Isolde, die junge Witwe - Brigitte Nueber - E-Book

Isolde, die junge Witwe E-Book

Brigitte Nueber

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Beschreibung

Gebunden durch den Schwur ewiger Treue und Keuschheit, den sie am Sterbebett ihres Gatten schwören musste, gerät Isolde, schön, heiß, jung und verwitwet, umschwärmt von der ganzen Stadt, in arge Liebesnot. Die Intrigen, die Don Bartholomäus schmiedet hätten sicher Erfolg gehabt, wäre da nicht der Prinz von Paliano mit seinen Freunden, der seine Pläne durchkreuzt.

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EPUB

Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Inhalt

Impressum

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Impressum

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.

© 2013 Vindobona Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-902935-25-0

ISBN e-book: 978-3-902935-28-1

Umschlagfoto: Norbert Höller/pixelio.de

Umschlaggestaltung, Layout & Satz:Vindobona Verlag

www.vindobonaverlag.com

1

Ein meuchelmörderischer Schurke hatte Don Monello rücklings ein Messer in den Rücken gerammt, als er auf der Mauer, der kleinen, italienischen Stadt spazierte. Vom Täter war nichts gefunden worden, als die Mordwaffe, ein Klappmesser, wie es Bauern oder das gemeine Volk benutzten. Als man den hoch angesehenen Bürger ins Haus brachte, wusste er schon, dass jetzt sein letztes Stündlein geschlagen hat. Wie es einem echten Mann geziemt, bewahrte er aber seine Fassung. Es schmerzte ihn sehr, sterben zu müssen, denn es verband ihn noch so viel mit dieser Welt. Er selbst war immer ein guter und gerechter Mensch gewesen und nun das Opfer von Tücke und Hinterlist.

Da er noch lebte und bei klarem Verstand war, hatte man ihn auf eine Bahre gelegt und in sein Haus getragen. Ein junger Mann lief voraus, um sein Weib, Isolde schonend vorzubereiten. Andere liefen zum Bürgermeister und zum Doktor. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in der Stadt und alle suchten nach dem Täter. Vor Monellos Haus, standen die Leute, mit entblößtem Haupt und warteten. Oben im Stockwerk war alles schon bereit, um den Sterbenden zu empfangen.

Totenblass, unfähig etwas zu tun oder zu sagen stand Isolde, sein junges Weib, an den Kamin gelehnt. Sie konnte das alles nicht richtig begreifen und folgte nun mit starrem Blick, wie der Doktor sich über den Verletzten beugte und die Wunde untersuchte. Occhio, der einäugige Diener, hielt zitternd das Licht. Er sah im Geiste, seinen Herrn sterben und zur Hölle fahren. Er hatte ihn sein ganzes Leben lang begleitet und kannte ihn besser als jeder andere, auch wusste er über alle dummen Streiche die Monello gemacht hatte Bescheid. „Madonna!“, stöhnte er, sodass es niemand hören konnte, „Madonna, ich werde dir eine Kerze spende, wenn du ihm noch ein bisschen Zeit gibst!“

Lange und umständlich machte sich der Doktor zu schaffen, obwohl er gleich sah, dass jede Hilfe zu spät kam. Sein graues Gesicht, mit den tiefen Falten nahm den finsteren Ausdruck an, wie immer, wenn er einen Fall aus seinen Händen, in die des Himmels geben musste.

Don Monello lag schweigend da und las im Gesicht seines Freundes sein Urteil. „Sag’ es nur, Pietro!“, flüsterte er. „Sag, ich werde bald Gott sehen--- oder… ist es nicht so?“

„So ist es!“, nickte Doktor Pietro. Er kannte den Mut seines Freundes „Empfehle dich der Heiligen Jungfrau, und du wirst leicht sterben!“ Don Monellos Körper zitterte ein wenig, als er das hörte. Aber gleich darauf drückte er des Doktors Hand: „Ich danke dir Pietro! Warst immer ein guter Freund!“ Der Doktor wusch seine Hände in der silbernen Schüssel, die Occhio gebracht hatte, trocknete sie sorgfältig ab und ging dann zu Isolde, die immer noch am Kamin stand. „Frau“, sagte er mit ermunterndem Lächeln, „geht zu eurem Mann, er wird mit euch reden wollen.“ Isolde riss sich los und ging zu ihrem Gemahl und setzte sich zu ihm, auf sein Lager. Der nahm ihrer Hand in seine: „So ist es beschlossen, Isolde!“ sagte er mit fester Stimme, obwohl ihm das Reden schwerfiel. „Wenn ich heute von dir gehe, dann ist es Gottes Wille. Ich war sehr glücklich mit dir, in den wenigen Jahren die wir beisammen waren.--- Ich möchte dich bitten, schicke nach meinem Freund Giovanni. Occhio soll Don Bartholomäus herbringen, damit er mir beistehen kann. Dann möchte ich eine Kanne von dem Wein, der im Keller ganz hinten liegt und zwei Becher, denn Giovanni würde es auch an meinem Sterbebett nicht aushalten, wenn es da nichts zu saufen gibt. „Isolde hatte es schwer, alle Aufträge in ihrem wirren Kopf, zu behalten. Aber Occhio war danebengestanden, hatte gut aufgepasst und sich alles gemerkt. So lief er, um zu tun, was sein Herr wollte.

Unten im Saal des Hauses hatten sich viele versammelt, die Don Monello, noch einmal sehen wollten. Immer noch kamen Neue dazu. Sie stampften vor der Tür den Schnee von den Schuhen, denn es war Jänner und ein strenger Winter. Auf Bänken und Schemeln saßen sie und froren sehr, denn niemand hatte in der Verwirrung daran gedacht Feuer zu machen. Während Occhio klappernd vor Kälte und Angst durch die Straßen eilte, um Don Bartholomäus zu holen, schritt Prinz Giovanni sporenklirrend durch die Gassen zu dem Haus seines Freundes. „Unsinn!“, sagte er zu seinem Begleiter, dem Dichter Carletto. „Monello stirbt nicht so leicht, wenn man ihn mit einem Messer kitzelt. Er ist zäh und seine Brust ist so gewaltig, dass ein Degen darin verschwinden könnte, ohne jemals wieder aufzutauchen. Entweder hat man uns genarrt oder ein ängstliches Weib, macht aus einer Mücke einen Elefanten.“ Als er den Volkshaufen vor dem Haus sah, änderte er ein wenig seine Meinung. Rasch durcheilte er den Saal. Er beachtete die Anwesenden kaum, die ehrfürchtig aufgestanden waren. Denn, Giovanni, war Graf von Montorio und Erbprinz von Paliano, dem Herzogtum auf den Hügeln zwischen Neapel und Rom. Er trieb sich jedoch in der Welt herum, weil sein Vater nicht sterben und ihm Platz machen wollte.

Don Monello, der die ganze Zeit gewartet hatte, erkannte ihn sofort an seinem Schritt. Er befahl das Tischchen auf dem der Wein und die Becher standen, näher zu rücken und einen Stuhl so hinzustellen, dass Giovanni sich, wie es seine Gewohnheit war, rittlings daraufsetzen konnte. Isolde, die sich ein wenig beruhigt hatte, konnte sogar lächeln, als der Prinz, schön und kraftstrotzend, in Siegerpose, die er immer zur Schau stellte, eintrat. Er begrüßte sie und ging sofort zum Bett seines Freundes und schüttelte ihm die Hände. „Was fällt dir ein, alter Freund?“, rief er dröhnend. „Mich beim Abendessen zu stören. Nun lass’ mich sehen, wo du Schmerzen hast!“ Monello deutete auf den Stuhl und Giovanni schwang sich auf ihn, als wäre er ein edles Streitross. „Bitte, bleib länger bei mir, oder willst du, dass ein anderer als du, mein Freund, mir die Augen zudrückt. Ich habe dich rufen lassen, weil es mit mir zu Ende geht!“ Dem Prinz blieb der Mund offen, als er seinen Freund so reden hörte und er vergaß ihn wieder zu schließen. „Wenn du es selbst sagst, dann wird es auch so sein. Aber ich meine, dass ein Mann wie du mit dem Tod erst ein wenig hadern sollte, ehe er die Beine ausstreckt. Don Monello nickte: „Gieß ein!“, rief er. „Was von diesem Wein, noch im Keller ist, soll dir gehören, damit du ihn mit deinen Freunden saufen kannst!“---- Isolde, mein Täubchen, geh’ zur Amme Teresa und bete mit ihr einen Rosenkranz. Wir beide haben etwas miteinander zu besprechen.“ Isolde ging und Giovanni begleitete sie bis zur Tür. Dort blieb er stehen, breit wie ein Baum, hob die Arme und stemmte die Fäuste gegen die Decke, dass die Balken krachten.

„Mir geht die Galle über!“, schrie er, „Du musst sterben, mein alter Vater, der doppelt so viele Jahre auf dem Buckel hat wie du, sitzt da unten auf seiner Burg und schießt alle Hirsche und Hasen tot!… Es wird mir kein einziger überbleiben!!“

„Rede nicht so über deinen Vater! Er hat sein Leben aus Gottes Hand, so wie du und ich, er wird wissen, wann seine Zeit gekommen ist. Sei froh, dass du noch nicht herrschen musst. Bis jetzt hast du dein Leben immer genossen. Genießt du es nicht zu jeder Stunde als echter Ketzer, der von Rechts wegen auf den Scheiterhaufen gehört?“

Giovanni lachte dröhnend. „Jetzt glaube ich wirklich, dass es mit dir zu Ende geht, da du versuchst mir Mores zu lehren. O, Monello! Welch ein Ketzer warst du selbst! Erinnerst du dich, wie wir das Grab des heiligen Apollinarius mit Pech bestrichen haben und die Frommen, die es küssen wollten, mit dem Gesicht daran kleben blieben? Oder an Mona Caterina, deren sündhaften Leib wir so lange mit Nadeln stachen, bis sie uns alle Herren verriet, die ihre Gunst genossen haben? Oder? ---- solltest du nichtmehr wissen, wie du in den Fluss sprangst, um deine Gläubiger zum Narren zu halten. Drei Tage haben sie nach deinem Leichnam gefischt. Du aber hast ihnen vom Fenster aus zugeschaut und auf ihre Köpfe gespuckt.“ Don Monello nickte vergnügt, die beiden hatten viele dumme Streiche gemacht und erinnerten sich immer gerne daran. „Das, fällt mir gerade ein! Aber wenn du dein Gewissen erforschst, wirst du dich noch an viel mehr erinnern. Manches weiß auch ich nicht! Man sagt aber bestimmt nicht grundlos, du hättest alle Frauen in einer Stadt verdorben, in der du länger als drei Wochen warst!“

„Ich habe sie nicht verdorben, sondern in die Kunst zu lieben, unterwiesen und ich glaube, alle sind mir dafür sehr dankbar. Ich habe früh erkannt, dass ein Mann vor allem drei Dinge können muss: Fechten, Essen und Lieben. Weil ich unermüdlich geübt habe, auch erlernt. Kreuz und quer hauen, kann ein jeder, essen auch und bei schönen Frauen Wolle zausen.----Nur wie er es kann? So schnell vergisst das keine Frau! Auch Isolde wird das nicht vergessen. Nun alter Kumpel komm’ näher und hör zu, was ich mit meinem Weib vorhabe. Lange genug habe ich gesehen, wie die jungen Herren um sie herum schwänzeln. Sie denken: Ei, der Monello ist nicht mehr der Jüngste und sein schönes Weib könnte einen jungen Hahn im Korb gut, gebrauchen. Isolde hat vor mir noch nie einen anderen gehabt und denkt, jeder, der ein Wams anhat, kann gut die Wolle kraulen. Das kann ich ihr nicht übel nehmen, ihr Blut ist jung. Sie wird mich immer in ihrem Herzen tragen, dass weiß ich, aber bald wird sie sich nach einem neuen Gemahl umsehen. Herz und Schoß sind zweierlei, was wir so oft im Leben gesehen haben. Nun hör zu! Es würde mich beunruhigen, wenn ich tot wäre und so ein grüner Laffe käme daher und verführte mein Weibchen. Davor will ich Isolde bewahren!

Giovanni hatte bisher schweigend zugehört. Er war etwas besorgt, dass der kellerkühle Wein im Zimmer warm werden könnte, fragte aber dann doch: „Wie willst du das machen?“ Dem Sterbenden war nicht entgangen, wie rau, die Stimme, aus der trockenen Kehle seines Freundes klang. Er verlangte nach seinem Becher und sie tranken, wie es in dem Haus Sitte war, zuerst auf das Wohl des heiligen Juliano, dem Schutzheiligen der Herbergen und Patron der Gastfreundschaft.

„Das sollst du gleich erfahren!“ Immer wieder schüttelte ihn ein Hustenanfall und aus seinem Mund kam Blut.“ Komm näher heran, damit du mich verstehst!“ Giovanni ritt mit dem Stuhl näher und stützte sein gerötetes Gesicht auf die Fäuste, ein Zeichen, dass er gespannt war.

„Also höre, Gianni: Ich werde Isolde schwören lassen, nach mir keinen anderen mehr zu gehören, nicht als Geliebte und nicht als Eheweib, bis …“ Als das gesagt hatte, sprang Giovanni auf, gab dem Stuhl einen Tritt und schrie: „Wenn du das tust, Monello, dann spuck ich dir ins Grab nach!“

„Sei ruhig!“, sagte der. Er wollte lachen aber, es bereitete ihm starke Schmerzen und das Blut rann aus seinem Mund.“ Heb’ den Stuhl auf und setz’ dich her und lass mich ausreden!… Ich werde Isolde schwören lassen, nach mir keinem anderen zu gehören, nicht als Geliebte und nicht als Eheweib…, bis ich ihr ein Zeichen gebe, das sie des Eides entbindet!“ Giovanni wollte noch einmal heftig auffahren. Da knarrte die Tür und Isolde kam herein. Sie wollte sehen, was da so gepoltert hat. Sie berichtete, dass Don Bartholomäus soeben eingetroffen sei und sich unterdessen die erfrorenen Füße wärmt. „Wir sind noch nicht fertig“, sagte Monello. „Gib dem Prior einen großen Becher Wein, er soll noch warten.“ Als Isolde weg war, fragte Giovanni noch einmal. „Wie willst du das machen?“

Der Sterbende versuchte, sich ein wenig aufzurichten, indem er ein Kissen unter den Kopf schob. Er wies mit der Hand nach einem Bücherbrett. „Bring das dicke Buch mit dem roten Rücken.“ Als er es auf die Knie nahm, streichelte er zärtlich darüber. „Was du da siehst, Gianni“, sagte er mit müdem Lächeln, „ist etwas sehr kostbares! Darin habe ich genau aufgeschrieben, wie wunderbar der Ehehimmel ist, mit all seinen Sternen. Vom ersten Tag an, als Isolde mir gehörte, bis heute. Darin sind alle Tage und Nächte, die wir gemeinsam verbracht haben genau geschildert und mit schönen Gedichten geschmückt. Du selbst hast mich früher immer einen gottverlassenen Poeten genannt, wenn ich die Reize einer Dame in feurigen Sonetten und Kanzonen besungen habe. Aus mir ist kein großer Dichter geworden, dieses Buch aber habe ich für mich und Isolde geschrieben. Ich wollte es ihr später einmal geben, sie bekommt es aber jetzt. Ich werde sie schwören lassen, jeden Tag eine Seite darin zu lesen, nicht mehr und nicht weniger. Wie du siehst sind es genau 512 Seiten. Das sind ein Jahr und fünf Monate. Hier auf dem letzten Blatt werde ich nun schreiben, dass ich Isolde des Eides entbinde, da sie ihren Schwur getreulich gehalten hat. Sie könne sich jetzt einen Gemahl suchen, der ihrer wert und würdig ist.“ Die Kinnlade des Prinzen war wieder herabgefallen und so starrte er Don Monello an. Diese kluge List erschien ihm ungeheuer und unnachahmlich, eines Dichters würdig. Er erschauderte bis in sein Spitzbubenherz, beim Gedanken, welch eine Qual es für ein junges, verlangendes Weib sein müsse, den Ehehimmel mit all seinen Sternen, so aufgeschrieben zu sehen. Genau geschildert und aufgezeichnet, aber durch einen Eid gebunden, ein Leben der Entsagung führen zu müssen, bis endlich auf der letzten Seite die Erlösung erscheint. Er klatschte sich auf die Schenkel und kratzte sich hinter dem Ohr, schnalzte mit der Zunge und fühlte sich wie ein Knabe, der ein Weib im Bad belauscht. Plötzlich aber hatte er Bedenken und er schaute, wie ein Raubvogel, nach seinem Freund. „Und wenn sie ihren Eid vorzeitig bricht, mein Guter?“

Seine Frage kam ihm vernichtend vor, aber Monello lächelte nur. „Wenn sie den Schwur vorzeitig bricht?…Ja…ich habe daran gedacht. Wenn sie den Eid vorzeitig bricht, dann nur nach langen, schweren Kämpfen. Der Mann für den sie es zu tun imstande ist, wird ihrer würdig sein. Für diese Stunde der sündigen Lust alleine wäre es wert, das zu tun. Denn du weißt Gianni, solange ich gelebt und geliebt habe, wollte ich die Frauen auf den höchsten Gipfel der Lust und des Glücks führen. Denn es gibt nichts Besseres als Liebe. Wenn nun ein anderer es fertigbringt, dass Isolde ihren Schwur vergisst, so soll sie glücklich sein!…Versprich mir Giovanni, alter Freund und Kumpel, dass du geheim halten wirst, was du erfahren hast. Falls Isolde später noch Bedenken hat, dann sollst du sie zerstreuen… Alles was ich will, ist… Isolde glücklich machen! „ Schweigend drückten sie einander die Hände und Giovanni tat es leid, so einen Freund zu verlieren. Er gab Don Monello das Schreibzeug, und während der die Absolution niederschrieb, gab er sich dem stillen Trunk hin. Leise kratzte die Feder durch die Stille. Hie und da hörte man das Murmeln des Volkes, das noch immer vor dem Haus stand.

Also schrieb er:

IM NAMEN DES EWIGEN GOTTES!

Dies schreibe ich auf meinem Sterbelager – wo du dabei gestanden – und ich danke dir – herzliebste Frau – für dein Mühen und Plagen – so du mit mir gehabt. – ich muss dir sagen – das ich dich nicht hindern wollte – glücklich zu sein – während ich ein seliger bin und mich an Gottes Angesicht erfreue. – Nun – herzliebste Frau – soll der Eid – so du geschworen – zerrissen sein – Null und nichtig – ausgemerzt aus deinem Herzen – dass du nun einem Mann zuwenden sollst – der in allen Dingen dich glücklich machen kann. Wenn ich verlangt habe – dass du nach mir keines anderen Geliebte noch Eheweib sein sollst – so hab ich es verlangt – damit du erst heranreifst und in Ruhe überlegst – was ein guter Ehemann gewesen – und nicht leicht durch einen jungen Heißsporn zu ersetzen ist.

Nun reiß dieses Blatt aus und trage es zu Don Bartholomäus, dem Prior der Benediktiner und lasse es auch alle Leute sehen, auf dass sie wissen und zur Kenntnis nehmen, dass du weder durch einen Eid noch Versprechen gehindert bist, wieder vor den Altar zu treten und dieses das Zeichen ist, das zu geben ich versprochen habe. Lebe wohl – herzliebe Frau – du mein Täubchen – du mein süßes Herz Isolde. – Zur Bekräftigung, dass es mein Wille ist, den ich bei klarer Vernunft niedergeschrieben habe, folgt hier mein Siegel und auch das meines Freundes Principe Giovanni, Graf von Montorio und Prinz von Paliano.----Niedergeschrieben JANUARI DEN ZWANZIGSTEN ANNO DOMINI 1424

Nachdem er beendet und es seinem Freund vorgelesen hatte, setzte dieser sein Siegel darunter. Nicht ohne seinen Freund einen gottverlassenen Poeten zu nennen, der imstande ist, mit wenigen Worten so kluge Sachen niederzuschreiben. Dann wurde die Decke glatt gestrichen, Krug und Becher fortgeschafft und über das Tischchen ein schöner Brokat gebreitet. Isolde hatte den schweren Christus herbeigebracht und zwischen zwei Kerzen gestellt. Mit wuchtigen Schritten kam Don Bartholomäus. Alle mussten die Stube verlassen, damit Don Monello beichten konnte. Lange war er bei ihm und nur hie und da hörte man seine Stimme, bald zornig laut, bald eindringlich mahnend, worüber Giovanni, der an der Türe lehnte und mit den Sporen daran kratzte, lachen musste. Carletto stand neben seinem Freund und Herrn. Seine Blicke glitten immer wieder zum Platz, wo Isolde saß und stumm den Worten lauschte, die der Doktor zu ihr sprach.

Endlich klapperten wieder die Sandalen des Priors, der nun alle hereinließ. Sie knieten um das Lager als er dem Sterbenden Wegzehrung und letzte Ölung gab. Er wollte mit einer Litanei beginnen, aber Don Monello sagte mit schwacher Stimme, dass er noch einiges zu ordnen hätte, und bat den Prior Giovanni und sein Eheweib Platz zu nehmen und sagte: „ Hochwürdiger Herr Prior, herzliebste Frau und Freund Giovanni! Weil es Gott gefällt, dass ich den Tag nicht überlebe, nehme ich Abschied. Ich hinterlasse mein Geld und meine Besitztümer meinem Weib. Es gibt dazu eine Urkunde in der kleinen Truhe unter dem Hausaltar. Mein Leib soll im Garten des Klosters unter einem grünen Hügel beigesetzt werden. Nicht in der steinernen Gruft. Für die Pflege des Grabes spende ich den Brüdern eures Ordens eine Summe, die von Isolde ausbezahlt wird. Auch die Gegenstände, die ich meinen Freunden hinterlasse, wird Isolde verteilen, wie es in der Urkunde steht. Giovanni, du bekommst meinen besten Wein und das Ross „Diabolo“, dass du mir voriges Jahr geschenkt hast.“

Sein Gesicht wurde grau und schlaff, er hustete stark. Der Doktor griff nach seinem Puls, der Sterbende sprach aber schnell weiter: „Übe immer Gastfreundschaft, wie du es von mir gesehen hast. Bewirte jeden, ob Herzog oder Bettler!“ Er schwieg, denn es fiel ihm nicht leicht, zu sagen, was er sich ausgedacht hatte. Aber endlich nahm er seine letzte Kraft zusammen. Isolde konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und verstand kaum den Sinn seiner Worte. Er würde leichter sterben, wenn sie ihm das Versprechen der Treue geben würde.

„O Monello!“, rief sie, „wie kannst du nur denken, dass ich dich vergesse? Nie … Niemals in meinem Leben!“ Willenlos und aufgewühlt von wildem Schmerz sprach sie vor dem Kruzifix, stehend, mit erhobener Hand die Worte nach, die Monello mühsam vorsprach: „Ich schwöre, dass ich nach meinem Gatten Monello keinem anderen mehr gehören werde, nicht als Geliebte und nicht als Eheweib…so wahr mir Gott helfe! Ich gelobe auch, dass ich in dem Buch, das Monello geschrieben hat, jeden Tag eine Seite lesen werde. Nicht mehr und nicht weniger. Ich soll acht Tage nach der Beerdigung damit beginnen. Ich werde das tun, bis mir Monello ein Zeichen gibt, das mich von dem Eid entbindet, so dass ich wie ein lediges Weib handeln kann und mir einen Liebsten suchen. In ewiger Verdammnis soll ich brennen, wenn ich den Eid breche und kein Erbarmen soll es geben… …weder auf Erden noch im Himmel…Amen!“ Bartholomäus hatte aufmerksam ihren Spruch gehört. Er faltete seine Hände über dem feisten Bauch und betete das Paternoster zur Ehre Gottes. Der Sünder Monello hatte noch in seiner letzten Stunde ein gutes Werk getan.

Zärtlich streichelte die Hand des Sterbenden über Isoldes braunen Scheitel, und als er sie so weinen hörte, tat ihm alles sehr leid.

Von unten drangen Stimmen herauf. Ein hoher Herr musste angekommen sein, den die Wartenden ehrerbietig begrüßten. Giovanni öffnete die Tür gerade zur rechten Zeit. Bicci de Medici trat ein, ein freundlicher, alter Herr, der mit seinen guten, blauen Augen in die des Sterbenden sah: „Nun Freund, warum bereitest du uns solche Sorgen?“ Die inneren Blutungen hatten ihn so geschwächt, dass er kaum mehr sprechen konnte. Mit einer matten Handbewegung begrüßte er den Bürgermeister und alle, die mit ihm gekommen waren. Die angesehensten Bürger der Stadt, Monellos Freunde. „Können wir dir noch etwas Gutes tun?“, fragte der Bürgermeister. Der Sterbende flüsterte: „Ach ja, Bicci, lass’ die Glocken läuten, ich will sie noch einmal hören!“ Sofort wurden Boten zu allen Kirchen und Klöstern geschickt… In der kalten Winternacht hörte man von überall, das Geläute und alle Herzen waren mit Trauer erfüllt. Man hatte das Fenster des Gemaches geöffnet und Monello, horchte. Er sog in seine wunde Brust die kalte Luft, faltete seine Hände zum Gebet und seine Lippen bewegten sich leicht. „San Juliano, bereite mir ein Quartier!“, flüsterte er unhörbar. „Wie schön! Wie schön!“…das waren seine letzten Worte.

„Don Monello ist von uns gegangen!“, verkündete der Doktor mit feierlicher Stimme. Prinz Giovanni legte seine raue Hand über die Augen des Freundes. Still und friedlich lag er da, bot allen, die ihn sahen, das Beispiel eines christlichen Todes. Sie standen stumm um sein Lager. Isolde, sein Weib, lag über dem Leichnam und raufte sich die Haare. Feierlich brannten die Kerzen… Groß und bleich ging der Mond über der Stadt auf, als wollte er der Seele den Weg zum Himmel zeigen!!

2

Eine Woche war vergangen, seit man Don Monello zur letzten Ruhe gebettet hatte. Nun lag er im idyllischen Klostergarten. Die Bäume und Sträucher fühlten schon den Frühling in den Wurzeln. Die Tage der Amseln hatten die Macht des Winters gebrochen und über dem Land lag milder Sonnenschein. In Italien geschieht es oft, dass in den letzten Tagen des Jänners ein plötzlicher Wetterwechsel kommt. Der Himmel wird blau, die Luft erwärmt sich und die Amseln beginnen zu singen, wie im Sommer. Darum nennt man sie dort, die Tage der Amsel. Man benützt diese Zeit zum Spazierengehen, und da man schon einmal draußen war, stieg man die Treppen hinauf ins Kloster um das Grab zu besuchen und zu sehen, ob sein Wille geschehen sei. Man lachte und scherzte dabei, denn die Menschen dachten nicht gerne an den Tod. Sie waren jung und lebten weiter.

Isolde, die Witwe, fühlte sich elend. Es tat ihr weh, wenn sie die Menschen so fröhlich sah. Sie besuchte das Grab ihres Gatten nur zeitig morgens oder abends in Begleitung der Amme Teresa oder Bea, der jungen Magd. Oben auf dem Hügel stand eine steinerne Bank, auf der sie gerne saß und auf ihre Vaterstadt hinunter schaute, in der sie bisher so glücklich gewesen war. Sie fragte nicht nach der Zeit. Sie fühlte sich so müde und zerbrochen und sie dachte an nichts anderes, als ihren Schmerz. Immer wieder durchlebte sie die Tage, von da an, als man Monello sterbend ins Haus gebracht hatte. Sie erlebte noch einmal die Stunden, da man ihn aufhob und forttrug, ihn,… den Geliebten!

Isolde sah den düsteren Sarg im Mittelschiff der Kirche und die Kerzen die still und regungslos brennen. Prinz Giovanni hatte sie gestützt und umsorgt, Teresa, hatte das Riechfläschchen bereitgehalten. Aber sie war stark geblieben. Sie konnte ihren Schmerz kaum fühlen, sie war wie erstarrt. Don Bartholomäus hatte eine feine Totenrede gehalten, sogar die rauesten Männer waren zu Tränen gerührt. Grabesstille war es in der Kirche gewesen, die Worte des Priors dröhnten an den Gewölben. Hie und da stöhnte ein gequältes Frauenherz. Isolde hörte alles. Zu Lebzeiten ihres Gatten war sie oft eifersüchtig gewesen, jetzt aber schien es ihr wie geteiltes Leid, wenn ihn auch andere Frauen beweinten. Wie konnte es auch anders sein? Vierzig Jahre lang war er ein Hagestolz. Er hatte viele Frauen geliebt, und da er ein Mann war, der von den Frauen nie vergessen wurde, war es rührend und schön, Schwestern im Leid zu haben. Sie war aufrecht hinter dem Sarg hergegangen, aufrecht und stolz, mit der Reinheit des Eheweibes. …Seht her! Ich bin die Einzige, die er zu Recht geliebt hat, bis in den Tod. Den anderen war das natürlich nicht entgangen und sie verbeugten sich ehrfurchtsvoll vor ihr.

Giovanni war ein Mann, der die Tugend und das Laster genau kannte. Bei Tag war er der helle in der Nacht der dunkle Ehrenmann, er war ein richtiger Kerl, über den man manches erzählte. Aber in den Tagen der Trauer hatte er sich wunderbar benommen, deshalb war ihm Isolde auch sehr dankbar und sie war froh, sobald sie seine Schritte erkannte. Oft kam er mit seinem Dichterfreund Carletto, um sie zu zerstreuen. Er kam mit dem grimmigen Erzgießer, vor dessen Auge ein Ding nur Gnade fand, wenn es sich trinken oder einschmelzen ließ. Er nahm den Goldschmied und dessen Sohn Lupo mit, der Doktor der Rechtswissenschaft war, ein ernster, schöner, junger Mann. Isolde sprach wenig, wenn diese Männer bei ihr waren. Sie liebte es den klugen Gesprächen zuzuhören. Die Schilderungen des Dichters oder Lupos kurze, treffende Berichte aus der Stadt. Dann hatte sie ein wenig Freude und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Beim heiligen Cyprianus! Ihr habt das Lächeln noch nicht verlernt! Ich glaubte schon ihr seit dem schwarzen Schleier näher als dem weißen!“ rief dann einer aus der Runde. Der Gute wusste noch nichts von ihrem Schwur. Sie dachte aber weder daran ins Kloster zu gehen oder wieder zu heiraten, sie dachte überhaupt nichts. Sie war alleine und niemand konnte ihr helfen. Wenn so geredet wurde, schrie Giovanni „Mir schäumt die Galle,… mein Alter sitzt immer noch auf Paliano, während die besten Männer sterben!“ und er hieb mit den Sporen auf den Fußboden, sodass sein Freund, das Bein packen und wieder befreien musste.