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Eine Liebe zwischen zwei Welten, zwischen Mensch und Automa – eine Liebe, die das Königreich in den Abgrund reißen oder zu neuer Freiheit führen kann. Nach dem verheerenden Krieg der Arten herrschen die Automae, einst als lebendige Spielzeuge der Menschen erschaffen, über das Königreich Rabu. Die Menschen dienen ihnen, geknechtet und unterdrückt. Ayla, eine junge menschliche Dienerin, schwört, den Tod ihrer Familie zu rächen – indem sie die scheinbar perfekte Tochter des Herrschers, Lady Crier, tötet. Doch auch Crier beginnt zu zweifeln: Mit einem undurchsichtigen Verlobten, einem Vater, der seine finsteren Geheimnisse vor ihr verbirgt, und einer Gesellschaft, die sich immer mehr gegen ihre Familie auflehnt, gerät ihre Loyalität ins Wanken. Dann begegnet sie Ayla. In ihrem atemberaubenden Debüt entführt Nina Varela in eine düstere, faszinierende Welt und stellt uns eine entscheidende Frage: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?
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Seitenzahl: 535
Veröffentlichungsjahr: 2025
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foliant Verlag1. Auflage: 2025
Deutsche Erstausgabe© 2025 by foliant Verlag, Hegelstr.12, 74199 UntergruppenbachDeutschland
Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel:CRIER‘S WAR by Nina Varela© 2019 by Glasstown Entertainment, LLC
Deutsche Übersetzung: Regina JooßLektorat: Dr. Clarissa CzöppanSatz: Kreativstudio foliantRechte der deutschsprachigen Ausgabe: foliant Verlag, Deutschland
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder einem anderen Verfahren) reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, gespeichert, vervielfältigt oder verbreitet werden. Dies gilt insbesondere für eine Nutzung durch automatisierte Systeme wie Künstliche Intelligenz (KI) oder maschinelles Lernen.
Dieses Werk ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie mit realen Ereignissen oder Orten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Covergestaltung:Stefan Hilden, hildendesign.deCovermotiv:© HildenDesign unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com und Midjourney
© Karte: Maxime Plasse
ISBN 978-3-910522-63-3
www.foliantverlag.de
Für die queeren Leser*innen: Ihr verdient jedes Abenteuer.
Zeittafel
Herbst, Jahr 47 AÄ
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Spätherbst, Jahr 47 AÄ
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Winter, Jahr 47 AÄ
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Danksagung
Nina Varela
Ära 900, Jahr 7 – Beginn der Regentschaft von Thea
Königin Thea, die Unfruchtbare Königin, Herrscherin über ganz Zulla, wünscht sich ein Kind
Gründet die Königliche Akademie der Erschaffer im Palast
Jahr 911
Der Erschaffer Thomas Wren kreiert Kiera, die erste Automa
Jahr 915
Eine oder einen Automa als Schoßhündchen zu haben, ist der letzte Schrei geworden bei der menschlichen Elite Kiera wird instabil, gewalttätig
Jahr 917
Thomas Wren wird verhaftet, weil er versucht hat, Kiera zu töten
Jahr 920
Im Gefängnis perfektioniert Wren Herzstein, den alchemistischen Edelstein, der den Automae Energie verschafft, und produziert große Mengen davon
Wren wird von der Königin begnadigt
Wren führt das Eiserne Herz ein, eine Herzsteinmine
Jahr 921
Automae beginnen, gegen ihre menschlichen Auftraggeber zu rebellieren
Jahr 924
Eine Automa namens Neo tötet ihren menschlichen Auftraggeber und flieht, danach ruft sie alle Automae zu den Waffen
Erste organisierte Automa-Revolte
Der Krieg zwischen Menschen und Automae wird erklärt
Jahr 924 bis 929 – Der Krieg der Arten
Neo und eine Gruppe Automa-Rebellen töten Thomas Wren und übernehmen die Kontrolle über das Eiserne Herz
Kiera greift Königin Thea an; diese tötet Kiera
Ein Automa namens Tayol ermordet Königin Thea
Der Wind hat sich gedreht: Die Automae sind siegreich
Jahr 1 bis 2
Tayol versucht, Land und Ressourcen an die herrschende Automa-Klasse zu verteilen
Zulla versinkt im Chaos; es kommt zu vielen Automa-Angriffen auf Dörfer der Menschen
Jahr 3
Tayol wird Herrscher von Zulla
Neo führt die Wächter des Herzens ein: Automae, die ihr Leben dem Schutz des Eisernen Herzens widmen
Jahr 5
Eine Menschenfrau namens Siena erschafft ein Automa-Mädchen, das weder Blut noch Herzstein benötigt
Siena nennt das Mädchen »Yora« … und hält es geheim
Jahr 6
Die Automae der Bergwerksnation Varn erklären ihre Unabhängigkeit vom restlichen Zulla
Jahr 7
Herrscher Tayol führt den Traditionalismus ein
Tayol gibt einen Erben in Auftrag: Hesod
Jahr 10
Der Automa-König Fierven schwingt sich in Varn zur Macht auf
Jahr 31
Sienas Tochter Clara bekommt eigene Kinder: die Zwillinge Ayla und Storme
Hesod wird Herrscher von Zulla und bildet den Roten Rat
Hesod gibt eine Erbin in Auftrag: Crier
Jahr 40
Der Herrscher befiehlt einen Angriff auf das Dorf Delan
Jahr 43
Scyre Kinok veröffentlicht die erste Streitschrift über eine neue Bewegung, die er »Bewegung gegen das Vertrauen« nennt, als Gegenpol zum Traditionalismus
Jahr 44
Erste Automae in Rabu schließen sich Scyre Kinok an
Der Automa-König Fierven von Varn fällt einem Attentat zum Opfer; seine Tochter Junn besteigt den Thron
Jahr 46
Die Bewegung gegen das Vertrauen wächst weiter
Scyre Kinok sucht ein Bündnis mit Herrscher Hesod
Scyre Kinok und Lady Crier werden verlobt
Einst lebte eine Königin namens Thea. Als sie das zwanzigste Lebensjahr vollendet hatte, wurde beschlossen, dass sie ein Kind haben sollte. Wie es in Alt-Zulla Brauch war, wurde die Königin in Vorbereitung darauf isoliert. Ihr Körper wurde durch das tägliche Baden in Milch und Lavendelsalzen sowie durch die regelmäßige Gabe von blauer Dara-Wurzel gereinigt. Ihre Dienerinnen flochten ihr symbolische Bänder und weiße Blüten ins Haar. Die Menschen glaubten damals, um ein Kind zu empfangen, wäre fast vollständige Ruhe, vor allem von den königlichen Pflichten, erforderlich. Diese Überzeugung resultierte nicht aus der Erforschung biologischer Zusammenhänge, schließlich ist inzwischen bekannt, dass Menschen weitere Geschöpfe ihrer Art in beinahe jedem Umfeld erschaffen können, bei ihnen sprießt neues Leben, gleich, ob es willkommen ist oder nicht, ganz ähnlich wie bei den Kräutern.
Allerdings war Königin Thea eine Ausnahme. Nach allen Berichten – darunter auch den Aufzeichnungen der persönlichen Geburtshexe der Königin, Bryn – galt Thea nach einer gewissen Zeit als unfruchtbar. Trotz dieser Einschätzung sperrte sich die Königin, begleitet nur von Bryn und einer einzigen Dienerin, in ihre Gemächer und bestand auf weiteren sieben Wochen zeremonieller Vorbereitungszeit, auf die noch einmal drei Monate für Paarungsversuche mit König Aedel folgen sollten. Diesen Zyklus wiederholte sie danach noch zweimal, ehe sie offiziell anerkannte, dass sie kein Kind empfangen konnte.
Im Jahr 7 der Ära 900, nach dem verdächtigen Tod von König Aedel, verkündete Königin Thea: Der Erschaffer, dem es gelinge, ihr ein Kind zu machen – eines, das alle menschlichen Funktionen perfekt nachahmen konnte –, solle bis an sein Lebensende mit Gold und der Stellung des wichtigsten Beraters des Throns belohnt werden.
Als Menschen, die von den mangelhaften Säulen der Intuition und der Leidenschaft geleitet wurden, glaubten die Erschaffer, diese Forderung sei unmöglich zu erfüllen. Sie irrten sich.
Aus: Die Anfänge der Automa-Ära, von Eok aus der Familie Meador, 2234610907, Jahr 4 AÄ
Als sie neu gemacht und noch schwach war, ihre gerade erst gewebte Haut weich und schimmernd von der Erschaffung, sagte Criers Vater zu ihr: »Überprüfe immer ihre Augen. So kannst du erkennen, ob eine Kreatur menschlich ist. Es ist in den Augen.«
Crier hatte gedacht, ihr Vater, der Herrscher Hesod, würde in Bildern sprechen, dass er meinte, Menschen besäßen eine besondere Kraft. Die Liebe, eine entzündete Laterne in ihren Herzen; der Hunger, eine flüssige Hitze in ihren Bäuchen; die Seele, eine dunkle Quelle in ihren Augen.
Natürlich hatte sie später herausgefunden, dass es keine Metapher gewesen war.
Wenn das Licht direkt auf die Augen der Automae traf, so blitzten ihre Iriden golden. Eine Spiegelung, eine Zersplitterung des Lichts für den Bruchteil einer Sekunde, wie bei den Augen einer Katze in der Nacht. Ein goldenes Flackern, und du wusstest, dass das nicht die Augen eines Menschen waren.
Menschliche Augen schluckten das ganze Licht.
***
Crier zählte vier Herzschläge: eine Kaninchenmutter und drei Junge.
Der Wald schien sich um sie herum zu krümmen, die Baumspitzen schlossen sich über ihr zu einem Dach. Neben ihren Füßen befand sich ein Kaninchenbau, eine warme, kleine Höhle, sicher unter der Erde versteckt vor Wölfen und Füchsen … allerdings nicht vor ihr.
Sie verharrte unmöglich ruhig und lauschte den vier winzigen, pochenden Rhythmen, die durch die Erde aufstiegen. Sie waren so schnell wie das Surren eines Bienenschwarms. Fasziniert von dem gedämpften Geräusch lebendiger Organe, legte Crier den Kopf schief. Wenn sie sich konzentrierte, konnte sie hören, wie sich die Luft durch vier Paare daumengroßer Lungenflügel bewegte. Wie alle Automae war sie so geschaffen, dass sie auch noch das leiseste Geräusch aus weiter Entfernung wahrnahm.
So tief im Wald hatte das Licht der Morgendämmerung den Waldboden noch kaum erreicht – die perfekte Zeit zum Jagen. Auch wenn Crier die Jagd nicht mochte.
Die Jagd war eine alte, menschliche Tradition, so alt, dass die meisten Menschen sie nicht mehr ausübten. Doch Hesod war ein Traditionalist und im Grunde genommen ein Historiker, also hegte er eine einzigartige Vorliebe für menschliche Traditionen und Mythen. Als Crier geschaffen worden war, hatte er ihre Stirn mit Wein und Honig gesalbt, das sollte ihr Glück bringen. Als sie mit dreizehn mündig wurde, schenkte er ihr ein silbernes, mit den Mondphasen besticktes Kleid. Und als er beschlossen hatte, dass sie Kinok, einen Scyre aus den Westlichen Bergen, heiraten würde, da hatte er keine Vorkehrungen für Crier getroffen, damit sie den Traditionen der Automae entsprechend zur Werkstatt eines Erschaffers fahren konnte, um dort ein symbolisches Geschenk für ihren künftigen Ehemann zu entwerfen und herzustellen. Er hatte eine Jagd organisiert.
Crier war also nicht wirklich allein in diesem Wald. Irgendwo dort draußen, verborgen im Schatten der Bäume, jagte auch ihr Verlobter Kinok.
Kinok galt als eine Art Kriegsheld. Zwar war er lange nach dem Krieg der Arten geschaffen worden, aber es hatte zahlreiche größere und kleinere Aufstände in den fünf Jahrzehnten nach dem eigentlichen Krieg gegeben. Einen der größten, eine Serie von Anschlägen, die als Erhebungen des Südens bezeichnet wurden, hatte Kinok mit seiner Genialität beinahe im Alleingang niedergeschlagen.
Außerdem war er der Gründer und Anführer der Bewegung gegen das Vertrauen – einer neuen politischen Gruppierung, die die Absicht hatte, die Gattungen der Automae und der Menschen noch weiter voneinander zu entfernen. Buchstäblich. Ihre Agenda zielte vor allem darauf ab, eine neue Automae-Hauptstadt im Hohen Norden zu errichten, auf einem Gebiet, das für Menschen unbewohnbar war. Sie sollte die derzeitige Hauptstadt Yanna ersetzen, die einst eine Menschenstadt gewesen war. Das war, ehrlich gesagt, lächerlich. Man musste nicht die Tochter des Herrschers sein, um zu wissen, dass für den kompletten Neubau einer Großstadt zehntausend, hunderttausend, nein, eine Million königliche Goldkoffer benötigt würden. Warum aber könnte so eine nutzlose Mühe all die Zeit und die Kosten je wert sein? Das war Wunschdenken.
Bevor Kinok die Bewegung gegen das Vertrauen ins Leben gerufen hatte, ungefähr vor drei Jahren, war er einer der Hüter des Eisernen Herzens gewesen. Es war eine würdevolle Aufgabe, die Mine zu schützen, in der Herzstein gewonnen wurde, und er war der erste Hüter gewesen, der je seinen Posten verlassen hatte. Natürlich hatte das zu vielen Spekulationen unter den Automae geführt: Er sei abgesetzt worden, aus irgendeinem ernsten Grund verbannt. Doch Kinok behauptete, es sei einfach um eine unterschiedliche philosophische Anschauung gegangen in Bezug auf das Schicksal ihrer Art, und niemand hatte einen gewichtigeren Grund für Kinoks Verlassen der Mine gefunden als das.
Bei der einzigen Gelegenheit, bei der Crier ihn nach seiner Vergangenheit gefragt hatte, war er ihr ausgewichen. »Das waren finstere Zeiten«, hatte er gesagt. »Nur wenige von uns hatten je das Licht gesehen.« Sie hatte keine Ahnung, was das bedeutete. Vielleicht dachte sie aber auch zu kompliziert, schließlich hatte er in einer Mine gelebt.
Dennoch verlieh ihm dieses geheime Wissen – über das Eiserne Herz und seine Funktionsweise, über seine genauen Koordinaten im Gebirge des Westens – eine gewisse Macht und zeichnete ihn als etwas Besonderes aus. Viele Mitglieder des Rats ihres Vaters, die »Roten Hände« des Herrschers, schienen von Kinok fasziniert zu sein. Wie Hesod verfügte auch Kinok über eine gewisse Anziehungskraft, eine Art Sogwirkung. Doch während Kinok ernst war, war Hesod heiter. Während Kinok kontrolliert und ruhig war, war Hesod laut, leicht reizbar, häufig ungestüm. Und er war entschlossen, seine Tochter mit Kinok zu verheiraten, trotz all der Gerüchte und Spekulationen. Oder vielleicht gerade deswegen.
Mehrere Monate vor Kinoks Ankunft hatten Crier und ihr Vater einen langen Spaziergang an den Meeresklippen gemacht. »Die Anhänger von Kinok sind nicht zahlreich und sie sind verstreut, aber sein Einfluss wächst so schnell, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte«, hatte er ihr erklärt.
Sie hatte aufmerksam zugehört und zu verstehen versucht, worauf er hinauswollte. Sie hatte von Kinoks Kundgebungen gehört, falls »Kundgebungen« überhaupt das richtige Wort dafür war – eigentlich waren es nur Versammlungen von Intellektuellen, bei denen sich kleine Gruppen von Automae über ihre Ideale, über Politik und Fortschritt austauschen konnten. »Scyre Kinok ist ein Philosoph, Vater, kein Politiker«, hatte Crier gesagt. »Er stellt keine Bedrohung deiner Herrschaft dar.«
Es war Spätsommer gewesen und der Himmel hatte klar und meeresblau geleuchtet. Crier hatte diese langen, gemächlichen Spaziergänge mit ihrem Vater immer geschätzt, hatte diese Momente wie Schmuckstücke gesammelt, kleine Dinge, die sie ins Licht halten und bewundern konnte. Jeden Tag freute sie sich darauf. Das war ihre Zeit – fernab vom Roten Rat, fernab von ihren Studien –, in der sie von ihm lernen konnte und nur von ihm.
»Ja, aber seine Philosophie gewinnt an Boden bei den Geschaffenen, deren Schutz und Führung in meiner – und deiner – Verantwortung liegt. Wir müssen ihn überzeugen, sich einer Familienstruktur anzuschließen, um die Kluft zu überbrücken.«
Crier blieb abrupt vor den Meeresblüten stehen, die gerade erst am Rand der Klippe zu blühen begonnen hatten. »Wenn er den Grundsätzen des Traditionalismus aber nicht zustimmt, so wird er doch sicher auch nicht mit der Art der Verbindung einverstanden sein, die du vorschlägst.« Sie konnte sich selbst noch nicht dazu überwinden, Ehe zu sagen.
»Das könnte man denken, aber ich habe Grund zu der Annahme, dass er die Gelegenheit ergreifen wird. Ihm wird das Macht und Status verschaffen. Uns wird es Stabilität garantieren und den Zugang ermöglichen. Wir werden in der Lage sein, herauszufinden, was die Bewegung gegen das Vertrauen erreichen will, und wir werden sie besser eindämmen können.«
»Du bist also anderer Meinung als die BGV«, stellte Crier fest.
Hesod wand sich. »Ihre Sicht auf die Menschheit ist mir zu extrem. Es ist eine Sache, diejenigen zu unterwerfen, die uns unterlegen sind, und eine ganz andere, sich so zu verhalten, als würden sie gar nicht existieren. Wir müssen unsere Strategien danach ausrichten, woher wir kommen. Wir wurden nicht in einer geschichtslosen Leere erschaffen. Zu denken, wir könnten nicht von den existierenden Strukturen der Menschheit lernen, ist ignorant.«
»Du findest die BGV zu extrem … Hältst du ihren Anführer dann für gefährlich?«, fragte Crier.
»Nein«, entgegnete Hesod kühl. Dann fügte er hinzu: »Noch nicht.«
Damit hatte sie es verstanden. Crier war der Verband für eine Verletzung, die derzeit noch geringfügig war, die mit der Zeit aber schwären konnte. Ein winziger Riss in Hesods ansonsten eisernem Herrschaftssystem, in seiner Kontrolle über ganz Zulla, über alles vom Meer des Ostens bis zum Gebirge des Westens – außer dem abgeschotteten Gebiet Varn. Obwohl Varn ein Teil von Zulla war, wurde es von einer eigenen Automa-Monarchie regiert. Königin Junn, die Kindliche Königin. Die Wahnsinnige Königin. Die Knochenfresserin.
Hesod konnte nicht noch mehr Abspaltung brauchen. Er wollte Einheit.
Crier wusste, dass er genau das behalten wollte, nach dem Kinok strebte: Macht.
Jetzt waren die Äste über Criers Kopf wegen des nahenden Winters schon halb kahl, doch die Bäume standen so dicht, dass sie fast nichts von dem schwachen, grauen Sonnenlicht durchließen und den Waldboden in Schatten tauchten. Über ihr wirkten die Blätter wie Kupferradierungen, tausend winkende Hände schimmerten rot, orange und wie poliertes Gold; unter ihren Füßen hatten sie den blassen Braunton toter Dinge. Crier roch nasse Erde und Holzrauch, die strengen Ausdünstungen von Tieren, das scharfe Aroma von Kiefern und Harz. Es war so anders als das, was sie in ihrem Leben an der eisigen Küste des Steorra-Meeres sonst kannte: die Meeresluft. Den Geschmack von Salz auf der Zunge. Die schweren Gerüche nach Fisch und verrottenden Algen.
Um diese Wälder zu erreichen, musste man einen halben Tag lang reiten, also war Crier bisher erst einmal hier gewesen, vor fast fünf Jahren. Genau wie die Menschen liebte ihr Vater das Jagen von Wild. Sie konnte sich daran erinnern, dass sie an dem Abend ein paar Bissen heißes, würziges Rehfleisch gegessen und ihren Bauch mit Essen gefüllt hatte, das sie nicht benötigte. Eher ein Ritual als eine Mahlzeit. Das stand im Mittelpunkt des Traditionalismus ihres Vaters: menschliche Angewohnheiten und Bräuche sollten in das tägliche Leben aufgenommen werden. Er hatte gesagt, das schaffe Bedeutung, Struktur. In den meisten Fällen verstand Crier die Vorzüge von Hesods Glaubenssätzen. Das war auch der Grund, warum sie ihn »Vater« nannte, auch wenn sie nie eine Mutter gehabt hatte und niemals geboren worden war. Sie war bestellt worden, Gefertigt.
Im Gegensatz zu den Menschen brauchten Automae nur Herzstein. Während menschliche Körper abhängig waren von Fleisch und Getreide, waren die Körper der Automae nur angewiesen auf Herzstein: ein spezielles rotes Mineral, das erfüllt war mit alchemistischer Energie. Das Erz wurde tief im Gebirge des Westens abgebaut und dann von Alchemisten in eine mächtige, magische Substanz verwandelt. So hatte Thomas Wren, der bedeutendste menschliche Alchemist, sie vor fast einhundert Jahren kreiert, als er Kiera – die Erste – Gefertigt hatte. Noch immer wurden Automae auf diese Art geformt.
Crier kroch durchs Unterholz, dabei hielt sie sich immer im dunkelsten Schatten. Obwohl sie über einen roten Teppich aus Kiefernnadeln, über Zweige und trockenes Laub ging, waren ihre Schritte leise. Nichts konnte ihr Kommen hören. Kein Reh, kein Hirsch und kein Elch. Nicht einmal andere Automae. Alle paar Sekunden hielt sie inne und lauschte auf ihre Umgebung: auf die Geräusche kleiner Tiere im Gebüsch, das Geflüster des Windes, die Mittagsvögel und die alten Krähen. Sie achtete darauf, dass sich ihr Herzschlag nicht beschleunigte. Wenn er zu plötzlich schneller wurde, würde der Notfallalarm in ihrem Nacken ausgelöst werden und einen Ton von sich geben, den nur Automae hören konnten. Dann kämen alle Wachen angerannt.
Der zeremonielle Bogen wog schwer in ihrer Hand. Er war aus einem einzigen Stück dunklem Mahagoniholz geschnitzt, perfekt glänzend poliert und wies Intarsien aus Goldfäden, Edelsteinen und Tierknochen auf. Die drei Pfeile in dem Köcher auf ihrem Rücken waren genauso schön. Einer hatte eine eiserne Spitze, ein anderer eine silberne und der dritte eine aus Knochen. Eisen für Kraft und Stärke. Silber für Wohlstand. Knochen für zwei Körper, die zu einem verbunden waren.
Knack. Crier wirbelte herum, sie legte bereits einen Pfeil auf und machte sich zum Schießen bereit – fand sich stattdessen aber Kinok gegenüber. Er war im Gehen erstarrt, halb verborgen von einer großen Eiche, sodass sein Gesicht zum Teil verdeckt und zum Teil vom blassen Sonnenlicht beschienen wurde. Immer wenn sie ihn sah, also derzeit zehnmal am Tag, da er sich in den Gästezimmern ihres Vaters einquartiert hatte, stellte Crier fest, wie gut er aussah. Wie alle Automae war er groß, stark und breitschultrig, so Gefertigt, dass er schöner war als der schönste menschliche Mann. Auf seinem Gesicht wechselten sich Licht und Schatten ab: hohe Wangenknochen, ein messerscharfes Kinn, eine dünne, scharfe Nase. Seine Haut war dunkel, aber einen Hauch heller als ihre eigene, das ebenfalls dunkle Haar trug er kurz geschnitten. Seine braunen Augen leuchteten scharf und prüfend. Die Augen eines Forschers, eines politischen Anführers. Die Augen ihres Verlobten.
Ihres Verlobten, der mit der eisernen Spitze seines Pfeils direkt auf Criers Stirn zielte.
Für einen kurzen Moment – so kurz, dass sich Crier später nicht mehr sicher war, ob es ihn tatsächlich gegeben hatte – senkte Crier ihren Bogen, während Kinok seinen nicht senkte. In diesem einen Moment starrten sie einander an und Crier verspürte einen Hauch von Nervosität.
Dann senkte Kinok lächelnd den Bogen und sie schalt sich, dass sie so dumm gewesen war.
»Lady Crier«, sagte er, immer noch lächelnd. »Ich glaube nicht, dass wir uns unterhalten sollten, bevor die Jagd vorbei ist … aber Ihr seid eine bessere Gesprächspartnerin als die Vögel. Habt Ihr schon etwas erwischt?«
»Nein, noch nicht«, entgegnete sie. »Ich hoffe auf ein Reh.«
Seine Zähne blitzten. »Ich hoffe auf einen Fuchs.«
»Wieso das?«
»Sie sind schneller als Rehe, kleiner als Wölfe und schlauer als Krähen. Ich mag Herausforderungen.«
»Verstehe.« Sie verlagerte ihr Gewicht auf das andere Bein. Aus der Ferne nahm sie das Rascheln eines Kaninchens im Unterholz wahr. Schatten lagen wie die Flecken im Fell eines Pferdes auf Kinoks Gesicht und Schultern. Er sah sie immer noch an, dabei umspielte der Nachhall seines Lächelns die Winkel seines makellosen Mundes. »Viel Glück mit Eurem Fuchs, Scyre«, sagte sie und machte sich bereit, das Kaninchen zu verfolgen. »Zielt genau.«
»Eigentlich wollte ich Euch noch gratulieren, Lady«, erwiderte er plötzlich. »Jetzt, da wir hier draußen sind, weg von – weg vom Palast. Ich habe gehört, Ihr hättet den Herrscher Hesod überzeugt, Euch nächste Woche an einer Sitzung des Roten Rates teilnehmen zu lassen.«
Crier biss sich auf die Zunge, um ihre Begeisterung zu verbergen. Nach Jahren, in denen sie ihn beinahe angebettelt hatte, hatte sich ihr Vater bereit erklärt, sie an einer Ratssitzung teilnehmen zu lassen. Nachdem sie jahrelang Geschichte, Philosophie und politische Theorie studiert und so viele Bücher immer wieder gelesen hatte, dass sie ein Dutzend Bibliotheken füllen könnten, nachdem sie Essays, Briefe und manchmal auch kleine, hitzige Manifeste verfasst hatte, würde es ihr endlich, endlich erlaubt sein, einen Platz unter den Roten Händen einzunehmen. Als Tochter des Herrschers hatte sie von Geburt an ein Recht auf einen Sitz im Roten Rat. Er war genauso ein Teil von ihr wie ihre Säulen. Dafür war sie Geschaffen worden.
»Weißt du, ich glaube, du hast recht«, fuhr Kinok fort. »Ich habe den offenen Brief gelesen, den du an Ratsmitglied Reyka geschrieben hast. Mit deinem Vorschlag einer Neuverteilung der Repräsentanzen im Roten Rat. Du hast recht, dass es zwar für jeden Bezirk in Zulla mit Ausnahme von Varn eine Stimme gibt, dass aber nicht jedes Wertesystem eine Stimme hat.«
»Das hast du gelesen?«, sagte Crier, während ihr Blick zu seinem Gesicht hochschoss. »Niemand hat das gelesen. Ich bezweifle sogar, dass Rätin Reyka es gelesen hat.«
Sie konnte den verbitterten Unterton in ihrer Stimme nicht ganz verhindern. Es war dumm gewesen, aber sie hatte gedacht, zumindest Rätin Reyka würde ihr zuhören. Sie hatte argumentiert, dass an Orten mit einer größeren Dichte an menschlicher Bevölkerung die Interessen dieser Menschen auch von den Händen im Rat ihres Vaters irgendwie berücksichtigt werden sollten. Allerdings musste sie sich fragen, ob Kinok, wenn er ihre Formulierung mit den »Wertesystemen« aufgriff, eher an seinen eigenen Werten interessiert war – jenen, die er mit der BGV im ganzen Land verbreiten wollte – als an denen der menschlichen Einwohner.
Dennoch schmeichelte es ihr, dass er den Text gelesen hatte. Das bedeutete, dass ihre Worte mehr Kraft und eine größere Reichweite hatten, als ihr bewusst gewesen war.
Hoffentlich hatte Reyka den Brief auch gelesen. Da Crier aber keine Antwort bekommen hatte, musste sie vom Schlimmsten ausgehen. Davon, dass Reyka sie für naiv und dumm hielt. Manchmal fragte sich Crier, ob das vielleicht auch ihr Vater dachte. Er hatte sich so lange geweigert.
Doch Reyka hatte immer eine Art Schwäche für Crier gehabt. Als dienstältestes Mitglied des Roten Rates war Reyka immer eine feste Größe in Criers Leben gewesen. Sie hatte den Palast ziemlich regelmäßig aufgesucht. Als Crier noch jünger gewesen war, hatte Reyka ihr kleine Geschenke von ihren Reisen mitgebracht: Fläschchen mit süß riechendem Haaröl, eine Musikbox in der Größe eines Daumennagels, diese merkwürdige dunkle Köstlichkeit, bei der es sich um kandierten Herzstein handelte.
Für Crier war sie irgendwann so etwas Ähnliches gewesen, wie es Patentanten für menschliche Kinder in den Geschichtenbüchern waren. Das konnte sie allerdings weder Reyka noch irgendjemand anderem sagen. Es war so eine verweichlichte, schwache Vorstellung. Also dachte sie das nur für sich und hatte dabei ein warmes Gefühl.
»Nun …« Kinok schritt ein bisschen vor, sodass das Licht über sein Gesicht glitt. Seine Schritte auf der Decke aus trockenem Laub waren leise. »Ich habe den Text zweimal gelesen. Und ich stimme dem zu. Bei den Roten Händen sollte es nicht nur nach den Bezirken gehen; das führt zu einem Ungleichgewicht und zu Voreingenommenheit. Hast du diesen Punkt deinem Vater gegenüber erwähnt?«
»Ja«, erwiderte Crier leise. »Er war nicht sehr empfänglich dafür.«
»Daran können wir arbeiten.« Als sie ihn überrascht ansah, zuckte Kinok mit der Schulter. »Wir sind dazu bestimmt zu heiraten, oder? Ich stehe auf Eurer Seite, Lady Crier, genauso wie Ihr auf meiner steht. Richtig?«
»Richtig«, hörte sie sich selbst sagen, während sie ihn verwundert ansah. Welche neuen Möglichkeiten konnten sich ihr durch diese Ehe vielleicht eröffnen? Monatelang hatte sie nur gedacht, es handele sich um nichts weiter als ein erweitertes politisches Manöver, eine Unannehmlichkeit, die letztlich aber auszuhalten wäre wie der Gestank verrottender Fische in der Meeresluft.
Es war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass sie vielleicht nicht nur einen Ehemann, sondern auch einen Unterstützer bekommen würde.
»Und wenn wir auf derselben Seite stehen, solltet Ihr etwas wissen«, sagte Kinok und senkte dabei die Stimme, obwohl sie – bis auf die Kaninchen und Vögel – im ganzen Umkreis vollkommen allein waren. »Es gab vor Kurzem einen Skandal in der Hauptstadt. Ich weiß nur davon, weil ich gerade bei Ratsmitglied Reyka war, als sie davon erfahren hat.«
Crier hätte das beinahe hinterfragt … Es war schließlich bekannt, dass Rätin Reyka alles an der Bewegung gegen das Vertrauen verabscheute und somit auch Kinok selbst. Doch ein anderes Wort weckte ihre Aufmerksamkeit. »Ein Skandal?«, fragte sie. »Was für eine Art von Skandal?«
»Hebammen-Sabotage.«
Crier riss die Augen auf. »Was meint Ihr mit Sabotage?«, wollte sie wissen. Die Hebammen waren ein wesentlicher Bestandteil des Schöpfungsprozesses. Sie waren dafür eingeführt worden, den Schöpfern zu assistieren, eine Verbindung zwischen Schöpfer und Gestalter. Sie halfen neu geschaffenen Automae, sich an die Welt zu gewöhnen. »Was hat die Hebamme getan?«
»Eine Reihe von Schöpfungsentwürfen für das Kind eines Adeligen gefälscht. Es war ein Desaster. Das Kind wurde falsch Geschaffen. Eher ein Tier als Automa oder sogar Mensch. Sein Geist war wild, gewalttätig. Es musste zum Wohl der Familie des Adeligen beseitigt werden.«
»Das ist ja entsetzlich«, hauchte Crier. »Warum sollte die Hebamme so etwas tun? War es der Wahnsinn?« Ihr war bekannt, dass manche Menschen darunter litten.
»Das weiß niemand«, sagte Kinok. »Doch, Lady, es gibt da etwas, das Ihr wissen solltet.«
In seiner Stimme schwang irgendetwas Merkwürdiges mit. Ein warnender Ton? Angst?
»Es war nicht ihre erste Schöpfung«, fuhr Kinok fort und sah Crier dabei in die Augen. »Sie arbeitete schon seit Jahrzehnten mit den Adeligen von Rabu zusammen.«
In Criers Bauch schien sich ein Loch aufzutun, aber sie war sich nicht sicher, warum.
»Wer war es, Scyre?«, fragte sie langsam. »Die Hebamme. Wie hat sie geheißen?«
»Torras. Sie hieß Torras.«
Crier hielt ihren Bogen so fest, dass das Holz aus Protest knackte. Denn sie kannte die Hebamme Torras.
Sie kannte sie, denn das war die Hebamme, die geholfen hatte, sie selbst zu Erschaffen.
Sobald die Jagd – nach zwei gefangenen Kaninchen und einer Wachtel – vorbei und ihre Jagdgesellschaft in den Palast zurückgekehrt war, zog sich Crier in ihre Räumlichkeiten zurück. Dort brütete sie wieder einmal über dem Hebammenhandbuch: einem schmalen, in Leder gebundenen Büchlein, das sie im letzten Jahr an einem Bücherstand auf dem Markt gefunden und mit so viel Begeisterung gekauft hatte, dass der Standbesitzer ein bisschen alarmiert gewirkt hatte. Sie vergewisserte sich, dass ein Vergehen von der Art, die Kinok erwähnt hatte, beinahe unmöglich war.
Es gab natürlich keine Möglichkeit, dass an ihrem eigenen Entwurf herumgebastelt worden war. Sie war viel zu wichtig.
Und außerdem: Wenn bei ihr irgendetwas seltsam, fehlerhaft oder anders wäre, so wüsste sie es inzwischen … oder nicht?
Es ist die Pflicht der menschlichen Hebamme, sich um die neugeschaffene Bestellung so zu kümmern, wie sie sich auch um ihren eigenen menschlichen Nachwuchs kümmern würde.
Es ist die Pflicht der Hebamme, die neugeschaffene Bestellung genauso mit Herzstein zu versorgen, wie menschliche Austrägerinnen von Kindern ihren Nachwuchs mit Milch versorgen.
Es ist die Pflicht der Hebamme, sicherzustellen, dass die inneren Abläufe der neugeschaffenen Bestellung korrekt und ohne Fehler Gefertigt wurden. Die neugeschaffene Bestellung muss in ihrer Brust über die vier Säulen verfügen: Vernunft, Berechnung, Körperlichkeit und Intellekt. Ähnlich wie die menschlichen Temperamente sind diese vier Säulen das Fundament des oder der individuellen Automa und der Gesellschaft insgesamt.
Es ist die Pflicht der Hebamme, sicherzustellen, dass die neugeschaffene Bestellung gemäß dem Entwurf des Bestellers Gefertigt wurde. Sollten Abweichungen festgestellt werden, so muss die Hebamme einen detaillierten Bericht über diese Abweichungen beim obersten Beauftragten und bei der leitenden Hebamme ablegen und sich weiter um die neugeschaffene Bestellung kümmern, bis eine Entscheidung getroffen ist.
Es ist die Pflicht der Hebamme, das Fortbestehen der neugeschaffenen Bestellung über ihren eigenen Fortbestand zu stellen.
Es ist die Pflicht der Hebamme, das Fortbestehen der neugeschaffenen Bestellung über alles andere zu stellen.
In dem seltenen Fall, dass von dem oder der Herrschenden mit der ausdrücklichen Unterstützung des Roten Rates ein Terminierungsbefehl erlassen wird – nur in diesem Fall – soll sich die Hebamme dem Gesetz beugen und zulassen, dass die fehlerhafte Bestellung beendet wird.
Aus: Hebammenhandbuch, von Hebamme Halla aus dem Hebammenhaus RH437 des unabhängigen Staates Rabu
Luna wurde in einem weißen Kleid umgebracht.
Eine Woche war vergangen seit ihrem Tod, und das Kleid, das ihr vom Körper gerissen und an den höchsten Pfahl gebunden worden war, flatterte immer noch in der schwachen Brise. Es war eine Art Symbol, eine Warnung. Inzwischen hatte sich das Kleid mit Regenwasser vollgesogen und schimmelte, doch einige Stellen waren immer noch so weiß, dass sie im Sonnenlicht leuchteten. Dass sie den Blick einfingen.
Ayla konnte nicht aufhören, hinüberzuschauen, und immer, wenn sie es tat, fühlte sie von Neuem den Schlag von dem in die Magengrube, was Luna zugestoßen war. Auch jetzt, Tage später, durchfuhr die Mahnung die anderen Menschen, genauso wie der Wind durch das Kleid fuhr. Niemand von ihnen wusste, was Luna getan hatte. Warum die Wachen des Herrschers sie getötet hatten.
Ayla setzte ihren Weg über den Marktplatz fort. Normalerweise arbeitete sie in der Obstplantage beim Palast des Herrschers Hesod, säte Samen und sammelte scheffelweise reife Äpfel auf, aber einer der anderen Dienstboten hatte so hohes Fieber, dass er praktisch im Delirium lag, also war Ayla angewiesen worden, einzuspringen. In der letzten Woche hatte sie sich der Gruppe erschöpfter Dienstboten angeschlossen, die ihre Betten mitten in der Nacht verließen, nur um – nach guten vier Meilen entlang der tückischen Felsküste – ins nächstgelegene Dorf, Kalla-den, zu gelangen und dort bis zum Morgengrauen ihre Waren auszulegen. Das allein wäre schon fürchterlich gewesen, doch von Lunas leerem Kleid auf dem Marktplatz begrüßt zu werden, machte es umso schlimmer. Es war wie ein Geist. Wie ein blasser Fisch in dunklem Wasser, der am Rand von Aylas Sichtfeld flimmerte.
Ayla arbeitete in unterschiedlichem Umfang schon seit vier Jahren für den Palast des Herrschers. Und es waren jetzt schon einige Monate, seit sie es endlich aus den Stallungen heraus und in die Truppe geschafft hatte, die sich um die Obstplantagen kümmerte. An manchen Tagen war sie den weißen Steinmauern des Palastes so nah, dass sie die brennenden Herdfeuer in seinem Inneren riechen, den Rauch auf ihrer Zunge schmecken konnte. Und dennoch … sie hatte es immer noch nicht geschafft hineinzukommen.
Alles war unwichtig, bis sie hineingelangte. Und das hatte sie geschworen, um Vergeltung zu üben – sogar wenn es sie umbringen würde.
Doch jetzt starrte Ayla auf den Marktplatz vor sich, auf die Menge an schlanken, wunderschönen Automae – Blutegeln – und versuchte, den Hass und die Abscheu nicht auf ihrem Gesicht zu zeigen. Niemand kaufte einem Mädchen Blumen ab, das so aussah, als würde es lieber Gift verkaufen.
»Blumen!«, rief sie aus und bemühte sich um eine fröhliche Stimme. Die Sonne ging schon fast unter und es wurde bald Zeit, für den Tag aufzugeben, doch in ihrem Korb lagen immer noch viel zu viele unverkaufte Kränze. »Wir haben Meeresblüten, Apfelblüten und den schönsten Salzlavendel der ganzen Küste!«
Nicht ein einziger Blutegel sah in ihre Richtung. Der Markt von Kalla-den war ein riesiges Chaos von der Größe einer Scheune und mit einem Lärm, den man aus einer halben Meile Entfernung hören konnte. Immer drei Verkaufsstände befanden sich dicht nebeneinander auf dem Marktplatz. Ihre Wägelchen und Körbe quollen über vor kandierten Früchten, Backwaren, frisch gefangenen Fischen und Austern, die selbst in der schwachen Herbstsonne nach Verwesung stanken. Blutegel drängten sich um Körbe voller Herzsteinstaub, tauchten ihre Finger in das körnige rote Pulver und führten sie dann an die Lippen, um seine Qualität zu testen. Ganze Hühner oder Ziegenbeine wurden an Spießen gedreht und langsam gebraten, sodass die Luft von Rauch erfüllt wurde, bis Aylas Augen tränten. Es gab Wein und Apfelwein und Berge an farbenfrohen Gewürzen. Und es gab eine Menge rußiger, abgemagerter und verzweifelter Menschen, die einem endlosen Strom an Automae ihre Waren verhökerten.
Und natürlich gab es auch Hesods vielgepriesene Sonnenäpfel: Sie glänzten Reihe um Reihe wie manche rote Edelsteine – beinahe genauso leuchtend purpurfarben wie Herzstein.
Der Großteil der Automae schien den Markt allerdings wie eine dieser fahrenden Menagerien zu betrachten: Kommt alle her, Leute. Kostenloses Glotzen. Seht euch die Menschen an. Seht euch diese Tiere aus Fleisch und Knochen an. Zeigt ruhig auf sie und starrt sie an, warum denn nicht? Schaut ihnen zu, wenn sie schwitzen und und quieken wie die Schweine.
Das einzig Gute am Markt war Benjy. Während sie noch einmal laut »Blumen!« rief, sah sie zu ihm hinüber. Er kam einem Freund so nahe, wie es sich Ayla erlauben würde. Sie kannte ihn schon, seit sie zwölf Jahre alt und von der Trauer gequält und ausgezehrt gewesen war. Noch immer war sie mittendrin.
Im Gegensatz zu Ayla war Benjy den Wahnsinn von Kalla-den gewohnt. Er schien darin sogar aufzugehen, seine braunen Augen hell zu leuchten, während das Sonnenlicht die Sommersprossen auf seinen Wangen hervorhob. Am ersten Tag, an dem sie mit ihm zusammen hier gewesen war, hätte er beinahe ein paar Augen ausgestochen, als er auf all die spannenden Dinge gedeutet hatte, von denen er wollte, dass Ayla sie sah: farbige Glaskugeln, mechanische Insekten mit Flügeln zum Aufziehen, Zuckerbrot in der Form von Tieren. Am zweiten Tag hatte Benjy Ayla die geheime Schattenseite des Markts gezeigt: Geschaffene Objekte. Das waren verbotene Gegenstände, die von Alchemisten – Schöpfern – Gefertigt worden waren. Sie wurden in dem Staub und dem Dunkel des Gedränges heimlich herumgegeben. Objekte, die kleiner waren als Aylas kleiner Finger, die aber das Doppelte ihres Körpergewichts in Gold wert waren. Für Menschen war es verboten, ein Geschaffenes Objekt zu besitzen, da Geschaffene Objekte das Werk von Alchemie waren, somit galten sie als gefährlich, mächtig. Schließlich waren Automae selbst Geschaffen. Vielleicht wollten sie nicht daran erinnert werden, dass auch sie selbst einst wie Schmuckstücke und Spielzeug behandelt worden waren. Geschaffene Objekte waren absolut illegal und deshalb unglaublich verlockend.
Ayla konnte keine Verlockungen gebrauchen – mit einer einzigen Ausnahme. Das Medaillon, das sie um ihren Hals trug. Das Einzige, was von ihrer Familie übrig geblieben war. Es war eine Erinnerung an die Gewalt, unter der sie gelitten hatten, und an die Vergeltung, die sie üben wollte. Sie wusste nicht einmal, wie das Medaillon funktionierte, falls es überhaupt funktionierte, aber sie wusste, dass es Geschaffen und verboten war und dass es das einzige Ding war, das ihr gehörte.
»Wirst du mir helfen oder nicht?«, fragte Ayla nun und stupste Benjy in die Rippen. Er jaulte. »Ich schreie mir schon seit einer Stunde die Seele aus dem Leib; du bist dran.«
Er blickte auf sie hinunter und blinzelte im Licht der untergehenden Sonne. »Lass es dir von jemandem gesagt sein, der das hier schon hundertmal gemacht hat: Der Tag ist vorbei. Alles, was jetzt noch irgendjemand zu kaufen bereit ist, ist Herzstein.«
Ayla schnaubte. »Du solltest doch am allerbesten wissen, dass wir kein Abendessen bekommen, wenn wir nicht jede einzelne dieser Blumen verkauft haben.«
»Glaub mir, das ist mir bewusst. Mein Bauch knurrt schon seit dem späten Vormittag.«
»Hast du in der Unterkunft irgendein Essen beiseitegelegt?«
»Nein«, sagte er bekümmert. »Ich hatte ein paar getrocknete Pflaumen in dem alten Anbau der Gärtner versteckt, aber das letzte Mal, als ich nachgesehen habe, waren sie weg. Schätze, jemand anderer hat sie gefunden.« Er zupfte an seinen wirren, dunklen Locken, wischte sich den Schweiß von der Stirn und spielte mit einem der Kränze, die sie noch verkaufen mussten. So war Benjy: immer in Bewegung. Es würde Ayla nervös machen, wenn sie es nicht gewöhnt wäre.
»Die Welt ist halt voller Diebe, oder?«, sagte Ayla mit einem leicht amüsierten Unterton.
Benjy zupfte ein Blütenblatt von einer der Meeresblüten. »Als wärst du nicht selbst auch eine Diebin.«
Sie grinste.
Als Ayla Benjy zum ersten Mal getroffen hatte, hatte er eher einem Reh geähnelt als einem Jungen. Langbeinig, linkisch und mit ständig weit aufgerissenen Augen; niedlich, jung und wütend, aber auf eine sanfte Art wütend. Auf eine harmlose, andauernde Art wütend. Seine Familie war nicht von den Männern des Herrschers getötet worden. Er hatte sie überhaupt nie gekannt: Seine Mutter hatte ihn, noch feucht von der Geburt, auf den Eingangsstufen eines alten Tempels abgelegt. Wenn das Ayla passiert wäre, das wusste sie, so wäre sie nur von dem Verlangen bestimmt gewesen, ihre Familie zu finden, ihre leibliche Mutter aufzuspüren, ihr tausend Fragen zu stellen, die alle mit warum begonnen hätten. Doch so war Benjy nicht. Er hatte neun Jahre in der Obhut der Tempelpriester überlebt, dann war er fortgelaufen. Drei Monate später hatte ihn Rowan aufgenommen.
Inzwischen hatte sich Benjys Wut verändert: Er war gewachsen, hatte mehr über diese kaputte Welt erfahren, hatte von der Revolution erfahren. Einiges an Verbitterung hatte sich in ihm breitgemacht, einiges an Leidenschaft. Doch er war immer noch sanft. Würde immer sanft sein. Jahrelang hatte diese Sanftheit Ayla wahnsinnig genervt. Sodass sie ihn an der Schulter packen und schütteln wollte, bis zumindest irgendeine Wut herauskam.
Schließlich war es die Wut gewesen, die Ayla in all diesen Jahren am Leben gehalten hatte. Die Wut hatte eine Flamme in ihrer Brust entzündet und sie weitermachen lassen, aus purem Groll.
Als sie kein Herdfeuer gehabt hatte, um sich daran zu wärmen, hatte sie sich Hesods Gesichtsausdruck vorgestellt, nachdem seine wertvolle Tochter Ayla in die Hände gefallen und so zerstört wäre, dass es nicht zu reparieren war. An den Tagen, an denen ihr Magen in sich selbst zusammenzufallen schien, weil sie kein Brot gehabt hatte, hatte sie sich eine ältere, stärkere Version von sich selbst vorgestellt, die Hesod direkt in die seelenlosen Augen sah und sagte: Das ist für meine Familie, du mörderischer Blutegel.
Ayla betrachtete die Menge, dabei fühlte sie sich fürchterlich klein und zart, wie eine Maus unter Katzen. Automae sahen so menschlich aus wie Statuen: Aus der Distanz konntest du dich vielleicht täuschen lassen, aber aus der Nähe waren alle Unterschiede zu sehen. Die meisten Blutegel waren etwa eins achtzig groß, manche sogar größer. Ihre Körper waren anmutig und muskelbepackt. Ihre Gesichter waren kantig, die Züge scharf. Sie wurden in Automae-Hebammenhäusern Geschaffen, jeder und jede Einzelne geformt, um schön zu sein, allerdings war es eine frostige Art der Schönheit. Krankhafte Versuche in Eitelkeit: Wie groß können wir ihre Augen machen? Wie markant ihre Wangenknochen? Wie perfekt symmetrisch ihre Gesichtszüge?
Außerdem sah die Haut eines Blutegels irgendwie sonderbar aus. Sie war natürlich makellos – ohne Poren, dunkle Härchen, Sonnenbrand oder Narben – einfach nur glatte, geschmeidige Haut. Doch mehr als das: Sie sahen aus, als wären sie aus Stein gemeißelt und unzerstörbar. Diese Art, wie sich ihre Haut über ihre speziell entworfenen Muskeln und Knochen spannte. Als könnte die Haut das ganze Monster fast nicht zusammenhalten.
Die Blutegel hatten sich nicht gesträubt zu vergessen, dass sie von denselben Menschen geschaffen worden waren, die sie jetzt schlechter behandelten als Hunde. In den achtundvierzig Jahren seit ihrer Machtübernahme hatten sie praktischerweise zugelassen, dass sie ihre Vergangenheit vergaßen. Dass sie vergaßen, wie sie einst einfach nur Haustiere und Spielzeuge menschlicher Adeliger gewesen waren.
Ayla selbst ließ die Gedanken an ihre eigene Vergangenheit ebenfalls nicht zu: an den Brand, an die Angst, an den Verlust, der sich in ihrem Brustkorb eingenistet hatte und der sie nun von innen heraus auffraß. An so etwas zu denken, half nicht zu überleben.
Sie und Benjy räumten den Stand vor Sonnenuntergang ab, denn sie wollten vor Einbruch der Dunkelheit aus Kalla-den fort sein. Als sie mit auf den Rücken gebundenen Körben voll unverkaufter Meeresblüten eine Abkürzung durch eine feuchte Gasse nahmen, lief jemand hinter ihnen her. Ayla warf einen Blick zurück und grinste beinahe gegen ihren Willen, als sie Rowan erkannte.
Rowan war eine Näherin, die in Kalla-den lebte und arbeitete. Zumindest war sie das dem Anschein nach.
Für Leute wie Ayla war sie etwas völlig anderes. Eine Mentorin. Eine Trainerin. Eine Beschützerin. Eine Mutter für die Verschollenen, die Geschundenen und die Hungrigen. Sie gewährte ihnen Zuflucht. Und sie brachte ihnen bei, sich zu wehren.
An ihrem Aussehen konnte man das nicht erkennen. Sie hatte eines dieser Gesichter, bei denen man sich nicht sicher sein konnte, wie alt die Person war. Die einzigen Anzeichen für ihr Alter waren ihre silbernen Haare und die leichten Falten in ihren Augenwinkeln – außerdem war sie klein, sogar kleiner als Ayla. Sie sah eher wie ein draller, kleiner Sperling aus, der herumhüpfte und die Federn plusterte. Süß und harmlos.
Genau wie vieles andere war das eine sorgfältig konstruierte Lüge. Rowan war kein Sperling. Sie war ein Raubvogel.
Vor sieben Jahren hatte sie Ayla das Leben gerettet.
Ihr war so kalt, dass es sich gar nicht mehr wie Kälte anfühlte. Es brannte nicht einmal. Sie nahm die Winterluft kaum wahr, den Schnee, der ihre abgetragenen Stiefel durchweichte, die Eiskristalle, die ihr ums Gesicht peitschten, sodass ihre Haut rot und rau zurückblieb. Ihr war von innen heraus kalt, die Kälte pulsierte bei jedem schwachen Flattern ihres Herzens durch sie hindurch. Vage war ihr bewusst, dass es sich genauso anfühlen musste, wenn man starb.
Das war tröstlich.
Ihr war so kalt und sie hatte das Alleinsein so satt. Hatte den Schmerz so satt. Das Letzte, was sie gegessen hatte, war ein Fitzelchen halb verrottetes Fleisch gewesen, und das war drei Tage her. Vielleicht vier. Die Zeit verschwamm ständig, überschlug sich, lag mit dem Bauch nach oben wie ein totes Tier. Ayla war nicht mehr hungrig. Ihr Magen hatte aufgehört, Geräusche zu machen. Leise verdaute er die wenigen Muskeln, die sie noch hatte.
Vor ihr war ein dunkler Fleck. Dunkelheit bedeutete, da war etwas, das nicht von Schnee bedeckt war. Ayla stolperte voran, dabei krümmte sich der Boden auf eine seltsame Art unter ihren Füßen. Immer wieder fielen ihr gegen ihren Willen die Augen zu. Sie zwang sich, sie wieder zu öffnen. In ihrem Kopf hämmerte es und ihr Sichtfeld war auf eine erleuchtete Nadelspitze am Ende eines langen, langen Tunnels verengt. Die Dunkelheit – dort. So nah. Grau, eine Steinmauer. Das dunkle Braun von Feldsteinen.
Es war eine winzige Lücke zwischen zwei Gebäuden. Ein überstehendes Dach fing den Schnee auf, sodass der Boden darunter geschützt war. Ayla schleppte sich zu dem dunklen, schneefreien Platz, wo ihre Knie nachgaben. Sie prallte mit der Seite an die Wand und stürzte hart, wobei ihr Kopf gegen die Steine der Mauer stieß. Dann lag sie dort.
»Hey.«
Ihre Augen waren geschlossen.
»Hey! Wach auf!«
Nein. Ihr war endlich warm.
»Wach auf, du Idiotin!«
Ein Geräusch, als würde jemand mit einer Austernschale an einem Stein entlangschrammen; ein scharfer, brennender Druck an Aylas Wange. Hitze, einen Moment lang. Irgendjemand redete, vielleicht, aber die Person war weit weg, und Ayla konnte die Worte nicht verstehen. Die Erschöpfung schlug über ihrem Kopf zusammen wie Wasser und sie ließ sich fallen.
Erst später erfuhr sie, wie weit Rowan ihren Körper geschleift hatte, um ihn an einen warmen und sicheren Ort zu bringen, wo sie Ayla wieder gesund gepflegt hatte.
Damals waren Rowans Haare noch braun gewesen, nur an den Schläfen von silbernen Strähnen durchzogen. Doch ihre Augen waren schon genauso gewesen: tief und ruhig. »Du warst bereit zu sterben«, sagte sie.
Ayla antwortete nicht.
»Ich weiß nicht, was genau dir zugestoßen ist«, sagte Rowan. »Aber ich weiß, dass du allein bist. Ich weiß, dass du weggestoßen wurdest, zurückgelassen, um im Schnee zu sterben wie ein Tier.« Sie streckte die Arme aus und nahm Aylas Hand, hielt sie zwischen ihren eigenen fest. Es fühlte sich an, als würde sie gewiegt, als würde sie festgehalten. »Du bist jetzt nicht mehr allein. Ich kann dir etwas geben, für das du kämpfen kannst, Kind. Ich kann dir ein Ziel geben.«
»Ein Ziel?«, fragte Ayla. Ihre Stimme war schwach, ausgehöhlt.
»Gerechtigkeit«, antwortete Rowan. Und sie drückte Aylas Hände.
»Wir haben Vollmond«, sagte Rowan jetzt in dem gedämpften, bedeutungsschweren Ton, den Ayla inzwischen so gut kannte. Dabei sah sie stur geradeaus.
Zu dritt bewegten sie sich mühelos durch die Menschenmenge, denn sie waren es gewohnt, Leuten, Wagen und streunenden Hunden auszuweichen. Das Durcheinander auf den Straßen von Kalla-den war auf eine seltsame Art ein Segen: Wenn tausend menschliche Stimmen gleichzeitig etwas riefen, dann war das der perfekte Ort für Gespräche, die niemand mithören sollte.
»Die Nächte sind klar zur Zeit«, erwiderten Ayla und Benjy wie aus einem Mund. Nichts zu berichten.
Es war natürlich Rowan gewesen, die ihnen die Sprache der Rebellion beigebracht hatte. Ein Rosmarinzweig, der auf einer geschäftigen Straße von Hand zu Hand weitergereicht wurde; Kränze, die aus Blumen mit symbolischer Bedeutung geflochten waren; verschlüsselte Nachrichten, in Brotlaiben versteckt; Märchen oder alte Volkslieder, verwendet wie Passwörter, um zu entscheiden, wem man trauen konnte. Rowan hatte ihnen alles beigebracht. Ayla hatte sie zuerst gerettet, ein paar Monate später Benjy. Hatte beide aufgenommen. Sie gekleidet. Hatte ihnen beigebracht zu betteln und dann, wie sie Arbeit finden konnten. Sie hatte aber auch einen neuen Hunger in ihnen geweckt: nach Gerechtigkeit.
Denn sie hätten es von Anfang an niemals nötig haben sollen, zu betteln.
»Welche Neuigkeiten?«, fragte Benjy.
»Ein Komet wird im Süden über den Himmel ziehen«, sagte Rowan lächelnd. »In einer Woche. Es wird eine wunderschöne Nacht sein.«
Benjy nahm Aylas Hand und drückte sie. Sie drückte seine nicht. Sie wusste, was der Code bedeutete: ein Aufstand im Süden. Noch einer. In ihr stiegen Argwohn und ein Gefühl der Bedrohung auf.
Sie bogen auf eine breitere Straße ein, auf der etwas weniger Menschen unterwegs waren. Sie sprachen jetzt leiser.
»Im Süden«, wiederholte Ayla. Ihr wurde das Herz schwer. »Und wie viele Sterne werden am südlichen Himmel zu sehen sein?«
Rowan ging nicht auf ihre Zweifel ein. »Oh, ich habe gehört, es werden etwa zweihundert sein.«
»Zweihundert«, wiederholte Benjy mit leuchtenden Augen.
Zweihundert menschliche Rebellen versammeln sich im Süden.
»Höchste Zeit, ihr Lieben.«
Rowan war genauso schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war, nur einen zerknitterten Flyer hatte sie Benjy in die Hand gedrückt: eine religiöse Broschüre, irgendetwas über Götter und Gläubige. Ayla wusste, dass der Text voller versteckter Geheimbotschaften war – Geheimbotschaften, die nur diejenigen entschlüsseln konnten, die im Widerstand waren.
Irgendwie machte sich Ayla Sorgen, dass Rowan immer noch Hoffnung in diese Aufstände setzte, in das, was sie »Gerechtigkeit« nannte, wegen ihrer Trauer um Luna und Lunas Schwester Faye. Schließlich waren sie zwei von Rowans verlorenen Kindern gewesen, genau wie Ayla und Benjy. Es war bekannt im Dorf, dass jedes Waisenkind Essen und Trost bei Rowan finden konnte. Ayla erinnerte sich daran, wie Faye und Luna nach dem Tod ihrer Mutter zu Rowan gekommen waren. Ayla war sofort für Luna eingenommen gewesen, ein Mädchen mit einem scheuen Lächeln, das süße Fragen gestellt hatte. Faye war schwieriger gewesen, misstrauisch, Ayla viel zu ähnlich, als dass die beiden gut miteinander ausgekommen wären. Trotzdem: Sie waren miteinander aufgewachsen. Und Ayla wusste, dass Rowans weiches Herz um die beiden Schwestern trauerte. Um diese beiden Mädchen, die sie zu retten versucht hatte.
Zwei Mädchen, die sie – ihrer Überzeugung nach – nicht hatte schützen können.
Und in dieser Trauer war Rowan bereit, noch mehr Unschuldige auszuschicken, um noch mehr von ihrer »Gerechtigkeit« zu suchen.
Im Laufe der Jahre hatten sie von ein paar Aufständen hier in Rabu erfahren, aber jeder einzelne war blutig – und schnell – niedergeschlagen worden. Der Unabhängige Staat Rabu wurde von dem Herrscher Hesod kontrolliert. Seine Herrschaft erstreckte sich inzwischen auf ganz Zulla, mit Ausnahme des Reiches der Königin von Varn. Auch wenn er die ganze Macht für sich beanspruchte, verfügte er nicht darüber, denn der Rote Rat – eine Gruppe von adligen Automae – sollte die Herrschaft über Rabu mit ihm teilen. Ayla glaubte kaum, dass das der Wahrheit entsprach. Hesod war ungeheuer wohlhabend und einflussreich. Außerdem war er machtgierig. Sein Vater war es gewesen, der die Truppen der Automae in den Krieg der Arten geführt hatte. Er war es gewesen, der zuerst verkündet hatte, dass Menschen von ihren Familien getrennt werden sollten. Und es war auf seinem persönlichen Land, dem riesigen Areal seines Palasts an der Küste, wo Ayla, Benjy und vierhundert andere menschliche Bedienstete lebten und arbeiteten.
Der Rote Rat war grausam, gnadenlos und, das war das Schlimmste, erfinderisch. Das war teilweise der Grund dafür, dass die Revolution so langsam vonstatten ging: Die Leute hatten einfach so eine entsetzliche Angst vor dem Rat und seinen immer strengeren Gesetzen. Und ihre Ängste waren durchaus begründet. Luna – und ihr körperloses Kleid – zeugten davon.
Als sie den steil ansteigenden Pfad zum Palast hochkletterten, sah Benjy Ayla an, dabei waren seine Augen voller Hoffnung und Aufregung. Die Botschaft war eindeutig: Er wollte sich der Sache anschließen. Sogar nach den desaströsen Aufständen des letzten Jahres.
Sie schüttelte den Kopf. Nein. Er wusste es besser. Er wusste, dass sie nicht weggehen konnte, nicht jetzt, nicht heute Nacht. Nicht, wenn sie dem Palastinneren so nahe war. Und Crier.
Benjys Lächeln verblasste. »Ayla.«
»Nein«, sagte sie. »Ich werde nicht gehen.« Wollte sie dasselbe wie er? Wollte sie die Blutegel tot sehen? Natürlich, aber nicht so. Nicht, wenn das bedeutete, dass wieder menschliches Blut fließen würde. Nicht, wenn es wieder zum Scheitern verurteilt war. Sie war nicht bereit, noch jemanden zu verlieren. Das letzte Mal, als es einen Aufstand im Süden gegeben hatte, war er beinahe sofort zerschlagen worden – und dieser Aufstand war gewaltig gewesen. Fast zweitausend Menschen waren mit Fackeln und Salpeter bewaffnet durch die Stadt Bram marschiert, um das Zentrum einzunehmen, wo die mächtigsten Automae wohnten. Sie waren in einer einzigen Nacht besiegt worden. Der Automa, der den Gegenangriff angeführt hatte – der sie zerstört hatte –, war als Held ausgezeichnet worden. Sein Name war bekannt geworden, ein bekanntes Monster. Kinok.
Benjy verstummte, doch Ayla konnte seine Wut nun spüren, wusste, dass sie gegen sie gerichtet war. Seine Schritte wurden lang, entschlossen, während sie den schmalen Pfad erreichten, der sich zum Palast hochschlängelte. Sie konnte jetzt die spitzen Dächer des Gebäudes in der Ferne sehen.
Sie beeilte sich, um wieder zu Benjy aufzuschließen, und keuchte in der Hitze. Inzwischen hatten sie sich weiter von der Menge entfernt. Sie packte ihn an der Schulter und er blieb so plötzlich stehen, dass sie beinahe gegen ihn gelaufen wäre.
»Ich weiß, was du sagen wirst«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ayla versuchte, zu Atem zu kommen. »Du könntest … dir den Kometen jederzeit ohne mich ansehen.« Die Worte kratzten in ihrer Kehle, als hätte sie einen Mund voll Salz geschluckt.
Der Blick seiner dunkelbraunen Augen war auf ihre Augen geheftet. In seinen wuscheligen Haaren spielte der Wind. Er war größer geworden als sie, und breiter. Sie wich seinem Blick nicht aus.
Eine ganze Minute lang sagte er nichts. Sie standen einfach nur da, atmeten schwer und sahen einander an. Dachten beide dasselbe: Es war zu früh.
Ayla wollte sagen: Lass mich nicht allein.
Ayla hätte sagen sollen: Lass mich allein. Denn vielleicht wäre es besser so.
Benjys Wut schien sich in Traurigkeit zu verwandeln, und er öffnete den Mund. »Das werde ich nicht tun. Ich werde nicht ohne dich gehen, und das weißt du.«
Das wusste sie. Und es machte ihr mehr Angst als sonst etwas. Er würde sie nicht allein lassen. Es brachte ihr Herz zum Rasen. Geh, wollte sie schreien. Bleib nicht meinetwegen.
Ein anderer Teil, ein tief vergrabener und beinahe vergessener Teil, wusste aber: Sie konnte das – egal, was davon – nicht ohne ihn tun.
Sein Mund war immer noch ein kleines bisschen geöffnet, als gäbe es noch mehr, das er sagen wollte. Sie wusste, wie dringend er das alles brauchte. Revolution. Blutvergießen. Veränderung. Sie wartete darauf, dass er weitermachte, dass er noch einmal versuchte, sie zu überzeugen. Doch er wusste auch, wie sehr sie das wollte, was sie wollte: das Blut von Lady Crier an ihren Händen.
Am Ende seufzte Benjy also nur. Auf ihrem Weg den Pfad hinauf begegneten ihnen immer mehr Bedienstete. Ayla brachte ein paar Schritte Abstand zwischen sich und Benjy und hielt den Blick auf den plattgetretenen Pfad geheftet, während sie den Rest der Strecke schweigend zurücklegten. Die Vergangenheit häufte sich in ihr an wie Schaufeln voller Erde.
Nach dem Tag, den Ayla in ihren Gedanken nur noch als diesen Tag bezeichnete, nach dem Tag, der alles verändert hatte, nach der Bruchstelle in ihrem Kopf, dem Ding, das ihr Leben in ein Davor und ein Danach zerrissen hatte, dem wahrgewordenen Albtraum, dem Blutfleck, dem gesplitterten Knochen, der nicht heilen würde, nach diesem Tag hatte sich Ayla eine Woche zu trauern erlaubt.
Sogar mit neun Jahren hatte sie schon gewusst, dass es nur zu leicht war, in Trauer zu versinken – heruntergezogen zu werden und nie wieder aufzutauchen. Eine Woche, hatte sie sich selbst gesagt. Eine Woche.
Eine Woche, um den Tod ihrer gesamten Familie zu betrauern.
Mama. Papa. Ihr Zwillingsbruder, Storme, der Ayla mehr geliebt hatte als alles andere auf der Welt. Der ihr entrissen worden war, als er versucht hatte, sie vor ihnen zu schützen. Storme, der sein Ende, nach seinen abgehackten Schreien zu urteilen, an Ort und Stelle gefunden hatte, direkt hinter den Mauern von dem, was ihr Zuhause gewesen war.
Man konnte sich in dieser Welt nicht auf vieles verlassen, auf eines aber schon: Liebe brachte nichts als den Tod. Wo es Liebe gab, würde der Tod folgen, wie ein Wolf, der einem verletzten Reh hinterherschlich. Der das Blut in der Luft roch. Ayla hatte das selbst erlebt.
Nun war sie sechzehn und alles, was sie wollte, war nur Zentimeter von ihrem Zugriff entfernt.
Als Rowan sie damals gerettet hatte, hatte Ayla anfangs nur ihren Schmerz und ihre Wut gehabt.
Doch eines Tages, da war sie schon etwa einen Monat bei Rowan gewesen, waren Nomaden in die Stadt gekommen. Rowan hatte Ayla vor die Wahl gestellt: Mit diesen fahrenden Menschen fortgehen, all ihren Schmerz und ihre Erinnerungen zurücklassen und neu anfangen. Oder in Rowans Obhut bleiben. Rowan würde sich um sie kümmern, bis sie Arbeit gefunden hätte. Und Ayla würde lernen zu kämpfen, lernen zu leben und Pläne zu schmieden für die Gerechtigkeit.
Ayla hatte sich für Letzteres entschieden. Und Rowan hatte ihr Versprechen gehalten und Arbeit als Palastbedienstete für Ayla gefunden.
Hesod. Der Blutegel, der den Angriff auf Aylas Dorf befohlen hatte.
Es waren Hesods Männer gewesen, die in Aylas Zuhause eingefallen waren, die ihre Familie umgebracht hatten, einfach nur, weil sie es konnten.
Hesod rühmte sich damit, den Traditionalismus in ganz Rabu zu verbreiten – die Überzeugung vieler Automae, sie könnten ihre Gesellschaft nach dem Vorbild menschlichen Verhaltens gestalten, als gehörten die Menschen einer längst vergangenen Zivilisation an, von der sie sich die besten Merkmale zur Nachahmung herauspicken konnten. Die Familie war dem Herrscher Hesod wichtig, so predigten er und sein Rat es zumindest. Welche Ironie darin steckte, wusste Ayla sehr wohl.
Und nun arbeitete sie für ihn. Es widerte sie in jeder Sekunde an, doch es war die einzige Möglichkeit, wie sie in Hesods Nähe gelangen konnte. Sie war so weit gekommen. Sie würde das alles nicht für irgendeinen verfluchten Traum von der Revolution wegwerfen.
Rowan hatte ihr immer gesagt, die Antwort sei Gerechtigkeit. Über einen langen Zeitraum hatte Ayla ihr auch geglaubt. Sie hatte geglaubt, eine Revolution sei möglich, dass die Menschen wirklich etwas ändern könnten, wenn sie sich nur auflehnten, wenn sie sich weigerten zu gehorchen. Doch jetzt wusste Ayla es besser. Im Laufe der Jahre hatte sie gesehen, wie hoffnungslos Rowans Träume waren. Jeder Aufstand war gescheitert, jeder geniale Plan war zerschlagen worden, jede neue List hatte nur noch mehr Menschenleben gekostet.
Die Gerechtigkeit war eine Gottheit, und an solche kindischen Sachen glaubte Ayla nicht.
Sie glaubte an Blut.
Als Crier, die an diesem Morgen ein neues Kleid trug, in den großen Saal kam, hatten sich ihr Vater und Kinok bereits zum Frühstück hingesetzt. Ihr Vater und ihr Verlobter hatten die Köpfe zusammengesteckt und waren in ein Gespräch vertieft, das in dem Moment abbrach, in dem Crier den Raum betrat.
Einen Moment lang starrte sie ihren Vater an – den Mann, der sie bestellt hatte. Hesod war ein Design-Meisterwerk. Er war dazu Geschaffen, sogar für einen Automa mächtig, einflussreich und großartig zu sein, von allen in Zulla respektiert. Wenn er sprach, hörten die Leute zu.
Was würde er zu dem Verrat von Hebamme Torras sagen?
Sie hatte es ihm noch nicht erzählt.
Fürchtete sich wirklich davor.
Kinok hatte den Skandal vor einer Woche bei ihrer Jagd erwähnt, doch bisher hatte sie es für sich behalten.
Sie setzte sich gegenüber von Kinok an den Tisch. Im großen Saal im Ostflügel des Palastes hätten leicht fünfzig Personen Platz nehmen können – er war riesig und geräumig, mit einer hohen Gewölbedecke und einem massiven Festtisch aus schimmernd poliertem Kiefernholz. Trotz seines enormen Ausmaßes bekamen ihn an den meisten Tagen nur Crier, Hesod und eine Handvoll Bedienstete zu sehen. In den letzten Monaten seiner Brautwerbung war noch Kinok hinzugekommen.
»Guten Morgen, meine Lady«, sagte Kinok.
Crier nickte zur Begrüßung, wandte ihm das Gesicht aber nicht zu.
»Tochter«, sagte Hesod, und Crier gelang es, ihm in die Augen zu sehen.
»Vater«, murmelte sie.
Ein Servierjunge brachte ein goldenes Tablett mit flüssigem Herzstein darauf.
Der unterirdische Edelstein wurde behutsam geschürft. Er war die Kraftquelle der Automae und floss durch ihre Adern und inneren Vorrichtungen – nicht wie menschliches Blut, sondern wie Ichor, das Blut der alten Götter in all den menschlichen Geschichten. Er war eher etwas Magisches, Alchemistisches, weniger etwas Natürliches.
Crier richtete sich auf ihrem Stuhl auf.
Der flüssige Herzstein wurde in einer Teekanne in Form eines Vogelschädels serviert, die einen langen, aus Herzstein gemeißelten Griff hatte. Von den Augenhöhlen des Vogels stieg Dampf auf. Crier bemühte sich, nicht gierig auszusehen, als sie ihre Teetasse vorschob.
Sie brauchte das jetzt. Vor allem nach dem, was Kinok ihr letzte Woche erzählt hatte. Über den Skandal mit der Hebamme und den Entwurf, der manipuliert worden war. Schon beim Gedanken daran, es könnte auch nur die geringste Gefahr für ihren eigenen Entwurf bestanden haben, wurde ihr Bauch hart und verkrampfte sich. Sie hatte seitdem nicht mehr geschlafen.
Anders als Menschen brauchten Automae keine Nachtruhe, aber es wurde empfohlen, dass sie zumindest sechs Stunden alle drei Tage schliefen. Beim Schlafen konnten ihre Organe zur Ruhe kommen und wurden zurückgesetzt, ihre Körper reparierten dann alle inneren oder äußeren Schäden. Crier achtete normalerweise sehr gewissenhaft darauf, dass sie die richtige Menge Schlaf bekam – sie fand es beinahe angenehm, sich in den weichen Decken zusammenzurollen, dem Mond durch ihr Fenster beim Aufgehen zuzusehen und zuzulassen, dass ihre Gedanken versickerten wie Badewasser aus einer Wanne.
Es fühlte sich an, als würde sie Mensch spielen.
Doch seit Kinok in den Palast zurückgekehrt war, fand sie es immer schwieriger, ihren Geist zum Schlafen frei zu bekommen.
Criers Tasse füllte der Servierjunge als Letzte auf. Die Flüssigkeit, die er einschenkte, leuchtete dunkelrot. Das war die Farbe von mit Wasser vermischtem Herzsteinstaub. So war er weniger konzentriert, aber leichter zu konsumieren, außerdem genoss Hesod es, menschliche Rituale, wie zum Beispiel morgendliches Teetrinken, nachzuahmen. Im Gegensatz zu anderen Mitgliedern des Roten Rates dachte er, es würde den Automae guttun, von den Menschen zu lernen. Immerhin war die menschliche Kultur grundlegend und stabilisierend gewesen für ganz Rabu: Organisation, System, Familie. Hesods zentrale Werte. Wir dürfen nie vergessen, stellte er fest, dass die Könige dieser Insel über Tausende von Jahren alle Menschen gewesen sind. Und die menschlichen Könige haben ihren Tag mit Tee begonnen.
Crier wollte nach ihrer Tasse greifen, doch in der Eile zitterte ihr die Hand. Sie verschüttete etwas.
»Verzeihung«, murmelte sie und nahm ihre Serviette, um die Tropfen wegzuwischen.
Hesods Hand bedeckte die ihre, damit sie aufhörte. »Lass. Dafür sind sie da.« Er gab dem Servierjungen mit einem Fingerschnalzen ein Zeichen.
Crier senkte die Augen.
Als er fertig war, hob sie die Tasse vorsichtig wieder an. Ein Schluck von dem flüssigen Herzstein und schon fühlte Crier, wie sich die Kraft
