Ihre attraktive Oberweite war auch nicht zu verachten.

Elvira hatte seine Verwirrung offenbar bemerkt und verstärkte fast unmerklich ihr Lächeln. Noch ehe Manfred sich erholt hatte, bat sie ihn, Platz zu nehmen. Somit war er aus dem Schneider, wie man in Skatkreisen sagt. Nach und nach war er in der Lage, seinen Blackout abzubauen und zu einer vernünftigen Konversation überzugehen. Zunächst mit ein paar Fragen zum Flug. Nachdem er die Speisekarte studiert hatte, bestellt er mit ihrem Einverständnis und der Übereinkunft, dass jeder die Hälfte zahlen würde, eine Flasche Wein. Da er die südafrikanischen Weine schon kannte, hatte er ein glückliches Händchen. Der Chardonnay passte ausgezeichnet zum Essen. Als Vorspeise gab es einen köstlichen frischen Salat aus Krabben und Früchten. Der Hauptgang war Seehecht in Butter-Weißweinsoße mit dezentem Knoblauch, dazu Reis. Die Speisen waren optisch hervorragend angerichtet und schmeckten ausgezeichnet.

Manfred beobachtete seine Tischnachbarin unauffällig und genoss sein sehr attraktives Gegenüber sichtlich. Aber auch sie schien nicht gerade unzufrieden mit ihrem neuen Tischnachbarn. Als Manfred zu ihrem Tisch geführt wurde, hatte sie ein paar Sekunden Zeit gehabt, ihn zu beobachten. Er war relativ schlank, hatte nicht mehr ganz dichtes, mittelblondes, grau durchsetztes Haar, einen kurz geschnittenen Bart um Oberlippe und Kinn und trug eine randlose Brille. Sie schätze ihn auf achtundfünfzig bis zweiundsechzig Jahre. Mit einer dunklen Hose und einem sandfarbenen Blazer war er dezent gekleidet. Eine durchaus elegante Erscheinung.

Die Unterhaltung wurde immer angeregter, nicht zuletzt durch den Wein. Als Dessert brachte der Kellner noch Ananassorbet, eine vorzüglich Abrundung des Essens. An Gesprächsstoff hatte es nicht gemangelt. Es war ihnen entgangen, dass sich der Speisesaal fast geleert hatte. Man beschloss, noch einen Espresso an der Bar zu sich zu nehmen, denn am nächsten Morgen sollte es recht früh wieder auf Tagestour gehen. Beim Verabschieden freuten sich beide schon auf den nächsten Abend, denn die Zeit würde sicher zu knapp sein, um am Morgen zusammen frühstücken zu können.

Manfred schwebte förmlich auf sein Zimmer und ohne große Umschweife in sein Bett, um diesen Traum möglichst fortzusetzen. Beim Einschlafen wurde ihm bewusst, warum er sofort von dieser Frau begeistert gewesen war, warum er sie interessant und begehrenswert fand. Ihre äußeren Attribute allein hätten schon genügt, aber er spürte, dass diese Frau ein Schatz mit vielen Facetten war.

Als um sieben Uhr der Wecker klingelte, fing Manfreds Hirn verhältnismäßig schnell an zu arbeiten. Er musste erst einmal den gestrigen Abend auf die Reihe bringen. In seinem Kopf war ein ganz schönes Durcheinander. »Was war Tatsache und was habe ich dazu geträumt? Oder war alles Realität?« Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm nicht, er sollte schnellstens ins Bad und dann zum Frühstück gehen. Wie erwartet, gab es am Büfett ein größeres Gedränge. Er war auch nicht gerade sehr früh in den Speisesaal gekommen. Schnell aß er ein kleines Müsli, wie üblich, und dann noch etwas Herzhaftes. Aber alles doch sehr mechanisch, denn seine Gedanken kreisten. Er hätte Elvira so gerne einen guten Morgen gewünscht und sich für den reizenden Abend bedankt, konnte sie aber nicht erblicken. Lange hatte er keine solche Frau kennengelernt, eine Frau, mit der man sich so gepflegt unterhalten konnte. Sie war offensichtlich sehr belesen, liebte die Musik, das Tanzen. Auch von der Welt hatte sie schon einiges gesehen. Aber eine Frage spukte noch in seinem Kopf herum: »War sie allein verreist und ihr Partner war zu Hause geblieben? Oder war sie ungebunden?« Das beschäftigte ihn schon gewaltig.

Die Tagestour nach Hermanus war interessant. Im November und Dezember versammeln sich in dieser Bucht viele Wale zum Kalben. Es war ein großartiges Erlebnis, den Tieren zuzuschauen. Am liebsten wäre er mit dem Boot etwas näher an die Wale herangefahren, aber mit dem Teleobjektiv gelangen ihm auch aus der Entfernung einige gute Aufnahmen.

Gerade als seine Gruppe wieder einsteigen musste, kam der Bus mit der Dame seiner Träume an. Mehr als ein Winken aus der Ferne war nicht möglich und schon ging es weiter.

Zum Abendessen zog er seinen leichten, cremefarbenen Anzug an, steckte sich ein kleines Tuch in die Reverstasche und war etwas großzügig mit seinem Aftershave. Er mochte diesen frischen Duft und auch Frauen waren dafür empfänglich. Auf dem Weg zum Speisesaal war er neugierig, was sie wohl heute Abend tragen würde. Er war als Erster am Tisch, nahm Platz und fixierte die Tür, durch die sie kommen musste. Nach ein paar Minuten erschien sie. Selbstbewusst schritt sie durch den Saal. Zum ersten Mal konnte er sich an ihrer Erscheinung und ihren grazilen Bewegungen erfreuen. Sie sah nicht nur hervorragend aus, sie verstand es auch elegant zu gehen. In ihrem blauweißen, knöchellangen Batikwickelkleid wurde ihre Figur besonders betont. Sie hatte sich das wohl als kleinen Trumpf ausgedacht und er quittierte es mit einem zufriedenen Lächeln. »Du meine Güte, diese Frau versteht es, mit ihren Reizen zu spielen.«

Das Essen wurde wieder zu einem kleinen Erlebnis. Nach einem Blick in die Speisekarte schien ihm ein Rotwein, ein Shiraz, angebracht. Den Wein aus dem Flugzeug gab es leider nicht. Sie hatte es ihm überlassen, den Wein auszusuchen. wie am Abend zuvor. Als Vorspeise wurde wieder ein Salat serviert, dieses Mal mit Avocadospalten. Die Hauptspeise: Straußensteak mit wunderbarem gemischtem Gemüse. Zum Dessert war die Weinflasche schon geleert und er hätte am liebsten noch eine bestellt. Sie war aber anderer Meinung und machte den Vorschlag, an der Bar noch einen Cocktail zu trinken. Manfred freute sich, bot dies doch die Gelegenheit, noch ein bisschen länger mit ihr zusammen zu sein. Vielleicht könnte man sich ja etwas näherkommen. Das Plaudern beim Drink dauerte, zu Manfreds Zufriedenheit, natürlich auch wieder länger. Als Neuigkeit hatte er erfahren, dass sie in Waldeck am Edersee wohnte und verwitwet war. Sonst sei sie immer mit einer Freundin in den Urlaub geflogen oder gefahren, aber das Verhältnis habe sich etwas getrübt. Manfred hätte gerne noch mehr gewusst, wollte sie aber nicht bedrängen. Sie vereinbarten am Morgen früher im Speisesaal zu sein, um gemeinsam zu frühstücken. Er begleitete sie heute bis zu ihrer Zimmertür und verabschiedete sich mit einem zarten Wangenkuss, was ihr offenbar zusagte.

Ein besonderer Tag

Beim Erwachen dachte Manfred sofort an Elvira und die Tagesfahrt ins Weinbaugebiet. Er malte sich aus, dass es vielleicht möglich sein könnte, den Tag gemeinsam zu verbringen. Und er hatte Glück. Die Reiseleitung fuhr mit drei Bussen dorthin und die Busse von Elvira und Manfred waren dabei. Das versprach, ein schöner Tag zu werden.

Zuerst fuhren die Busse nach Paarl (Perle), benannt nach dem runden Granitfelsen in der Nähe, der bei bestimmter Sonneneinstrahlung glänzt wie eine Perle. Gleichzeitig ist Paarl das Zentrum des Weinund Obstanbaus. Oberhalb der Stadt besuchten sie das weithin sichtbare Afrikaans Language Monument. Eine moderne Gestaltung aus Halbkugeln und stelenartigen Elementen, die die Sprache Südafrikas, das Afrikaans, symbolisieren und das sprachliche Bindeglied zwischen Westeuropa und Afrika darstellen. Bei strahlendem Sonnenschein und fantastischer Sicht konnte man weit über das Weinbaugebiet schauen. Natürlich gab es jede Menge zu fotografieren und das erste Bild von Elvira hatte er blitzschnell aufgenommen, ohne dass sie es merkte. Sie war sehr fotogen.

Dann fuhren die Busse zum Weingut. Es war ein schönes Anwesen im Kap-Stil. Weiß gestrichen mit den typischen geschwungenen Giebeln. Es lag in einem kleinen Park, in dem Tischgruppen mit Stühlen standen. Dort konnten Besucher sich an der Theke Wein und etwas zu essen kaufen und sich in den Park setzen, einen sehr idyllischer Ort unter alten Eichen.

Die Gruppen wurden in einen großen, langen und sehr schön dekorierten Raum geführt, um Platz zu nehmen. Ein riesiges Büfett mit den feinsten Delikatessen war aufgebaut und sogar im Reisepreis inbegriffen. Obwohl die Teilnehmer gruppenweise beisammen saßen, war es Manfred in Absprache mit dem Reiseleiter gelungen, neben Elvira einen Platz zu bekommen. Durch die Vielzahl der Gäste saß man etwas enger als normal, was beiden nicht unangenehm war, zumal der Wein den Geist und das Gemüt beflügelte. Immerhin waren es im Freien achtundzwanzig Grad und selbst im klimatisierten Speisesaal wirkte der Alkohol etwas schneller als gewöhnlich. Ohne, dass die Mitreisenden es mitbekamen, hatte Elvira Manfred das Du angeboten. Was Manfred auf das höchste beglückte. Das obligatorische Küssen wäre in diesem Augenblick unpassend gewesen. Sie wollten warten, bis sie allein waren.

Nach dem Essen war noch Zeit, etwas im Park spazieren zu gehen. Manfred spürte plötzlich wie sich Elviras Arm unter den seinen schob. So schlenderten sie Arm in Arm die hellblau blühende Jacaranda-Allee entlang. Beide redeten nicht, sondern genossen den Augenblick. Zum Abschluss der Fahrt besuchte man das Dorp Museum in Stellenbosch. Das Ensemble besteht aus kleinen historischen Häusern aus der Zeit von 1700–1850, die alle stilgerecht eingerichtet sind. Ein historisches Kleinod.

Zum Abendessen erschien Elvira wieder in ihrem Wickelkleid, denn sie hatte bemerkt, dass es Manfred mächtig beeindruckte. Er war heute schon etwas entspannter und ließ sich aus der Reserve locken. »Meine liebe Elvira, ich habe dir gestern Abend schon ein Kompliment zu diesem Kleid gemacht, aber heute muss ich noch eins draufsetzen«, begrüßte er sie schmunzelnd. »Es ist nicht nur sehr hübsch, sondern lässt auch die Konturen deiner Figur aufs Vortrefflichste zur Geltung kommen.«

»Ich weiß, man darf doch zeigen was man hat«, entgegnete Elvira. »Im Übrigen brauchte ich gestern Abend nur in dein Gesicht zu schauen, um deine Gedanken zu lesen.«

»Ich glaube, ich muss in Zukunft etwas vorsichtiger sein. Du hast mich durchschaut«, lächelte er.

»Es ist doch schön, wenn du mich so anschaust. Es schmeichelt mir«, sagte sie und setzte sich.

Es war Samstag und nach dem Essen sollte eine Kapelle zum Tanzen spielen. Schon während des Essens waren fünf Musiker erschienen und hatten ihre Instrumente aufgebaut. Um einundzwanzig Uhr sollte der Tanzabend beginnen. Manfred konnte es kaum erwarten, Elvira zum ersten Mal im Arm zu halten. Auch war er sehr gespannt zu erleben, wie gut sie tanzte. Er war, ohne zu übertreiben, ein recht guter Tänzer.

Manfred schaute ungeduldig auf die Uhr. Noch eine Viertelstunde bis zum ersehnten Augenblick. Bei den ersten Klängen eines Walzers wäre er am liebsten mit Elvira auf die Tanzfläche gestürmt. Aber er zügelte sein Temperament, forderte Elvira höflich mit einer Verbeugung auf und schritt dann mit ihr zur Tanzfläche. Was für ein Gefühl. Sie tanzte mit der Leichtigkeit einer Feder. Walzer rechts herum und links herum, es war eine Freude. Allerdings nicht sehr lange. Andere Gäste hatten den gleichen Drang wie sie und im Nu war die Tanzfläche voll. Mit kleineren Schritten und noch etwas enger tanzten sie weiter und ehe sich Manfred versah, drückte Elvira ihm einen Kuss auf die Wange. Ihm wurde heiß und kalt. Da sie sich so nahe waren, blickte er ihr zum ersten Mal tief in die Augen und stellte fest, dass sie smaragdgrün waren und ihn anstrahlten. Von kleinen Ruhepausen unterbrochen tanzten sie bis zum Schluss. Langsamer Walzer, Tango, ja, sie konnte sogar Rumba, Samba und Cha-Cha-Cha. Er war überwältigt, in einem Rausch vor Glück. Auch Elvira schien sehr glücklich zu sein.

Als er Elvira an diesem Abend an ihre Zimmertür brachte, drückte er sie noch einmal zärtlich und verabschiedete sich mit einem zarten Kuss auf ihren Mund, was sie ebenfalls mit einem kurzen Kuss erwiderte. Er wünschte ihr noch eine gute Nacht mit schönen Träumen und tanzte im Geiste zu seinem Zimmer. Mit dem Schlafen war es in dieser Nacht nicht weit her. Zu sehr hatte ihn der schöne Abend aufgewühlt. Elviras körperliche Nähe beim Tanzen, ihre strahlenden Augen und ihr verführerisches Parfüm hatten ihn fast aus dem Gleichgewicht gebracht. »So eine Frau habe ich monatelang gesucht und jetzt schickt sie mir der Himmel. Aber sie wohnt am Edersee und ich in Heppenheim an der Bergstraße. Dazwischen liegen geschätztzweihundertfünfzig bis dreihundert Kilometer. Wie soll das funktionieren?« All diese Gedanken schossen ihm durch den Kopf.

Elvira, in ihrem Zimmer angekommen, musste zuerst einmal durchatmen. »Was für ein Abend und dieser interessante Mann! Gut tanzen kann er und seinem Charme zu widerstehen fällt nicht leicht. Warum auch? Aber nur nichts überstürzen. Mal sehen, was daraus wird«, sinnierte sie vor sich hin. Diese und weitere Gedanken begleiteten sie in einen recht unruhigen Schlaf.

Wie soll es weitergehen?

Hätte man Manfred an diesem Morgen nach dem Essen vom Abend zuvor gefragt, er hätte gründlich überlegen müssen. Seine Gedanken kreisten immer noch um diesen ereignisreichen Tag.Er fühlte sich nicht so fit wie sonst. Die Gedanken hatten ihn anfangs am Einschlafen gehindert, doch gegen Morgen musste er in einen tiefen Schlaf gesunken sein. Das intensive Tanzen hatte auch ein wenig an seiner Energie genagt, er war ja schließlich keine Fünfundzwanzig mehr. Dies wurde aber durch die herrliche Stimmung kompensiert.

Die Busse fuhren an diesem Tag wieder getrennte Routen. Elvira war schon unterwegs in Richtung Cape of Good Hope, dem Kap der Guten Hoffnung. Manfreds Bus fuhr zuerst auf den Signalhügel. Von dort hat man einen sehr schönen Blick über Kapstadt, den Tafelberg und die Zwölf Apostel, die Bergkette in Verlängerung zum Tafelberg. Die Waterfront, ein Teil des Hafens mit zu zweigeschossigen Einkaufszentren und vielen gemütlichen Lokalen umgebauten Werften, war bei der guten Sicht zum Greifen nah. Anschließend Weiterfahrt zum Kirstenbosch Botanical Garden, unterhalb des Tafelberges. Er gilt als einer der schönsten Botanischen Gärten der Welt. Das Gelände wurde 1895 von Cecil Rhodes, einem britischen Unternehmer, erworben und bei seinem Tode, 1902, der Nation vererbt. 1913 legte man diesen wunderschönen Park mit unzähligen Blumen und Pflanzen an. Am Schönsten ist es dort im Dezember, wenn die Proteas in vielen Sorten und Varianten blühen. Manfred hatte die Möglichkeit, sehr schöne Fotos zu machen. Mit der Makroeinstellung seiner Kamera gelangen ihm fantastische Großaufnahmen. So gerne er mit Elvira zusammen gewesen wäre, hier hätte sie ihn bestimmt zu sehr gefangen genommen und abgelenkt.

Am Nachmittag folgte noch eine kleine Stadtrundfahrt und der Bummel durch den Company´s Garden, einem ursprünglich von Jan van Riebeek angelegten Garten zurVersorgungder Mannschaft der Niederländisch-Ostindien-Company mit frischem Gemüse. Durch den Park führt heute die Gouvernement-Avenue. Diese einen Kilometer lange Eichenallee führt vorbei am De Tuynhuys, das 1751 als Gouverneursresidenz gebaut wurde, später Residenz des Staatspräsidenten war und heute als Gästehaus der Regierung dient. Am Ende des Parks stand noch der Besuch des South African Museums an. Dort konnten Nachbildungen von Gerätschaften der Buschmänner, Krals, originale Felszeichnungen sowie ein Saal mit Wal- und Delphinskeletten bestaunt werden. Es war wieder ein beeindruckender Tag gewesen und am Abend würde der Gesprächsstoff sicher nicht ausgehen.

Als Elvira zum Abendessen kam, war sie immer noch verärgert. Obwohl die Reiseleitung vorher darauf hingewiesen hatte, war sie unvorsichtig gewesen. Blitzschnell war bei einem Zwischenstopp in Kap-Nähe einer der vielen Affen auf sie zugesprungen und hatte ihr die teure Designer-Sonnenbrille aus der Hand gerissen. Die konnte sie abschreiben. Manfred beruhigte sie und meinte, eine Sonnenbrille könne man ersetzen, auch wenn sie teuer war. Viel schlimmer wäre es gewesen, wenn der Affe sie gebissen und sie ins Krankenhaus gemusst hätte. Das sei auch schon vorgekommen. Als Trost bestellte Manfred eine Flasche Sekt. Nach zwei Gläsern war Elviras Ärger verflogen und sie begann angeregt über alles zu plaudern, was sie am Tage erlebt hatte.

Nach Ankunft der Busse am Kap der Guten Hoffnung hatte sie die Möglichkeit, entweder zu Fuß zum Cape Point mit dem alten Leuchtturm zu gehen oder das kurze Stück nach oben mit der Bahn zu fahren. Sie entschied sich für die Treppen, denn auf diesem Weg sei der Ausblick schon fantastisch gewesen. Aber dann der gigantische Blick von oben. Nach Süden das weite Meer und die Überlegung, dass der nächste feste Landpunkt die Antarktis ist. Linker Hand lag die große Bucht, genannt False Bay, falsche Bucht. Der Name kam daher, dass in früheren Jahrhunderten die Schiffe bei schlechter Sicht die Bucht mit der Table Bay, der Tafelbucht, verwechselten. Sie fuhren hinein und zerschellten anden Felsen unter Wasser.

Anschließend sei der Bus nach unten an die eigentliche Spitze der Halbinsel, zum Kap gefahren. Sie hielten auf dem Parkplatz mit dem berühmten Holzschild »Cape of Good Hope«, vor dem sich fast alle fotografieren ließen. In der Nähe war ein kleines Partyzelt aufgebaut. Elvira glaubte, es gebe dort einen Empfang für eine Hochzeit, als besonderen Gag für die Hochzeitsgesellschaft. Dem war aber nicht so. Der Reiseveranstalter hatte einen Sektempfang mit belegten Schnittchen arrangiert und alle waren überrascht. Auf dem Rückweg besuchte die Gruppe noch eine Edelsteinschleiferei. Elvira amüsierte sich köstlich, denn in einem sehr kleinen Seitenteil des Verkaufsraumes, von vielleicht drei Quadratmetern, krochen Kinder und Erwachsene auf dem Boden herum. Der Grund: Der Boden war übersät mit kleinen geschliffenen Halbedelsteinen. Für einen kleinen Beitrag konnten sie aus der Vielzahl der Steine eine bestimmte Anzahl aussuchen.

Aus Elvira sprudelte es nur so heraus, sodass Manfred nicht zu Wort kam. Beide genossen dazu das vorzügliche Essen. Die Vorspeise war eine leckere Hummersuppe, als Hauptgang gab es Jacobsmuscheln mit Beilagen und zum Dessert einen köstlichen Fruchtsalat. Alles mundete wieder vorzüglich. Nach dem Essen machten beide noch einen kleinen Bummel durch den Hotelgarten. Als sie sich auf eine Bank setzten, fand Manfred es an der Zeit, von sich zu erzählen. Er sei fünfundsechzig Jahre alt und im Tierkreiszeichen der Fische geboren, die meisten Frauen interessiere das ja. Beruflich sei er Abteilungsleiter in einer Bank in Frankfurt gewesen. Den ganzen Trubel vom Halse zu haben genieße er. Seit fünf Jahren sei er Witwer. Nach einer schweren Krankheit habe seine Frau ihn verlassen. In Heppenheim besitze er einen kleinen Bungalow mit einem für seine Verhältnisse schönen, kleinen Garten. Zur Stadtmitte könne er bequem zu Fuß gehen. Das tue ihm gut und sei zur Gartenarbeit und dem Computer ein guter Ausgleich. Kinder habe er keine. Am gesellschaftlichen Leben nehme er zu bestimmten Anlässen teil. Das Vereinsleben interessiere ihn nicht, dafür aber das Reisen und Fotografieren.

Manfred legte seinen Arm um Elviras Schulter. »Jetzt kennst du meinen Steckbrief«, beendete er seinen stichwortartigen Lebenslauf. »Etwas Wichtiges muss ich dir noch verraten«, ergänzte er etwas liebevoller und näherte sich dabei ihrem Ohr. »Ich habe das Gefühl, dich schickt mir der Himmel.«

Elvira nahm es mit einem Lächeln zur Kenntnis. Der Vergleich mit dem Himmel gefalle ihr, obwohl sie nicht immer ein Engel sei. Ihre Karten lege sie selbstverständlich auch auf den Tisch, damit er genauer wisse, dass er sich eine Löwin angelacht habe. Sie sei Chefsekretärin in einem mittelständischen Unternehmen gewesen. Die Arbeit habe ihr viel Freude, aber bisweilen auch ganz schönen Ärger bereitet. Trotzdem habe sie ihren Beruf geliebt und diesen bis zu ihrem sechzigsten Lebensjahr ausgeübt, das sei Mitte vorletzten Jahres gewesen. Ihr Mann sei vor drei Jahren ganz plötzlich gestorben. Das Haus sei ihr zu groß und nur eine Belastung gewesen. So habe sie es verkauft und sich eine kleinere Eigentumswohnung in Waldeck genommen. Ihre beiden erwachsenen Töchter hätten nicht in das Haus ziehen wollen. Ein Vereinsmeier sei sie auch nicht, engagiere sich aber ehrenamtlich im sozialen Bereich. Tanzen sei schon immer ihr großes Hobby gewesen. Viele Jahre habe sie mit ihrem Mann Tanzkurse besucht. Auch sie verreisen gerne, denn es bilde, man lerne andere Kulturen kennen und es biete sich unter Umständen die Möglichkeit, einen Fisch zu angeln.

Beide mussten herzhaft lachen. Manfred drückte sie an sich und stellte zum wiederholten Male fest, dass sie ganz schön schlagfertig war. Der Abschied an ihrer Zimmertür endete mit einer längeren Umarmung. Dabei küssten sie sich so, wie sie es bisher noch nicht getan hatten.

Auf dem Weg zu seinem Zimmer meldete Manfreds Kopf eine Vorstufe von Alarm. Übermorgen Nachmittag war schon der Rückflug. Was war zu tun? Im Halbschlaf kam ihm eine Idee. Am liebsten wäre er zu Elviras Zimmer gelaufen und hätte ihr seinen kühnen Gedanken unterbreitet. Beim Frühstück würde er das unbedingt klären müssen.

Um rechtzeitig in der Halle zu sein, war er sehr früh aufgestanden. Er wollte sich bei der Reiseleitung nach einer Verlängerung der Reise erkundigen. Normalerweise war das bei Gruppenreisen fast unmöglich. Er wäre gerne mit Elvira noch eine Woche geblieben, oder wenigstens drei Tage. Es gab noch so viel zu sehen und außerdem mochte er sie so schnell nicht aus den Augen verlieren. Die Reiseleiterin, die mittlerweile, was die beiden anging, etwas bemerkt hatte, versprach, sich zu erkundigen und hoffte, ihm gegen Mittag Näheres berichten zu können. Aber da gab es mindestens noch zwei Probleme: Erstens, Elvira wusste noch nichts von seinem Plan und er würde sie auch mittags nicht erreichen können, da sie mit ihrer Gruppe unterwegs war. Zweitens, würde sie es überhaupt wollen? Hatte sie Zeit oder musste sie sofort nach Hause? Jetzt ärgerte er sich, dass er nicht einen Tag früher daran gedacht hatte.

An einem kleinen Tisch hatte er schon Plätze belegt, damit sie beisammen sitzen konnten. Elvira erschien gut gelaunt und lächelte ihn verführerisch an.

»Bitte bring meine Gedanken nicht durcheinander mit deinem aufreizenden Blick. Ich muss ernsthaft mit dir reden, soweit das in der Kürze der Zeit möglich ist.«

Elvira war ernster geworden. »Was ist denn passiert?«

»Noch nichts, aber es kann ja noch kommen.«

»Nun sag schon«, erwiderte sie ungeduldig.

Nachdem er in knappen Worten seine Überlegungen unterbreitet und sie ihn ausnahmsweise nicht unterbrochen hatte, hellte sich ihr Gesicht wieder auf. »Ach so, ich dachte schon an einen nahenden Weltuntergang«, sagte sie erleichtert. »Was ist da zu tun? Noch wissen wir nicht, ob es überhaupt möglich ist. Außerdem bin ich mir nicht im Klaren, ob ich mich dir ohne Aufsicht anvertrauen kann und im Übrigen, wie kommst du nur auf so eine Schnapsidee?«

Jetzt waren seine Argumente gefragt, aber er hatte schon gemerkt, dass sie ihn auf den Arm nahm. Die endgültige Antwort stand noch im Raum.

»Das muss ich mir bis heute Abend noch reiflich überlegen«, sagte sie.

»Aber, Elvira, wenn es möglich ist und du nicht abgeneigt bist, so lasse es mich ganz schnell wissen. Ich muss der Reiseleiterin doch zusagen und sie wiederum muss es mit deinem Reiseleiter absprechen.«

Sie waren schon auf dem Weg zu den Bussen, als sie ihm kurz vor dem Einsteigen in die Wange kniff. »Du hast gewonnen, du verrückter Kerl.«

An Ausflugsprogramm konnte an diesem Tag kommen was da wollte, nur diese Zusage war für ihn wichtig. Für Manfreds Gruppe war ein Segeltörn um Kapstadt geplant. Der Nachmittag war zur freien Verfügung vorgesehen. Das Wetter spielte mit. Der Wind, welcher in der Nacht noch recht heftig geblasen hatte, war wie abgeschnitten, die See fast wie ein Spiegel. Nach dem Segeltörn, der notgedrungen mit Motorkraft unterstützt worden war, kam die Reiseleiterin zu ihm. Sie machte ein ganz trauriges Gesicht, beruhigte ihn aber sofort wieder. Eine Woche länger zu bleiben sei nicht möglich, aber für drei Tage hätte sie eine Möglichkeit gefunden. Er müsse sich nur gleich entscheiden. Für die Umbuchung kämen natürlich noch Unkosten auf ihn zu. Manfred hätte sie beinahe umarmt, er war außer sich vor Freude.

Die Spielregeln

Beim Abendessen, einer prächtigen Fischplatte und einem Cape Point Semillion,war das Thema natürlich die Verlängerung. Elvira war in einem eng anliegenden dunkelblauen Kleid erschienen. Kleine hängende Ohrringe mit jeweils einem größeren und zwei kleineren Brillanten umrahmten ihr Gesicht. Selbst wenn sie nicht echt waren, sahen sie doch zauberhaft aus. Sie wirkte dadurch etwas strenger, aber nicht weniger hübsch. Man hätte meinen können, sie habe die Strenge bewusst gewählt, um die Tragweite ihrer Entscheidung vom Vormittag zu unterstreichen und um die Spielregeln für die nächsten Tage auszuhandeln. Das sichere Auftreten von Elvira machte Manfred schon ein wenig unruhig. Würde sie Bedingungen stellen oder wollte sie nur pokern.

Als Manfred ihr versicherte, dass es möglich sei zu verlängern, allerdings nur für drei Tage, erschien wieder das schelmische Lächeln auf ihrem Gesicht. »Aber über die Spielregeln müssen wir noch reden«, sagte sie streng.

»Wenn es sein muss«, lächelte Manfred.

Bei einem Cocktail – oder waren es zwei? – legte man die Strategien für die nächsten Tage fest. Manfred fing an. »Zuerst nehmen wir uns für eine größere Tour einen Leihwagen. Wir haben Glück, ich habe einen internationalen Führerschein. Den braucht man hier beim Linksverkehr. Ein paar Punkte, die wir besichtigen könnten, habe ich auch schon mal notiert. Das wären unter anderem das Malaien-Viertel, der Tafelberg und vielleicht könnten wir noch eine Fahrt in das Weinbaugebiet machen.«

»So, jetzt ist es erst einmal genug. Jetzt bin ich an der Reihe«, erwiderte Elvira mit strenger Miene. »Ein ganz wesentlicher Punkt sollte zuerst geklärt werden. Ich möchte, dass wir unsere Einzelzimmer behalten. Denn wenn du mir zu aufdringlich wirst, möchte ich mich in mein Schneckenhaus zurückziehen können. Im Übrigen wollen wir nichts überstürzen.«

Manfreds Gesicht war vielleicht in diesem Augenblick nicht das Glücklichste, aber die gleichen Gedanken hatte er die letzten Tage ja auch gehabt. Während er überlegte, schaute Elvira ihn mit ihren strahlenden Augen weiter ernst an, um dann in ein leises Lachen überzugehen. Sie brachte es immer wieder fertig, ihn zu verwirren und das schien ihr Freude zu bereiten.

An diesem Abend war es Elvira, die ihn vor der Zimmertür stürmisch umarmte und ihn mit innigen Küssen bedachte. Manfreds Puls schnellte in die Höhe. Er ermahnte sie, nicht zu stürmisch zu sein, sonst könne er für nichts mehr garantieren, schließlich hätten sie Abmachungen getroffen. Elvira streichelte ihm zum Schluss über die Wange und verschwand in ihrem Zimmer.

Manfred schwebte wie im Traum zu seinem Zimmer. Er wollte noch nicht zu Bett gehen, holte sich ein Bier aus der Minibar und ließ den Tag an sich vorbeiziehen: »Wie schnell sind die Tage vergangen und was für Gefühle hat diese Frau in mir ausgelöst. Ich kenne mich kaum wieder und muss mir unbedingt etwas Originelles einfallen lassen. Der zu erwartende besondere Abend muss so locker und aufregend wie nur möglich werden.«

Der Vormittag stand allen Gruppen zur freien Verfügung, denn am frühen Nachmittag sollte es zum Flughafen gehen. Elvira und Manfred genossen zuerst einmal das ausgiebige Frühstück, sie hatten ja Zeit. Dann bestellten sie ein Taxi und fuhren zur Waterfront. Nicht zu den Geschäften wollten sie, sondern zum »Two Oceans Aquarium«. Der Eindruck war überwältigend. Ein riesiges rundes Becken von vielleicht fünf oder sechs Metern Höhebildete den zentralen Mittelpunkt im Eingangsbereich. Darin wuchs großer Meeresbambus, der in einer künstlichen Brandung bewegt wurde, denn nur so kann er existieren. Dazu schwammen natürlich Fischschwärme umher. An anderer Stelle war eine Gruppe Königspinguine zu sehen. Und dann der große Glastunnel mit einem Transportband im Boden. Ungestört konnten sie stehend durch den Tunnel fahren und gleichzeitig Haie, Rochen, Mantas und andere Großfische beobachten, während sie über ihren Köpfen hinwegschwammen.

Nach dem Rundgang durch das Aquarium gingen sie in ein Restaurant an der Waterfront und aßen ein paar Garnelen. Ein Glas Wein durfte auch nicht fehlen. Beide genossen den Augenblick, bestellten noch ein Glas Wein und blieben in der Sonne sitzen, mit Blick auf das Meer. Die Robben tummelten sich in der Hafeneinfahrt oder lagen auf den Stegen. Nach einer gewissen Zeit drehten sich Elvira und Manfred mit dem Rücken zur Sonne und schauten zum Tafelberg. Dort hinauf wollten sie am nächsten Tag mit der Seilbahn fahren, wenn das Wetter mitspielte. Denn der Gipfel ist oft von einer Wolke verhüllt, dem so genannten Tischtuch.

Für den morgigen Nachmittag hatte er eine Überraschung, wollte sie Elvira aber noch nicht verraten. Von anderen Gästen, die schon einmal in Kapstadt gewesen waren, hatte er einen Tipp bekommen. Am Bloubergstrand, gegenüber von Kapstadt, mit Blick auf den Tafelberg, gebe es wunderschöne Lokale in alten Fischerhäusern. Dort könne man leckere, frische Austern, Hummer und anders Seegetier essen. Er müsse unbedingt vom Portier des Hotels einen Zweiertisch an einem Fenster bestellen lassen. Von dort hätten sie im Abendlicht einen wunderbaren Blick auf Kapstadt und den Tafelberg.

Später schlenderten sie durch die Stadt, über den Blumenmarkt zur alten Festung, Fort de Goede Hoop, und nahmen sich später wieder ein Taxi zum Hotel.

Das Abendessen verlief wie immer in angeregter Unterhaltung. Man hatte sich ja so viel zu erzählen. Sie waren wieder einmal fast die Letzten im Speisesaal. Arm in Arm gingen sie in Richtung Bar und ließen den Abend ausklingen. Vor ihrer Zimmertür nahm er Elvira in die Arme und bedankte sich für ihre Entscheidung, mit ihm noch die Tage zu bleiben. Gleichzeitig ermahnte er sie, ihm aber nicht wieder so einzuheizen wie am Abend vorher. Er habe kaum schlafen können. Elvira quittierte seine Worte mit einem Lachen und nahm seinen Kopf in beide Hände. »Du Armer, es war nicht direkt meine Absicht, dir die Nachtruhe zu rauben. Aber ich stelle fest, der Versuch ist geglückt.« Sie gab ihm einen kurzen Kuss und die Spielregeln wurden eingehalten.

Austern und …

Nach dem Frühstück blickten sie zuerst zum Tafelberg. Er war frei von Wolken. Sie beeilten sich, denn gegen Mittag zieht es gerne zu. Das Glück war auf ihrer Seite, der Dunst hielt sich in Grenzen und die Sicht war wunderbar. Gegen Mittag zogen dann, wie vermutet, die üblichen Wolken auf und es lohnte nicht länger, oben zu bleiben.

Am frühen Nachmittag fuhren sie mit dem Mietwagen, der ans Hotel gebracht worden war, zum Bloubergstrand. Elvira war ein bisschen neugierig und hätte gerne gewusst, wohin sie fuhren. »Lass dich überraschen«, lächelte Manfred nur geheimnisvoll.

Elvira plauderte über dieses und jenes, nur um die Zeit zu überbrücken, während Manfred sich auf den Linksverkehr konzentrieren musste. Am Bloubergstrand angekommen fand er auch sogleich das kleine Restaurant. Jetzt ließ er, wie man so schön sagt, die Katze aus dem Sack. Bevor sie das Lokal betraten, gingen sie noch etwas spazieren. Wie bestellt hatten sie den kleinen Tisch mit Blick auf den Tafelberg bekommen. Das Lokal war noch mäßig besetzt, aber das sollte sich bald ändern. Als Vorspeise aßen sie jeweils sechs Austern. Dazu tranken sie wieder einen schönen Chardonnay. So leckere frische Austern hatten sie noch nie gegessen. Der wunderbare Wein dazu war ein Gedicht. Als sie den Hauptgang, je einen halben Hummer, verspeist hatten, war draußen schon die Dämmerung hereingebrochen. Die Stunde der Wahrheit war gekommen.

Beiden war im Voraus bewusst gewesen, dass Manfred nach dem guten Essen und entsprechendem Weingenuss nicht mehr fahren sollte. In einem fremden Land mit Linksverkehr ohne die nötige Übung in der Dunkelheit zu fahren, wäre mehr als fahrlässig. Sie hatten darüber, wie der Abend enden würde, nicht gesprochen, warum auch. Als Manfred seine Bedenken äußerte, schaute Elvira ihn intensiv mit ihren strahlenden Augen an. »Das hast du fein eingefädelt«, meinte sie dann mit einem Lächeln:

Er wollte etwas erwidern, aber sie legte ihm einen Finger auf den Mund, so dass er schweigen musste.

»Was ist zu tun?« sagte sie mit ernster Miene. »Ein Heulager werden wir in einer Fischerhütte vergeblich suchen und das hätte mich gerade so sehr gereizt. Auf einer Ofenbank zu nächtigen, ist mir viel zu hart. Was bleibt übrig? Ein Bett. Mache dich also auf den Weg und besorge für jeden von uns ein Bett. Komm aber bitte nicht mit zwei Einzelzimmern zurück, sonst werde ich es dir ewig aufs Butterbrot schmieren, wie meine Mutter zu sagen pflegte.« Sie lachte.

Er hatte Glück und bekam, mit Hilfe des Wirts, ein Zimmer in einem kleinen Hotel in der Nachbarschaft.

»Auf diesen Schreck sollten wir noch einen Schluck trinken«, meinte Elvira, als er zurückkam. Sie hatte einen kleinen Schwips und war bester Laune.

Später hakten sie sich unter und gingen langsam in Richtung Hotel. Der Himmel war sternenklar, ein lauer Windhauch kam übers Meer und in der Ferne leuchtete Kapstadt. Ab und zu blieben sie stehen, um diese Stimmung zu genießen und umarmten sich.

Im Hotelzimmer angekommen bemerkte Manfred ganz beiläufig: »Hast du meinen Schlafanzug mitgenommen, Elvira?«

»Ja, aber nur die Jacke. Und wie sieht es mit meinem Nachthemd aus? Liegt das vielleicht noch im Kofferraum?«

Manfred konnte sich vor Lachen kaum halten. »Ich habe beschlossen, dass ich die Schlafanzugsjacke nicht brauche. Wenn alle Stricke reißen, habe ich mein Hemd. Und du brauchst auch kein Nachthemd, das rutscht sowieso immer hoch. Ergo, es geht jetzt nur noch darum, wer von uns zuerst ins Bad geht.«

»Darf ich einen Wunsch äußern, ehe ich zuerst gehe?«, fragte Elvira, Schüchternheit vortäuschend.

»Wenn es unbedingt sein muss.«

»Dann sei so gut und mach das Licht aus, wenn ich aus dem Bad komme«, hauchte sie und verschwand darin.

Als Elvira ins Zimmer zurückkam, war das Licht zwar aus, aber Manfred hatte sich so positioniert, dass sie unwillkürlich mit ihm in Berührung kommen musste. Ein kleiner Aufschrei und Manfred hatte sie, nackt wie sie war, in seinen Armen und küsste sie. »Wie wunderbar ist es, nach so langer Zeit, einem weiblichen Körper so nahe zu sein. Es ist zum Verrücktwerden.«

Nachdem Elvira sich von ihrem Schrecken erholt hatte, genoss sie diesen Augenblick ebenfalls und hätte gerne noch länger so verweilt, zumal sie bemerkte, dass bei Manfred etwas in Bewegung kam.

»Jetzt aber schnell ins Bad, du unfairer Bursche«, kommandierte sie und drückte ihn sachte von sich weg.

»Muss das sein? Es ist doch gerade so schön.«

»Es muss!«

Als Manfred aus dem Bad zurückkam war das Licht immer noch aus. Er fasste sich ein Herz und schaltete es an. Das war gerade noch der richtige Zeitpunkt, denn wäre er ein paar Minuten später gekommen, hätte Elvira geschlafen. Das gute Essen, der Wein und dann das schöne Bett hatten sie schläfrig gemacht.

»Das ist ja gerade noch mal gut gegangen. Gut, dass ich rechtzeitig aus dem Bad gekommen bin«, meinte er.

»Was heißt hier rechtzeitig? Es ist unhöflich, eine Frau so lange warten zu lassen«, hauchte Elvira.

Worauf er ganz schnell unter ihre Decke kroch, sich an sie kuschelte und sie mit Zärtlichkeiten verwöhnte.

Als sie am Morgen aufwachten, hatte der Hahn schon lange sein Krähen eingestellt. Ein strahlender Morgen empfing sie.

»Guten Morgen, mein Schatz, ich nehme an, du hast prächtig geschlafen. Gestern Abend hast du mich ganz schön verrückt gemacht«, begrüßte Elvira Manfred mit einem schelmischen Lächeln und rückte etwas näher an ihn heran.

»Als du aus dem Bad kamst und ich deinen Körper auf meiner Haut spürte, hat es mir fast die Sinne geraubt. Du hast sicher gemerkt, wie schnell ich reagiert habe«, erwiderte Manfred und küsste sie.

»Hast du eigentlich unsere Zahnbürsten mitgenommen oder liegen die vielleicht auch noch im Kofferraum?«, fragte er Elvira, bevor er ins Bad gehen wollte.

Elvira hatte sich im Bett aufgesetzt und wollte etwas erwidern, aber dazu kam sie nicht. Manfred strahlte sie an und bewunderte ihre, für ihr Alter noch schönen Brüste und ging zielstrebig auf sie zu. Da erst merkte Elvira, welchen Anblick sie ihm geboten hatte und verschwand blitzschnell unter der Decke. Am liebsten wäre er wieder zu ihr gekrochen. Sie aber ermahnte ihn, sich anzuziehen, so lange werde sie noch im Bett bleiben. Außerdem habe sie einen sagenhaften Appetit und wolle schnellstens frühstücken.

Zum Frühstück aß jeder noch drei Austern und Elvira trank dazu ein Glas Sekt. Manfred verzichtete darauf, er musste noch fahren. Durch diesen Genuss am Morgen konnte ihre Hochstimmung nicht so schnell auf ein Normalmaß absinken. Die Glückshormone konnten weiter tanzen.

Bis sie im Hotel ankamen, war es schon drei Uhr. Ein großer Teil des Tages war schon vorüber und morgen Nachmittag würde schon der Flieger gehen. Sie ließen das Auto abholen und nahmen ein Taxi zum Malaien-Viertel. Früher waren dies die einfachen Häuschen der Malaien gewesen, asiatische Sklaven und Gefangene, die sogenannten Kap-Muslime, die sich dort im achtzehnten Jahrhundert angesiedelt hatten. Das orientalische Flair ist heute noch zu spüren. Die meisten Häuser sind restauriert, aber immer noch oder wieder mit kräftigen Farben angemalt. Diese ehemaligen Häuser der Armen erzielen heute Fantasiepreise und werden von Wohlhabenden oder Firmen bewohnt.

Manfred hatte in den letzten Tagen, außer im Botanischen Garten, verhältnismäßig wenig fotografiert, nutze jetzt aber die Gelegenheit. Er machte von Elvira mit dem Teleobjektiv schöne Porträtaufnahmen mit unscharfem, farbigem Hintergrund. Dann liefen sie gemütlich zum Hotel zurück und ließen den Tag bei einem schönen Abendessen und einem Brandy an der Bar ausklingen. Wie immer brachte Manfred Elvira bis zu ihrer Zimmertür. Nach einer stürmischen Umarmung tat er so, als wolle er sich verabschieden und in sein Zimmer gehen. Aber Elvira war anderer Meinung. Sie hielt ihn fest und beide verschwanden in ihrem Zimmer.

Das Frühstück konnten sie ausgiebigen genießen. Danach ließen sie sich noch einmal zur Waterfront fahren. Sie bummelten durch die Geschäfte, nahmen noch einen Abschiedsdrink mit einem Sandwichundgenossen den Blick auf das Hafengelände und den Tafelberg. Mittlerweile war es Zeit geworden, zum Hotel zu fahren. Mit dem Taxi hin, das Gepäck geholt und wieder mit dem Taxi zum Flughafen. Kapstadt ade.

Während des Fluges saßen sie ganz eng beisammen, schmiedeten Pläne, wie sie sich in Zukunft arrangieren wollten. Sie hatten sich entschlossen, ein Paar zu bleiben, wenn auch unter außergewöhnlichen Bedingungen. Wochenendbeziehungen waren keine Seltenheit mehr, also müsste es auch für sie eine Möglichkeit geben. Eines stand fest, Elvira wollte an ihrem geliebten Edersee in der Nähe ihrer Kinder und Enkelkinder bleiben und Manfred sein Haus mit Garten nicht aufgeben. Sie einigten sich auf den Versuch, wechselweise acht oder vierzehn Tage beim anderen zu sein. Durchaus auch von kürzeren oder längeren Pausen unterbrochen, denn jeder braucht eine Auszeit für die persönlichen Dinge. Auch viele gemeinsame Reisen wollten sie in Zukunft unternehmen. Dieser Südafrikaurlaub war so prägend für ihren gemeinsamen Weg. Bei diesen Gedanken war Elviras Kopf auf seine Schulter gesunken und beide waren zusammen eingeschlafen.

Nach der Ankunft in Frankfurt kam der große Trennungsschmerz. Viele Umarmungen, Küsse und ein paar Tränen flossen auch. Sie versprachen, sich jeden Tag anzurufen und ein baldiges Wiedersehen zu planen. Manfred brachte sie noch an ihren Zug, ehe er die Heimreise mit seinem Pkw antrat, den er am Flughafen geparkt hatte.

Der erste Besuch

Elvira und Manfred hatten täglich telefoniert oder sich E-Mails geschickt. Diese aber nur ab und zu, denn sie wollten ja ihre Stimmen und Stimmungen hören und fühlen. Abgesehen von den täglichen Neuigkeiten hatten die Telefonate ihre Reise zum Inhalt. Sie amüsierten sich über die erste Begegnung, die gemeinsamen Stunden beim Essen und das vorsichtige Abtasten des jeweiligen Gegenübers. Was hat sie heute für ein Kleid an und welchen Schmuck trägt sie dazu? Aber auch: Wie leger oder elegant kommt er zum Abendessen? Es waren Annäherungen mit netten Worten, Gesten, aber auch kleinen Neckereien. Was beide aber am meisten überrascht hatte, waren die berühmten Schmetterlinge im Bauch. Das war eine neue Erfahrung, die sie in diesem Ausmaß und vor allem in ihrem Alter nicht für möglich gehalten hätten. Wie zwei Teenager hatten sie sich verliebt.

Nach zwei Wochen meldeten sich ganz intensiv die ersten Entzugserscheinungen. Sie wollten sich so schnell wie möglich wiedersehen. Elvira wünschte sich, dass er zuerst zu ihr kommen möge. Sie habe zwar nicht so viel Platz wie er in seinem Haus, aber ein kleines Gästezimmer mit einem Einzelbett sei schon vorhanden. Wenn er sich darin allerdings zu einsam fühle oder etwa Platzangst bekomme, gebe es immer noch das Doppelbett. Darin habe zwar jeder in seinem Bett auch nicht mehr Platz, aber es sei doch kuscheliger und man falle nicht so schnell heraus wie aus einem Einzelbett, das man zu zweit nutze.

Als Manfred diese Zeilen las, musste er schmunzeln. Seine Gedanken beschäftigten sich an diesem Tage nur mit Elvira. »Das ist doch ein Teufelsweib. Wie hat sie sich entwickelt. Aus der anfangs reservierten, wenn auch freundlichen Dame, ist jetzt ein Mensch geworden, der gerne auch einmal selbst die Initiative ergreift und dies auch humorvoll kundtut. Daran merkt man, dass sie in verantwortungsvoller Position, als Chefsekretärin, tätig war. Sie konnte sich beherrschen, wenn es sein musste, aber auch zugegebener Zeit voll auf den Putz hauen. Das macht mich so wahnsinnig glücklich, zumal alle anderen Attribute wie ihre strahlenden Augen, ihre hübsche Figur, überhaupt ihre ganze attraktive Erscheinung und ihr Wissen noch dazukommen. Ihr Körper ist ein Juwel. Es ist eine Wonne, wenn sie sich an mich schmiegt. Was will ein Mann mehr.«

Sie einigten sich auf den Dreikönigstag, den 6. Januar. Elvira hatte aus den Gesprächen entnommen, dass Manfred gerne Auto fuhr, äußerte aber den Wunsch, bei widrigen Wetterverhältnissen möge er doch bitte die Bahn nehmen, sie mache sich sonst Sorgen. Er beruhigte sie. Er sei zwar gerne mit dem Auto unterwegs, aber möglichst nur bei schönem Wetter. Er wolle sich vorher die Wettervorhersagen anschauen. Außerdem müsse er sich erst erkundigen, ob überhaupt eine Bahn so hoch in den Norden bis nach Waldeck fahre. Dies war so eine seiner üblichen kleinen Neckereien.

Elvira hatte die Weihnachtsfeiertage und Silvester mit ihrer Familie verbracht. Manfred war alleine zu Hause gewesen. Ihren Kindern hatte sie vage Andeutungen gemacht, was allerdings gar nicht nötig gewesen wäre. Sie hatten die Veränderung an ihrer Mutter schon bemerkt. Bisher hatten sie nicht nachgehakt, interessiert wären sie aber schon gewesen. Das Strahlen in ihren Augen, als sie die paar Bemerkungen machte, hatten die Kinder seit dem Tode ihres Vaters nicht mehr gesehen.

Manfred hatte einige Fotos von Elvira abziehen lassen, die er ihr bei seinem ersten Besuch mitbringen wollte. Ein besonders gut gelungenes stand jetzt auf seinem Schreibtisch. So konnte er schon morgens vor dem Frühstück sein geliebtes Wesen sehen. Als er Elvira davonerzählte, sagte sie, sie brauche auch umgehend ein Foto von ihm, wenn sie ihn schon nicht anfassen könne. Zum Glück gab es auch drei recht gut gelungene Fotos von ihm. Er hatte sie von anderen Gästen auf der Kapstadt-Reise aufnehmen lassen. Elvira hatte er noch nichts davon gesagt, er wollte sie beim Wiedersehen damit überraschen.

Die Wettervorhersage war günstig und Manfred wollte gleich nach dem Frühstück losfahren. Sein Gepäck hatte er am Abend schon gerichtet und brauchte es nur in den Kofferraum zu packen. Beim Zurechtlegen der Kleidung, Wäsche und was sonst noch wichtig war, war es ihm wie vor einer größeren Reise ergangen. Was sollte er mitnehmen, was würden sie unternehmen, benötigte er einen eleganten Anzug? Er hatte seine Urlaubs-Checkliste hervorgeholt, um einige Anhaltspunkte zu haben, aber eine gewisse Unsicherheit blieb doch. Schließlich wollte er zwei Wochen bei Elvira bleiben, sofern sie es so lange zusammen aushalten würden. Als er sie auf die Kleiderfrage ansprach, war ihre Antwort, er solle nicht zu viel einpacken. Sie wollten das Jahr ruhig angehen lassen und nichts überstürzen, jedenfalls was das Ausgehen betraf.

Von einer Floristin hatte er sich ein Blumenkörbchen herrichten lassen. In der Mitte stand eine fliederfarbene, sehr schön gezeichnete Orchidee im Topf. Elvira könnte sie später herausnehmen und auf ihre Fensterbank stellen. Er setzte voraus, dass sie ein passendes Blumenfenster hatte, an welchem Orchideen am besten gedeihen.

Nun saß er in seinem Mercedes und fuhr nach Norden, wie er scherzhaft zu Elvira gesagt hatte. Die Richtung stimmte schon, nur wenn im Rhein-Main-Gebiet jemand vom Norden spricht, denkt man im Allgemeinen an die Nord- oder Ostsee. Auf der A5 musste er bis zum Gambacher Kreuz fahren und dann weiter über Marburg zum Edersee. Die ganze Strecke betrug etwas zweihundertdreißig Kilometer, etwas weniger, als er geschätzt hatte. Der Verkehr war verhältnismäßig normal. Er hatte sich ausgerechnet, dass er etwa drei Stunden brauchen würde, bis er bei Elvira in Waldeck ankam. Unterwegs sollte er sich mit dem Handy melden, damit das Essen rechtzeitig fertig wäre. Sein Mercedes schnurrte vor sich hin und er hing seinen Gedanken nach, ohne natürlich beim Fahren unaufmerksam zu werden. Elvira hatte ihm erzählt, dass sie ihr Haus verkauft habe und in die kleinere Wohnung umgezogen sei. Manfred versuchte sich nun vorzustellen, was ihn erwartete. »Wie groß wird ihre Eigentumswohnung sein, wie hat sie diese eingerichtet, wie ist der Blick auf den Edersee?« Eine Menge Fragen stellten sich ihm und er wurde immer neugieriger. Die Zeit verging wie im Fluge und bei all den Überlegungen hätte er beinahe die Autobahnausfahrt versäumt. Er besaß kein Navigationsgerät, denn die größeren Strecken, die er noch fuhr, konnte er sich im Straßenatlas ansehen und, sollten alle Stricke reißen, gab es immer noch den Ausdruck aus dem Internet.

Über die Landstraße kam er etwas langsamer voran, doch seine Zeitplanung hatte in etwa gestimmt. Wie verabredet, hatte er Elvira kurz vor seiner Ankunft noch einmal angerufen. In dem Augenblick als er vorfuhr, stand sie schon in der Tür, als hätte sie dahinter gelauert. Sie trug eine weiße, etwas tiefer ausgeschnittene Bluse und einen dunkelblauen Rock. Um den Hals hatte sie ein kleines, hellblaues Tuch gebunden. Sicher war sie genau so nervös wie er, denn zwei Wochen nach einem so intensiven Urlaub waren eine lange Zeit. Noch ehe er richtig ausgestiegen war, stand sie schon neben ihm und küsste ihn auf die Wange. Er übergab ihr zuerst seine Blumenschale, über die sie sich sehr freute. Ihre Augen strahlten ihn an und plötzlich waren ein paar Tränen zu sehen. Zu sehr hatte sie sich auf das Wiedersehen gefreut.