Irrsinnig verliebt - Otis J. Finley - E-Book

Irrsinnig verliebt E-Book

Otis J. Finley

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Beschreibung

»Ich weiß nicht, warum ich so zu dir bin«, gab er flüsternd zu. »Manchmal machst du mich so wütend. Und dann wieder …« Tobias braucht körperlichen Schmerz, um sich zu fühlen. Oliver die absolute Kontrolle, damit er sich nicht verliert. Bei ihrer ersten Begegnung regnet es eher Eis, als dass die Funken zwischen den beiden fliegen, doch sehr schnell wird klar – gegen die Anziehungskraft, die zwischen ihnen herrscht, sind sie machtlos. Sie beginnen ein an Irrsinn grenzendes Spiel, in dem es um Dominanz, Unterwerfung und Liebe geht, das sie an den Rand der Verzweiflung treibt und einige dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht bringt. Gelingt es beiden, zu sich selbst und zueinander zu finden? Wie kämpft man füreinander, während man einen Kampf für sich selbst führt?

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Otis J. Finley

Irrsinnig verliebt

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2023

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte

© Vlad Orlov – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-652-4

ISBN 978-3-96089-653-1 (ebook)

Inhalt:

»Ich weiß nicht, warum ich so zu dir bin«, gab er flüsternd zu. »Manchmal machst du mich so wütend. Und dann wieder …«

Tobias braucht körperlichen Schmerz, um sich zu fühlen. Oliver die absolute Kontrolle, damit er sich nicht verliert. Bei ihrer ersten Begegnung regnet es eher Eis, als dass die Funken zwischen den beiden fliegen, doch sehr schnell wird klar – gegen die Anziehungskraft, die zwischen ihnen herrscht, sind sie machtlos.

Sie beginnen ein an Irrsinn grenzendes Spiel, in dem es um Dominanz, Unterwerfung und Liebe geht, das sie an den Rand der Verzweiflung treibt und einige dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht bringt.

Gelingt es beiden, zu sich selbst und zueinander zu finden?

Wie kämpft man füreinander, während man einen Kampf für sich selbst führt?

Hinweis:

1 Tobias

Wie ein träger Kater rollte ich mich genüsslich in Kevins warme Bettdecke ein und inhalierte den intensiven Duft nach Sex und Geborgenheit, der sich darin verfangen hatte. Ausnahmsweise fühlte ich mich in meiner Haut rundum wohl, was selten vorkam, wenn ich im Bett eines Mannes aufwachte. Das ungewohnte Gefühl wollte ich auskosten, solange es anhielt. Nebenan stand Kevin unter der Dusche und sang. Laut und schief. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Er war wirklich süß, aber ich hoffte für die Nachbarn, dass die Wände nicht allzu dünn waren.

Nein, singen konnte er nicht, dafür hatte er andere Talente. Bei der Erinnerung an das, was wir vor wenigen Minuten miteinander getan hatten, fing es augenblicklich erneut in meiner Körpermitte an zu pochen und ich konnte nicht widerstehen, musste mich berühren, obwohl mein Körper nach der kräftezehrenden Nacht völlig überreizt und ausgelaugt war. Kevin war ausgesprochen gut im Bett, wer achtete da schon auf seine Singstimme? Mittlerweile hatten wir sechzehn Nächte miteinander verbracht. Vor ihm war ich nicht auf mehr als fünf mit ein und demselben Typen gekommen. Zu viel Nähe und die Erwartungen anderer Menschen an mich waren nicht meins, deshalb verspürte ich meist schnell den Drang, potenzielle Beziehungspartner wieder loszuwerden. Wie das eben so lief …

Verliebt war ich in meinem vierundzwanzigjährigen Leben noch nie gewesen. Bis jetzt. Na ja, zumindest kamen meine Gefühle für Kevin dem Gefühl von Verliebtsein näher als alles, was ich bisher empfunden hatte. Er war etwas Besonderes. Vielleicht nicht die hellste Kerze auf der Torte, aber lieb, auf alle Fälle witzig und unfassbar heiß. Und er hatte etwas, das ich wirklich vermissen würde, wäre es zwischen uns vorbei. Ehrlich gesagt, machte das, worum es ging, einen erheblichen Teil seiner Anziehungskraft auf mich aus … Wie auch immer … Auf jeden Fall lag ich jetzt nach der sechzehnten Nacht noch immer in seinem Bett und hatte nicht das Bedürfnis, die Flucht zu ergreifen. Im Gegenteil, mein Verlangen nach ihm wurde gerade immer stärker.

Nebenan wurde das Wasser abgestellt, der Gesang leider nicht. Der Song irgendeines DJs dröhnte schräg aus Kevins Kehle vom Bad bis ins Schlafzimmer. Ich zog mir die Decke über den Kopf. Besser. Kevin brauchte viel Zeit im Bad. Mein Vielleicht-Freund war sehr auf sein Äußeres bedacht und verließ die Wohnung erst dann, wenn er mit seinem Aussehen vollkommen zufrieden war und das dauerte. Etliche Minuten vergingen und trotz meiner aufgepeitschten Hormone fielen mir bald die Augen zu.

»Aufwachen, mein Hübscher. Wir haben einen Termin«, flüsterte Kevin. Erschrocken richtete ich mich auf. Er hatte sich auf die Bettkante gesetzt, seine warme Hand unter die Decke geschoben und mich sanft an der Wange berührt. Richtig, heute würde ich den Partner von Elli, Kevins bester Freundin kennenlernen, erinnerte ich mich. Sie hatte ich bereits getroffen, aber nicht wirklich mit ihr gesprochen. Das hatte sich nicht ergeben.

»Du bist so süß, wenn du aufwachst«, raunte er mit einem Lächeln und küsste mich liebevoll. Er war noch nackt, sodass ich die perfekte Aussicht auf seinen Luxuskörper hatte. Diese Bezeichnung war absolut angemessen. Kevin hatte einen Wahnsinnskörper, schlank und muskulös und das, obwohl er alles verabscheute, was auch nur ansatzweise mit Sport zu tun hatte. Außerdem futterte er den ganzen Tag über nur den letzten Mist, von Pommes über Chips bis hin zu jeder noch so ekeligen Süßigkeit, und nahm dennoch nicht zu. Sein leuchtendrotes Haar fiel ihm in dicken Locken ins schmale kantige Gesicht, dazu wurden ihm die schönsten grünen Augen geschenkt, die ich je gesehen hatte. Seine Haut war weiß wie Milch und so zart, dass ich kaum damit aufhören konnte, ihn zu berühren. Das samtene Gefühl unter meinen Fingern war unglaublich schön und ich wünschte mir, es würde ewig andauern. Wie von selbst wanderte mein Blick zu seiner Körpermitte, wo gestutztes rotes Schamhaar wie eine Flamme leuchtete. Meine Hand machte sich selbstständig und wanderte zu seinem Schwanz, der schlaff zwischen den glatten Schenkeln ruhte. Augenblicklich vertieften sich meine Atemzüge, und auch Kevins Blick wurde glasig. Nie zuvor hatte mich etwas so sehr angemacht, wie dieser riesige blasse Schwanz mit der hellen Eichel, die immer halb aus der Vorhaut lugte. Er war wie für mich gemacht. Von Kevin genommen zu werden, war die perfekte Mischung aus Schmerz und Lust und am liebsten hätte ich den ganzen Tag nichts anderes getan, als mich von ihm in den Himmel vögeln zu lassen. Ohne ein unnötiges Wort zu verlieren, schälte ich mich aus der Decke und beugte mich hinab, um das Prachtstück in den Mund zu nehmen.

Wie vor Lust geschwächt ließ Kevin sich auf seine Ellbogen zurücksinken. »Du unersättliches kleines Monster«, brachte er noch leise hervor, dann spreizte er willenlos die Schenkel, stöhnte vor Wonne auf und gab sich meinem gekonnten Verwöhnprogramm hin.

Kevin war der perfekte Lover. Zumindest, wenn ich die entsprechende Vorarbeit leistete. Die war nötig, damit er jegliche Hemmungen verlor, um das nötige Maß an Grobheit aufbringen zu können, das mich anmachte. Das ich brauchte, um mich selbst zu spüren und mich ihm hingeben zu können. Solange er zärtlich war, gelang mir das nicht und ich stand unter einem Druck, ihm gerecht zu werden, der meine Lust im Keim erstickte. Wahrscheinlich wäre jeder andere Mann dankbar für die Zartheit gewesen, um die er stets bemüht war, ich jedoch nicht. Sie war das Einzige, was mich an ihm störte. Lieber wäre es mir gewesen, er würde sich einfach zügig das nehmen, was er begehrte. Dass er es im Grunde liebte, ohne viel Trara zur Sache zu kommen, war offensichtlich, denn er ließ sich immer schnell in die von mir erwünschte Richtung manövrieren. Auch dieses Mal brauchte ich nicht lange, um ihn seine Skrupel vergessen zu lassen, wusste, was ihm gefiel, musste seinen Schwanz nur extratief in den Mund nehmen und besonders fest daran saugen. Unbeherrscht packte er meinen Kopf und stieß grob in meine Kehle. Endlich!

»Tut mir so leid«, presste er hervor, während er mich zum Würgen brachte. Gott sei Dank konnte er sich trotz seiner Schuldgefühle nicht bremsen.

Geschenkt, dachte ich, und ging zur nächsten Stufe über. Abrupt ließ ich von ihm ab, nahm ein Kondom vom Nachtschrank, rollte es ihm über und zog ihn auf mich.

»Wir brauchen Gleitgel«, flüsterte er.

»Hab noch genug von vorhin drin«, log ich, denn ich liebte es, wenn er unter erschwerten Bedingungen in mich eindrang. Kevin fragte nicht weiter nach. Ungestüm brachte er seinen Schwanz in Stellung, stieß zu, was für ihn scheinbar ebenfalls nicht ganz einfach vonstattenging, wie sein Ächzen vermuten ließ, und legte los. Der Schmerz, den er mir durch das Eindringen ohne die notwendige Vorbereitung schenkte, war einerseits beinahe unerträglich und gleichzeitig der Gipfel an Lust. Die Luft blieb mir weg. Ich schloss meine Beine um seine Taille, umarmte ihn, fühlte seine Hitze und das durch die extreme Dehnung und Reibung entstehende Brennen in meinem Inneren. Wie ein Feuer fraß dieses sich von meiner Körpermitte aus bis in die letzte Faser meines Körpers und in meinen Verstand. Alle Sorgen fielen von mir ab, ich gab mich ihm vollkommen hin, verschmolz mit ihm, lieferte mich ihm völlig aus – war nur noch Gefühl. Meine Hände legten sich in seinen Nacken, zogen ihn tiefer, bis unsere Lippen sich fanden. Der Geschmack von Zahnpasta eroberte gemeinsam mit seiner Zunge meinen Mund. Der Schmerz in meinem Arsch übermannte mich, doch ich riss mich zusammen, schrie nicht, sondern reckte mich ihm, soweit es mir möglich war, entgegen, damit er noch tiefer in mich eindringen konnte.

»Gott, Tobias!«, hauchte er in meinen Mund, dann wanderten seine Lippen über mein Gesicht, den Hals abwärts, wo sie mich liebkosten. Das gefiel mir nicht, war zu zärtlich, dämpfte meine Geilheit. Der Druck, seine Erwartungen erfüllen zu müssen, wuchs, auch wenn da vielleicht gar keine waren. Er sollte damit aufhören und mich einfach benutzen.

»Beiß mich!«

»Hä?«

»Mach schon!«, raunte ich grimmig. Er musste von dem Zärtlichkeits-Trip runterkommen, jetzt sofort!

Kurzes Zögern, ein irritierter Blick, dann versenkte er seine Zähne in meiner Schulter. Das war der Kick, der mir noch fehlte. Mit einem Aufschrei kam ich und auch um Kevin war es im selben Moment geschehen. Sobald sein Orgasmus startete, stöhnte er gedehnt auf und gab noch einmal richtig Gas, verursachte mir weiteren süßen Schmerz und steigerte meine Lust ins Unermessliche. Wir krallten uns ineinander, stöhnend und schwitzend, bis wir uns alles gegeben und voneinander genommen hatten.

Anschließend lagen wir für einige Minuten einfach da, Arm in Arm, er weiterhin in mir. Der Duft von frischem Schweiß, Kevins Duschgel und Sex hüllte uns ein. Kurz nach einem Orgasmus hielt ich das gut aus. Kevin war stiller als sonst. Plötzlich hob er den Kopf und betrachtete die Bissspuren an meinem Körper. Eigentlich war da nichts, es war kein Blut geflossen, dennoch wirkte er bedrückt. »Das … das tut mir leid«, sagte er reumütig.

»Dir muss nichts leidtun. Ich fand’s gut.«

»Es gefällt dir, wenn man dir solche Verletzungen zufügt?«, fragte er ungläubig. Ich tastete die Bissspuren ab. Das Brennen, das die leichte Berührung verursachte, beschwor in mir direkt neue Lustschauer herauf.

»Ja. Ist okay. Mach dir keinen Kopf. Das ist doch nichts.« Ich war schon schlimmer zugerichtet worden, ohne mich zu beschweren.

Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen beugte Kevin sich vor und küsste mich. »Ich hab dich echt gern, du verrückter Vogel, weißt du das?«

»Ich dich auch.« Das war nicht gelogen, gern hatte ich ihn wirklich. Was aus uns werden würde, hing davon ab, ob er sich dauerhaft auf meine Vorlieben einlassen konnte. Seine überdimensionierte Grundausstattung sprach jedoch für ihn.

»Wenn ich ehrlich bin, empfinde ich sogar mehr für dich. Sehr viel mehr«, fügte er zaghaft an.

Wow, das ging verdammt schnell und der Ansatz eines Fluchtgedankens schlich sich automatisch in mein Hirn.Wo sind meine Klamotten? Mein Blick schweifte automatisch durchs Zimmer, auf dem Boden entdeckte ich meine Sachen, die ich am Vorabend im Eifer des Gefechts überall verteilt hatte. Nein, mahnte ich mich dann. Kevin ist gut. Du hast dir vorgenommen, es mit ihm zu versuchen, also reiß dich zusammen. »Das freut mich«, erwiderte ich unbeholfen und lenkte schnell mit einem anderen Thema ab. »Müssen wir nicht langsam los?«

Erschrocken sah Kevin auf den Wecker. »Scheiße, ja! Wir müssen uns beeilen, Elli und Oliver warten auf uns.« Eilig stand er auf, zog sich gemächlich an und sah dann belustigt zu mir. »Möchtest du nackt mitkommen? Elli hätte sicher nichts dagegen, aber Oli ist ein echter Stinkstiefel, der würde dich wahrscheinlich schräg ansehen.« Er grinste.

»Sorry, hab geträumt«, erwiderte ich, sprang auf und rannte ins Bad. Scheinbar hatte Kevin nichts von meinem kleinen Panikanflug mitbekommen. Ich duschte in Windeseile und zog dann einen schlichten, aber absolut angesagten Jogginganzug an. Rasieren musste ich mich heute nicht, ein absoluter Vorteil meines spärlichen Bartwuchses. Mein mit einem Langhaarschneider getrimmtes, dunkelblondes Haar war zu kurz für ein Styling. Ich mochte es praktisch und sparte mir zusätzlich das Geld für einen Friseur. Keine zehn Minuten später war ich startklar.

»Ich liebe es, wie unkompliziert du bist«, kommentierte Kevin meine Rückkehr und drückte mir einen Schmatzer auf die Wange.

Ich lächelte. Sobald Kevin sich abwandte, wischte ich mir über die Stelle, die seine Lippen soeben berührt hatten. In dicke Jacken gepackt, machten wir uns auf den Weg zu seiner besten Freundin und deren Lebensgefährten.

2 Tobias

Innerlich sträubte ich mich gegen den Besuch bei Elli, obwohl sie irgendwie ganz nett zu sein schien. Wirklich beurteilen konnte ich das jedoch nicht, denn bislang hatte ich sie nur gemeinsam mit Kevin erlebt und die beiden zusammen waren, offen gesagt, unerträglich gewesen. Auch dieser Punkt sprach eindeutig gegen eine Beziehung mit ihm, denn er und Elli sahen sich beinahe täglich, kannten sich schon seit der Grundschule und hatten seitdem alles gemeinsam gemacht, zuletzt die Friseurmeisterausbildung. Jetzt waren sie dabei, sich Räume anzusehen, in denen sie einen Salon eröffnen konnten. Nahm ich Kevin, war Elli die unvermeidliche Zugabe.

Doch so suspekt die beiden mir zusammen auch waren, um ihre Freundschaft beneidete ich sie ein wenig. Ich selbst hatte eher Bekannte als Freunde. Auf der anderen Seite erschien mir die Vorstellung, jeden Tag mit jemandem zusammenzuglucken, um jeden noch so unbedeutenden Müll zu zerreden, wie der reine Horror – diese Gedanken behielt ich wohlweislich für mich. Kevin würde mich nicht verstehen und zu seiner Freundin halten. Das wollte ich nicht riskieren. Zu einer Beziehung gehörte es nun mal, mit den Freunden und gegebenenfalls irgendwann – o Graus – mit der Familie des Partners klarzukommen, deshalb war der heutige Besuch bei Elli und ihrem Partner ein Testlauf. Vielleicht hatte ich etwas mit Oliver gemein und wir würden uns gut verstehen?

»Du siehst toll aus!« Mit diesem Kompliment riss Kevin mich aus meinen Gedanken. Wir waren zu Fuß unterwegs, Elli und Oliver wohnten nicht weit entfernt.

»Danke, aber mit dir kann ich nicht mithalten. Ich dachte, wir wären heute unter uns. Geht es noch wohin?«, fragte ich, den Blick auf Kevins perfekt zusammengestelltes Outfit gerichtet. Ich liebte Klamotten, sie waren mein Job, denn ich arbeitete als Verkäufer in einem ziemlich noblen Bekleidungsgeschäft. Mein eigener Stil war eher zurückhaltend, Kevin dagegen haute immer so auf den Putz, als ginge er auf eine Gala. Das gefiel mir an ihm. Er hatte Mut, sich zu zeigen, Geschmack und Stil. Wieder ein Punkt, der für eine Beziehung mit ihm sprach. Heute trug er enge Jeans mit den aktuellsten Sneakern, Hemd, Hoodie und ein Basecap, mit dem er seine Locken bändigte. Er sah umwerfend aus.

»Nee, wir sind nur bei Elli und Oliver. Kennst mich doch inzwischen. Normal kann ich nicht.« Er zwinkerte mir zu. Ich lächelte und dachte, dass das nicht stimmte, denn wirklich kennen tat ich ihn nicht. Was Kevin gerne trug, wusste ich. Dass er immer einen schlagfertigen und lustigen Spruch auf Lager hatte, auch. Und wie er im Bett war, natürlich. Viel mehr war da jedoch noch nicht.

Geduld. Das kommt mit der Zeit, ermahnte ich mich.

»Wie ist Oliver denn so?«, fragte ich, als wir vor dem modernen Haus ankamen, in dem sie lebten. Bislang hatte Kevin eher abfällig von ihm gesprochen.

»Oli? Ehrlich gesagt, ist er ziemlich langweilig. Sitzt meist nur da und sagt nichts, spielt mit seinem Handy. Aber Elli ist ganz verrückt nach ihm und das schon seit fünf Jahren. Verstehen kann ich das, ehrlich gesagt, nicht.«

Irgendwie stimmten mich Kevins Worte hoffnungsvoll. Vielleicht befand Oliver sich in einer ähnlichen Position wie ich. Seine Partnerin hatte einen besten Freund, mit dem er nichts anzufangen wusste und er hielt die Treffen mit diesem lediglich aus, um sie glücklich zu machen. Vielleicht konnten wir uns tatsächlich anfreunden, dann wäre das Problem, dass ich mich in Ellis Anwesenheit unsichtbar fühlte, aus der Welt. »Wie alt ist er?«

»Einunddreißig.«

»Was macht er beruflich?«

»Er ist ein hohes Tier in irgendeiner großen Immobilienfirma.«

»Ist das die genaue Berufsbezeichnung? Hohes Tier?«, fragte ich amüsiert.

Kevin lächelte, zog mich an sich und drückte mir einen Kuss auf den Mund. »Ja, das ist die exakte Berufsbezeichnung, du kleiner Pedant. Hohes Tier! Kennst du den Beruf nicht?« Wir lachten und Kevin ließ mich wieder los. »Keine Ahnung, was er genau macht und ehrlich gesagt, interessiert mich das auch nicht. Alles, was mit Oli zu tun hat, finde ich stinklangweilig. Aber vielleicht entdeckst du ja heute seine spannende Seite. Was mich allerdings wundern würde.« Er sah mich mitleidig an. »Sorry, aber die alte Trantüte gehört dazu. Ich hoffe, du kriegst keine kalten Füße, weil ich solche Leute kenne.« Erneut lachte Kevin. Offensichtlich hielt er die Vorstellung, ich könnte mir die Sache mit uns beiden noch einmal anders überlegen, für absurd. Irgendwie beruhigte mich die Selbstsicherheit, die er in Bezug auf uns ausstrahlte.

Punkt für Kevin.

Die Wohnung befand sich im dritten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses. Alles an dem Gebäude war groß, edel und teuer. Bodentiefe Fenster, Marmor und glatte weiße Wände ließen den Flur hell und modern erscheinen.

In einem dunkelroten Ensemble öffnete Elli die Tür. Auch sie war bislang bei jedem unserer Treffen aufgestylt gewesen, als würde sie auf einer großen Feier erwartet. Heute trug sie eine enge Jacke mit Schößchen, einen kurzen Rock, dazu Strümpfe mit Naht und schwarze High Heels. Ihren kurvigen Körper verstand sie grandios in Szene zu setzen, das musste ich ihr lassen. Ihr Haar färbte sie mal rot, mal schwarz und stylte es immer im Stil der Vierziger- und Fünfzigerjahre. Die Höhe ihrer Absätze betrug stets mindestens zehn Zentimeter und wahrscheinlich ging sie nicht einmal zu Bett ungeschminkt. Zumindest konnte ich mir das kaum vorstellen.

»Hallo, ihr Hübschen!«, begrüßte sie uns überschwänglich und drückte zuerst Kevin, dann mir je einen dicken Schmatzer auf die Wange. Ihr Lippenstift hinterließ dabei spürbar seine Spuren und ich wischte mir genervt mit einem Taschentuch übers Gesicht, sobald sie wegsah. Während Kevin und Elli umgehend zu reden begannen, folgte ich ihnen still und inspizierte die Wohnung. Sie war beeindruckend. Alles hier hatte zweifellos eine Menge Geld gekostet. Guter Geschmack traf auf ausreichend finanzielle Mittel, was bekanntermaßen eine gute Kombi ergab. Alles passte perfekt zusammen. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, fehlte mir die individuelle Note. So schrill und extrovertiert Elli war, so steril und unpersönlich wirkte ihr Zuhause.

Oder trug dieses vielleicht die Handschrift ihres Lebensgefährten?

Wohl eher nicht, überlegte ich. Irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass Elli sich das Zepter in Bezug auf einen so entscheidenden Teil ihres Lebens aus der Hand nehmen ließ, dafür erschien sie mir zu dominant.

Noch immer hielten wir uns zu dritt im Flur auf. Von hier aus konnte man einen Blick in einen Teil der Wohnküche werfen. Kevin und Elli unterhielten sich über einen Salon, den sie besichtigen wollten, und der ihnen so gut wie sicher war. Ich hörte mit einem Ohr zu und ließ meinen Blick weiter durch die Wohnung schweifen. Insgeheim war ich darauf aus, endlich den Mann zu sehen, der mit dieser ›quirligen‹ Frau zusammen sein konnte. Aufrichtig bemühte ich mich darum, positiv über sie zu denken, weil sie Kevin wichtig war. Leicht war das jedoch nicht. Die beiden quatschten sich fest und da Oliver sich nicht blicken ließ, und ich in gewisser Weise in diesem Teil der Wohnung festsaß, ergab ich mich in mein Schicksal, driftete ab und ließ meine Gedanken in meine eigene kleine Wohnung schweifen. Wie gerne ich jetzt dort wäre. Ganz für mich, in Ruhe. Abwesend starrte ich ins Leere.

»Tobias? Bist du da?« Elli kicherte. »Ich habe dich gefragt, ob wir in die Küche gehen wollen. Das Frühstück steht auf dem Tisch und Oli hat Kaffee gekocht und wartet bereits auf uns.«

Aha, er war also doch da. Wie beruhigend. »Ja, gerne, ich kann einen Kaffee vertragen«, entgegnete ich höflich und folgte den beiden um eine Ecke. Dahinter tauchten die Küchenzeile und in einer Nische ein runder, hübsch eingedeckter Esstisch auf, um den herum sechs Lederstühle standen. Auf einem davon saß der geheimnisumwitterte Oliver und las Zeitung. Er blickte nicht auf, als wir uns ihm näherten und Kevin und Elli erwarteten das wohl auch nicht. Auf mich wirkte sein Verhalten jedoch befremdlich. Der Mann sah gut aus. Wirklich, sehr gut. Er war groß und sportlich, das sah ich sofort, obwohl er halb hinter der Zeitung verschwand. Er hatte dunkle Locken und große dunkle Augen, die ernst in die Zeitung blickten. Sein Gesicht wirkte streng. Ein gepflegter Vollbart unterstützte diese Wirkung. Etwas Bedrohliches, Abweisendes ging von ihm aus. Seine Miene und diese völlige Nichtbeachtung seiner Gäste verwirrten mich. Was sollte das? War der Typ dermaßen auf den Artikel konzentriert, den er gerade las, oder hatte er etwas gegen uns? Binnen Sekunden fühlte ich mich absolut fehl am Platz. Mit einer geschmeidigen Bewegung schob Kevin mich in die Nische, sodass ich nur neben Oliver platznehmen konnte. Scheinbar hatte er keinen Bock, neben dem sturen Kerl zu sitzen. Danke dafür, Kevin! Minuspunkt!

Mit einem Räuspern versuchte ich Olivers Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, sobald ich saß, um ihn zu begrüßen. Keine Reaktion. Am liebsten wäre ich direkt wieder aufgestanden und gegangen, doch blieb ich brav minutenlang zwischen dem plappernden Kevin und dem sturen Oliver sitzen und schwieg. In dieser Runde fühlte ich mich nicht nur wie das fünfte Rad am Wagen, sondern wie Luft. Kevin und Elli schmiedeten wortgewaltig Pläne für ihren Salon und beachteten mich nicht mehr. Blieb nur Oli. Erneut räusperte ich mich in seine Richtung. Dieses Mal sah er tatsächlich auf und fixierte mich mit finsterem Blick.

»Hallo, Oli, ich bin Tobias«, sagte ich. Meine Stimme klang selbst in meinen Ohren dünn, so sehr schüchterte er mich ein, dennoch reichte ich meinem Gegenüber die Hand und versuchte, selbstbewusst zu wirken. Kurz zögerte Oliver, sah mich länger als nötig an, ergriff meine Hand und drückte sie so fest, dass ich zusammenzuckte. Der unerwartete Schmerz ließ mich unterdrückt aufstöhnen, gleichzeitig durchfuhr mich bei der Dominanz, die Oli ausstrahlte, ein angenehmer Schauer.

»Oliver.«

Für einen Moment sah ich ihn irritiert an.

»Mein Name ist Oliver, nicht Oli«, erklärte er schroff, wobei eine seiner scharf geschwungenen Brauen genervt nach oben schnellte. »Freut mich, dich kennenzulernen«, fuhr er wenig glaubwürdig fort. Nach dieser als Freundlichkeit getarnten Zurechtweisung widmete er sich wieder seinem Artikel.

»Entschuldige … Kevin hat manchmal von dir als Oli gesprochen, deshalb dachte ich …« Mitten im Satz brach ich ab, denn es war offensichtlich, dass Oliver sich gedanklich bereits von mir verabschiedet hatte. Na toll! Jetzt verbrachte ich meinen kostbaren Sonntagmorgen mit einer narzisstischen Quasselstrippe und einem arroganten Wichser, um meinemFreundzu zeigen, dass wir zusammengehörten und von nun an alles gemeinsam taten. Großartig! Konnte ich mir mein Leben auf Dauer so verstellen? So gerne ich Kevin – und einige seiner Körperteile – auch hatte, lautete die Antwort auf die Frage eindeutig: Nein. Aber so einfach aufgeben wollte ich ihn nicht. Still beobachtete ich ihn. Klar, es war nicht schön, dass er mich links liegen ließ, aber süß fand ich ihn noch immer. Sein Gesicht strahlte vor Glück und ich sah ihm seine Verliebtheit und die Freude auf den Salon an. Zu Hause würde ich eine Liste mit den Pros und Contra für eine Beziehung mit ihm anlegen und dann entscheiden, was zu tun wäre, beschloss ich. Plötzlich zupfte mich etwas am Ärmel und ich erschrak – mal wieder. Es war Oliver.

»Ja?«, fragte ich gereizt, als ich mich wieder seinem strengen Blick ausgesetzt sah. Der Typ war ein absoluter Eisklotz!

»Noch Kaffee?«

»Gerne«, entgegnete ich kurz angebunden. Scheinbar war Oliver nun bereit für Konversation, denn die Zeitung lag zusammengefaltet neben seinem Teller, aber mir war nicht mehr danach. Olivers Lippen waren zusammengepresst, während er nachschenkte. Scheinbar missfiel ihm mein distanziertes Verhalten.

»Bitte sehr.« Seine Stimme klang hart.

»Tausend Dank«, erwiderte ich betont freundlich, ohne ihn anzusehen.

Gedehnt seufzend zog Oliver sein Handy aus der Tasche seiner hellgrauen Jogginghose und begann, ein Spiel zu spielen. Der Tag wurde immer schlimmer. Zwar hatte ich soeben Olivers Versuch zur Kontaktaufnahme abgeblockt, aber das war wirklich unhöflich. Ohne zu fragen, griff ich provokant über seinen Teller hinweg und schnappte mir die Zeitung.

»Danke«, sagte ich knapp, ohne auf sein empörtes Gesicht zu achten und begann, darin zu blättern. Allerdings nahm ich rein gar nichts von dem auf, was ich vor mir sah, denn dummerweise hatte ich mich gedanklich an dem Mistkerl festgebissen. Wie konnte man nur so sein? So … hässlich? Und wieder verpasste ich bei all meiner Grübelei, dass Elli mich ansprach. Peinlich! Auch wenn ich sie nicht wirklich leiden konnte, wollte ich hier nicht als verpeilter Obertrottel dastehen.

»Äh, was? … Sorry, ich war gerade abwesend«, gab ich errötend zu und konnte nicht verhindern, dass mein Blick kurz zu Oliver huschte, obwohl ich beschlossen hatte, ihn zu ignorieren. Der starrte weiter auf sein Handy, doch ein abschätziges, arrogantes Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, verriet, dass er durchaus mitbekam, wie unbeholfen ich mich hier gerade aufführte. Innerlich kochte ich.

»Ich habe gefragt, wie ihr euch kennengelernt habt!«, klärte Elli lachend auf.

»Hat Kevin dir das noch nicht erzählt?«

»Doch, aber ich würde die Geschichte gerne aus deiner Sicht hören!«

Warum auch immer, dachte ich genervt. Sie hatte noch nie Interesse an meiner Sicht der Dinge gezeigt, warum gerade jetzt, wo ich neben diesem Ekelpaket saß?

»Ach so«, entgegnete ich mit einem Seufzen. »Wir haben uns auf einer Modenschau getroffen, bei mir im Laden. Mein Chef hatte nur rothaarige Jungs gebucht und einer davon war Kevin.«

»Ach … Model bist du auch noch?«, fragte Oliver beiläufig, ohne sein Display aus den Augen zu lassen. Im Gegensatz zu mir schien Kevin den abwertenden Unterton nicht zu bemerken, denn er lachte, als er antwortete.

»Eigentlich nicht, aber Günter, Tobias’ Chef, ist ein Kunde von mir und hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, bei seiner Show zu laufen, da habe ich zugesagt.«

»Verstehe«, erwiderte Oliver knapp, für den das Thema damit ausgereizt zu sein schien.

Meinen Ärger hinunterschluckend, weil ich mir nicht sicher war, ob ich in Olivers Verhalten zu viel hineininterpretierte, fuhr ich mit meiner Geschichte fort. »Ja, ich war als Anziehhilfe da. Aber irgendwie habe ich nur Kevin geholfen!« Ich lachte, ebenso wie Kevin und Elli.

»Das fand dein Chef bestimmt ganz toll. Während der Arbeitszeit Typen aufreißen gehört bestimmt nicht zu deinen Aufgaben, oder?«, fragte Oliver überheblich.

Langsam schwoll mir der Kamm. War ich hier der Einzige, der bemerkte, was für ein Kotzbrocken er war? Oder hatten die beiden anderen sich schon daran gewöhnt? Der Klumpen in meiner Kehle, den ich hinunterschlucken musste, um nicht barsch zu werden, wurde immer größer. »Ja, Oliver. Mein Chef ist ein freundlicher Mann. Er hat sofort bemerkt, dass zwischen mir und Kevin eine Verbindung besteht, und hat sich für uns gefreut.«

»Da hast du Glück, dass du einen so verständnisvollen Vorgesetzten hast. Bei mir würde es so etwas nicht geben.«

»Das kann ich mir vorstellen«, entgegnete ich sarkastisch. »Wie lange arbeiten deine Angestellten denn durchschnittlich für dich? Eine Woche, oder weniger?« Augenblicklich bohrte sich Olivers Blick eisig in meine Augen. Mit seiner Selbstbeherrschung schien es nicht weit her zu sein. Zum Glück unterbrach Kevin den aufkeimenden Disput unbeabsichtigt, indem er sich vorbeugte, um mir einen Kuss auf die Lippen zu drücken.

»So, so, zwischen uns besteht also eine Verbindung?«, fragte er mit Verführerstimme.

»Ja, ich denke schon«, antwortete ich und küsste ihn zurück. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Oliver sich demonstrativ von uns abwandte, was mich nervte. Warum um alles in der Welt ließ ich mich von diesem Kerl dermaßen provozieren? Das war gar nicht meine Art. Normalerweise fiel es mir leicht, Streit aus dem Weg zu gehen, doch mit Oliver würde ich mich am liebsten anlegen, und zwar so richtig. Doch stattdessen wandte ich mich nun Elli zu, die ausnahmsweise Interesse an mir zeigte. »Wie gesagt, ich half Kevin also beim Umziehen und am Ende der Show beim Ausziehen.« Elli und Kevin lachten. »Ich war völlig verzaubert von ihm. Er war so lebendig und fröhlich und ich konnte einfach nicht anders, als mich in ihn zu verlieben«, rutschte es mir heraus, bevor ich über diese Bemerkung nachdachte. Kevin sah mich so perplex und glücklich an, dass mir ganz warm ums Herz wurde. Dieser Blick – eindeutig ein Punkt für ihn! Mit geröteten Wangen beugte er sich wieder vor und küsste mich erneut.

»Ich bin auch in dich verliebt. So, jetzt ist es gesagt!« Lächelnd lehnte er sich zurück, sah mich voller Glückseligkeit an, bis Elli ihn rasch wieder in Beschlag nahm. Schnell verlor ich mich erneut in meinen Gedanken, die nun wesentlich positiver waren als vor Kevins Liebesbekenntnis. Versonnen ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen, bis er an Oliver hängen blieb. Umgehend überkam mich eine Gänsehaut. So absolut undurchschaubar, wie in diesem Moment, war mir sein attraktives Gesicht bislang noch nicht vorgekommen und ich verstand nicht, was dieser Mann von mir wollte. Sekundenlang fixierte er mich mit seinen fast schwarzen Augen, scheinbar gewillt, einen Kommentar zu den vorausgegangenen Liebesschwüren abzugeben, aber gleichzeitig wirkte er, als würden ihm die passenden Worte fehlen. Ich schluckte mein Unbehagen hinunter und blickte einfach wieder in die Zeitung. Alle paar Minuten sah ich unauffällig auf meine Uhr. Die Zeit verging schleppend, ich wollte nach Hause. Bis Elli unvermittelt Oliver laut ansprach. Zu meiner Belustigung fuhr dieses Mal der so heftig zusammen, dass ihm fast das Handy aus den Händen glitt. Ein kurzes Auflachen konnte ich mir nicht verkneifen, was mir einen kurzen finsteren Blick aus Kohleaugen einbrachte.

»Was hast du gesagt?« Er tat, als wäre nichts gewesen.

»Ich sagte, dass Kevin und ich jetzt kurz zu dem Geschäft fahren, von dem ich erzählte. Du weißt schon, das leerstehende. Wir haben den Schlüssel und können es besichtigen. Ist es okay, wenn wir euch beide kurz alleine lassen?«

Seinem Gesicht war anzusehen, dass das für Oliver ganz und gar nicht okay war, aber er nickte stoisch. Mich jedoch überkam ein Anflug von Panik. Auf keinen Fall wollte ich mit diesem Menschen alleine bleiben. »Nein, lasst euch Zeit! Ich gehe einfach zurück in deine Wohnung, Kevin, dann müsst ihr keine Rücksicht auf uns nehmen. Ich warte dort auf dich.«

»Aber das wäre nicht gut, wir haben nämlich nach der Besichtigung eine kleine Überraschung für euch und die wollen wir euch beiden gleichzeitig überreichen. Bitte, warte hier auf mich, wir machen auch schnell.«

Gequält schluckte ich. »Okay.«

Wenige Minuten später brachen die beiden auf und ließen mich mit Oliver alleine.

3 Oliver

Na großartig! Diese Aktion war wieder mal typisch für Elli. Es grenzte schon an Folter, wieder einmal einen Sonntagmorgen mit Kevin verschwenden zu müssen, aber dass ich jetzt auch noch den Babysitter für dessen aktuellen Lover spielen sollte, passte mir gar nicht. Eigentlich, denn aus irgendeinem unerfindlichen Grund war ich neugierig auf Tobias, nur deshalb hatte ich Ellis Bitte nachgegeben. Dieses Bürschchen war anders als seine Vorgänger. Nachdem Elli mir erzählt hatte, Kevin würde in Begleitung kommen, rechnete ich wie üblich mit etwas Überdrehtem, Aufgetakelten, das nach spätestens vier Wochen wieder in der Versenkung verschwand, aber dieser Junge, oder besser gesagt Mann, denn wahrscheinlich war er älter, als sein Milchbubigesicht es erahnen ließ, war das genaue Gegenteil. Im Grunde war er mir sogar sympathisch, auch wenn ich ihm das nicht gezeigt hatte.

Jetzt war ich mit Tobias alleine und der zeigte mir frecherweise die kalte Schulter. Wahrscheinlich verdiente ich diese Reaktion, also gab ich mir einen Ruck, um den Knilch zu besänftigen. »Noch Kaffee?«, fragte ich betont höflich und hielt ihm die Kanne hin.

»Nein, danke«, erwiderte er, ohne mich anzusehen. »Lass mich einfach weiter Zeitung lesen, okay?«

»Klar.« Was fiel dem denn ein? An meinem Hals begann eine Ader spürbar zu pochen. Mein Gast war dreist, doch ich verhielt mich cool und ließ mir nicht anmerken, wie mich seine Abfuhr ärgerte. Brummig begann ich den Frühstückstisch abzuräumen, obwohl er noch nichts gegessen hatte, wobei ich extra laut mit dem Geschirr klapperte, um Tobias beim Lesen zu stören. Was natürlich völlig unreif und albern war. Eigentlich sollte ich froh sein, mich nicht mit ihm unterhalten zu müssen, aber irgendetwas strahlte der Typ aus, das mich reizte. Nach einer Weile ließ er die Zeitung sinken, rollte mit den Augen und ging mir unaufgefordert zur Hand.

»Bleib sitzen und lies. Ich mach das schon«, sagte ich schroff, doch Tobias winkte ab.

»Wo kommen die hin?« Er hielt zwei Gläser Marmelade in den Händen.

Genervt, weil er meine Aufforderung, sitzen zu bleiben, ignorierte, stapelte ich die Tassen ineinander und stellte sie auf ein kleines Tablett. Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, nickte ich in Richtung Küchenzeile. »Lauf mir einfach nach.«

Schweigend räumten wir den Tisch ab, verstauten das schmutzige Geschirr in der Spülmaschine, machten sauber und standen uns dann schweigend gegenüber. Die Situation war mehr als unangenehm.

»Okay», sagte Tobias dann. »Es ist offensichtlich, dass wir beide eigentlich keine Lust dazu haben, den Vormittag hier gemeinsam zu verbringen und das nur unseren Partnern zuliebe tun. Wie wäre es, wenn du einfach die Glotze anmachst, wir die Zeit mit einem Film totschlagen und dieses Theater hier sein lassen? Und in Zukunft werde ich versuchen, die Sonntagvormittage mit Kevin alleine zu verbringen.«

Kurz stutzte ich ob dieser klaren Ansage, dann nickte ich anerkennend. »Das nenn ich ehrlich. Aber ich fürchte, dein Plan wird nicht aufgehen. Seit fünf Jahren bin ich mit Elli zusammen und es gab in der ganzen Zeit vielleicht zehn Sonntage, an denen Kevin nicht hier war und dafür gab es jeweils triftige Gründe. Zum Beispiel Fortbildungen oder Hochzeiten.«

»Unterschätz mich nicht«, erwiderte Tobias, wandte sich mit eisiger Miene von mir ab, ließ sich im Schneidersitz auf dem hellen Sofa nieder und blickte stoisch auf den ausgeschalteten Bildschirm des Fernsehers. »Wird es heute noch was, oder soll ich doch zu Kevin gehen, um fernzusehen?«

Zunächst verschlug mir sein freches Benehmen die Sprache, doch dann sammelte ich mich und beschloss, der erwachsene Part in dieser Farce zu sein. »Wie alt bist du?«

»Vierundzwanzig. Wieso?«

»Ach, nur so. Du siehst jung aus und benimmst dich zudem recht unreif. Darum.«

»Hm. Und du?«

»Ich? Was meinst du?«

»Wie alt du bist, will ich wissen.«

»Einunddreißig.«

»Hui«, machte Tobias und ließ dabei seine Augenbrauen überrascht nach oben wandern.

»Hättest du mich jünger geschätzt?«, fragte ich, ganz klar mit einer positiven Antwort rechnend.

»Nein, weiß Gott nicht«, erwiderte er, ohne mich anzusehen.

»Was soll das denn heißen? Für wie alt hättest du mich denn gehalten?«

»Vierzig? Fünfundvierzig? Keine Ahnung. So genau habe ich mir dich nicht angesehen.«

Das saß. Ich rang mit mir, wusste, es wäre souveräner, es dabei zu belassen, doch mein Mund wollte partout nicht schweigen. »Du willst mich provozieren. Natürlich hast du mich angesehen und dabei festgestellt, dass ich gut aussehe, schließlich bist du schwul und hast zwei gesunde Augen im Kopf«, sagte ich betont arrogant. »Das sage ich völlig neutral und nicht, um anzugeben. Ich mache täglich Sport, das ist nicht zu übersehen. Ich glaube dir einfach nicht, dass dir meine Figur nicht aufgefallen ist. Warum behauptest du das?« Plötzlich kam ich mir fürchterlich albern und aufgeblasen vor und mein Hals wurde trocken. Wozu zur Hölle ließ ich mich hier gerade herab? Doch als Tobias sich zaghaft zu mir umdrehte und seinen Blick mit sich leicht rötenden Wangen über meine Gestalt wandern ließ, gratulierte ich mir innerlich. Ich hatte den Knaben erwischt. Egal, wie cool er tat, er fand mich attraktiv. Noch offensichtlicher war es, dass er auf meinen autoritären Tonfall ansprang, ein Umstand, der mir ein Stück weit meine Selbstsicherheit zurückbrachte, denn zugegebenermaßen verunsicherte Tobias mich minimal, was seltsam war, denn das schaffte normalerweise niemand so schnell.

»Was interessiert es dich, wie ich dein Aussehen finde?«, fragte er leise.

Öh … Gute Frage. Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet, sie brachte mich aus dem Konzept. »Das interessiert mich nicht wirklich. Ich mag es nur nicht, angeflunkert zu werden. Machst du zufällig auch Sport?« So schnell wie möglich wollte ich von mir ablenken.

»Ja.«

»Und welchen?«, hakte ich gereizt nach. Leuten die Worte aus der Nase ziehen zu müssen, war ich nicht gewohnt. Meine Angestellten kuschten vor mir, buhlten regelrecht um meine Gunst und versuchten, mich laufend in unerträgliche Gespräche über Nichtigkeiten zu verwickeln, nur, damit ich sie bemerkte, doch mein Gegenüber war so gesprächig wie ein Fisch. Konnte er nicht wenigstens ein kleines bisschen guten Willen zeigen und auf mich eingehen?

»Ich mache Yoga und laufe«, entgegnete Tobias knapp. Wieder wandte er sich dem schwarzen Flachbildschirm zu. Ich schnaubte, doch auch das wurde geflissentlich ignoriert. Ein wenig ratlos stand ich da und blickte auf den Hinterkopf der unverschämten Nervensäge. Was tun? Das Klügste wäre wahrscheinlich gewesen, einfach in ein anderes Zimmer zu gehen und ihn sich selbst zu überlassen, doch das ließ meine Erziehung nicht zu. Option zwei war, Klartext zu reden und ihn für sein schlechtes Benehmen zurechtzuweisen. Vom Gefühl her wäre mir diese Alternative gerade am liebsten, doch stattdessen entschied ich mich erneut, vernünftig zu sein und ihm die Hand zu reichen. Weil ich eben der Reifere von uns beiden war.

»Hast du vielleicht Lust, eine Runde mit mir zu laufen, anstatt fernzusehen?« Es fiel mir erstaunlich schwer, das zu fragen und mehr als dieses Friedensangebot war ich nicht bereit zu geben.

Überrascht drehte Tobias sich zu mir. »Ja. Gerne. Aber, ich habe keine Laufsachen dabei.«

»Deine Schuhe sind okay und den Rest kann ich dir leihen. Die Sachen könnten etwas zu groß sein, aber für ein Stündchen geht das schon.«

Tobias willigte ein und ich ging vor ihm her in Ellis und mein Schlafzimmer, wo ich zielsicher einige Sachen für ihn aus dem Schrank nahm.

»Hier!« Ich reichte ihm eine kurze schwarze Hose und ein schwarzes Shirt. Meine Trainingssachen lagen schon auf dem Bett, denn ich hatte sowieso vorgehabt, Sport zu machen, sobald der Besuch gegangen wäre.

Leicht verlegen standen wir uns nun gegenüber. Die Worte ›du kannst dich im Bad umziehen‹ lagen mir auf der Zunge, doch dann kam mir eine Idee, die mein Herz schneller schlagen ließ. Ich wollte erneut diesen verlegenen, minimal unterwürfigen Blick sehen, den er mir vorhin schon einmal zugeworfen hatte und ahnte, wie ich diesen heraufbeschwören konnte. Möglichst gemächlich zog ich mich vor ihm bis auf die Boxershorts aus, wandte mich meinen Laufsachen zu und beugte mich zu ihnen hinunter. Tobias beobachtete mich, das fühlte ich. Unnötigerweise strich ich den Stoff glatt, nestelte akribisch an den Etiketten herum und fummelte an den Bändern der Hose, dabei warf ich mich in Pose und spannte meinen Körper an. Ich fühlte mich fantastisch, denn aus dem Augenwinkel sah ich, dass mein Ziel erreicht war. Tobias’ Wangen glühten und er schaffte es nicht, sich abzuwenden. Wie lange war es her, dass ein Mann derart auf mich reagiert hatte, wie er es gerade tat? Jahre! Lange vor der Zeit mit Elli jedenfalls. Erst als ich ihn für eine Sekunde wie zufällig direkt ansah, kam wieder Leben in ihn und er begann hastig damit, sich ebenfalls auszuziehen. Weit kam er jedoch nicht, denn sobald er sich wieder unbeobachtet wähnte, heftete sein Blick sich erneut auf mich. Er war sowas von durchschaubar!

»Gar nicht schlecht in Form, für einen so alten Sack, oder?«, fragte ich, um ihn wissen zu lassen, dass ich seine Blicke auf mir spürte. Das zu tun gab mir einen gehörigen Kick. Meine Zufriedenheit bekam allerdings im nächsten Moment einen Dämpfer verpasst, weil Tobias cooler reagierte, als ich es erwartet hatte.

»Ja, ich geb’s zu, du siehst ganz gut aus. Auf den ersten Blick. Aber leider bist du nicht besonders nett, darum ist es mir persönlich egal, wie du aussiehst. Und warum reden wir eigentlich schon wieder über dich? Brauchst du Bestätigung von einer kleinen Schwuchtel? Wie traurig. Eigentlich solltest du dir die doch von deiner wundervollen Freundin holen. Ihr seid so ein schönes Paar und passt einfach perfekt zueinander.«

Seine Stimme troff vor Sarkasmus. Geplättet sah ich ihn an und spürte Hitze in meine Wangen steigen. Dieser Bengel sagte mir tatsächlich gerade durch die Blume, dass er mich und Elli scheiße fand! Oder? Das war unfassbar frech und … verletzte mich. Weil ich gerade für eine vernünftige Erwiderung zu aufgewühlt war, reagierte ich wie immer, wenn ich mich in die Enge getrieben fühlte: Ich ließ den Boss raushängen. Langsamen Schrittes näherte ich mich ihm und erfreute mich am Anblick seiner erschrocken aufgerissenen Augen. Langsam wich er zurück, bis er vom Kleiderschrank gestoppt wurde. Offensichtlich fühlte er sich bedroht. Gut! So, als wäre ich nicht gerade auf hundertachtzig, lehnte ich mich geschmeidig so dicht zu ihm, dass ich seinen angenehmen Körpergeruch wahrnehmen und seine Wärme spüren konnte. Mir war, als könnte ich sein vor Angst rasendes Herz schlagen hören, was natürlich Quatsch war. Kein Quatsch dagegen war, dass seine Nähe Gefühle in mir auslöste, die ich nicht einzuordnen vermochte. Sie bewegten sich zwischen Wut, Unsicherheit und etwas, das eindeutig in Richtung Lust tendierte. Er war ein schöner Mann, zweifellos, aber ich war mit Elli glücklich, deshalb störte mich die Anziehungskraft, die er plötzlich auf mich ausübte und mein Zorn wuchs.

»Willst du mir zu verstehen geben, dass du Elli nicht leiden kannst?«, fragte ich betont ruhig. Mich selbst brachte ich wohlweislich nicht wieder ins Spiel. Tobias’ blöde Frage, warum ich schon wieder über mich sprach, war mir mehr als unangenehm gewesen.

»Was interessiert dich meine Meinung?« Er wich mir aus, dennoch hielt er meinem bohrenden Blick stand.

»Tut sie nicht wirklich. Ich verstehe nur nicht, warum du so unhöflich bist, meine Freundin zu beleidigen.«

»Das war nicht meine Absicht. Genaugenommen kenne ich sie gar nicht gut genug, um etwas Schlechtes über sie sagen zu können, denn sie hat sich noch nie richtig mit mir unterhalten. Sie ist mir einfach egal, wenn ich ehrlich bin, weil sie sich nur um sich selbst dreht.«

Das klang nach Elli, musste ich zugeben. Doch das tat hier nichts zur Sache. Jetzt galt es, den kleinen Spinner einzunorden. »Aha. Und was genau unterscheidet sie von deinem Lover?« Zufrieden bemerkte ich, dass ich ihn mit dieser Frage in die Enge trieb.

»Kevin ist anders.« Tobias wirkte, als wäre er davon selbst nicht so ganz überzeugt, denn sein Blick huschte für eine Sekunde zur Seite.

»Ist er nicht. Genaugenommen ist er eine Flachpfeife und die Typen, die er hier bislang anschleppte, machten keinen Hehl daraus, dass seine Faszination auf sie hauptsächlich von einem bestimmten Körperteil herrührte. Wie ist das bei dir, Tobias?« Ich beugte mich so weit zu ihm vor, dass sich unsere Nasen berührt hätten, hätte er sein Gesicht nicht abgewendet. »Du bist nicht wie die Nervensägen, die er sonst herbringt, aber deine Ansprüche können nicht sonderlich hoch sein, wenn du es mit ihm aushältst. Oder geht es dir bei ihm auch nur um das Eine?« Er wand sich unbehaglich und kaute kurz an seiner Unterlippe. Mit Genugtuung registrierte ich seine wachsende Unsicherheit. Ich genoss das Gefühl. Ich hatte ihn eindeutig ertappt. Er war angeschossen und nun wollte ich ihn erlegen. »Gib es zu, du bist genauso oberflächlich, wie du es Elli zu sein vorwirfst!« Für eine Sekunde wirkte es, als wüsste er darauf nichts zu sagen, doch dann straffte er sich und sah mich wieder direkt an.

»Von mir aus. Bin ich eben oberflächlich. Und was hält dich bei Elli? Gefallen dir ihre Ansichten zur Klimapolitik? Was sagt es über dich aus, dass du eine Frau liebst, die kaum mit dir redet und stattdessen den ganzen Tag dein Geld verpulvert?«

Bähm! Die Frage kam überraschend und traf zielsicher einen empfindlichen Nerv. Verblüfft wich ich ein Stück zurück und musterte ihn. Tobias’ Rehaugen täuschten. Er war schlagfertig und hatte nicht die geringsten Skrupel, zurückzubeißen, wenn ich ihn reizte. Anscheinend war er mir ebenbürtig. Die Vorstellung missfiel mir und reizte mich gleichermaßen. Ohne Vorbehalt sagte er, was er dachte. Und seine Frage war berechtigt: Was sagte es über mich aus, mit einer Person wie Elli zusammen zu sein? Seltsame Gefühle stiegen in mir auf. Dunkle und schwerwiegende Gefühle, die nicht sein durften. Ich driftete ab, versuchte, meine Überlegungen festzuhalten, doch dann geschah dummerweise das, was immer passierte, wenn mich etwas überforderte. Ein heftiges Ziehen hinter meinem linken Auge, ein Stich, lenkte mich von all meinen finsteren Gedanken ab. Automatisch presste ich die Innenfläche meiner Hand gegen das schmerzende Auge und unterdrückte ein Stöhnen. Mir wurde schwindelig und ich trat unwillkürlich von ihm zurück, stütze mich an der Wand ab. Scham erfüllte mich, weil Tobias Zeuge meiner Schwäche wurde.

»Oliver? Ist alles in Ordnung?«, vernahm ich seine besorgte Stimme. Er zog sich schnell das Shirt über, während ich krampfhaft versuchte, Haltung zu bewahren.

»Ja, selbstverständlich. Danke der Nachfrage«, entgegnete ich, doch das stimmte nicht. Das Hämmern hinter meinem Auge steigerte sich sekündlich. Ich musste mich ablenken, sonst wäre der Sonntag gelaufen, das wusste ich aus leidvoller Erfahrung. Mit unsicheren Schritten entfernte ich mich weiter und konzentrierte mich auf meine Atmung, so wie der Arzt es mir bereits in Kindertagen beigebracht hatte.

Fünf Sekunden einatmen, acht Sekunden aus … Die beruhigende Wirkung dieser Übung setzte rasch ein, weil ich sie aus dem Effeff beherrschte, so oft, wie ich sie anwenden musste. Auch der Schmerz ließ langsam nach. Erst jetzt bemerkte ich, dass Tobias direkt neben mir stand und mir eine Hand auf die Schulter gelegt hatte. Angenehme Wärme floss durch ihn in mich. Aus seinen sanften braunen Augen sprach Mitgefühl und mein Herz begann bei seinem Anblick beunruhigend heftig zu klopfen.

»Sorry. Geht schon wieder. Hatte nur einen kleinen Migräneanfall. Wollen wir raus? Laufen?«, lenkte ich hastig ab.

»Bist du denn dazu in der Lage?«, fragte er skeptisch.

»Natürlich bin ich das«, entgegnete ich kühl. Offensichtlich hielt er mich für schwach und das passte mir nicht. Vergessen war das weiche Gefühl.

»Okay, okay! Wollte nur nett sein.« Beschwichtigend hob er die Hände.

»Das ist nicht nötig. Beeil dich mit dem Anziehen, ich warte im Flur auf dich.« Mit diesen Worten griff ich meine Klamotten und ging aus dem Schlafzimmer.

Gemeinsam verließen wir Minuten später das Haus und machten uns auf den Weg zu einem nahe gelegenen Park, in dem sich alle Jogger der Umgebung trafen. Meinem Kopf ging es besser. Nur noch ein sanftes Pochen erinnerte mich an die leidliche Situation von vorhin. Ich war glimpflich davongekommen.

Schweigend wärmten wir uns auf, dann ging es los. Ich gab richtig Gas. Wesentlich mehr als sonst. Ich war in Bestform und das sollte Tobias sehen. Nur gab es da ein Problem, fiel mir zu meinem Leidwesen schon nach dem ersten Kilometer auf: Tobias war fitter als ich. Spielend hielt er mit mir Schritt, lief wie eine geschmeidige Katze neben mir her, egal wie sehr ich beschleunigte und wirkte dabei vollkommen entspannt.

»Wie oft läufst du?«, fragte ich, darum bemüht, meine Kurzatmigkeit zu unterdrücken.

»Jeden Tag vor der Arbeit«, antwortete er mit ruhiger Stimme.

»Nicht schlecht. Ich schaffe es nur fünfmal die Woche, aber dafür gehe ich jeden zweiten Tag ins Studio. Ich brauche das«, schnaubte ich und ärgerte mich insgeheim, dass ich armseligerweise wieder das Bedürfnis verspürte, Tobias zu beeindrucken. Was ging mich dieser Kerl an? Dieser Art des Kräftemessens hatte ich mich seit meiner Schulzeit nicht mehr bedient.

»Aha«, erwiderte er knapp, mehr sagte er nicht.

Unzufrieden sah ich ihn von der Seite an. Tobias war seltsam. Irgendwie unnahbar. Nein, ein sturer Hund war er. Wäre es nicht eine normale Reaktion gewesen, ein paar anerkennende Worte zu sagen? Welcher Mann arbeitete schon über sechzig Stunden in der Woche und schaffte es dennoch, sich fit zu halten? Es war ja nicht so, dass ich Jubelschreie erwartete, aber dieses Schweigen brachte mich auf die Palme. Doch ich würde den Teufel tun, mir das anmerken zu lassen. Stur sein konnte ich auch, deshalb setzten wir unseren Lauf ohne ein weiteres Wort zu wechseln fort.

Unser Schweigen hielt an, bis wir eine knappe Stunde später völlig verschwitzt in die Wohnung zurückkehrten. Von Elli und Kevin war nichts zu sehen, was mich richtig abfuckte. Ich hatte genug Zeit mit Tobias verplempert, jetzt sollten sie und ihr bester Freund sich wieder um ihn kümmern.

»Wenn du duschen willst, findest du das Bad am Ende des Korridors. Handtücher liegen unter dem Waschbecken im Schrank«, erklärte ich sachlich.

»Danke«, erwiderte Tobias höflich und streifte sich die Schuhe von den Füßen. Er benahm sich nach wie vor unterkühlt, was mich rasend machte. Doch ich riss mich zusammen.

»Die durchgeschwitzten Sachen kannst du gleich hier ausziehen, dann pack ich sie direkt in die Maschine.«

»Okay.«