Irrsinn - Henrike Hahn - E-Book

Irrsinn E-Book

Henrike Hahn

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Beschreibung

Anna Schnell führt das Leben einer durchschnittlichen jungen Erwachsenen in der Stadt: Während sie eher erfolglos und vor allem schon viel zu lang studiert, jobbt sie als Kellnerin und führt eine Beziehung mit dem Musiker Jan, der sie aufrichtig liebt. Die Ziellosigkeit, mit der Anna ihr Leben führt, bringt jedoch eine gewisse innere Unruhe mit sich, die ihr irgendwann unerwartet entgleitet und sich verselbstständigt. Plötzlich nimmt sie die Dinge um sich herum anders wahr und stellt sich Fragen, die sie vorher nie hatte: Wer spricht eigentlich mit ihr, wenn sie einen inneren Monolog führt? Warum fallen ihr plötzlich alle Dinge um sie herum auf, die eine bestimmte Farbe haben, und - steckt hinter all diesen neuen Auffälligkeiten vielleicht ein System? `Irrsinn´ ist die Erzählung aus der Sicht einer Frau, deren Realität sich plötzlich von der ihres Umfeldes unterscheidet - sie erkrankt an Schizophrenie. Unvermeidbar wird sie irgendwann für mehrere Wochen in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Sie berichtet von diesem Aufenthalt mit seinen Regeln und Vorschriften ebenso wie vom Miteinander der Patienten. Dabei beschreibt sie skurrile, lustige, aber auch tief berührende Situationen, die plötzlich ihr - realer - Alltag sind. Mit einer gehörigen Portion Situationskomik und Selbstironie, aber auch tragischen Momentaufnahmen ist `Irrsinn´ ein Versuch, den Leser zu sensibilisieren für eine Welt neben der geliebten “Normalität“, die für viele Menschen realer Alltag ist. Dabei ist der leise Unterton von Kritik am Umgang mit psychischer Krankheit in unserem Kulturkreis mal lauter, mal leiser zu hören.

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Seitenzahl: 197

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Eine wichtige Information vorweg…

Der Inhalt dieses Buches ist kein Tatsachenbericht, sondern wurde geschrieben ganz im Sinne literarischer Kunst.

Die in dieser Geschichte vorkommenden Personen, Orte und Geschehnisse sind Produkt reiner Phantasie.

Jedoch können durch die unendlichen Facetten des wirklichen Lebens Überschneidungspunkte zu fiktiven Charakteren und Geschichten nie völlig ausgeschlossen werden, und wer auf der Suche nach solchen ist, wird sicher welche finden.

Daher wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass mögliche Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten mit lebenden oder toten Personen, aber auch realen Begebenheiten oder Orten, rein zufälliger Natur und in keinster Weise beabsichtigt sind.

Schreibt man das so? Bin ich jetzt auf der “sicheren Seite”? Verletze ich nun niemanden mehr, der in meiner Geschichte vorkommt, nur weil ich vorher schreibe, dass wir alle gar nicht existieren würden?

Natürlich existiere ich, wie alle anderen, die in meiner Geschichte vorkommen. Das, was ich hier berichten möchte, denkt sich niemand freiwillig selbst aus.

Dennoch glaube ich, dass es besser ist, zu behaupten, alles hier wäre frei erfunden - wer weiß, wer es liest, wenn es soweit ist.

*

Vielleicht hätte ich früher anfangen sollen, darüber zu sprechen. Ganz am Anfang, meine ich. Als sie mit diesen Interviews begonnen haben.

"Frau Schnell, wie fühlen Sie sich?

Warum haben Sie sich ausgerechnet für diese Jacke entschieden?"

"Eine Frage: Warum epilieren Sie Ihre Beine, anstatt sie zu rasieren?"

"Guten Morgen Frau Schnell - heute ist Ihr fünfter Tag ohne Zigarette - spüren Sie schon Unterschiede? "

"Frau Schnell, Sie haben soeben drei Kilo Speisequark gekauft - warum glauben Sie, werden Sie die Quark-Diät durchhalten?"

Die Reporter kamen für gewöhnlich, ohne sich anzukündigen. Und immer schienen sie sich für Themen zu interessieren, die, so gesehen, nun wirklich nicht gerade spannend sind. Trotzdem beantwortete ich ihre Fragen. Dabei sprach ich meine Antworten natürlich nicht immer laut aus. Oft dachte ich sie mir auch nur; die Reporter bedienten sich ja schließlich auch nicht der wirklich hörbaren menschlichen Sprache. Sie sprachen nicht mit, sondern in mir. Oft hatte ich allerdings das Gefühl, es reiche nicht aus, ihnen auf die gleiche Weise zu antworten: Sie schienen zufriedener, wenn ich meine Antworten an sie laut aussprach.

Die Gefahr, dass meine Umgebung sich wunderte, bestand übrigens nicht. Die Reporter kamen stets, wenn sie wussten, dass sie mich allein antreffen würden. Auch wenn ich ihr Interesse an den jeweiligen Themen nur schwer nachvollziehen konnte - diese eigenartigen Interviews bereiteten mir Freude. Oft erfüllten sie mich mit Stolz, weil meine Meinung bei solch - oberflächlich betrachtet - eher unwichtigen Themen so viel zählte.

Außerdem waren die Reporter mir gegenüber zum damaligen Zeitpunkt immer freundlich gestimmt und respektvoll. Oft fühlte ich mich durch sie wie ein Star oder irgendeine Prominente oder so etwas in der Richtung.

Ich konnte ja damals nicht wissen, dass sie auf der anderen Seite standen. Noch heute glaube ich manchmal, dass sie es nicht einmal selbst wussten.

Dass sie nur Marionetten einer bösen Macht waren, deren einziges Ziel es war, mich, und später auch alle anderen Rothaarigen zu vernichten.

*

Der Aerobic-Kurs war soeben beendet. Verschwitzt saß ich im Umkleideraum und wartete, dass eine der Duschen frei wurde.

Plötzlich trat Jan von hinten an mich heran. Ihm schien es völlig egal zu sein, dass es sich hier um eine Damen -Umkleide handelte. Recht grob ergriff er meinen Nacken, beugte sich über mich, küsste meinen verschwitzten Hals, während er meinen Kopf durch einen festen Griff im Haar leicht nach hinten überstreckte.

Es war unangenehm. Ich riss mich los und sprang unter die Dusche…

Den Heimweg vom Sportstudio musste ich, so schien es, heute im überfüllten Bus bestreiten. Kinder brüllten, und überall auf den Sitzbänken saßen auffallend viele Omis mit überfüllten Einkaufstüten.

Herausgequetscht von der Masse der Fahrgäste, hing ich schon halb über dem Rand des Busfensters; eigenartigerweise war keine Scheibe eingebaut, sodass ich den Fahrtwind im Gesicht spüren konnte. Plötzlich bremste der Bus. Die spontane Vollbremsung war so hart, dass ich aus dem Fenster fiel, mitten auf die Fahrbahn.

Ich hörte das aufgeregte Geschrei der anderen Fahrgäste aus dem Fenster über mir, unzählige Oma-Hände streckten mir ihre knochigen Finger entgegen, aber für Hilfe war es zu spät.

Ein Lastwagen auf der Nebenspur hatte den Bus nun vollständig eingeholt, jetzt noch schnell den Fahrbahnrand zu erreichen war völlig unmöglich. Der Lastwagenfahrer klingelte panisch. Eigenartig, dachte ich im letzten Moment, womit klingelt er? Hat er keine Hupe?

Da endlich wachte ich auf. Das Klingeln des Lastwagens entpuppte sich als gewöhnliches Wecker-Klingeln. Jan lag neben mir und schnarchte laut. Mit noch von der Lebensgefahr rasendem Herzschlag lauschte ich seinem gleichmäßigen Atem, er beruhigte mich.

Draußen war es noch dunkel. Aller Bemühungen zum Trotz, weiter den Grund zu verdrängen, warum ich mir den Wecker auf sechs Uhr gestellt hatte, drängte er sich in mein Erinnerungsvermögen. Die verdammte Statistik-Klausur.

Ich war Studentin der Sozialwissenschaften im ungefähr elften, gefühlt hundertsten, unerfolgreichen Semester. Ungefähr seit Mitte des ersten Semesters dachte ich über einen Wechsel des Studiengangs nach. Das, was ich studierte, interessierte mich zu höchsten zwei Prozent. Ich glaube, der Grund, warum ich nicht längst gewechselt hatte, war einfach die Angst, zu erkennen, dass mich KEIN Studiengang wirklich interessierte.

Die Statistik-Klausur schob ich seit ungefähr acht Semestern vor mir her, und heute sollte also der große Tag sein.

Jan ist Musiker. Neben seinen langen Probenächten mit "der Band" arbeitet er als Gitarrenlehrer . Die Band ist nicht gerade erfolgreich. Erstens ändern sie viel zu häufig ihren Namen, und zweitens handelt es sich dabei um fünf hochbegabte Musiker, die aber leider so hochbegabt sind, dass sie ständig "experimentell" sein wollen.

Experimentelles will aber niemand hören. Naja, fast niemand.

Ich war noch nicht wirklich lange mit ihm zusammen, ein paar Monate eben. Aber ich war verliebt, und das passiert mir nicht häufig.

Am Morgen der Statistik-Klausur dachte ich darüber nach, dass sein Schnarchen ein handfester Trennungsgrund werden könnte.

Andererseits, dachte ich, als ich es geschafft hatte, mich aus dem warmen Bett an den Küchentisch zu quälen, ist mir morgens um sechs, wenn ich entspannt allein meinen Kaffee trinken möchte, ein schlafender, schnarchender Freund lieber als ein wacher.

Zwei Stunden später saß ich mit hundertfünfzig anderen Studenten in einem schlecht belüfteten Hörsaal und starrte auf den vor mir liegenden Fragenkatalog, bei dessen Inhalt mir übel wurde. Ein sicheres Gefühl bei einer Prüfung ist anders. Beim Durchlesen der Aufgabenstellungen begann ich ernsthaft, an meinem Grund-IQ zu zweifeln.

"Frau Schnell, Sie haben sich entschieden, diese Prüfung zu schreiben-glauben Sie, es gibt eine Chance?" Seit wann kamen die Reporter, wenn ich mit so vielen Menschen zusammen war? Tatsache war, dass ich mich jetzt weder auf ihre, noch auf die Fragen im Skript konzentrieren konnte. Stille. Die Reporter waren wieder abgezogen.

Der Dozent, der die Klausur beaufsichtigte, stand vor der Tafel und erklärte wohl gerade das Punktesystem. Während er mehr oder weniger gelangweilt zu uns sprach, verkleinerte sich sein Kopf. Ich hatte das Gefühl, der Abstand zwischen ihm und mir würde immer größer, seinen Kopf sah ich durch eine Art Tunnel, und er hatte höchstens nur noch die Größe eines Stecknadelkopfes. Ich kann das einfach so lapidar erzählen, weil es für mich nichts Unbekanntes ist. Als Kind hatte ich das öfter, aber bis zu dem Augenblick im Hörsaal eigentlich nie wieder.

Damals passierte es fast jedes Mal, wenn mein Vater versuchte, mir Rechenaufgaben zu erklären, die übrigens noch nie meine Stärke gewesen waren.

Mein riesiger Vater (er ist wirklich mit einem Meter fünfundneunzig nicht gerade der Schmächtigste) saß dann immer auf seinem riesigen Schreibtischstuhl, ließ seine riesigen verschränkten Arme und Beine irgendwo in meine Richtung baumeln und machte kein Geheimnis aus seinem gewissen Unverständnis für das mathematische Unverständnis seiner Tochter. Während er mir Vorträge über logisches Denken und Nur- Wollen hielt, kniff ich die Augen zusammen, um seinen winzigen Kopf noch erkennen zu können.

Bevor sein Kopf gänzlich zu verschwinden drohte, zwinkerte ich meist - damit wurde der Vorgang des Schrumpfens zuverlässig unterbrochen. Meistens musste ich aber gar nicht zwinkern, weil mir irgendwann Tränen der Wut über die heißen Wangen rollten, und verschwommenes Sehen führte dann auch wieder zum Normalzustand des Kopfes von meinem Vater.

*

Die Entscheidung, die Sache mit der Uni für immer zu canceln, fiel mittags nach der Klausur.

Ich saß im Park, mir war kalt und der Himmel so richtig mies Oktober-grau. "Frau Schnell. Sie müssen das nicht machen." Es war das erste Mal, dass einer der Reporter mir einen Rat gab, anstatt mir mehr oder minder dämliche Fragen zu stellen.

"Okay, " antwortete ich laut, "aber würden Sie mir auch die Alternative verraten?"

Überraschenderweise bekam ich Antwort. "Sie brauchen keine Alternative. Sie sind bereits die Alternative. Achten Sie darauf in der nächsten Zeit. Es wird genug Zeichen geben."

Mir war das alles grad ein wenig zu esoterisch, und damit verdrückte sich der kurze Dialog in einen abgelegenen Winkel meines Bewusstseins, ähnlich irgendeinem alltäglichen flüchtigen Gedanken.

Als ich nach Hause kam, lag ein lieber Zettel von Jan auf meinem Küchentisch. Irgendwas von " so schön mit Dir," und "hoffentlich noch lange Zeit". Ich fand das völlig daneben, schließlich empfand ich diesen Tag als die nächst höhere Stufe meiner absoluten Sinnkrise, da war ich für Liebesschwüre ungefähr so empfänglich wie ein Tiger für Salat. Vielleicht wäre es sowieso besser, wir trennten uns. Früher oder später würde ihn mein Nicht- wissen- wohin sowieso nerven, eher verwunderlich, dass es das nicht schon tat.

Ich machte mir eine Schale Griesbrei zur Frustbewältigung und knallte mich vor den Fernseher.

Auf dem ersten Sender, bei dem ich hängen blieb, lief eine dieser Comedy - Serien mit eingespielten “Jetzt - bitte - Lachen” -Lachern, damit der Zuschauer sein Gehirn vollends im Griesbrei versinken lassen konnte. Die Hauptdarstellerin hatte rote Haare und eine glückliche Ehe, wie es schien, aber dann fand sie doch an ihrem Mann genug auszusetzen, um den Zuschauer mit ausreichend Gelache zu belästigen.

Ich zappte weiter. Eine Dokumentation, bei der sich gerade zwei Marienkäfer beachtlich nahe kamen. Ein Musikvideo, in dem sich ein Rapper mit einer Riesenschlange um dem Hals vor einem knallroten Angeberschlitten profilierte. Eine Kochsendung mit einer überdimensional großen Aufnahme der Tomatensuppe, in die der Koch "mit ganz viel Liebe " die Sahnehaube hineingleiten ließ, als hätte er sein Leben lang darauf gewartet.

Mir blieb der Griesbrei fast im Hals stecken, denn selbst mit einem Riesenberg Ignoranz war es nicht zu übersehen: Rot. Was sollte das? Auf jedem verdammten Sender wurde etwas Rotes ausgestrahlt!

Um meine Beobachtung zu überprüfen, zappte ich nervös weiter: immer noch die Rothaarige. Ein rotes Jackett der Reporterin. Aufnahmen von Kirchenfenstern, hauptsächlich in Rottönen. Immer noch die Marienkäfer. Ein angepriesenes Schmuck-Set mit, wie sollte es auch anders sein, roten Steinen. In der Kochsendung riesige rote Paprika-Stücke im Salat.

Ich wurde unterbrochen - es kitzelte auf meiner Hand. Als ich hinsah, bemerkte ich

ein ausgefallenes Haar von mir. Rot! Natürlich wusste ich bereits, dass ich rote Haare habe, doch in diesem Moment war das für mich wie ein Schock. Mir wurde übel. Ich machte den Fernseher aus und schloss die Augen. Was sollte das?

Der Reporter fiel mir wieder ein. Meinte er das? Und wenn ja, was genau? "Sie sind die Alternative, Frau Schnell," erinnerte ich mich an seine Worte.

Ich schlief wohl ziemlich erschöpft ein, denn als ich am nächsten Morgen auf dem Sofa erwachte, bemerkte ich überrascht, dass ich vierzehn Stunden am Stück geschlafen hatte.

*

Die nächsten Tage fragte ich mich, ob ich Jan von dem "Rot-Sehen, mal anders" berichten sollte und entschied mich dann dagegen. Irgendwie fand er die Idee, dass ich das Studium nun vollends hinter mir ließ, schon beunruhigend genug. "Du weißt doch noch gar nicht, was Du stattdessen machen sollst!" Stimmt, dachte ich. Ich bin die Alternative, schoss es mir von links nach rechts durch den Kopf. Aber ich hielt den Mund. Außerdem hatte ich ja noch meinen Kellner-Job im “Heckels“, ich könne um ein paar zusätzliche Schichten bitten, überlegte ich mir. Dann würde ich wenigstens mehr Geld haben, was in Anbetracht der Tatsache, dass ich ja irgendwann das Bafög-Amt vom Studienabbruch unterrichten musste, nicht die dümmste Idee war.

Der Job war mit Abstand das Langweiligste, was ich mir für einen Arbeitstag vorstellen konnte. Das Heckels war glaub ich mal ein cooler Laden, wobei die Betonung auf `war´ liegt. Inzwischen besteht der Großteil der Gäste aus miesem Stammpersonal. Wer schon mal gekellnert hat, weiß, dass es kaum etwas Schlimmeres gibt. Sie denken, sie dürften alles. Und dass man sich mit ihnen unterhalten möchte. Und dass ihr Essen eigentlich schon an ihrem Platz stehen müsste, wenn sie noch hundert Meter entfernt sind. Und sagen, was sie gern hätten, halten sie für völlig überflüssig. Das muss die doch wissen! Ich bin hier schon gewesen, da, hah!, da hat die Kleine noch bei ihrer Mutter, ach was, da gab´s den Laden hier noch nicht mal!

Und dann fangen sie an zu fragen. Erstens, ob denn der Hans heut schon hier war, wenn ja, wo ist er denn dann hin jetzt, und wenn nein, warum nicht.

Zweitens, warum man denn heute so schlecht gelaunt aussehen würde, so ein hübsches Mädel, dafür gäbe es doch sicher keinen Grund. Dann tauschen sie auch gern mal selbst ihren Aschenbecher aus, in dem ja schon zwei Zigarettenstummel sind. Sie greifen dann über den Tresen, stellen den "vollen" dort demonstrativ ab, und nehmen sich, oft von einem schweren Seufzen begleitet, einen neuen. Dabei werfen sie einem einen leicht vorwurfsvollen, aber großgütigen Blick zu, so isse halt, unsere Kleine.

Rosa, die Chefin des Heckels ist eine pseudoemanzipierte Mittvierzigerin. Sie ist nicht unattraktiv, was sich auch in der Anzahl ihrer Männerbekanntschaften bemerkbar macht. Vor drei Jahren hat sie das Tango Tanzen für sich entdeckt, was Vor- und Nachteile für mich hatte. Der Nachteil waren ihre ausführlichen Berichte, die sich hauptsächlich um männliche Mittänzer oder den spanischen Tanzlehrer drehten.

Der Vorteil war, dass sie definitiv seltener im Laden war. Manchmal trank sie sich abends an ihrem eigenen Tresen an ein bis drei Flaschen Weißwein fest, dann wurde sie richtig nervtötend.

Ansonsten war sie eine typische, aushaltbare Gastro -Chefin: Immer leicht paranoid, hintergangen zu werden, immer und gerade wenn nichts zu tun war, zwanghaft nörgelnd, und schnell überfordert, wenn mehr als fünf Gäste da waren. Aber irgendwie mochte ich sie.

Einige Tage nach meinem Rot-Sehen im wahrsten Sinne arbeitete ich mal wieder im Heckels. Es war alles in Ordnung gewesen die letzten Tage, und bis auf extrem wirre Träume nachts ging alles seinen gewohnten Gang. Ich hatte ja nicht einmal das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung gewesen war. Die Reporter kannte ich ja schon immer irgendwie, und den Rest fand ich eigenartig, aber nicht wirklich beunruhigend.

Doch dann kam dieser Kellner - Abend, und der war, glaub ich, der richtige Beginn der Katastrophe.

Bewaffnet mit Block und Stift näherte ich mich meinen neuen Gästen, einem sympathischen Paar, etwas älter als ich. Sie wollten etwas essen, und er übernahm das Bestellen. Bis auf ihr Getränk sagte er seinen Text tadellos auf, dann blickte er sie fragend an. Sie überlegte kurz.

"Was habt ihr denn an Rotweinen da?" Gerade wollte ich mit meiner kleinen Aufzählung beginnen, als plötzlich überraschend die Stimme von einem der Reporter dazwischenfunkte.

"Pass gut auf, Rotwein hat sie gesagt -” Es war anders als sonst. Nicht einfach, wie gewohnt, eine Art gedankliche Stimme in mir, sondern jetzt eher von außen, irgendwie realer. So, als würde mir jemand einen Telefonhörer ans Ohr halten, mit einem Ferngespräch, bei dem die Stimme im Gegensatz zum Ortsgespräch ja meist etwas leiser zu hören ist. Die Stimme des Reporters war weit weg, aber deutlich zu verstehen. Wirklich zu hören.

Ich geriet ins Stocken.

Die junge Frau sah mich fragend an, und ich wusste beim besten Willen nicht, ob sie vorher gerade etwas gesagt oder gefragt hatte. Sie bemerkte meine Abwesenheit und lächelte freundlich . "Ach, egal, Hauptsache trocken." Der Reporter rief mich durch die lange Leitung :"Anni! Rot! Natürlich trinkt sie Rotwein, das gehört doch zum Konzept, um nicht zu sagen, zum roten Faden!"

Seit Jahren hatte mich niemand mehr Anni genannt. Als Kind hieß ich Anni. Wenn sie mich dann "Anna" riefen, wusste ich bereits, dass es Ärger gab.

Was auch neu war an dem Auftreten des Reporters - er duzte mich. Das erste Mal. Es klang nicht mehr so respektvoll und höflich, eher höhnend. Und: noch nie waren die Reporter-Stimmen störend gewesen. Diese jedoch war plötzlich laut. Hörbar und laut, sodass ich Schwierigkeiten bekam, meine Umwelt wahrzunehmen.

Meine Umwelt war in dem Fall die Frau am Tisch vor mir, die noch immer ihre Bestellung loswerden wollte. Das Problem war nur, dass ich sie nicht verstehen konnte.

"Entschuldigung - welchen Wein hätten Sie gern?" fragte ich sie, denn mir blieb nichts anderes übrig. Ich hatte auch jegliches Zeitgefühl verloren. Wahrscheinlich waren kaum ein paar Sekunden vergangen, aber ich hielt es ebenso für möglich, dass ich schon ein paar Stunden vor diesem Tisch stand. Die Frau atmete ein, um zu antworten. Doch in dem Moment, als ich an ihrer Lippenbewegung erkennen konnte, dass sie zu sprechen begann, war der Reporter wieder da. "RRRRoooootwein," gurrte er, "rrrrrrooooooot!" Anschließend brach er in schallendes Gelächter aus.

Mir schossen die Tränen in die Augen, denn ich spürte, dass ich die Situation nicht in den Griff bekam. Es machte mir Angst.

Das Pärchen schaute mich irritiert an. Wieder setzte die Frau zu einem Satz an, wieder fing der Reporter an, dazwischenzureden, fast brüllte er schon. "Rot, Anni! Anni! Rrrrroooot!" Nun schrie ich auch. Ich war verzweifelt, und mein einziger Wunsch war, dass es aufhörte.

"Können jetzt alle bitte mal ruhig sein!" schrie ich hysterisch , und meine Stimme zitterte. Nun schauten mich ungefähr 20 Augenpaare entsetzt an. Rosa, die bis jetzt still am Tresen gestanden hatte, kam zum Tisch. Scheinbar sah ich wirklich nicht gut aus, denn mit einem für sie sehr untypisch fürsorglichem Griff brachte sie mich in die Küche.

"Warte hier."

Erschöpft sank ich auf den Küchenhocker. Ich hörte Rosas entschuldigende Ansprache am Tisch des Pärchens durch die Küchentür. Auch das durchschnittliche Kneipengemurmel hatte kurz nach meinem Ausbruch wieder eingesetzt.

Rosa kam zurück in die Küche. "Anna, was ist mit Dir?" Ihre Hand berührte meine Wange.

"Nein, nicht!" , schreckte ich zurück. Im letzten Moment hatte ich zum Glück noch den Ring mit dem großen roten Stein an ihrem Finger bemerkt. "Ja-haaaa, " hörte ich den Reporter spottend lachen, "da muss man schon aufpassen!"

"Anna! Was ist los?" Rosas Stimme klang weit, weit weg.

Der Reporter rief fast zeitgleich: "Anni, lass Dich nicht täuschen! SIE IST ROT!"

"Alles okay," flüsterte ich, bemüht, mir die Verzweiflung nicht anmerken zu lassen. Ich begann still zu weinen, und mir war schlecht. Was sollte das alles?

Rosa schickte mich ratlos nach Hause, es wäre wohl gerade stressig für mich alles, eine Woche ohne Arbeit hielt sie für angebracht. "Ruf an, wenn `s Dir besser geht."

Als ich die Strasse betrat und mir die kalte Nachtluft entgegenschlug, ging es mir sofort besser. Ich hörte nichts, außer das gewöhnliche Motorengeräusch der vorbeifahrenden Autos.

Doch obwohl die Reporter schwiegen und der Spuk oberflächlich vorüber zu sein schien, wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie nicht wirklich verschwunden waren. Ich spürte ihren Atem wie den eines wilden Tieres, das man förmlich riechen kann. Jede Faser meines Körpers sagte mir, dass ich unter Beobachtung stand: Sie registrierten jeden Schritt, kontrollierten jeden meiner Atemzüge, jeden meiner noch so unwichtigen Gedanken. Wenn ich stehenblieb, um misstrauisch in die Stille zu horchen, belauschten sie mein Lauschen. Es bestand kein Zweifel, sie waren noch da.

Meine Wohnung war im zweiten Stock eines dieser Sozialbau-Rotklinker-Häuser einer nicht gerade verkehrsberuhigten Siedlung. Meine Nachbarn waren hauptsächlich Langzeitarbeitslose mit Klischee- erfüllenden Hobbys wie saufen und Zigaretten drehen. Auch am typischen Hausdrachen war nicht gespart worden, sie wohnte im ersten Stock, hatte die 70 und alle Freunde, sofern sie früher welche gehabt hatte, lange hinter sich gelassen und lebte nun ausschließlich, um alle Nachbarn jeden Montag mit erhobenen Zeigefinger an das Putzen des Treppenhauses zu erinnern. Oder daran, die Kellertür doch bitte doppelt abzuschließen. Oder daran, die Werbeprospekte auf der Treppe zu entfernen.

Normalerweise hasste ich es, dem Drachen zu begegnen. An jenem Abend wirkte aber die Tatsache, dass bei ihm noch Licht brannte und ich durch das Spiel von hell und dunkel am Spion wusste, dass er wie immer alles im Griff hatte, äußerst beruhigend auf mich.

Schon von der Strasse aus hatte ich gesehen, dass auch in meiner Wohnung Licht brannte, Jan hatte sich angekündigt. Ich war froh, jetzt nicht allein sein zu müssen. Aber gleichzeitig fühlte ich mich ratlos - sollte ich mit ihm über die Reporter und all das sprechen? Es wäre sicher eine Entlastung für mich, aber ich war nicht sicher, ob ich ihm wirklich erklären konnte, was sich da abspielte, ohne das er mich gleich für völlig durchgeknallt hielt. Noch ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, wurde mir die Entscheidung unsanft abgenommen.

"Untersteh Dich, Anni," hörte ich das Raunen des Reporters. Plötzlich fühlte ich mich unendlich schwach.

"Bitte lass mich in Ruhe, " flüsterte ich, während ich matt die letzte Treppe zu meiner Wohnungstür erklomm. Ich wollte, dass er mich in Ruhe ließ, dass alles wieder normal war! Ich wünschte mir plötzlich nichts mehr, als die Tür aufzuschließen, Jan in der Küche beim Gemüse schnipseln anzutreffen, von wohligem Geruch des Essen auf dem Herd eingelullt zu werden, vielleicht romantisch bis kitschig untermalt von einer Kerze auf dem gedeckten Tisch und etwas Musik. Ich würde ihm diesen ganzen verrückten Tag erzählen, mich in seine starken Arme werfen und ein wenig heulen. Danach hätten wir dann grenzenlos wilden Sex auf dem Küchenfußboden, und später gäbe es dann das verkochte Gemüse und ein bisschen Bier, und dann würden wir kichernd und selig schlafen gehen. Und ich würde diesen schrägen Abend abhaken, und irgendwann später mal denken, dass ich da ja wirklich mal kurzzeitig ganz schön neben der Spur war mit meinem bescheuertem Rot -Tick.

Hoffnungsvoll schloss ich die Tür auf.

"Jan?"

Er hörte mich nicht, die Tür zur Küche war geschlossen, und im Inneren lief Musik - er kochte tatsächlich.

"Hey!", lächelte er mich an, als ich die Tür öffnete, "gibt Nudeln."

Fröhlich kam er mir entgegen, doch dann stockte er. "Was ist?"

Ich sagte nichts.

"Keinen Schritt!" schrie der Reporter.

Verzweifelt blickte ich zu Jan herüber.

"Anna, alles okay?" hörte ich ihn fragen, und er sagte noch mehr, aber das verstand ich nicht, denn der Reporter brüllte dazwischen: "Und erst recht kein Wort, Anni! Ich warne Dich! Unterschätze mich nicht!"

Ich wollte mich widersetzen, egal, dachte ich, was soll mir eine Stimme im Kopf schon antun?

Jan stand noch immer abwartend vor mir, und ich entschied, mich ihm anzuvertrauen, was sollte schon passieren.

Ich atmete ein. In dem Moment fuhr mir ein plötzlicher, stechender Schmerz durch den Kopf, so stark, dass ich das Gefühl hatte zu implodieren.

"Anni!" hörte ich die jetzt eher blecherne Stimme des Reporters zwischen Ohrensausen und einem penetranten Brummen. Mit zugekniffenen Augen und aller Kraft drückte ich beide Hände gegen meine Schläfen, um meinen Kopf irgendwie davon abzuhalten, demnächst zu zerbersten.

Von ganz weit weg spürte ich, wie Jan mich aufgeregt an den Schultern schüttelte, doch ich war unfähig, mich mitzuteilen. "Anna!" rief er besorgt inmitten der ganzen anderen Geräusche. Da verlor ich das Bewusstsein.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Küchenfußboden, auf der einen Seite über meinem Kopf sah ich Jans, auf der anderen das Gesicht des einzig normalen Nachbarn in unserem Haus. Ein Tropenarzt, der fast nie in der Stadt ist und seine Wohnung eher nutzt, um seine Möbel zu lagern als sich wirklich lange dort aufzuhalten. Im Stillen schickte ich augenblicklich ein Stoßgebet an den, der Jan die Eingebung geschickt hat, erst bei ihm zu klingeln, anstatt gleich den Notarzt zu rufen. Doktor Breimann lächelte. Es war das Lächeln eines Menschen, der schon einiges in seinem Leben gesehen hatte.

"Na, Fräulein Schnell?"