IRRE REAL - Bernd Schuh - E-Book

IRRE REAL E-Book

Bernd Schuh

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Beschreibung

Wohin verschwinden täglich Tausende Menschen? Kann künstliche Intelligenz gefährlich werden? Würden wir Botschaften aus dem All verstehen? Sind Aliens schon unter uns? Ist Goethe schuld an der exzessiven Ausbeutung aller geistigen und materiellen Ressourcen? Treten Bausparvertreter tatsächlich aus einem Feuerkranz? Ernste und weniger ernste Fragen, auf die 49 Kurz- und Kürzestgeschichten teils verblüffende Antworten geben. Mit feinem Humor nimmt Autor Bernd Schuh dabei Überwachungsstaatsängste, utopisches Wunschdenken und Wissenschaftsgläubigkeit aufs Korn. Auch die Liebe kommt nicht zu kurz. Romantische Begegnungen im galaktischen Gateway »Kurts Kiste« sorgen für Kurzdrama und Space Opera.

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Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Bernd Schuh

IRRE REAL

49 seltsame Begebenheiten

AndroSF 157

Bernd Schuh

IRRE REAL

49 seltsame Begebenheiten

AndroSF 157

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: August 2022

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Per Prada

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 295 9

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 808 1

Vorwort

Die meisten Geschichten in dieser Storysammlung sind kurz, sehr kurz sogar. Der Grund ist einfach: Sie wurden für die Reihe Phantastische Miniaturen geschrieben, die der Gründer der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, Thomas Le Blanc ins Leben gerufen hat. Jedes Bändchen der Reihe hat ein vorgegebenes Thema, zu dem die eingeladenen Autorinnen ein »fantastisches« Stück schreiben müssen. Der Anspruch der Miniaturen ist, kurz gesagt, Prägnanz und Originalität.

Jede Story darf nicht länger als 700 bis 900 Wörter sein. Erlaubt ist alles, was zur fantastischen Literatur zählt, also klassische Science-Fiction ebenso wie Märchen, Fantasy oder Horror. Das Thema kann ein einzelnes Wort sein oder eine Zahl, wie »Tonka« oder »23«, zwei Vorgaben, denen zum Beispiel die Geschichten »Da wäre noch etwas gewesen« oder »Menetekel« folgen. Es kann aber auch ein ganzer Satz sein, der in der Geschichte vorkommen muss. Zum Beispiel der Satz »Wir müssen das Gummi in der Zelle erneuern«, siehe dazu »Das Medium ist die Botschaft« in Kapitel VII. Die Geschichte, die daraus entstanden ist, versteht man auch ohne diesen Herkunftsbezug. Was, wie ich hoffe, auch für alle anderen Storys hier gilt.

Andere Stücke in dieser Sammlung sind unter anderen Vorgaben entstanden, zum Beispiel zwei Beiträge zu dem Themenkreis des totalen Überwachungsstaates, den George Orwell in Nineteen Eighty-Four (1984) skizziert hat. Wieder andere sind thematisch nicht festgelegt, wie die Crazy Dreams in Kapitel VI.

Die Einschränkung auf das fantastische Genre bringt naturgemäß auch eine Einschränkung des interessierten Leserkreises mit sich. Insbesondere Science-Fiction-Autorinnen sind häufig naturwissenschaftlich vorgebildet und verwenden ihr Vorwissen freizügig und ohne Rücksicht auf die Vorbildung der Leserschaft. Das ist insofern bedauerlich, als die Geschichten oft durchaus literarische Qualitäten haben und weitaus mehr Menschen ansprechen könnten.

Die meisten Storys in dieser Sammlung sind einfach auch »fantastisch« im umgangssprachlichen Sinn, also versponnen, fremdartig, skurril oder absurd, und sie können auch wirken, ohne dass jede beabsichtigte Anspielung beim Lesenden etwas zum Klingen bringt. Ich hoffe, dass Sie nach der Lektüre einiger Storys darin mit mir übereinstimmen werden. Viel Spaß beim Versuch!

Kapitel I: Thema Einseitig

Zur Illustration, wie die im Vorwort erwähnten Phantastischen Miniaturen funktionieren, versammelt dieses Kapitel Kürzestgeschichten zum Thema Einseitig. Die Interpretationen der Vorgabe reichen von der buchstäblich einen (Buch-) Seite über die eine Hirn- bzw. Körperhälfte bis zur Eindimensionalität, in Mathematik und Denken.

Das ultimative Sachbuch über die Zukunft der Menschheit

Das Exposé hatte sechzig Seiten. Der Verleger war begeistert: ein wissenschaftlich fundierter Blick in die Zukunft! Wie könnte die menschliche Intelligenz alle kosmischen Katastrophen überdauern? Von einer erdbeherrschenden Spezies zu einer intergalaktischen Herrscherrasse sich entwickeln? Das alles eingebettet in philosophisch-ethische Überlegungen. Unterfüttert mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte und einem Schuss Esoterik. Fantastisch!

Das Manuskript hatte tausendsechshundert Seiten. Der Lektor stöhnte. Dies war eindeutig eine Aufgabe für seinen magischen Stift. Das unscheinbar aussehende Schreibgerät war in seiner Familie von Generation zu Generation weiter gegeben worden. Niemand kannte seinen Ursprung, niemand außer dem Lektor verfügte über eine derartige Hilfe. Es besaß die geheimnisvolle Fähigkeit, jeden Text auf sein logisches Gerüst zu analysieren, seinen Gehalt zu reduzieren, seine Essenz herauszuarbeiten. In der Hand des Lektors machte es sich an die Arbeit. Straffte, strich, korrigierte, zögerte und straffte, strich und korrigierte erneut. Bei sechzig Seiten machte der magische Stift eine Pause. Das bearbeitete Manuskript deckte sich jetzt weitgehend mit dem Exposé. Der Lektor hätte es gern so in Satz gegeben, aber der Stift zitterte immer noch unruhig in seiner Hand. Der Lektor stöhnte und ließ ihn nochmals an den Text. Wieder und wieder wanderte der Stift über die Zeilen, sprang zurück, stockte, strich erneut, verdichtete und korrigierte. Endlich lag er zufrieden in des Lektors Hand, neben dem gestrafften Manuskript. Das Resultat der magischen Arbeit war eine einzige Seite:

»Zivilisation. Typ I. Nicht ganz. Oder eher wohl kaum. Falls A, dann B. Möglicherweise, vielleicht, mit hoher Wahrscheinlichkeit. A. Typ I. Oder auch wohl kaum. Vielleicht aber auch C. Typ II. Energie. Hyperraum. Multiversum. Dann eher weniger B. Vielleicht. Könnte sein. Typ III, Typ IV. Wenn, dann, vielleicht Transhumanismus. Möglicherweise aber auch wohl kaum. Könnte, würde, hätte, hätte. Schwarzes Loch. Fahrradkette.«

Der Lektor stöhnte.

Das Buch wurde ein Bestseller.

Durchgefallen

Das Erkundungsschiff war aus der Wurmlochschleuse fahrplangenau nach einunddreißig heiligen Faltungen (monotosische Zeitrechnung) wieder aufgetaucht. Das Resultat dieser Mission war die Entdeckung einer Fremdintelligenz in einem weit entfernten Solarsystem. Dort hatte die Schiffs-KI, wie üblich, die äußere Erscheinungsform der Fremdintelligenz emuliert und als Monotoiden auf dem Planeten in einem Landemodul abgesetzt.

Nun arbeiteten sich die Abteilungen der Behörde zur Regulierung innergalaktischer Beziehungen durch die mitgebrachten Daten, hauptsächlich Audio- und Videodigitalien. Konnte die neue Intelligenz den Aufnahmetest in die galaktische Allianz bestehen?

»Zu kriegerisch«, entschied Abteilungsvorsitzer 1, »zu religiös«, mahnte Abteilungsvorsitzer 2, »aber hochinnovativ!«, hielt Vorsitzer 3 dagegen. Da keine Einigung zustande kam, war der Zentrale Galaktische Entscheider gefragt. Der ZGE putzte gerade seine Schuppenhaut, als die Abteilungsvorsitzer um seine Bewertung baten.

»Lasst mich das Begrüßungsvideo sehen«, herrschte er sie an. In der Bildfolge war der emulierte Monotoid zu sehen, wie er einer flachen Scheibe entstieg, die gerade auf der Fremdplanetenoberfläche in einem grünlichen organischen Teppich gelandet war. Er sah sich zahlreichen Fremdintelligenzlern gegenüber, die auf zwei ihrer vier Extremitäten um das Landemodul herum standen. In ihren zwei freien Extremitäten hielten sie längliche Gebilde, die die Schiffs-KI als primitive Metalllegierungen auswies. Ein einzelner Fremder, offenbar ihr Vorsitzer, legte sein metallisches Gebilde zu Boden, ging auf den Monotoiden zu und streckte ihm die rechte seiner freien Extremitäten entgegen.

An dieser Stelle sträubten sich die Schuppen des ZGE in einer Welle der Empörung und Verachtung. »Quarantäne!«, knurrte er kurz und knapp. Einer der Abteilungsvorsitzer, der sich wie die anderen durch Tausende von Terabyte gequält hatte, ohne zu einer eindeutigen Einsicht zu gelangen, wagte, fragend seine Schuppen aufzurichten. Die Antwort des ZGE kam prompt. »Die Fremdintelligenzler sind gefährlich unterkomplex – offensichtlich nutzen sie nur eine Seite ihres Zentralnervensystems.«

Platon lässt grüßen

Am vorletzten Tag schuf Gott den Menschen. Dann wollte er ruhen. Aber Adam stöhnte noch ein bisschen. Dort, wo Gott ihm die Rippe entnommen hatte, klaffte eine blutende Wunde. Also nahm Gott einen Faden, vernähte den Schnitt, verknotete das Ende und schnitt den übrigen Faden ab. Nun konnte er endlich zufrieden sein. Er hatte an alles gedacht: den Himmel, die Erde, die Tiere, die Menschen, die Sterne und Galaxien, Supernovae und Schwarze Löcher, Atome und Pflanzen, die Lichtgeschwindigkeit und alle Dimensionen. Selbst die elfte Dimension, die die Menschen später erfinden sollten, hatte er schon eingebaut.

Da meldete sich der abgeschnittene Faden. Er war unzufrieden. »Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Angeblich bin ich eindimensional. Ich dürfte also keine Seite haben und müsste in eine zweidimensionale Fläche passen. Aber schau! Wie ich mich auch drehe und wende, immer steht etwas hervor. Entweder schaut mein Bauch auf der einen Seite heraus oder mein Po auf der anderen.«

»Hmm«, machte Gott, sah sich das an, und fluchte dann: »Mist!«

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auch noch die Mathematik zu erschaffen, und die Ideen. Nun hatte alles seinen Platz. Wer in der wirklichen Welt nicht zurechtkam, konnte sich als Idee begreifen, und wer tiefsinnig sein wollte, sah immer nur Schatten einer größeren Wirklichkeit.

Nun war auch der Faden zufrieden, schmiegte sich als eindimensionale Kurve in die Idee einer zweidimensionalen Fläche, hatte keinen Bauch mehr und keinen Po, kein Oben und kein Unten, Rechts oder Links, war weder einseitig noch zweiseitig, hatte überhaupt keine Seite mehr. Er war nullseitig und eindimensional.

Umdenken

»Wie spät war es, als Sie aufwachten?«

Die beiden glotzäugigen Bullen im Verhörraum haben mir jetzt schon gefühlt zehn Stunden lang lauter blöde Fragen gestellt.

»Es muss so kurz vor neun gewesen sein.«

»Woher wissen Sie das? Haben Sie auf die Uhr gesehen?«

Die beiden auf der anderen Seite grinsen sich an. Sie könnten Zwillinge sein mit ihren runden Schädeln und den abstehenden Ohren. Der eine hat Mundgeruch. Wenn er mir zu nahe kommt, könnte ich kotzen.

»Nein! Ich habe meine Frau gefragt. Aber ihre Stimme klang sehr entfernt. So als käme sie aus der Küche.«

»Aber von ihr lagen doch nur Überreste neben Ihnen im Bett.«

Der andere assistiert: »Ich rekapituliere mal kurz: ein künstliches Hüftgelenk, linksseitig; vier Goldkronen; eine Stahlschraube, wie sie zur Fixierung eines Unterarmbruchs verwendet wird, und einige Gefäßclips, die von einer Hirn-OP stammen.«

Der andere wieder: »Eindeutig die anorganischen Reste Ihrer Frau.«

Mir wird übel. Trotzdem versuche ich es noch mal: »Ich bin aufgewacht, habe schlaftrunken mit geschlossenen Augen gemurmelt ›Wie spät ist es?‹, und meine Frau hat geantwortet ›kurz vor neun‹!«

»Und Sie sind sicher, dass es die Stimme Ihrer Frau war?«

»Jaa, wer denn sonst?? Außer uns wohnt da niemand.«

»Sie nehmen zu viel als gegeben an«, sagt Zwilling 1. Der mit dem Mundgeruch hakt nach: »Sie denken zu einseitig. Andere Erklärungen gefällig? Zum Beispiel: Sie haben Ihre Frau umgebracht, bis auf die Prothesen verschwinden lassen und alles andere erfunden. Oder …«

Der andere übernimmt: »Oder es hat eine Verschiebung im Multiversum gegeben. In dem einen wachen Sie ganz normal neben Ihrer quicklebendigen Frau auf und brauchen die Polizei nicht zu alarmieren, weil sie nicht verschwunden ist.«

»In dem andern«, nun kommt mir Mr. Mundgeruch ganz nahe, diesmal hat sein ekelhafter Odem etwas entfernt Vertrautes. »… in dem andern haben außerirdische Monster Ihre Frau sauber ausgeweidet, ihre Stimme imitiert und sich in zwei übelwollende Cops verwandelt.«

Seine Stimme trieft vor Sarkasmus. Ähnelt aber zu allem Überfluss der meiner Frau. Der andere grinst breit und seine unanständig lange Zunge streicht über sein geblecktes Gebiss. Jetzt erkenne ich auch die Beimischung im Mundgeruch: Es ist das Parfüm meiner Frau.

Eindeutig Zeit für einen Perspektivwechsel.

Kapitel II: Kneipen im Weltraum

Zu den Fixpunkten in den Phantastischen Miniaturen gehört ein Ort, den meine Kollegin Monika Niehaus 1998 erfunden hat: Donnas Kaschemme. In dieser Kneipe am Rande der Milchstraße treffen sich Durchreisende aus allen Galaxien und Planeten. Sie geben lautstark mit meist erfundenen Erlebnissen an und lassen sich von Kneipenwirtin Donna dabei Bier in Unmaßen ausschenken. Die Kneipe ist, wie ihr Name schon andeutet, ein bisschen proll.

Für distinguiertere Reisende habe ich gleich nebenan Kurts Kiste eröffnet, ein gepflegtes Etablissement, in dem Besucher nicht auf die Annehmlichkeiten und Getränke ihres Heimatplaneten verzichten müssen; und die man aufsucht, um den kurzen Aufenthalt an diesem galaktischen Gateway mit gebildeter Konversation zu verbringen.

Gleich in der ersten Story bahnt sich eine ebenso verzwickte wie tragische Liebesgeschichte zwischen den beiden letzten ihrer Art an. Achtung, es handelt sich dabei nicht um erfundene Aliens! Blaufußtölpel, tropische Meeresvögel, gibt es wirklich!

Die letzten Boobys

Kaum war ich in Kurts Kiste auf einen Platz geschwebt, nahm auch schon einer der anderen Gäste Kontakt mit mir auf. Seine Kapsel war, wie meine, verdunkelt, aber er hatte sie als männlich markiert.

»Was treibt Sie um, Verehrteste?«, fragte eine leicht krächzende Stimme. Möglicherweise war lediglich die Audioelektronik in seiner Überlebenskugel veraltet. Und doch musste ich ein instinktives Aufstöhnen unterdrücken. Außerdem musste ich mir wohl das altmodische ›Verehrteste‹ gefallen lassen, da ich mich als geschlechtsneutral markiert hatte. Eigentlich gefiel es mir sogar. Sorge machte mir seine direkte Frage. Wie viel sollte ich gleich zu Anfang verraten? Ich versuchte es mit einem diplomatischen »Ich bin eine Suchende.«

Das war die Wahrheit. Die Ausschreibung der Föderation war unwiderstehlich gewesen. Zweiundvierzig Optionsscheine auf Ewiges Leben gegen den letzten blue-footed Booby, lebend versteht sich. Eine erfahrene Raritätenjägerin wie ich konnte sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen. Der Booby war ursprünglich ein flugfähiger Vogel gewesen, ehemals auf Terra beheimatet, was übrigens auch mein Geburtsplanet ist. Früher waren die blauen Füße das hervorstechende Merkmal der tropischen Spezies. Die Männchen brauchten sie zum Protzen beim Balzen, aber in den Jahrhunderten des Klimawandels auf Terra ging auch den Boobys die richtige Nahrung aus, damit schwand das Blau und mit der erfolgreichen Fortpflanzung ging es bergab. Und mit den Eintragungen in Galoogle auch. Man glaubte, die letzten Exemplare seien in die Hände privater Sammler auf Esoteria gefallen. Dort sollen sie angeblich weiter gezüchtet worden sein. Auf Twittipedia kursiert sogar das Gerücht, man habe ihnen GAS beigebracht, die esoterische Gedankenaustauschsprache. Die Föderation hatte jedenfalls über Jahre eine Werbekampagne laufen – BBB, Biete Bares für Boobys – mit ausgesprochen großzügigen Ankaufsangeboten, aber es kam nichts dabei heraus. Daher die allgemeine Meinung, dass die komischen Vögel einfach ausgestorben seien. Worüber ich ganz froh war. Entweder fand ich noch ein Exemplar und kassierte die Belohnung, oder eben nicht. Dann griff Plan B und die Belohnung war mir ebenso sicher.

Ich setzte also meine Recherche dort fort, wo die frischesten Informationen zu erwarten waren: in Kurts Kiste. Die liegt gleich neben Donnas Kaschemme, wo sich die schillerndsten Gestalten der Galaxis, meist abgedrehte Aufschneider und Besserwisser ein Stelldichein geben. Intellektuelle, die wirklich etwas erlebt und zu sagen haben, bevorzugen Kurts Kiste. Das Reglement in diesem Etablissement ist streng. Es herrscht Erdatmosphäre und es werden keinerlei Speisen angeboten. Das Einzige, was es hier zu konsumieren gibt, ist eine Umgebung höchster intellektueller Anregung. Leuchtbänder spielen Gödels Gottesbeweis ab, und seine Lösung der Einsteinschen Gleichungen – als Gödelkosmos bekannt – rotiert als geschlossenes Band um den Raum. Jeder Besucher – auch ein Terraner – muss sich in der Eingangsschleuse mit einer Überlebenskugel umgeben, die ihn mit dem ihm verträglichen Medium versorgt. Ein erfreulicher Nebeneffekt ist, dass jeder Gast gleich aussieht, als Terraner muss man sich nicht mit abartigen Tentakeln, blasiger Krötenhaut oder schleimigen Lemuren mit Radaraugen abgeben. Und entsprechend andersherum natürlich.

So schwebte ich denn hier, in einer verdunkelten Kugel – eine Option, die übrigens auch mein Gesprächspartner gewählt hatte. Meine ausweichende Antwort hatte ihn erwartungsgemäß neugierig gemacht.

»Offenbar wollen Sie nicht gleich verraten, was Sie suchen. Können Sie sich näher erklären?«

»Man könnte sagen, ich suche einen komischen Vogel«, hielt ich ihn weiter hin.

»Da wären Sie besser nach nebenan, in Donnas Kaschemme gegangen«, bemerkte er treffend. »Aber da Sie das nicht getan haben, suchen Sie möglicherweise tatsächlich einen Vogel?«

»Genauer gesagt, ist es das letzte Exemplar seiner Art«, deckte ich den größten Teil meiner Karten auf.

»Oh, tiefrote Liste also. Da gibt es nicht viele Flugfähige, die infrage kommen. Leider wittere ich einen unerfüllbaren Anspruch in ihrem Begehr, Werteste.«

Ich wartete auf seine Fortsetzung, was er wohl richtig deutete.

»Nehmen wir an, Sie würden ein Exemplar dieser Art – welche auch immer es ist – finden: Wie könnten Sie jemals sicher sein, dass es wirklich das Letzte ist? Diese These wäre nicht nur unbeweisbar, ich denke, sie ist sogar unentscheidbar. Oder ist Ihnen ein endlicher Algorithmus geläufig, der die Unendlichkeit der Galaxien in endlicher Zeit absucht?«

Er hatte mich gar nicht zu Wort kommen lassen. Seine Ausführungen wurden nun von einem gelegentlichen dünnen Pfeifen begleitet, das ich durchaus attraktiv fand. Ich stöhnte auf.

»Zweifellos müsste ich mich mit einer Wahrscheinlichkeit zufrieden geben«, entgegnete ich und setzte vorsichtig ein ganz leicht ironisches ›Verehrtester‹ hinzu. »Die Chance, nicht das letzte Exemplar erwischt zu haben, würde ich umgekehrt proportional zu der Zeit ansetzen, die man bereits nach ihm gesucht hat. Sowie zu der Reichweite der Kampagne, die diesem Zweck diente.«

»Womit Sie mir einen weiteren Hinweis auf das Objekt Ihrer Begierde gegeben haben. Mir sind nicht viele Arten bekannt, für deren Suche die Föderation eine Kampagne gestartet hat, meine Liebste.«

Der Übergang von der ›Wertesten‹ und ›Verehrtesten‹ zur ›Liebsten‹ ließ kaum Raum für Interpretation. Er hatte mich erkannt und es auf mich abgesehen. Natürlich schmeichelte es mir, dass er sich in Gefahr begab. Doch seine Avancen liefen meinen geschäftlichen Interessen eindeutig zuwider. Eine beiderseitige Enttarnung musste ich verhindern, andernfalls hätte er die gleichen Optionen wie ich. Ich überlegte zu lange. Er kam mir mit seinem Entschluss zuvor.

»Die Chance, dass Sie auf mein unausgesprochenes Angebot eingehen, schätze ich meinerseits als umgekehrt proportional zu der Zeit ein, die Sie sich mit der Antwort lassen. Von daher ist es wohl besser, ich entferne mich aus Ihrem Zugriff. Und zwar gänzlich.«

Sprach’s und entschwebte in Richtung Schleuse. Dort hob er für einen winzigen Moment die Verdunkelung auf. So konnte ich einen kurzen Blick auf das herrlichste Blau meines Lebens erhaschen. Seitdem verzehre ich mich nach diesen prächtigen Rudern. Was bin ich doch für eine Tölpelin!

Himmlische Begegnung der zweiten Art

Die Überlebenskugel neben mir war verdunkelt und nicht geschlechtlich gekennzeichnet. Sollte mir recht sein. Ich war nicht in Kurts Kiste gekommen, um zu flirten. Nach der letzten leidvollen Erfahrung würde ich bei etwaigen Annäherungsversuchen auf jeden Fall den Schnabel halten.

»Sie sinnen?«, sprach es mich jedoch an.

Nun kommt man nicht in Kurts Kiste, um ganz für sich über Gödels Gottesbeweis nachzusinnen oder vergleichbar autistischen Gelüsten nachzugehen. Also antwortete ich.

»Sicher. Was sonst?«, blieb ich in der Alliteration.

Wohl kein begnadeter Auftakt für ein intelligentes Gespräch, wie man es in dieser Örtlichkeit als Besucher erwarten darf. Kurts Kiste, obgleich neben Donnas Kaschemme gelegen, wo sich eher abgedrehte Aufschneider und Besserwisser aus allen Sektoren der Galaxis ein Stelldichein geben, ist ein Ort höchster intellektueller Anregung. Jeder muss sich in der Eingangsschleuse mit einer Überlebenskugel umgeben, die ihn mit dem ihm verträglichen Medium versorgt. Ein erfreulicher Nebeneffekt ist, dass jeder Gast gleich aussieht, als Terraner muss man sich nicht mit abartigen Tentakeln oder blasiger Krötenhaut visuell auseinandersetzen. Und entsprechend andersherum natürlich.

Meine Vorfahren stammen ursprünglich aus Terra, aber als Raritätenjägerin komme ich natürlich viel innergalaktisch herum. Allerdings war ich gerade auf dem immer noch verwüsteten Planeten gewesen und hatte mir ein Fundstück ergattert, das ich nun dem Galaktischen KulturGüterKonservierungsRat, kurz GK2R, anzubieten gedachte. Das kolorierte Blatt – ich hatte es bei einem Tauchgang aus den Überresten des Ende des dritten Jahrtausends untergegangenen Madrid gepickt – erschien mir in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Erstens schien es sehr alt zu sein. Zweitens war es am unteren Rand beschädigt und offensichtlich unvollständig, und drittens bot der GK2R für derartige Artefakte im Rahmen seines Weltkulturvermächtnisfonds verlockende Finderprämien.

»Nun, Sie könnten zum Beispiel auf jemand warten«, nahm mein Nebenes mein rhetorisches ›Was sonst?‹ ernst. »Zum Beispiel«, setzte es fort, »um den Inhalt der Transportröhre zu verschachern, die Sie an der Eingangsschleuse deponiert haben.«

Zwar falsch, aber ziemlich gut geraten, fand ich, denn keineswegs abwegig, und sehr aufmerksam. Beobachtete es mich schon länger?

»Sind Sie interessiert?«, drehte ich den Spieß um.

»Ich müsste es wohl erst einmal sehen«, ging es auf meine Frage ein.

»Warum denken Sie, dass es sich um etwas Visuelles handelt?«

»Ich habe selbst schon kulturelle Raritäten in solchen Röhren transportiert. Allerdings nur, wenn ich sicher war, wohin sie sollten. Daher meine Idee von einem Treffen mit dem Abnehmer. Warum sonst sollten Sie das Risiko eingehen, hier mit etwas Wertvollem im Gepäck haltzumachen, wo doch gleich nebenan Donnas Ka…«

»Bitte!«, unterbrach ich ihn. Inzwischen war ich ziemlich sicher, dass mein Gegenüber männlichen Geschlechts war. »Kein Mobbing bitte! Jedem das seine.«

»Oh, Sie lassen tief in Ihre Seele blicken. Sie sind ein auf Ausgleich bedachtes Wesen, das …«

Auch hier unterbrach ich, da ich auf eine plumpe Anmache per Psychogeplapper gar keine Lust hatte.

»Lassen Sie uns auf meine ›Rarität‹ zurückkommen, wie Sie es ausdrücken. Wollen Sie sie wirklich sehen?«

»Alles, was dieses erregende Gespräch verlängert, ist mir recht«, schleimte er ziemlich plump. Bei derart aufdringlichem Gebalze sträubt sich mir gewöhnlich schnell das Gefieder. Aber diesmal fühlte ich mich gegen meinen Willen angezogen. Um das nicht zu zeigen, projizierte ich eine Kopie des kolorierten Blatts auf meine Außenkugel.

»Oh, bemerkenswert!«, ging mein Gesprächspartner sofort darauf ein.

»Sie meinen die Vielzahl der für Terra sehr ungewöhnlichen, um nicht zu sagen, genetisch unmöglichen Organismen?«, schlug ich vor.

»Nein, keineswegs. Auch nicht die Dominanz der vierbeinigen Landbewohner – die, in das komplementäre Defizit verkehrt, mich nebenbei bemerkt, ziemlich beleidigt«, setzte er hinzu.

»Dann doch sicher die – trotz aller Fremdartigkeit – idyllische Grundstimmung über dem Ganzen …«

»Nein, nein, auch das nicht. Auch nicht die Abwesenheit jedweder humanoiden Lebensformen, die schließlich eine so verhängnisvolle Rolle für diesen Planeten spielen sollten …«

»Da muss ich einwenden«, unterbrach ich ihn schnell, »dass das Original in meiner Transportröhre definitiv unvollständig ist, am unteren Rand. Man kann also nicht ausschließen …«

»… dass auf dem fehlenden Teil humanoide Formen abgebildet sind, meinen Sie?«, setzte er meinen Satz fort. »Aber das ist völlig nebensächlich für mich, absolut unwichtig. Was mich fasziniert, ist … ist …«

»Was denn!?«, versuchte ich, seine ihn stottern machende Begeisterung in eine brauchbare Information zu kanalisieren.

»Ich … ich … es ist … dieses Blau! Dieses unbeschreiblich schöne Blau!«

Er schrie es fast. Das Déjà-vu war umwerfend. Plötzlich erfasste auch mich beim Anblick der Blautöne ein wohliger Schauder, eine erotische Welle aus himmlischem und aquatischem Blau, ja sogar die Felsformationen am nahen Horizont, blau, blau, blau … das alles spülte meine Ratio hinweg, plötzlich war mir klar, wen ich vor mir hatte. Ja, er war es, er musste es sein. Und diesmal würde ich ihm nicht widerstehen, ich Tölpel, ich würde mich ihm rückhaltlos hingeben, und … und … und … wir entfernten die Verdunkelung unserer Kugel im gleichen Augenblick, das Blau der kolorierten Rarität verblasste vor seinen und meinen Paddeln, wir pfiffen in höchsten erotischen Tönen, ließen uns die Codes für einen der Gästehyperräume von Kurts Kiste geben und verweilten für einige Stunden im himmelblauen Himmel der Liebe.

Als ich am folgenden Morgen erwachte, war er schon weg. Meine kostbare Rarität samt Transportröhre leider auch.

Dilemma

Sie ist die schönste und intelligenteste Frau der Galaxis, die Frau meiner Träume. Heute muss ich ihr einfach einen Antrag machen. Ich habe sogar ein Verlobungsgeschenk – na ja, fast. Wir treffen uns, wie immer bisher, in Kurts Kiste. Das ist eine Art galaktischer Rasthof für gebildete Durchreisende. Am Eingang wird jeder in eine Art Überlebenskugel gesteckt, die ihn mit den nötigen Nährstoffen versorgt.

»Wohin bist du diesmal unterwegs?«

Bezauberndes Lächeln. Bezaubernde Ansprache. Noch bevor ich nur ansatzweise mein Anliegen vorbringen kann. Ich stottere herum.

»Nach Clandestine V, in der Nordsternregion. Ich schließe dort meine Ausbildung ab.«

»Oh, wie schön für dich.«

»Ja, es ist mein letzter Kurs. Dann bin ich fertig. Und verdiene endlich genug!« Und dann platzt es einfach aus mir heraus. »Dann kann ich auch das Verlobungsgeschenk bezahlen, das ich für dich habe.«

Oh mein Gott! Plumper gehts nicht. Zum Glück kann ich den Gestaltwandler in meiner Kugel so einstellen, dass sie nicht sieht, wie rot ich werde. Von Donnas Kaschemme nebenan schallt Gelächter herüber. Vielleicht kann ich so tun, als hätte ich was anderes gesagt. Doch sie strahlt mich an.

»Wie schön! Lass sehen!«

»Ich kann nicht. Es ist ein unlösbares Dilemma.« Sie hebt fragend die Augenbrauen. »Ich lasse mich zum GGA ausbilden, zum geheimen galaktischen Aufklärer.«

»Oh, verdeckter Ermittler in der ganzen Galaxis? Da bist du dauernd unterwegs. Und immer in Tarngestalt, stimmt’s?«

»Ja! Das ist ja mein Dilemma. Mache ich den Kurs und kriege den Job, wirst du mich nicht wollen, weil du meinen Job hasst und wir uns nie sehen. Und entscheide ich mich gegen den Job, wirst du mich auch nicht wollen, weil ich dir nicht mal ein Verlobungsgeschenk kaufen kann!«

Kurzzeitig verändert sich die Oberfläche ihrer Überlebenskugel. Es ist, als schlängelte sich ein großer grüner Wurm in einem ausgelassenen Freudentanz durch ein glitzerndes Sternenmeer. Dann ist wieder die strahlende Schönheit da und lächelt.

»Gödels Unvollständigkeitsdilemma ist überzeugender. Deins hat eine Lösung.«

Nun ist es an mir, fragend die Brauen zu heben.

»Ich bin die Kursleiterin.«

Rätselhaft

Kurts Kiste war mal wieder gut besucht. Immer öfter tauchten jetzt Typen auf, die früher in Donnas Kaschemme nebenan gegangen waren. Aber seit sie dort so ewig renoviert hatten, war wohl einigen der Geduldsfaden gerissen, und sie stiegen vom Prolltrank Bier auf edlen individuellen Met um. Gibt es in Kurts Kiste standardmäßig. Ebenso wie die Überlebenskugel, in die jeder Gast schlüpft, und natürlich einen Avatar zum Verbergen des eigenen Aussehens. (Was unbedingt Vorteile haben kann, glauben Sie mir!). So mussten wir Stammgäste denn hin und wieder mit Zeitgenossen vorliebnehmen, die – nun ja, sagen wir: nicht ganz unseren Standards entsprachen. Kurz und gut, es wunderte mich überhaupt nicht, als heute unvermittelt ein Sondereinsatzkommando der Raumpatrouille in den Gastraum stürmte. Quarks-Laser im Anschlag, rüde Ansprache, herrisches Auftreten.

»Wir suchen diesen Spinner«, tönte der Einsatzleiter aus unseren individuellen Leophonen. Und weil er eben Einsatzleiter ist und nicht Zweisatz- oder noch mehr Leiter, musste er erst eine Denkpause machen, bevor er hinterherschob: »Der will das Rätsel des Universums lösen.«

Das machte sein Ansinnen aber nicht verständlicher. Verhaltenes ironisches Lächeln zeigten die anwesenden Avatare in den Überlebenskugeln, es waren vielleicht noch vier oder fünf außer mir. Als dann einer von ihnen »42« in die Runde warf, prustete der Sauropside aus dem Taxonion-Wirbel los und musste seinen Kopf ganz schnell im Panzer verstecken, um einen Niesanfall vorzutäuschen. Kurzzeitig richteten sich sechs Quarks-Laser auf ihn, aber der Commander winkte ab und stellte die nächste Frage aus dem Schulungsbuch: »Gibt es hier einen zweiten Ausgang?«

Angesichts der Tatsache, dass man Kurts Kiste über ein Drehkreuz von Wurmlochzugängen erreichen kann – was man insbesondere dann wissen sollte, wenn man gerade durch eins hereingestürmt ist – hätte auch diese Frage wieder Heiterkeit auslösen können. Aber die Anwesenden beherrschten sich. Ein Avatar, der sich als Scorpioide von Antares zeigte, wagte ein leises »Jein«.

»Was soll der Quatsch?«, herrschte der Einsatzleiter, »einfache Frage, einfache Antwort. Es gibt nur ja oder nein.« Womit er eindeutig sein Einsatzlevel verließ.