Irische Mischung - von sweet bis stout - Anja Zimmer - E-Book

Irische Mischung - von sweet bis stout E-Book

Anja Zimmer

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Beschreibung

Erlebnisse einer recherchierenden Autorin auf der grünen Insel. Mit spitzer Feder nimmt die Autorin die Iren und sich selbst aufs Korn. Aus ihren Episoden spricht die Liebe zu dieser Insel und ihren BewohnerInnen, die sich durch an Sturheit grenzende Frömmigkeit, überschäumende Lebenslust und schrägen Aberglauben auszeichnen. Sei es im Pub, in der Herberge, am Arbeitsplatz oder im gemütlichen Heim - immer sind die Begegnungen mit dem Inselvolk spannend und von herzerfrischender Direktheit.

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Anja Zimmer

Irische Mischung

von Sweet bis Stout

Erlebnisse einer recherchierenden Autorin auf der grünen Insel

2000 - 2004

Erlebnisse einer recherchierenden Autorin auf der grünen Insel. Mit spitzer Feder nimmt die Autorin die Iren und sich selbst aufs Korn. Aus ihren Episoden spricht die Liebe zu dieser Insel und ihren BewohnerInnen, die sich durch an Sturheit grenzende Frömmigkeit, überschäumende Lebenslust und schrägen Aberglauben auszeichnen. Sei es im Pub, in der Herberge, am Arbeitsplatz oder im gemütlichen Heim immer sind die Begegnungen mit dem Inselvolk spannend und von herzerfrischender Direktheit.

© 2016 Anja Zimmer

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung jeder Art, Verwertung in anderen Medien und Sprachen, elektronische Speicherung, Bearbeitung oder Aufbereitung - auch in Auszügen - nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

ISBN 978-3-937013-36-7

ISBN Print 978-3-937013-35-0

WWW.FRAUENZIMMER-VERLAG.DE

Inhaltsverzeichnis

1. Irische Mischung

2. Ankunft

3. Arbeitssuche

4. Mitbewohner

5. Ruhe und Abgeschiedenheit

6. Die National Library

7. On the Rocky Road to Cork

8. Spaziergang in Dalkey

9. Blood, blood, on your hands!

10. Schiffbruch am 40 Foot

11. Betteln in Irland

12. Im Pub

13. Shopping in Tipperary

14. Mein erstes irisches Weihnachtsfest

15.Wer ist James Eustace?

16. Good to be back home!

Irische Mischung

Ich weiß nicht, was es ist. Kann es gar nicht sagen, was mich so sehr fasziniert und immer wieder magisch anzieht. Kann es kaum in Worte fassen oder beschreiben. Ohnehin schwierig, darüber nachzudenken. Ich glaube, es ist die Mischung. Diese Mischung, die alle Sinne anspricht und in ihren Bann schlägt. Diese Mischung aus Malzduft, Abgasen, teurem Parfum und Pferdemist.

Aus Pfützen, in denen sich der graue Himmel spiegelt, den Pferden Mannan mac Lirs1, die er bei Sturm in endloser Zahl übers Meer jagt und den leise gurgelnden Flüssen, in denen sich Schlingpflanzen wiegen wie das Haar geheimnisvoller Wassergeister.

Diese Mischung aus kargem Land und üppigem Grün, aus spiegelnden Glasbauten des 21. Jahrhunderts und kaum noch deutbaren Überresten der ersten Siedler der Bronzezeit.

Das enge Beieinander von Geschichte und Gegenwart, die Verbindung von tiefer Gläubigkeit, die in manchen Gegenden an Starrsinn grenzt und die tiefe Überzeugung, dass es Feen, Elfen, die Banshee2 und die Morrigan3 tatsächlich gibt und man gut daran tut, sich ihnen gegenüber ehrfurchtsvoll zu verhalten.

Diese Mischung aus unbändiger Fröhlichkeit, Übermut und Lebensfreude in einem Land, dessen Erde im Lauf der Geschichte getränkt wurde mit Blut, Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

Es ist eine Mischung, die fasziniert, staunen lässt, aufregend und anregend ist, manchmal anstrengend sein kann, aber niemals langweilig wird.

1 Manannan mac Lir ist der keltische Gott des Meeres. Die weißen Schaumkronen der Wellen sind seine Pferde.

2 Die Banshee ist eine Gestalt aus der irischen Sagenwelt. Noch heute heißt es, dass das Schicksal bestimmter Familien mit der Banshee verbunden sei.Wenn ihr langgezogener, klagender Schrei in der Dämmerung ertöne, sterbe ein Mitglied der Familie.

3 Die Morrigan ist die Todesfee, die sich in vielerlei Gestalten zeigen kann. Sie leitet das Schicksal vieler Helden und führt sie in die Anderswelt, wenn sie im Kampf gefallen sind. Oft wird sie auch als Todesbotin dargestellt, die am Fluss die blutigen Kleider der Männer wäscht, die im Kampf fallen werden.

Ankunft

Am Morgen des 10. Januar 2003 flog ich nach Dublin, um dort einen Neuanfang zu wagen. Es war schon seltsam, mich am Flughafen von meinen Eltern zu verabschieden, zu wissen, dass ich sie für eine lange Zeit nicht wiedersehe und so ganz und gar nicht wusste, was mich in Irland denn so erwartete. Zum Glück hatte ich dort Freunde, die mich für die ersten Tage aufnehmen würden, Cathy und Sam. Mit den beiden hatte ich mich für den Abend schon verabredet. Ich freute mich, die beiden nach ein paar Jahren endlich wiederzusehen. Aber wie würde sich meine Suche nach einer eigenen Unterkunft gestalten, die Suche nach Arbeit? In Deutschland sah es in dieser Zeit mehr als düster aus. Würde mein Geld denn überhaupt reichen, bis ich meine ersten Lohn bekäme? Es waren so ganz existenzielle Fragen, die mich da beschäftigten. Natürlich war auch viel Vorfreude mit dabei, Abenteuerlust und Hoffnung. Schließlich saß ich im Flieger und wir hoben ab. Ein unbeschreibliches Gefühl, Deutschland hinter sich zu lassen, und damit auch einen ganzen Lebensabschnitt, gute und schlechte Erfahrungen, Freundinnen und Freunde, alte, zerbrochene Verbindungen und ganz frische.

Ich schaute hinunter auf die geschlossene Wolkendecke über England. Ich konnte nur anhand der Zeit ungefähr sagen, dass wir jetzt wohl über der Irischen See waren und auf Irland zuflogen.

Ich schaute nun hinunter auf die irischen Wolken und dachte, dass unter diesen Wolken alle meine Sehnsüchte, Hoffnungen und auch Ängste und Sorgen verborgen waren. Was würde ich unter diesen Wolken wohl erleben, welche Menschen würden mir begegnen? In was für einer Unterkunft würde ich wohnen? Was für eine Arbeitsstelle würde ich haben? Würde ich genug verdienen, um auszugehen, ins Kino, ins Theater, mit Freundinnen? Einen Schlüsselbund hatte ich nicht bei mir, nur noch meinen Schlüsselanhänger, der ganz leer war. Alle Schlüssel und damit auch den Zugang zu allem, was mir bisher so selbstverständlich erschienen war, hatte ich zurückgelassen.Würde ich wieder Schlüssel an meinen Anhänger hängen können, die mir Zugang sicherten zu einer Wohnung, einer Arbeitsstelle, einem Leben? Während ich so nachgrübelte und mir plötzlich klar wurde, auf was ich mich da eingelassen hatte, riss die Wolkendecke auf. Ich sah die Küste Irlands und die Irische See. Und dort unten auf den Wellen lagen drei große Lichtkreise direkt nebeneinander, wie die keltische Spirale, die so viele verschiedene Bedeutungen hat und die mir noch oft an alten Monumenten, eingemeißelt in Stein, begegnen würde. Diese dreifache Spirale, auch Triskele genannt, ist das Symbol der großen Muttergöttin, ein Symbol für Leben, Tod und Wiedergeburt. Der Anblick dieser drei gleißenden Lichtkreise hat mich tief bewegt, beruhigt und mir Mut gemacht. Ich habe dieses Bild als ein gutes Zeichen gesehen und sollte nicht enttäuscht werden.

Dann waren wieder in den Wolken und ich konnte nichts mehr sehen. Eine ganze Weile flogen wir durch die dicken irischen Wolken wie durch Watte, aber schließlich waren wir unterhalb der Wolken und Irland lag in seiner ganzen grünen Pracht unter uns. Ein Flickenteppich aus Feldern, Wiesen, Hecken und Steinmauern, Straßen, Farmen, Wohnhäusern, und schließlich kam auch ein Flughafen mit einer Landebahn in Sicht.Wie schön!

Der Flug von Frankfurt nach Dublin dauert knappe zwei Stunden. Bei früheren Reisen nach Irland bin ich in der Regel mit dem Zug gefahren, einmal auch mit dem Bus. Da ist man mitunter über vierundzwanzig Stunden unterwegs und erreicht das Ziel in doch eher beklagenswertem Zustand. Doch nicht mit dem Flugzeug. Ich kam in Dublin an und war durchaus noch so frisch gewaschen und gekämmt wie ich Frankfurt verlassen hatte.

Wir landeten sicher, der Captain nannte uns die Außentemperatur, die im Vergleich zu Deutschland richtig warm war und sagte, dass es regnete. Irisches Wetter zur Begrüßung, was will man mehr? Ich fuhr mit einem Doppeldeckerbus in die City, brachte mein Gepäck in einem Schließfach unter und stürzte mich hinein ins volle Menschenleben. Um an diesem teilnehmen zu können kaufte ich mir als aller erstes, na was wohl? - ein Handy, das auf englisch nicht Handy heißt, wie man meinen könnte, sondern ‚mobile’. Von diesem Handy aus habe ich Cathy angerufen und mich mit ihr und Sam verabredet. Ein paar Stunden später trafen wir uns in der Lounge eines Hotels. Gemeinsam holten wir mein Gepäck und fuhren zu den beiden nach Hause. Endlich ankommen, mit einer Tasse Tee aufs Sofa kuscheln und die Füße hochlegen und erzählen. Die beiden unterstützten mich tatkräftig auf meiner Suche nach einem Job, indem sie mir erst mal erklärten, wie das in Irland so läuft.

Arbeitssuche

In Irland gibt es kein Arbeitsamt, sondern Agenturen, die Arbeitsplätze vermitteln. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich bereits mein erstes Vorstellungsgespräch bei einer solchen Agentur. Ich warf mich also in meinen feinen Hosenanzug, den ich mir extra zu diesem Zweck in den Koffer gepackt hatte und ging los. Unterwegs schüttete es wie aus Eimern und als ich dort ankam, sah ich aus wie eine ersoffene Katze. Ich war noch bei einigen Agenturen. Eine hat mich schließlich überzeugt, denn Orla, die meine Personalien aufnahm und meine Zeugnisse anschaute, prüfte meine Fähigkeiten im Maschinenschreiben und bereitete mich auch auf das Vorstellungsgespräch vor, zu dem sie mich schicken wollte. Sie erzählte, welche Fragen man mir stellen könnte, lobte meine äußere Erscheinung (meine Haare und mein feiner Anzug waren diesmal trocken) und wünschte mir viel Glück. Und dann war es so weit. Ich stand vor einem Glaspalast und hatte einen Termin mit der Managerin. Es nieselte nur leicht und mein Zustand war ganz passabel. Die Managerin, Siobhan1, holte mich am Empfang ab. Sie war ausgesprochen freundlich, richtig nett und nahm mir meine Aufregung. Wir unterhielten uns ganz angeregt, Siobhan war interessiert an meinem Lebenslauf, auf dem ich meine schriftstellerischen Tätigkeiten nicht verheimlicht hatte. Einerseits fand sie das ganz spannend, befürchtete aber, das dies meine Arbeit für sie beeinträchtigen könnte. Ich konnte sie offensichtlich überzeugen, dass dies nicht der Fall sein würde, denn ein paar Tage später rief mich Sinead von der Agentur an und sagte mir, dass die Bank mir die Stelle anbot.

„Yeah!“ gellte mein Schrei durch das Haus und weckte Cathy und Sam.

„Whow, das ist klasse! Super! Meine Güte, ich kann’s kaum glauben!“ rief ich. Sinead blieb sehr gefasst und fragte ganz ruhig: „Also nimmst du die Stelle an?“

„Yep!“

Wir besprachen die letzten Einzelheiten, dann legte ich auf und war auf Wolke sieben im Arbeitshimmel. Eine Stadt sieht anders aus, wenn man eine Stelle hat.

Sam kam die Treppe runter und meinte: „Ich nehme an, du hast eine Stelle!“

„Yeah!“

„Was ist es denn für eine Stelle?“

„Ich bin ein German Investigator. Klingt cool, nicht?“

Das Wort Investigator heißt auch Privatdetektiv, was Cathy dazu veranlasste, die James Bond Melodie zu singen und mit zur Pistole erhobenen Fingern rumzuballern.

„Was machst du als German Investigator?“

„Keine Ahnung.“

Stimmt, ich hatte keine Ahnung. Aber am ersten Tag habe ich zumindest gelernt, dass ein Investigator in der Nachforschungsabteilung arbeitet und fehlgeleitete Zahlungen aufspürt. Keine James Bond Nummer also. Schade; aber was dann kam, war auch spannend genug. Meine Ahnungslosigkeit teilte ich mit allen meinen Kolleginnen und Kollegen, die am selben Tag anfingen. Wir bekamen ein ausführliches Training und durften anfangs noch viele Fehler machen. Dann waren wir fit und durften richtige Fälle bearbeiten. Wir Anfängerinnen und Anfänger waren wie die gesamte Belegschaft eine international zusammengewürfelte Gruppe. In der Kantine sah man die unterschiedlichsten Hautfarben und hörte die sonderbarsten Akzente. Manche von meinen Kolleginnen waren wie ich erst vor kurzem nach Irland gezogen und noch auf der Suche nach einer Wohnung. Wer schon länger in Dublin heimisch war, half gern mit Rat und Tat. Wenn zum Beispiel im „Evening Herald“ ein besonders günstiges Zimmer angeboten wurde, tat man gut, sich nach der Wohngegend zu erkundigen. Wenn dieses Zimmer in einer Gegend war, die bei Insidern auch als „West-Beirut on a good day“ bekannt ist, ließ man besser die Finger davon.

Wir arbeiteten in einem Großraumbüro. Da bekommt man immer mit, was in den anderen Abteilungen passiert. Einmal musste ich bei einer Firma in Afrika anrufen. Es war wichtig und der Fall sollte außerdem so schnell wie möglich abgeschlossen werden. Ich hatte diese Firma schon mehrfach per Email und Fax kontaktiert, aber niemals eine Antwort erhalten. Die Telefonverbindung war grauenhaft schlecht, ich wurde immer wieder in die Warteschleife geschickt, wobei ich mir unsägliche Musik anhören musste, hatte dann wieder einen Menschen in der Leitung, der wieder so tat, als verstehe er mich nicht, um mich wieder in die Warteschleife zu schicken anstatt mich mit der gewünschten Person zu verbinden. Es war wirklich unerlässlich, dass ich mit dieser Person sprach, denn es ging um einen großen Betrag, den ich für unsere Bank zurückrufen musste.Während ich zu Beginn noch höflich meinen Namen und den Namen meiner Bank genannt und mein Anliegen vorgetragen hatte, wurde ich nach der fünften Verbindung immer deutlicher, hielt mich nicht mehr mit Höflichkeitsfloskeln auf und verlor nach der zwölften Warteschleife die Geduld.

„Ich merkte nicht, wie laut ich war, denn ich konzentrierte mich so sehr auf meine Aufgabe, dass ich nicht mitbekam, was neben mir passierte. Irgendwann schaute mein Teamleader um die Ecke und meinte, es sei zwecklos mit dieser Verbindung. Als ich mein Headset ablegte und aufschaute, sah ich, dass selbst die Franzosen und Italiener teilweise von ihren Sitzen aufgestanden waren und schauten, was denn in Germany vor sich ging. Ups, das hatte ich gar nicht gemerkt. Meine Managerin versuchte vergeblich, ihr Lachen zu verbergen und meine Schweizer Kollegin meinte, ich solle doch öfter in Afrika anrufen, das sei sehr lustig.

Ein Großraumbüro ist nicht mein bevorzugtes Habitat. Um so empfänglicher war ich in dieser Umgebung für alles, was irgendwie mystisch war. Das waren meist die Namen meiner irischen Kolleginnen und Kollegen. Da tauchten sie plötzlich alle auf, die Charaktere, die ich nur aus der irischen Mythologie kannte und nach denen ich auch einige meiner eigenen Romanfiguren genannt hatte. Es gab eine Grainne2, die tragische Geliebte Diarmaids3, mit dem sie heimlich durchbrennt, doch hier war sie für die Ausgabe von Büromaterial zuständig. Die noch viel tragischere Deirdre4, die sich in den Krieger Naoise5 verliebt, obwohl sie dem König versprochen ist, leitete hier das Call-Center. Emer6, die Ehefrau Cuchullains7, um die er mit so deutlichen Worten wirbt, kümmerte sich um den reibungslosen Ablauf der Zahlungsanweisungen. Brians gab es wie Sand am Meer, obwohl es nur einen Brian Ború gab, den heldenhaften Hochkönig, der gegen die Wikinger kämpfte.

Einmal rief mich ein Mr. Dagda Callaghan8 an. Dagda ist einer der wichtigsten keltischen Götter. Dagda besaß einen unerschöpflichen Kessel, von dem es heißt, dass niemals eine Gesellschaft hungrig von ihm weggegangen sei. Außerdem konnte Dagda Tote zum Leben erwecken, wenn er sie in seinen Kessel steckte. Begreiflicherweise war ich von den Socken, als der mich nun anrief. Allerdings redete er von einer Zahlung, von Konten, Japanischen Yen und Südafrikanischen Rand. Mich interessierte viel mehr, ob er wohl seinen Kessel noch hatte. Schließlich bat ich ihn, mir das ganze per Email zu schicken. So konnte ich mir in Ruhe ein Bild von dem Vorgang machen und ihn mit meinem Teamleader - einem der zahllosen Brians.

1 Siobhan: sprich Schiwohn mit offenem o.

2 Grainne: srich Grónnja

3 Diarmaid: sprich Dérmod

4 Deirdre: sprich Dierdra

5 Naoise: sprich Niescha

6 Emer: sprich Ímer

7 Cuchullain: sprich Kachallín

8 Dagda Callaghan: sprich Dógda (mit offenem o) Kallachan,

Mitbewohner

Die Wohnverhältnisse in Irland allgemein und in Dublin insbesonders unterscheiden sich grundlegend von kontinentalen Wohnvorstellungen. Die Mietpreise sind hoch und die Kaufpreise unerschwinglich. Das führt dazu, dass man entweder bei den Eltern wohnen bleibt bis man gut katholisch heiratet oder in eine WG zieht, niemals aber allein in eine Wohnung. Selbst für Berufstätige wäre es purer Luxus, eine 2-Zimmer Wohnung allein zu bewohnen. Dies hat Nachteile, wie mangelnde Privatsphäre, hat aber aus diesem Grund auch den Vorteil, dass man sich näher kennen lernt, sich arrangieren muss, mehr erfährt über Land und Leute und einfach irisches Familienleben hautnah miterlebt.

Ich hatte ein Zimmer in einem family home. Das heißt, ich hatte ein Zimmer für mich allein und teilte mir Bad, Küche und Wohnzimmer mit einer Familie, die aus Vater, Mutter, Großmutter, einem Sohn, Mike (25 Jahre alt), einer Tochter, Susan (21 Jahre alt) und einem Hund bestand. Der Sohn war Guard, also bei der irischen Polizei. Eigentlich wohnte er schon gar nicht mehr bei seinen Eltern, blieb aber von Zeit zu Zeit noch über Nacht, wenn es sich so ergab und in seinen Dienstplan passte.

Ich glaube, es war gegen drei Uhr morgens, als ich einmal lautes Gepolter und Gegröle hörte, dazwischen Susans Flüstern: „Go to bed! Go to bed!” Die Eltern waren gerade ziemlich weit weg, in Portugal, denn sonst hätte Mike sich diesen Auftritt nicht geleistet. (Ich habe keine Ahnung, warum sie ausgerechnet ihrem Sohn gesagt haben, er solle ab und zu nach dem rechten sehen. Die Granny, Susan und ich kamen prächtig zurecht.)

Ich hörte ihn laut und unwirsch, schließlich trampelnd auf der Treppe und dazwischen immer Susans Flüstern, das sich bald zu einem verärgerten Zischen steigerte. Seine Zimmertür knallte zu, dann war alles ruhig. Ich gab mich schon der Hoffnung hin, dass er jetzt vielleicht einschlafen könnte, aber ihm fiel ein, dass er Hunger hatte. Also trampelte er hinunter in die Küche. Mein Zimmer lag direkt über der Küche. Irische Häuser sind so gebaut, dass man sich niemals alleine fühlt. Immer hört man alles, was in den Räumen unter, über und neben einem passiert. In der Küche knallten die Schranktüren, der Toaster wurde mit Schwung auf dem Schrank platziert, der Kühlschrank wurde durchstöbert, dann das Eisfach, der Brotkasten, offensichtlich auch der gesamte Geschirrschrank und die Besteckschublade.

In diesem Moment gelang es mir leider noch nicht, dieser Sache eine heitere Seite abzugewinnen, denn der kleine rote Zeiger meiner Uhr, der die Weckzeit anzeigt, stand nur eine wenig weiter als sechs. Ich lag da und lauschte, bis der Toaster mehrfach getoastet und die Mikrowelle mehrfach geläutet hatte, der Kühlschrank wieder mit allen Gläsern, Bechern, Dosen, raschelnden Papieren und Verpackungen wieder gefüllt und der schmutzige Teller in der Spüle gelandet war.Trampeln auf der Treppe. Seine Zimmertür knallte, ich hörte zwei schwere Gegenstände auf den Boden fallen – sicher seine Schuhe - sein Bett quietschte für einen Augenblick, dann schien er still zu liegen und sich nicht mehr zu regen.

Als ich am nächsten Tag von der Arbeit kam, entschuldigte sich Susan für das schlechte Benehmen ihres Bruders. Er war sehr betrunken. An diesem Morgen hatte er sich mit den Worten von ihr verabschiedet: „Susan, wenn es hier irgendwelche Probleme gibt, kannst du mich gerne anrufen!“ (Was für Probleme?, denke ich.Vielleicht wenn wieder mal ein betrunkener Gorilla durch dieses friedliche Haus tobt?)

Die Tatsache, dass dieser Mensch Leute verhaften darf, wirft meiner Meinung nach einen düsteren Schatten auf die gesamte irische Polizei.

*

Dublin ist eine multikulturelle Stadt. Man trifft auf alle Nationalitäten, sieht alle Hautfarben und hört alle Sprachen. – Eine wundervolle Mischung.

Natürlich mischen sich die Nationalitäten auch innerhalb der vielen WGs. Manchmal können diese Mischungen sehr positiv sein, manchmal aber auch nervenaufreibend oder einfach nur lustig.

Die Iren sind ein Volk, das nichts so genau nimmt. Wenn man sich für acht Uhr verabredet, empfindet es kein Ire als unhöflich, erst um halb zehn zu erscheinen.Außerdem sind Regeln eher dazu da, umgangen zu werden. Gebrauchsanweisungen würden dem neu erstandenen Gerät die Faszination rauben und wo bliebe die Lust am Abenteuer, wenn man auf einer Reise die Straßenschilder beachtete – wenn überhaupt welche da sind?

Die Schweizer sind da etwas anders strukturiert. Den Eidgenossen sagt man allgemein Präzision, Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit nach. Es gibt sogar ein Wort in der Schweizer Sprache, das die Begriffe „schnell“ und „effizient“ miteinander vereint, nämlich das Wort „speditiv“. In WGs mit Schweizerisch-Irischer Besatzung kann es durchaus zu Verständigungsproblemen kommen, die nicht auf mangelnden Sprachkenntnissen beruhen.

Meine aus der Schweiz stammende Freundin Margarethe war mit einem Iren liiert und teilte sich eine Wohnung mit einem weiteren Iren. Margarethe lebte schon sehr lange in Irland, hatte sich vollkommen angepasst und fühlte sich wohl. Aber das hinderte sie nicht daran, doch ab und zu die Schweizer Präzision aus dem Koffer zu holen.