Isabellas Plan vom Glück - Laura J. Colerman - E-Book

Isabellas Plan vom Glück E-Book

Laura J. Colerman

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Beschreibung

Die lebenslustige Isabella Thompson lebt in New York ein Leben nach ihrem Geschmack: Sie hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und kümmert sich im Tierheim ihrer Freundin Suzanne aufopferungsvoll um verwaiste Hunde, ohne dafür auch nur einen Cent zu bekommen. Als sie eines Tages durch Zufall dem wohlhabenden Gabriel Dallaway McAllister begegnet, dessen Leben durch Zwänge und Prinzipien kontrolliert wird, ist für beide schnell klar, dass sie es keine Minute miteinander aushalten können ohne sich gegenseitig umbringen zu wollen- zu verschieden sind ihre Ansichten vom Leben! Doch leider meint es das Schicksal nicht gut mit ihnen und so führt eine Krise von Gabriel dazu, dass Isabella einen profitablen Plan ausheckt, der sie stärker aneinander bindet, als ihnen beiden anfangs lieb ist …

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Laura J. Colerman

Isabellas Plan vom Glück

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41Sechs Monate später

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 42

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Impressum neobooks

Kapitel 1

Der Wecker klingelte. Ohne zu zögern schwang er sich aus dem Bett und legte sich auf den Fußboden. Routiniert begann er seinen Oberkörper anzuheben, um seine morgendlichen hundert Sit-ups zu absolvieren. Gabriel war jetzt vierunddreißig Jahre alt und einen nicht unerheblichen Abschnitt seines Lebens begann er mit diesem Ritual. Er wusste nicht mehr genau, wann er damit angefangen hatte, er wusste jedoch, dass er es brauchte.

Jeden Morgen.

Tag für Tag.

So war er, das war sein Leben. Nach genau hundert Wiederholungen stand er auf und ging zügig in das geräumige Badezimmer, ohne auch nur ansatzweise außer Atem gekommen zu sein. Die jahrelange Disziplin zahlte sich eben aus. Da Disziplin die Maxime seines Lebens war, stellte er nie infrage, ob es eine andere Möglichkeit gab, den Tag zu beginnen. Warum auch? Seine Lebensweise war optimal für ihn und auf effektivste Weise an seinen Alltag angepasst, also beließ er es dabei.

Jeden Morgen.

Tag für Tag.

Als Gabriel das Bad betrat, waren die anthrazitfarbenen Natursteinfliesen bereits durch die Fußbodenheizung vorgewärmt worden, sodass er sofort mit seiner Morgentoilette anfangen konnte. Wie immer putzte er als Erstes seine Zähne, die exakt in Reih und Glied in reinem Weiß erstrahlten. Das Richten lassen vor einigen Jahren hatte ihn ein kleines Vermögen gekostet. Der angesehenste Zahnästhetiker von ganz Manhattan hatte äußerste Perfektion an den Tag gelegt und ihn schlussendlich zu diesem überragenden Ergebnis geführt. Und Perfektion war für einen Dallaway McAllister gerade gut genug. Gabriel sah auf die Digitalanzeige an der Steinablage und stellte fest, dass er in der Zeit lag. Er hätte allerdings auch nichts Anderes erwartet. Also zog er seinen Pyjama aus und stieg in die Dusche. Für das Waschen und die vollständige Enthaarung seines Körpers durfte er ganz genau zwölf Minuten brauchen, denn auch für die Rasur seines Gesichts musste er im Anschluss noch etwas Zeit einplanen. Acht Minuten. An diesem Morgen gab es keine Unterbrechungen und er konnte die Dusche planmäßig verlassen und sich der Rasur widmen. Gabriel neigte zu einem dichten Bartwuchs, was ihn massiv störte und was dazu führte, dass er bei spontanen Abendterminen oft noch einmal im Vorfeld den entstandenen Schatten von seinen Wangen entfernen musste. Das war eine jener unvorhergesehenen Situation, die er nicht mochte, denn sie machten ihn nervös. Gabriel behielt gern die Kontrolle, war gern Herr der Lage. Nur dann konnte er hundert Prozent geben.

Mit langsamen kreisenden Bewegungen trug er den sahnigen Schaum auf seinen Wangen auf und schabte anschließend in langen akribischen Streifen die dunkelblonden Stoppeln der Nacht von seinem markanten Kiefer. Anschließend bewegte er zur Kontrolle seine manikürten Finger über die weiche Stelle. Nur, wenn sie präzise genug bearbeitet worden war, nahm er sich die nächste Partie vor.

Einschäumen, Schaben, Prüfen. Einschäumen, Schaben, Prüfen.

Nachdem er seinen Unterkiefer auf diese Weise behandelt hatte, befand er das Ergebnis als hundertprozentig gelungen und spülte sich gründlich die noch verbliebenen Schaumreste von seiner makellosen Haut. Jetzt konnte er sich seinen Haaren widmen. Dazu nahm er eine kleine Menge Haarwachs und verrieb es zwischen seinen großen Handflächen bis es warm wurde. Dann verteilte er die herb männlich riechende Paste mit gespreizten Fingen in seinem festen Haar und strich es zu einem angedeuteten Seitenscheitel nach hinten. Gabriel kaufte das Wachs bei seinem hauseigenen Coiffeur, der ihm immer sonntags den Nacken frisch ausrasierte und die Konturen bereinigte. Obwohl ihm sein hellbraunes Haar beim Duschen bis über die Augen fiel, so saß jetzt nach dem Stylen jede Strähne an seinem Ort. Nach der Prozedur im Badezimmer, steuerte er in langen gezielten Schritten sein Ankleidezimmer an, das sich direkt an den Master Bedroom anschloss. Insgesamt hatte er in diesem Penthouse drei Schlafzimmer.Wen interessierte das schon. Er lebte hier völlig allein und nutzte nur circa ein Drittel der vierhundertachtzig Quadratmeter, die sich in der siebzehnten Etage mitten an der Upper East Side befanden. Durch das große Panoramafenster konnte man selbst in seinem Ankleidezimmer den Ausblick über die Skyline von New York genießen, was er jedoch nie tat. Gabriel war kein Genussmensch – eher fokussiert und zielstrebig, was ihn in seinem Arbeitsleben oft weitergebracht hatte. Genuss war Zeitverschwendung und deshalb völlig nutzlos. Er schob einige Kleiderbügel zur Seite, die mit einem hölzernen Geräusch aneinanderschlugen. Seine Haushälterin war angewiesen, die Anzüge und Hemden nach Farben zu sortieren, weshalb das Anziehen nie lange dauerte. Er musste nur noch die Farbe von Hemd und Anzug kombinieren. Da er als Sponsor für verschiedene Galerien schon früh ein ausgeprägtes Verständnis für Farben und Formen entwickelt hatte, war dies eine seiner leichtesten Aufgaben. Viel schwieriger hingegen war es, erstklassige Designeranzüge zu bekommen, die Gabriels Ansprüchen entsprachen. Er war äußerst wählerisch und legte Wert auf einen perfekten Sitz. Da er mit einem Meter einundneunzig relativ groß war, lag sein Augenmerk verstärkt auf den Hosenbeinen. Er hasste es, wenn die Hose auch nur einen Zentimeter zu kurz war. Deshalb nahm der Familienschneider oft einige Zeit in Anspruch, die ausgewählten Exemplare auf einen makellosen Sitz anzupassen. Wenn Geld jedoch keine Rolle spielte, bekam man über kurz oder lang eben alles, was man wollte.

„Alles außer Glück“,vervollständigte Gabriels Unterbewusstsein den Satz, blendete das Gesagte aber unverzüglich wieder aus, denn für Hirngespinste hatte er erst Recht keine Zeit.

„Guten Morgen Mister McAllister, Sir. Ich hoffe Sie hatten eine gute Fahrt.“

Gabriel begrüßte den Securitymann am gläsernen Haupteingang der Dallaway Corporation nur mit einem angedeuteten Nicken, obwohl der große dunkelhäutige Mann ihm die Hand zu Begrüßung entgegenstreckte. Der Sicherheitsmann war neu im Unternehmen und konnte deshalb Gabriels Gepflogenheiten noch nicht kennen. Doch spätestens in einer Woche würde er es kapiert haben. Gabriel gab grundsätzlich niemandem die Hand. Weder zur Begrüßung, noch sonst irgendwann und sein Umfeld musste diese Tatsache früher oder später akzeptieren. Er konnte Berührungen nicht ertragen. Das war schon immer so gewesen, zumindest solange er sich erinnern konnte. Falls es sich nicht vermeiden ließ jemanden anzufassen, wie bei der Maniküre oder beim Schneider, schrubbte er anschließend seine Hände so lange, bis sie rot und wund waren. Wenn dann noch Stress hinzukam, was in seinem Leben eigentlich täglich der Fall war, verfiel Gabriel geradezu in einen Wahn aus Schrubben und Seifen. Meist endete es erst, wenn ihn jemand bei der schmerzhaften Prozedur ertappte oder wenn er so viel rohes Fleisch sah, dass ihm sein Verstand genehmigte, die Pein zu unterbrechen.

Ohne den Sicherheitsmann weiter zu beachten, ging Gabriel geradewegs zu den Fahrstühlen, die ihn in die achtzehnte Etage befördern würden. Er wartete eine Fahrt ab, weil sich zwei Personen in der Kabine befanden, und er die Enge als unangenehm empfand. Als der nächste freie Fahrstuhl kam stellte er zufrieden fest, dass es trotz der Verzögerung erst sechs Uhr achtundfünfzig war und er somit eine Minute zu früh in der Chefetage ankommen würde. Mit einem Pling öffneten sich die Fahrstuhltüren. Ein hagerer Assistent seines Alters lief an ihm vorbei und grüßte ihn zuvorkommend. Gabriel nickte erneut steif, obwohl jeder Außenstehende meinen könnte, dass sich aufgrund des gleichen Alters schnell ein kurzes Gespräch hätte ergeben können. Nicht so bei Gabriel. Er war zwar stets höflich, legte jedoch keinen Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen – weder zu seinen Angestellten, noch zu sonst irgendjemandem. Beziehungen behinderten den Weg, Ziele zu erreichen und außerdem waren sie unnütz. Zumindest war es das, was ihm seine Eltern seit dem achten Lebensjahr beigebracht hatten. Er wusste, dass er acht gewesen war, weil er sich genau an diesen Tag erinnern konnte.

Gabriel hatte aufgrund seines angeborenen Wohlstandes immer Neider gehabt. Also wurde er gehänselt. Anfangs machte er sich unsichtbar und erduldete die Schikanen, aber schnell wurde im bewusst, dass er seinen Peinigern körperlich überlegen war. Deshalb setzte er seine Körpergröße als Waffe ein. Schon bald verzichteten die anderen Jungen darauf, ihn zu schlagen und straften ihn stattdessen mit Nichtachtung, wodurch Gabriel immer allein war. Eines Tages schien es das Schicksal gut mit ihm zu meinen, denn es sandte ihm ein Geschenk in Form eines lausbübischen Jungen. Sein Name war Pete und von einem Tag auf den anderen hatte der kleine Rotschopf mit den grünen Augen und dem schelmischen Lächeln Gabriels gesamten Alltag auf den Kopf gestellt. Er war in etwa so alt wie Gabriel und wurde aufgrund seiner auffälligen Haarfarbe ebenfalls von den Mitschülern geschnitten. So wuchsen Gabriel und er bald zu einer undurchdringbaren Einheit zusammen. Er und Peter hatten viele Gemeinsamkeiten. Vor allem konnten sie zusammen Spaß haben, was Gabriel sonst mit niemandem konnte. Auch wenn Gabriels Eltern die plötzliche Ausgelassenheit ihres Sohnes missbilligten, war er einfach nur unendlich froh darüber gewesen, endlich einen Freund zu haben. Gabriel war es egal, dass er ihn nur in der Schule sehen durfte. Er wusste, dass er irgendwann auf das private Internat gehen würde, wo er schließlich mehr Zeit mit Pete würde verbringen können. Ungefähr ein Jahr lang war Gabriels Welt durch ihn in Ordnung gewesen. Bis die kleine dicke Miss Smith an einem Mittwoch zu Beginn der Mathestunde verkündet hatte, dass Pete bei einem Autounfall gestorben sei. Binnen fünf Sätzen war sein Universum komplett zerstört. Gabriels neue Welt war völlig aus den Fugen geraten. Er hatte nur dagesessen und versucht seine Gedanken zu sortieren, was ihm einfach nicht gelingen wollte. Sie waren so durch seinen Kopf gekreist, dass er spürte wie ihm schlagartig übel davon wurde. Nachdem er sich nach dem Unterricht mehrmals auf der sterilen Schultoilette übergeben hatte, war er weinend nach Hause gelaufen, obwohl er wusste, dass Weinen etwas für Schwächlinge war. Und in seiner Familie gab es keine Schwächlinge, sagte sein Vater. Seine Eltern hatte sich sein Leid zwar angehört, jedoch wie erwartet mit Abweisung reagiert. Er hatte nie Wärme in seiner Kindheit erfahren und so hatte es auch an diesem Tag nur eine Belehrung über die Zwecklosigkeit von Freundschaften gegeben. Danach ging er noch sechs Monate zu einem Psychologen, der ihm auf Wunsch seiner Eltern beibringen musste, wie man negative Energien umwandelte und dazu verwendete, sich auf seine Ziele zu fokussieren. Schlussendlich war er seinen Eltern sogar dankbar für diese Lektion in seinem Leben gewesen. Er hatte es nach Petes Tod geschafft, sein Leben neu zu strukturieren und die gewonnenen Erkenntnisse über Effizienz und Disziplin in seinen Alltag zu übertragen. Es hatte Kraft gekostet, aber es hatte ihn auch zu dem erfolgreichen Geschäftsmann gemacht, der er heute war.

Kapitel 2

„Guten Morgen, Mister McAllister. Darf ich Ihnen gleich Ihren Kaffee bringen?“

„Gern, Jeanine. Welche Termine stehen für heute an?“ Gabriel mochte die zarte Blondine, weil sie effektiv war und seine Zeit nicht verschwendete. Er setzte sich an seinen überdimensionalen Mahagonischreibtisch und blätterte seine Post durch, während ihm seine Sekretärin ein Tablett mit schwarzem Kaffee und etwas Obst brachte. Da sie seit zwei Jahren für ihn arbeitete wusste sie inzwischen, dass er vor elf Uhr nur Obst zu sich nahm.

„Termine?“, fragte er knapp. Ohne beleidigt über seinen harschen Ton zu sein, schlug sie das erste Blatt auf ihrem Klemmbrett um und überprüfte ihre Notizen.

„Es wird ein ruhiger Tag, Sir. Um neun Uhr ist eine Telefonkonferenz mit Mister Ukijari. Mister Dallaway bittet Sie, sich in seinem Büro zu melden, damit sie sich noch über einige Einzelheiten vor dem Gesellschaftermeeting um elf Uhr verständigen können.“

„Danke, Jeanine. Das war dann alles.“ Unter normalen Umständen, hätte er seine Sekretärin vielleicht sogar attraktiv finden können, in diesem Moment wollte er sie hingegen einfach schnellstmöglich loswerden. Er konnte nur schwer Menschen um sich herum ertragen, weshalb er eigentlich am liebsten allein war.

„Ja, bitte.“ Die kalte, tiefe Stimme seines Vaters drang scharf durch die schwere Holztür, an die Gabriel gerade kräftig und selbstbewusst geklopft hatte.

„Hallo, Vater. Du wolltest mich sprech…?“

„Setz Dich.“ Wie so oft unterbrach er Gabriel, bevor dieser seine Frage zu Ende stellen konnte. Er war diese Art bereits von früher gewohnt. Schon als Kind hatte ihm sein Vater das Wort abgeschnitten, wenn er seinen Satz als falsch oder unsinnig empfunden hatte. Edward Gabriel Dallaway hasste Gebrabbel oder inhaltsloses Plaudern, wodurch

Gabriel schon früh gelernt hatte, jedes Wort in die Waagschale zu legen oder lieber zu schweigen, wenn er nicht genau wusste, ob seine Gedankengänge Sinn ergaben. Er setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch und wartete stumm, was sein Vater ihm zu sagen hatte.

„Du hast gestern ohne meine Anweisung einen Angestellten gefeuert.“ Das leichte Lächeln von Edward Gabrielwar trügerisch, denn sein Sohn wusste, dass es nichts über seinen Gemütszustand aussagte.

„Ja, das stimmt. Du weißt, dass er regelmäßig unentschuldigt gefehlt hat.“

„Das interessiert mich nicht. Es wird in diesem Unternehmen keine Entscheidung ohne mich getroffen.“

Gabriel schluckte hart. Mister Miller war faul gewesen und hatte sich sogar noch erdreistet, Gabriel ins Gesicht zu lügen, nachdem er ihn wegen den vielen Fehlzeiten zum Gespräch gebeten hatte. Er passte nicht in ein leistungsorientiertes Unternehmen wie die Dallaway Corp., weshalb nur eine einzige logische Konsequenz infrage kam. Sein Vater kannte den Sachverhalt, weshalb sich Gabriel nun umso mehr über dessen Belehrung ärgerte. Natürlich kehrte er seine Aggression nicht nach außen, sondern fuhr in ruhigem Ton fort.

„Vater, ich bin Geschäftsführer. Ich muss so etwas entscheiden können, damit mich meine Angestellten ernst neh…“

„Du hast mich verstanden. Punkt.“

Gabriel wusste aus Erfahrung, dass es niemals Sinn machte, seinem Vater zu widersprechen.

„Ja, Vater. War das alles?“

Obwohl dieser sich schon anderen Dingen zugewendet hatte, antwortete er. „Ja. Ruf deine Mutter an. Es ist Dienstag.“ Mit einer abwehrenden Handbewegung beförderte er seinen Sohn nach draußen, ohne ihn auch nur noch eines Blickes zu würdigen.

Kapitel 3

Die grelle Sonne kitzelte ihre Nase, sodass sie laut und undamenhaft niesen musste. Mit einem ausladenden wohligen Gähnen streckte sie ihre Gliedmaßen von sich, bis sich ihre nackte Zehenspitze in einen warmen flauschigen Fellberg bohrte. Wie auf Kommando, schoss das weiße Riesenknäuel nach oben und schleckte seinem Frauchen ausgiebig über das verschlafene Gesicht.

„Hey, Buddy. Na, hast du gut geschlafen?“ Sie wuschelte seine großen cremefarbenen Schlappohren, was er mit einem hektischen Schwanzwedeln quittierte. „Guter Junge. Ja.“ Er schnuffelte wie verrückt in ihrer Halsbeuge und schien vor Liebe fast überzuquellen. Isabella kuschelte sich noch für einen kurzen Moment an seinen weichen Körper, bevor sie aufstand und zur Eingangstür lief. Er folgte ihr eilig. Wahrscheinlich wusste er, dass sie gleich die Fliegengittertür öffnen würde, um ihn in den kleinen Vorgarten zu entlassen, damit er sein Geschäft erledigen konnte. Sie selbst ging in das weiß geflieste Bad, um sich zu waschen und frische Kleidung anzuziehen. Gerade als sie den Mund voller Zahnpasta hatte, hörte sie von weitem, dass ihr Handy klingelte. Hastig spülte sie den minzigen Schaum aus und stürzte in das Gästezimmer zurück. Dann durchwühlte sie ihren kleinen bunten Strickrucksack, um das blinkende Gerät heraus zu fischen.

„Yeah?“

„Hey, Bella. Wo steckst du? Ich habe schon mehrmals versucht dich zu erreichen. Mom reißt dir den Kopf ab!“

Die Stimme ihrer jüngeren Schwester klang so aufgeregt, dass Isabella sofort das Telefon vom Ohr nahm, um auf das Display zu sehen. Tatsächlich zeigte es drei Anrufe in Abwesenheit.

„Mach mal halblang, Greta. Ich bin bei den Wilbours und passe auf Buddy auf. Die beiden kommen morgen erst aus dem Urlaub zurück.“ Verstohlen sah sie auf den Funkwecker und erschrak. Es war bereits zwölf Uhr mittags und das war selbst für sie eine späte Zeit zum Aufstehen.

„Dann sag das Mom bitte. Du weißt doch, dass sie sich Sorgen macht, wenn du dich so lange nicht meldest.“ Langsam beruhigte sich ihr Tonfall.Isabella hörte, dass Greta trotzdem auf ihren Nägeln kaute, wie sie es immer tat, wenn sie nervös war.

„Süße, ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und wohne seit fünf Jahren allein. Ich muss mich nicht mehr abmelden.“

„Ich weiß. Aber du weißt doch auch, wie sie ist. Sie ist nun mal eine Oberglucke. Also ruf sie kurz an, ja?“

Isabella musste lächeln, als sie an ihre Mom dachte, die sie über alle Maßen liebte. Sie und ihr Dad hatten es mit ihren drei Kindern sicher nie leicht gehabt. Sie hatten stets am finanziellen Abgrund gelebt. Durch die viele Liebe, die ihre Eltern ihrer Familie immer geschenkt hatten, war die Situation Isabella als Kind jedoch nie bedrückend erschienen. Erst jetzt, da ihr Daddy wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht mehr auf dem Bau arbeiten konnte, machte sie sich ernsthaft Sorgen um sie.

„Geht’s Mom und Dad gut? Ich meine, kommen sie zurecht?“ Ihre Stimme klang jetzt besorgt. Auch ihre Schwester seufzte. Solche Dinge musste sie Greta fragen, denn ihre Mom hätte irgendwie vom Thema abgelenkt, um ihre Tochter nicht zu beunruhigen. Weil ihre Schwester allerdings nur einige Straßen von ihren Eltern entfernt in einem Studentenwohnheim wohnte, hatte sie meist einen ganz guten Durchblick, was die finanzielle Lage ihrer Eltern betraf. Sowieso war sie der hellste Stern der Familie und Isabella hoffte, dass wenigstens sie nach dem Universitätsabschluss im nächsten Jahr, den sie zweifelsohne mit Bravour meistern würde, ein sattes Gehalt in irgendeiner Kanzlei ergattern könnte. Dem Himmel sei Dank, dass es Stipendien gab, sonst hätte ihre schlaue Schwester vielleicht nie die Chance zum Studieren bekommen.

„Na ja, es geht so. Patrick hat Geld geschickt. Damit kommen sie für den Moment über die Runden.“

Ihr älterer Bruder war vor zwei Jahren nach Frankreich gezogen und arbeitete dort als Konditor. Wann immer er ein wenig Geld übrig hatte, schickte er es seinen Eltern.

„Was treibst du so, wenn du nicht gerade auf die Flohbüchse aufpasst?“

Isabella hatte sich inzwischen auf ihr unordentliches Gästebett gesetzt und kraulte den Kopf des gutmütigen Bären, der seine feuchte Schnauze in ihren Schoß gelegt hatte und genüsslich vor sich hin döste.

„Dies und das. Du weißt doch, dass ich es nirgends lange aushalte. Das Leben ist einfach zu schön, um es zu vergeuden.“ Sie streckte das Gesicht in die heißen Sonnenstrahlen, die durch das Fenster drangen, und lächelte selig. Natürlich wusste sie, dass sie nicht gerade Dinge tat, die im Allgemeinen als erfolgreich galten. Trotzdem war sie für den Moment zufrieden mit ihrem Lebenswandel. Hier und da ein Job, frei und ungebunden die schönen Momente des Lebens genießen und so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln. Das war es was sie tat und was sie liebte. Wenn nur nicht die Sorge um ihre Eltern wäre, die sie manchmal bereuen ließ, dass sie nicht studiert und ihnen ein besseres Leben ermöglicht hatte.

„Tu, was du nicht lassen kannst, Süße. Ach so, bevor ich es vergesse … Mister Wallace hat Mom wegen deiner Miete angesprochen. Sieh zu, dass du das geregelt bekommst.“ Manchmal hatte Isabella das Gefühl, zwei Mütter zu haben.

„Oh, Mist. Ich kümmere mich morgen darum, wenn Miss Wilbour mir mein Geld gibt. Danke, Greta.“

„Ich muss Schluss machen, meine Vorlesung fängt gleich an. Ich hab dich lieb.“

„Ich hab dich auch lieb.“

Sobald sie aufgelegt hatte, zog sich Isabella an, schlüpfte in ihre roten Chucks und zwirbelte ihre langen braunen Haare zu einem lockeren Dutt. Sie schloss die Tür hinter sich ab und pfiff nach Buddy, der sich folgsam an ihre Seite begab.

„Feiner Junge“, lobte sie ihn mit einem Kopfkraulen und legte ihm das braune Lederhalsband an, das sofort in seinem langen zotteligen Fell verschwand.

Als sie am Tierheim ankam, wurde sie schon von einem wilden Gekläff begrüßt. Sie schritt langsam die Zwinger ab und nahm sich die Zeit, jeden ihrer Freunde mit einer kleinen Liebkosung zu verwöhnen. Seit sie denken konnte kam sie hierher, um ein wenig von ihrer Liebe zu verschenken. Da sie sich selbst nie einen Hund hatte leisten können, war das der optimale Weg gewesen, etwas Gutes zu tun und gleichzeitig ihren eigenen Drang nach einem Haustier zu befriedigen. Das Tierheim, das sich ausschließlich um Hunde kümmerte und deshalb vielmehr ein Hundeheim war, war für sie wie ein zweites Zuhause geworden. Sie wurde innerlich zappelig, wenn sie nicht wenigstens dreimal die Woche hier aufkreuzte und mithalf, obwohl sie dafür keinen Cent bekam. Die Einrichtung steckte in großen Schwierigkeiten, seit ein wichtiger Sponsor ausgestiegen war.

Als Isabella auf einen der drei Nebentrakte zu schritt, sah sie Buddy, der ausgelassen mit dem quirligen Hofhund Max über die kleine eingezäunte Wiese tobte. Sie schloss sich direkt an das etwas heruntergekommene Haupthaus an und musste im Sommer besonders oft für die legendären BBQ-Abende herhalten. Dementsprechend war sie aktuell stark heruntergetreten, woran sich jedoch weder Mensch noch Hund zu stören schienen.

„Hallo? Suzie?“ Bella ging in den gefliesten Gang, in dem ihre beste Freundin und Leiterin des Tierheims damit beschäftigt war, die Käfige zu reinigen.

„Hey, Süße. Hältst du mal kurz?“ Suzanne drückte ihr zwei kleine schwarze Welpen in die Hand, die noch nicht einmal die Augen geöffnet hatten. Die aufmerksame Mutter, ein liebenswürdiger Corgi-Mix, stand schwanzwedelnd zu Bellas Füßen und verfolgte genau, was mit ihren Kindern passierte.

„Mannomann, sind die süß. Das hast du ganz toll gemacht, Fluffy.“

„Wieder zwei Mäuler mehr zu stopfen“, unterbrach Suzie Bellas euphorische Babystimme, die sie immer bekam, wenn sie mit Hunden sprach.

„So schlimm?“ Erst jetzt hielt Suzanne in ihrer Bewegung inne und sah ihre Freundin sorgenvoll an, während sie sich mit dem Kinn auf den Besenstil stützte. „Schlimmer. Wenn noch mehr kommen, können wir schließen.“

„Wir müssen doch irgendetwas tun können. Wo sollen denn alle hin, wenn du zumachen musst?“ Bellas Stimme klang verzweifelt, als sie an all die herrenlosen Tierchen dachte, die hier wenigstens ansatzweise ein Zuhause fanden. Suzie zog sich den Handschuh aus und wischte sich das krause blonde Haar aus der verschwitzten Stirn. Normalerweise zierten nur Lachfalten ihr fröhliches Gesicht. Ein geübter Blick, wie Bella ihn besaß, sah jedoch, dass sich in letzter Zeit etliche Sorgenfalten um ihren Mund schlichen.

„Wir brauchen Geld, Bella. Viel Geld. Sonst wird es uns nächstes Jahr nicht mehr geben. Du weißt, dass wir ohne die Spenden von Mister Applestone total am Arsch sind.“ An die grobe Ausdrucksweise ihrer Freundin, hatte sich Isabella längst gewöhnt, zumal sie selbst diesbezüglich keinen Deut besser war. Dass ihr ältester und bester Sponsor vor drei Monaten an einem plötzlichen Herzversagen gestorben war, konnte sie nur schwer akzeptieren. Sie wusste in welche finanzielle Bredouille das Ausbleiben der regelmäßigen Gelder das Tierheim bringen würde.

„Ich lass mir was einfallen, Suz. Mach dir keine Sorgen. Gemeinsam schaffen wir das.“ Sie packte die Welpen und deren Mutter wieder in die saubere Box und umarmte dann ihre Freundin herzlich.

„Dein Wort in Gottes Ohr. Hast du Buddy mit?“ Suzie wendete sich der nächsten Box zu und begann zu fegen, während sich die kleine braune Hundedame in ihr Körbchen bequemte, um dem Besen auszuweichen.

„Ja, er spielt draußen mit Max. Er hat sich toll bei den Wilbours eingelebt.“

„Ich bin froh, dass er es so gut getroffen hat. Er ist wirklich ein feiner Kerl.“

„Ich finde es auch toll. Vor allem, dass ich hin und wieder auf ihn aufpassen kann.“ Bellas Stimme klang nur halbherzig, denn sie war mit den Gedanken schon ganz woanders. „Du hör mal – ich gehe noch mal mit der Spendenbox los. Vielleicht passiert ja doch noch ein Wunder und ich finde einen neuen Sponsor.“ Sie musste nun lauter sprechen, da Suzie aus ihrem Blickfeld verschwunden war, um Wasser in einen Napf zu füllen.

„Du musst das nicht machen, Bella.“ Suzanne kam wieder und stellte die Metallschale in die Box, in der er einen kleinen nassen Fleck auf dem Betonboden hinterließ.

„Ich möchte aber. Du weißt, wie viel mir an euch liegt. Ich lass dich damit nicht allein stehen.“

„Ich weiß, meine Liebe. Du bist die gutherzigste kleine Nervensäge, die ich kenne.“ Suzanne knuffte liebevoll Bellas Arm bevor sie sich dem nächsten Zwinger widmete.

„Ich gehe heute mal in die Innenstadt. Vielleicht kann ich irgendeinen Geldsack auftreiben. Wo ist das Schild?“ Suzie steckte den Kopf in eine Holzhütte und schrubbte mit einer Bürste den Boden aus. Ihre mütterliche Stimme klang deshalb meilenweit entfernt und hatte einen dumpfen Hall, als sie antwortete.

„Schau mal drüben neben dem Telefon. Ich glaube da hatte ich es letztens abgestellt.“

„Ist gut. Ich bin dann erstmal weg. Wenn ich wiederkomme, helfe ich dir noch beim Füttern.“

„Ok, Süße. Pass auf, dass dich niemand beim Betteln erwischt. Du weißt doch, wie die Bonzen das finden. Ach und Bella?“, Suzie streckte für einen Moment den Kopf aus der Hütte und sah Bella aus großen blauen Augen an, „Danke!“

Kapitel 4

„Eleonore McAllister?“ Die wohlklingende Stimme seiner Mutter drang aus dem Hörer und Gabriel musste feststellen, dass er nicht das kleinste Gefühl verspürte, wenn er die präzise formulierten Silben nach exakt einer Woche hörte. Er lehnte sich in seinem ledernen Bürosessel zurück und fixierte irgendeinen imaginären Punkt auf seinem überteuerten Schreibtisch.

„Hallo, Mutter. Wie geht es Dir?“ Er konnte hören, wie sie sich versteifte, als sie merkte, dass ihr Sohn am Telefon war. Bis heute hatte er nicht verstanden, warum seine Eltern nie in der Lage gewesen waren, ihm warmherzig und ungezwungen zu begegnen. Trotzdem hatte er sie als seine Eltern akzeptiert und empfand einen gewissen Respekt für ihre Leistung, ein Millionengeschäft und ein Kind unter einen Hut zu bekommen.

„Gut, gut. Ich habe viele Vorbereitungen für die Gala zu treffen. Wie läuft es in der Firma?“ Da sich seine Mutter mit Gabriels Eintritt in die Dallaway Corporation aus dem operativen Tagesgeschäft zurückgezogen hatte, um sich mehr der Imagepflege und diversen Randprojekten zu widmen, schien immer eine gewisse Panik in ihrer Stimme mitzuschwingen, wenn sie ihrem Sohn diese Frage stellte. Obwohl er in Stanfort unter den zehn besten Absolventen seines Jahrgangs gewesen war, misstraute sie seinen Fähigkeiten. Er wusste, er war gut in dem was er tat, das bewiesen schließlich die aktuellen Zahlen. Trotzdem musste er ständig sein Können unter Beweis stellen. Anfangs versuchte er noch besser zu werden, inzwischen ließ er ihr fehlendes Vertrauen hingegen einfach an sich abprallen. Er wusste jetzt, dass sie Vertrauen ausschließlich seinem Vater gegenüber empfinden konnte, dessen Familie den Softwareriesen vor Generationen aus dem Boden gestampft hatte. Spannung schwang in seiner Stimme mit, als er nach einem kurzen Moment antwortete.

„Es geht alles seinen gewohnten Gang, Mutter.“ Er hätte in die Tiefe einiger Projekte gehen können, dafür fehlte ihm nach vergangener Nacht allerdings die Kraft. Es entstand eine distanzierte Pause, denn eigentlich hatten sie sich nichts Anderes zu sagen. Grundsätzlich erkundigte sich seine Mutter nie nach privaten Befindlichkeiten. Einmal hatte Gabriel von sich aus den Versuch unternommen, ihr von seiner quälenden Schlaflosigkeit zu erzählen, mit der er Tag für Tag leben musste. Die Quintessenz daraus war, dass sie ihn nun nicht einmal mehr fragte, wie es ihm ging. Schlaflosigkeit war in ihren Augen ein Makel und Makel hatten in ihrer Familie nichts zu suchen.

„Ist Vater da?“

„Natürlich.“ Manchmal war er die wöchentlichen Anrufe leid, aber die Regel besagte, dass er sie dienstags anrufen sollte, also tat er es.

„Gut, gut. Na dann werde ich dich nicht länger von der Arbeit abhalten.“ Gabriel erschienen die Worte merkwürdig, schließlich hatte er sie angerufen. Selbstverständlich hätte er sie niemals korrigiert.

„Gutes Gelingen bei den Vorbereitungen der Gala. Auf Wiedersehen.“

„Bis nächste Woche.“

Gabriel legte den Hörer auf, faltete für einen Moment die Hände und ließ sie auf seinem glänzenden Schreibtisch ruhen. Er spürte ein leichtes Zittern an den Fingern und als er sie schließlich wieder wegnahm, hatte sich ein kleiner beschlagener Fleck auf der glänzenden Tischplatte gebildet. Seit Längerem schien etwas nicht mit ihm zu stimmen. Immer öfter schwitzten seine Hände und ein merkwürdiges Gefühl der Übelkeit machte sich unterhalb seiner Rippen breit, wie auch jetzt. Er stand auf und trat vor das bodentiefe Fenster. Für einen Moment blickte er auf den sonnigen Junitag hinaus. Schließlich beruhigte sich sein Atem wieder etwas. Solche Fehlreaktionen seines sonst toughen Körpers verwirrten ihn so stark, dass er sich vor einigen Wochen schon ärztlich durchchecken hatte lassen. Leider war sein Arzt ein Stümper, obwohl er seinem Ruf nach, einer der Besten hätte sein sollen. Er hatte ihn einer Reihe von Belastungstests unterzogen, alle inneren Organe gecheckt und attestierte ihm eigentlich beste Gesundheit. Doch dann begann er plötzlich sein Privatleben und eventuelle Tiefschläge in seinem Leben zu analysieren, was Gabriel überhaupt nicht gefiel. Also hatte Gabriel sofort die Praxis verlassen und war nach Hause gefahren. Dort war er augenblicklich auf sein Laufband gestiegen und so lange gerannt, bis er die Wut in seinem Bauch einigermaßen kontrollieren konnte. Von Psychoanalyse hielt er genauso wenig wie von Beziehungen und wäre Dr. Burke auch nur ansatzweise ein guter Mediziner gewesen, hätte er sich auf das Wesentliche, nämlich seine angeschlagene Physis konzentriert.

Als es zaghaft an seiner Bürotür klopfte, merkte Gabriel wie sehr seine Fingerknöchel schmerzten, weil er seine Hände zu Fäusten geballt hatte.

„Ja, bitte?“ Gabriels tiefe Stimme war schroff, er konnte gerade überhaupt keine Störung gebrauchen. Er ging zu dem kleinen Waschraum neben seinem Büro und begann seine Hände unter heißem Wasser zu schrubben. In dem beleuchteten Spiegel sah er außerdem, dass eine kleine Haarsträhne widerspenstig von seinem Kopf abstand, die er pedantisch in seine Frisur zurückschob.

„Mister McAllister, Sir? Entschuldigen Sie bitte die Störung. Miss Harper wünscht Sie zu sprechen.“ Das hatte ihm jetzt gerade noch gefehlt.

„Bringen Sie sie rein, Jeanine.“ Nachdem Gabriels Hände abgetrocknet, aber leuchtendrot waren, ging er zurück zum Schreibtisch und lehnte sich locker an dessen Kante. Er hatte seine äußere Beherrschung über die Jahre perfektioniert, denn es ging niemanden etwas an, ob er nachts wieder nur drei Stunden geschlafen hatte, oder ihm so übel war, dass er Angst haben musste, sich hier und jetzt in den Papierkorb zu übergeben. Nach einem kurzen Moment der vollkommenen Ruhe, hörte er das Klackern der Absätze auf dem dunklen Parkettboden. Seine Tür wurde langsam geöffnet und eine hochgewachsene Blondine betrat den großzügigen Raum.

„Hallo, Gabriel“, sagte sie samtweich und er verschränkte sofort die Arme vor der Brust, wodurch sich sein Armani-Anzug über seine Schultern spannte.

„Charlotte. Waren wir verabredet?“

Sie kam auf ihn zu, woraufhin er sich abrupt aufrichtete und um seinen Schreibtisch herumging, um sich hinzusetzten. Sichtlich verwirrt blieb sie stehen.

„Eigentlich nicht, nein. Nun, ich dachte, du hättest vielleicht Lust auf Lunch? Mit mir … meine ich.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Für einen kurzen Moment tat sie Gabriel leid, wie sie frisch frisiert vor ihm stand und nach seiner Aufmerksamkeit heischte. Sie war eine attraktive Frau und er hatte sich in den letzten Monaten, in Momenten der Schwäche, dazu hinreißen lassen, ein paarmal mit ihr zu schlafen. Sie war schon lange eine Freundin der Familie und eine der wenigen Frauen, die bedingungslos akzeptierte, dass er sie weder küssen, noch sonst irgendwie zärtlich berühren würde. Er vermutete, dass sie seine Eigenarten still ertrug, weil sie insgeheim Gefühle für ihn hegte und hoffte, ihn über einen längeren Zeitraum verändern zu können. Doch das würde nie passieren und das musste sie früher oder später begreifen.

Zu Beginn seiner Sexualität, hatte er natürlich verschiedene Dinge ausprobiert, die ihn auch mehr oder weniger befriedigt hatten. Nachdem er in einer Dokumentation gesehen hatte, wie viele Keime sich im menschlichen Mund befanden, war er dennoch dazu übergegangen, sich auf den reinen Prozess der Penetration (natürlich verhütet) zu beschränken. Zu widerlich war ihm der Gedanke gewesen, fremde Bakterien an seinem makellosen Körper zu haben. Da er beim Sex sowieso nur körperliche Erleichterung verspürte, brauchte er das ganze Drumherum nicht. Wie dem auch sei, er hatte offensichtlich ein Problem, denn Charlotte war in den letzten Monaten nie in seinem Büro aufgetaucht, um ihn zum Lunch abzuholen. Er wusste, dass es ein Fehler gewesen war, mit ihr zu schlafen.

„Das ist nett von dir, aber ich habe Termine, die ich nicht verschieben kann.“ Er bemühte sich um ein Lächeln, schließlich konnte sie nichts dafür, wie er war, und außerdem war Desinteresse noch lange kein Grund dafür unfreundlich zu ihr zu sein. Sie hatte sich wirklich alle Mühe mit ihm gegeben, jedoch einfach nicht verstehen wollen, wie sinnlos ihre Initiative von Anfang an gewesen war.

„Oh, okay. Na dann vielleicht morgen?“ Ihre blauen Augen funkelten so hoffnungsvoll, dass es Gabriel unangenehm wurde.

„Nein, auch morgen nicht“, sagte er zunehmend ungeduldig, riss sich jedoch schnell wieder zusammen. „Hör zu, Charlotte. Das mit uns beiden wird niemals etwas Ernstes werden. Ich habe dir diesbezüglich nie etwas vorgemacht.“ Er stand auf, um ihr etwas Respekt entgegenzubringen, auch wenn seine Körpergröße auf viele

Menschen einschüchternd wirkte. Als ihr Blick einen Moment zu lange auf seinen noch roten Fingern ruhte, ließ er seine Hände zur Sicherheit in seinen Hosentaschen verschwinden. Ihr Gesichtsausdruck wurde traurig, bevor sie ihm nun direkt in die Augen sah.

„Das weiß ich, Gabriel. Das habe ich auch nie von dir verlangt, auch wenn ich es mir vielleicht gewünscht habe. Trotzdem mache ich mir ernsthaft Sorgen um dich.“

Sie trat nun näher an ihn heran, blieb allerdings zu seiner Erleichterung in angemessenem Abstand zu ihm stehen.

„Das ist freundlich von dir, aber das brauchst du nicht. Es ist alles in bester Ordnung mit mir.“ Er lächelte und breitete bestätigend seine Arme aus, um auf seine Besitztümer zu deuten.

„Du weißt genau, dass ich das alles nicht meine. Ich habe deine Hände gesehen. Warum machst du das?“ Diese sinnlose Fragerei nach seinem Befinden war genau der Grund, aus dem er sich vor sozialen Bindungen sträubte. Er musste sich zukünftig noch stärker daran erinnern, sich von ihnen fernzuhalten.

„Ich habe wirklich keine Ahnung wovon du sprichst, Charlotte. Bitte halte dich aus meinen Angelegenheiten raus.“ Er wendete sich nun wieder ab und drehte ihr den Rücken zu, um aus dem Fenster zu sehen. Gott, wie sie ihn plötzlich anstrengte. Konnte sie nicht einfach verschwinden?

„Warum bist du so kalt zu mir? Wir kennen uns seit … wie lange? Fünfzehn Jahren? Ich sehe doch wie du dich verändert hast. Du warst schon immer verkorkst, seit einigen Monaten erkenne ich dich hingegen überhaupt nicht mehr wieder.“ Er spürte ihren besorgten Blick in seinem Rücken und verabscheute es.

„Charlotte“, sagte er eindringlich und drehte sich zu ihr um, „ich weiß wirklich nicht was du hier willst. Ich lebe mein Leben und du lebst deines. Wir haben keinerlei Verbindung, weder freundschaftlich noch partnerschaftlich. Ich kann nichts dafür, dass du Probleme in etwas hineininterpretierst, obwohl es keine gibt.“ Er sprach nun mit ihr, als wäre sie nicht ganz klar bei Verstand.

„Es tut mir leid, Gabriel. Anscheinend habe ich dich überschätzt.“ Ihre Stimme triefte jetzt vor Bitterkeit. „Ich dachte, irgendwo in deiner versteinerten Seele schlummert doch noch ein wenig Menschlichkeit, da habe ich mich wohl getäuscht. Ich habe dich, verflucht noch mal, nur nach einem Lunch gefragt. Selbst das war ja offensichtlich zu viel verlangt. Du hast es geschafft, Gabriel! Herzlichen Glückwunsch!“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lachte verbittert. „Du hast es geschafft, dass nun auch der letzte Mensch auf Erden begriffen hat, dass du ein kaltes, selbstsüchtiges Stück Scheiße bist.“ Sie funkelte ihn aufgebracht an, woraufhin er sich wieder in seinen Sessel sinken ließ.

„War das alles? Dann bitte ich dich jetzt zu gehen.“ Seine Stimme wirkte ruhig und freundlich, wodurch sie nur noch mehr in Rage geraten zu schien.

„Weißt du was, Gabriel? Deine Mutter hatte Recht. Du bist es nicht wert. Leb wohl!“ Mit einem lauten Knall schlug sie seine Tür hinter sich zu, und er war froh, dass er sie endlich los war. Gabriel ging ins Bad, um sich zu waschen und schon auf den Weg durch den Raum merkte er, wie stickig es plötzlich um ihn herum geworden war. Seine Übelkeit schwallte jetzt derart stark in ihm auf, dass er schneller laufen musste, um noch rechtzeitig das Marmorwaschbecken zu erreichen, in das er sich lautstark übergeben musste.

Als er aus seinem Büro trat, um zu dem Gesellschaftermeeting zu gehen, hinterließ er eine Notiz für Jeanine. Er teilte ihr förmlich mit, dass er morgens kein Obst mehr zum Frühstück wollte, denn das war ja das einzige was er heute zu sich genommen, aber offensichtlich nicht vertragen hatte.

Kapitel 5

Bella fuhr mit der U-Bahn bis zur 66. Straße-Lincoln Center und war eine gefühlte Ewigkeit unterwegs. Es war heiß und stickig. Das schien auch Buddy zu bemerken, denn seine Zunge hing weit aus seinem überdimensionierten Maul heraus und Sabber tropfte durch das stete Hecheln in langen Fäden aus seinen Lefzen.

„Na, ist dir warm, mein Süßer?“, fragte sie behutsam und tätschelte seinen Kopf, was er mit einem trägen Schwanzwedeln quittierte. „Wir gehen eine Runde und dann setzten wir uns in den Schatten. Ich verspreche es dir.“

Er tat Bella leid, mit seinem langen Zottelfell, aber sie hatte in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass es mit einem süßen Gefährten an ihrer Seite leichter war, eine Spende für das Heim zu bekommen. Nur deshalb hatte sie ihn nicht bei Suzanne und Max gelassen.

Als Bella ein paar Blocks gelaufen war und einige der historischen Apartmentkomplexe hinter sich gelassen hatte, stand sie endlich vor mehreren Glaspalästen, die ganz eindeutig nach Geld stanken. Eines davon gehörte der Dallaway Corporation. Das fiel ihr jetzt wieder ein, als sie das dezente silberne DC über dem Eingang entdeckte. Ihre kleine Schwester Greta hatte sich vor dem Studium hier für ein Praktikum beworben, weil sie sich noch nicht sicher gewesen war, ob sie Jura oder Informatik studieren sollte. Sie hatte wochenlang von nichts anderem gesprochen, weil sie bei besagter Dallaway Corporation bis in die Endrunde vorgedrungen war und der einzige Praktikumsplatz dann leider doch an jemanden anderes vergeben worden war.

Bella sah sich um und fand ihre Position ziemlich perfekt, um die Sammelaktion zu starten. Denn auch der Central Park lag nur einen Katzensprung entfernt, in dem für gewöhnlich viele Spaziergänger mit Hunden unterwegs waren. Mit ganz viel Glück konnte sie vielleicht einen neuen Sponsor finden und Suzies Existenz retten. Zufrieden mit ihrem Plan, faltete sie schnell ihr Schild aus und streifte es sich über den Kopf. Über den richtigen Spruch, hatten sich Suzie und sie wochenlang die Köpfe zerbrochen, bis sie sich schließlich für den jetzigen entschieden hatten. Auf der Vorderseite stand:

„Ist der Hund glücklich, freut sich der Mensch“, und auf der Rückseite: „Ist der Mensch glücklich, freut sich der Hund“. Unter dem jeweiligen Spruch, stand dann noch in kleinerer Schrift: „Werden Sie Sponsor bei Lucky D“

Auf der Sammelbox in ihrer Hand waren unzählige kleine Fotos der Hunde aus dem Heim abgedruckt, um an das nötige Mitgefühl der potenziellen Spender zu appellieren. Außerdem war in der gleichen runden Schriftart, wie auf dem Schild, das Wort „Futterdose“ aufgedruckt. Bella sprach einige Passanten an und kam mit zwei älteren Damen länger ins Gespräch, weil Buddy seinen ganzen Charme sprühen ließ und ihre schrumpeligen Hände ableckte.

„Ach, was bist du für ein feiner Junge“, sprach die eine von ihnen den Golden-Retriever-Pyrenäen-Mix an, woraufhin dieser tief und kräftig bellte. Dann wendete sie sich an Isabella.

„Wissen Sie, als mein Archie noch lebte, hat er auch immer gebellt, wenn ich ihn mein Junge genannt habe.“

Bella lächelte sie mitfühlend an, durfte aber ihren Fokus nicht verlieren.

„Haben Sie mal daran gedacht sich wieder einen Hund anzuschaffen? Wir haben auch viele ältere Hunde in unserem Tierheim, die noch ein neues Zuhause suchen.“

Die alte Frau machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach nein, Kindchen. Meinen Archie wird kein anderer Hund ersetzen können. Wissen Sie, ich bin eine alte Frau mit einer kleinen Rente. Das wäre verantwortungslos. Nicht wahr, mein Junge?“ Wieder bellte Buddy, als die ältere Dame ihn ansprach. Isabella musste sich eingestehen, dass sie hier ihre Zeit verschwendete. Aus dem Augenwinkel sah sie einen gut gekleideten jungen Mann aus dem Dallaway Gebäude kommen und witterte ihr Chance.

„Wissen Sie, als mein Archie noch lebte …“

„Entschuldigen Sie bitte Miss, ich muss los.“ Sie drehte sich energisch um und zog Buddy an der Leine hinter sich her.

„Warten Sie Miss. Ich habe noch einen Dollar für die Futterdose!“, rief die alte Frau. Bella winkte nur ab und eilte Richtung des vermeintlichen Sponsors. Als sie ankam, hatte er ein Blackberry am Ohr und starrte finster geradeaus.

„Hallo, Mister. Kann ich Sie kurz stören?“ Da er seinen rasanten Schritt nicht verlangsamte, rannte sie neben ihm her, um Schritt halten zu können. Ist er ein scheiß Basketballspieler? Seine Schritte waren so lang, dass Bella drei brauchte, um einen von ihm auszugleichen. Außerdem schien er sie komplett zu ignorieren.

„Mister …?“ Als sie seine Schulter antippte, schien er sie endlich wahrzunehmen.

„…ja, Mister Bennett, ich werde Ihnen die Vertragsentwürfe umgehend … einen Moment, bitte.“ Er hielt schlagartig inne und blickte Isabella verwirrt an. „Sehen sie nicht, dass ich telefoniere, Miss? Ich hoffe sie haben einen triftigen Grund dieses überaus wichtige Telefonat zu stören.“

„Nun, ähm ich …“ Der stechende Blick aus seinen gelbbraunen Augen war zerstörerisch. Bella wurde unsicher, was sonst gar nicht ihre Art war. Für einen klitzekleinen absurden Moment überlegte sie, an welchen Schauspieler sie diese Augenfarbe erinnerte.

„Nun?“

Sie hatte noch nie so viel Ungeduld in einem einzigen Wort zu spüren bekommen.

„Mögen Sie Hunde?“ Bella wollte einfach auf den Punkt kommen, um aus dieser überaus unangenehmen Situation zu entkommen. Paul Rudd! Der hat diese merkwürdige Augenfarbe!

„Was?“ Sein Blick wechselte ungläubig zwischen Bella und dem weißen Bären an ihrer Hand hin und her. Er sah aus, als hätte er einen Außerirdischen gesehen. Einen toten Außerirdischen. Mit stinkendem Schleim überzogen. Ohne etwas zu entgegnen, hob er einen langen Zeigefinger in die Luft und nahm sein Handy wieder ans Ohr.

„Mister Bennett? Entschuldigen Sie die Unterbrechung … Ja, … Natürlich…“, fuhr er das Gespräch fort, machte jedoch eine Pause, um offensichtlich darauf zu warten, dass die Gegenpartei am anderen Ende ihren Monolog vollendete. Bella lief unbeirrt weiter neben ihm her, war sich aber nicht sicher, ob er das noch mitbekam.

„Selbstverständlich, Mister Bennett. Füllen Sie einfach die fehlenden Dokumente aus und mailen Sie sie mir. Den Rest besprechen wir dann am Dienstag. Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche. … Nicht dafür! … Auf Wiedersehen, Mister Bennett.“ Er legte auf und schien nach seinem Schlüssel für den schwarzen BMW zu suchen, auf den er geradewegs zusteuerte. Bella war geduldig gewesen, doch weil er sie nun immer noch konsequent ignorierte und sie sogar mit der Aktentasche weg drängte, um seine Autotür zu öffnen, platzte ihr augenblicklich die Hutschnur.

„Was ist mit dir los, scheiße noch mal? Ich habe dir eine höfliche Frage gestellt und du ignorierst mich einfach. Hat dir deine Mutter keinen Anstand beigebracht?“ Sein Blick war vernichtend. Gut, vielleicht waren Beleidigungen eher kontraproduktiv für das Gewinnen eines Sponsors.

„Ich dachte, Sie hätten genug Feingefühl, um zu erraten, dass mich Hunde“, und er betonte das Wort dabei so, dass es auch ohne Weiteres eine ansteckende Krankheit hätte beschreiben können, „so sehr interessieren, wie das Wetter im Jahr 2200. Nämlich überhaupt nicht. Und jetzt nehmen Sie ihr Ding“, er wich vor Buddy mit unübersehbarem Ekel zurück, „und lassen sie mich in Ruhe. Ich habe zu arbeiten.“ Er stieg in die glänzende Limousine, öffnete jedoch noch einmal die Tür. „Ach und das nächste Mal wenn wir uns treffen – und bei Gott ich hoffe, das wird niemals wieder vorkommen – dann Siezen sie mich gefälligst. Oder hat Ihnen Ihre Mutter keinen Anstand beigebracht?“ Er brabbelte noch etwas von „Das ist mir ja noch nie passiert“, oder etwas in der Art. Bella war leider so perplex und sauer über seine widerliche Art, dass ihr nichts Schlaues einfiel, was sie entgegnen konnte. Als er losfuhr, brüllte sie noch „Das ist kein Ding! Buddy! Sein Name ist Buddy, du Arschloch!“ hinterher, aber er war längst zu weit weg, um ihre Worte noch hören zu können.

Kapitel 6

Gabriel starrte fassungslos in den Rückspiegel. Da hüpfte diese Frau doch tatsächlich wie Rumpelstilzchen um das Feuer und schrie Hasstiraden hinter seinem Wagen her, während ihr Köter den Asphalt vollsabberte. Schnell griff er nach seinem Desinfektionsspray im Handschuhfach und nutze die lange rote Ampelphase, um seine wunden Hände zu desinfizieren. Als das vertraute Brennen auf seiner empfindlichen Haut zu spüren war, beruhigte er sich etwas.

Heute ist wirklich ein Scheißtag!

Natürlich sprach er diesen Teil nicht laut aus. Er war sich eigentlich sicher, dass ihn noch nie jemand hatte fluchen hören, auch wenn es in seinem Leben sicher mehr als genug Gelegenheiten dazu gegeben hätte.

Das kann diese dreiste Frau sicher nicht von sich behaupten.

Sie hatte geschimpft und gezetert, obwohl er sie doch eigentlich relativ nett behandelt hatte. Zumindest für eine Bettlerin. Er hasste Leute die die andere um Geld baten. Es war mehr für ihn mehr als ein Beweis dafür, dass man selber in seinem Leben überhaupt nichts erreicht hatte. Er würde nie um Geld betteln müssen. Okay, daran waren seine Eltern nicht ganz unschuldig gewesen und dafür respektierte er sie auch. Außerdem arbeitete er trotz seines angeborenen Vermögens mehr, als manch Einer, der den Verdienst nötig hatte.

Es war spät geworden, als er von seinem letzten Termin nach Hause kam. Eigentlich hätte er um acht eine Anprobe mit seinem Schneider gehabt, den er aber vertrösten musste, da Mister Collister von ProdCom, einer irischen Entwicklerfirma, einfach nicht auf den Punkt kommen wollte, und sie deshalb über eine Stunde länger in dem zweitklassigen Restaurant sitzen mussten, als es ursprünglich geplant war. Dieses Treffen kostete Gabriel schon den gesamten Tag über etliche Nerven. Zuerst hatte Mister Collister den Termin um zwei Tage vorziehen müssen, was Gabriel grundsätzlich nicht mochte. Er bereitete sich gern gründlich auf Meetings vor, was ihm durch solche Verschiebungen erschwert wurde. Und als wäre es nicht schon genug, äußerte er auch noch den Wunsch, das Treffen mit einem Restaurantbesuch zu verbinden, wodurch Gabriel unplanmäßig das Dallaway Gebäude verlassen musste. Obwohl er inzwischen Routine im geschäftlichen Alltag entwickelt hatte, bedeuten solch kleine Ungereimtheiten Stress für ihn. Er steckte seine Karte in den Fahrstuhl und fuhr in die siebzehnte Etage. Das leicht surrende Motorengeräusch empfand er als angenehm, denn er wusste, dass es ihn in eine vollkommen ruhige, saubere Wohnung bringen würde. Müde rieb er sich die Augen, bis das vertraute Pling ertönte. Die tiefe Müdigkeit, die er eigentlich seit Jahren ertrug, war trügerisch. Er wusste, dass er, wenn er im Bett lag doch nicht schlafen konnte. Er hatte sich im Laufe der Zeit unzähligen Tests unterzogen, war sogar eine Woche im Schlaflabor gewesen (seiner Mutter hatte er gesagt, er müsse geschäftlich ins Ausland). Alle Diagnosen waren dennoch ergebnislos geblieben. Anfangs hatte er es mit Schlaftabletten versucht, die ihm zwar für eine Weile geholfen, ihn dann aber zu einem lebenden Zombie gemacht hatten. Seit zwei Jahren nahm er nun gar nichts mehr und er hatte sich auf eine absurde Weise daran gewöhnt, ständig müde und ausgepowert zu sein. Er zog den Knoten seiner dunkelgrauen Seidenkrawatte locker und knöpfte den obersten Knopf seines weißen, gestärkten Kragens auf. Als er seine viel zu große Küche betrat, fand er einen kleinen Zettel auf der Schieferplatte der Kücheninsel.

„Gedünstetes Gemüse, Seebarsch, Risotto“

Er zerknüllte ihn und warf ihn in den Mülleimer im Schrank, der frisch nach Zitronenreiniger duftete. Anfangs hatte seine Haushälterin noch Sätze wie „Ich wünsche guten Appetit“, oder „Einen angenehmen Feierabend“, mit auf den Zettel geschrieben. Er bedankte sich zwar, wies sie jedoch relativ schnell höflich darauf hin, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Am nächsten Tag stand nur noch das Gericht auf dem Zettel. Manchmal erkannte er seinen Vater in seinen Handlungen wieder.