Israel! Freue Dich! - Baldur Airinger - E-Book

Israel! Freue Dich! E-Book

Baldur Airinger

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Beschreibung

Welcome my son, welcome to the machine. Where have you been? It's alright we know where you have been. You've been in the pipeline, filling in time. Provided with toys and scouting for boys. You bought a guitar to punish your ma. And you didn't like school and You know you're nobody's fool. So welcome to the machine. Welcome my son, welcome to the machine.

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Seitenzahl: 616

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„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts,

leben muss man es vorwärts.“

Sören Kierkegaard

Inhalt

Prolog | Rosenheim

Crazy | Lied von Gnarls Barkley

Amen! | Habt Vertrauen!

Kapitel 1 | Das elfte Mädchen

Kapitel 2 | Schmetterlinge

Kapitel 3 | Der Auftrag

Kapitel 4 | Visionen

Kapitel 5 | Miserere Mei Deus

Epilog | Literatur und Dank

Prolog | Rosenheim

Wer von Euch kennt Rosenheim?

Liebliche Landschaft, geformt von Gletschern in grauer Vorzeit.

Achtsam geschwungen.

Die Zeit hat euch geschaffen.

Und nun scheint alles still zu stehen.

Auch mein Atem stockte, könnt’ ich euch bald wieder sehn.

Vertrautes Tal, Hügel, von Sonne oft so hell beschienen, magisch von mächtigen

Bergen umrahmt liegst träumend du geschützt im Nest, das ein Geheimnis birgt.

Es kommt ein Adler still heran geflogen.

Kein Steinadler, auch kein Fischadler.

Dieser Vogel ist mächtiger als alle, er kommt von weit her, aus dem Ort

Friedrichsruh und gleitet hoch in den Wolken über Seen, Berge und Täler,

Landschaften, wild und unbewohnt, dunkel, rau, dann sieht er die Sonne, fliegt

mitten hinein ins Glück an diesem Tag.

In Rosenheim.

Der Adler taucht ein.

Streift ab sein mächtiges Gefieder.

Sinkt zur Erd hernieder.

Seele.

Du bist mein!

Crazy

„I remember when, I remember, I remember when I lost my mind

There was something so pleasant about that place

Even your emotions have an echo in so much space

And when you’re out there, without care

Yeah I was out of touch

But it wasn’t because I didn’t know enough

I just knew too much

Does that make me crazy?

Does that make me crazy?

Does that make me crazy?

Possibly

And I hope that you are having the time of your life

But think twice

That’s my only advice

Come on now, who do you

Who do you, who do you

Who do you think you are?

Ha ha ha, bless your soul

You really think you’re in control?

Well

I think you’re crazy

I think you’re crazy

I think you’re crazy

Just like me

My heroes had the heart

To lose their lives out on a limb

And all I remember, is thinking

I wanna be like them

Mmhmm ever since I was little

Ever since I was little it looked like fun

And it’s no coincidence I’ve come

And I can die when I’m done

But maybe I’m crazy

Maybe you’re crazy

Maybe we’re crazy

Probably ooh hmm”

© Gnarls Barkley

Amen! | Habt Vertrauen!

Weihnachten 1901 in Neuhaus an der Pegnitz.

Ich erinnere mich noch genau an diesen einen Morgen im Dezember.

Die Temperaturen lagen schon lange unter Null und die Pegnitz war zugefroren aber der Schnee wollte nicht kommen.

Das war nun gar nicht gut für einen Jungen für mich.

Endlich wollte ich Figuren bauen aus dem wunderbaren weißen Werkstoff, sehnte mich nach einer heftigen, atemberaubenden Schneeballschlacht mit meinem Bruder Karl, wenn der mal wieder an den Weihnachtsfeiertagen zu Besuch kam.

Er hatte telegrafiert, er käme mit seiner Freundin Lisa. Vorher hatte er ein Foto von dem Fräulein geschickt. Fünfzehn war sie, schwarzhaarig und hatte verborgene feine, asiatische Züge.

Ich kann gut in Gesichtern lesen und erkannte auf Anhieb, nur von dem Foto, ihr aufrechtes, freundliches Wesen. Es war nicht durch Stolz verstellt, durch Eitelkeit oder Überheblichkeit.

Wahre Schönheit kommt von innen.

Lisa war nicht geschminkt. Das wusste ich genau. Obwohl das Foto schwarz-weiß war. Eine Daguerrotypie.

Ich sah weniger ihr ungeschminktes Antlitz, mehr spürte ich ihre Art mit meinem Herzen.

Darin war ich immer schon gut.

Mit dem Herzen verstehen. Eine Gabe der Götter. Denn Liebe ist die stärkste Kraft im Universum.

Das hat Onkel Harry gesagt. Und ich glaube ihm.

Immerhin ist er ein Kenner der Kabbalah.

Aber der Schnee kam nicht und so saß ich da auf einem Stein am Ufer des Flusses, auf einer alten, ordentlich zusammengefalteten Pferdedecke, die mir Otto, einer unserer Hausangestellten, aufgezwungen hatte.

„Wenn du dich nicht fügst, gehe ich zu deiner Frau Mama und erzähle es ihr!“. Damit hatte Otto mir gedroht. Otto Nierkens. Unser Chauffeur.

Erst wollte ich mit gehobenem Kinn unwillig „Sie haben mir gar nichts zu sagen“, wiedergeben, aber dann nahm ich mich zusammen und erkannte, dass mein geliebter Otto vor mir stand und nicht der Direktor des Gymnasiums, der mich kürzlich rausgeworfen hatte.

Mir war nicht kalt auf dem Stein. Ich schaute auf das Wasser, das unter der Eisdecke sich seinen Weg durch das Flussbett bahnte und weiterhin unaufhörlich sprudelte, plätscherte und gluckste.

So muss auch ich meinen Weg weiter gehen.

Wenn ich auch auf Widerstand stoße, bei Direktoren, Lehrern oder bei Papa, der immerhin Diplomat der Krone ist, muss ich achtsam sein und meinen Weg gehen.

Ich bleibe mir treu.

Jedenfalls kann ich von mir behaupten, dass ich als kleiner achtjähriger Rotzlöffel schon einem Diplomaten der Krone Paroli biete, was nicht einmal seine engsten Untergebenen wagen!

Ich hab schon echt was auf’m Kerbholz!

Aber wenn ich in die Wolken starre, in den schneegrauen Himmel, wird mir klar, dass es mit meiner Macht und Willenskraft nicht weit her sein kann, wenn weder meine Mutter, noch der Himmel sich von mir befehlen lassen.

Mama bitte ich immer, dass sie mich so lieb in den Arm nimmt, dass ich es auch merke!

Ihre Liebe!

Immer legt sie ihre Hände auf meinen Rücken wie kalte Putztücher und ihr Körper hängt um mich wie ein klammer nasser Feudel.

Warum?

Wieso ist diese Kälte in ihr, wenn sie mir begegnet, sie ist zögerlich, weicht mir geistig aus und geht mir körperlich aus dem Weg.

Ebenso Vater.

Meinen beiden Eltern muss ich hinterher rennen, damit sie mit mir kommunizieren!

Nur Onkel Harry nicht. Der kümmert sich um mich. Und interessiert sich für mich.

Oft träume ich hier, mal von letztem Jahr, als wir in der Synagoge alle Jahresfeste feierten. Nürnberg ist eine schöne Stadt und liegt in der Nähe.

Als ich mir von meinen Eltern zum Geburtstag wünschte, dass wir am Plärrer in den Zug einsteigen, haben sie mir den Wunsch erfüllt.

Wahrscheinlich, weil ich kurz vorher hohes Fieber hatte und krank war.

Natürlich ging es nach einem Bummel in Fürth wieder zurück!

Wirre Träume quälten meine Kinderseele, ich war in einem Bett und hatte Fieber. Fett lag ich da, apathisch, wollte nur raus aus meinem Körper, der schon fast versteinert, alt und mir zur Last geworden war. Wollte zu Johanna, meiner Frau. Wieder hatte ich mich überfressen.

Als der Arzt vor meinem Bett stand und erneut Vorträge über Fasten und Zurückhaltung in der Kost halten wollte, hob ich nur stumm die Hand und gebot ihm Schweigen.

Ich bin ein Fossil, ein altes Reptil, ich fossilisiere gerade, dachte ich, aber als ich darüber lachen wollte, brannte mein Brustkorb so heftig, dass mir Tränen kamen.

Mein treuer Bucher stand daneben und schwieg auch. Wieder hatten wir uns gestritten, weil er angab, ich tät in meinen Memoiren Lügen.

Meine Sicht ist meine Sicht. Wir sehen alle die gleiche Welt, die gleiche Szene, die gleiche Speise, aber niemand sieht sie mit meinen Augen!

Ich sehne mich nach Haus.

Johanna.

Ich träumte außerdem von einer Zeit, von einem Leben in einem anderen Körper in einem Land, in dem es sehr warm war. Ob es da auch Schnee gab?

Auf jeden Fall saß ich damals ebenso auf einem Stein bei einer Wiese, so wie jetzt hier am Fluss und hütete die Schafe. Damals gab’s auch einen kleinen Bach in der Nähe, doch ich weiß nicht mehr, ob der einen Namen hatte. Mein Plätscherfluss mit Eisdecke hier heißt Pegnitz. Oder Pengertz.

Wie die Alten sagen.

Wie ein Hirte sitze ich hier. Ich erinnere mich, ich war schon einmal Schafhirte gewesen, da hieß ich Mohammed.

Und ich erinnere mich an ein anderes Leben und an den Riesen!

Damals, als ich Schafe hütete, war es warm, angenehm und mein Name war David. Unser Land, wo ich meine Tiere hatte und mit der Herde in einer Hütte bei der Sippe wohnte, lag ganz nahe beim Palast unseres Königs Saul. Da will ich gern mal hin. Besonders, wenn der wieder mit seinen Feinden kämpft. Ich will einen Freund bitten, auf die Herde Acht zu geben, wenn ich mich da mal hin schleiche. Wenn keiner was merkt.

Vater, Mutter und meine Geschwister streiten sich immer nur mit mir, meine Herde aber muss in guten Händen sein, wenn ich zu Saul gehe.

Und dann, dann will ich den Riesen sehen, von dem sie sprechen.

Goliath.

Er ist Philister. Ein großer Mann und großer Krieger. Ein guter Feind.

Wenn man einen respektablen Feind besiegt, sagt Onkel Harry, hat man einen respektablen Sieg errungen. Wenn man einen jämmerlichen Feind besiegt, hat man einen jämmerlichen Sieg errungen.

Jämmerliche Feinde sind alle in der Außenwelt.

Schieße nicht auf Spatzen! Vergeude nicht dein Pulver! Heb’ dir deine Kraft für die wahren und wichtigen Kämpfe auf.

Das sind die in deinem Herzen. Das sind die in deiner Brust. Besiege dich selbst und du hast den höchsten Sieg errungen!

Als er das zu mir sagte, klopfte mir mein Onkel auf die Brust und sah mich mit eindrücklichem, feurigem Lächeln an. Aufmerksam blickte ich in seine Augen. Er ist weise und klug. Und willensstark. Und gütig.

So will ich auch sein!

Habt Vertrauen!

Israel, freue Dich!

Ich bin zurück gekehrt.

Einst war mein Name Siddharta.

Dann nannten sie mich Jesus.

Sie nannten mich auch Mohammed.

Mein Name war Jakob. Und David. Und nun bin ich zu Euch zurück gekehrt, um zu vollbringen eine Oblatengabe und um ein altes Versprechen einzulösen. Es ist fast dreitausend Jahre alt.

Amen! Ich sage Euch! Habt Vertrauen! Denn immer bin ich bei Euch!

Immer bin ich unter Euch!

Immer bin ich da!

Ich bin der „Ich bin da!“

Ich bringe Heil und Frieden.

Bald.

Doch bis dahin ist noch ein langer Weg und der Pfad ist schmal.

Eng ist die Pforte, die zur Erlösung führt und wenige sind’s, die sie finden.

Ist mein Werk vollbracht, so wird die Pforte weit sein für die ganze Welt und mein Licht wird für alle leuchten.

Ob der Schnee noch kommen wird?

Still und ganz bei mir selbst blicke ich hinauf in den Himmel.

Nun will ich Euch erzählen, wie alles begann!

Kapitel 1 | Das elfte Mädchen

1899 in einem hübschen Privathaus in Berlin-Friedenau.

Als ich meine Mutter zum ersten Mal in meinem Leben sah, hab’ ich sie geschlagen. Zweimal. Einmal ins Gesicht. Einmal auf die Brust. Ich war drei Jahre alt und meine Eltern kamen nach drei langen Jahren, die ich bei meinen Pflegeeltern lebte, aus Haiti zurück. Vater hatte dort Arbeit gefunden, er war Kolonialbeamter der Krone.

Aber ich will nicht über Vater erzählen. Zurück zu mir.

Die Tat geschah am Bahnhof, direkt nachdem sie aus dem Zug gestiegen waren, meine Eltern.

Hille Graf, meine Mami, meine Ziehmutter also, die mich sicher auf dem Arm trug, hatte mich fast fallen gelassen, ihr Griff um meinen Körper löste sich für einen kurzen Moment, dann fing sie sich wieder und damit auch mich.

Wenn ich an diesen Augenblick denke, gerate ich derart in Zorn und Verzweiflung, dass ich etwas zerstören muss, um wieder ruhig zu werden.

Irgendwann kann ich vielleicht erklären, was mich zu diesem heftigen Gefühlsausbruch bewogen hat. Mir selbst erklären. Und anderen Menschen.

Heute weiß ich nur eins: Mutter, meine leibliche Mutter also, gab mich sofort nach meiner Geburt weg.

In eine Pflegefamilie.

Die Grafs waren sehr christlich und gewöhnten mir ab, Dinge zu zerstören.

Nicht mit Gewalt.

Mit Verständnis, Vertrauen, Liebe und Fürsorge brachten sie mir bei, meinen „Unmut“, wie sie sagten, in Phantasie, Kunst und Kreativität umzuwandeln.

Kunst wollte ich immer schon machen.

Am zehnten Geburtstag meiner Schwester Olga ist es nun so weit. Ihre Freundinnen toben durch das Haus. Acht Mädchen hat sie eingeladen. Plus meine Schwester Paula. Zehn Kinder, hat Ma gesagt.

Aber ich, ich bin der Herr im Haus, wenn Vater nicht da ist. Zwar habe ich einen acht Jahre älteren Bruder, aber er studiert irgendwo und ist kaum bei uns daheim.

Heute ist der 16. Januar und ich bin noch nicht bereit, meine Vorherrschaft abzugeben. Mein eigener Geburtstag ist gerade mal vier Tage her und da hat sich die Welt um mich gedreht. Ich will sie in ihrem Tanz nicht stoppen.

Letztes Jahr ging es genau so zu. Da hab’ ich mich heimlich in die Küche geschlichen, als unser Hausmädchen Cäcilia kurz im Keller neuen Honig holen war.

Ich hatte daran genascht, damit das Glas leer wurde und sie runter musste.

Als ich allein am Backtisch war, habe ich Tinte in den Krug mit frischem Brombeersaft gegossen, die ich mir extra dafür zu Weihnachten gewünscht und auch bekommen hatte. Der Brombeersaft war natürlich von Cäcilia aus eingekochten Brombeeren vom letzten Jahr aus dem Vorgarten selbst gemacht und für die Geburtstagsfeier meiner Schwester bestimmt.

Alle, die davon getrunken hatten, bekamen schwarze Zähne und Olga berichtete noch zwei Wochen später davon, dass auch die Zahnärzte von Friedenau nichts daran machen konnten.

Mein Onkel ist selbst Arzt und hat nur gesagt:

„Ich kann euch ja kein Bleichpulver kauen lassen!“

Natürlich haben sie mich verdächtigt, denn es war nicht der erste Streich solcher Art, der von mir gekommen ist. Sie kennen mich ja. Aber ich hab nur geschwiegen und keinen Mucks zugegeben.

Meine Schwester hätte mich mitspielen lassen sollen, auch wenn ich kein Mädchen bin.

Olga tut mir in gewisser Weise sogar leid, sie kann ja nichts dafür, dass sie nun einen Bruder hat, der als erster im Jahreslauf Geburtstag feiert. Im christlichen Jahreslauf. Nicht Rosch Haschana.

Ich nehme mir von den verschiedenen Religionen einfach alles, was mir am besten passt. Im Grunde, weiß ich sicher, sind sie eh alle gleich.

Rosch Haschana, den jüdischen Jahresbeginn haben wir auch schon gefeiert.

Gemeinsam. Hier in Berlin. Es war schön. Und einige Tage später hatten Olga und Paula in ihrer Schule eine Aufführung, zu der Olga, die eine Stufe höher ist als Paula, sich eine Perücke besorgen musste.

Sie haben irgend ein Theaterstück gespielt.

Olga musste eine blonde Kurzhaarfrisur tragen und wollte sich das Haar natürlich nicht schneiden lassen. Sie ist halt ein Vollblutmädchen.

Ich habe Menschen in vier Gruppen eingeteilt: Mädchen, Jungen, Jungen-Mädchen und Mädchen-Jungen.

Jungen-Mädchen sind mutige, wilde und phantasievolle Mädchen, die ihren eigenen Willen haben und auch durchsetzen.

Mädchen-Jungen sind wie der wackel-Hansi, wie ich einen unserer Nachbarsjungen nenne, weil der sich immer von den andern Jungs hin- und herschubsen lässt. Ich lass ihn in Frieden. Ist mir zu blöd, den armen Kerl zu ärgern.

Olga ist handfest und lässt sich nichts gefallen, sie kann aber auch sehr nett und verständnisvoll sein und ich schaffe es nicht, sie zu provozieren. Sie bleibt immer ruhig. Wenn’s ihr keinen Spaß mehr macht, mit mir zu spielen, sagt sie mir das und geht einfach weg.

Dass sie so nett ist, hält mich aber nicht davon ab, sie zu fragen, ob sie uns für eine Mark was Süßes vom Bäcker mitbringt. Als sie fröhlich raushüpft und nur noch „Tolle Idee, Hermann, ich bring dir Ballen mit“, ruft, als sie schon fast aus der Tür ist, kann ich in ihr Zimmer schleichen und die Perücke entwenden. Sie zu fragen ist mir zu brenzlig. Wenn sie ‚Nein’ sagt, wäre es zu schade.

Aus einem Floristengeschäft habe ich mir neulich Pflanzdraht besorgt. Teuer war der nicht, aber ich musste mir ein paar kniffelige Antworten einfallen lassen, als mir die Frau einige doofe Fragen stellte, wofür ich das Zeug brauche.

Mir ist was Plausibles in den Sinn gekommen und jetzt habe ich drei Meter Draht, um mir damit ein Flügelpaar zu basteln.

Um meinen Willen zu kriegen, ist mir jedes Mittel recht. Damit ich mit den anderen Kindern spielen kann, werde ich sogar zum Mädchen.

Meine Mutter kann mir das nicht verbieten. Meiner Schwester hat sie auch dieses Jahr erlaubt, zehn Kinder einzuladen. Nun ist Olga aber nicht ihr eigener Gast.

Oder sagt man bei Mädchen ihre eigene Gästin?

Sagt man bei der Bezeichnung „weiblicher“ Instrumente auch die „Flötin“, die „Geigin“ oder die „Gitarrin“?

Mädchen auf der Straße kann ich mit solchen Scherzen zur Weißglut treiben. Da stellt sich schnell heraus, aus welchem Holz sie geschnitzt sind. Aber Paula und Olga lächeln nur und sind vielleicht ein bisschen amüsiert. Sie kennen halt meine Witzchen schon.

Ist die Straße, auf der wir wohnen, jetzt auch die Fregesträßin?

Mama hab ich letztens fast zum Weinen gebracht, als ich lässige Sprüche über ihre feministische Bewegung abließ. Immerhin hat sie zwei Männer, das können sich in Indien nur die Frauen von allerhöchstem Adel leisten, wie Papas Universal-Lexikon verlauten lässt. Ma ist bei mir jetzt Inderin und von der Schminke, die ich mir zum letzten Karneval gewünscht hab, malte ich ihr sofort ein kleines rotes Auge zwischen die Augenbrauen.

„Das ist dein Drittes Auge, du bist Brahmanin!“, habe ich ihr erklärt und glaubte felsenfest, dass die Erklärung ausreichen würde, um sie davon zu überzeugen, dass dies Merkmal würdig sei, den ganzen Tag getragen zu werden. Kurze Zeit später hatte sie es jedoch abgewischt und als ich mein Missfallen darüber bekundete, nur gelächelt und den Kopf geschüttelt.

Egal, was letztes Jahr war, ich habe jetzt mit der Schminke was vor, und zwar werde ich eine Elfe. Olgas Freundinnen wurden mit der Bitte eingeladen, verkleidet zu kommen, ihr Geburtstag steht unter dem Thema „Elfenwald“.

Die Mädchen sind für zwölf Uhr bestellt. Ich weiß es, denn ich habe Olga ja gemeinsam mit Paula geholfen, die Karten zu schreiben. Meine Schrift sei sehr schön, hat sie gesagt. Finde ich auch.

Ich beschließe: Ich bin heute an ihrem Geburtstag der zehnte Gast und das elfte Mädchen!

Nach dem gemeinsamen Mittagessen lasse ich mir noch nichts anmerken. Alles ist jedoch bereit gelegt und ich habe meine Verkleidung schon erprobt.

Dabei war ich sogar richtig nervös, hab ich erstaunt festgestellt.

Als alle in Olgas Zimmer sind und ich von draußen hinter der verschlossenen Zimmertür der Mädchen ruhiges Geschnatter höre, habe ich mich fertig geschminkt und verkleidet. Wandfarbe, ein alter Bettbezug, Nähgarn, Nadeln, Draht habe ich gebraucht, um mir Flügel wachsen zu lassen, große, hell blaue Flügel.

Die Perücke steht mir ausgezeichnet. Mit Mas in Seidenpapier gewickeltem, sehr teuren Lippenstift habe ich mir nur den Mittelteil des Mundes geschminkt, also nicht die Mundwinkel. Zwei rote schmale Linien, exakt bis zur Kante der hellen Haut die Lippen entlang. Mein Gesicht und den Hals habe ich mir komplett weiß gepudert und die Augenbrauen überschminkt. Dafür zieren jetzt weit oben auf der Stirn zwei winzige schmale Linien mein Antlitz anstelle meiner echten Augenbrauen.

Es sieht schön aus. Ich muss das unbedingt öfter machen. In einer von Vaters Zeitschriften habe ich mal eine Frau gesehen, die auch so geschminkt war.

Da fällt mir etwas ein. Ich nehme Mas weißen Sonnenschirm mit Rüschen und ihre weißen Handschuhe, dazu die kleine Handtasche und das Opernglas aus ihrem Zimmer, während sie mit Vater fort ist und hänge mir die Sachen über den linken Arm. Ihren Fächer trage ich offen in der linken Hand. Einen weiten Kimono falte ich mir aus dem alten Gardinenstoff aus Cäcilias Nähzimmer. Und die rote Kordel dient, um das Gewand wie das einer Geisha zu drapieren, so wie auf dem Bild in der Zeitschrift, die unten auf dem Telephontischchen im Flur liegt.

So herausgeputzt mit blondem, schulterlangem, koketten Haarschnitt öffne ich jetzt mit heftig klopfenden Herzen die Zimmertür meiner Schwester in der Hoffnung, dass sie nicht verriegelt ist. Doch alles ist gut. Mit einem Schwung geht die Tür auf.

„Happy Birthday!“, rufe ich laut und öffne dabei den Sonnenschirm.

Die Mädchen glotzen erschrocken, einige bringen sogar einen Schrei heraus.

Innerlich freue ich mich. Darauf habe ich es angelegt.

In Sekundenschnelle erfasse ich, dass alle Mädchen nur Kleider tragen, mit oder ohne Spitze, aber keine hat Hörner, spitze Ohren, Pusteln, eine Knollennase, oder was man sonst noch in einem Elfenwald erwarten könnte.

Olga liegt mit einem anderen Mädchen auf dem Boden und steckt die Nase in ein Schnittmusterheft. Ich weiß, was sie da macht. Sie wünscht sich ein Balettkleid von Cäcilia und zeigt ihrer Freundin den Entwurf.

Ich schließe den Regenschirm, zeige damit auf Olga und rufe: „Hände hoch, das ist ein Überfall! Ich kriege sofort all eure gute Laune, oder es gibt Ärger!“

Olga atmet heftig durch und fasst sich an den Hals, als wolle sie ihren Puls fühlen um festzustellen, ob sie noch lebt. Es gibt dort eine Ader, die Carotis heißt, glaube ich, damit macht man das.

Nun stütze ich mich auf dem Schirm ab, beuge mich weit vor und frage leise, aber mit sehr viel Betonung in der Stimme: „Na, habt ihr mich immer noch nicht erkannt?“

Ich hebe meinen Rock, unter dem ich natürlich noch meine normale weiße Kniebundhose mit weißen Kniestrümpfen darunter trage und nun beginnen die Mädels wirklich zu schreien.

„Raus, Hermann!“, ruft Paula, aber ich grinse und gebe nur ruhig zur Antwort: „Nun bleibt alle mal locker. Wie man sieht, habt ihr kaum Phantasie und wisst nicht, was ein guter Elfenwald als Kostüm verlangt. Ich bin die Hübscheste von euch und als solche finde ich, hab’ ich es verdient, zu bleiben!“

Alle reden durcheinander.

Nach einer Weile hat sich die Lage entspannt und Olga meint: „Du darfst eine halbe Stunde hier bleiben, wenn du uns was auf dem Klavier vorspielst, keine Dummheiten machst und uns für den Rest des Tages in Ruhe lässt.

Abgemacht?“

Ich überlege kurz und nicke dann.

„Ist gut,“ sage ich und frage Olga nach ihren Moldaunoten. Beim Klavierunterricht lerne ich gerade das Stück von Friedrich Smetana. Eine Passage davon liebe ich ganz besonders. Den Satz von der Jagd.

Das spiele ich zuerst. Mit den weißen Handschuhen. Mit einer eleganten Bewegung hebe ich meine Flügel an, damit ich mich nicht darauf setze und sie nicht verknicken. Anmutig nehme ich auf dem Klavierhocker platz und drapiere mein Kleid darüber.

Als ich mich etwas in mein eigenes Spiel eingestimmt habe, nehme ich auf einmal wahr, wie die Mädchen sich an meiner Gegenwart nicht mehr stören und sich ruhig weiter über ihre Themen unterhalten. Sie scheinen mich zu akzeptieren und ich finde es schön. Nur darf ich sie nicht darauf ansprechen, sonst mache ich die Situation kaputt.

Nach vierzig Minuten spreche ich Olga an.

„Du, die halbe Stunde ist schon lange rum,“ bemerke ich.

Meine Schwester schaut zur Uhr.

„Ja gut, dann geh jetzt.“ Ich winde mich elegant aus meinem Sitz und stehe auf.

„Auf Wiedersehen,“ sage ich mit einem vollkommenen Knicks in den Raum, leicht geneigtem Kopf, gesenktem Blick und schüchternem Lächeln.

Erstaunt nehme ich zur Kenntnis, dass sie jetzt nur noch lächeln oder auch: „Auf Wiedersehen,“ antworten.

Mit meiner behandschuhten rechten Hand winke ich diskret zum Abschied, halte die Linke leicht angewinkelt an meine linke Schulter und verlasse rückwärts den Raum, ohne den Mädchen meinen Rücken zu zeigen.

„War das wirklich dein Bruder?“, höre ich noch in dem Augenblick, als ich Olgas Zimmertüre hinter mir leise verschließe.

Den Rest verstehe ich nicht mehr, denn nun geht’s erst mal eine Etage höher in meinen eigenen Raum, um mich zu sammeln.

Zwischen den Modellen von Lilienthals Fliegern aus Lichterfelde, die neben meinem Bett im Regal stehen, muss ich mich nach diesem Abenteuer besonderer Art erst einmal wieder neu spüren. Zufrieden, mit heftig pochendem Herzen und hoch aufgeregt lasse ich mich auf mein großes Bett fallen, das in der linken hinteren Ecke des Raumes beginnt und bis mitten in mein Zimmer ragt.

Nun hole ich tief Luft und rekapituliere das Geschehene.

Mit meinem Auftritt als Mädchen, als Geisha, habe ich die Gäste meiner Schwester gut erschreckt. Selbst Olga hat es kalt erwischt! Sie war nervös, weil sie nicht wusste, was ich tun würde und bang war, dass ich ihre Feier schmeiße auf die eine oder die andere Art.

Entweder ich kriege die vollkommene Aufmerksamkeit oder ich mache alles kaputt, so kennt mich meine Familie.

Heute habe ich jedoch nur die Trägheit und allgemeine Zimmerruhe zerstört, sonst nichts. Olga und Paula können stolz auf mich sein.

Zufrieden mit meinem eigenen Werk atme ich bewusst durch. Ich spüre meinen Körper, meine Leibes- und Lebenskraft. Muskulös, sehnig, drahtig bin ich, dynamisch, bedrohlich wie ein Panther, schnell und gewandt. Aggressivität und Zorn, Ungeduld und Grimmigkeit sind meine Wesenszüge und doch stelle ich erstaunt fest, dass es mich mit besonderer Genugtuung erfüllte, in die weibliche Rolle zu schlüpfen.

Interessant dabei finde ich, ich musste mich gar nicht sehr dafür anstrengen.

Es war ein seltsam vertrautes Gefühl, als hätte ich dies nicht zum ersten Mal getan! Mir war, als sei ich der Hauptcharakter eines Märchens, und zwar im männlichen mit dem weiblichen Sinne vereint!

Als wäre ich ein Held und gleichsam eine Heldin und hätte etwas völlig neues erschaffen! Was ist mein Geheimnis?

Das Geheimnis einer wahren Helden- und Heldinnenreise ist, an sich selbst zu glauben, was immer auch geschieht!

Das stimmt! Ich glaube wahrhaft an mich selbst, welches Schicksal mir auch immer widerfahren mag!!

Venus ruft mich! Onkel sagt, sie müsse bald in einer seltenen Konstellation erscheinen!

Hier beginnt alles!

Mich wie ein Mädchen fühlen, das habe ich schon öfter getan, nur nie derart bewusst! Vorsichtig nehme ich mein Flügelkostüm ab und lege es auf den Boden.

Im Spiegel betrachte ich mein blondes Haar, die zart rot geschminkten Lippen, meine anmutigen Augenbrauen, den weißen, unschuldigen Teint des Todes.

Weiß ist in Japan die Farbe des Todes. Ich bin innerlich als Junge gestorben, um wieder neu aufzuerstehen als etwas völlig neuartiges, um wieder geboren zu werden als etwas größeres, als sich die Welt heute vorstellen kann!

Vielleicht werde ich ja mal als Mädchen wiedergeboren, denke ich aufgeregt, während ich langsam und bewusst die Kordel um meine Taille fühle.

Vor meinem großen Spiegel bewege ich mich ein wenig hin und her. Der hatte mich bisher stets nur als Offizier gesehen, Husar, Kämpfer der Infanterie oder Artillerie, Napoleon war ich. Napoleon bin ich. Cäsar auch.

Vielleicht war ich in einem früheren Leben, bevor ich mich als Gaius Julius Cäsar inkarnierte, ja durchaus auch mal eine Keltin oder ein Kelte, wer weiß?

Meine Flanke drehe ich zum Spiegel.

Ich grinse mir teuflisch zu und ziehe meinen Bauch ein. Da ist eh nicht viel dran, hager bin ich. Den Brustkorb strecke ich weit heraus, meinen Po biege ich leicht nach hinten und schaue tatsächlich, geschminkt wie ich noch bin, mit Gardine wie ein Brautkleid um den Leib und roter Kordel darum, aus, wie eine hübsche Jungfrau, die sich heiß und innig nach ihrem Bräutigam sehnt.

Ich habe mich mit mir selbst vermählt und in mir sind nun die Gegensätze aufgehoben, die Seiten der Dualität wieder vereint. Ich bin Maitreya!

Zu einer Einheit bin ich geschmolzen, habe mich selbst geschmiedet, heiß im Verlangen nach unendlicher Macht und Erlösung bin ich den Weg der Mitte gegangen und habe gesiegt. Ich bin befugt, die Splitter des zerbrochenen Kruges zusammen zu fügen. Ich bringe Tikun Olam!

Hier beginnt alles.

Entzückt und von mir selbst berauscht werfe ich mir einen Luftkuss durch den Spiegel zu. Ich bin schon ein faszinierender Anblick, mit meinen hell blauen Augen, meinem durchdringenden Blick, der hohen Stirn und meinen ebenmäßigen Gesichtszügen, roten Lippen, schulterlangem Haar, eine schmale, weißhäutige Blondine!

Wie eine Diva nach dem Auftritt nehme ich Platz an meinem Schminktisch vor dem Spiegel, setze zuerst die Perücke ab, wobei mir klar wird, dass meine Schwester sich nicht beklagt hat, dass ich sie entwendete!

Wahrscheinlich habe ich die Mädchen derart in meinen Bann gezogen, dass ihnen die Absonderlichkeit meiner Frisur nicht in den Sinn gekommen ist.

Nachdem ich die Gardine samt Kordel abgelegt habe, meinen Geisha-Kimono, sehe ich mein Spiegelbild und erkenne den besonderen Reiz, der in meinem Anblick liegt: Ein zartes, anmutiges Mädchengesicht, schlanker, weißer Hals und Nacken, darunter ein wilder, rauer Naturbursche, fast schon ein Männeroberkörper, über der nackten Brust die Hosenträger, welche durch meine Brustmuskeln etwas von meinem zähen Körper abstehen. Ich lasse einen Hosenträger gegen meine bloße Haut schnippen, spitze den rot gefärbten Mund und schaue dabei böse drein wie Mara, der Versucher!

Dämonisch blitzen meine Augen im Licht der Abendsonne.

In diesem Moment zieht an meinem Fenster ein Schwarm Wildgänse vorbei, der zu den Seen oder einem Stadtgraben fliegt. Im Formationsflug ziehen sie an unserem Haus vorüber.

Gedankenverloren schaue ich den Tieren hinterher.

Gänse! Wie die Mädchen eben. Auch sie habe ich für kurze Zeit im Formationsflug gehabt!

Es gibt eine Schrift, die heißt „Siegen ohne Kämpfen“ und stammt von einem Autor namens Sun Tsu. Auch er bringt Gänse in einen Formationsflug. Die Haremsdamen kichern über die Befehle dieses Generals und wollen nicht gehorchen. Nachdem er ihre Anführerin getötet hat, gehorchen sie aufs Wort.

Auch er hat wilde Gänse gezähmt und in den Formationsflug gebracht.

Ich fühle tief in meinem Herzen, dass ich einst dieser Sun Tsu war, der General, der die beste und tauglichste Kriegsschrift verfasst hat zu Strategie und Taktik, wie sie im russischen Reich seit Jahrhunderten studiert wird.

In meinem Leben als Napoleon kannte ich sie nicht und war dennoch brillant.

Die Weisheit des Sun Tsu hat mir das Genick gebrochen sowie mein zorniger, friedloser und nachtragender Charakter. Ich hätte Alexander von Russland nicht angreifen dürfen. Erst Russland. Krach! Daneben ging die Kugel! Dann sofort Leipzig. Krach!!

Wieder daneben.

Muss ich ja noch mal versuchen, ein Schlag reicht ja nicht!

Hermann beruhige dich, sage ich mir, wir sind nur für eine Sache hier auf der Erde: Um zu lernen!

Das Gelände beachten, es ist von zentraler Bedeutung für den Hergang der Schlacht. Natürlich wusste Alexander das. Er hatte ja Sun Tsu gelesen. Ich hatte zwar Späher ausgeschickt hinter die russischen Linien aber auch die konnten in wenigen Wochen nicht annähernd ermessen, wie majestätisch weit dieses Land ist.

Und dann warnt der General davor, dass es eine ernstzunehmende, unausgesprochene Botschaft der Kritik an die oberste Heeresleitung ist, wenn die Soldaten die Köpfe zusammen stecken. Ich habe das seit Monaten übersehen.

Mein Fehler. An meinen Niederlagen ist niemand anders schuld, außer ich.

Entspannt streiche ich mir durch mein eigenes Haar, die Perücke liegt auf meinem Tisch wie bei einer echten Schauspielerin.

Ich werde als Frau wiedergeboren und werde Schauspielerin, beschließe ich in diesem Moment!

Alles, was mich auf meiner Reise durch die Zeit antreibt ist mein stets wachsender Drang nach Ruhm, Erkenntnis, Herrschaft, unbeugsamer Kraft, nach Heil, meinem eigenen Heil, nach Welterlösung und unendlicher Macht!

Höchste Macht ist die Einheit des weiblichen und des männlichen reinen Potenzials in mir selbst, erkenne ich jetzt.

Dieses Abenteuer hat mir wahrlich Spaß gemacht!

Mit Fettcreme und einem Baumwolltuch schminke ich langsam mein Gesicht, Hals und Nacken ab. Dabei werde ich ganz ruhig und kann innerlich verarbeiten, was ich soeben erlebt hab. Sicher geht es Schauspielern nach einem Dreh genauso.

Hier in Berlin gibt es ja viele Schaubuden, Kinematographen, Lichtspieltheater.

Mein Onkel Hermann finanziert sogar eins. Schauspieler möcht ich mal werden, ich finde, ich habe das Zeug dazu. Wer als Mann überzeugend eine Frau darstellen kann, kann alles spielen!

Verwundert stelle ich fest, es war weder schwierig, noch schlimm, ein Mädchen zu sein.

Kapitel 2 | Schmetterlinge

1890 auf Burg Neuhaus in Neuhaus an der Pegnitz.

Es ist der achte Mai, der Geburtstag meiner Schwester Paula.

Vater und Mutter sind ebenso überrascht, wie wir Kinder. Von Onkel Hermann haben wir ein Geschenk bekommen. Nicht nur Paula, die heute ihren zehnten Geburtstag feiert. Tja, wir Kinder sind alle im Internat, die Mädchen in Berlin, ich soll bald nach Fürth kommen. Auch Albert, mein kleiner Bruder und meine beiden Schwestern sind oft nicht daheim bei den Eltern und so sehen wir uns meist an den Geburtstagen oder Jahresfesten. Aber das ist nicht so schlimm, rede ich mir ein. Meist recht erfolgreich, denn dadurch zanken wir uns kaum. Streit und oft heftige Prügeleien hab ich mit den Jungen in der Straße schon genug, da brauch’ ich keinen Zoff mehr zu Hause.

So weit ich weiß, haben sich Olga und Paula nie gestritten, zumindest nicht, wenn ich dabei bin.

Ob das bei meinen Eltern genau so ist, ob sie sich nur streiten, wenn wir Kinder nicht dabei sind, auch Karl nicht, der Älteste von uns?

Genug Grund zum Streiten hätten sie ja.

Vater duldet seit Jahren, dass Mama die Geliebte von Onkel Harry ist. Nicht heimlich, sondern in aller Öffentlichkeit. Was er in seinem tiefsten Herzen darüber empfindet, hab ich noch nicht herausgefunden. Sicher jedoch ist eins: Wir haben ihn alle lieb, unseren Onkel Harry. Er hat unserer Familie ein ganzes Schloss geschenkt. Deshalb feiern wir heute Paulas Geburtstag in unserem neuen Heim, welches noch nicht fertig eingerichtet ist, um darin zu wohnen.

Betten hat es noch nicht, auch keine Schränke, Tische und Stühle aber es ist ja Mai und schon ziemlich warm und wir sind glücklich alle beisammen. Das ist seltener, als ein vierblättriges Kleeblatt zu finden.

Für mich hat die Burg, auf der wir hier gerade eingetroffen sind, überhaupt das wichtigste, einen Garten und darin einen großen Sandkasten. Der ist riesig und besteht einfach aus Sand in einem sehr großen, viereckigen Holzrahmen, der in den Boden eingelassen ist.

Selbst der Fröbelkindergarten in Fürth, wo ich drei Jahre lang gewohnt hab, hat nicht solch einen prächtigen Sandkasten gehabt, wie wir ihn jetzt hier auf der Burg haben.

Ich bin der erste, der direkt darauf los marschiert und mitten in dem herrlichen Wüstenland Platz nimmt. Eingenommen habe ich das neue Spielgebiet wie ein Territorium eines gegnerischen Fürsten im Mittelalter.

Er gehört jetzt mir und als mein Bruder Karl heran geschlichen kommt und sich auf die Kante setzt, um mir zuzuschauen, wie ich die Kraft meines Geistes in den Sand treibe und ihn in meine Formen gieße, betrachte ich Karl nur kurz argwöhnisch.

Dann spiele ich weiter.

Heute ist es endlich so weit und wir können bald hier einziehen, sagt Onkel Harry zu Papa gewandt.

Mama nimmt auf der Schaukel platz und ihr weißes, langes Rüschenkleid verwandelt sie in meiner regen Phantasie in eine heilige Frau aus den alten Mythenkreisen. Sie wird zu Frau Holle, zu Ishtar oder Isis, während sie sich im Lauftraum hoch hinauf und wieder nieder schwingt.

Nun im Sand tief mit meinem Geist versunken, erinnere ich mich, dass ich schon mal hier war. Vielleicht vor zwei Jahren. Onkel hatte das Grundstück gerade neu gekauft und einen Vertrag unterschrieben oder so, er sagte, das sei das wichtigste.

Was Erwachsene immer so reden. Naja, damals war es jedenfalls, als ich zum ersten Mal diese Bilder sah, die irgendwie nicht wirklich sein konnten. Dafür fühlten sie sich aber sehr echt an.

Ich will mich daran erinnern.

Erinnern ist überhaupt das allerwichtigste! Das ist, was ich als Kind so mache, ich erinnere mich.

Ich erinnere mich an die Schmetterlinge.

Elfen.

Engel?

Vielleicht beides.

Wie von Zauberhand geschaffen schweben elfengleiche Wesen um mich.

Sie sind groß, manche klein im hellen Sonnenlicht.

„Ich sehe viele Schmetterlinge, Mama!“

„Ja? Schön, mein Schatz!“

Mama lächelt mich an.

Sie berührt mich mit ihrer schlanken Hand sanft an meiner Schulter.

Ich kann mitten in ihr Herz sehen.

Und erschauere.

Still betrachte ich ihre feingliedrigen Finger.

Meine Schulter.

Entlang ihres eleganten Armes wandert mein Blick aufmerksam zu ihrem Gesicht.

Sie schaut mich tatsächlich einmal an!

Ich will den freundlichen Ausdruck ihrer Augen fangen und festhalten.

Genau wie die Schmetterlinge.

Gerade Mutters Mimik ist mir so kostbar wie ein seltenes Fluginsekt, das stark, mächtig und doch zart und zerbrechlich wirkt wie eine Fee aus einer anderen Welt.

Obwohl ich jetzt fünf Winter zähle, kenne ich Mutter erst seit zwei Jahren.

Bis zu meinem dritten Geburtstag war ich beinahe ununterbrochen in Pflegefamilien daheim.

Musste Mama so lange mit Papa weg sein, in der Ferne, auf der Arbeit?

Sie hätte bei mir bleiben sollen.

Ich will, dass sie jetzt für immer an meiner Seite ist!

Alles will ich an ihrem Blick aufsaugen, diesem kurzen Moment der Begegnung, den sie mir schenkt, in dem sich der Raum in meinem Herzen öffnet und sie mir echte Freude bereitet.

Mama gilt jetzt meine ganze Aufmerksamkeit.

Ich will sie lieben!

Mit meiner kindlichen Seele sehne ich mich nach ihrer Aufmerksamkeit.

Nach ihrem verstehenden Herzen. Ich will, dass sie auch mich liebt.

Keine Macht habe ich über sie.

Nichts in der Welt kann Mama dazu zwingen, mich anzusehen.

Mich anzusehen und mich dabei auch wahrzunehmen.

Und bei mir zu bleiben.

Wann – wann darf ich die Liebe, die Flamme Deines Herzens spüren?

Ich kann’s ihr nicht befehlen!

Dafür hasse ich uns alle.

Ich hasse Mutter, weil sie mich nicht liebt, wie in meiner Zeit als Napoleone, da ihre süße Seite stets souveräne Strenge war.

Immer noch entzieht sich ihre Seele meinem Sinn, windet sich ihr Herz aus meiner Hand, ich vermag es nicht zu greifen gleich diesem Schmetterling.

In ihrer Umarmung liebt Mutter mich leidenschaftlich wie ein feuchter Feudel.

Ihre Blicke gleiten von mir fort.

Wieder zu Hermann, ihrem Freund.

Der auch noch meinen Namen trägt.

Oder habe ich den Seinen?

Hier auf seiner Burg – hier auf meiner Burg in Franken kann ich wenigstens leben, wie früher.

Als ich König der Franken war.

Auch damals gab es Schwierigkeiten mit meiner Mutter.

Hier kann ich frei umher laufen und Karl der Große, kann wieder Nobunaga oder Buonaparte sein, wie in meinen früheren Leben, in die ich klar hinein sehen kann.

Bonaparte.

Frei.

Spielend.

Ohne Mauern, die mich verbannen.

Hier sind Mauern, die mich beschützen!

Abgeschoben war ich als Kind auch.

Drei lange Jahre.

Die Menschen waren freundlich zu mir. Dennoch blieb ich Gast.

All dies ist mir wohl bewusst. Ich betrachte mich und meine Leben, erkenne alles ganz behutsam und genau.

Auch als Napoleone war ich am Ende meines Lebens ein von der Gemeinschaft Ausgestoßener.

Kalt.

Hart.

Ohne die Liebe meiner Leute.

Heute weiß ich, dass es allein an mir ist, ihnen treu zu sein.

Damals aber war ich nur verbittert.

Warum schieben sie mich weg?

Die Franzosen! Mama!

Hasst Ihr mich?

Es kommen wieder Schmetterlinge.

Viele sind schwarz und rot.

Andere bunt.

Sie sind schön.

Aber meistens bedrohlich.

Manchmal, wenn ich sie sehe, sitze ich dabei zunächst auf einem schmucklosen Holzstuhl.

Obwohl ich mich gut konzentriere, erkenne ich alles nur verschwommen.

Sie liegen vor mir auf dem einfachen Holztischlein.

Flach.

Wie aus Papier.

Und wir sind in einer Zelle.

Ein Mann ist bei mir.

Ich bin erwachsen.

Dann.

In meinem Tagtraum.

Doch nun beginnen sie sich aus den Papierseiten zu erheben.

Lösen sich sanft ab.

Schweben.

Um mich.

Groß.

Ruhig.

Würdevoll.

Bemessen schreite ich um sie herum.

Sie sprechen auch zu mir.

Sanft höre ich ihre Stimmen.

Wie aus der Ferne fragen sie:

„Wer bist du?“

Ich stehe nur da und weiß keine Antwort.

Als kleiner Junge, der ich bin.

Soll ich ihnen meinen Namen sagen?

Aber was ist schon ein Name?

Schall, der vergeht.

Ich zeige euch meine Seele, denn sie ist ewig.

Die Sonne blendet.

„Mama, siehst du die Schmetterlinge, Mama?“

„Wo sind sie denn, mein Schatz?“

Sie sieht mich an!

Ich tauche in ihren Blick ein.

Vollkommen.

In ihr Herz einzutauchen, wage ich nicht.

Darin ist mir zu kalt.

Mir ist zu kalt im Herzen meiner Mutter.

Friere ich immer, wenn ich mich dort hinein begeben habe, ganz, mit all meiner Lust, mit all meinem Mut, mit all meiner Liebe?

„Hermann?“

Meine Mutter lächelt mich an.

Ich neige den Kopf etwas zur Seite. Dann lächele ich auch.

Ich werde sie nie wieder gehen lassen!

„Sie sind – um mich herum. In meinen Gedanken. Ich will sie fangen. Aber sie sind viel zu schnell.“

Ich bohre meinen Stock in den Sand vom Sandkasten, an dessen anderem Ende mein älterer Bruder auf dem Holzrand hockt und auf einem Zweig herum kaut.

Ich will eine kleine Sandburg bauen.

Später.

Aus unserem geräumigen Sandkasten klettere ich zu Mama, die auf Onkel Harrys Schoß auf der Schaukel sitzt.

„Fängst du mir einen?“, frage ich Mama und sehe ihr fest in die Augen.

Mama lacht.

Sie lässt die Hand ihres Freundes los.

Erhebt sich von der Schaukel.

Tanzt um mich herum.

Mit ihrem langen weißen Kleid.

Sie fängt Löcher in die Luft.

Klatscht dabei rhythmisch in die Hände.

Heute, in diesem Augenblick, ist sie gut aufgelegt.

„Komm, wir fangen Schmetterlinge,“ singt sie.

Du kannst sie nicht fangen. Sie sind hier drin, in meinem Geist.

In meinem Kopf.

Einen Augenblick betrachte ich sie hart und abwertend.

Aus meinem Antlitz ist alle Liebe gewichen.

Gewalt spiegelt sich in meinem Blick.

Meine Augen reflektieren die Kälte ihres Herzens.

Dann ermahne ich mich, sie lieb zu haben, wie sie ist und ihr Spiel mit zu spielen.

Sie will nur freundlich sein, denke ich und gebe mir einen Ruck.

Ich lache und hüpfe hinter ihr her.

In meine Hände klatschend.

Für diesen Moment habe ich die Schlacht gewonnen:

Ich habe das Herz meiner Mutter erobert!

Kapitel 3 | Der Auftrag

Sommer 1903.

In einem Internat in Franken.

Gelangweilt schnitze ich an der Holzkante meines Pultes, während Lehrer Grünrath schwärmerisch über die Karolinger parliert.

Eine hübsche Krone habe ich ins Tischlein geritzt.

Ich betrachte sie lange und ausgiebig.

Sie gefällt mir.

„Hermann!“

Die Stimme des Lehrers donnert durch den Klassenraum.

In Gedanken versunken habe ich gar nicht bemerkt, dass die anderen Jungen schon eine Weile zu mir herüber starren.

Schnell falte ich geschickt mit einer Hand, mit meiner rechten Hand, mein kleines Messer zusammen, trete aus der Bank heraus, stelle mich daneben auf und nehme Haltung an. Bin den Ablauf schon gewohnt. Dies ist nicht meine erste „Höhere Lehranstalt“. Aus zwei Gymnasien bin ich schon ’rausgeflogen.

Andauernd lege ich großen Wert darauf, schnell zu reagieren, mich aufmerksam zu verhalten, nur wohl nicht immer dann, wenn es die Erwachsenen wünschen.

Meine Kameraden der Sexta sind oft so träge, da ist selbst ein Alpengletscher schneller.

„Jawohl, Herr Lehrer Grünrath!“, entgegne ich mit sicherer, lauter Stimme und bohre meinen festen Blick in des Lehrers sentimentale Augen.

„Hast du da ein Messer, Hermann?“

Erst antworte ich nicht.

„Nun?“

Grünrath versucht, drohend drein zu schauen.

„Und wenn es so wäre?“, kontere ich, senke leicht den Kopf und grinse ihn verschlagen an.

„Komm nach vorne!“

An der Fensterseite in der siebten Reihe sitze ich in der Bank außen, nicht im Gang.

Ich balle meine rechte Faust um mein Taschenmesser.

Mein Patenonkel hat es mir geschenkt. Wahrscheinlich, um sich meine Gunst zu kaufen.

Immerhin ist er der Freund meiner Mutter.

Auf meinem Weg nach vorne zum Podest des Lehrers komme ich an meinem Mitschüler Anton vorbei, der ein paar Reihen vor mir sitzt.

Er streckt den linken Fuß heraus und will mir ein Bein stellen, dass ich falle.

Aber instinktiv – eine Bewegung seines Oberkörpers – habe ich gewusst, dass er dies tun wird.

Ich kenne ihn und bin vorsichtig.

Aufmerksam schaue ich auf seinen vor mir hin gestreckten Fuß.

Plötzlich sehe ich viele nackte Füße.

Ich muss blinzeln, mir wird schwindelig und ich merke, wie die Panik, die Angst sich meiner bemächtigen will, doch ich ringe sie mit aller Macht nieder. Dafür muss ich mich an etwas festhalten.

Die Füße sind hager, leblos, liegen wie tot da an Bergen von Körpern.

Ich sehe meine Füße. Sie werden ein Teil von dem Bild. Mein Körper liegt nackt zwischen den Massen von Körpern. Dürr. Leblos. Weiß. Kalt. Erstarrt.

Ich merke, wie mein Herz einen Krampf bekommt und mir der Atem stockt.

Schnell zwinge ich mich, heftig einzuatmen.

Schwer nach Luft ringend suche ich den Blick von Anton.

Mit hart geballten Fäusten halte ich mich fest an seinem Blick.

Dieser gibt mir Kraft in meiner Verzweiflung und weil ich nicht verstehe, warum ich plötzlich lauter Leichen, nackte dürre Körper in der Todesstarre, lauter Füße sehe, gebe ich Anton die Schuld daran.

Ich trete ihn brutal von oben gegen sein Schienbein, dass sofort Tränen in seine Augen steigen.

Mein strafender Blick haftet unerbittlich an den zitternden Fenstern seiner Seele.

Ich warte, bis Anton sein Bein einzieht und gehe anschließend gerade aufgerichtet bis vor den Lehrer.

Als der etwas sagen will, strecke ich meinen rechten Arm aus.

In meiner Faust ist immer noch mein Messer, das zwar ziemlich breit aber so klein ist, dass es komplett in meiner Hand verschwindet.

Ich deute mit nach vorn gestrecktem Zeigefinder auf das Bild, welches der Herr Lehrer Grünrath für den heutigen Tag am Kartenständer aufgehängt hat, hole einmal tief Luft und beginne zu sprechen: „Albrecht Dürer hatte keine rechte Ahnung von Karl dem Großen, denn selbst als Kaiser besaß Karl keinen Reichsapfel. Auch der Mantel stimmt nicht. Dürer hat Karl den Großen hier offensichtlich in seine eigene Zeit übertragen. Dies ist bei der bildlichen Darstellung historischer Anlässe und Persönlichkeiten oft als Stilmittel geschehen, beweist jedoch auch die Unkenntnis des Albrecht Dürer über das frühe Mittelalter.“

Nun nehme ich meine rechte Hand runter, lege sie vor meinen Bauch, die Linke darüber „Der Künstler hat das Bild hier in Nürnberg gemalt, um 1513, glaube ich. Auch die Stadtgründung Nürnbergs erfolgte sicher nach dem Tod Karls des Großen,“ fahre ich mit meinem Vortrag fort.

Er ist ein Ablenkungsmanöver.

„Wenn wir dieses Bild betrachten, kann es uns keinen realistischen Eindruck des dargestellten Herrschers vermitteln,“ erkläre ich unter innerer Hochspannung, jedoch so weit ich mich in der Gewalt zu haben vermag, mit ruhiger, klarer Stimme.

„Außerdem,“ setze ich meine Rede fort, „wurde Karl der Große nicht in Aachen, wie Sie sagten, sondern in Alt – Sankt Peter in Rom zum Kaiser gekrönt. Die heutige Sankt – Peters – Kirche in der heiligen Stadt wurde etwa zur Zeit Martin Luthers erbaut.

Karl wurde im Jahr 800 in Alt – Sankt Peter von Papst Leo dem Dritten erst gesalbt und dann gesegnet, und zwar so – “ Schnell stecke ich mein Messer in meine Hosentasche und lege mich lang ausgestreckt mit nach rechts und links gerade ausgebreiteten Armen, meine Handflächen flach mit geschlossenen Fingern gerade auf den Boden, Beine und Füße geschlossen und eben hingestreckt.

Ich schließe meine Augen.

Plötzlich erinnere ich mich an Mutters Photographie – Alben von Vaters Arbeit in Haiti, die sie mir letztes Jahr an Weihnachten zeigte.

Und an die Daguerrotypien von einer Reise durch Indien.

Dort sah ich Männer mit Punkten auf der Stirn, bei denen ich immer an Pupillen denken musste.

Sie hatten seltsame Augen. Die „Pupille“ in der Mitte wirkte auf mich wie ein „drittes Auge“.

Ruhig und tief atmend trinke ich mit dem Punkt zwischen meinen Augen auf meiner Stirn die Kühle des Steinbodens.

Ich küsse ihn.

Niemand kann es sehen.

Bevor mein Lehrer seine Fassung wieder gewinnt und mich ansprechen kann, erhebe ich mich zügig, stelle mich wieder in korrekter Haltung vor ihn hin.

„Ich hatte mich mit meinem Kopf zu Ihnen hin ausgerichtet. Die Himmelsrichtung stimmt nicht. Richtig ist nach Osten,“ bemerke ich ruhig.

„Albrecht Dürer wurde im Mai 1471 in Nürnberg geboren und starb auch dort im April 1528,“ beende ich meinen Vortrag.

Drohend betrachte ich Lehrer Grünrath und schließe meine Rede in schneidendem, verachtenden Tonfall mit den Worten: „Mein Patenonkel, der Arzt ist und manchen der Jungen in meiner Klasse hier schon geheilt hat, hat eine Kopie dieses Werkes im Hauptsaal seiner Burg hängen. Ich hasse es, denn es ist falsch. Karl der Große, König der Franken, kannte keine Reichsinsignien, wie wir sie heute kennen,“ ruhig atme ich ein und dann betont langsam aus und setze hinzu, indem ich meinem Lehrer herausfordernd in die Augen sehe:

„Wollen Sie mir vorwerfen, ich hätte Ihnen nicht zugehört?“

Im Klassenraum ist es still.

Der Lehrer Grünrath schaut vom Tafelbild zu mir hin und her.

Sein Atem geht hastig.

Ich hebe mein Kinn, prüfe kurz seinen Blick und schreite ohne Worte wieder zurück auf meinen Platz.

Eine Woche später lässt mich Vater zu sich zitieren und stellt mich zur Rede.

Extra um mich zu sprechen ist er zu meinem Onkel gefahren, wo ich mit Mutter wohne.

Ich kenne das schon.

Muss erst etwas verbocken, um Vater mal sehen zu können. Sonst kommt er nicht hier her.

Nicht einmal, um seinen alten Freund Harry zu besuchen.

„Hermann. Ich habe vom Direktor deines Internats ein Schreiben erhalten, nach dem du dich vor dem Lehrer Grünrath lang auf den Boden gelegt hättest. Ist das richtig?“

Ich nehme Haltung an und sehe meinem Vater in die Augen.

Sehr beschäftigt wirkt er. Müde. Abwesend mit seinen Gedanken. Obwohl ich direkt vor ihm stehe, ist er immer noch nicht ganz bei mir.

Ich hingegen konzentriere mich total auf ihn.

„Jawohl, Herr Vater, das ist richtig,“ antworte ich.

Nicht einmal ein „Na, Hermann, wie geht es dir?“ hat er rausgerückt.

Er kommt direkt zur Sache. Wie immer.

Die Weihnachtstage sind eben vorbei. Oder Ostern. An den Festen treffen wir uns. Auch an den jüdischen Festen. Da sind alle beisammen und Vater ist nett.

Aber reserviert.

Ich frage mich, warum erwachsene Menschen eigentlich Kinder in die Welt setzen, wenn sie sich dann doch nicht für sie interessieren. Manchmal denke ich, ich leiste hier auf der Erde ab, was ich abzuleisten habe und dann gehe ich wieder.

Was hält mich hier? Im Grunde nichts.

„Warum machst du so etwas?“

„Wir sprachen über die Königssalbung Karls des Großen 768 in Noyon zum König der Franken,“ rette ich meinem Lehrer in den Augen meines Vaters die Ehre, denn Herr Grünrath hat behauptet, Karl sei in Aachen zum König gesalbt worden.

„Ich habe Herrn Lehrer Grünrath gezeigt, wie das geht!“

Ruhig und gefasst schaue ich meinen Vater weiter lächelnd an.

Ich bin einfach froh, dass er jetzt da ist.

Dabei wundere ich mich, dass Vater nichts von Anton erwähnt.

Ganz klar habe ich damit gerechnet, von der Schule verwiesen zu werden.

Was würde das schon ausmachen?

Hier auf der Burg habe ich Bücher zu lesen, von denen sicher unsere Oberprimaner nichts wissen. Friedrich Nietzsche finde ich spannend.

Besonders fasziniert mich sein „Wille zur Macht“.

In Onkel Harrys Bibliothek kann ich mich weit ausgefeilter über wichtigere Themen bilden, als die Schulen es mit ihrem Unterricht vermögen, der außerdem ständig von Störungen unterbrochen wird.

Und wo es Lehrer gibt, die die jüngere Vergangenheit in der Geschichte oft verfälscht wiedergeben. Immer macht es mich wahnsinnig, wenn ein Lehrer eine Klasse dazu ermuntert, sich in Otto von Bismarck hinein zu versetzen.

Niemand, der nicht meinen Geist hat, der nicht meine Sorgen, Ängste und Seelenqualen kennt, vermag sich in meine Gefühle, Gemütsverfassung und Gedanken hinein zu versetzen!

Niemand!

Das ist zwar traurig, aber es ist die Wahrheit.

Im Geiste seh’ ich sie noch kämpfen bei Sedan.

Niemand auf der Welt weiß, dass Otto von Bismarck, dass er die Seele Karls des Großen ist, dass er Karl der Große war. Und Napoleon! Niemals waren in Wahrheit Deutschland und Frankreich Gegner! Niemals! Es wechseln nur Ansichten, Meinungen, Positionen, Menschen zu formen zu Nationen.

Weiterhin schmerzt es mich, ständig die Lobpreisungen General Blüchers ertragen zu müssen, wo er es doch war, an dem ich letztlich in meinem Leben als Napoleon gescheitert bin.

Insgeheim freue ich mich natürlich für ihn. Als alter Preuße, der ich bin.

Aber wer, außer mir, kann dies verstehen?

Aus Büchern und von meinen Ausflügen in die Gegend um die Burg, auf der ich hier zu Hause bin, solange Vater sich mit Onkel Harry gut versteht, weiß ich mehr vom Überleben in der freien Natur, vom Körperbau des Menschen, des Wildes.

Vom Segeln. Über Wappenkunde. Von den Ländern, Flüssen, Kontinenten.

Von Carl von Linné aus Schweden und der zoologischen Taxonomie, über die Geschichte der Waffen, der Feuerwaffen, der Geschichte und Aufstellung der Regimenter nicht nur Preußens, sondern der gesamten Welt.

Ich habe mit Onkel Harry unseren Monarchen besucht, da mein Onkel dessen Leibarzt ist.

Ich war in Berlin mit meinem Vater und habe gelernt, zu verstehen, dass Straßenbahnfahren gefährlich und Untergrundbahnfahren abenteuerlich ist und wie traurig das Leben der armen Leute ist, der Arbeiter und ihrer Kinder, die oft nichts als die Hinterhöfe im Schatten vieler hoher Häuser sehen, in denen sie elend mehr hausen, als dass sie darin leben.

Vom Bogenschießen weiß ich nicht nur aus Büchern, denn mein Onkel schenkte mir zum Geburtstag einen Bogen aus Eibenholz, den er von einem geheimen Baumeister hat bauen lassen, wie er sagt.

Axtkampf, Messerkampf und dessen Historie, Anfertigung von Klingenwaffen, Steinwaffen, dem Handwerk überhaupt, Hüttenbau aus Lehm, Holz, Wänden aus Weidenzweigen, von Dächern, die mit Gras oder Reet beziehungsweise Schilfrohr gedeckt sind, mit all solchen Sachen kenne ich mich ganz gut aus. Alles will ich wissen über die Welt. Gern zunächst einmal in der Theorie, aber lieber noch in der Praxis.

Ich will mal einen Riesenmarder sehen. Einen echten, lebendigen in seinem Jagdrevier. Mit ihm fühle ich mich seelenverwandt!

Ich warte darauf, die große Welt zu entdecken. Bis es so weit ist, lese ich hier von der Jagd, der Notfallversorgung bei Verletzungen, vom Herstellen einfachen Werkzeuges, vom Bauen eines sicheren Unterstandes in der freien Natur bei Hitze, Eis und im Regen. Vom Feuermachen im Freien ohne vorgefertigte Hilfsmittel.

Ich glaube, ich habe mir selbst bisher mehr Wissen und Kenntnisse beigebracht, als die Schule es vermochte.

Zunächst blickt mein Vater irritiert über meine Aussage, dann lächelt er zurück.

„Komm, setz’ dich zu mir,“ sagt er, steht vor dem Ofen.

Ich setze mich auf die breite Ofenbank an den Kamin, der jetzt aus ist, weil Sommer ist.

„Weiter schreibt Grünrath, du hättest einen Jungen getreten.“

Also doch.

„Das habe ich schon abgebüßt. Ich hatte zwei Tage Arrest.“

„Was ist geschehen?“

„Mein Klassenkamerad Anton Schilling hat mir ein Bein gestellt, als ich zum Lehrer kommen sollte,“ antworte ich wahrheitsgemäß.

Doch dann lüge ich: „Da muss ich wohl drüber gefallen sein.“

„Der Direktor schlägt vor, dass Harry“ – so nennt Vater meinen Patenonkel, seinen langjährigen Freund Hermann, meinen Namensgeber – „sich Antons Bein ansieht. Anton hat ein großes Hämatom und eine offene Stelle am linken Schienbein und klagt über starke Schmerzen.“

Ich bekomme Angst.

Wenn Onkel Harry sich Antons Bein ansehen würde, stünde es schlecht um mich.

Als Arzt würde er sofort erkennen, dass es sich bei der Wunde nicht um ein zufälliges Stolpern als Ursache der Verletzung, sondern um gezielte Gewaltanwendung handelt.

Ich prüfe den Blick meines Vaters, stehe stramm vor ihm und erkläre mit fester Stimme:

„Mit Verlaub, Herr Vater!

Anton Schilling ist ein Feigling!

Ich möchte sagen, der größte Feigling des Internats!

Er ist nicht mutig!

Er ist kein Krieger!“

Mein Vater wirkt verwirrt. Auf dem Themenplatz des Krieges ist er unsicher. So kann ich ihn für diesen Moment von mir ablenken.

„Dann wollen wir mal hoffen, dass sein Bein heilt!“, sagt er und lächelt mir zu.

Ich lächele zurück und denke: Durch Hoffnung hat noch keiner eine Schlacht gewonnen.

Hätte Bismarck auf die Einigung des Reiches ausschließlich gehofft, er müsste heut noch hoffen.

Statt dessen veränderte er mit einem einzigen Brief das Geschick ganzer Völker.

Ich werde mir Anton zu einem geeigneten Zeitpunkt einmal vorknöpfen müssen.

„Na komm mal auf meinen Schoß,“ sagt Vater dann.

So was! Ich bin zwar noch keine Elf aber dafür, wie ein kleines Kind bei meinem Vater auf dem Schoß zu sitzen, deutlich zu alt.

Dafür müsste er selbst sich auch erst setzen.

Darüber hinaus erinnert mich Vater immer stark an den schon alternden Bismarck. Äußerlich natürlich. Weniger Haare hat er. Ähnlich dick ist er aber.

In seinem Inneren muss er wohl ein Schwächling sein, spricht der Hochmut aus meinem Kinderherzen. Weil er nicht für Mutter kämpft.

Noch immer nicht wage ich das „Dankeschön“, auf welches auch der Vater des Napoleon, Carlo, bis heut’ vergeblich wartet.

Oder bedeutet Männerfreundschaft, alles untereinander aufzuteilen, auch die Liebe zu den Frauen?

Niemand hatte mir je das Strammstehen beigebracht.

Als Krieger, der ich bin, vermag ich nicht auf des Fürsten Schoß zu sitzen.

Was ich aber kann, ist vor ihm Haltung annehmen.

Tief in meinem Inneren weiß ich, dass ich selbst die Seele dieses alten Reichskanzlers in meiner Brust trage.

Seine letzten knapp ein halbes Dutzend Lebensjahre waren meine ersten.

Beide fanden wir in dieser Zeit keine innere Ruhe.

In meinem Herzen war ich als „Otto von“ schon 1890 gestorben.

Denn, Niccoliò, du hast wohl vergessen, dass es des Fürsten Aufgabe ist, dem Volk zu dienen, denn er dient seinem König und dieser dient seinem Volk.

Er soll auch für die Arbeiter, für die Bauern und Unfreien da sein.

Das hatte ich offenbar auch schon vor dem 20. März des besagten Jahres vergessen. Aber ist es nicht genial, dass ich bereits als Napoleon das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen positiv beeinflusste?

Und irgend etwas in mir, meine Grausamkeit tief in meinem Herzen beginnt sich zu regen, erkennt die Weiten meiner Seele und den Grund meines Schmerzes, den ich als kleiner Bub schon spüre.

Vater, du hast Mutter mit dir genommen in den ersten Jahren meines Lebens.

Kein Land, kein Geschenk, kein Orden, keine Auszeichnung, kein Rang, kein Titel und sei er noch so ruhmreich, ja, würde er mich selbst über alle Völker der Welt erheben, nichts kann den Schmerz lindern, die Wunden heilen, die du in mein Herz geschlagen, als du mir Mutter fort nahmst.

Nie wage ich sonst diesen Gedanken zu denken.

Eine Schwäche muss sein, wo das Herz des Kämpfers an die Welt sich bindet.

Keinen Marmor, keine Mauern, keine Mutter darf meine Seele besitzen, denn ich bin frei, bin überall zu Hause, in der Natur, dem Wald, dem weiten, wilden Hain.

Doch gerade Mutter ist’s, die ich vermisse, die ich ersehnte, Jahre lang.

Ich hielt mich aufrecht, bewahrte meine Fassung.

Aber ach wie lange noch, wie lang vermag ich dies, bin doch nur ein Knabe.

Ein Bärschla mit hehren Zielen.

Ein kleiner Knabe, der sich schon viel einbildet. Aufmandeln geht immer!

Halt letztlich nur ein Knabe.

Mit einem weichen Herzen, das sich nach Liebe sehnt.

Nach Nähe, der Nähe meiner Eltern.

Und wo mein Vater da so lächelnd vor mir steht, da will ich ihn umarmen, mit meinem ganzen Wesen.

Doch ich halte mich zurück.

„Bitte, du zuerst,“ sage ich freundlich zu meinem Papa und deute auf die Ofenbank.

Er grinst mich an, hebt die Augenbrauen. Nimmt Platz.

Und ich – ich setze mich auf seinen Schoß.

Er kann ja gar nicht Bismarck sein, wenn ich es bin.

Und auch Otto war einst ein Knabe, so wie ich jetzt.

Ich bin selig.

In diesem Moment könnte Vater mich bitten, mir befehlen, mir verbieten, ihm gehört mein Herz und ich würde alles für ihn tun, was er verlangt.

Was soll’s – ich liebe meinen Vater mit meinem ganzen Herzen.

Ich verzeihe alle Fehler Dir auf einen Schlag. Besser jetzt als nie.

Schnell geht eine Lebenszeit vorbei.

Ein alter Kämpfer Japans sang mal ein vergessenes Lied, dass des Menschen Leben fünfzig Jahre daure.

Glück hat, wer so lange lebt.

Vater hat die Fünfzig längst überschritten.

Der Reichseiniger Japans, von dem ich viel gelesen in Onkels Bibliothek, der wurde 48.

Vielleicht werde ich dann ja 52!

Fünfzig Lebensjahre im Durchschnitt für jeden von uns!

Ich lache und denke, dass ich schon groß bin.

Schließlich fehlt mir nur etwas mehr als ein Jahr, dann bin ich wie Karl der Große mit 12 Jahren praktisch erwachsen.

Wann andere Menschen meinen, dass ich ihrer Meinung nach volljährig sei, kümmert mich nicht.

Was scheren mich deren Gesetze?

Leute waren ja nicht mal in der Lage, mich mehrere Jahre an ihrer Seite auszuhalten.

Leute wie meine Mutter.

Und mein Vater.

Wenn ich ehrlich bin, hat es mein Patenonkel am längsten mit mir ausgehalten.

Er hat mich auch entbunden, sagt Mama.

Aber er hat mir Mama weggenommen.

Ich möchte gern dieses ihm vergeben.

Ich weiß noch nicht, wie.

Vielleicht klappt es irgendwann, doch heute fühl’ ich: Das verzeihe ich ihm nie.

Innerlich bin ich zerrissen zwischen den Welten.

Zwischen den Menschen.

Wie kann ich meine Verzweiflung heilen?

Allein dadurch, dass ich einen Gegner habe, kann ich mich als Kämpfer und als Krieger definier’n.

Kann aufrecht gehen.

Kann gerade stehen.

Und er, mein lieber Onkel Harry, soll mein Gegner sein.

Er hat das Format dazu.

Er allein ist reich und hat Einfluss.

Ich kenne persönlich keinen mächtigeren Mann auf der Welt.

Er gibt mir Essen, Nahrung, Kleidung, gab mir mein Leben.

Meine Eisenbahn, meine Soldaten, Kostüme, Uniformen, Degen.

Ja, er ist wahrlich ehrenwert und achtenswert.

Wie Achilles einst die am meisten liebte, gegen die er am erbittertsten kämpfte: Du bist wie Hektor. Nur Du, Onkel, bist würdig, mein Gegner zu sein.

Krieg und Kampf, das sind mein Leben.

Macht ist mein Weg.

Suchen, forschen, töten, stets umher getrieben auf der Suche nach der nächsten Jagd.

Nur die Unruhe, Rastlosigkeit und niemals Reue sind’s, die in der Welt mich umtreiben, mich antreiben, mich am Leben halten, mich am Laufen halten, mich am Lieben halten.