Wenn das Glück dem Tod begegnet… - Kathrin Luny - E-Book

Wenn das Glück dem Tod begegnet… E-Book

Kathrin Luny

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Beschreibung

Der Liebesroman mit Gänsehauteffekt begeistert alle, die ein Herz für Spannung, Spuk und Liebe haben. Mystik der Extraklasse – das ist das Markenzeichen der beliebten Romanreihe Irrlicht: Werwölfe, Geisterladies, Spukschlösser, Hexen und andere unfassbare Gestalten und Erscheinungen erzeugen wohlige Schaudergefühle. Das erste Tageslicht fiel durch die Ritzen der Jalousie und zeichnete ein Muster zarter Linien auf das dunkle Parkett. Trotz der Morgenkühle, die mit einem sanften Luftzug die hellen Vorhänge bauschte, war es ungewöhnlich warm im Schlafzimmer, so daß Katharina im Laufe der Nacht die leichte Sommerdecke weggeschoben hatte. Unruhig warf sie sich hin und her – wie so oft in den frühen Morgenstunden – wimmerte und murmelte schwer verständliche Worte, die manchmal klangen wie »nein, nein, non, bitte nicht – laßt mich…« Philipp, an ihrer Seite in dem breiten Grandlit, lag schon seit längerem wach und schaute nachdenklich, die Arme unter dem Kopf verschränkt, an die Decke. Was beschäftigte Katharina in ihren Träumen so sehr, daß sie in letzter Zeit unruhig schlief und diffuse Unterhaltungen zu führen schien? Dazu noch teilweise in Französisch, wie er an manchen Wörtern festgestellt hatte. Aber immer, wenn er sie später danach fragte, schaute sie ihn mit ihren großen violetten Augen verwundert an und konnte sich angeblich an nichts erinnern. An diesem Morgen war es anders. Gegen acht Uhr machte sie sich am Herd zu schaffen – Philipp liebte ein komplettes englisches Frühstück über alles – während er rasch die Schlagzeilen der Morgenpresse überflog. Schließlich stellte sie den Kaffee auf den Tisch, schob ihm einen Teller mit Spiegeleiern auf Schinken zu und setzte sich. »Gibt es etwas Neues in der Welt?« wollte sie wissen und schnitt ein krosses Vollkornbrötchen auf. Der junge Mann legte die Zeitung auf den leeren Stuhl und schenkte beiden Kaffee ein, »nein, nur das Übliche, Kämpfe im Nahen Osten, Überschwemmungen in Indien, die Bundeskanzlerin auf Reisen.« Er stellte die Kanne zurück auf das Stövchen und meinte: »Aber eins interessiert mich viel mehr als alle Neuigkeiten der Welt. Erinnerst du dich auch heute nicht an deine Träume?« Erstaunt sah Katharina den Freund an, »habe ich wieder im Schlaf gesprochen?« »Nicht nur das – in letzter Zeit bist du so unruhig, wirfst dich herum, klagst, jammerst und murmelst unzusammenhängende Worte – manchmal sogar in Französisch«, erklärte er und nahm sich eine Scheibe frischen Toast. »Es scheinen Alpträume zu sein, und ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß du nach dem Aufwachen nichts mehr von deinen Erlebnissen weißt.« Nachdenklich strich die junge Frau eine ihrer langen goldblonden Locken zurück.

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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Irrlicht – 22 –Wenn das Glück dem Tod begegnet…

Schreckliche Alpträume bedrohen eine große Liebe

Kathrin Luny

Das erste Tageslicht fiel durch die Ritzen der Jalousie und zeichnete ein Muster zarter Linien auf das dunkle Parkett. Trotz der Morgenkühle, die mit einem sanften Luftzug die hellen Vorhänge bauschte, war es ungewöhnlich warm im Schlafzimmer, so daß Katharina im Laufe der Nacht die leichte Sommerdecke weggeschoben hatte.

Unruhig warf sie sich hin und her – wie so oft in den frühen Morgenstunden – wimmerte und murmelte schwer verständliche Worte, die manchmal klangen wie »nein, nein, non, bitte nicht – laßt mich…«

Philipp, an ihrer Seite in dem breiten Grandlit, lag schon seit längerem wach und schaute nachdenklich, die Arme unter dem Kopf verschränkt, an die Decke.

Was beschäftigte Katharina in ihren Träumen so sehr, daß sie in letzter Zeit unruhig schlief und diffuse Unterhaltungen zu führen schien? Dazu noch teilweise in Französisch, wie er an manchen Wörtern festgestellt hatte.

Aber immer, wenn er sie später danach fragte, schaute sie ihn mit ihren großen violetten Augen verwundert an und konnte sich angeblich an nichts erinnern.

An diesem Morgen war es anders.

Gegen acht Uhr machte sie sich am Herd zu schaffen – Philipp liebte ein komplettes englisches Frühstück über alles – während er rasch die Schlagzeilen der Morgenpresse überflog.

Schließlich stellte sie den Kaffee auf den Tisch, schob ihm einen Teller mit Spiegeleiern auf Schinken zu und setzte sich.

»Gibt es etwas Neues in der Welt?« wollte sie wissen und schnitt ein krosses Vollkornbrötchen auf.

Der junge Mann legte die Zeitung auf den leeren Stuhl und schenkte beiden Kaffee ein, »nein, nur das Übliche, Kämpfe im Nahen Osten, Überschwemmungen in Indien, die Bundeskanzlerin auf Reisen.«

Er stellte die Kanne zurück auf das Stövchen und meinte: »Aber eins interessiert mich viel mehr als alle Neuigkeiten der Welt. Erinnerst du dich auch heute nicht an deine Träume?«

Erstaunt sah Katharina den Freund an, »habe ich wieder im Schlaf gesprochen?«

»Nicht nur das – in letzter Zeit bist du so unruhig, wirfst dich herum, klagst, jammerst und murmelst unzusammenhängende Worte – manchmal sogar in Französisch«, erklärte er und nahm sich eine Scheibe frischen Toast.

»Es scheinen Alpträume zu sein, und ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß du nach dem Aufwachen nichts mehr von deinen Erlebnissen weißt.«

Nachdenklich strich die junge Frau eine ihrer langen goldblonden Locken zurück. Da der Freund doch keine Ruhe geben würde, bevor er nicht etwas über ihre Träume erfuhr, begann sie zögernd, »ich glaube, heute kann ich ungefähr beschreiben, was ich geträumt habe – zum ersten Mal.«

»Und? Woran erinnerst du dich?« Gespannt beugte Philipp sich vor, »erzähle – seit längerem schon möchte ich zu gern wissen, was nachts in deinem hübschen eigensinnigen Kopf vorgeht.«

»Ich war in einer weiten Ebene«, begann sie, »am Horizont standen Berge, seltsame Berge, die aussahen wie stumpfe Kegel – die Landschaft erinnert mich an die Auvergne in Frankreich. Weißt du noch, wie wir dort im Parc des Volcans gewandert sind?« unterbrach sie sich.

Der junge Mann nickte. »Es war ein wunderbarer Urlaub. Und weiter, was hast du außerdem erlebt?« wollte er wissen.

Sie zögerte einen Moment, so als sträube sich etwas in ihr, ein Geheimnis preiszugeben.

Doch dann entschloß sie sich, weitere Einzelheiten zu berichten.

»Ich war in einem alten Turm gefangen, gefesselt an Händen und Füßen, jemand, der eine schwarze Maske trug, hat mich dorthin gebracht. Die Fesseln schnitten schmerzhaft ins Fleisch.

Ich lag am Boden und fühlte genau, daß etwas Schreckliches auf mich zukam, etwas, das mein Leben bedrohte, aber ich konnte nicht erkennen, was es war. Aus Furcht war ich wie gelähmt.

Doch schließlich gelang es mir in Todesangst vor der drohenden Gefahr, all meine Kräfte zusammenzunehmen, mich aufzurichten und zu einer der schmalen Schießscharten zu schleppen, um hinauszusehen. Und um Hilfe zu schreien.«

»Und wer war dein Peiniger, der dich dort eingesperrt hat?«

»Keine Ahnung«, sie strich Butter auf die Brötchenhälfte und belegte sie mit einer Scheibe Käse, »wegen der Maske konnte ich sein Gesicht nicht erkennen. Ich weiß nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau war. Seltsam, nicht wahr?«

Philipp kannte die lebhafte Phantasie seiner Freundin. »Vielleicht hat dich die Lektüre deines letzten historischen Abenteuerromans so sehr beeindruckt, daß dich die Ereignisse bis in den Schlaf verfolgen«, neckte er sie.

Er nahm einen weiteren Toast und goß sich einen zweiten Becher Kaffee ein, »du auch noch einen?«

Katharina nickte und hielt ihm ihre Tasse hin.

»Und wie geht die Geschichte weiter? War wenigstens ein edler Retter in Sicht?« erkundigte er sich mit leisem Spott.

»Das weiß ich nicht«, zögerte sie, ohne auf seine Neckerei einzugehen. Sollte sie ihm wirklich alles sagen? Bestimmt würde er sie dann mit dem Ende des Traums aufziehen.

Daher entschied sie, den aufregenden Schluß des nächtlichen Erlebnisses zunächst für sich zu behalten und fuhr fort, »alles, was ich durch die Schießscharte sehen konnte, war eine dunkle Gestalt, die aus der Ferne herangaloppierte. Doch bevor sie den Turm erreichte, bin ich aufgewacht.«

»Eigentlich schade, nun erfahren wir nicht, wer der Geheimnisvolle war«, schmunzelte Philipp und stand auf, »aber vielleicht gibt es ja in der nächsten Nacht eine Fortsetzung. Tschüß, mein Schatz, ich muß gehen. Im Büro warten wichtige Kunden für unser aktuelles Projekt, du weißt schon, die Ausschreibungen für das neue Clubhaus des Golfclubs. Der Vorstand kommt, um die Pläne zu prüfen. Ich hoffe, daß wir den Auftrag kriegen. Sehen wir uns heute abend?«

Die junge Frau nickte. »Natürlich, aber ich habe auch eine Menge zu tun. Ich muß unbedingt die Fotos bearbeiten, die ich morgen mit in den Verlag nehmen will, um sie Clemens zu zeigen. Ich hoffe, er läßt sich damit für meinen neuen Reiseführer begeistern.

Außerdem habe ich Sophie versprochen, sie heute mittag aus der Apotheke abzuholen – wir konnten schon lange nicht mehr in Ruhe reden«, schloß sie.

Philipp beugte sich herunter und drückte einen Kuß auf Katharinas goldglänzendes Haar.

»Mach’s gut, meine Kleine. Grüße an Sophie und deine Mutter, falls du sie in der Apotheke siehst – bis später.«

Nachdem der Freund die Wohnung verlassen hatte, blieb Katharina noch eine Weile nachdenklich am Frühstückstisch sitzen und dachte über ihr nächtliches Erlebnis nach.

Natürlich wußte sie, wie die Geschichte weiterging, sie mochte es Philipp nur nicht erzählen. Er, der große Realist, hatte wenig Sinn für ihre Ausflüge in phantastische Welten und neckte sie stets – wenn auch meist mit liebevollem Spott – mit ihren irrealen Abenteuern.

Sie hatte schon viel geträumt in ihrem Leben und auch schon so manche Geschichte darüber einem geheimen Tagebuch anvertraut – aber in den letzten Nächten war es etwas ganz Besonderes gewesen.

Der unbekannte Reiter, den sie über die weite Ebene herangaloppieren sah, war wirklich ein Ritter, so wie Philipp es im Spaß vermutet hatte. Er trug eine schwarze Rüstung. Seinen Helm mit dem heruntergelassenen Visier zierte ein silberner Sperber, auf dessen ausgebreiteten Flügeln die ersten Strahlen einer aufgehenden Sonne funkelten.

Unten an dem verfallenen Turm hatte er seinen Rappen angehalten und das Visier hochgeklappt, so daß sie das Gesicht des Unbekannten durch die schmale Schießscharte erkennen konnte.

Es war das schönste männlichste Gesicht, das sie sich je ausgemalt hatte: schmal und braungebrannt, mit kühnem Profil unter einer hohen Stirn, in die ein Schopf nachtschwarzer Locken fiel. Die dunklen Augen unter den geschwungenen Brauen funkelten, und über einem energischen Kinn lächelte ein sensibler sinnlicher Mund, als der Unbekannte zu ihr hinaufschaute.

»Was für ein Mann«, seufzte Katharina mit einem erregenden Schauder und dachte an das beseligende Ende des Traums, der für sie so qualvoll begonnen hatte.

Der Fremde nahm den Helm ab, warf die Zügel seines Pferdes über den Ast einer kleinen Kiefer, öffnete mit einem kräftigen Fußtritt die verschlossene Tür im Eingang des alten Turms und stürmte die Treppe herauf.

Mit klopfendem Herzen erwartete Katharina, daß er durch die Tür trat, um sie aus ihrem Kerker zu befreien und vor der unbekannten tödlichen Gefahr zu retten.

Mit einem scharfen Dolch durchschnitt er wortlos ihre Fesseln, zog sie an sich und küßte ihre erwartungsvollen Lippen mit solcher Leidenschaft, wie es ihr bis dahin unvorstellbar gewesen war und sie über diesem Kuß alle Ängste vergaß.

In Gedanken daran spürte sie immer noch einen erregenden Schauer. Dann hob der Fremde sie an, als sei sie leicht wie eine Feder, und stieg mit seiner Last die schmale dunkle Wendeltreppe hinab, dem Ausgang zu.

Doch ehe er mit ihr hinaus ins Helle trat, wachte sie mit einem Niesen auf, weil Philipp sie mit einer kleinen Feder an der Nase kitzelte.

In diesem Moment haßte sie ihn wegen der Unterbrechung des Traums – denn zu gern hätte sie gewußt, wer sie gefesselt in den Turm gesperrt hatte und auch, ob ihr Retter sie für immer aus jenem Kerker befreite.

Katharina seufzte und warf einen unzufriedenen Blick auf das schmutzige Frühstücksgeschirr, das sie wohl oder übel in die Spülmaschine räumen mußte, ehe sie sich an ihre Arbeit machte. So war eben der banale Alltag.

Nachdem sie kurze Zeit später die Küche aufgeräumt hatte, beschloß sie, sich nicht zuerst den Fotos von ihrer Reise in die Provence zu widmen, die sie am nächsten Tag ihrem Redakteur zeigen wollte, sondern zu versuchen, Sophie möglichst bald zu treffen.

Sie mußte unbedingt mit einer vertrauten Person über ihre Träume sprechen, die sich in letzter Zeit in nahezu gleicher Form immer wiederholten, auch wenn sie Philipp gegenüber bisher behauptet hatte, sie könne sich an nichts erinnern.

Sophie war ihre beste Freundin. Sie kannten sich schon fast ein Leben lang, und Sophie hatte für alles Verständnis.

Sie besaß einen netten Mann – Dirk, Architekt wie Philipp, die Männer gehörten zu derselben Firma – und zwei schulpflichtige Kinder, den siebenjährigen Felix und die sechsjährige Julie.

Als Apothekerin arbeitete sie darum am Vormittag in der Pharmazie von Katharinas Mutter, der Lindenapotheke, am Marktplatz der kleinen Stadt.

Renate Stolberg, Katharinas Mutter, eine gutaussehende Frau Anfang fünfzig, hatte die alteingesessene Apotheke von ihrem Mann übernommen, der vor fünf Jahren überraschend an einem Herzinfarkt gestorben war. Konsequent und tüchtig führte sie das hochangesehene Geschäft mit freundlichen Angestellten ganz in seinem Sinne zum Wohle der Kunden weiter.

Am besten rufe ich Mama an und frage, ob sie Sophie ein Stündchen entbehren kann, überlegte die junge Frau und griff zum Telefonhörer.

»Lindenapotheke, Renate Stolberg am Apparat. Sie wünschen?« hörte Katharina die freundliche Stimme ihrer Mutter.

»Entschuldige, Mama, ich bin’s«, begann sie und wollte zu einer längeren Erklärung ausholen.

»Wie schön, mein Kind, dich wieder einmal zu hören«, freute sich Frau Stolberg, »ich hoffe, es geht dir gut? Da du ganz gegen deine Gewohnheit hier mitten am Vormittag anrufst, vermute ich, daß du etwas auf dem Herzen hast – also, meine Kleine, was kann ich für dich tun?«

Immer nennen mich alle »Kleine«, grollte Katharina innerlich; dabei fand sie sich mit ihren schlanken 168 cm gar nicht klein – aber im Vergleich zu Philipps Länge, der 1,90 m maß, war es natürlich wenig, und auch ihrer Mutter reichte sie nur knapp über die Schulter.

Ich habe eben andere Qualitäten, dachte sie kurz und sagte, »Mama, ich habe ein dringendes Problem, das ich unbedingt mit Sophie besprechen muß. Könntest du sie ausnahmsweise für eine Stunde in der Apotheke entbehren – oder habt ihr viel Betrieb?«

»Nein, mein Kind, es ließe sich machen – aber es tut mir leid, Sophie ist gar nicht hier. Sie hat sich heute freigenommen, weil eins ihrer Kinder krank ist und sie nicht so rasch einen Babysitter bekommen konnte. Vielleicht rufst du bei ihr zu Hause an?«

»Danke, Mam. Eventuell gehe ich gleich bei ihr vorbei und schaue dann später in der Apotheke herein. Wie wär’s – könnten wir nicht wieder mal zusammen eine Kleinigkeit essen, oder hast du in der Mittagspause zu tun?«

»Das kann ich noch nicht sagen – aber komm’ auf dem Rückweg einfach vorbei. Tschüß, mein Kind, und grüße sie von mir.«

Katharina legte auf und trat kurz auf den Balkon, um festzustellen, was sie am besten anziehen sollte. Obwohl es noch nicht Mittag war, brannte die Sonne schon heiß von einem wolkenlosen Himmel.

Also, das leichte Grüne mit den Spaghettiträgern, entschied sie, nahm einen breitrandigen Strohhut, dazu die passende Tasche und machte sich auf den Weg zur Freundin, die nur ein paar Straßen weiter in einem geräumigen Einfamilienhaus am Rande des Stadtparks wohnte.

Katharina klingelte nicht, sondern ging gleich durch den Garten zur Rückseite der kleinen Villa.

Auf der Terrasse unter der ausladenden Linde, die jetzt Ende Juni betäubend süß duftete, standen bequeme Gartensessel unter einem großen Sonnenschirm. Die Glastür des Wohnzimmers war weit geöffnet.

Gerade, als Katharina hineingehen und rufen wollte, kam Sophie ihr entgegen.

»Das ist aber eine Überraschung«, rief sie und umarmte die Freundin, »was führt dich hierher?«

»Mutter sagte, daß du zu Hause bist, weil eins deiner Kinder krank ist. Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes?«

»Nein, Julie hat sich wohl im Schwimmbad erkältet und fiebert etwas. Du weißt schon, wenn man nicht aufpaßt, ziehen sie nach dem Baden nie ihre nassen Sachen aus. Ich habe ihr ein Zäpfen gegeben, und nun schläft sie. Aber erzähle, es gibt doch sicher einen Grund, warum du mich mitten am Vormittag besuchst.

Setz’ dich doch, ich hole uns etwas Kaltes zu trinken«, fuhr sie fort und schob Katharina einen Sessel hin, bevor sie im Haus verschwand.

Nach einigen Minuten kehrte sie mit gekühlter Apfelschorle, einer Flasche Tonic Water und Gläsern zurück. Sie stellte das Tablett auf den Tisch, ließ sich mit einem erleichterten Seufzer in einen der Gartensessel fallen und sagte: »Bitte, nimm’ dir selbst, was du möchtest.«

Sophie griff nach einem Tonic Water, lehnte sie sich zurück und forderte die Freundin auf, »und nun berichte, was du auf dem Herzen hast. Gibt es Probleme mit Philipp, oder hast du dich mit deinem Verleger gestritten?«

Katharina lachte und goß sich eine erfrischende Schorle ein, »nein, weder noch. Es ist etwas ganz anderes, aber –«, sie zögerte einen Moment, »versprich mir, daß du mich nicht auslachst und auch Dirk nichts davon erzählst.«

»Ich schwöre«, sagte Sophie feierlich und hob die rechte Hand, ehe sie einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas nahm.

»In letzter Zeit schlafe ich ziemlich schlecht«, begann Katharina, »vor allem gegen Morgen – aber das Merkwürdigste ist, seit fast einem Monat habe ich jede Nacht denselben Traum.«

»Das ist ja schrecklich«, meinte Sophie, »sicher fürchtest du dich jeden Abend davor, ins Bett zu gehen. Ist es ein Alptraum?« wollte sie wissen.

»Teils, teils«, nachdenklich nippte Katharina an ihrem kalten Getränk, »ich ängstige mich vor den Qualen, den Schmerzen, der tödlichen Gefahr, die ich durchleben muß und hoffe doch immer, daß er sich wiederholt, denn das Ende wiegt alles auf.«

Und dann berichtete sie die aufregende Story mit allen Details.

»Wow«, kommentierte Sophie am Ende die Erzählung, »das ist ja ein Ding. Ich habe noch nie gehört, daß jemand immer wieder eine in sich logische Geschichte träumt. Die meisten Träume sind doch reichlich wirr, jedenfalls soweit man sich am Morgen daran erinnert.

Aber deiner ist wirklich außergewöhnlich. Sicher hat er etwas zu bedeuten«, fuhr sie fort, »vielleicht solltest du einen Fachmann dazu befragen«, schlug sie vor, »einen Psychotherapeuten oder so – die haben doch meistens auch von Träumdeutungen eine Ahnung.«

Sie schwieg und überlegte einen Moment. »Und du weißt wirklich nicht, wie es weitergeht, wenn dich dein Ritter die Turmtreppe hinuntergetragen hat?«

Katharina schüttelte den Kopf. »Nein, immer kam etwas dazwischen, so daß ich aufwachte.«

»Und was sagt Philipp zu dieser ungewöhnlichen Geschichte?«

»Ich habe ihm nicht erzählt, daß sich der Traum jede Nacht wiederholt – und auch von dem attraktiven Ritter weiß er nichts – er würde mich damit nur aufziehen«, schloß sie und stellte ihr leeres Glas zurück auf den Tisch.

»Mama, Mama, ich habe Durst«, tönte eine klagende Kinderstimme aus dem offenen Fenster im ersten Stock.

»Einen Moment – bin gleich wieder da.« Eilig verschwand Sophie im Haus.

»Ja, mein Schatz, ich komme schon«, hörte Katharina sie der kleinen Kranken antworten.

Einige Minuten später erschien die Freundin und stellte zwei Glasschalen mit Fruchteis auf den Tisch.

»Das wird uns bei dieser Hitze guttun«, sagte sie und fächelte sich mit einer gefalteten Zeitungsseite etwas Luft zu, »die arme Julie. Bei diesen Temperaturen macht ihr das Fieber sehr zu schaffen, ich hoffe nur, es fällt bald.«

»Eine so kompetente Apothekerin wie du sollte doch mit einer kleinen Erkältung fertig werden.« Katharina schleckte den ersten Löffel von dem köstlichen Himbeereis, »hm, wunderbar«, lobte sie, »und was rätst du mir in dieser Traumgeschichte? Was soll ich deiner Ansicht nach tun?«

Sophie dachte einen Moment nach und meinte dann, »also, ich würde zunächst abwarten, ob sich die Träume weiterhin wiederholen – sie sind dir ja nicht nur unangenehm, wenn ich dich recht verstanden habe – obwohl die Vorstellung, für unbestimmte Zeit gefesselt in einem Kerker zu liegen und sich vor einer drohenden Gefahr zu fürchten, nicht sehr verlockend ist – trotz der Befreiung«, sie warf ihr einen verschmitzten Blick zu, »und wenn sie nicht aufhören, würde ich professionelle Hilfe suchen.«

»Vielleicht sollte ich zuerst zu einer Wahrsagerin gehen? Was hältst du davon? Ich habe gehört, daß es draußen in Mayendorf eine alte Frau geben soll, die angeblich in die Zukunft schauen kann. Möglichweise könnte sie einen Hinweis geben, was das alles zu bedeuten hat.«

»Du kannst es ja versuchen, wenn du daran glaubst – ich würde eher einen richtigen Psychiater fragen«, sagte Sophie.

»Danke für dein geduldiges Ohr«, Katharina stand auf, »ich lasse mir die Sache durch den Kopf gehen. Morgen fahre ich jedenfalls zu meinem Verleger nach Hannover. Ich will ihm einen neuen Reiseführer vorschlagen – speziell für Wanderer und Sportbegeisterte in der Provence. Hoffentlich beißt er an.«

»Viel Glück«, Sophie umarmte die Freundin zum Abschied, »laß mich gelegentlich wissen, wie die Traumgeschichte weitergeht und grüße Philipp. Wir sollten alle vier mal wieder etwas gemeinsam unternehmen«, schlug sie vor, »wie wär’s mit einem kleinen Grillfest an diesem Wochenende – hier bei uns? Du könntest ja den Salat mitbringen.«

»Ich überleg’ es mir«, rief Katharina und winkte nochmals, ehe sie um die Hausecke verschwand.

Da es inzwischen schon kurz vor ein Uhr war, beschloß sie, ihre Mutter in der Apotheke aufzusuchen.

Sie hatte Glück, es war wenig Betrieb, so daß Frau Stolberg sich die Mittagspause mit ihrer Tochter auf der schattigen Terrasse eines nahen Cafés gönnen konnte. Sehr oft ergab sich für beide nicht die Gelegenheit zu einem entspannten Gespräch.