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Unvermittelt aus der Realität gerissen, findet sich der Leser in einer fantastischen Umgebung aus Lavafeldern, Schnee und Eis. In der unbekannten Welt der Ísfar, einer mittelalterlichen Gesellschaft von Wikingern, die autark und abgeschieden auf einem Gletscher leben. Verwirrt und unsicher sucht er nach Erklärungen, versucht sich zurechtzufinden. Er wird in die Geschichte und die Konflikte der Ísfar gezogen, die zu einem Kampf ums Überleben führen. All seinen Mut, seine Charakterstärke sind gefordert, was ihn unvermeidlich in die Schlacht führt. Dort kämpft er nicht nur um sein Leben, sondern auch um die Liebe einer schönen Kriegerin. Das erstaunliche neue Buch von Mirko Marius Hennig überzeugt durch seine phantasievolle, logisch durchdachte Geschichte. Er versteht es, den Leser zu fesseln und in die atemberaubende Handlung zu ziehen.
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Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Ohne Buch ist man blind.
(isländisches Sprichwort)
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Jökulsárlón! Die Gletscherlagune! Seitdem ich von ihr gelesen hatte, wurde meine Phantasie geweckt.
Ein schroffer, abweisender Gletscher, der bis zu einem kleinen See heranreichte. Die beeindruckende weiße Wand, die sich über der Wasseroberfläche erhob, mit tiefen, dunklen Rissen, die die ehrwürdigen Falten des uralten gefrorenen Wassers bildeten. Das Knacken und Grummeln, bevor sich ein riesiger Brocken löste und unter unglaublichem Getöse aufs Wasser aufschlug, um nach diesem spektakulären Abgang still und mächtig, langsam und ruhig in der Lagune zu treiben. Der Sonne ausgesetzt, die die zackigen Abbruchkanten nach und nach abrundete und durch das Abschmelzen allerlei bizarre Strukturen formte. Das geschah hundertfach, sodass diese majestätischen Eisberge dicht gedrängt in dieser kleinen Lagune eine unwirkliche, ja mythische Szenerie bildeten.
Dieses Traumbild hatte ich immer vor Augen, wenn ich daran dachte.
Ich hatte im Internet nie nach Fotos gesucht, da mir klar war, dass die profanen Bilder der Realität niemals einem Vergleich mit der Traumwelt würde standhalten können. Deshalb hatte ich wohl auch nie eine Reise ernsthaft in Erwägung gezogen. Ich hatte Sorge, dass meine Enttäuschung grenzenlos sein würde.
Doch eines schicksalhaften Tages fiel mir unverhofft und zufällig ein Angebot in die Hände, beziehungsweise wurde es neben mich gelegt. In meiner Mittagspause wollte ich die ersten warmen Sonnenstrahlen des beginnenden Frühjahres auf einer Parkbank genießen, als der ältere Mann, der sich von mir unbeobachtet neben mich gesetzt hatte und bald darauf wieder aufstand, seinen Urlaubskatalog auf ebendieser Parkbank liegen ließ.
Ich hätte den Katalog natürlich sofort zurückgegeben, doch der Mann war bereits nicht mehr zu sehen und meine Erinnerungen an ihn waren auf graue Haare und, so glaubte ich, auch Bart sowie einem halblangen, dunkelgrauen Mantel, mit auffällig hellen Knöpfen limitiert.
Der Katalog beinhaltete Überraschendes!
Der Falz war genauso geknickt, dass die Seite mit der Island-Rundreise fast automatisch aufgeschlagen wurde. Dort war ein spezielles Datum markiert und neben dem Tag mit dem Besuch von Jökulsárlón handschriftlich 12:30h angemerkt.
Nun musste ich mich geradezu meinem Traumbild in der Realität stellen. Und das Datum stand auch bereits fest!
Ich zögerte nicht lange und buchte noch am selben Tag genau diese Rundreise zum vorgemerkten Zeitpunkt.
Die Zeit bis zur Abreise verging unglaublich zäh und ich konnte es vor Vorfreude fast nicht mehr aushalten, doch einige Monate später war es dann endlich soweit.
Vom internationalen Flughafen Keflavík aus ging es mit dem Mietwagen Richtung Norden und schließlich rund um die Insel, an unzählbar vielen großen und kleinen, wuchtigen und pittoresken, einzelnen und vielzähligen, göttlichen und goldenen Wasserfällen, kleinen, mit Gras bewachsenen, zauberhaften Häuserchen, brodelnden und stinkenden Schlammtöpfen, pfeifenden und rauchenden bunten Gesteinslöchern, gefrorenen Seen und heißen Quellen, schwarzen Stränden und grünen, bunt blühenden Wiesen vorbei, allzeit kritisch beäugt von hunderten, ja tausenden Schafen und Pferden, umkreist von zahllosen Vögeln, wobei im Westen bereits Frühling, im Norden noch Winter und im Südosten irgendwas dazwischen herrschte.
Dann war der Tag gekommen, an dem die Gletscherlagune auf dem Programm stand und ich ihr immer näher kam. Unvermittelt ragten rechts neben der Straße weißblau strahlende Eisspitzen unwirklich aus der Umgebung heraus.
Ich musste nur noch an dem kurzen, wenige hundert Meter langen Gletscherfluss, dem Ablauf der Lagune ins Meer, vorbei auf den stark frequentierten Parkplatz der direkt am See lag fahren. Von dort ging ich, begleitet von dutzenden Touristen aus aller Herren Länder, zunächst auf den kleinen, grauschwarzen Hügel, um einen grandiosen Blick über Jökulsárlón zu bekommen. Im Hintergrund war der Gletscher zu erkennen, der hart und krustig auf dem Wasser zu liegen schien. Davor trieben unzählig Eisberge im Wasser. Große, kleine und ganz kleine, eigentlich nur Eisbergchen. Auf den flachen Eisschollen lagen Seehunde, die müde vor sich hin dösten oder gelangweilt in Richtung der vielen Touristen schauten, die überall am Ufer begeistert die Lagune auf sich wirken ließen.
Die Eisberge strömten eine ruhige Erhabenheit aus. Wuchtig durch ihre Größe, majestätisch durch das strahlende Weiß, das an vielen Stellen bis in ein tiefes Blau überging, verspielt durch all die Zinnen, Türmchen und Verzierungen ihrer unregelmäßigen, zackigen Oberflächen. Hier mit einem kreisrunden Loch quer durch das Eis, dort mit einer sauber herausgebrochenen, scheinbar scharfen Eiskante. Andere schienen Stacheln auf dem Rücken zu tragen, die ihnen das Aussehen eines halb untergetauchten Drachens gaben.
Gebannt ließ ich den überwältigenden Blick auf mich wirken, als meine Uhr, deren Alarm ich auf 12:00h gestellt hatte, mich aus der Situation riss.
Wollte ich das Boot um 12.30h nehmen, musste ich mich beeilen. Also ging ich zu den vier kleinen, aneinanderhängenden, weißen Häusern mit den blauen, spitzen Dächern, die direkt am Parkplatz standen, in denen die Tickets gekauft werden konnten.
Unglücklicherweise konnte ich keinen Platz mehr auf dem gewünschten Boot ergattern. Aber was heißt unglücklicherweise? Davon hing ja nicht Leben oder Tod ab! Dann fuhr ich eben eine halbe Stunde später.
Das Boot, ein Amphibienfahrzeug, war ein recht merkwürdiges Gefährt. Riesige Reifen trugen ein breites und klobiges Gefährt, welches eher wie ein Baustellenfahrzeug, wie ein Kipplader, denn wie ein Boot aussah. Einzig, die Kippmulde fehlte zugunsten aufmontierter Sitzbänke für uns Touristen, wodurch es von dort oben tatsächlich wie ein Boot anmutete. Dieses Seeungeheuer war so hoch, dass es über eine Leiter erklommen werden musste und wirkte so kopflastig, dass es nicht wirklich hochseetauglich erschien. Aber wir wollten ja auch nicht auf hohe See.
Als ich an Bord kam, schaute ich in lauter erwartungsfrohe, gespannte Gesichter, wie vermutlich auch meines aussah. Nun war noch die Schwimmweste anzulegen, was umständlich war, da sie über Winterjacke und Rucksack gezogen werden musste. In unmittelbarer Gletschernähe, an einem See, in dem ununterbrochen Eiswürfel schwammen, konnte es auch zu dieser Jahreszeit empfindlich kalt sein, weswegen ich nicht nur entsprechend gekleidet war, sondern auch meine Islandsommer-Spezialausrüstung, dicke Handschuhe, Wintermütze, einen funktionalen Pullover mit Halsschutz sowie Spikes zur sicheren Querung von Schneebrettern, im Rucksack bei mir führte. Sicher war sicher.
Wir fuhren holprig über den Kieselstrand, um vorsichtig ins Wasser zu gleiten. Auch dort ragte das Ungetüm noch immer hoch, weit über die Wasserlinie hinauf, was uns eine prima Übersicht garantierte. Vom Ufer war der Blick bereits grandios gewesen, nun zwischen den Eisblöcken war er atemberaubend.
Zwischen all den bizarr geformten und farblich akzentuierten Eisbergen, fiel mir dennoch einer sofort ins Auge. Er sah aus, wie eine Insel, die von zwei hohen Gebirgsmassiven eingerahmt wurde. Links das Größere, mit steilen Berghängen, aber am Fuß flach abfallend bis zum Wasser. Zum Rest der Insel abgeteilt durch eine scharfe Abbruchkante. Rechts das Kleinere, mit sanfterem Anstieg, aber einer Steilküste. Dazwischen ein Grat, der die beiden Gebirgsmassive verband und von dem es breit und flach abfallend mit mehreren höhlenartigen Vertiefungen an den Seiten über die gesamte Breite bis zum Wasser herunterging.
Offensichtlich handelte es sich um einen Eisberg, welcher schon länger in dieser Position im Wasser lag, da er nicht tiefblau gefärbt war, sondern es nur leicht türkisfarben durch das Weiß hindurchschimmerte. Der schwärzliche Hauch auf der Oberfläche, der mal leichter, mal stärker akzentuiert war, gab ihm zusätzlich Charakter.
Da erst bemerkte ich vor der einen, ein bisschen dunkleren Stelle, die Möwe, die dort saß und mich mit ihren überraschend freundlichen Augen unvermittelt anzuschauen schien.
Verwundert schaute ich zu dem Tier, als es einen heftigen Schlag rechts unter mir gegen das Boot gab. Das ganze Gefährt kippte nach links.
Bevor ich wusste, was passierte, flog ich, wie von einem Katapult geschossen, durch die Luft. Kopfüber rumpelte ich in meine Bootsgenossen auf der Backbordseite, schleuderte herum, bekam den kräftigen Schlag der Reling ins Kreuz und wurde ausgehebelt.
Eine unendlich lange dauernde Millisekunde lang sah ich das strahlende Azur des Himmels, als plötzlich das dunkle Wasser vor mir auftauchte, auf das ich hart aufschlug.
Trotz der Schwimmweste, wurde ich tief unter Wasser gedrückt.
Irritiert von der Gewalt des Aufpralles, schockiert von der eisigen Kälte und gepeinigt durch das Gefühl tausende Nadelstiche versetzt bekommen zu haben, brauchte ich ein wenig Zeit mich wieder zu besinnen, bis ich gegen das unkontrollierte Absinken ankämpfen konnte.
Über mir sah ich den Kiel des Bootes, das sich wieder aufgerichtet hatte, die Unterseite des kleinen Schlauchbootes, das uns wohl aus Sicherheitsgründen die ganze Zeit über begleitet hatte sowie die strampelnden Beine der anderen Passagiere, die, wie ich, ebenfalls über Bord gegangen waren, aber unerklärlicherweise nicht so tief hinabgesunken waren. Die ersten schienen bereits ins Schlauchboot gezogen zu werden. Da begann ich mit kräftigen Armzügen zur Wasseroberfläche zurück zu schwimmen, als ich etwas an meinem Fuß spürte.
Was war das? Ich spürte eine kurze Berührung an meinem Bein … wieder. Als ich danach trat, schien sich dieses etwas um meinen linken Knöchel zu legen, aber mit dem nächsten Tritt, war es wieder weg.
Was war das? Abgerissene Algen? Ein neugieriger Fisch? Müll?
Der Sauerstoff begann knapp zu werden und zur Wasseroberfläche waren es einige Meter, weswegen ich mich beeilen musste. Wieder berührte mich etwas, was ich erneut mit einer Trittbewegung wegzubekommen versuchte.
Da umfasste eine Hand meinen linken Knöchel! Und zog mich hinab!
Panisch trat ich aus, um mich zu lösen, ich versuchte alles, um wieder nach oben zu kommen. Ich strampelte so wild ich konnte und schaufelte verzweifelt mit meinen Armen, aber ich wurde immer weiter unter Wasser gezogen. Instinktiv schaute ich nach unten und sah … ein Wesen. Ein blass weißblaugraues Wesen, welches weiblich zu sein schien, dessen weite Gewänder sich voluminös und langsam im Wasser bewegten, was den Anschein erweckte, sie schwebte.
Der Sauerstoff ging mir aus! Ich versuchte mich mit letzter Kraft zu befreien, aber das gelang mir nicht. Ich trat nach ihr und ruderte mit den Resten der mir zur Verfügung stehenden Kraft mit den Armen, um mich nach oben zu ziehen, aber das Wesen hielt meinen Knöchel unerbittlich fest.
Ich starrte sie mit weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen direkt an. Sie schaute fest entschlossen, doch auch überraschend freundlich, ja gar sanftmütig zurück. Ich merkte, wie meine Kräfte erlahmten, versuchte mich weiter zu wehren, jedoch ohne Aussicht auf Erfolg. Da wurde mir schwarz vor Augen und ich verlor die Besinnung …
Ich spürte den unebenen, steinernen Untergrund, auf dem ich lag, der leicht und knirschend nachgab, aber dennoch hart an hunderten Stellen gegen den Körper drückte.
Ich fühlte mich wie zerschlagen, alles tat mir weh und darüber hinaus der beißende Schmerz des kalten Windes, der über meinen nassen und unterkühlten Leib wehte.
Im Hintergrund hörte ich das donnernde Rauschen sich brechender Wellen. Ich spürte, wie meine Füße von Wasser umspült wurden.
Ich wusste, dass ich hier schnell weg musste, sonst würde ich für immer liegen bleiben.
Meine Glieder waren wie eingefroren und ich konnte sie nur sehr langsam bewegen. Aufzustehen bedeutete eine große Anstrengung, da ich vor lauter Kälte ganz kraftlos war. Doch langsam und umständlich schaffte ich es.
Vor mir lag ein schwarzer Kieselstrand, an den das Meer kraftvoll brandete.
Die Wellen waren so hoch und stark, dass sie alles, was sie am Strand erreichten wieder hinaus ins Meer gezogen hätten, um es wieder und wieder auf den Strand zu werfen.
Automatisch wich ich zurück.
Zunächst versuchte ich mich zu orientieren, aber die gesamte Umgebung verlor sich in dem milchigen Weiß des Nebels, der undurchdringlich in der Luft lag. Nur der schwarze Kieselstrand und das beeindruckend kräftige Schlagen der Wellen konnte ich sehen. Doch da rechts, schien ein dunkler, großer Schatten durch den Nebel.
Ich fror unverändert und musste mich dringend aufwärmen. Doch wohin? Hier gab es nichts! Nur diese Ahnung hinter dem milchigen Schleier. Aufgrund der Alternativlosigkeit stolperte ich, zitternd vor Kälte, auf das vage Dunkel in all dem Weiß zu. Dieses vage Dunkel wurde immer größer, je näher ich kam und entpuppte sich als Felswand, deren Klippen bis ins Meer hineinreichten.
Und ich spürte etwas sehr angenehmes. Etwas Lebensnotwendiges! Wärme!
Von der Landseite her kam warme Luft. Eindeutig.
Hatte jemand Feuer gemacht? Oder gab es dort eine Siedlung, die Wärme abstrahlte? Auf jeden Fall mussten dort Menschen sein, denn irgendwie musste die Wärme ja in all der unwirtlichen Umgebung erzeugt werden.
Die Hoffnung auf die mögliche Rettung verlieh mir neue Kräfte und ich kletterte den Felsen entlang in diese Richtung. Doch gab es dort weder ein Zeichen von Zivilisation noch Menschen. Sondern eine breite, tiefe Grotte, aus deren Boden es rauchte, brodelte und in der es nach einem unangenehmen Gemisch aus Ammoniak, Methan und Schwefel stank, aber die vor allem eins war. Wunderbar warm!
Direkt am Eingang lagen ein paar große Steine mit flachen, rissigen Oberflächen, die zum Teil zersprungen waren. Als ich auf einen dieser Steine kletterte, merkte ich, dass er angenehm warm und es dort bereits windgeschützt war.
Der lehmige Boden der Grotte war in den unterschiedlichsten Weiß-, Braun- und Rottönen gezeichnet. Aus einer Ecke sprudelte heißes Wasser, das dampfend in einem kleinen Rinnsal quer durch die Grotte floss und irgendwo zwischen den Felsen versickerte. Der stinkende Qualm, der von dem heißen Boden aufstieg, vernebelte die Grotte zusätzlich.
Als ich die ersten Schritte in sie hinein machte, konnte ich die ansteigende Hitze spüren. Der Boden war verkrustet, gab aber zuweilen unter meinem Gewicht nach. Er sah nicht sehr stabil und damit vertrauenserweckend aus. Das letzte was ich wollte, war mit meinen unterkühlten Füßen einzubrechen, um plötzlich in kochend heißer Flüssigkeit zu stehen.
Ich beschloss lieber nicht weiterzugehen, sondern an den weniger heißen Rand der Grotte zurückzukehren. Mich fröstelte wieder, da mir meine Kleidung nass auf der Haut klebte und meinem Körper weiterhin Wärme und Energie entzog. Daher zog ich sie aus und legte sie fein säuberlich über die großen, flachen Steine. Die Schuhe klemmte ich in die Felswand und hängte meinen Rucksack darüber. Ich würde mich, solange meine Sachen trockneten, von den Strapazen erholen können und rollte mich auf einem besonders großen, der abgeflachten Steine, zusammen.
Es war nicht wirklich gemütlich, doch mir war wenigstens wohlig warm.
Aufgrund meiner Erschöpfung schlief ich sofort ein …
Von starkem Zischen, Rauschen und Brodeln schrak ich auf. Die Flut drückte das Meerwasser in die Grotte, wo es eiskalt auf den heißen Boden floss und verdampfte. Auch der Felsbrocken, auf dem ich lag wurde bereits vom Meer umspült.
Ich zog mich geschwind an und sprang auf den bereits nassen und brodelnden Boden und verließ schnell die Grotte. Kaum draußen, schlug mir die kalte Luft ins Gesicht, doch nun war ich schön trocken und dick verpackt, sodass sie mir nichts anhaben konnte.
Der Nebel war unverändert dicht. Ich konnte noch immer nichts weiter erkennen, außer dem schwarzen Lavastrand und der rauen See.
Wo war ich hier? Und wo war die Lagune?
Wurde ich durch den kleinen Fluss ins Meer gespült, um vielleicht sogar kilometerweit entfernt wieder an den Strand geworfen worden zu sein?
Das konnte ich mir nicht vorstellen. Es herrschte schönstes Wetter und beste Sicht, als wir mit dem Amphibienboot auf den See fuhren. Mich hätte jemand im Wasser treibe sehen müssen. Genügend Schaulustige hatte es ja gegeben. Daher hätte ich schnell gerettet werden müssen.
Aber wo war ich dann? Und wie war ich hier hergekommen?
Ich wusste es nicht. Ich konnte bei dieser Witterung nichts erkennen, was mir irgendwie weitergeholfen hätte.
Dafür kam es mir fremd, ja andersartig vor. Vielleicht war es auch nur die gespenstische Stimmung, die so völlig andere Witterung, welche mir dieses beklemmende Gefühl gab.
Was sollte ich tun?
Ich konnte die Küste entlang laufen, in der Hoffnung zurück zur Gletscherlagune zu kommen. Aber dann gab es immer noch die Gefahr in die falsche Richtung gegangen zu sein. Ich konnte mich natürlich auch ins Landesinnere auf der Suche nach der Straße Nummer 1 aufmachen. Der Ringstraße, die rund um die Insel an der Küste entlang führte. Diese musste ich zwangsläufig erreichen, wenn ich einfach nur geradeaus ging.
Ich zögerte. Wenn ich nur mehr sehen könnte!
Ich schaute mir die Felsen hinter mir nochmals genau an. Vielleicht konnte ich hinauf klettern. Wer weiß, vielleicht ragte die Felswand sogar oben aus dem Nebel hinaus und offenbarte einen Blick über die gesamte Gegend. Von dort konnte man wahrscheinlich sogar die Ringstraße mit entlang fahrenden Autos, Jökulsárlón sowie den Parkplatz mit meinem Auto sehen! Vielleicht.
Aber … diese Option ergab sich nicht. Die Felsen waren einfach zu steil. Lange, glatte Basaltsäulen führten dutzende Meter hinauf. Die Säulen waren zwar in unterschiedlicher Höhe abgebrochen, wodurch ich durchaus einige Meter von Säule zu Säule, wie auf Treppenstufen, hinauf klettern konnte, doch ich konnte mich an dem nebelfeuchten Gestein nur schlecht festhalten. Ohne Sicherung, mit schlechtem Griff und glitschigem Untergrund traute ich mich nicht weit hinauf.
Ich versuchte mein Glück ein gutes Stück weiter landeinwärts, wo das Gestein nicht mehr nackt, senkrecht aufstieg, sondern dünn mit Erde oder sonstigem Sediment bedeckt war. Dort unternahm ich einen weiteren Versuch, der zunächst vielversprechend aussah.
In den Spalten und Rissen der Felsen, die nicht unüberwindbar steil erschienen, wuchsen allerlei Pflanzen. Moos, Gras, sogar niedrige, kleine Büsche. Es sah sogar so aus, als wäre eine größere Fläche über dem ersten Felsvorsprung über mir komplett grasbewachsen. Von dort musste der Aufstieg doch machbar sein. Doch nachdem ich das erste steinerne Hindernis mit Mühe meisterte, musste ich feststellen, dass diese harmlos aussehende Wiese ein unerbittlicher Feind war. Sie war viel zu steil und vor allem zu nass. Ich rutschte sofort ab, als ich mich auf sie wagen wollte und das Gras an dem ich mich festhalten wollte, riss unter meinem Gewicht.
Ich stand auf dem Felsvorsprung und schaute in das undurchdringliche, weiße Nichts.
Ich musste mich langsam entscheiden! Welchen Weg sollte ich einschlagen. Und was sollte ich tun, falls ich die Zivilisation nicht schnell wiederfinden würde?
Bei diesem Gedanken wurde mir schlagartig anders. Das Gefühl im Magen wurde flau, ein kalter Schauer durchlief mich im tiefsten Inneren. Mir wurde schwindelig, sodass ich mich hinsetzen musste. Bislang war es mir gelungen dieses latent vorhandene, tief sitzende Gefühl zu unterdrücken, zu ignorieren. Doch jetzt, wo ich die Entscheidung über den Weg fällen musste, wo sie unmittelbar bevor stand, brach es hervor. Die Unsicherheit! Der Zweifel an allem eigentlich bekanntem!
Ich wusste nicht was mit mir passiert war! Und wo ich überhaupt war! Mich hatte das ungute, irrationale Gefühl beschlichen, dass die Gletscherlagune Jökulsárlón weder links noch rechts von mir an diesem Strand lag. Außerdem befürchtete ich, dass ich genau so wenig landeinwärts auf die Ringstraße traf.
Doch bedeutete das nicht auch, dass ich anzweifelte mich an der südisländischen Küste zu befinden?
Das widersprach doch jeder Rationalität!
Aber taten das nicht auch meine Erlebnisse unter Wasser! Dieses … dieses … Wesen!
Was war nur passiert?
Die Zweifel begannen Herren über meine Gedanken zu werden.
Ich versuchte mich zu beruhigen, atmete tief durch und machte mir klar, dass ich im Moment keine vernünftige Erklärung hatte oder sie mir sinnvoll erschließen konnte. Ich baute darauf, dass sich dieses gesamte Mysterium klärte, … sobald ich erst aus dem Nebel herausgekommen war.
Ich schaute leer in dieses weiße Nichts!
Ich hatte einfach schon viel zu lange nichts mehr getrunken und gegessen. Unterzuckert und dehydriert funktionierte wohl auch das Gehirn nicht mehr einwandfrei.
Ich durfte jetzt nicht die Nerven verlieren!
Mal angenommen ich fand weder die Gletscherlagune noch die Ringstraße, wo hatte ich bessere Überlebenschancen? Wo hatte ich eine größere Wahrscheinlichkeit auf Süßwasser oder Essbares zu treffen?
Eindeutig im Landesinneren!
Am Strand wuchsen allenfalls Seegräser, während selbst Flüsse und Bäche, die ins Meer mündeten wahrscheinlich durch die Flut, die das Meerwasser in den Fluss zurück drücken konnte, zumindest teilweise versalzen waren.
Im Landesinneren sollte es unterschiedliche Landschaftszonen mit unterschiedlicher Vegetation geben. Irgendwas Essbares wird da schon dabei sein. Und das Wasser sollte umso reiner sein, je näher man es an der Quelle schöpfte. Das dachte ich mir wenigstens so.
Demnach sprach alles dafür dem Meer den Rücken zu kehren.
Ich zögerte weiterhin und schaute abwechselnd nach links und rechts ins undurchdringliche Weiß, als würde mir noch Erhellendes auffallen, mir die richtige Entscheidung erleichtern, wenn nicht gar abnehmen.
Aber nein, mehr Informationen würde ich nicht bekommen. Die Entscheidung war im Grunde auch gefallen, ich musste nur noch den Mut aufbringen entsprechend zu handeln.
Es war der immer drängender werdende Durst, der mich dazu Zwang loszugehen.
Ich nahm mir vor möglichst nah an dem großen Felsen zu bleiben und immer Sichtkontakt zu halten. Solang ich in der Nähe des Felsens war, hatte ich einen Anhaltspunkt, an dem ich mich orientieren konnte, der verhinderte mich zu verlaufen und im Notfall konnte ich einfach wieder an den Strand zurückkehren.
Ich riss mich zusammen und ging los.
Zunächst kam ich einigermaßen zügig und einfach voran, doch das änderte sich schnell. Der Untergrund wurde unangenehm und schwierig. Das schwarze, feinporige Gestein bildete nicht eine glatte Fläche. Das ganze breite Feld vor mir bestand aus lauter kleineren und größeren Erhebungen und Senken, mit unregelmäßigen, kleinen und großen Löchern, Ecken und Kanten. Ich war geradeaus in ein Lavafeld gestolpert und musste langsam und vorsichtig über die einstmals, in wilden Formen erkaltete Lava, klettern. Überall standen kleine Ecken hervor, bereit, dass sich Stoff von Kleidungsstücken daran festhalten und einen Sturz verursachen konnte.
Die kleinen Löcher in den Senken konnten von einem Fuß getroffen werden, wo sie von dem Gestein fixiert wurden, um beim Umknicken Knochenbrüche oder wenigstens Bänderrisse herbeizuführen.
Ich konzentrierte mich mit gesenktem, fokussiertem Blick immer nur auf die nächsten Schritte, um ja keine Verletzung zu riskieren. So kam ich zwar langsam, aber doch stetig und vor allem sicher voran. Nach einiger Zeit wollte ich mich erneut orientieren. Vielleicht konnte ich ja jetzt irgendwas erkennen. Doch es war nichts zu sehen, außer der Lava vor meinen Füßen und dem weißen Nebel.
Ich sah wirklich nichts! Nichts? Nichts!
Wo war die Felswand?
Ich suchte verblüfft den viel zu nahen Horizont ab, aber ich konnte sie nicht erkennen. So sehr ich mich anstrengte, es war nicht der feinste Schatten durch den milchigen Dunst auszumachen. Ich hatte mich viel zu sehr in meine Kletterpartie vertieft, ich hatte gar nicht bemerkt, wie ich mich von den Felsen entfernte. Und jetzt wusste ich nicht einmal mehr, in welcher Richtung ich sie suchen musste.
Ich ärgerte mich maßlos. Jetzt wusste ich nichts mehr. Das Meer sollte eigentlich hinter mir liegen, aber wer weiß, vielleicht bin ich kreuz und quer durch das Lavafeld gestolpert und jetzt lag es am Ende sogar wieder vor mir! Ich krabbelte hier vielleicht schon die ganze Zeit im Kreis und merkte es nicht mal.
Nachdem ich nichts Weiterhelfendes sah, lauschte ich auf aufschlussreiche Geräusche … nichts. Vielleicht würde ich das Meer rauschen hören … nichts! Der Nebel schluckte alle Geräusche. Selbst der Wind wehte kaum spürbar. Die Schwaden schwebten nur langsam und gespenstisch über die schwarzen Steine.
Nun war ich völlig allein! Ohne einer Ahnung, wo der Strand oder die Felswand war! Ohne jede Orientierung!
Hilflos kletterte ich vorsichtig, nach der Felswand spähend, ziellos weiter voran.
Der in mir hochkriechenden Angst, versuchte ich mit Aktionismus zu begegnen. Ich kletterte weiter. Durch die Lava. Wurde schneller, immer schneller. In der Hoffnung wieder Kontakt zur Felswand zu bekommen. Nachdem ich vor mir nichts erkennen konnte, wandte ich mich nach rechts. Dann wieder nach links. Oder nach da. Oder da. Meine Beine fühlten sich schwer an. Mein Mund war am Austrocknen. Die Zunge klebte am Gaumen und ich konnte nicht mehr genug Speichel produzieren, um sie wieder zu befeuchten.
Ich irrte weiter. Schnell. Nur schnell. Irgendwie hinaus aus diesem Feld. Aus dem Nebel.
Die Angst hatte längst mein Handeln übernommen. Da stolperte ich, fand mit meinem rechten Fuß keinen Halt mehr, rutschte ab und schlug rückwärts, schmerzhaft auf die Lava.
Verzweifelt blieb ich genauso liegen, wie ich gestürzt war.
Was sollte ich nur tun? Ich war verloren!
Hoffnungslos lag ich da und schaute verzweifelt nach oben. Die Nebelschwaden zogen langsam und träge über mich hinweg.
Was war das?
War da nicht immer mal wieder eine Kante zu sehen? Gerade, senkrecht? Aber auf jeden Fall kein natürlich erkaltetes … Lava … Gebilde?
Ich richtete mich auf. Stolperte näher.
Die Ecke eines urtümlich ausschauenden Hauses thronte schwarz und dunkel über der Lava, nebelumwabert. Ich konnte Fenster über mir erkennen, doch auch sie waren nur schwarze Löcher in der Wand.
Das Haus sah so ganz anders aus, als die traditionellen, isländischen Häuser, die aus Holz, grassodenbewachsen waren. Dieses war aus Stein. Behauene, ungleichmäßig geformte Lavasteine waren übereinander geschichtet, das Dach aus Holz, jedoch ohne Grassoden. Nur die dunklen Fensterlöcher schreckten mich.
Ich ging langsam um es herum … es war eine Ruine!
Die Vorderseite des Hauses war komplett zerstört. Die Steinbrocken, die einstmals die Mauer gebildet hatten, lagen überall herum. Die sehr einfache Einrichtung lag wild, zerstört und verkohlt durcheinander.
Ich trat in die Ruine. Sie musste schon vor ewigen Zeiten verlassen worden sein. Es gab keinen Strom, keine Lampen, keine Lichtschalter, keine Leitungen. Der Ofen wurde wohl mit Holz befeuert. Es gab kein Waschbecken, keinen Wasserhahn. Doch bis auf die Tatsache, dass alles zerschlagen war, wirkte die Einrichtung nicht so, als wäre sie Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte den Unbill des Wetters ausgesetzt gewesen.
Als ich wieder aus der Ruine heraustrat, erkannte ich weitere Schatten aus dem wabernden Dunst scheinen. Dunkel und drohend tauchten die Mauerreste undeutlich aus dem Weiß auf, um sofort wieder zu verschwinden.
Ich lief verstört über einen schmalen Weg, der vor dem Haus startete, auf einen breiteren Weg führte und vor mir ins Nichts zu führen schien. Links und rechts lag das unberührte Lavafeld. Vor mir lugten immer mehr dieser schwarzen, unförmig geschlagenen, gemauerten Überbleibsel einzeln aus dem Nebel hervor, zu denen Abzweigungen des Weges, auf dem ich ging, führten. Ich schätzte, dass sie etwa zwanzig Meter entfernt standen, doch teils nur mit Mühe zu erahnen waren.
Ich erreichte einen kleinen Platz, um den herum kreisförmig Häuser standen. Der Nebel war zwischen den Gebäuden lichter geworden. Ich konnte die tiefen Wunden, die tödlichen Verletzungen, die diese Gemäuer hatten ertragen müssen genau erkennen. Zwischen den Ruinen führten weitere, durch eingestürzte Mauerreste versperrte, Wege tiefer in diese Siedlung, deren Bebauung immer dichter wurde. Dutzende weitere dunkle Schatten erhoben sich verschwommen aus dem Nebel. Ich wollte gerade über den Platz, an dem kleinen Brunnen in dessen Mitte vorbei, tiefer in diese Stadt, diese urtümliche, zerstörte und verlassene Stadt, vordringen, als ich inne hielt.
Ein Brunnen?!?
Ich lief schnell hin. Konnte dort Wasser geschöpft werden?
Das Seil, das an der Winde hing, war in Ordnung. Ich zog einen Holzeimer, voll mit Wasser nach oben und trank gierig. Das Wasser schwappte unkontrolliert über mein Gesicht. Aber egal! Wasser! Endlich Wasser!
Ich trank und trank, bis ich endlich meinen größten Durst gestillt hatte. Zufrieden setzte ich mich neben den Brunnen, um den große Lava-Steine platziert waren, umarmte meinen Eimer, schöpfte den nächsten Schluck nun schon zivilisierter mit den Händen und schaute zu den zerstörten Häusern.
Was war das für ein merkwürdiger, gespenstischer Ort? Was war hier passiert? Was hatte diese Zerstörung verursacht?
Ein Vulkanausbruch, bei dem die glühend heiße Lava alles in Brand setzte woraufhin die Mauern einstürzten?
Aber wo war der Lava-Strom? Die Häuser waren in die Lava gebaut worden, ja. Doch es gab keine Lava, die auf den Wegen oder in die Häuser geflossen war!
Vielleicht ein schweres Erdbeben? Das würde die Zerstörungen erklären! Aber das Feuer? Obwohl das natürlich durch umgeworfene Holzöfen oder Ähnlichem ausgelöst worden sein konnte.
Vielleicht wurde die Stadt aus diesem Grund verlassen und verwitterte!
Ich trank noch einen Schluck. Das alles passte nicht!
Ich zog meine Hand aus der Hosentasche, in die ich sie zum Aufwärmen hineingesteckt hatte. Etwas klimperte hinter mir. Instinktiv griff ich nach meinen Schlüsseln, aber sie waren weg. Schnell schaute ich auf den Boden, besorgt, sie konnten in die eine tiefe Spalte gefallen sein. Zum Glück landeten sie jedoch knapp daneben auf dem Fels. Wären sie in diese Spalte gefallen, hätte ich sie nie wieder gefunden, so tief und schwarz, wie sie war.
Doch was war das? In der Spalte lag etwas Helles, Hölzernes.
Ich versuchte an dieses Etwas heranzukommen, berührte es gar. Es war tatsächlich aus Holz, geformt wie der dicke Stiel eines großen, schweren Hammers.
Wie konnte ich wohl an das Ding herankommen?
Als ich einen Blick auf den Eimer mit seinem metallenen Griff warf, kam mir die Idee, diesen so zu verbiegen, dass er eine Schlaufe bildete. Damit konnte ich den Stiel nicht hoch-, aber so weit in meine Richtung ziehen, dass ich ihn mit meiner anderen Hand greifen konnte.
Das Ding war noch schwerer als gedacht, aber ich konnte es greifen. Zu meiner Überraschung handelte es sich nicht um einen Hammer, sondern um eine Axt. Eine Axt, deren Schneide in einem Lederschutz eingepackt war.
Wie lange mag sie dort wohl gelegen haben? Vielleicht ist die Stadt schon vor langer Zeit zerstört worden und seitdem lag die Axt dort!
Neugierig entfernte ich den Lederschutz. Sie hatte ein asymmetrisches Blatt, das halbrund und an der Unterseite circa fünfundzwanzig Zentimeter tief herunterreichte. Das Blatt war schwarz mit einer eingravierten großen Schlange, die einen Drachenkopf trug. Auf der der Schneide gegenüberliegenden Seite des Stiels befand sich ein spitzer metallener Dorn.
War die Schneide noch scharf? Sie sah zumindest so aus, hell und glatt, weswegen ich meine Finger nicht für einen Test opfern wollte. Ich musste mir etwas Passenderes suchen.
Ich ging zum nächsten Haus. Der hölzerne Türrahmen war von dem Feuer verschont worden. Dennoch hatte er ein paar tiefe Macken. Also hieb ich auf den Rahmen. Mit einem lauten, dumpfen Schlag, der ein ebenso dumpfes, durch den Nebel verursachtes, nahes Echo hervorrief, drang sie leicht und tief in das Holz, sprengte ein ganzes Stück heraus. Die Wirkung des Schlages war erschreckend. Mit wenig Krafteinsatz schnitt sie mühelos durchs Holz. Doch noch etwas anderes erschreckte mich. Diese Macke sah den anderen Macken sehr ähnlich. Auch die Färbung war identisch. Die Oberfläche war dunkel, das Innere des Holzes hell. Ich schaute ungläubig auf die Axt. Sie wirkte gar nicht alt. Keine Roststellen an der Klinge. Das Holz des Stils war in Ordnung und nicht morsch. Hätte nicht zumindest das Leder längst vermodert sein müssen? Sie musste doch einer langen Zeit über Nässe und Sauerstoff ausgesetzt gewesen sein! Oder war sie das etwa gar nicht?
Ich schaute auf. Auch die Häuser wirkten nicht verwittert, so als wären sie seit ewigen Zeiten nicht mehr in Gebrauch gewesen. Sie wirkten eher so, als hatten hier noch eben Menschen gelebt … und erst an diesem Tage war alles abgefackelt und zerstört worden. Der Nebel, der langsam zwischen den Häusern waberte, teils aus den Ruinen nach oben trieb, vermittelte die Illusion, das verkohlte Holz rauchte noch.
Ich schaute auf die Macken im Türrahmen, dann auf meine Axt.
Nein, das konnte nicht sein.
Ich starrte in die Ruine.
Waren an dem Schrank dort in der Ecke nicht auch Axtspuren zu sehen?
Auch an dem Tisch!
Was waren das für dunkle Flecken, Spritzer an der Wand? Konnte das…
Was, wenn wirklich bis gestern Menschen hier lebten?
Was, wenn jemand hier heute in der Stadt eingefallen war und alles abgebrannt hatte?
Das diffuse, unangenehme Gefühl der Unsicherheit und des Unwohlseins, mischte sich mit Angst! Nein, mit Panik!
Wer weiß, wie lange die erst weg waren?
Ich wich langsam zurück, wobei ich die Streitaxt mit zitternden Fingern in das Schutzleder packte und mit dem Haken an meinem Gürtel befestigte. Ich schaute mich zaghaft und ängstlich um, als plötzlich ein dumpfes, gewaltiges Rumpeln aus dem Nebel drang.
Die waren noch gar nicht weg! Die waren noch da! Da irgendwo im Nebel!
Ich rannte los. Panisch. Immer schneller. Zurück ins Lavafeld.
Ich versuchte schnell, möglichst schnell vom Nebel verschluckt zu werden.
Ich rannte und sprang über die Lavafelsen so schnell ich konnte.
Hatten die mich gesehen? Verfolgte sie mich?
War da nicht eine Gestalt? Kurz nachdem ich sie erspähte wurde sie vom Nebel eingehüllt!
Ich rannte noch schneller!
Links und rechts, hinter und neben mir wähnte ich Schatten, die ich nicht abzuhängen vermochte, gleich wie schnell ich lief. Ich rannte so lange ich konnte, bis ich völlig entkräftet zusammenbrach. Laut keuchend kniete ich auf dem Boden. Verzweifelt und ängstlich blickte ich um mich.
Immer dort, wo ich nicht hinschaute, schien sich jemand zu bewegen.
Meine Bewegungen wurden immer hektischer. Ich konnte nichts Genaues erkennen. Es waren nur Ahnungen von Etwas, das durch die trübe, weiße Suppe schien.
Hörte ich nicht auch Schritte? Hinter mir!?
Ich sprang wieder auf. Wurde ich eingekreist? Von allen Seiten hörte ich Geräusche, überall verschwanden dunkle Schatten im vorbeiziehenden Nebel.
Ich drehte mich um, um einen Schatten zu verfolgen, zu entdecken, doch ich war zu langsam. Die dunstige Umgebung zog an mir vorbei, mir wurde schwindelig und übel.
Ich stoppte, schloss die Augen, während ich unverändert die Geräusche Schleichender um mich hörte. Lauter und immer lauter hämmerten sie auf mich ein, als ich sogar Pferdegetrappel unter sie mischte, leises, entferntes Wiehern, das helle Klingen aufeinander prallenden Metalls.
Panisch, kopflos riss ich die Augen auf und rannte los! Einfach weg! Egal wohin! Einfach nur weg!
So schnell ich auch lief, die Schatten und Geräusche waren schneller, holten mich ein, umkreisten mich erneut. Wieder und wieder brach ich aus, nur um zu realisieren, dass ich keine Chance hatte zu entkommen.
Atemlos, kraftlos, verzweifelt musste ich einsehen, dass ich vor meinen Dämonen nicht fliehen konnte, blieb stehen und starrte auf die weiße Wand, welche sich dicht um mich zusammengeschlossen hatte.
Schreckenserfüllt drehte ich mich um, taumelte sachte rückwärts.
Da geschah es!
Ich machte einen weiteren Schritt, stolperte und stürzte auf mein Gesicht. Die vielen spitzen Steine bohrten sich in meine Haut. Der heftige Aufprall presste die Luft aus meiner Lunge. Augenblicklich sprang ich wieder auf.
Da sah ich den kleinen, hinterhältigen Kerl, der mir den Fuß gestellt hatte. Wenn man nicht genau hingesehen hätte, hätte man ihn für einen Felsen halten können, der ein entfernt an einen Menschen erinnerndes Äußeres hatte.
Aber ich wusste es besser. Wie er so dastand. Wie er mich höhnisch und herablassend angrinste. Ich sprang auf ihn zu und baute mich vor ihm auf. Es machte mich noch wütender, dass er vollkommen unbeeindruckt, wortlos da stand und selbstzufrieden grinste.
Das freche, vorwitzige Gesicht dieses Gnoms war unerträglich.
Ich beschimpfte den Zwerg, griff nach dem erstbesten Stein und schleuderte ihn in seine Richtung.
Der Stein verfehlte ihn knapp, prallte gegen den nächsten Felsen und einer der wegspritzenden Splitter traf mich im Gesicht.
Meine Wut stieg ins Grenzenlose.
Ich griff nach der Axt, als ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter spürte.
Ich drehte meinen Kopf und schaute mit meinen zusammengekniffenen, aggressiv funkelnden Augen in zwei freundliche.
»Wie geht es Dir?«
Vor mir stand ein alter, nicht sehr großer, stämmiger Mann. Sein hageres, durch eine tiefe Narbe auf der linken Wange gezeichnetes Gesicht wurde umrahmt von mittellangen, grauen, welligen Haaren und einem ebenso grauen, kurzen Bart.
»Kein Grund sich aufzuregen. Er tut Dir nichts … er ist aus Stein!«
Ich war fassungslos und perplex. Verlor ich meinen Verstand?
Der alte Mann setzte sich auf die Lava und fummelte in seiner schwarzen Tasche, die sich nur wenig von seinem anthrazitfarbenen, halblangen Mantel mit seinen hellen Perlmuttknöpfen abhob.
Ich beobachtete ihn misstrauisch.
»So allein durch das Hraun zu laufen, ist gefährlich!«
Er lächelte mich an und füllte einen Becher mit Wasser aus einer Flasche, die er beide aus seiner Tasche herausgekramt hatte und reichte ihn mir. Ich griff hastig danach und schütte das Wasser schnell in mich hinein! Der alte Mann hielt mir bereits Brot hin. Es war dunkel und schmeckte fantastisch süß. Wie lange hatte ich wohl nichts mehr gegessen? Ich schlang so viel herunter, wie ich konnte und spülte reichlich Flüssigkeit nach. Als ich nicht noch mehr herunter bekam, begann die Müdigkeit, die tief in meine Knochen gekrochen war, mich langsam zu übermannen.
Der freundliche Alte wurde ernst!
Er zeigte auf einen gerade so noch erkennbaren markanten Felsbrocken.
»Du musst in diese Richtung weitergehen und dann immer der Sonne folgen, bis Du am Horizont eine große Statue auf einem Hügel erkennst.
Von dort siehst Du einen Fluss, dem Du bis zu seiner Quelle folgst. Hinter dieser Quelle siehst Du einen Gletscher. Auf diesem Gletscher triffst Du Egill. Zeig ihm das!«
Der Alte holte einen kleinen, sonderbar goldfarbenen, funkelnden Dolch mit einer relativ langen, jedoch stumpfen Klinge heraus und gab ihn mir mit einem Handzeichen ihn wegzupacken.
Ich schaute ihn irritiert an und steckte das Ding in die Innentasche meiner Winterjacke.
»Er weiß, was zu tun ist!«
Sonne, Statue, Fluss, Gletscher. Was ein Quatsch, dachte ich. Steine, Nebel und sonst nix. Damit habe ich es hier zu tun. Seitdem ich hier war, war es ununterbrochen hell, doch die Sonne hatte ich noch nicht gesehen! Warum sollte sich das plötzlich ändern?
»Alles klar!« antwortete ich lapidar, um meine Ruhe zu haben.
»Da können wir ja dann hin.«
Ich konnte der Müdigkeit kein Paroli mehr bieten. Meine Augen fielen zu und ich schlief ein.
Als ich aufwachte, war der Alte weg! Prüfend schaute ich mich um, konnte ihn jedoch nirgends entdecken. Noch immer waberte der dichte Nebel unverändert träge über die Lava. Ich spürte die feinen Wassertröpfchen, wie sie sich sanft auf meinem Gesicht absetzten.
War er einfach verschwunden?
So viele Fragen hatte ich. Aber woher hätte ich wissen sollen, dass ich sie nicht mehr würde stellen können?
Da fiel mein Blick auf diese bizarre Felsformation. Der Felsengnom sah gar nicht mehr so menschlich aus. Sondern einfach wie ein auffällig geformter Lavafels. Wahrscheinlich hatten mir meine Sinne einen Streich gespielt. Jetzt, wo ich ausgeruht, gesättigt und nicht panisch war, nahm ich die Realität in dieser gespenstischen Umgebung wieder so wahr, wie sie war.
Und der Alte, war der auch nur ein Traum? Die zerstörte Stadt?
Vielleicht war das am Ende alles nur eine Phantasie!
Vielleicht trieb ich noch immer tief im Wasser von Jökulsárlón und in den Millisekunden zwischen dem Abbruch der Sauerstoffversorgung des Gehirns bis zum Ertrinkungstod fabrizierte mein Gehirn diese Geschichte! Oder ich wurde gerettet, lag im Krankenbett und erlebte einen Fiebertraum?
Aber dauerte ein Fiebertraum so lange? Wobei … ich konnte gar keine Einschätzung abgeben, wie lange ich bereits hier war. Die gleichbleibende Witterung, das Fehlen von Tag und Nacht. In dieser einheitlichen Brühe hatte ich jedes Zeitgefühl verloren.
Wie auch immer. Ich war jetzt hier. Irgendwie. Also musste ich sehen, wie ich hier zurechtkam. Wohin mich das auch immer führte. Ich überlegte, ob ich den Anweisungen des Alten, von dem ich nicht einmal mit Bestimmtheit sagen konnte, ob er wirklich existierte, folgen sollte oder besser nicht.
Da spürte ich den kleinen Dolch an meiner Brust … und ich sah die schwarze Umhängetasche des Alten! Sie lag bauchig auf dem Boden. Er hatte mir zwei Behälter mit Wasser sowie etwas von dem dunklen Brot da gelassen. Auch einen spitzen Stock. Obwohl ich nicht wusste, wofür ich das Ding gebrauchen könnte, nahm ich es mit. Der Alte wird schon gewusst haben, warum. Welchen Weg ich nun nehmen musste, war hingegen klar.
Wo war der Felsbrocken? Da war er! Und über ihm …? Da war doch tatsächlich eine helle Scheibe, schwach, aber doch durch den Nebel zu erkennen. Die Sonne!
Warum hatte ich sie nicht schon vorher gesehen?
War sie erst jetzt sichtbar und der Alte hatte hellseherische Fähigkeiten, mit denen er es voraussah?
Oder hatte ich sie bereits vorher sehen können, war allerdings geistig … abgelenkt gewesen? Ich ging los, ohne weiter darüber nachzudenken. Schließlich fand ich keine abschließende Erklärung.
Der Nebel wurde tatsächlich schwächer. Je länger ich unterwegs war, umso mehr lichtete er sich, bis ich tatsächlich blauen Himmel sah!
Waren noch immer blasse Nebelschwaden in der Luft?
Das Azur des Himmels sah aus, als läge eine weiße Patina darauf, die sich in weißen Schlieren über den gesamten Himmelsbogen zog und den perspektivischen Eindruck einer riesigen Kuppel erweckte. Wie zerfließende, weiße Linien. Mal breiter, mal schmaler. Von hellem Blau, bis tiefem Weiß. In einem ungleichmäßigen Muster. Meistens vertikal, doch auch häufig horizontal gezeichnet.
Der Anblick war irritierend fremd, aber überwältigend.
Als ich meinen Blick wieder zum Horizont senkte, fiel mir die kleine schmale Erhebung auf dem Hügel vor mir auf, die sich klar vor dem bläulichen Hintergrund abhob. Ob das die Statue war?
Frohen Mutes zog ich weiter. Erstmals hatte ich ein Ziel. Sogar ein Ziel, das ich sehen konnte!
Als ich der Statue näher kam, zeichneten sich deren Konturen ab. Sie zeigte einen alten, stämmigen Mann, mit welligem Haar und kurzem Bart. Die Figur schien uralt zu sein. Die feine, glatte Oberfläche war großflächig abgeplatzt, was Flechten, Moosen und an ein paar Stellen gar Gräsern genug halt zum Wachsen und Gedeihen gab. Der Kopf war durch Vogelexkremente besonders zerfressen, dennoch war das hagere Gesicht genau zu erkennen. Selbst die Narbe auf der linken Wange war gut zu sehen.
Die Statue zeigte den alten Mann!
Was bedeutete das? Wer war der Alte? Es musste ja eine bedeutende Persönlichkeit gewesen sein, dass man ihm zu Ehren ein solches Monument aufstellte. Doch warum entsprach es seinem aktuellen Abbild so genau, während es gleichzeitig schon so stark verwittert war? Herrschte hier eine so extreme Witterung, dass sie Gestein selbst in kurzer Zeit so stark zusetzte?
Alles an diesem merkwürdigen Ort, an den ich geraten war, irritierte mich. Und der Einzige, der Licht in diese Situation hätte bringen können, verschwand nach kürzester Zeit, ohne Ankündigung, aber statt einer Erklärung mit einem Auftrag! Ich betrachtete die Statue lange und eindringlich, dann schweifte mein Blick in das Tal, welches auf der anderen Seite des Hügels lag.
Es war grün! Herrliches in unterschiedlichsten Farben vorkommendes Grün!
Was für ein Anblick nach all den tristen, grauen, schwarzen Farben des nebelüberzogenen Lavafeldes, durch das ich gezogen war.
Auch in dieser Ebene breitete sich ein Lavafeld aus, welches jedoch über und über mit Moos bewachsen war. Inmitten dieses Lavafeldes zeichnete sich ein besonders hellgrünes Band ab, das den besagten Fluss einbettete, der irgendwo rechts, wo ich den Norden vermutete, von den Hängen herunter, nach links, den voraussichtlichen Süden, ins Meer floss. Dieses lag allerdings hinter dem Horizont, sodass ich es nicht sehen, sondern nur erahnen konnte.
Am Horizont vor und rechts neben mir waren die Umrisse von Gebirgen zu sehen, die halbhoch baumgrün, darüber felsenschwarz und an den Spitzen schneeweiß waren.
Ich machte nur eine kleine Pause, in der ich das letzte Brot und das letzte Wasser verbrauchte. Ich wollte endlich Antworten. Erklärungen darüber wo ich hier war und wie ich wieder zurück gelangen konnte. Und der, von dem ich mir das alles versprach, hieß Egill!
Das Moos lag dick auf dem Lavageröll. Es war kompakt, sodass es nicht stark eingedrückt werden konnte, aber dennoch weich und leicht abfedernd. Dennoch musste ich auch jetzt noch sehr aufmerksam über das Lavagestein klettern. Schließlich erreichte ich den Fluss, an dessen Ufern sich schmale Streifen schwarzer Kieselsteine befanden. Das Wasser war glasklar. Ich ging eine Zeit flussaufwärts, bis ich zu einer kleinen Ausbuchtung kam, wo ich hielt, um ein paar Schluck Wasser zu trinken. Und ich hatte schon wieder Hunger. In dem stehenden Wasser dieser Ausbuchtung wimmelte es vor Fischen, wobei einige von beachtlicher Größe waren. Irgendwie musste man doch an einen von denen herankommen!
Dafür könnte ich doch den spitzen Stock nehmen! Der Alte hatte wirklich an alles gedacht!
Ich kletterte auf einen der ins Wasser hineinragenden Felsen. Auf dem Stein stehend, brauchte ich nur noch einen der Fische unter mir aufzuspießen. Der Stock eignete sich wirklich prima als Speer, einzig, ich konnte offensichtlich nicht zielen. Oder treffen. Ich versuchte es immer wieder, aber die waren viel zu schnell und wendig. Oder ich zu langsam.
Frustriert überlegte ich, was ich besser machen konnte, wobei ich den Speer einfach unmotiviert und ungezielt ins Wasser stieß. Es war fast folgerichtig, dass ich einen erwischte.
Da ich keine Möglichkeit hatte Feuer zu machen, blieb mir nichts anderes übrig, als es roh mit meinem glitschigen Freund zu versuchen. Ich entfernt die schuppige Haut ungeschickt mit der Axt, schnitt einige blutige Scheiben vom Fisch ab, wusch sie kurz im Fluss und knabberte daran herum.
Zu einem kulinarischen Erlebnis wurde es trotz großem Hungers nicht. Eher zu einer schmierigen Sauerei! Aber gut, meine Möglichkeiten waren eingeschränkt.
Glücklich, ob meines zweifelhaften Jagdglücks und des zumindest teilweise gefüllten Magens, ruhte ich mich noch ein bisschen aus. Erstmals sah ich ein wenig zuversichtlicher in die Zukunft. Schließlich sollten vor mir irgendwo auf dem Gletscher Menschen sein. Naja, zumindest erstmal einer.
Der weitere Weg immer dem Flusslauf entlang, war einfach, stetig ging es sanft, mal mehr, mal weniger stark, bergauf.
Plötzlich stand ich vor der Quelle des Flusses. Vor mir lag eine mehrere Meter hohe Felswand, aus der aus halber Höhe, über dutzende von Metern mitten aus der Lava Wasser hervorquoll. Die Quelle oder besser die unzähligen Quellen des kleinen Flusses lagen vor mir. Überall brach das Wasser unmittelbar aus der Lava, fiel einige Meter in die Tiefe oder rann, fein gesponnen über den, über ewige Zeiten geglätteten Felsen, hinab in ein dutzende Meter breites, tiefes Becken, bevor es Richtung Meer abfloss.
Der Gletscher im Hintergrund war kaum zu übersehen. Er schien gar nicht so weit entfernt. Ich kletterte an den Quellen vorbei und erreichte eine andere Landschaft. Weite, hochgewachsene Grasflächen, vereinzelte, niedrige Bäume. Immer wieder lagen kleinere und größere Felsbrocken auf dem Land, das großteils flach und eben war. Ich kam schnell voran und stand schon bald vor dem Gletscher.
Beeindruckend erhob sich der weiße Koloss, eingerahmt von grauschwarzen Bergen, steil vor mir. Das Eis bildete keine glatte Oberfläche sondern riss immer wieder auf, sackte meterweit ab und ließ dadurch einen Blick auf die tieferliegenden Eisschichten zu, die türkisblau, glasig aussahen. Die Spitze der Gletscherzunge schob sich flach in die Ebene. Direkt vor dem Gletscher befand sich ein in der Breite entsprechendes Geröllfeld, welches circa hundert Meter lang war, in dessen Mitte der schmale, gräulich weiße Gletscherfluss sein Bett hatte. Übermotiviert wollte ich sofort den Gletscher erklimmen, doch das Eis war viel zu glatt, als dass ich weit gekommen wäre.
Aber hatte ich nicht Spikes im Rucksack?
Ich zog sie über meine Schuhe und suchte einen flachen Übergang auf das Eis. Ich wagte mich vorsichtig auf das Eis. Es war ein komisches Gefühl, den sicheren Stand und ein Nichtabrutschen einzig kleinen Metalldornen zu verdanken. Sollten diese versagen oder ich meine Schritte nicht exakt setzen, gab es keinen Halt. Also machte ich nur langsame, ganz sichere Schritte, bis ich auf die Idee kam, den spitzen Stock zur weiteren Stabilisierung, zum Abstützen zu nutzen. Dadurch kam ich nicht unbedingt schneller, aber doch sicherer voran. Langsam kletterte ich bergauf, an den wunderschönen, blauen Fenstern ins Eis vorbei.
Es dauerte eine kleine Ewigkeit und war unendlich anstrengend, von der andauernden Gefahr abzurutschen und hinab zu stürzen gar nicht zu sprechen. Doch schließlich konnte ich die oberste Kuppe erkennen, von der ich mir einen weiten Blick über den Gletscher und Hinweise auf diesen Egill erhoffte. Ein letztes, besonders steiles Stück stand mir noch bevor, weswegen ich meine ganze Aufmerksamkeit auf meine Schritte richten musste.
Als ich wieder aufblickte, stand ein Mann vor mir …
Seine stämmigen Konturen zeichneten sich scharf gegen den blauen Himmel ab, der im Kontrast zu dem gleißenden Weiß des Gletschers stand. Er war mittelgroß, kräftig, an seinem Gürtel hing eine mächtige, zweischneidige Streitaxt. Er trug eine sehr dicke, braune Hose aus Schafsleder, die wirkte, als wäre das Fell auf der Innenseite sowie bis über die Waden gehende, schwarze Lederstiefel. Darüber ein dunkelblaues, durch Längsstreben verstärktes, Wams aus Leder, das seine muskulöse Figur weiter betonte. Sein schwarzes, kurzes Haar fiel ihm strähnig auf die Stirn. Er blickte streng von seiner erhöhten Position, abschätzend, aber nicht unfreundlich auf mich herab.
»Hallo Egill. Dich habe ich gesucht.«
Überrascht und verwundert schaute mich der Mann an.
»Woher kennst Du meinen Namen?«
»Der alte Mann hat mich zu Dir geschickt.«
Seine Verwunderung wurde immer größer.
»Welcher alte Mann?«
»Kennst Du die Statue auf dem Hügel unten im Hraun?«
»Die Statue von Læknir?«
»Ääh … ja! Genau der!«
