Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Mit dem vorgelegten Lesebuch "Irrfahrten" werden ausgewählte Geschichten des alten Mythos nicht einfach neu erzählt. Aus der homerischen "Fundgrube" und anderen Quellen werden wichtige Episoden aus dem Leben und Sterben herausragender Charaktere zu eigenen Geschichten verarbeitet. Im methodischem Wechsel von Originalzitaten und erläuternden Passagen soll die Lektüre einen neuen Blick auf die homerische Literatur öffnen. Denn oft bleiben bei diesem klassischen Bildungsgut manche dichterische Einfälle mit ihren amüsanten Pointen unentdeckt. In den "Irrfahrten" werden sie zielstrebig aufgestöbert und zu neuen Sinnzusammenhängen und bizarren Problemlagen unter dem Blickwinkel ihres tragikomischen Gehalts rekonstruiert. Sie versprechen lehrreiche und spannende Unterhaltung.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 381
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Zum Autor
Christoph Hübner machte schon während seiner Schulzeit auf dem humanistischen Gymnasium Bekanntschaft mit den Geschichten der griechischen Mythologie als willkommene Abwechslung zu dem trockenen Stoff der alten Sprachen. Als Student der Theologie, Pädagogik und Philosophie blieb sein Interesse an altertumswissenschaftlichen Fragen ungebrochen. Auf Reisen nach Griechenland und Italien erkundete er die antiken Fundstätten.
Sein beruflicher Schwerpunkt unterlag jedoch eher den Zwängen des „Brotberufs“ und richtete sich auf bildungs- und sozialpolitische Themen der Erwachsenenbildung. Nach Promotion, Forschungsarbeit und Fachpublikationen war er als Professor für Wirtschaft (FHS) tätig. Nach Eintritt in den „Ruhestand“ widmete er sich ganz dem privaten Studium des klassischen Altertums, speziell der Kulturgeschichte Griechenlands, mit dem Schwerpunkt „griechische Mythologie“.
Vorwort
Teil I
Geschichten aus dem vorhomerischen Sagenkreis
Cheiron – Argonauten – Theseus – Daidalos
Kapitel 1: Cheiron – König der Kentauren
Fluch und Segen einer Götterhochzeit
Tod des unsterblichen Cheiron
Kapitel 2: Die kuriose Weltreise der Argonauten
Jason – der Mann mit der einen Sandale
Aufregende Begegnungen auf Lemnos
Ein folgenreicher Wettstreit
Faustkampf auf Leben und Tod
Die Rettung des blinden Sehers Phineus
Weiterfahrt mit tödlichen Hindernissen
Ein goldenes Fell geht auf Reisen
Brudermord und Sühne
Die Göttin Thetis greift ein
Nothochzeit auf Korkyra
Sirenengeheul
Eine ganz unerfreuliche Rückkehr
Kapitel 3: Legenden um den Minotaurus von Kreta
Daidalos – der Baumeister des Königs
Theseus und Ariadne gegen den Minotaurus
Daidalos und Ikaros – Flucht auf Flügeln
Teil II
Geschichten aus dem trojanischen Sagenzyklus
Kapitel 1: Wie der Trojanische Krieg begann …
Makabre Kriegsvorbereitungen
Eine illustre Heerschau
Arglistiges und Listiges im Vorfeld
Kapitel 2: Das tragische Leben des Helden Achilleus
Thetis und Achilleus
Der Zorn des Achilleus
Allen Friedensangeboten zum Trotz
Das tödliche Täuschungsmanöver des Patroklos
Der Sieg des Achilleus gegen Hektor
Wandlung und Tod des Helden
Kapitel 3: Der weise Nestor vor Troja
Ein alter Kämpfer führt Regie
Wer war Nestor? – Ein Held mit viel Eigenlob …
… aber auch ein Mann von gehobener Lebensart
Macht schlägt Stärke
Wer wagt, gewinnt
Herrsche mit Rat und Tat
Verwandtschaft verpflichtet
Ein ultimativer Ratschlag an Patroklos
Kapitel 4:Thersites, ein Rebell ohne Fortune
Erster Auftritt: Schmerzhafte Abrechnung mit Agamemnon
Zweiter Auftritt: Schmähung des Achilleus mit ernstem Ausgang
Kapitel 5: Viel Ruhm für Diomedes im Ränkespiel der Götter
Erster Schauplatz Schlachtfeld
Diomedes und Aphrodite
Zweiter Schauplatz Olymp: Der Komplott der Göttinnen
Dritter Schauplatz Schlachtfeld Diomedes und Ares
Vierter Schauplatz Olymp: Ares’ schmähliche Wehklage
Epilog
Kapitel 6: Vom Misserfolg einer weiblichen Kriegslist
Heras List
Der verführte Zeus verschläft den Krieg
Der Kriegsplan des Zeus
Kapitel 7: Szenen aus dem Leben der schönen Helena
Das unvermeidliche Ende Trojas
Kapitel 8: Die amouröse Irrfahrt des Odysseus
Die Läuterung der Zauberin Kirke
Kirkes Vermächtnis und die Rache des Gottes Helios
Die bittere Enttäuschung der Nymphe Kalypso
Nausikaa – die letzte Versuchung
Penelope – Späte Genugtuung für die kluge Frau
Odysseus gewinnt Penelope zurück
Teil III
Anekdoten von Göttern, Helden und anderen Schelmen
Der Menschenfreund Prometheus
Hekate – nicht nur die Göttin der Magie
Vorbemerkung
Apollon – auf dem Weg zum Gott des Lichts und der Musik
Die „Untaten“ des jungen Hermes
Hephaistos – der hinkende Schmiedegott
Aphrodite in flagranti
Die unfeine Erfindung der Panflöte
Wie die Aulosflöte von Athene an Marsyas kam
Orpheus – sein Gesang betörte Tiere und Bäume
Bellerophontes auf dem fliegendem Pferd
Otos und Ephialtes – Sturm auf den Olymp
Teil IV:
Zwei Essays zur antiken Mythenrezeption
Über die Musen im griechischen Mythos
Herodot zum Frauenraub
Von der musischen zur musikalischen „Begeisterung“
Wer waren die Musen?
Die Musen in Homers Werk
Die Musenweihe des Hesiod
Exkurs zum mythologischen Glauben der Griechen
Philosophie als „trefflichste Form der Musik“
Der Mythos von den Zikaden
Die Musik der Musen
Herodot zum „Frauenraub“ – ein antiker Historikerstreit
Literaturverzeichnis
Glossar
Die wichtigsten Götter
Die wichtigsten Heldenfiguren
Wer sich heutzutage mit den Geschichten aus dem alten Griechenland literarisch befasst, wird unweigerlich mit der Frage konfrontiert, was es da eigentlich Neues zu berichten gibt, wo doch die mythologischen Geschichten schon tausendmal erzählt, jugend- und kindgerecht aufbereitet, oder als mythologische Motive im Kontext klassischer, wie moderner Literatur und Kunst längst verarbeitet sind. Und überhaupt der alte Gustav Schwab, der mit seinen „Sagen des klassischen Altertums“ seit Jahrzehnten zum Repertoire eines jeden geschichtsbegeisterten Jugendlichen gehört.
Im Gedächtnis behält man von den Inhalten vielfach nur wenig, vielleicht ein paar thematische Schwerpunkte oder auch nur allgemeine Klischees über Götter, Helden und schöne Frauen der Griechen. Angesichts der Stofffülle der griechischen Mythen, wie sie vor allem in der „Ilias“ und „Odyssee“ von Homer überliefert sind, hat selbst der studierte Leser manchmal Mühe, stringente Erzählzusammenhänge zu erkennen, die in den verschlungenen Spannungsbögen der vielen Geschichten enthalten sind und letztlich deren sagenhafte Inhalte erst interessant machen.
Mit dem hier vorgelegten Lesebuch „Irrfahrten“ werden ausgewählte Geschichten des alten Mythos nicht einfach neu erzählt. Vielmehr werden aus der homerischen „Fundgrube“ wichtige Episoden aus dem Leben und Sterben herausragender mythischer Charaktere zu eigenen Geschichten verarbeitet. Die Auswahl der Zitate zu den einzelnen aus dem epischen Zusammenhang teilweise zu lösenden Episoden lässt sich von dem Gedanken leiten, die wichtigen inhaltlichen Botschaften im Kontext des homerischen Erzählfortgangs herauszuarbeiten. Im methodischen Wechsel von Originalzitaten und erläuternden Passagen werden zusammenfassende Schlussfolgerungen gezogen, die zu einem tieferen Verständnis der griechischen Mythologie beim Leser führen können.
Im Schreibvollzug stellte sich heraus, dass im „Homer“ oftmals tiefgründigere Gedanken, Pointen und dichterische Einfälle stecken, als beim üblichen Lesen in der Regel wahrgenommen werden. Und sogar bislang unbekannte Textpassagen konnten „entdeckt“ werden, die manchen altbekannten Mythen neue erzählerische Wendungen geben. In der volkstümlichen Erzähltradition der klassischen Sagenwelt tauchen sie gar nicht auf und müssen selbst in der professionellen Rezeption vergeblich gesucht werden.
Es entstehen dabei Geschichten, die in neuen Sinnzusammenhängen und oft bizarren Problemlagen unter dem Blickwinkel ihres tragikomischen Gehalts rekonstruiert werden und spannende Unterhaltung versprechen.
Zur Einführung in den Sagenkreis der Griechen werden exemplarisch Geschichten aus der Frühzeit der Mythologie über mehr oder weniger bekannte Götter- und Heldengestalten erzählt, die biografisch für manche der späteren Figuren bedeutsam sind.
Mit großer Heldenbesatzung wird der „Argonautensage“ nach die „Argo“ unter ihrem Anführer Jason auf eine verwegene Kaperfahrt ins Schwarze Meer geschickt, auf der sinnigerweise eine Frau, die Königstochter Medeia, in ihrer Rolle als zauberkundige Geliebte von Jason den arg gebeutelten „Argonauten“ zeigt, wozu ein Mädchen, das sich im Grunde nur dem unbarmherzigen Vater entziehen will, alles imstande ist.
Der Block der mythologischen Erzählungen aus der homerischen Vorzeit wird mit der Geschichte von Theseus, dem Athener Königssohn, abgeschlossen. Dieser zog aus, um Minotaurus, ein Ungeheuer aus Kreta, zu besiegen, und musste bei allem Erfolg einen tragischen Verlust hinnehmen.
Die bekannten Sagen um den Trojanischen Krieg beginnen mit einer Vorgeschichte und verschiedenen Episoden des Krieges. Sie führen zu dem größten Helden aller Zeiten: Achilleus. Er ist ein schwieriger Charakter, der im Verlauf der Geschichte zunehmend an persönlicher Statur gewinnt. Kompromisse und Einsichten der moralischen und vernünftigen Art werden ihm von den Umständen des Krieges aufgenötigt, um trotz aller Irrungen und Wirrungen zwischen Heldenmut und Brutalität, Zuneigung und Hass als ehrenwerter Held im griechischen Gedächtnis zu verbleiben.
Dazu leistet vor allem Nestor seinen Beitrag, der alte, weise König aus Pylos, dem im Unterschied zur klassischen Rezeption nicht nur abstrakt die ehrenvolle Funktion eines erfahrenen Ratgebers der griechischen Herrschaft attestiert wird. Sondern es werden dessen durchgreifende Maßnahmen thematisiert, durch die er zum eigentlichen Regisseur des Krieges aufseiten der Griechen vor Troja wurde.
Aus dem Sagenkreis der „Ilias“ wird auch von dem komischen Kauz Thersites berichtet, der es wagt, Autoritäten wie Agamemnon und Achilleus verbal für handfeste Ungerechtigkeiten und Willkür anzugreifen, aber ein Rebell ohne Fortune bleibt.
Dagegen wird Diomedes in einer positiven Heldenrolle vorgestellt, der allerdings erleben muss, wie er in entscheidenden Momenten des Krieges von den olympischen Göttern sich hinterrücks als willige Figur auf dem Spielfeld ihrer Intrigen benutzen lässt, aber auch große Meriten verdient.
Die Göttin Hera, begierig, in eigener Autorität zugunsten der Griechen in den Trojanischen Krieg einzugreifen, versucht mit List und hoher Verführungskunst ihren Gatten Zeus von seiner Regie über den Kriegsverlauf abzulenken und scheitert am Ende dennoch.
Helena, die „Schönste von allen“ und von allen begehrt, weiß nicht genau, wie ihr geschieht: verliebt oder verführt, geflüchtet oder verschleppt. Und überhaupt erweist sich die verfemte „Schuldige“ am Trojanischen Krieg als durchaus verständige Frau, die sich ihrer Interessen zunehmend bewusst wird. Am Schluss hat sie einen pfiffigen Einfall, mit dem sie sich als „Zünglein an der Waage“ ins Spiel bringt und die vereinigte griechische Heldenschaft im Bauch des hölzernen Pferdes kurz vor ihrem Sieg ziemlich beeindrucken kann.
Die Odyssee, als tragische Irrfahrtsgeschichte eines griechischen Helden bekannt, wird auf den Schwerpunkt der amourösen Erlebnisse des Odysseus fokussiert. Dabei stehen die unterschiedlichen Frauencharaktere, mit denen er es auf seiner Rückreise von Troja zu tun bekommt, im Mittelpunkt: Kirke, Kalypso, Nausikaa und Penelope. Der Held wird in einer tragikomischen Rolle als Adressat mehr oder weniger reizender Angebote von Frauen unterschiedlicher Provenienz betrachtet, in Affären, die er als meistens gescheiterter Held durchleben muss, der am Schluss aber Haus und Frau wiedergewinnt.
Es werden elf anekdotenhafte Kurzgeschichten über „Götter, Helden und andere Schelme“ erzählt. In den Hauptgeschichten spielen sie zwar nur Nebenrollen, aber dennoch stellen sie eindrucksvolle, komische Figuren dar, über die viel Unterhaltsames zu berichten ist.
Zwei Essays zur antiken Mythenrezeption aus der Sicht bekannter Zeitzeugen:
Die Abhandlung über den Musenkult in der griechischen Mythologie steht unter dem Motto: „Von der musischen zur musikalischen Begeisterung.“ Es wird der Versuch unternommen, an Originalzitaten von Homer, Hesiod, Platon und Strabon Charakteristika in der Entwicklung des Musenkultes zu identifizieren, die die Musenkunst der Inspiration von Dichtern und Denkern als Rationalisierungsprozess wahrnehmen, an dessen Ende die Musen als Stifter der Musik verstanden und gefeiert werden, die alle Welt mit musikalischer „Begeisterung“ erfüllt.
Ein Kommentar zu einem Beitrag des altgriechischen Historikers Herodot zum Thema „Frauenraub“. Er war Zeitzeuge eines quasi klassischen „Historikerstreits“ in der Antike über das Problem der widerrechtlichen Aneignung hochstehender Frauen durch Potentaten. Im frühgeschichtlichen Griechenland ist es offenbar zu dauernden Streitigkeiten zum Beispiel zwischen Persern, Griechen und Phöniziern gekommen, in denen so interessante Fragen wie nach der gerechten „Ablösesumme“ für entführte Frauen zu Fragen von Krieg und Frieden hochstilisiert wurden.
Der Kentaurenkönig Cheiron mit einem Eleven
Cheiron war ein Kentaur, ein Mischwesen mit menschlichem Oberkörper und einem vierbeinigen Pferdeleib. Abgesehen von einigen anderen in der griechischen Mythologie vorstellig gemachten hybriden Ungeheuern, Riesen und anderen seltsamen Gestalten, gehörten die Kentauren, die sogenannten Pferdemenschen, seit Urzeiten zur menschlichen Gesellschaft, wenn sie auch bis auf wenige Ausnahmen von eher unzivilisierter Natur waren und mit einer einsamen Außenseiterrolle vorliebnehmen mussten.
Einer alten Überlieferung zufolge glich Cheiron, der König der Kentauren, körperlich seinen Mitkreaturen, den wilden Mischwesen aus Pferd und Mensch aufs Haar. Doch soll er als einziges kultiviertes Individuum unter ihnen erhabenen Ursprungs gewesen sein, im krassen Gegensatz zu all den anderen Kentauren, die seinerzeit in Thessalien, insbesondere im Waldgebirge des Pelion auf der Halbinsel Magnesia ihr Unwesen trieben.
Als Cheirons Vater galt der Urgott Kronos, der ihn, um nicht von seiner Frau entdeckt zu werden, in der Gestalt eines Pferdes mit Philyra, einer Tochter des Okeanos, gezeugt haben soll. Dieser unsterbliche Kentaur war somit ein Halbbruder des Zeus. Mit einer solchen Herkunftsgeschichte eignete sich Cheiron bestens zum König der Kentauren und galt als ausgesprochen gerechter Herrscher über seine rauen Untertanen mit ihren wilden Sitten. Auf dem Berg Pelion, nahe dem Gipfel, bewohnte er eine großräumige Höhle mit bester Aussicht über sein Herrschaftsgebiet, die vom Meer umspülte bewaldete Halbinsel Magnesia.
Cheiron war klug und weise, in allen Künsten der Musen wie des Bogenschießens und der Heilkunst zu Hause und überdies als sehr guter Lehrer bekannt. Kein Wunder, dass die Nachfrage nach dem pädagogischen Einsatz des Meisters bei vielen vornehmen Familien Griechenlands groß war. Denn sie waren selbst meistens mit Wichtigerem befasst als mit der Erziehung ihrer Sprösslinge. Der gute Mann hatte also in Erziehungsfragen viel zu tun. Der spätere Wunderarzt Asklepios, der erfinderische Aristaios und Jason, der Kapitän der Argonauten, gehörten wie viele andere zu seiner Klientel. Sein Musterschüler aber war Achilleus, der Halbgott und spätere erste Krieger unter den griechischen Heroen. Er erfuhr bei Cheiron eine für damalige Verhältnisse umfassende Erziehung, wozu nicht nur der Gesang, das Spiel auf der Kithara, die Heil- und Jagdkunst und nicht zuletzt das Kriegshandwerk gehörten, sondern auch die für die gehobenen Kreise obligatorische Unterweisung in der griechischen Sitten- und Tugendlehre.
Aus Cheirons Leben sind keine großen Erzählungen bekannt, außer denen, die aus seinem heimischen Umkreis und den Umständen seines widernatürlichen Ablebens bekannt geworden sind. Und dazu gehört in erster Linie die Geschichte von Peleus und Thetis, an der der Kentaurenkönig Cheiron einen großen Anteil hatte.
Widerstrebend hatte Zeus beschlossen, Peleus, König der Myrmidonen von Phthia in Thessalien, der Meeresgöttin Thetis zum Ehemann zu geben. Er hätte sie zwar gern selbst zur Nebenfrau gemacht, aber die Prophezeiung der Schicksalsgöttinnen warnte ihn rechtzeitig: Jeder Sohn der Thetis würde nämlich mächtiger sein als sein Vater, hieß die Botschaft, die selbst ein Göttervater ernst zu nehmen hatte. So richtig ärgerlich wurde Zeus aber erst über die spröde Haltung von Thetis gegenüber seinen penetranten Annäherungsversuchen. Sie tat das angeblich aus Rücksicht auf ihre Pflegemutter Hera, die Zeusgemahlin, der sie wegen erwiesener Wohltaten zu Dank verpflichtet war. Woraufhin sich Zeus zu einem gemeinen Schwur hinreißen ließ: Die Göttin Thetis sollte nämlich niemals in ihrem ewigen Leben einen Unsterblichen zum Mann bekommen.
Da mischte sich die Göttermutter Hera ein: Ihrer Pflegetochter verpflichtet, beschloss sie, Thetis wenigstens – wenn es denn kein Gott sein sollte – mit dem Edelsten aller Sterblichen zu vermählen. Und wer war da geeigneter als der Held Peleus, der „Liebling der Götter“, wie der Volksmund wusste. Kurz: Peleus wurde gar nicht erst gefragt; seine Liaison mit Thetis war reine Göttersache und schon beschlossen. Doch Peleus hatte längst ein begehrliches Auge auf ebendiese reizende Meeresgöttin geworfen und ihm konnte man die Aussicht auf einen ihm überlegenen Sohn eher zumuten als ausgerechnet Zeus, dem mächtigsten aller Götter. Denn wenn ein Mann wie Peleus von dieser Verheißung etwas gewusst hätte, wäre er sicherlich noch stolz darauf gewesen.
Beim nächsten Vollmond rief Hera alle Olympier zum Heiratszeremoniell zusammen und sandte zugleich ihre Botin Iris mit dem Befehl zu Peleus, er solle sich zur Heirat bereithalten. Nun aber sah Cheiron in seiner großen Weisheit voraus, dass die unsterbliche Thetis mit dieser von ganz oben arrangierten Heirat mit einem Erdenmann ganz und gar nicht einverstanden sein würde. Er riet Peleus daher zu einer List: Er sollte sich hinter einem Myrtenstrauch am Meeresstrand verstecken, um Thetis zu überraschen, wenn sie, nur mit einem seidenen Schleier um die Schultern, auf einem Delfin über das Meer geritten kam, um ihren gewohnten Mittagsschlaf in einer nahen Höhle zu halten.
Gesagt, getan: Sobald Thetis die Höhle betreten hatte und eingeschlummert war, stürzte sich Peleus auf sie. Der Kampf war lautlos, aber heftig. Thetis wehrte sich gegen die männlichen Übergriffe mit aller Kraft, sodass es aussah, als würde sie sich wechselweise in „Feuer, Wasser, Löwe oder Schlange“ verwandeln. Doch Peleus war gewarnt: Selbst als sie am Ende die Gestalt eines riesigen Tintenfisches annahm und ihn mit schwarzer „Tinte“ bespritzte, ließ er nicht von ihr ab. Verbrannt, geschlagen, gestochen und besudelt, bezwang er die Nymphe schließlich. Thetis gab sich geschlagen und dem Menschenmann in leidenschaftlicher Umarmung hin.
Beider Vermählung wurde kurz darauf vor der Höhle des Cheiron auf dem Berg Pelion mit einem rauschenden Fest gefeiert. Ein Bild für die Götter! Alle Olympier waren gekommen und saßen auf zwölf goldenen Thronsesseln. Hera, die Göttin mit den goldenen Schuhen, trug die Brautfackel und Zeus spielte wohl oder übel den Brautvater, thronend inmitten der gesamten Götterrunde. Die Musen sangen ihre himmlischen Weisen, Ganymedes schenkte die Götterspeisen Nektar und Ambrosia aus, und die fünfzig Nereiden, die Schwestern der Braut, tanzten auf dem weißen Sand die ganze Nacht lang. Dazwischen die Brautleute Peleus und Thetis mit ihren illustren Gästen, darunter König Cheiron und seine Getreuen und die wilden „Pferdemenschen“ aus seinem Volk. Bei denen floss der Wein in Strömen, sie soffen, vertilgten gebratenes Fleisch in Massen und unterhielten die Gäste mit einem Feuerwerk aus brennenden Pfeilen auf ihre Art.
Unter den Brautgeschenken befand sich nur das Edelste: Von Cheiron kam der berühmte Speer, aus einer Esche vom Berg Pelion geschnitten, Athene hatte den Schaft blank poliert und Hephaistos die Spitze geschmiedet. Vereint schenkten die Götter einen herrlichen Brustpanzer aus reinem Gold; und Poseidon gab großzügig die beiden unsterblichen Pferde Balios und Xanthos dazu. So kam eine komplette Kampfausrüstung zusammen, die später einmal dem Helden Achilleus, Peleus’ und Thetis’ berühmtem Sohn, gute Dienste vor Troja leisten sollte.
Um anlässlich der hochrangigen Hochzeit die Harmonie unter den Göttern nach Möglichkeit zu wahren, wurde Eris, die Göttin des Streits, gar nicht erst zum Fest eingeladen. Doch sie konnte es nicht lassen. Aus Ärger darüber, von der Gästeliste gestrichen worden zu sein, wollte Eris sich rächen und hatte sich zu diesem Zweck die schönen Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite erkoren. Die waren gerade in bester Feststimmung und plauderten angeregt miteinander, als ein goldener Apfel, von Eris geschickt, in ihre Mitte rollte. Peleus hob ihn auf und las verlegen die Inschrift „der Schönsten!“, war sich jedoch nicht sicher, welcher von den vielen anwesenden weiblichen Schönheiten der Apfel gehören sollte. Man erzählt, dass schließlich der Streit von Zeus persönlich geschlichtet wurde. Dieser beauftragte den trojanischen Prinzen Paris, den Schiedsrichter zu spielen, denn er galt unter den Männern wegen seiner Wohlgestalt geradezu prädestiniert für diese Aufgabe. Die Göttinnen waren entzückt und um verlockende Angebote an den schönen Mann nicht verlegen. Hera versprach ihm alle Macht auf Erden, Athene lockte mit großem Reichtum und Aphrodite bot ihm die Hand der schönsten Frau der Welt, der spartanischen Prinzessin Helena. Paris zauderte nicht lange und überreichte der Liebesgöttin Aphrodite den goldenen Apfel. Macht und Reichtum hatte er offenbar genug, aber die schönste Frau der Welt sein eigen nennen zu dürfen, das war ihm das Größte. Tief in ihrer Ehre verletzt, erzürnten die beiden unterlegenen Göttinnen. Die Feststimmung war dahin und in letzter Konsequenz wurde diese Apfelaffäre für das spätere Drama des Trojanischen Krieges bedeutsam. Denn Aphrodite hatte schließlich Paris als Siegesprämie die Hand der Helena versprochen. Aber davon wird später noch zu berichten sein …
Eine uralte Geschichte erzählt, dass der göttliche Herakles, der einst auf seiner Reise durch weite Lande nach Thessalien kam, von Cheiron und Pholos, den einzig gesitteten Artgenossen unter den Kentauren, gastfreundlich aufgenommen wurde. Man setzte Gebratenes auf den Tisch, obwohl die Kentauren selbst das Fleisch im Rohzustand bevorzugten. Als Herakles Pholos an den noch fehlenden Wein erinnerte, wagte dieser es zunächst nicht, den Weinkrug, der ein gemeinsames Gut der Kentauren war, ohne deren Einverständnis zu öffnen. Denn es war gerade jener Krug, den der Weingott Dionysos schon vor Generationen in der Höhle für die Gelegenheit eines feucht-fröhlichen Gelages mit den Kentauren aufbewahren ließ. Und in der Tat, kaum war der Krug geöffnet, da hatten die Kentauren in ihren Nachbarhöhlen den starken Wein bereits gerochen. Zornig darüber geworden, dass sie zur Weinprobe nicht geladen waren, zogen sie mit Felsbrocken, ausgerissenen Fichtenstämmen und Feuerbränden bewaffnet vor die Höhle und störten die gemütliche Zusammenkunft empfindlich. Die ersten Angreifer erledigte Herakles mit einem Hagel von Pfeilen. Bis Nephele, die „wolkenähnliche“ Großmutter der Kentauren, ihrer Familie zu Hilfe kam. Sie, die Macht über das Wetter besaß, ließ einen heftigen Regen los, der die Bogensehne des Herakles erweichen ließ, den Boden schlüpfrig und den Kampf beinahe aussichtslos machte. Herakles aber – ganz der alte Kämpfer und seiner früheren Taten immer noch würdig – schlug sich gut gegen die Menge der aufgebrachten Kentauren. Während Pholos vor Angst das Weite suchte, hatte Cheiron furchtbares Pech. Einer der Pfeile des Herakles verfehlte sein Ziel und blieb unglücklicherweise im Knie des Cheiron stecken. Entsetzt über diesen Unfall seines alten Freundes, zog Herakles den Pfeil sofort heraus. Doch alle Heilmittel halfen ihm nichts. Heulend vor Schmerz zog sich Cheiron in seine Höhle zurück, denn das Pfeilgift hatte bereits zu wirken begonnen. Der Kentaurenkönig musste lange leiden, denn der Tod konnte ihn nicht erlösen, weil er nun einmal unsterblich geboren war.
Traurig musste Herakles Abschied nehmen, denn er konnte für den leidenden Freund nichts mehr tun. Aber das sollte sich ändern.
Auf seiner langen Wanderschaft durch die damals bekannte Welt erreichte Herakles schließlich auch den Kaukasus am Schwarzen Meer und den Ort, wo der Titan Prometheus an einen Felsen gefesselt hing – tausend oder dreißigtausend Jahre, wer weiß das schon – während derer jeden Tag erneut ein Geier an seiner Leber hackte. Eine wahrlich grausige Strafe, zu der der Göttervater Zeus den ungehorsamen Gott verurteilt hatte. Für dessen „Untat“ nämlich, den auf der kalten Erde dahinvegetierenden Menschen trotz Verbot von oben das wärmende Feuer gebracht zu haben. Die Menschen kannten das Feuer bis dahin nur als todbringenden, flammenden Wutausbruch des Blitze schleudernden Zeus und hatten es sattsam fürchten gelernt. Prometheus jedoch hatte sich erbarmt und die Menschen gelehrt, die Flammen zu zähmen und allerhand weiteren Nutzen daraus zu ziehen. Die Menschen bekamen durch das Feuer erst die Chance auf ein zivilisiertes Leben.1
Als Herakles bei seiner Begegnung mit dem leidenden Prometheus das alles durch Kopf ging, kam ihm eine blendende Idee. Ihm, der als menschlicher Sohn des Zeus durchaus eine gewisse Kenntnis der himmlischen Umstände und Begebnisse besaß, fiel ein, dass Zeus schon längst die harte Bestrafung des Prometheus für diese Tat bereut hatte. Denn dieser hatte ihm vor langer Zeit auch mal eine Gefälligkeit erweisen, für die sich der Göttervater bisher noch nicht revanchiert hatte. Prometheus hatte Zeus nämlich frühzeitig auf die schicksalsträchtige Prophezeiung hingewiesen, derzufolge die von ihm gewünschte Liaison mit der Göttin Thetis ihm nicht zur Freude gereichen würde und er deshalb wohlweislich davon absah.1
Umgehend bat Herakles den Göttervater, den Leiden des Prometheus ein Ende zu setzen. Und Zeus ließ Gnade vor Recht ergehen. Doch die Sache hatte einen Haken: Prometheus konnte erst Gnade finden – so ein uraltes Gesetz – bis ein Unsterblicher an seiner Stelle freiwillig in den Tartaros ginge. Da erinnerte Herakles Zeus an das Leid des Cheiron, der an seiner Wunde unsterblich litt und nur noch den einen Wunsch hatte, von seiner Unsterblichkeit befreit zu werden. Dem stand jetzt kein Hindernis mehr im Weg. Herakles schoss treffsicher den Geier vom Himmel und befreite den leidenden Prometheus von seiner Pein. Da Zeus den abtrünnigen Titanen aber nun einmal zu ewiger Strafe verdammt hatte und sich ein oberster Herrscher niemals eines Wortbruches bezichtigen lassen durfte, verdonnerte er Prometheus nach seiner Erlösung zum Tragen eines Rings an einer Kette, der ewig an sein grausames Leiden erinnern sollte.
So konnte gleich zwei leidtragenden, gottgleichen Wohltätern der Menschheit geholfen werden. Der Kentaurenkönig Cheiron starb in Frieden, sein Andenken wurde noch lange gepflegt. Und der Titan Prometheus konnte durch seine ausgeprägte Menschenfreundlichkeit noch ewig dem Zeus ein Dorn im Auge bleiben, weil der die Menschheit wohl für allzu anspruchsvoll hielt, als dass sie der selbstlosen Hilfe eines Prometheus unbedingt bedurft hätte.
1 Vgl. Geschichte „Fluch und Segen einer Götterhochzeit“
Kretheus aus Jolkos2, nahe dem Berg Pelion in Thessalien, hinterließ nach seinem Tod einen Sohn namens Aison und den Stiefsohn Pelias. Aison war ursprünglich der rechtmäßige Erbe des Thrones von Jolkos, aber sein Stiefbruder Pelias gelangte als Statthalter in dessen Besitz, weil er nach dem frühen Tod von Aison als Wahrer des Königtums und Vormund seines jungen Neffen Jason, dem nächsten Thronerben, an seine Stelle trat. Jasons Mutter aber traute dem Vormund des jungen Jason nicht. Sie gab ihren Sohn stattdessen in die Obhut des weisen Kentauren Cheiron, von dem sie als Lehrer nur das Beste gehört hatte. In Cheirons Höhle lebte Jason längere Zeit und erfreute sich der Freundschaft vieler Fürstensöhne aus aller Welt, die ebenfalls in den Genuss von Cheirons Wissen und Erziehung gekommen waren. Musik und Heilkunde sollen Jasons liebste Unterrichtsfächer gewesen sein.
Den neuen Statthalter Pelias plagte unterdessen eine innere Unruhe, weil ein Orakel ihn in der bekannt zweideutigen Weise vor dem „Mann mit der einen Sandale“ gewarnt hatte, der nach dem Thron greifen und Pelias’ unrechtmäßiger Herrschaft über Jolkos eine Ende setzen würde.
Und damit hatte es folgende Bewandtnis: Als der junge Jason eines Tages von Cheirons Höhle nach Jolkos herabstieg, ging gerade ein heftiger Regenguss nieder. Da bemerkte er am Ufer eines angeschwollenen Flusses eine alte Frau, die schreckliche Angst hatte, den Fluss zu durchqueren. Jason kam ihr zu Hilfe und trug sie kurzerhand auf seinen Schultern hinüber ans andere Ufer. Allerdings nicht ohne Mühe, denn die Wasserströmung war gefährlich stark und der freundliche Träger musste beim Gehen höllisch aufpassen, nicht mit seiner Last den Halt zu verlieren und im Wasser zu landen. Dabei blieb ihm dummerweise eine Sandale im Schlamm stecken und er musste mit nur einem Schuh am Fuß ans andere Ufer waten. Drüben glücklich angekommen, gab sich seine weibliche Last zu erkennen. Jason hatte keine Geringere als die Göttin Hera persönlich über den Fluss getragen und wegen dieser uneigennützigen Tat erklärte die Göttermutter Jason hinfort zu ihrem dauerhaften Günstling. Und da bekam die Göttin in Zukunft eine ganze Menge zu tun.
So geschah es, dass Jason nur halbbeschuht nach Jolkos ging. Pelias aber erkannte in ihm sofort den Mann des Orakelspruchs und war erst recht beunruhigt, als er erfuhr, dass ausgerechnet sein Neffe ihm zum Schicksal werden sollte. Durch „die Kraft und Geschicklichkeit eines Verwandten“ nämlich sollte Pelias zu Tode kommen, lautete die Weissagung.
Aus diesem Grund musste er das Schicksal auszutricksen versuchen, um Jason möglichst schnell wieder loszuwerden. Kurzerhand musste eine glaubwürdig klingende Geschichte her, derzufolge Jason sich unverzüglich aufzumachen hätte und am besten nie wieder Gelegenheit bekommen dürfte, das Herrschaftsgebiet des Pelias zu betreten. Und da kam dem hinterhältigen Onkel die ebenso alte wie berühmte Geschichte vom „goldenen Vlies“ zupass, ein vergoldetes Widderfell betreffend, das Jason unverzüglich aus dem fernen Kolchis am Schwarzen Meer heimzuholen hätte, da dieser Schatz schon vor langer Zeit unrechtmäßig aus Griechenland entfernt wurde. Der Sage nach soll vor Zeiten ein gewisser Phrixos auf dem Rücken eines goldenen Widders fern an den Kaukasus am Schwarzen Meer – man höre und staune – geflogen sein, dessen goldenes Fell dort seitdem als sagenhafter Schatz an einer alten Eiche hinge und von einem niemals schlafenden Drachen bewacht würde.
So weit konnte der junge Jason an dem Reisebefehl seines Onkels keine böse Absicht erkennen, im Gegenteil: Seine Abenteuerlust war geweckt und viel zu verlieren hatte er in Jolkos unter der Knute seines machtgierigen Verwandten auch nicht, aber viel zu gewinnen, wenn ihm die Kaperfahrt ins Schwarze Meer gelang. Denn diese Weltgegend barg, wie es hieß, ungezählte Reichtümer zu Lande und zu Wasser, die für Griechen bis dato unzugänglich waren. Ein unguter Zustand, wie die „Argonauten“ befanden, dem sie mit ihrer Kaperfahrt ein Ende zu setzen trachteten.
Alsbald wurde eine Seereise organisiert, wobei auch die Mithilfe der Göttin Hera eine gewisse Rolle gespielt haben soll, die seit ihrer mühseligen Flussüberquerung Jason gegenüber gewissermaßen in der Pflicht stand.
Der kundige Bootsbauer Argos baute ein passendes Boot; das erste Langschiff seiner Zeit, denn es sollte zahlreiche Ruderer, an die fünfzig Mann nebst Ladung, aufnehmen können. Athene half ihm mit ihrem Rat und befestigte am Bug ein Stück Holz der Eiche vom Zeusorakel in Dodona, das die Fähigkeit besaß zu sprechen und vor möglichen Gefahren unterwegs zu warnen.
An die fünfzig Söhne der edelsten Familien Griechenlands, aber nur die Besten ihrer Zeit, versammelten sich, um sich nach dem Aufruf des Jason als Ruderer, Kämpfer oder Steuermann an der Reise ins Ungewisse zu beteiligen. Und so befanden sich unter den Teilnehmern so illustre Persönlichkeiten und Väter berühmter Kämpfer, wie Theseus, Peleus, der Vater des Achilleus, und Laertes und Telamon, deren Söhne Odysseus und Ajax Jahre später vor Troja ihren Lorbeer verdienten. Sogar der größte Held aller Zeiten Herakles bewarb sich um eine Ruderstelle auf der Argo, lehnte aber jegliche ihm angetragene Führerschaft ab, weil er Jason für den wahren Anführer der illustren Mannschaft ansah. Er verließ dann schon bald den Heldenkreis der Argo aus ganz privaten Gründen. Aber dazu später mehr …
Als das Schiff endlich vom Stapel gelassen und aufgetakelt war und die Ruderplätze per Los verteilt waren, wurde eine voluminöse Abschiedsfeier nebst zünftigem Gelage veranstaltet. Dabei hatte der Sänger Orpheus, überraschenderweise ebenfalls Mitglied der „Argonauten“, wie die Mannschaft der „Argo“ landläufig genannt wurde, als Alleinunterhalter seinen ersten Auftritt. An Bord hatte er mit Gesang und Leier künftig für gute Laune zu sorgen.
Unter dem begeisterten Beifall der Bevölkerung von Jolkos, wenn auch von bangen Abschiedstränen der vielen zurückgelassenen Frauen begleitet, verstauten die Argonauten, wie sie sich selbst nach ihrem Schiff „Argo“ nannten, ihre paar Habseligkeiten. Verpflegung, Wasser- und Weinvorräte und ein paar Opferschafe für die Götter und zum eigenen Schmaus kamen an Bord. Schließlich stach die zünftige Mannschaft in See zu ihrer „Weltreise“ mit Kurs auf Kolchis im Schwarzen Meer. Ein Ziel, nach damaligen Maßstäben so ziemlich am Rand der bekannten Welt gelegen, das von den zu allem entschlossenen Ruderern wohl eher mit gemischten Gefühlen ins Auge gefasst wurde. Denn schließlich wusste keiner so genau, wo das eigentlich lag – man hatte sich offenbar darauf verlassen, den richtigen Kurs unterwegs von Einheimischen zu erfahren. Und was sie dort am Ende an Unbill erwartete, bei ihrem Auftrag, nicht unerheblichen Reichtum, genannt das „goldene Vlies“, vom Schwarzen Meer nach Hause zu bringen, stand in den Sternen.
Nach ein paar Tagen angestrengten Ruderns, denn die unsteten Winde in der nördlichen Ägäis sorgten die meisten Tage für keinen ordentlichen Rückenwind, der das Rudern erleichtert hätte, tauchte im Morgengrauen am Horizont der bergige Umriss der Insel Lemnos auf. In freudiger Erwartung eines erholsamen Landgangs erhöhten die Argonauten die Schlagzahl und landeten schließlich in einer freundlichen Bucht, die förmlich dazu einlud. Die Schatten spendenden Bäume am Ufer des Meeres versprachen eine erholsame Siesta nach einer guten Mahlzeit. Bei einem ersten Rundblick über die angrenzende Landschaft fiel den Ankömmlingen allerdings eine Merkwürdigkeit auf: Überall auf den Feldern und Wiesen waren ausschließlich Frauen und Mädchen bei der Arbeit und weit und breit kein einziger Mann zu sehen. Und ihre Überraschung wurde umso größer, als die ersten Landgänger von einer Schar bewaffneter, in Männerrüstung steckender Frauen, empfangen und mit äußerstem Argwohn gemustert wurden. Unverhohlen unterstellte man den erholungsbedürftigen Männern feindliche Absichten, denen nur mit kühnem Mut und Waffen zu begegnen war. In ihrem martialischen Auftreten taten die Frauen ihr Bestes zur Abschreckung. Doch der redegewandte Echion, mit dem Heroldstab in der Hand als Herold des Jason ausgewiesen, verstand es, die aufgeregten Frauen von den lauteren Motiven der Männer schnell zu überzeugen. Sie zogen sich zur Beratung zurück und ihre Königin Hypsipyle machte den hungrigen Fremden das Angebot eines reichhaltigen Frühstücks mit Wein, Fleisch und Brot. Der Zutritt zur Stadt allerdings wurde ihnen einstweilen verwehrt. Die Frauen wussten aus Erfahrung, auf welche merkwürdige Ideen fremde Männer kommen konnten, vor allem wenn sie ausgeruht, satt und betrunken waren …
Es waren aber auch gewisse Schuldgefühle der Frauen im Spiel. Denn es hätte sich ja herumgesprochen haben können, dass das Weibervolk von Lemnos seinerzeit aus Unmut darüber, dass ihre Männer sich lieber mit erbeuteten Fremdweibern aus Thrakien oder von anderswo verlustierten, als den eigenen die Treue zu halten, auf Rache gesonnen und die notorischen Ehebrecher meuchelmäßig umgebrachten hatten. Sie befürchteten natürlich, jetzt dafür die Rechnung bezahlen zu müssen. Unter anderem erzählte man, dass die heimischen Männer deshalb die Nase von ihren Frauen im wahrsten Sinn gestrichen voll hatten, weil deren täglicher Umgang mit Gerber- oder anderer Drecksarbeit sie einen ekelhaften Geruch verbreiten ließ, der jegliche erotische Anziehung vergessen machte. Aber derlei Gerüchte haben die Männer der „Argo“ nun wieder nicht zu bestätigen gehabt.
Sei’s drum, Polyxo, die alte Amme von Königin Hypsipyle, setzte gegen die aufkommende Stimmung allgemeiner Ratlosigkeit der Frauen von Lemnos, was mit dem unverhofften Männerbesuch geschehen soll, ein Thema auf die Tagesordnung, das ihr schon von Amts wegen geläufig war. Sie gab zu bedenken, dass die verschärften Schutzmaßnahmen gegen die ungerufenen Besucher die zwangsläufige Enthaltsamkeit der Frauen derart zu übertreiben drohte, dass die Nachkommenschaft und das Überleben des Landvolkes von Lemnos auf Dauer bedroht wäre. Vielmehr sollten sich die Mitbürgerinnen „in das Abenteuer der Liebe“ mit der Berechnung einlassen, nicht nur den männlichen Schutz, sondern auch die unverhofften erotischen Fähigkeiten ihrer Besucher zum Erhalt ihres Stammes auszunutzen. Und in der Tat, die Amme traf allseits auf eine große Bereitschaft zu einem Liebesspiel und einige junge Mädchen hatten bereits Tuchfühlung aufgenommen. Die Argobesatzung ihrerseits lebte schon viel zu lange von ihren gewohnten häuslichen Verhältnissen getrennt, als dass sie nicht begierig das Angebot in den Betten von Lemnos angenommen hätten.
Die schöne Königin Hypsipyle hatte natürlich die erste Wahl und reservierte sich den stolzen Anführer Jason. Dem servierte sie eine halb gare Geschichte über den Männerverlust. Derzufolge ließen die dauernden Misshandlungen durch die Männer die Frauen schließlich zu den Waffen greifen und die Bande samt und sonders von der Insel vertreiben. Ob die Geschichte Jason und seinen Männern glaubhaft erschien, sei dahingestellt, mit Begeisterung nahmen sie das angebotene Liebesabenteuer an, vergaßen eine Zeit lang ihr Reiseziel und zeugten Nachkommen, von denen mancher später noch von sich reden machte. So wird beispielsweise erzählt, dass Jason allen voran auf der Insel einen Sohn mit dem Namen Euneus hinterlassen hat, der Jahre später dort König wurde und während des Trojanischen Krieges das griechische Heer regelmäßig mit großen Mengen Wein versorgte.
Aber einer hat sich nicht betören lassen: Herakles, der Stärkste von allen, hielt sich aus der ganzen Liebeständelei heraus, denn nach anderem stand ihm der Sinn. Er war als Wache beim Schiff zurückgeblieben, hatte seinen Lieblingsknaben Hylas dabei und so wurde ihm nicht langweilig; bis er befand, dass die Reise fortgesetzt werden müsste, sollte aus dem Auftrag jemals noch etwas werden. Mit seiner Keule ausgerüstet ging er im Dorf von Tür zu Tür und erinnerte seine Kollegen mit Nachdruck an ihre Pflichten. Anders hätte wahrscheinlich das „goldene Vlies“ niemals Kolchis verlassen können. In derselben Nacht noch nahmen die Helden unter Tränen ihrer Geliebten Abschied, natürlich mit dem heiligen Versprechen ihrer baldigen Rückkehr, und verließen mit der Argo nach der Meldung „alle Mann an Bord“ die Insel Lemnos nach Norden in Richtung der Insel Samothrake.
Um die Eintönigkeit an Bord während der stundenlangen Ruderzeit ein wenig aufzulockern, regte Herakles einen Ruderwettstreit an, wer von den Männern die längste Ruderzeit durchhalten konnte. Das war von vornherein ein asymmetrischer Kampf, aus dem so gut wie sicher Herakles als Gewinner hervorgehen musste. Ein Schelm, wer Böses dabei dachte und Herakles nur prüfen wollte, ob sich seine Kollegen in Lemnos’ Betten nicht ein wenig übernommen hatten. Sei’s drum, die Helden legten sich in die Riemen. Nach vielen mühsamen Stunden, in denen das endlose, aber gut gemeinte Leierspiel des Orpheus nur wenig Erleichterung brachte und die meisten Kameraden schon aufgegeben hatten, mussten Herakles, Jason und die Zwillingsbrüder Kastor und Polyneikes die Sache unter sich ausmachen. Bis den Brüdern der Atem ausging, Jason fast ohnmächtig zusammenbrach und Herakles sich schon am Ziel sah, traf ihn das Ungemach, das ihm das Ruder zerbrach. Der schon fast abgemeldete Rest der Streiter konnte so mit vereinten Kräften das Schiff doch noch siegreich auf Land setzen. Sie feierten gebührend ihren Gruppensieg über den Halbgott Herakles, der seinerseits die Niederlage wegen des geknickten Ruderblattes nur schwerlich verwinden konnte.
Aber der nächste Ernstfall folgte auf dem Fuße und war viel tragischer. Kaum hatte sich Herakles auf der Suche nach einem geeigneten Baumstamm als Ersatz für sein gebrochenes Ruderblatt in den nahen Wald begeben, bemerkte er mit Schrecken, dass sein Lieblingsknabe Hylas, der ihn anfangs mit einem leeren Wasserkrug ein Stück zum nächsten Bach begleitet hatte, verschwunden war. Sofort nahm er die Suche auf, traf unterwegs seinen Kumpan Polyphemos, der schon vorher den Wald durchstreift und dabei die Hilferufe des Hylas zwar gehört, aber außer einem leeren Krug am Bach keine Spur von dem Jungen gefunden hatte. Die ganze Nacht lang schallten die „Hylas“-Rufe vergeblich durch den Wald. Da konnte nur eine übernatürliche Macht im Spiel gewesen sein. Man erzählte seitdem die „Geschichte des hübschen Knaben Hylas“, in den sich die Nymphen verguckt und den sie kurzerhand in ihre unterseeische Höhle verfrachtet hatten, um sich seiner fürderhin zu erfreuen. Die Nymphe Dryope und ihre Schwestern sollen an dem Coup beteiligt gewesen sein, den Knaben seinem rechtmäßigen „Liebhaber“ Herakles auf so schnöde Weise zu entfremden, dass man niemals mehr von ihm eine Lebensregung wahrgenommen hat.
Doch der verzweifelte Herakles und sein Freund Polyphemos brachen die Suche noch lange nicht ab, bis Jason, des langen Wartens müde, den günstigen Morgenwind nutzen wollte und gegen das Murren der Besatzung den Befehl zur Abreise gab. Da brach ein handfester Streit in der Mannschaft aus und man versuchte, mit vereinten Kräften den Steuermann Tiphys zur Umkehr zu bewegen, um die verschwundenen Genossen doch noch ausfindig zu machen, aber ohne Erfolg.
Herakles kehrte auch später nicht mehr zur Argo zurück, doch vergaß er nicht zu beschwören, sich für die abrupte Abkehr seiner Genossen von ihm dereinst schadlos halten zu wollen. Polyphemos wird nachgesagt, mit der Neugründung einer Siedlung sein Unglück gewendet und noch als König über eigenes Land viele frohe Tage gesehen zu haben.
Kurze Zeit später, die Argo hatte schon das Marmarameer erreicht, legte sie an der Insel Bebrykos an, um dringend benötigte Lebensmittel und Wasserreserven aufzunehmen. Gehört hatten sie schon viel von dem überheblichen König Amykos, der diese Insel regierte. Der hielt sich nämlich für einen allen Gegnern überlegenen Faustkämpfer, der es sich leisten konnte, jeden Fremden zu einem Wettkampf herauszufordern, bevor er ihm auch nur ein Stückchen Brot oder einen Tropfen Wasser bewilligte. Lehnten diese den Kampf ab, so hatten sie gleich ihr Leben verwirkt; willigten sie ein, hieß das für sie eigentlich immer ein großes Unglück.
Aber unser Fall lag anders. Unter ihrer großen Schar der Besten Griechenlands befand sich nämlich der starke Faustkämpfer Polydeukes, einer der beiden Zwillinge. Der hatte schon bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille im Faustkampf gewonnen und war geradezu prädestiniert, dem kecken Herausforderer im wahrsten Sinn des Wortes die Stirn zu bieten. Kurz und gut: Mit Lederhandschuhen ausgestattet – die des Amykos waren gemeinerweise mit eisernen Dornen besetzt – ging man aufeinander los. Als besserer Techniker parierte Polydeukes die stierartigen Angriffe seines Gegners, entdeckte bald dessen Schwächen bei der Verteidigung und schon musste der Herausforderer einen schmerzhaften Nasenstüber einstecken. Da wurde Amykos handgreiflich, versuchte, Polydeukes festzuhalten, um einen entscheidenden Schlag zu setzen. Doch der hatte die Attacke geahnt, befreite sich mit einem Ruck und konterte seinerseits mit einem gefährlich Haken gegen dessen Schläfe, der ihn tödlich getroffen zu Fall brachte. Mit einem Aufschrei zückten die Bebryker ihre Waffen, doch die Griechen waren auf der Hut und konnten diese nach kurzem Gefecht zurückschlagen. Anschließend erleichterten sie den königlichen Palast um seine Schätze und füllten die Stauräume der Argo bis zum Rand. Nach dem obligatorischen, nicht kleinlichen Brandopfer zur Beschwichtigung des großen Meeresgottes Poseidon, auf den sich die geprügelten Bebryker immerhin als Ahnherrn beriefen, verließen die Argonauten in bester Siegerlaune das ungastliche Gestade und suchten das Weite.
Sie steuerten den Ort Salmydessos in Thrakien auf der Ostseite des Marmarameeres an, wo der blinde Phineus auf dem Thron saß. Man sagt, dass die Götter ihn mit Blindheit geschlagen hätten, weil er zu weit in die Zukunft, also in die Welt der Götter vorausblicken konnte. Aber eigentlich war die Gabe der Seher immer schon den Blinden vorbehalten, weil die das Naheliegende um sie herum eben schlechter wahrnehmen konnten und sich ihnen daher das Zukünftige leichter offenbaren musste – so der weitverbreitete Glaube. Aber der arme Phineus war damit noch nicht genug gestraft. Hinzu kam, dass er langsam, aber sicher verhungern musste. Jeden Tag zur Mahlzeit nämlich, in dem Moment, wo er den ersten Bissen tat, stürzten zwei Harpyien, jene geflügelten weiblichen Kreaturen aus mythischen Vorzeiten, vom Himmel, stahlen ihm den Bissen und hinterließen einen pestilenzartigen Gestank. Kein Wunder, dass der geplagte Mann äußerst unwirsch reagierte, als Jason mit der Bitte um Rat vor ihn trat, wie er Aietes, dem König von Kolchis, am besten das „goldene Vlies“ abgewinnen könnte. Vor jeder Antwort machte es Phineus zur Bedingung, ihn zuallererst von den ekligen Harpyien zu befreien, bevor er zu einer Gefälligkeit bereit war. Und da war er bei den Argonauten genau an der richtigen Adresse. Nicht umsonst waren unter den zahlreichen Besatzungsmitgliedern auch solche mit speziellen Fähigkeiten. Flugs wurden die beiden „Flügelmänner“ Zetes und Kalaïs, Söhne des Windgottes Boreas, geholt, die von Natur neben Armen und Beinen auch noch mit zwei riesigen Flügeln an ihren Schultern gesegnet waren, mit denen sie zu einmaligen Luftnummern fähig waren. Sofort wurde die königliche Dienerschaft mit der Zubereitung eines köstlichen Gerichtes beauftragt und alles im Eiltempo hergerichtet. Doch als Phineus mit dem Essen beginnen wollte, stürzten wieder die Harpyien herab und ehe sie mit ihrem üblen Spiel beginnen konnten, zogen die beiden geflügelten Helden ihre Schwerter, schwangen sich in die Lüfte und jagten die aufgeschreckten Ungeheuer weit über das Meer in alle Ferne „auf Nimmerwiedersehen“.
Jetzt war es Phineus zufrieden, er war dank seiner Seherqualitäten in der Lage, die genaue Reiseroute, die zu erwartenden Wetterverhältnisse, aber auch etwaige Unbill, die die rudernden Männer bei ihrer Fahrt durch den Bosporus zu gewärtigen hatten, ziemlich genau vorauszusagen. So zogen sie wohlgemut weiter durch die See bis zum nächsten eindrücklichen Erlebnis.
„Und als sie nun an den Engpass des windungsreichen Weges gekommen waren, der von beiden Seiten von rauen Klippen umschlossen ist, und die wirbelnde Flut das Schiff in seinem Lauf von unten bespülte und sie voll Schrecken weiterfuhren und schon das Dröhnen der aufeinander donnernden Felsen kräftig ihre Ohren traf und die meerumflossenen Küsten brüllten. Da nun packte Euphemos die Taube mit der Hand und ging zum Bug, sie aber leisteten unter dem Befehl von Tiphys die Ruderarbeit gemächlich, um dann im Vertrauen auf ihre Stärke das Schiff durch die Felsen zu treiben. Und sofort sahen sie, nachdem sie um die letzte Krümmung gebogen waren, wie diese sich öffneten und ihr Mut wurde erschüttert. Euphemos aber ließ die Taube los, damit sie auf ihren Flügeln dahinstürme, sie aber hoben alle zugleich die Köpfe, als sie es sahen. Und diese flog durch sie hindurch. Und die beiden Felsen krachten, als sie wieder gleichzeitig aufeinander zukamen. Und wie eine Wolke erhob sich die stark aufgewirbelte Salzflut. Und das Meer lärmte gewaltig. Und die hohlen Grotten dröhnten im Innern, wenn die Salzflut unten die rauen Klippen bespülte, und am Gestade spritzte die weiße Gischt der klatschenden Woge empor. Darauf schloss die Flut das Schiff ringsum ein. Die Felsen aber hatten der Taube die Spitzen der Schwanzfedern abgeschlagen. Doch sie war unversehrt davongeflogen und die Ruderer schrien laut auf. Die Helden aber, die das Schiff vorantrieben, erfasste ein Zittern, bis die wieder zurückkommende Flutwelle selbst es in die Felsen hineintrug. Da nun packte freilich alle die schrecklichste Furcht, denn über ihren Köpfen war auswegloses Verderben. Da tauchte vor ihnen unerwartet von vorn eine große gewölbte Woge auf, einer abgeschnittenen Bergspitze gleich. Und als sie sie sahen, beugten sie ihre Häupter seitwärts, denn sie schoss ja über das ganze Schiff herab und schien es einhüllen zu wollen. Aber Tiphys kam ihr zuvor, indem er das Schiff vom Ruderdruck entlastete und der Großteil der Woge wälzte sich unter den Kiel. Sie aber zog das Schiff selbst von Heck her weit von den Felsen zurück und es wurde hoch in die Luft getragen. Und gleich danach stürzte eine Woge herab, und das Schiff lief alsbald wie eine Walze, die vorwärts auf der reißenden Woge der hohlen Salzflut hinabgeglitten ist. Und das schoss, gleich einem geflügelten Pfeil, hoch in der Luft dahin. Aber dennoch rasierten die Felsen, als sie zusammenschlugen, die obersten Spitzen des Heckknaufs ab. Die Felsen aber waren nun an einer Stelle nahe beieinander fest verwurzelt.“3
Nachdem die Argonauten mit mehr Glück als Verstand diese tückische Felsenfalle der „Symplegaden“ gemeistert hatten und der ihnen vorher angeratene Trick mit der Taube bestens gelungen war, genossen sie jetzt die freie Fahrt durch den Pontos mit direktem Kurs auf die Ostküste des Schwarzen Meeres.
