Irrläufe - Giorgio Manganelli - E-Book

Irrläufe E-Book

Giorgio Manganelli

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Beschreibung

Ein leicht kurzsichtiger Herr wohnt im gleichen Haus, in dem auch eine schüchterne und von Grund auf junge Dame wohnt. Der Herr und die Dame leben in achtbarer Einsamkeit. Sie sehen sich praktisch jeden Tag – bei einer raschen und zufälligen Begegnung, mit leichtem Lächeln und hingehauchtem Gruß. Das gänzlich unerhebliche Problem, das jeder für den anderen darstellt, hört nicht auf, das Leben beider auf geringfügige, aber hartnäckige Weise zu beunruhigen … Giorgio Manganelli braut hundertmal einen Cocktail aus Vermutungen, Spekulationen, Lügen und Phantasien. Die vielbeschworene Krise des Romans, die fanatischen Feuilletondebatten um Bibliotheken der hundert wichtigsten Romane – Giorgio Manganelli setzt sich munter darüber hinweg, vielmehr, er macht sich gar darüber lustig. Und präsentiert eine schmale, dafür umso gehaltvollere Sammlung: hundert Romane in Pillenform, die das ganze Manganellische Textuniversum zu Drogen verdichten.

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Aus dem Italienischen von Iris Schnebel-Kaschnitz

Mit einem Nachwort von Klaus Wagenbach

Die italienische Originalausgabe erschien 1979 unter dem Titel Centuria bei Rizzoli in Mailand, die deutsche Erstausgabe 1980 als 107. Quartheft bei Wagenbach.

E-Book-Ausgabe 2022

© 1995 Adelphi Edizioni S.p.A. Milano

© 1980, 1989, 2000, 2022 für die deutsche Ausgabe:

Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin

Covergestaltung: Julie August. Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN: 978 3 8031 4356 3

Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3352 6

www.wagenbach.de

Giorgio Manganelli:

Die beste, aber auch kostspieligste Art, dieses Büchlein zu lesen, wäre folgende:

Man erwerbe das Nutzungsrecht an einem Wolkenkratzer, der genauso viel Stockwerke zählt wie der zu lesende Text Zeilen: auf jedem Stockwerk bringt man einen Leser unter, der ein Buch in der Hand hält; jedem Leser gebe man eine Zeile; nun beginnt der oberste Leser, von der Spitze des Gebäudes hinunterzustürzen, und während er nacheinander an den verschiedenen Fenstern vorbeifällt, liest der Leser des betroffenen Stockwerks mit lauter und klarer Stimme die ihm anvertraute Zeile.

1 Nehmen wir einmal an, dass eine Person, die gerade einer anderen Person einen Brief schreibt – das Geschlecht beziehungsweise die Geschlechter sind dabei unwesentlich –, in einem bestimmten Augenblick den Verdacht hegt oder einfach bemerkt, leicht betrunken zu sein. Nein, es handelt sich nicht um eine lästige, laute und abstoßende Betrunkenheit – es sei denn aufgrund der Tatsache, dass Betrunkenheit als Hyperbel der Existenz die eigene innerste Widerwärtigkeit, wie es im Schulaufsatz hieß, »zur Evidenz bringt«.

Der Schreibende könnte nun – betroffen von der Offenbarung seiner Trunkenheit – einfach davon absehen weiterzuschreiben. Die trübe Klarsicht des Trunkenseins könnte ihm nahelegen, von jeglicher weiteren Rede abzusehen. Aber wenn er davon absähe, Weiteres zu schreiben, dann gäbe er damit eine vernünftige Interpretation der dem Trunkensein eigenen Unvernunft; er kann also von seinem Thron eines Schreibenden nur herabsteigen, indem er sich selbst als untrunken, als Rolle, als Maske, als Fälscher seines trunkenen Selbst erkennt. Aber von dem Augenblick an, wo er die eigene Trunkenheit bemerkt oder zu wissen glaubt, dass er sie bemerkt hat, ist er nicht mehr bereit, darauf zu verzichten, ja, will es nicht mehr und duldet es nicht mehr. Also wird seine Trunkenheit von diesem Augenblick an eine freiwillige sein, eine nicht-notwendige Wahl – sei sie auch stark angeraten durch Schläfrigkeit, moralische Irritation, Unbehagen und Wohlbefinden, beides wunderlich vereint – was alles er als Symptome der Trunkenheit betrachtet. Er wird also weiterschreiben. Wird er nun aber in besonders sorgfältiger Weise weiterschreiben müssen, oder im Gegenteil in unschuldiger, ungenauer, vorsündenfälliger Weise? Er lehnt es ab, sich selbst zu überwachen, zumal er seit jeher weiß, dass die Vorsicht zum Schweigen neigt, aber nicht etwa zum Schweigen der Enthaltsamkeit, sondern zur groben und grausamen Enthaltsamkeit des Knebels. Die Unschuld stößt ihn im Übrigen gleichermaßen ab – besonders die lediglich aus der Komplizenschaft eines Glases gegorenen Saftes aufgelesene. Doch kaum hat er diese Worte zu Ende geschrieben oder zu Ende gedacht, kann er nicht umhin, sich zu fragen, welche andere Unschuld es wohl gäbe, wenn nicht diese – ein wenig giftig und zerstreut. Es ist also die Unschuld, über die er das Wort zu sprechen hat – seine eigene Unschuld. Es gibt also keinen Kompromiss zwischen der Feigheit solcher Unschuld und der Würde der Lüge? »Mein Lieber«, so schreibt er, »wenn alles schändlich ist außer der Schändlichkeit, muss ich dann nicht doch den unschuldigen Frieden der Schändlichkeit weiter verfolgen?« Aber die Worte trotzen ihm, und er ist wütend.

2 Ein Herr von leidlicher Bildung und ehrbaren Sitten traf nach monatelanger Abwesenheit – bedingt durch schrecklich kriegerische Ereignisse – die Frau, die er liebte. Er küsste sie nicht, sondern zog sich wortlos zurück und erbrach sich lange. Der erstaunten Frau wollte er keinerlei Erklärung für sein Erbrechen geben; auch sonst erklärte er es niemandem, und erst mit der Zeit gelangte er zu der Erkenntnis, dass jenes Erbrechen all die unzähligen Bilder der geliebten Frau aus seinem Körper ausgestoßen hatte, die sich in seinem Körper abgesetzt und ihn liebevoll vergiftet hatten. In diesem Augenblick aber begriff er, wie wenig es ihm künftig noch möglich sein würde, diese Frau so zu behandeln, als hätte es zwischen ihnen nur Liebe gegeben: eine weiche Liebe, die einzig danach trachtet, alle Hindernisse zu überwinden und die Haut des anderen zu berühren, in Ewigkeit. Er hatte die Giftigkeit der Liebe erfahren und hatte erkannt, dass das Gift der Entfernung nur eine Alternative ist zum Gift des Vertrauten, und dass er die Vergangenheit erbrochen hatte, um dem Erbrechen der Zukunft den Weg zu bahnen. Auch wenn es ihm unmöglich war, es irgendjemandem zu erklären, so wusste er doch genau, dass gerade das Erbrechen – und nicht die Seufzer – das Symptom einer notwendigen Liebe ist, ebenso wie der Tod das einzig sichere Symptom des Lebens.

Seit jenem Augenblick befindet er sich in der köstlich peinigenden Lage, dass er die Frau, die er unzweifelhaft liebt – ja, die er in unerträglicher Weise liebt, seit er sie an seinem Erbrechen teilhaben ließ –, weder verachten noch umwerben noch liebkosen noch bewundernd betrachten und sie auch nicht in sein Geheimnis einweihen kann: dass er sie nämlich, um sie ganz anzunehmen, verschlingen und sich einverleiben muss, bis zu dem Augenblick, wo sie sich als Gift erweist, was ihr nicht bewusst ist und was er ihr nicht erklären möchte. Indessen beginnt das Leben überall unbeständig zu werden und neue Kriege drohen auszubrechen. Die künftigen Toten machen sich bereit und die Erde lockert sich in Erwartung der Gräber. Allerorts werden Plakate aufgehängt, die das Blut erläutern. Da niemand über das Erbrechen spricht, nimmt der Verliebte an, dass das Problem entweder unbekannt ist oder als unbekannt gilt oder allzu bekannt ist. Er küsst seine Verlobte, vertraut ihr die Hochzeitsnacht an und schwingt sich speiend auf den mächtigen Rappen des Todes.

3 Ein äußerst skrupulöser Herr hat für den folgenden Tag drei nachmittägliche Verabredungen getroffen: die erste mit einer Frau, die er liebt; die zweite mit einer Frau, die er lieben könnte; die dritte mit einem Freund, dem er, kurz gesagt, sein Leben und vermutlich seinen Verstand verdankt. In Wirklichkeit nähme keine dieser Personen an seinem Leben teil, wenn nicht auch die anderen daran teilhätten; weshalb das nachmittägliche Stelldichein nicht nur auf psychologischen, sondern auch auf schicksalhaften Grundlagen beruht. Dennoch sind die drei Personen, die einander wechselseitig nötig haben, auch wechselseitig unvereinbar. Keine der beiden Frauen hegt Sympathie für den Freund, da keine der beiden Frauen Leben und Verstand des Herrn gerettet hat – im Gegenteil: Ihr unduldsames und schrulliges Benehmen machte das Eingreifen eines behutsamen und zerstreut scharfsinnigen Freundes notwendig. Der Freund betrachtet den Herrn als sein Meisterwerk und wünscht nicht, dass er ohne weiteres zugänglich wäre. Die geliebte Frau misstraut der Frau, die der Herr lieben könnte – nicht so sehr wegen der Liebe, welche sie vermutlich dem Herrn, der sie liebt, entgegenbringt, als wegen der Würde, die der Herr zu wahren wusste, wobei er den Wahnsinn riskierte und von einem Freund gerettet werden musste, den alle gern kennenlernen möchten und über dessen Eigenschaft eines Retters alle im Bilde sind – wiewohl niemand es wagt, um ein formelles Vorgestelltwerden zu bitten. Schließlich liebt die Frau, die der Herr lieben könnte, den Herrn nicht wieder, der sie seinerseits nicht wirklich liebt, der aber weiß, dass er Gegenstand einer potentiellen Liebe ist und merkt, dass er diese Möglichkeit, die wahrscheinlich unerfüllt bleiben muss, zu genießen beginnt – wie eine vollkommene Mischung aus Gleichgültigkeit und Leidenschaft, eine Mischung, die jedoch durch die Realität der geliebten Frau gefährdet ist, ohne die andererseits die potentielle Geliebte nicht statt-hätte, vielmehr vom Freund im Zaum gehalten würde, den sie nicht kennt, aber als stark und gleichgültig fürchtet. Er hat diese drei Personen zu besagtem Stelldichein gebeten, weil er erklären und feststellen möchte, dass er ohne sie unmöglich leben könnte. Er ist schwach und hochgradig sterblich und verdankt sein Überleben einzig einem glücklichen Zusammenspiel der Zufälle. Möchte er nun also ein dramatisches Geständnis inszenieren? Niemals. Er hat soeben begriffen, dass er nicht hingehen wird, da der morgige Tag zu beengt ist, um ihn und die Erklärungen der anderen aufzunehmen. Vor allem aber ist er selbst zu beengt, und das gleichzeitige Auftreten der unvereinbaren und einander nötigen Gestalten würde ihn augenblicklich verzehren.

4 Gegen zehn Uhr morgens hatte ein Herr von gediegener Bildung und gemäßigt melancholischer Gemütsart den unwiderlegbaren Beweis für die Existenz Gottes gefunden. Es war ein komplizierter Beweis, aber nicht in dem Maße, dass ein mittlerer philosophischer Verstand ihn nicht hätte begreifen können. Der Herr mit der gediegenen Bildung blieb ruhig und prüfte den Beweis für die Existenz Gottes noch einmal von Ende bis Anfang, kreuz und quer und von Anfang bis Ende und kam zu dem Schluss, gute Arbeit geleistet zu haben. Er klappte das Heft mit den Aufzeichnungen über den endgültigen Beweis für die Existenz Gottes zu und ging aus, um sich mit nichts zu beschäftigen – mit einem Wort: um zu leben. Als er sich gegen vier Uhr nachmittags auf den Heimweg machte, bemerkte er, dass er die genaue Formulierung einiger Passagen der Beweisführung vergessen hatte – und natürlich waren alle Passagen wesentlich.

Die Sache machte ihn nervös. Er ging in ein Lokal, um ein Bier zu trinken, und einen Augenblick lang schien es ihm, als wäre er jetzt ruhiger. Er hatte eine Passage wiedergefunden, musste aber gleich darauf feststellen, dass ihm zwei andere entfallen waren. Er hoffte auf seine Aufzeichnungen, wusste aber, dass die Aufzeichnungen lückenhaft waren, und so hatte er sie gelassen, weil er nicht wollte, dass irgendjemand – womöglich das Dienstmädchen – Gewissheit über die Existenz Gottes gewänne, bevor er die vollständige Beweisführung sorgfältig zu Ende geführt hatte. Als er zwei Drittel des Heimwegs zurückgelegt hatte, bemerkte er, dass er sich, während der Beweis für die Existenz Gottes seine festen und wundersamen Merkmale verlor, in Argumentationen verstrickte, von denen er nicht genau wusste, ob sie noch zu seiner ursprünglichen Argumentation gehörten. Hatte es da eine Passage gegeben, wo vom LIMBUS die Rede war? Nein, das hatte es nicht; und da waren auch keine SCHLAFENDEN SEELEN gewesen; vermutlich das JÜNGSTE GERICHT. Er war sich nicht sicher. DIE HÖLLE? Er bezweifelte es; und doch hatte er den Eindruck, lange von der Hölle gehandelt und die Existenz der Hölle an den Höhepunkt seiner Untersuchung gesetzt zu haben. Als er vor seiner Haustür ankam, brach er in kalten Schweiß aus. Was war es denn eigentlich, dessen Existenz er bewiesen hatte? Irgendetwas hatte sich doch als unwidersprochen wahr ergeben, als unangreifbar, auch wenn man es unmöglich in eine unvergessbare Formel fassen konnte. Erst jetzt merkte er, dass er seinen Hausschlüssel fest in der Hand hielt, und mit einer Gebärde später Verzweiflung schleuderte er ihn mitten auf die menschenleere Straße.

5 Ein Herr, der niemanden getötet hatte, wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt: Er habe, so hieß es, aus Gewinnsucht einen Geschäftspartner umgebracht, dessen privates Verhalten er weder zu erklären noch zu kommentieren gedachte. Alles in allem, so überlegte er, hätte ihn – zumal es sich um seinen Geschäftspartner handelte – auch ein beschämenderes Urteil treffen können. Die Richter hatten sogar zugegeben, dass er, der Verurteilte, auf unwürdige Weise geprellt worden war. In Wahrheit hatte er, obwohl er seiner Sache sicher war, niemals herauszufinden versucht, ob und in welchem Ausmaß er betrogen worden war. Er hatte im Geiste einen Prozentsatz von zwei Dritteln als vernünftigen Näherungswert angenommen. In Wirklichkeit – das hatte er während der Gerichtsverhandlung gemerkt – war der Betrug weitaus geringer gewesen. In dieser Hinsicht stimmte der Prozess ihn fröhlich; er gab ihm zwar die Gewissheit, dass sein Freund ein Betrüger war, ihn aber schüchtern und zurückhaltend zu finden, rührte ihn zutiefst. Er versuchte zu erklären, dass er überzeugt sei, um zwei Drittel geprellt worden zu sein und trotzdem nie daran gedacht hätte zu töten. Wie hätte er auch töten können wegen eines so geringfügigen Schadens? Alles war umsonst. Man erklärte ihm, er habe einen schlechten Charakter und leide an Allmachtsphantasien. Er sei indessen nicht verrückt, obwohl er mehr als eine Neigung, eine Art Liebe zum Wahnsinn hege. Er musste zugeben, dass die Bemerkung begründet war. Von diesem Augenblick an sah er davon ab, sich mit vernünftigen und stichhaltigen Argumenten zu verteidigen. Der Umstand, dass es ihm – einem bis zur Schludrigkeit sanftmütigen Menschen – beschieden war, des Mordes angeklagt vor Gericht zu erscheinen, deuchte ihn derart wunderbar und unwahrscheinlich, dass er zu dem Schluss kam, eines der großen Themen seines Lebens verwirklicht zu haben: die Erringung eines objektiven Wahnsinns – nicht nur seines eigenen, sondern eines strukturellen Wahnsinns, in dem alles fest verknüpft, alles folgerichtig und alles schlüssig war. Allmachtsdelirium? Aber er war ja wirklich allmächtig. Da man ihn, den Unschuldigen, des Mordes für schuldig befunden hatte, bildete er und kein anderer den Eckpfeiler des Wahngebäudes. Welch schwierige Rolle! Er konnte nicht lügen, da er endlich eine wahre Welt bewohnte, und er konnte nicht vorgeben, verrückt zu sein, ohne das gesamte Wahngebilde ins Wanken zu bringen. Es bedurfte großer Klugheit, und die hatte er.

6 Ein Herr, der Latein kann, aber kein Griechisch mehr, geht in seiner Wohnung hin und her und wartet auf einen Anruf. In Wirklichkeit weiß er gar nicht, auf welchen Anruf er wartet und ob einer kommen wird. Angenommen, es kommt kein Anruf, dann ist ihm unklar, was das bedeuten könnte. Zweifellos wartet er auf Anrufe von Personen, die in enger Beziehung zu seinem Leben stehen. Einige dieser Anrufe fürchtet er. Er weiß, dass er leicht einzuschüchtern ist, und für ein wenig Stille würde er bereitwillig mit seinem Herzblut bezahlen. Aus Gründen, die er nie gänzlich erforscht hat, steht er unter dem Eindruck, der Gegenstand gewisser ruckartiger Hass- und Misstrauensanfälle zu sein – jener Art von Gefühlen also, die dem, der sie hegt, ein beträchtliches Machtbewusstsein verleihen und ihn dazu treiben, das Telefon zu benützen. Einmal erhielt er den Anruf eines Freundes, dem er Geld geliehen hatte. Das Geld war bereits vor drei Jahren geliehen und nie zurückgegeben worden, doch war daraus ein tiefer Hass erwachsen. Der Freund hatte sogar versucht, ihn zu schlagen. Ein andermal hatte er vergeblich versucht, den tränenerstickten Anruf einer verlassenen Frau zu unterbrechen, die sich in der Nummer geirrt hatte. Mit ihr entspann sich ein telefonischer Verkehr, den er mehrere Wochen lang fortsetzte, bis eines Tages am anderen Ende der Leitung eine fremde Stimme zänkisch und naiv antwortete. Er wagte nicht, nochmals anzurufen. Jetzt könnte ihn beispielsweise eine Frau anrufen, die er liebt und die nicht wagt, ihn wiederzulieben, außer mit langen, qualvollen Unterbrechungen; oder eine Frau, die er liebt und die ihn auch liebt, aber zu viel zu tun hat, um es zu merken; oder eine Frau, die er nicht liebt, die ihn aber liebt und ihm schmeichelt, ohne ihn in unerträgliche Konflikte zu stürzen. In Wirklichkeit wünscht er sich aber einen ganz anderen Anruf, einen, der nicht voraussehbar und dazu bestimmt ist, das Bild eines Lebens zu verändern, das er nicht mehr interessant findet, sondern nur noch ärgerlich. Er erinnert sich, dass ein Freund eines Freundes ihm einmal erzählt hat, er habe einen Anruf seines Vaters bekommen, als dieser schon sechs Jahre tot gewesen sei. Es war ein schroffer Anruf gewesen – sein Vater hatte stets einen schlechten Charakter gehabt – und alles in allem kurz und belanglos. Wahrscheinlich hatte es sich um einen Scherz gehandelt. Der Herr, der Latein kann, würde lieber nicht auf Anrufe warten. Die Anrufe kommen aus der Welt und sind letzten Endes der einzige ihm zugestandene Beweis für ihre Existenz. Nicht aber für seine.

7 Der dunkel gekleidete Herr mit dem aufmerksamen und nachdenklichen Gang weiß, dass er verfolgt wird. Niemand hat es ihm gesagt, und es gibt keinerlei Beweise dafür, dass die Dinge sich so verhalten – trotzdem weiß er mit absoluter Sicherheit, dass ihn jemand verfolgt. Er weiß nichts über den Verfolger, aber er weiß, dass die Verfolgung schon vor geraumer Zeit begonnen hat – und dass sie einen Grund hat – auch wenn niemand, ausgenommen der Verfolger, ihn kennt. Er weiß auch, dass man ihm mit großer Sorgfalt und Hartnäckigkeit folgt. Von dieser Verfolgung sind ihm nur spärliche Dinge bekannt: zunächst einmal, dass er weniger verfolgt wird, wenn er sich draußen unter der Menge bewegt, als wenn er sich zu Hause aufhält. Das soll nicht heißen, dass die Verfolgung sich verlangsamt oder dass der Verfolger durch die Menge behindert wird; vielmehr erleidet die Verfolgung eine Art Verminderung, so als veränderte sich der Raum, in dem sie tätig ist. Er weiß auch, dass die Verfolgung pfeilschnell agiert und dass er, zumal sein Gang langsam ist, unweigerlich eingeholt werden wird, ja dass man ihn bereits eingeholt haben müsste, und dass das, was notgedrungen geschieht, wenn jemand eingeholt wird, bereits hätte geschehen müssen – was, ist ihm unbekannt. Er weiß aber auch, dass der Verfolger ihn niemals einholen wird, auch nicht, wenn er auf einer Parkbank rastet und vorgibt, Zeitung zu lesen – in bedingungsloser Ergebung und wehrloser Erwartung. Der Verfolger weiß, dass er, sobald er ihn einholt, aufhört, der Verfolger zu sein, und es ist möglich, dass ihm auf dem Schöpfungsplan nur als Verfolger ein Platz eingeräumt ist. Wenn der Herr bei sich zu Hause ist, dann zerreißt das Getöse der Verfolgung – das Hetzen und Jagen und das Trappeln der unzähligen Füße – ihm die Ohren, und er hört das Rascheln der Seiten nicht mehr und beginnt laut zu sprechen, um sich selbst Gehör zu verschaffen. In Wirklichkeit kann der Verfolgte – auch wenn er sich unerreichbar weiß – bei einer so strengen und vermutlich archaischen Verteilung der Rollen sich niemals von der Erkenntnis befreien, er sei die Beute. Er weiß, dass der Raum sich hinter seinem Rücken verformt und damit jede Hoffnung ihn einzuholen vereitelt; er weiß aber auch, dass die Zeit ihm nicht freund ist und dass ihre Verformung einzig und allein dazu dient, ihn in seiner Funktion als Beute zu erhalten. Der Verfolgte fragt sich nun, ob sein Verfolger womöglich unglücklich ist, zumal das Grauen ihrer beiderseitigen Lage einer Aufgabe entspringt, die unlösbar ist. Er überlegt, ob es eine Möglichkeit gäbe, blitzschnell kehrtzumachen und zu beginnen, den Verfolger zu verfolgen.

8 Der hell gekleidete Herr bemerkt plötzlich eine Abwesenheit. Er lebt schon seit vielen Jahren in dieser Wohnung, doch erst jetzt, da sein Aufenthalt vermutlich bald dem Ende zugeht, gewahrt er, dass es in einem halbleeren Zimmer eine Zone der Abwesenheit gibt. Das halbleere Zimmer ist letzten Endes ein Zimmer wie alle anderen auch, und wenn die Abwesenheit nicht wäre, würde niemand es beachten. Die Abwesenheit hat natürlich nichts mit der Leere zu tun. Ein gänzlich leeres Zimmer kann durchaus ohne Abwesenheit sein; auch wenn man ein Möbelstück eilig wegrückt, schafft man keine richtiggehende Abwesenheit; man schafft Nichts. Nun hat der nicht mehr junge Herr, der schon viele Jahre in dieser Wohnung gelebt und das Zimmer unzählige Male durchquert hat, plötzlich entdeckt, dass in jener Ecke keine Leere ist, sondern eine Abwesenheit. Er weiß auch, dass er zahllose Male durch sie hindurchgegangen ist, und dass er selbst – er weiß nicht wie – in diese Abwesenheit verwickelt ist. Er untersucht die Abwesenheit und wird natürlich nicht recht schlau daraus. Jedenfalls scheint ihm irgendetwas an seinem Leben in dieser Wohnung jetzt weniger klar. Abwesenheiten ziehen bekanntlich nicht gerne um, und es kann sein, dass sein Bedürfnis, diese Abwesenheit in seiner Nähe zu haben, ihn dazu bewegt hat, seinen Aufenthalt in einer Wohnung, die er nicht mag, zwischen Möbeln, die ihm fremd sind, von Jahr zu Jahr zu verlängern. Alles in dieser Wohnung ist ihn fremd, ausgenommen die Abwesenheit. Die Abwesenheit ist so wichtig für ihn, dass er gern auf alles verzichten würde, was sein Leben erträglich macht – obwohl es gar nicht erträglich ist –, nur um sich nicht von der Abwesenheit zu trennen. Er ist natürlich in Versuchung, sich viele und widersprüchliche Fragen über diese Abwesenheit zu stellen. Ein Mann hat stets ein »Was ist das?« auf den Lippen. Aber dieser Mann ist nicht umsonst älter geworden. Methodisch rottet er jeden Wunsch zu fragen, zu wissen, zu forschen in sich aus. Dunkelheit und Licht sind ihm gleichgültig, ebenso wie Liebe und Abwendung. Er weiß, dass die Abwesenheit gleichgültig ist, er weiß aber auch, dass diese Gleichgültigkeit so wichtig für ihn ist, dass er ohne sie völlig verzweifelt wäre. Nur eines wundert ihn: wieso er erst so spät – sozusagen post festum – erkannt hat, dass er nie verlassen wurde, wie er geglaubt hatte, sondern schon immer mit einer Gleichgültigkeit zusammengelebt hat, die er jetzt als Erklärung für sein Überleben betrachtet.

9 Der etwas altertümlich, aber nicht unelegant gekleidete Herr durchmisst gerade die letzten Meter, die ihn von seinem Haus trennen. Seine Rückkehr ist durch einen lästigen Regenschauer, ein leichtes Erdbeben und Mutmaßungen über eine Epidemie verzögert worden. Auf dem Heimweg hat er sich mehrfach verirrt – vom Wege abgebracht durch riesige Trichter, eingestürzte Wohnblocks, den Flammen anheimgegebene Leichenhaufen und Maschinengewehrsalven, die ein Plündern der mit unglaublichen Schätzen gefüllten Tempel des Glaubens verhindern sollten. Er erinnert sich jetzt genau: Seine Reise zurück hat schon wenigstens vor ein paar Tagen begonnen; doch während er mit knapper Not einer bizarren Maschine ausweicht, die gerade explodiert, merkt er, dass er eine Zeitung in der Hand hält, die ein um Jahre zurückliegendes Datum trägt, und eine Überschrift, in der von einem glorreichen Krieg die Rede ist, den er seit langem beendet weiß, auch wenn ihm unklar ist, wer ihn gewonnen hat. Obwohl er sich bemüht, vernünftig zu denken, gelingt es nicht, angemessene Erklärungen für die Gefühle Ruhe, Würde und Zufriedenheit zu finden, die ihn durchdringen. Es steht außer Zweifel, dass sein Haus beschädigt sein könnte, und dass die Epidemien, Erdbeben und Einfälle feindlicher Truppen seinen Angehörigen Schaden zugefügt haben könnten. Auch wenn – einer Laune des Schicksals zufolge – jener Stadtteil dem Unglück entronnen wäre, welches heimgesucht hatte, was einst sein Vaterland war, so wäre doch die Zeit nicht unnütz verstrichen und alle – angefangen bei ihm selbst – wären gealtert und manche – welche wohl? – wären tot und würden vergeblich seine Rückkunft erflehen, ihn vielleicht ihrerseits tot oder sterbend wähnen. Ein vages Lächeln verleiht dem mehr schlauen als intelligenten Gesicht eine flüchtige Grazie. Obwohl seine Erinnerungen verworren sind, weiß er mit Sicherheit, dass er eine Reihe von Aufträgen ausgeführt hat, die man ihm anvertraute – bescheidene Aufträge, wie man ihn überhaupt oft mit einfachen und ein wenig demütigenden Verrichtungen betraut. Er hat Wurfsendungen ausgetragen, und wo er anstelle des Hauses, für das sie bestimmt waren, einen Trichter vorfand, hat er die dorthin adressierten Päckchen, Briefe oder Karten einfach in den Trichter fallen lassen. Wo auf eine Antwort zu warten war, hat er eine angemessene Zeit gewartet und sich dann entfernt, wenn er argwöhnte, dass ein weiteres Verweilen als indiskret erscheinen konnte. Wenige Meter trennen ihn noch von seinem Haus, und es ist Nacht geworden. Der Herr ergötzt sich im Voraus an den Geschichten, die man sich erzählen wird, und lächelt.

10 Die Herren, die an diese Haltestelle kommen, um auf den Zug zu warten, sterben im Allgemeinen während des Wartens. Es ist kein qualvoller, sondern im Gegenteil ein ruhiger und auf seine Weise eleganter Tod. Manche bringen ihre Familien mit, besonders die Kinder, in langen schwarzen Strümpfen und kurzen Hosen, damit sie lernen, wie man mit Würde stirbt. Die Herren werden in der Reihenfolge ihres Sterbens nacheinander in eine Kapelle gelegt, die mit Gesichtern von zahlreichen, unterschiedlich wundersamen Heiligen geschmückt ist. Aus reiner Höflichkeit erkundigt sich ein Bahnbeamter mit gezogener Mütze, ob keiner der Herren Heiligen den Verstorbenen wieder auferwecken möchte. Er wartet schweigend fünf Minuten, wirft einen allgemein fragenden Blick auf die Heiligen, verbeugt sich, verlässt die Kapelle und setzt seine Mütze wieder auf, denn die Station ist unglaublich windig. Der Wind kommt von einer Felsspalte herunter, und man weiß nicht, woher er jene trockene und fremde Eiseskälte bezieht, welche die Station, so heißt es, zu einem außerordentlich gesunden und erholsamen Ort macht. Man könnte nun einwenden, dass das Sterben der Herren – und manchmal sterben ganze Familien – diese Behauptung von der gesunden Luft widerlegt. In Wirklichkeit ist man allgemein davon überzeugt, dass sie, wären sie nicht hier heraufgekommen, schon sehr viel früher gestorben wären. Manche wären nie geboren worden. Im Allgemeinen ist das Warten auf den Tod weder lang noch peinvoll. Man befindet sich in zahlreicher Gesellschaft, man plaudert, und es gibt Spiele für Kinder und Erwachsene. Der Stationsvorsteher, ein kräftiger und milder Mann, streichelt die Kinder und begrüßt seine Fahrgäste. Der Züge, die an dieser Station halten, gibt es drei. Jeder kommt von einem anderen Ort und fährt an einen anderen Ort. Man muss jedoch der Tatsache Rechnung tragen, dass jede der Linien von unterschiedlichen Zügen befahren wird, von denen einige halten oder halten sollten, wenn der Stationsvorsteher es verlangt. Andere – die wichtigeren – halten in keinem Fall und auf keine Bitte hin. Man sieht in Holz geschnitzte Profile von Leuten, die sehr weit zu fahren haben. Zuweilen verlangsamt ein Zug, der halten könnte, nur seine Fahrt, und der Lokomotivführer beugt sich aus seiner Kabine und sieht den Stationsvorsteher ängstlich forschend an. Dieser richtet eine stumme Frage an das Publikum. Die Leute winken mit den Händen ab, wie um zu sagen: »Aber um Gottes Willen!«, »Wo denken Sie hin?«, oder sie blicken auf den Zug, als ob er durchsichtig wäre. Der Zug beschleunigt seine Fahrt, und wenn er verschwunden ist, kommen sie, um die Herren Toten, alle in Schwarz gekleidet, wegzutragen.

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