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„In meinem Lieblingsbecher dampft der Kaffee und auf dem Kuchengitter kühlt das frisch gebackene Brot aus. In die Mehlschicht unter dem Gitter habe ich mit dem Zeigefinger ein Herz gezogen und in der Brotkruste ist das eingeschnittene Herz formvollendet aufgeplatzt. Die Wäsche hängt trocken an der Leine, die ich vor dem Haus zwischen den Olivenbäumen gespannt habe. Das ist ein Foto für meinen Lieblingsbildband mit den schönsten südfranzösischen Häusern, denke ich und genieße einige Minuten im Schatten des Maronenbaums.“ In einem kleinen Dorf in Südfrankreich kann Isabelle endlich ihren Lebenstraum verwirklichen. Hier findet sie die ersehnte Heimat in einem alten Haus inmitten eines großen Gartens, ihre neue Liebe Eric und viele Freunde. Doch die beiden alten Büchern in ihrem Gepäck, die von der kräuter- und heilkundigen Madeleine vor vielen Jahren geschrieben wurden, geben Rätsel auf. Mit Hilfe von Eric und ihren Freunden sucht sie Antworten auf die Fragen, die sich aus Madeleines Tagebuch ergeben und stößt auf viele überraschende Entdeckungen. Der Fortsetzungsband des Romans „Isabelle und Madeleine – Das Haus mit dem Maronenbaum“ ist ein Buch für Frankreich-Liebhaber. Er führt uns in die Orte und Gärten des Südens, lässt uns mit Isabelle in alten Büchern stöbern und Geheimnisse der Vergangenheit und der Gegenwart lüften.
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Seitenzahl: 364
Veröffentlichungsjahr: 2022
Christine Erkens
Isabelle und Madeleine
Der Rosmarin-Garten
Prinzengarten Verlag
Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Copyright 2022 by Prinzengarten Verlag
Dr. Hans Jacobs, Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold
Bild Umschlag: Sabine Erkens
ISBN 978-3-89918-839-4
Kapitel 1
Ich sitze am Küchentisch meines Traumhauses in Südfrankreich und schlage das Kalenderbuch mit der Aufschrift »Isabelle 2017« auf, um die letzten Einträge zu lesen. Hier notiere ich, was mir wichtig erscheint, daneben Telefonnummern und Adressen, Geburtstage, Termine und außergewöhnliche Wetter- oder Weltereignisse. Es ist ein buntes Sammelsurium des Lebens angereichert mit Eintrittskarten, Quittungen, Visitenkärtchen, ausgeschnittenen Zeitungsnotizen und Kochrezepten.
In meinem Lieblingsbecher dampft der Kaffee und auf dem Kuchengitter kühlt das frisch gebackene Brot aus. In die feine Mehlschicht unter dem Gitter habe ich mit dem Zeigefinger ein Herz gezogen und in der Brotkruste ist das eingeschnittene Herz formvollendet aufgeplatzt. In Gedanken versunken rühre ich im Kaffee.
Das Herz steht für die Liebe. Das L für Liebe, das I für Isabelle, das E für Eric, das B für Bisous, das ist das französische Wort für Küsse, und das E steht für …?
Für was steht das letzte E? E wie ewig? Nein, das erscheint mir zu lang, oder? Nehme ich Essen oder Engel oder suche ich ein französisches Wort mit E – doch das lieber später, jetzt nicht, denn sofort habe ich »éternité«, die Ewigkeit, im Sinn.
Der Kaffee ist noch zu heiß zum Trinken, stelle ich beim vorsichtigen Nippen fest. Ich schaue unter den Tisch und forsche nach dem Verbleib der Flipflops, doch neben den Füßen schlummert nur Tartine auf den kühlen Fliesen.
»Schön weiterschlafen, lieber Hund«, flüstere ich und schiebe behutsam den Stuhl zurück, um ihn nicht zu wecken, und suche im Flur weiter. Im Schuhregal haben sich die Katzen in eine Lücke zwischen Turnschuhen und Sandalen auf bunte Wollsocken gekuschelt. Das sind Coco und Minou, eines schwarzweiß und eines getigert, meine ehemals erbärmlich winzigen Findelkätzchen, die sich zu wunderschönen kleinen Katern gemausert haben. Vor dem Regal stehen die gesuchten Flipflops, die ich erst an der Tür anziehe, um auch die Katzen nicht bei der Sieste zu stören.
Die Wäsche hängt trocken an der Leine, die ich vor dem Haus zwischen den Olivenbäumen gespannt habe. Ein Foto für meinen Lieblingsbildband mit den schönsten südfranzösischen Häusern, denke ich und genieße einige Minuten im Schatten des Maronenbaums. Ich schaue in das tiefgrüne Laub über meinem Kopf und erspähe die grünen und von Tag zu Tag wachsenden Stachelkugeln. Die Gedanken springen in den Herbst und ich sehe mich die eigenen Maronen rösten.
»Jetzt ist Sommer, Isabelle, schau dich um und denke lieber ans Blumengießen als ans Maronenessen.«
Ich wende mich dem Haus zu, mustere die Blumentöpfe auf der Treppe, das neue Geländer, die Schlagläden, die auf einen frischen Anstrich warten, und bin glücklich. Doch der Anblick der Olivenbäume mit der bunten Wäsche ist das Hübscheste bei diesem Rundblick, was in erster Linie an den Geschirrtüchern liegt, die ich auf den Märkten und in den Stoffgeschäften der umliegenden Ortschaften gekauft habe:
Tücher mit Lavendelblüten in Blau und Lila, mit Olivenbäumen in dunklem Grün, mit Hühnern und ihrem Hahn in Ocker, mit Sonnenblumen in leuchtendem Gelb und Tücher mit Rezepten, die von Aioli über Tapenade bis zur Fischsuppe reichen.
Allein das Abtrocknen mit diesen Küchentüchern, das Waschen, Aufhängen und Falten erfreut mich jeden Tag.
Die Wäsche kommt im Korb und mit dem Klammerbeutel in den Raum im Anbau, der hinter dem sogenannten Katzenzimmer und dem Gästezimmer liegt und das Wäschezimmer geworden ist. Zwei große Tische stehen an der Wand, einer aus hellem und der andere aus dunklem, fast schwarzem Holz. Sie warteten auf dem Speicher, meiner Fundgrube für alte Einrichtungsgegenstände und mit etlichen noch unerforschten Kisten voller Hausrat, auf ihre Rückkehr ins Tageslicht. Eine ebenso auf dem Speicher gefundene, aber glücklicherweise moderne Nähmaschine thront in ihrer Originalverpackung auf dem hellen Tisch und harrt auf den Beginn der Herbst- und Winterzeit. Keine Ahnung, warum die Tante, wie ich vermute, sie dort deponierte, doch mit Hilfe der Freundinnen und dem schlauen Internet werde ich sicher das Nähen und Anfertigen einfacher Vorhänge und Gardinen für die zahlreichen Fenster im Haus erlernen. Vor dem Fenster steht das neu erworbene Bügelbrett mit einem Bezug, der mit kleinen Lavendelblüten bedruckt ist und fast den Charme einer Tischdecke hat. Auf den Märkten stöbere ich gerne an den Ständen mit den Stoffen, Tischdecken und Deckchen und habe bei der Gelegenheit zwischen den Bügelbrettbezügen mit Sonnenblumen, Lavendel, grellbunten Sommerblumen oder Oliven dieses Prachtexemplar gefunden.
Zurück in der Küche nutze ich die Ruhe, um die letzten Tagebucheinträge fertigzustellen und blättere danach zum Anfang des Jahres zurück.
In Gedanken reise ich in die Bonner Heimat, wo ich studiert und gearbeitet habe, und nach Trier, wo ich die Kindheit verbrachte und die Eltern und mein Bruder Frederic leben. Ich sehe mich zuhause, mit den Freunden, mit meiner Mutter im Garten oder mit meinem Vater durch die Weinberge an der Mosel wandern. Es steigen Erinnerungen an das Studium und meinen Freund Johannes auf, mit dem ich die gemeinsame Zukunft geplant hatte und der bei einem Unfall tödlich verunglückte. Ich seufze, wie so oft, und doch immer seltener in den letzten Monaten, und lenke meine Gedanken zu neuen Bildern, um nicht in der Trauer zu versinken, die bei diesen Erinnerungen hartnäckig aufsteigt.
Nun winkt mir Onkel Eduard lachend zu. Dank ihm sitze ich an diesem Tisch, in diesem wunderschönen, großen, alten Haus mit dem Maronenbaum im Hof und einem riesigen Garten, im Mas Châtaigner. Dank ihm zog ich im Frühsommer nach Südfrankreich und in dieses Dorf in den Hügeln, das meine Heimat geworden ist. Hier habe ich neue Freunde gefunden und meine neue Liebe, die mich überall Herzen malen lässt, ob in den Mehlstaub oder den Brotteig, und die meine Trauer um Johannes heilt. Ich schaue mich in der wunderschönen Küche um und kann lächeln.
Die ziellose und flatterhafte Isabelle aus Deutschland findet in Salazac im tiefsten Südfrankreich ihre Lebensaufgabe, aber ebenso Abenteuer und Erlebnisse, auf die sie hätte verzichten können, so anstrengend wie sie waren, die aber zum Leben gehören.
Ich straffe unwillkürlich die Schultern, streiche eine verirrte Locke aus der Stirn und recke mich. Langsam ziehe ich meine nackten Füße über die Fliesen, bis ich Tartines Bauch berühre und seine ruhige Atmung spüre.
Das alte Tagebuch von Madeleine, das mir der Onkel mitgegeben hat und das mit dem Ledereinband und den Zeichnungen viel schöner ist als mein blaues Kunstleder- Kalenderbuch, stellt die Krönung dieses neuen Lebens dar. Madeleines Zeilen berühren mich sehr und als mir beim Lesen die Erleuchtung kam, dass sie hier in der Nähe gelebt hat, wenn auch vor 250 Jahren, begab ich mich auf Spurensuche.
Madeleine weckte meine bislang unbeachtete oder auch verdrängte Sehnsucht nach einem Leben mit und in der Natur, mit den Pflanzen und Tieren. Ihr zweites Buch über die Heilkraft der Natur habe ich bis jetzt nur flüchtig durchgesehen und im Büro ins Regal gestellt. Das Studium dieses dicken, handgeschriebenen Buches wird neben den Maronen und der Nähmaschine meine Beschäftigung im Winter werden.
Ich trinke den nun lauwarmen Kaffee und kehre mit den Gedanken zum Onkel zurück, der mit seiner Frau das Mas Châtaigner kaufte. Als die Tante starb, wollte der Onkel nicht allein die Instandsetzung und Renovierung des Hauses weiterführen und die Urlaube hier verbringen. Daher bat er mich – mit meiner bekannten Liebe zu Südfrankreich – hier einzuziehen und mich um das Gesamtpaket Haus und Grundstück zu kümmern.
Nichts lieber als das, diese Bitte stieß auf fruchtbaren Boden und ich könnte den Onkel dafür jeden Tag mehrmals drücken, wenn er bei mir wäre. Ich werde ihm eine Mail mit den Neuigkeiten schreiben, nehme ich mir vor und notiere das Vorhaben in meiner stets bereit liegenden To-do-Liste.
Neben dem Zettelblock habe ich einen kleinen Korb mit Bleistiften, Buntstiften, Radiergummis und Anspitzern, einem Holzlineal und einem alten Geodreieck ohne Ecken. Das Körbchen stand scheinbar vergessen in einer Ecke des sonst leeren Schreibtisches im Büro, wo ich es beim Staubwischen und Suchen von Spinnweben fand.
Ich ziehe es näher, wähle einen Bleistift und öffne erneut mein Tagebuch. Ich erinnere mich an die Zeichnungen und Ornamente in Madeleines Buch und suche eine Seite, die wenig beschrieben ist. Die finde ich Mitte März, da gab es wohl nicht viel zu berichten.
Mit dem Stift in der Hand denke ich an den Frühling und an Blüten, an Osterhasen und Ostereier. Ich bedecke die halbe Seite mit kleinen und großen Eiern und male sie mit Buntstiften aus. Es wird bunt und farbenprächtig, aber ist nicht zu vergleichen mit den kunstvollen Illustrationen meines Vorbildes Madeleine.
Ich blättere zu den Seiten im Juni. Da war der Alltag turbulent und ich habe mich an manchen Tagen nur kurzgefasst und die Ereignisse knapp beschrieben, dazu in meiner kleinen Schrift und mit Abkürzungen. Hier bleibt ebenfalls Platz und ich versuche meine Zeichnung mehr an Madeleines Kunst anzupassen. Das ist nicht so leicht wie bei den Ostereiern. Ich zeichne den Maronenbaum vor dem Haus und erkenne meinen Baum wieder, doch jeder Außenstehende würde nur irgendeinen Baum erkennen. Ich nehme die nächste Seite für Bordüren, ziehe Schleifen und Kringel und setze den Schlusspunkt mit einem Schneckenhaus. Mein Vorsatz für die nächsten Einträge lautet, diese in Anlehnung an das alte Tagebuch auszuschmücken. Es wird Zeit für einen weiteren Kaffee.
Tartine schnauft und wackelt mit dem Schwanz, bevor er an meinen Zehen schnuppert.
»Wird mein kleiner Hund wach?«, frage ich und warte auf das Einlaufen des Kaffees in meinen Becher. Das Wedeln verstärkt sich und der Schwanz klopft an das Tischbein. Im Flur tapst und miaut es.
»Sind die Katzen auch wieder munter?«
Eine alberne und rhetorische Frage, doch wenn ich viel allein bin, was grundsätzlich kein Problem ist, spreche ich mit den Tieren und mir selbst und die Albernheit stört niemanden.
»Ich bin auch wach und munter, fast munter, noch einen frischen Kaffee und danach geht es raus.«
Den Nachmittag verbringe ich mit den drei Vierbeinern im Garten. Der Hochsommer schiebt wettertechnisch eine Verschnaufpause ein und der Tag ist angenehm und nicht zu warm.
Kapitel 2
Abends sitze ich geduscht und mit eingecremten Armen und Beinen auf der Terrasse vor dem Haus. Die Abendsonne vergoldet mit einem orange-roten Schimmer den Maronenbaum im Hof und die Olivenbäume neben dem Haus. Die Mauer in meinem Rücken strahlt die gespeicherte Wärme des Tages ab und ich schnuppere an dem zarten Zitronenduft der Creme auf meinem Arm.
Auf dem kleinen Tisch steht der aufgeklappte Laptop, daneben liegen die Gartenhandschuhe und meine Rosenschere, Zeugen meines immerwährenden Streites mit den Brombeeren vor dem Anbau. Ich möchte das Dornengebüsch nicht vollständig in die Flucht schlagen, denn sie sind eine wirksame Absperrung, doch ihre Hartnäckigkeit in den Versuchen den Rasenrandstreifen in Beschlag zu nehmen oder gar die Herrschaft über die gesamte Fläche zu übernehmen, beeindruckt mich. In anderen Ecken des Grundstückes führen sie ihr wildes, ungezähmtes Leben und weil ich sie nicht mit Rumpf und Stumpf ausrotten möchte, behalte ich sie im Auge und schneide sie zeitweise auch kräftig zurück.
Ich schicke dem Onkel, er ist Archäologe und leitet auf einer griechischen Insel Ausgrabungen, die Mail mit einer Auflistung der durchgeführten Arbeiten und meiner Planung und schaue im Kalenderbuch nach, was in den letzten Wochen passiert ist.
Nach dem Nationalfeiertag Mitte Juli, für ein kleines Dorf ein wichtiges Ereignis, kehrte Ruhe ein. Die Girlanden und Fahnen sind abgenommen und für das nächste Jahr verstaut. Die langen Bänke und Tische vom Dorfplatz warten in der Scheune auf die nächste Feierlichkeit und ich genieße nach der Anstrengung der langen Tage mit wenig Schlaf und vielen Stunden auf den Beinen mein Zuhause.
Ich habe bei dem Fest in der Küche des Bouletins, der Dorfkneipe und dem Dorfmittelpunkt, geholfen, sehr viel und gut gegessen, getrunken und getanzt. Ich träume in der Erinnerung vor mich hin und suche im Handy passende Fotos, die ich dem Onkel schicken kann.
»Ach Eric, da bist du ja. So schöne Bilder von so schönen Stunden.«
Verliebt schaue ich die Bilder an und würde am liebsten das Handy küssen. Irgendwie muss Jeanne, Erics Schwester und Chefin des Bouletin, zeitweise im Besitz meines Handys gewesen sein. Sie hat erstaunlicherweise viele und gute Schnappschüsse von mir, von mir mit Eric, von Eric allein und im Gespräch mit der Großmutter und sogar von meinem Hund Tartine gemacht. Ich muss lachen, denn die Stimmung war trotz der Arbeit und dem oft herrschenden Durcheinander wunderbar. Was sicherlich auch an dem Gefühl des wiedergewonnenen Glücks, der Befreiung von den Ängsten und der schlechten Stimmung vor dem Fest lag. Die Zeit mit Enzo und seinen kriminellen Freunden und ihrer Bedrohung gegenüber uns, der Familie, der Freunde und selbst von Laure, Enzos Mutter, hat uns gefordert, was wir deutlich merkten, als der Spuk vorbei war.
Es war wie ein Muskelkater, den man in seinen Ansätzen nach dem Sport bemerkt, aber erst nach Tagen die durchschlagende und schmerzhafte Wirkung in den Armen und Beinen realisiert.
»So, nun aber weiter im Text, Isabelle«, ermahne ich mich mit einem Blick auf die Uhr und die sinkende Sonne. »Sonst wird das heute wieder nichts mit der Mail an Onkel Eduard und der Erledigung dieser Aufgabe.«
Ich überfliege die Mail, korrigiere, wo nötig, denn der Onkel ist ein genauer Onkel und liest ungern Rechtschreibfehler. Zum Abschluss hänge ich einige Fotos an.
»Jetzt noch abschicken und fertig! Geschafft!«
Ich bin froh, das erledigt zu haben und räume meine Sachen ins Haus. Ein abendlicher Rundgang mit Blumenkontrolle und Gießen und dem Hund beim Toben über die Gartenwege zuschauen ist der Abschluss des Arbeitstages.
Hier hat sich in den letzten Wochen einiges verändert, zum Guten, denke ich und genieße die Vorstellung des immer hübscher werdenden Gartens. Er war verwildert, alles wucherte und drängte kreuz und quer, ob der reichlich vorhandene Rosmarin oder Lavendel, ob Buchsbaum oder Thymian, und an vielen Stellen konnte ich kaum erkennen, wo einmal ein Weg oder ein Beet angelegt war.
Jeden Tag ein Stück weiter, ist meine Devise, nicht alles auf einmal, denn das schaffe ich nicht und auch kein anderer Gärtner. So arbeite ich mich bewaffnet mit Rosenschere, Hacke und Schaufel, einer großen Heckenschere und Schubkarre und viel Geduld in den Traumgarten der Zukunft vor, lege hier und da ein Stück Weg frei, kann ein Beet mit den großen und überall vorhandenen Steinen neu umfassen und überlegen, was ich im nächsten Jahr damit anfangen kann.
Der goldene Schein der Abendsonne wird matter und die Glocken im Dorf läuten. Der Hahn bei meinen Nachbarn kräht und erinnert mich an das Abendessen. Die Tage sind viel zu kurz oder ich packe sie zu voll, doch spüre ich die Müdigkeit und freue mich auf den ruhigen Abend.
Ich werfe einen letzten Blick in den Garten, danach werden die Tiere gefüttert und ich schaue, was Eric schreibt. Ob er geschrieben hat, korrigiere ich mich, denn er steckt die letzten Tage bis über beide Ohren in den Projekten der Veränderung im Bouletin, in der Entwicklungsplanung des Bistros und seines Lebens, in Diskussionen mit seiner Schwester Jeanne und der Großmutter, die mit ihnen zusammen im Haus lebt.
Das Handy auf der Küchenanrichte hängt am Ladekabel, rechts und links stehen Schüsseln mit Gemüse aus dem nachbarlichen Garten, mit Trauben und Aprikosen, die ich eigentlich im Laufe des Nachmittages verarbeiten wollte.
Eric hat schon vor einer Stunde geschrieben. Er kann erst um halb neun kommen und bringt, ich hatte darauf spekuliert, »etwas« zu essen mit, wie er sich ausdrückt. Was genau, verrät er nicht, aber ich kann es mir vorstellen und werde nur eine Portion Gemüse dünsten und das frische Brot anschneiden.
Tartine verzieht sich satt und zufrieden in seinen Korb unter dem Esstisch, die Katzen sitzen mit letzten Säuberungsarbeiten beschäftigt im Flur, unentschlossen, wo sie sich zum Schlafen niederlassen. Ich räume das Obst und Gemüse in den Vorratsraum und schneide eine Pfanne mit Zwiebeln, Paprika, Tomaten und Zucchini.
»Küche aufgeräumt, Tisch gedeckt und Eric komm …« und kaum habe ich den Wunsch zu Ende gesprochen, höre ich das Öffnen des Tors und das Knirschen der Steinchen im Hof. Eine Autotür schlägt, dann noch einmal und es klappert und klirrt.
»Zut alors, meine Güte, das war knapp!«
Eric beugt sich über den Weidenkorb und sortiert die Behälter und Gefäße, klappert und klirrt munter weiter.
»Eric, ist was kaputt gegangen? Was hast du alles dabei?«
Ich eile die Treppe herunter und hoffe, nicht allzu viele Scherben und Splitter zu finden, denn das wäre eine Schande für die mitgebrachten Köstlichkeiten.
Doch wir haben Glück, und nach einem raschen Blick in das bunte Durcheinander im Korb werde ich erst einmal kräftig umarmt, hochgehoben, geküsst und wieder gedrückt.
»Isabelle, bon soir, ich bin doch früher fertig geworden. Wir haben uns beeilt und viel erledigt! Arbeit ohne Ende, eine Unmenge an Problemen und Fragen und Wirrwarr und … Aber egal, ich bin froh hier zu sein. Feierabend und Füße hoch.«
Ich spüre meine Rippen in der festen Umarmung und bin froh, Eric endlich in meiner Nähe zu haben und einen gemeinsamen Abend – und vielleicht eine gemeinsame Nacht – zu genießen. Ein letzter Kuss auf die Nasenspitze und ich laufe zum Hoftor, das ich abends gerne geschlossen habe und folge Eric die Treppe hoch.
Er hat eine ausgebleichte Jeans an, seine Lieblingshose, die alten Turnschuhe, ein hellblaues Hemd mit langen Ärmeln, die er hochgekrempelt hat. Seine Haare kringeln sich noch feucht am Kopf, er riecht so unverschämt gut, dass ich am liebsten wieder in seinen Armen wäre, doch der Bauch grummelt und ich registriere den wachsenden Hunger.
Auf der hinteren Terrasse wartet der gedeckte Tisch. Das Gemüse duftet, nicht nur, aber auch nach Knoblauch und frischem Rosmarin, dazu lockt das knusprige Brot. Eric hat, wie vermutet, in den zahlreichen Dosen und Gläsern Köstlichkeiten aus der Bistroküche und eine ansehnliche Auswahl kleiner Desserts mitgebracht.
Beim Essen erzählt er mir in Kurzfassung das Resultat der vergangenen Tage, an denen wir uns nicht gesehen haben. Allein ein Umbau der kleinen Gaststätte, eine Renovierung und Modernisierung braucht jede Menge an Vorbereitung, denn Jeanne und Eric müssen sich überlegen, wie sie ihre Zukunft planen. Die Eltern sind verstorben, womit keiner der beiden so früh gerechnet hat. Die Großmutter lebt noch, ist gesund und munter, auch wenn sie unter den tragischen Todesfällen leidet. Die Grand-mère gehört einfach zum Haus, sie hilft gerne, muss jedoch auf der anderen Seite ebenfalls versorgt und gepflegt werden.
Und was sind Jeannes Pläne? Plant sie einen Ehemann und später Kinder ein und den dazu nötigen Wohnraum? Möchte sie die Küche modernisieren oder den Schankraum? Machen Gästezimmer Sinn als zusätzliche Einkommensquelle oder lieber ein kleiner Laden?
Ideen haben Jeanne und Eric genug, doch die Pläne müssen umsetzbar und finanzierbar bleiben. Es liegen bürokratische Hürden vor ihnen, dazu viel Papierkram, Behördengänge, Gespräche mit dem Architekten, dem Steuerberater und Bauamt, und gleichzeitig läuft der Betrieb. Es wird gekocht, bedient, eingekauft, gewaschen, der Garten muss versorgt werden, geerntet und eingekocht, das eigene Leben gelebt werden.
Und wo wird Eric wohnen? In einem Zimmer im Bouletin oder in mehreren Zimmern? Woanders im Dorf oder im nächsten Ort? Bei mir? Möchte ich das und möchte er das? Mein Kopf schwirrt und meine Gedanken kreisen vor allem um die letzte Frage.
Es ist spät geworden und wir beschließen das Gespräch am nächsten Morgen bei einem großen Becher Kaffee in der Morgensonne fortzuführen. Eric fährt nicht mehr ins Dorf, sondern schließt sein Auto ab und wir kriechen müde unter die Decke. Das Karussell meiner Gedanken hält an und ich wende mich dem angenehmen und vor allem gut riechenden, warmen und umarmenden Gegenüber zu.
Kapitel 3
Nach dem morgendlichen Blumengießen reibe ich mir immer noch müde die Augen und schaue auf meine taunassen Füße und die Spuren, die ich auf den Steinstufen hinterlassen habe. Auf der obersten Stufe sitzen Tartine, Coco und Minou in einer Reihe und beobachten mich. Ihre Gedanken kreisen ums Futter, das ist aber auch ein Ärger, dass Madame eine Runde Tautreten macht, anstatt sich um die Futternäpfe zu kümmern. Das Küchenfenster steht offen und ich rieche Kaffee und Toast, höre Teller klappern und nun schrillt die Eieruhr. Wir erschrecken uns, wie immer im Rahmen des Eierkochens, und die Katzen springen förmlich in die Höhe.
»Auf geht es in die Küche und zum Frühstück.«
Das brauche ich nicht zweimal sagen und Minuten später sitzen wir vor unseren Tellern beziehungsweise Schüsseln. Eric sieht auch verschlafen aus, hat aber trotz kleiner Augen ein wunderbares Frühstück gezaubert und am Esstisch angerichtet. Ich streife die jetzt getrockneten Füße aneinander, um letzte Grashalme und Blättchen abzustreifen. Gekehrt wird später, da kommt es auf ein paar Krümel mehr nicht an.
Beim Rühren des Kaffees bemerke ich Erics verschmitztes Grinsen. Er fixiert eine Stelle an meinem Hals und muss sich anscheinend beherrschen, um nicht zu lachen.
»Was ist? Habe ich eine Eidechse oder Grille an mir?«
Unwillkürlich fühle ich am Hals und im Nacken, aber da ist nichts.
»Nein, guck nachher mal in den Spiegel. Eine kleine, blaue Erinnerung an mich, mehr nicht.«
Er beschmiert seine getoastete Brotscheibe dick mit Butter, die im Streichen schmilzt und einzieht. Nun kommt das Ei dran, das groß und dunkelbraun mit kleinen Sprenkeln über dem Eierbecher schwebt, weil es nicht hineinpasst. Meine Frühstückseier sind hellgrün und kleiner ist als sein Riesen-Ei und deswegen sind zwei Eier und Eierbecher neben dem Teller aufgestellt.
Mir läuft das Wasser im Mund zusammen bei dem Geruch und verlockenden Anblick, da kümmert mich das Rätsel an meinem Hals nicht. Die nächste Brotscheibe aus dem Toaster ist meine, darauf Butter, ein Hauch Fleur de sel, Pfeffer und Ei, mehr braucht es nicht zum Glücklichsein am Morgen. Doch, Kaffee natürlich und Naschen am Quark und Obst und an den Kuchenresten des Abendessens.
Neben dem Brotkorb liegt Erics Notizbuch. Ein Verwandter meines Kalenderbuches, dunkelgrün, dick, überquellend an eingelegten Zetteln. Dick und fett steht Eric auf dem Einband und drei Ausrufezeichen.
Bei einem letzten Kaffee werden die Teller und Krümel auf Seite geschoben und Eric schlägt das Buch auf. Neue Seite, neuer Plan, denke ich und runzele die Stirn. Das sieht nach Arbeit aus. Auch Eric hat vom Schmunzeln und Lachen auf die ernste Seite gewechselt und ich merke, dass ich jetzt nicht stören und weitersprechen soll.
Gut, stellen wir die Dinge in den Kühlschrank, die gekühlt werden sollten, und die leeren Tiernäpfe und unser Geschirr in die Spülmaschine und besuchen das Badezimmer.
Der Spiegel zeigt mir meine morgenwilden Haare, die nach der Bürste rufen, dazu Marmelade auf der Wange und ich ahnte es, einen Knutschfleck.
»Aha, ein suçon, très joli, um nicht zu sagen hübsch. Wie gut, dass er so klein geraten ist, aber was soll‘s, besser als ein Pickel oder Mückenstich!«
Ich lache dem Spiegelbild zu und wasche mein Gesicht, lege den kalten Waschlappen auf die Augen und hoffe damit, munter zu werden oder zumindest so auszusehen.
Unten scharrt ein Stuhl über den Boden, Becher klappern auf ihrem Weg in die Spülmaschine und der Toaster wird mit Vehemenz seiner Krümel entledigt. Eric ist scheinbar fertig oder hat keine Lust mehr an der Schreibarbeit.
Ich sollte mir ein Beispiel nehmen an meinem Freund, überlege ich beim Fensterschließen und Bettdeckegeradeziehen. Ich werde heute gleichfalls Listen schreiben und schauen, was ich an Terminen habe und wie ich meine Gedanken ordnen kann.
»Isabelle, Schatz? Wo bist du?« Eric reißt mich aus meinen Überlegungen.
»Hier, Moment, ich komme. Willst du fahren?«
Die Frage erübrigt sich, seine Turnschuhe sind so gut wie angezogen, der Korb mit den leeren Dosen und Gläsern steht an der Haustür und Coco plant gerade einen Angriff auf die Schnur, die um den Korbgriff gewickelt ist. Das dicke Notizbuch liegt neben dem Korb auf den Fliesen, damit man es nicht auf dem Tisch vergisst.
»Ja, ich fahre. Ich habe am späteren Vormittag einen Termin, der sicher eine Wartezeit mit sich bringt, in der ich meine Listen weiterbearbeiten kann. Ich muss Ordnung in meine Gedanken bringen. Ich muss unsere Vorhaben und Pläne sortieren und ein Konzept entwickeln. Nun weiß ich in groben Zügen, was wir wollen, damit meine ich Jeanne und mich und was wir am besten für die Großmutter unternehmen. Ich habe den Eindruck, mein Kopf quillt über, es drückt und spannt. Aber es wird gut, da bin ich mir sicher, auch wenn es Arbeit wird.«
Er ist in Gedanken bei seinen Plänen, nicht mehr hier bei mir, sortiert zwischen seinen Bedürfnissen und denen der Familie, was ich an der Betonung von den Worten meine und unsere höre. Also stelle ich mich auf die Zehenspitzen, recke ihm erwartungsvoll meinen Mund entgegen und hebe die Arme. Und sein Blick kehrt zurück zu mir und das Lächeln, das ich so liebe, ebenso und so können wir Minuten verbringen, Arm in Arm und Kuss an Kuss. Bis mir der Nacken steif wird, aber irgendwann muss es gut sein und auch, wenn ich ihn nicht gerne fahren lasse, so muss er seine Termine einhalten, Liebe hin, Liebe her.
Ich schaue dem weißen Auto nach, das auf der kleinen Straße Richtung Dorf fährt. Tartine sitzt Gott ergeben neben mir und mustert mich nachdenklich, wie immer, wenn ich traurig, wehmütig oder sonst wie neben meiner Gute Laune-Spur bin.
»Alles gut Tartine. Das ist die normale Wehmut, wenn der Schatz fährt und nichts Dramatisches. Es geht mir gut. Es geht uns gut. Die Sonne scheint, alles ist friedlich an diesem Morgen im Süden Frankreichs, in Salazac, am Ende der Welt, der schönen Welt …«
Nun wedelt der Hund wieder mit dem Schwanz und bekommt seinen gewohnt fröhlichen Blick.
Wir schließen das Tor und räumen die Küche auf, ich oben und Tartine krümelsuchend am Boden. In meinem Kopf reifen die Gedanken, um die notwendige Ordnung und Organisation und um die Aufgabe, die ich mir für heute vorgenommen habe. Was Eric kann, kann ich auch und ich habe es dabei leichter, denn bei mir geht es nicht um derart bedeutende und schwerwiegende Entscheidungen wie bei ihm.
Am späten Vormittag, man könnte schon Gedanken ans Mittagessen entwickeln, sitze ich im Büro. Neben mir eine riesige Tasse mit Kräutertee und ein Teller mit Aprikosenstücken und Trauben für die Gesundheit. Tartine hat sich unter dem Schreibtisch an meinen Füßen zusammengerollt und ich genieße das weiche Hundefell an den Zehen. Die Katzen liegen eng aneinander gekuschelt auf dem Sessel in der Ecke, auf dem ich in meiner Vorstellung gerne die Tante sehe, wie sie es sich vor Jahren dort gemütlich gemacht hat und in ihren Gartenbüchern und Bildbänden blätterte.
Schade, dass sie so früh und tragisch verstorben ist. Der Onkel hätte hier ein traumhaftes Leben mit ihr führen können. Die zwei haben sich blendend verstanden, sie hatten einen ähnlichen Geschmack, liebten das Landleben, die Entdeckung der Altertümer, die Antiquitätenläden und wunderschönen Gärten mit den oft noch schöneren Häusern, das Essen, Trinken und Genießen des Lebens.
»Jetzt ist aber gut Isabelle!«, mahne ich mich mit einem letzten Blick auf die zufriedenen Katzen und schaue mir lieber an, was auf dem Schreibtisch liegt. Der Laptop fährt hoch, ich ziehe mein Kalenderbuch näher, die Stifte, einen Schreibblock und die Kiste mit dem bunten Durcheinander der Belege vom Einkaufen, ausgeschnittenen Rezepten, alten To-do-Listen, Pflanzschildern der Blumen, Einladungen zu Veranstaltungen und anderem Papierkram.
Dahinter liegt das Tagebuch von Madeleine, das Leder glänzt verlockend und ich gebe meinem Verlangen nach, es zu streicheln. Ich liebe dieses kleine Buch, ich liebe die Frau, die es geschrieben hat, obwohl ich sie nicht kennenlernen konnte, weil sie lange vor meiner Zeit lebte. Ihr zweites Buch, das große, schwere mit dem Lederriemen zum Verschließen, steht hinter mir im Regal. Es ist gefüllt mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen in der Kräuterheilkunde, die sie im Leben gesammelt hat.
Ihr Buch schiebe ich sanft auf Seite, hole mir mein Buch vor und schlage es an dem heutigen Tag auf, Donnerstag, der 20. Juli. Heute ist der Tag der Planung und Ordnung im Hochsommer von Isabelle Fuchs.
Kapitel 4
Was steht also an? Punkt 1 ist Madeleines Tagebuch, an dem ich mit Nachdruck weiterarbeiten möchte. Die mir selbst gestellte Aufgabe ist, das Buch mit Hilfe des Laptops ins Reine zu schreiben und den Text aus dem Französischen ins Deutsche zu übersetzen. Das ist eine Fleißarbeit, jedoch eine schöne, und ich habe bis jetzt nur wenige Seiten geschafft und gemerkt, wie viel Konzentration es benötigt. Beim Lesen und Abschreiben flattern meine Gedanken umher, verfangen sich in der Recherche zu den von Madeleine erwähnten Orten, den Heilkräutern und Personen oder versinken in den feinen Zeichnungen, und ich fühle die junge Frau, die dies geschrieben und gezeichnet hat, neben mir sitzen.
Das strengt an, weil es intensiv ist und sie ein Teil von mir wird und sich dann wieder entfernt.
Nachts träume ich von dem Gelesenen, verflechte mein Leben und die Abenteuer mit denen von Madeleine. Enzo, der Angstmacher Nummer 1 in diesem Sommer, der uns alle bedrohte und dann durch das Schicksal sein Ende fand, symbolisiert für mich die Bedrohungen von Madeleine.
Nun schweife ich wieder ab, das ist zum verrückt werden. Ich trinke einen Schluck Tee, schiebe mir eine halbe Aprikose in den Mund und notiere auf dem Schreibblock den Punkt 1: Madeleine – Tagebuch – Abschrift und Übersetzung.
Punkt 2, was nehme ich da? Die Familie, also meine Mutter, meinen Vater und meinen Bruder Frederic. Ich habe lange nicht mehr mit Mama telefoniert, das ist traurig, aber es war viel los und ich habe nur einige Fotos vom Nationalfeiertag geschickt und bin danach in der Versenkung verschwunden. Mein schlechtes Gewissen regt sich und ich schicke sofort eine Handynachricht nach Hause mit lieben Sommergrüßen und der Anmeldung eines Telefonates am Abend. Der geplante Besuch meiner Familie sollte terminlich festgelegt werden, denn bis jetzt haben wir nur vage den September ins Auge gefasst. Dann ist es nicht mehr so warm, man kann entspannt Ausflüge und Besichtigungen machen, die Touristenflut ebbt ab und es wird ruhiger in Südfrankreich.
Unter Punkt 2 kommt daher das Stichwort Familie und ein Fragezeichen hinter dem Wort Besuchstermin. Damit werde ich mich um die Einrichtung der Gästezimmer kümmern, das heißt Betten und Matratzen besorgen und was ich für die Gäste benötige. Mir fällt Bettwäsche ein, dazu Decken und Kissen, Handtücher, Nachttischlampen, etwas in der Art eines Kleiderschrankes oder einer Kommode. Ich sehe mich Stunden auf dem Speicher kramen, um einen Teil dieser Dinge herauszusuchen und dabei die tollsten Überraschungen zu finden. Es ist der reinste Schatz-Speicher, und nur die Hitze kann mir das Stöbern verleiden, wenn ich zu spät am Morgen bin oder zu lange brauche und kein Ende finden kann.
Beim Matratzen-Jean werde ich die Matratzen ordern, sobald ich Bettgestelle gefunden habe und die Abmessungen kenne. Das wird einige Morgenstunden erfordern, die ich gerne im Garten verbringen würde, aber irgendwann muss ich die leeren Zimmer in Angriff nehmen und einrichten, wenn ich Besuch empfangen möchte.
Ich stöhne leise, woraufhin Tartine voller Mitgefühl ebenfalls seufzt und sich an meine Füße drückt. Nun gut, es ist noch etwas Zeit bis September. Doch Anfang September, ich schaue auf den Kalender, ist nicht weit und die Wochen verfliegen sicher ebenso schnell wie der Frühsommer. Am besten fange ich morgen an, den Speicher zu besuchen, noch vor dem Gartenprogramm und dem Frühstückskaffee in der Sonne.
Punkt 3 sind die Freunde. Mit diesem Punkt bin ich schnell fertig und beschließe am Abend eine Rundmail zu verfassen mit einer Berichterstattung, dazu einige Fotos und natürlich mit der Nachfrage, was es Neues bei ihnen gibt, ob es jetzt die Freundin Susa in Bonn ist, mit der ich lange zusammengewohnt habe, Sylvie in Lyon, eine alte Schulfreundin in Trier oder der Kollege von der Uni, der Johannes bester Freund war und mit dem ich lockeren Kontakt halte.
Punkt 4 ist das Haus, mein Mas Châtaigner, und das Grundstück. Bis zum Herbst sollte ich Einiges in Angriff genommen haben. Die Beleuchtung des Außengeländes ist dank des grässlichen Enzos – und wieder kommt er in meinen Gedanken vor – zügig und gründlich durchgeführt worden. Es läuft mir kalt den Rücken runter, als ich an die Nächte denke, in denen ich Angst hatte und nicht nur wegen der Träume schlecht oder kaum geschlafen habe. Ich sollte in den nächsten Wochen ein weiteres Mal Handwerker um einen Besuch bitten, die sich um notwendige Änderungen und Verbesserungen im Haus und um die Kontrolle der Heißwasserversorgung und der Heizung kümmern. Ein Schornsteinfeger muss vor dem Winter vorbeischauen und mein Nachbar Baptiste wollte den offenen Schuppen mit einigen Toren versehen. Das sind Fragen, die ich gerne mit Baptiste bespreche, weil ich mich auf seine Meinung und Erfahrungen verlassen kann, wie die Vergangenheit zeigte, und die Nachbarn gute Handwerker kennen.
Die Nachbarn wurden, wie die Familie, in den letzten Tagen vernachlässigt, obwohl sie gute Freunde sind. Doch sie werden ebenso Ruhetage nach dem Feiern gebraucht haben, anstrengend war es für uns alle. Eine kurze Nachricht an Chantal reicht im Augenblick: »Bonjour, Chantal, Freundin und Nachbarin. Wie geht es Dir und Baptiste? Seid ihr wieder munter und ausgeschlafen und sollen wir in den nächsten Tagen ein Treffen planen? Liebe Grüße, Isabelle.«
Das wäre erledigt und ich warte ab, was mir Chantal antwortet.
Punkt 5 und ich überlege gerade, was ich schreiben soll, als sich die Katzen erheben, schnurren und sich einmal um sich selbst drehen, um weiterzuschlafen, sind natürlich die Tiere. Es wird höchste Zeit, dass ich den Tierarzt kennenlerne und ihm die Kater sowie Tartine vorstelle.
Ich blättere durch den Kalender und suche den Eintrag mit dem Beginn der Katzen-Geschichte. Am Samstag, den 10. Juni werde ich fündig. Aufgrund eines Aufrufes in der Nachbarschaft machte ich mich an dem Tag mit Tartine auf die Suche nach mutterlosen Katzenkindern. Wir fanden Coco und Minou in dem Schuppen und Clairie, die Tochter von Madame Bonheur aus dem Dorfladen, versorgte uns mit dem erforderlichen Katzen-Spezialfutter und wichtigen Infos. Clairie arbeitet in der Apotheke zwei Häuser neben dem Tierarzt im Nachbarort Laudun. Ich suche im Internet nach diesem Tierarzt und werde rasch fündig. Ein »Dr. Vet.« Olivier Gilles hat seine Praxis an der Hauptstraße. Auf seiner Webseite finde ich die Telefonnummer und Öffnungszeiten der Praxis.
Es ist Mittag und damit Zeit für die Pause und das Essen, aber wenn ich den Angaben Glauben schenke, können Tierhalter rund um die Uhr anrufen, Tag und Nacht, Samstag und Sonntag.
Das sind der Doktor und das liebe Vieh in der Provence und meine Fantasie legt eine extra Runde ein. Statt einem Oldtimer fährt er einen modernen Jeep. Statt Regenjacke und Wollpullover trägt er ein kariertes Hemd und einen Strohhut. Statt Schafen und Arbeitspferden in den regennassen Yorkshire Dales behandelt er meine Katzen und Tartine im sommerlichen Sonnenschein.
Nachdem es etliche Male geklingelt hat, denn die Haushälterin Miss Hall hat einen langen Weg zum Telefon in meiner munter sprudelnden Bilderfolge, räuspert es sich am anderen Ende der Leitung.
»Allô?« Pause, Kaugeräusche und erneutes Räuspern. Das ist eindeutig der Tierarzt und nicht die Haushälterin.
Die Fantasie macht der Überlegung Platz, ob ich warten oder sprechen soll. Sprechen ist einfacher und so gebe ich meinem unsichtbaren Gegenüber, die Gelegenheit den Mund leerzumachen und möglicherweise einen Schluck zu trinken, bevor er mir antworten kann. Ich stelle mich vor und bleibe beim Wesentlichen und damit bei den Tieren. Ich schildere in kurzen Zügen mein Anliegen wegen der Katzen und meinem Hund. Die Pause hat Sinn gemacht, denn nun kann sich der Herr Doktor deutlicher zu Wort melden.
»Bonjour, Madame Fuchs, erfreut telefonisch Ihre Bekanntschaft zu machen. Einen Moment bitte.«
Ich höre ihn blättern und rascheln, vermutlich in seinem Terminkalender und erneut räuspern.
»Wie sieht es bei Ihnen Freitag nächste Woche aus? Am Vormittag gegen halb 10 Uhr?«
Ich habe in der kommenden Woche noch keine Termine und freue mich, diesen Punkt erfreulich zügig abzuarbeiten.
»Bien sûr, das passt. Bis Freitagmorgen nächste Woche. Eine schöne Mittagspause und guten Appetit.«
Und schon hat Monsieur aufgelegt und ich notiere im Kalender den Termin. Mein erster Termin bei einem französischen Tierarzt und ich bin gespannt, wie sich die Katzen nach einer Autofahrt in dem fremden Umfeld benehmen.
Buch zu und Laptop aus. Es ist Mittagszeit. Die Teetasse ist leer, der Obstteller ebenso und ich habe Hunger. Zufrieden mit meinem Werk, dem beschriebenen Zettel und den ersten Erledigungs-Haken hinter einigen Aufgaben locken mich die Zikaden und die Sonne vom Schreibtisch fort.
Kapitel 5
Es ist später Mittag und ich bereite mir einen bunten Salatteller mit einer Handvoll Kräutern und einem leichten Dressing zu. Das ist genau das Richtige, finde ich, dazu ein paar Stückchen Käse und Ei und die letzten angetrockneten Brotscheiben, die ich toaste. Auf der Küchenanrichte stehen unter einem Handtuch Marmeladengläser zum Abkühlen, denn die Aprikosen mussten mit den restlichen Trauben und einer Packung Gelierzucker vor dem Verderben bewahrt werden.
Mit der Aussicht in den Garten, über den die hochstehende Sonne flirrt, die Füße auf dem Stuhl vor mir und einer leichten Brise im flatternden Sonnenschirm fühlt es sich wie Urlaub an.
Ich mahne mich zu genüsslichem und gründlichem Kauen und zur Ruhe. Allzu leicht überfällt mich Eile trotz der Ferienstimmung und meine Gedanken eilen voraus und planen beim Essen schon den Nachmittag und Abend.
»Ruhig, Isabelle, ruhig. Der Tag gehört dir und der Abend sicher auch.«
Wie ich dem Foto in Erics Nachricht entnehme, sitzt er in einem langen, öden Flur und wälzt Akten und Unterlagen. Er wird ein volles Programm haben und ich vermute, dass er danach im Bouletin bleibt. Kein »la Dolce Vita« und süßes Terrassenleben für Eric.
Die Salatschüssel kommt zu dem Geschirr vom Morgen in der Spüle, ich schließe die Fenster und Türen und tapse mit nackten Füßen die Treppe hoch. Hinter mir die kleine Tierprozession, die ebenfalls satt und müde eine weitere Schlafpause anstrebt.
Im Badezimmerspiegel mustere ich den Fleck am Hals und könnte einen winzigen Abdruck eines Mundes hineininterpretieren, aber nur mit viel Fantasie. Es fühlt sich gut an, dieses Andenken zu haben, auf der Haut zu tragen und ich könnte uns beiden, die Fantasie strebt in Richtung Juwelier, ein Halskettchen mit einem Anhänger im Partnerlook kaufen.
Dabei fällt mir der unerwartete Fund des Anhängers in Saintes Maries ein. Warum hing dort bei meiner Abreise nach den Tagen am Meer ein hübscher und durchaus wertiger Anhänger mit dem Symbol der Camargue an meinem Autoaußenspiegel? Die Frage gehört mit auf den Zettel, denn Rätsel sollen gelöst werden. Auf meinem Nachttisch notiere ich auf einem wohlweislich immer bereitliegenden Blöckchen »Anhänger Camargue«, um das Stichwort später auf die Aufgabenliste zu setzen.
Mit den Gedanken ans Meer, mit den Füßen gefühlt im warmen Sand oder kalten Wasser, den Schreien der Möwen im Ohr liege ich entspannt auf dem Bett. Ein Laken reicht zum Zudecken, die Katzen schnurren und ich zähle ein, zwei, drei Wellenschläge und bin eingeschlafen.
An die Träume erinnere ich mich eine Stunde später nur in Bruchstücken. Ich habe meine Liste träumerisch bearbeitet, habe Madeleine vor Augen, die ihre Bücher fest im Arm hält und vor mir herläuft. Das Thema des Jagens und gejagt werden, der unerkannten Angst war erneut fühlbar. Dann träumte ich von weltlichen Problemen wie einem Computerabsturz, als ich eine wichtige Mail sende, und von einem Tierarzt, der mir unbedingt meine Katzen abkaufen möchte.
Ich sitze kopfschüttelnd auf dem Bett und blinzele benommen gegen die Tränen in den Augenwinkeln an. Der Begriff Kontrollverlust ploppt auf. Es sind die Gefühle der Ohnmacht, der Machtlosigkeit und des Unvermögens, sich selbst zu helfen und zu verteidigen.
Wieder kehrt die Erinnerung an Enzo zurück und an die Tage in Angst und Schrecken und die damit verbundenen Alpträume. Ich hatte den Traum mit dem Sturz in den Brunnen und meinem Geistesblitz, dass dort, in dem Brunnen, ein Schatz von Madeleine verborgen sein könnte. Im geträumten Sturz habe ich in der Brunnenwand einen Gegenstand glitzern gesehen. Das kann Einbildung sein und ich steigere mich zunehmend in die Vorstellung hinein, oder es ist eine Botschaft von Madeleine.
Nein, nein, nein, jetzt gehen mir aber die Pferde durch. Doch notiert habe ich mir diese Idee und sollte sie mit auf die Liste und zu Madeleine schreiben. Aus den Federn und aus der Welt der Träume und Sorgen in den Nachmittag des Südens.
Ich gebe mir einen Ruck, der wirklich nötig ist, reibe mit dem T-Shirt die Tränen aus den Augen und zwinge mich zu einem Lächeln. Energisch streiche ich die Bettlaken und die Decke glatt und schaue prüfend aus dem Fenster, was wegen der schräg gestellten Schlagläden nur begrenzt möglich ist. Es sieht warm aus, sommerlich sehr warm und so bleibt das Fenster geschlossen und die Schlagläden in ihrer Position. Im Zimmer ist es halbdunkel und schummerig. Ich muss achtgeben, wohin ich meine Füße setze und dass ich nicht über die spielenden Katzen falle. Auch im Badezimmer herrscht Dämmerlicht und angenehme Kühle, denn beides geht nicht, hell und kühl an den Sommertagen, wenn man keine Klimaanlage hat.
Die Terrasse zum Garten liegt nun im Schatten des Hauses und dort ist es angenehm. Die Zikaden freuen sich an der Wärme und zirpen laut in den Bäumen. Tartine drängt an meinen Beinen vorbei und läuft in Richtung des Rosenbogens und zum Wald. Hat er einen Ausflug an den Bach im Sinn? Das wäre passend bei diesen Temperaturen, auch wenn die Steigung auf dem Rückweg anstrengend ist.
»Coco, Minou? Wo seid ihr? Wo versteckt ihr euch?«
Beide sitzen im Flur, putzen sich und sind mit der Planung ihres Nachmittags beschäftigt. Wollbälle und Korken liegen in den Ecken und neben den Schuhen, das sollte also kein Problem sein. Ich greife meine Turnschuhe, in denen glücklicherweise ein Paar Socken in Wartestellung steckt, und schließe die Terrassentür. Tartines Schwanz wedelt in dem hohen Gras vor der Mauer, wo der Rosenbogen steht und der Pfad zum Bach beginnt. Auf der obersten Stufe streiche ich die Krümel von den Fußsohlen, ziehe die Socken über und schnüre die Turnschuhe. Ein Schluck Wasser wäre nicht schlecht vor dem Spaziergang, doch ich mag nicht noch einmal in die Küche zurück und die Gefahr eingehen, dass die Katzen nach draußen entwischen. Zu meinem Glück steht eine angebrochene Wasserflasche auf dem Tisch, lauwarm, aber besser als nichts und sicher gesund für den Magen. Ich versuche in langen Schlucken viel zu trinken, denn mir wird jetzt schon warm, und ein erster Schweißtropfen perlt im Zeitlupentempo über den Rücken.
»Tartine? Tartine?«
Ich sehe den Hund nicht, weder einen wedelnden Schwanz noch hin und her schwenkende Grashalme. Dafür kreischt der Eichelhäher im Wald. Aha, der Hund ist vorgelaufen und mag nicht warten, bis ich fertig bin.
Im Wald ist es schattiger, doch die Sommerluft scheint zu stehen. Lichtpunkte liegen auf dem Weg und auf den Felsen, auf dem Moos und den Farnbüscheln, dem alten Laub vom Vorjahr. Hier und da bücke ich mich und hebe einen Zweig oder Ast auf und lege ihn neben den Weg. Auf diese Art bekomme ich bei jedem Besuch und Gang den Pfad freier, und an den Stellen, wo Brombeeren und Gesträuch von den Seiten auf den Pfad drängte, habe ich mit der Rosenschere die Passage freigeschnitten.
Tartine läuft den Weg hoch und runter, vor und zurück, schnüffelt und wedelt und ist froh. Es riecht herrlich nach Wald, nach Erde und Blättern, und ich rücke an einem Mauerstück die Steine zurecht, die der Zahn der Zeit gelockert und verschoben hat. So dauert es, bis wir am Bach sind. Beide sind wir beschäftigt und konzentrieren uns auf nichts anderes als auf den Weg und den Wald. Der Bach rauscht und plätschert und ich denke an Madeleine, die vielleicht an diesem kleinen, immerwährend fließenden Bächlein saß. Hat sie hier ihre Wäsche gewaschen? Hatte sie viel Wäsche? Eher nicht, aber ganz ohne wird es vor hundert Jahren nicht gegangen sein. Gefiel ihr diese Stelle so gut wie mir? Sie war allein und ich habe den kleinen Hund bei mir, der im Wasser plantscht und den Bauch in den feuchten und kühlen Sand drückt. Ich stehe in dem erstaunlich kalten Wasser, schaue auf meine Füße und die vielen kleinen Steine und Kiesel, auf die üppig grünen Pflanzen am Bachufer und in den strahlend blauen Himmel.
