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Die junge Kunststudentin Hanna stürzt auf dem Glatteis und wird von Thomas, einem wie es scheint charmanten jungen Mann, gerettet. Hartnäckig umgarnt er sie. Ihre Freunde und ihre Mutter sind begeistert von dem Traumprinzen und drängen Hanna ihr Herz für ihn zu öffnen. Wenn da nicht ihr Bauchgefühl wäre.... Soll sie auf die Anderen hören? Doch was dann? Findet Hanna ihr Glück? Wird sie mutig genug sein, um für sich selbst einzustehen?
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Seitenzahl: 446
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Ist dort Licht
am Horizont?
Lisa Weichsel
Impressum
Text: © 2022 Copyright by Lisa Weichsel
Cover: © 2022 Copyright by Lisa Weichsel
Verantwortlich für den Inhalt: Lisa Weichsel
Lektorin: Lisa Weichsel
Layout: Lisa Weichsel
Verlag: epubli-ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
ISBN: 9783756546312
Draußen ist es dunkel und kalt. Der Regen trommelt laut auf das Dach und an die Scheiben. Mein Mann atmet tief und gleichmäßig. Endlich ist er eingeschlafen. Erschöpft sitze ich im unbeleuchteten Schlafzimmer in meinem Lesesessel, der sich gegenüber von unserem Ehebett befindet und lege den Kopf in meine Hände. Ich möchte weinen. Keine Tränen der Traurigkeit, nein. Ich bin wütend, so unsagbar wütend. Wütend auf mich selbst, wütend auf die ganze Welt, aber die größte, mich fast verschlingende Wut empfinde ich gegenüber meinem Mann, der nun hier so friedlich schläft. Scheinwerferlichter erhellen von Zeit zu Zeit den Raum und geben den Blick auf den Rollstuhl und die Pflegeutensilien frei, die seit einiger Zeit nicht nur das von mir liebevoll eingerichtete Schlafzimmer, sondern das ganze Haus verunstalten. Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Wie konnte unser, mein Leben, derart aus den Fugen geraten? Wieder steigt diese Hitze von meinem Bauch, über meine Brust hinauf in meinen Hals. Ich versuche erneut zu weinen, denke, dass sich vielleicht so meine Gefühle etwas mildern lassen. Aber es geht nicht. Ein dicker Kloß sitzt in meinem Hals. Ich kann ihn nicht hinunterschlucken. Ich lausche dem Regen, der sich tröstlich anfühlt. Hätte ich in meinem Leben vielleicht einige Entscheidungen anders getroffen, mehr darüber nachgedacht, ob ich das wirklich möchte, würden wir wahrscheinlich jetzt nicht hier sitzen. Jedoch kann ich die Zeit nicht zurückdrehen. Zu meinem Unglück, habe ich nun die Konsequenzen dafür zu tragen. Habe ich das wirklich verdient? Mein Leben hätte so farbenfroh sein können. Betrachtet man es rückwirkend, war es eigentlich nur grau. Langweilig. Kontrolliert von einem anderen Menschen. Von einem Mann, den ich zwar schon auf irgendeine Art und Weise liebe, aber der und ich trau mich das gar nicht zu denken, nicht die Liebe meines Lebens war. Der nicht mein Herz zum Flattern brachte. Bei dem ich nicht halb Ohnmächtig wurde, wenn er mich küsste und berührte. Es war nicht diese bedingungslose, allumfassende Liebe, die sich jede Frau so sehr erträumt. Bei diesem Gedanken muss ich einen Schluchzer unterdrücken und mir kommen doch die Tränen. Doch diesmal nicht aus Wut, sondern weil ich wirklich traurig darüber bin, dass ich das verpasst habe. Je intensiver ich daran denke, desto mehr muss ich weinen. Aus Angst, dass ich Thomas wecken könnte, stehe ich auf und gehe aus dem Schlafzimmer. Ich taste mich durch den dunklen Flur und erreiche das Badezimmer. Meine Glieder fühlen sich bleischwer an. Ich habe das tiefe Bedürfnis mich in die Wanne zu legen. Kann ich es wagen? Er hat vor zwei Stunden seine Schlaftablette bekommen und meistens schläft er bis zum nächsten Tag durch. Wenigstens in der Nacht habe ich meine Ruhe. Vorsichtshalber gehe ich nochmal zurück ins Schlafzimmer und hole das Babyphone, dass ich mir im Internet bestellt habe, schalte es an und gehe zurück ins Bad. Die Türe lehne ich leicht an, falls Thomas doch erwacht, drehe den Wasserhahn der Badewanne auf und lasse das Wasser laufen. Ich wähle ein entspannendes Lavendelöl und gebe es hinein. Da Thomas meines Erachtens tief und fest schläft, flitze ich nochmal schnell in die Küche und schenke mir ein Glas Weißwein ein. Nachdem ich im Bad zurück bin, gehe ich zum Spiegel und schaue in das fremde Gesicht. Die Haare müssten dringend geschnitten werden. Ich hatte immer so einen schönen Pagenkopf, doch nun ist überhaupt keine Form mehr zu erkennen. Unter meinen Augen schimmern dunkle Ringe und meine Haut wirkt leicht gräulich, überhaupt nicht mehr frisch. Meine Falten haben sich gefühlt verdoppelt. Ich bin 45 Jahre alt und fühle mich wie Mitte sechzig. Seufzend wende ich mich von meinem Spiegelbild ab. Die Wanne ist vollgelaufen und ich drehe das Wasser aus. Nachdem ich meine Kleidung ausgezogen und feinsäuberlich zusammengelegt habe, steige ich in das heiße Nass. Ein kleiner Seufzer entfährt mir. Ich greife mein Glas, trinke einen großen Schluck bevor ich meine Augen schließe.
Es schneit und es ist stürmisch. Über Nacht ist quasi der Winter eingekehrt. Bibbernd ziehe ich den Schal noch enger um mich und stülpe meine Kapuze über den Kopf. Der Schnee peitscht mir von allen Seiten ins Gesicht. Gestern war noch der schönste Sonnenschein und 14 Grad und heute scheint die Welt unter zu gehen. Dicke, schwere, graue Wolken hängen am Himmel und entleeren sich. Der Wind weht so stark, dass sich die Schneeflocken wie kleine fiese Nadelstiche auf meiner nackten Haut anfühlen. Die Kirchturmuhr fällt mir ins Auge und ich erkenne, dass ich viel zu spät dran bin. Also klemme ich meine Tasche fester unter meinen rechten Arm und fange zu rennen an. Immer darauf bedacht nicht auf den glatten Straßen auszurutschen. Völlig außer Atem komme ich an der Universität an. Ich sprinte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend hinauf, reiße die Tür auf und lehne mich von innen erschöpft an die Glastür. Die große Uhr sticht mir ins Auge. Oh nein, meine Vorlesung läuft seit fünf Minuten. Daher nehme ich die Beine in die Hand und renne in Richtung Hörsaal. Dort angekommen öffne ich leise die Türe und versuche mich hineinzuschleichen. Hoffentlich bemerkt mein Dozent, Herr Lehmann nicht, dass ich unpünktlich bin. „Hey, Sie da. Ja, Sie da!“ Mit wutverzerrtem Gesicht deutet er auf mich. So ein Mist aber auch. Ich laufe knallrot an. Das tue ich leider immer. Es ist so eine nervige und überflüssige Angewohnheit. „Ich?“, frage ich ganz unschuldig und richte mich zu meiner vollen Größe auf. „Ja genau Sie. Oder sehen Sie vielleicht noch jemand anderen hier rumlaufen?“ Ich schüttle schuldbewusst den Kopf. „Wieso kommen Sie zu spät? Habe ich nicht schon ein paar Mal erwähnt, dass wenn Sie zu spät kommen, das gilt für alle, den Hörsaal nicht mehr betreten dürfen!“, ruft er wütend. „Doch das haben Sie. Ich habe es auch nicht vergessen, aber…“ „Sie haben es nicht vergessen? Und wieso in Gottes Namen stehen Sie dann hier und stören meinen Unterricht?“ Er schreit jetzt beinahe und läuft krebsrot an. Ich glaube die erste Reihe hat sogar einen Spucke-Regen abbekommen. Igitt. „Ähm“, stammle ich. „Naja. Ich dachte, wenn ich mich ganz leise reinschleiche, dann stört das Ihren Unterricht nicht und ich falle gar nicht auf. Aber dann gehe ich jetzt wieder. Es tut mir leid.“ Ich wende mich zum Gehen. „Stehengeblieben!“ Abrupt bleibe ich stehen und rechne mit dem Schlimmsten. „Da Sie jetzt eh schon mal da sind und meinen Unterricht gestört haben, können Sie auch dableiben!“, ruft er jetzt etwas weniger zornig. „Und für das nächste Mal bereiten Sie einen Vortrag über -Architektonische, perspektivische Dekonstruktionen in der italienischen Malerei um 1500- vor. Haben Sie verstanden?“ Das trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich werde nichts Anderes mehr tun. Tag und Nacht. Das ist ein sehr umfangreiches Thema und das in einer Woche ausarbeiten. Oh je. Wäre ich heute doch bloß in meinem Bett geblieben. „Ja mache ich.“, antworte ich geknickt. „So, und jetzt setzen Sie sich, damit wir endlich fortfahren können.“ Henri winkt mich unauffällig zu sich. Er sitzt in der Vorletzten Reihe. Das passt mir heute ganz gut. Nur weit weg von Herrn Lehmann. Wenn der Tag so weitergeht wie er begonnen hat, na dann prost Mahlzeit. Ich lasse mich lautlos auf den Sitz neben Henri gleiten. Mein Kopf sinkt mit einem kleinen leisen Seufzen in meine Hände. Er streicht mir zärtlich über meinen Rücken. Den Rest der Stunde bekomme ich nur am Rande mit. Ich bin in Gedanken schon bei meinem Vortrag. In der Mittagspause sitzen Henri und ich in der Kantine. Henri stochert gelangweilt in seinem Essen herum, das eher aussieht wie schon mal gegessen. Ich habe mir nur einen Apfel geholt. Mir ist vorhin irgendwie der Appetit vergangen. Gedankenverloren beobachte ich das Schneegestöber draußen. Es liegen bestimmt schon gute 30 Zentimeter Schnee. Wenn es nicht sogar schon ein halber Meter ist. Ist schwer zu erkennen von hier. „Also ich finde das echt ungerecht.“, stört Henri meine Tagträumerei. „Was findest du ungerecht?“ „Na also hör mal, was denkt der sich eigentlich. Das dein Tag 48 Stunden hat oder was? Wie sollst du bitte dieses Thema bis nächste Woche ausarbeiten?“ Ich lächle erschöpft. „Tja, da fragst du mich was. Du könntest mir ja helfen?“, frage ich voller Hoffnung. Henri zieht eine Augenbraue hoch. „Ach Herzchen. Du weißt, ich hasse es dich zu enttäuschen, aber ich glaube ich muss dein äußerst verlockendes Angebot leider ablehnen. Ich gehe heute Abend mit Jan zu einem unglaublich geheimen Event, nur für uns Männer, du verstehst was ich meine?“ Er zwinkert mir verschmitzt zu. Ich verdrehe die Augen und lache. „Und am Wochenende fahre ich mit Jan zu meiner Familie. Irgendwann muss ich ihn ja mal vorstellen. Jetzt drücke ich mich schon Monate davor. Aber nachdem mein Vater so schockiert auf mein Outing reagiert hat, war ich mir einfach nicht sicher ob er schon dazu bereit ist. Aber meine Mutter meint, dass sie Jan jetzt endlich mal persönlich kennenlernen will. Also fahren wir zwei Hübschen am Wochenende zu meinen Eltern. Man, was für eine Freude.“ Henri schmeißt seine Gabel auf das Tablett und schiebt es angewidert von sich. „Diese Plörre kann man ja nicht essen! Wie sieht es eigentlich bei dir aus? Irgendwelche heißen Männer am Start, die du mir vielleicht vorstellen willst?“, fragt er mich süffisant. „Du weißt ganz genau, dass ich für sowas keine Zeit habe. Ich muss lernen. Ich will den besten Abschluss von allen. Das weißt du. Da habe ich keine Zeit für solche Sperenzchen. Und jetzt muss ich zusätzlich diesen Vortrag ausarbeiten, also habe ich erst recht keine Zeit für Männer.“ Entschieden verschränke ich die Arme vor der Brust und lehne mich zurück. Henri zieht eine Augenbraue hoch. „Ein bisschen Spaß hat noch keinem geschadet. Vielleicht würde dir ein kleines Techtelmechtel mal ganz guttun, um den Stock aus deinem Arsch zu entfernen.“ Dabei lacht er so süß, dass man ihm kaum böse sein kann, für diese gemeinen Worte. „Du spinnst wohl. Ich habe überhaupt keinen Stock im Arsch. Ich bin total locker. Ich kann total cool sein!“ „Na klar“, sagt Henri und lacht schallend. „Du weißt das ist nicht böse gemeint, Herzchen. Ich liebe dich, so wie du bist. Aber ein bisschen Farbe würde dir nicht schaden.“ „Naja. Zum Glück bist du ja bunt genug für uns zwei“, kontere ich. Am frühen Nachmittag sind meine Vorlesungen vorbei und ich packe meine Sachen zusammen. Ich fühle mich schwer wie Blei. Aber es hilft ja nichts. Ich arbeite zweimal wöchentlich in einer kleinen Konditorei, die im 50er Jahre Stil eingerichtet ist. Das Publikum dort ist meist schon weit über die 60., aber die alten Leute sind immer so nett und ich arbeite eigentlich gerne dort. Anders kann ich mir auch die Miete für mein Studentenzimmer nicht leisten. Denn von zu Hause kann ich keinerlei Unterstützung erwarten. Mein Vater ist arbeitslos und sitzt den ganzen Tag vor dem Fernseher und trinkt ein Bier nach dem anderen und meine arme Mutter, tja, die rennt sich die Hacken ab, um die Miete bezahlen zu können. Und seit einem halben Jahr ist meine Oma auch nicht mehr wirklich fit, also muss meine Mama sich auch noch um ihre Mutter kümmern. Ich wohne leider zu weit entfernt und kann ihr da nicht groß unter die Arme greifen. Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich auch froh, dass ich aus dieser verrauchten und versoffenen Bude raus bin. Vielleicht bin ich ja einfach herzlos, aber ich kann einfach nicht anders. Zu tief sitzt der Schmerz. Meine Mama ist einfach unverbesserlich, denkt nach so vielen Jahren noch immer, dass sie meinen Vater ändern könnte. Obwohl er vor ungefähr 15 Jahren seinen Job als Manager einer großen Firma verloren hat und seither vor sich hinvegetiert, seinen Frust im Alkohol ertrinkt und raucht wie ein Schlot. Keiner weiß wieso. Denn er hat nie mit uns darüber gesprochen, nicht einmal mit seiner Frau. Ich finde es einfach nur ekelhaft was aus ihm geworden ist und ich vermisse den Vater von früher, der mir Gute-Nacht-Geschichten vorlas und mit mir Barbie spielte. Ich verscheuche die Gedanken mit einer Handbewegung, die dem verscheuchen einer Fliege gleicht. Das Wetter macht mich melancholisch. Ich ziehe meinen Schal etwas enger und beschleunige meinen Schritt. Pünktlich zum Arbeitsbeginn erreiche ich die Konditorei. Ich gehe nach hinten in den kleinen Aufenthaltsraum, der gleichzeitig als Umkleide dient. Fröstelnd hänge ich meine Mütze, den Schal und den grauen Mantel an einen Haken und nehme meine Schürze aus dem Schrank. Meine langen braunen Haare kämme ich nochmal durch und flechte sie dann zu einem französischen Zopf. Daraufhin wickle ich den geflochtenen Zopf noch zu einem Dutt und stecke das Ganze fest. Um meinem Gesicht ein wenig Farbe zu verleihen, trage ich einen zartrosa Lippenstift auf. Noch ein bisschen Rouge, damit mein Teint nicht ganz so grau wirkt. Mit einem eher gespielten Lächeln trete ich hinaus an den Verkaufstresen und begrüße meine Kollegin, die ich ablösen soll. Karin ist bereits da und bedient die Gäste. Madeleine ist heute recht wortkarg und zischt nur ein: „Na endlich. Ich muss los. Tschüss.“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Alles ok mit dir?“, frage ich. Sie nickt abwesend und drängt sich an mir vorbei in den Aufenthaltsraum. Ich schenke ihr nicht weiter Beachtung, denn sie ist öfter so grummelig. Gegen sechs schließen Karin und ich die Konditorei und machen uns daran die Tische abzuwischen und die Reste der Torten und Pralinen aufzuräumen. Es ist selten viel übrig. Mein Chef sieht es nicht gerne, wenn man etwas wegschmeißen muss. Daher hat er vor einigen Wochen beschlossen, dass wir die restlichen Tortenstücke an ein Obdachlosenheim spenden. Wir packen alles sorgfältig zusammen und nachdem wir die Kasse gemacht haben, gehen wir unsere Jacken holen. „Du Hanna“, sagt Karin und kramt verlegen in ihrer Tasche herum. „Ja?“ „Kannst du das vielleicht heute alleine machen?“ Entgeistert schaue ich sie an. „Und wie soll ich das alles alleine tragen?“ frage ich sie entsetzt. „Das schaffst du schon.“ Sie tätschelt mir ermutigend auf die Schulter. „Ich habe gleich einen ganz wichtigen Termin. Bitte.“ Ich seufze, das ist wirklich nicht mein Tag. „Na gut. Dann hau schon ab. Es ist ja zum Glück nicht sehr weit. Erleichtert drückt mich Karin kurz und sprintet hinaus. Da stehe ich nun vor drei Tortentransportboxen aus Pappe und überlege, wie ich sie ohne Schäden zu dem Obdachlosenheim bringen kann. Ich beschließe sie übereinander zu stapeln und langsam zu gehen. Die erste Herausforderung wird sein, die Konditorei mit drei Tortenkartonagen in der Hand abzusperren. Nachdem ich meinen Mantel, den Schal und meine Mütze angezogen habe, hänge ich mir die Tasche mit meinen Sachen von der Uni um. Dann staple ich die Kartonagen übereinander und hebe sie vorsichtig hoch. Mit den Fingern der rechten Hand nehme ich den Schlüssel vom Tisch. Dann lösche ich das Licht im Aufenthaltsraum und daraufhin im Verkaufsraum. Das hat ja schon mal gut geklappt. Vorsichtig öffne ich mit den Fingern die Türe, die Tortenboxen zwischen meinen Händen und meinem Kinn eingeklemmt, damit auch nichts rutscht. Ah, geklappt. Ich atme erleichtert auf. Die Türe lasse ich ins Schloss fallen und versuche nun mit den Fingerspitzen den Schlüssel in das Schlüsselloch zu stecken. Die obere Box rutscht leicht. Ich gerate etwas in Panik lehne mich mit den Boxen an die Türe, nehme mein linkes Bein hoch und rutsche mit meinem Kinn die obere Box wieder zurecht. Mein Herz rast. In dieser Stellung schaffe ich es aber dann doch die Türe abzusperren. Genervt von diesem beschissenen Tag mache ich mich auf den Weg zum Obdachlosenheim. Nach einer gefühlten Ewigkeit kann ich es in der Ferne erkennen. Meine Finger sind bestimmt schon blau vor Kälte. Es weht jetzt leider auch noch ein eisiger Wind. Aber zumindest hat es aufgehört zu schneien. Meine Augen tränen und ich sehe meinen Weg nur noch leicht verschwommen. Neben mir hupt ein Auto. Ich höre Reifenquietschen und erschrecke so sehr, dass ich das Gleichgewicht verliere und auf dem glatten Gehsteig ausrutsche. Mir zieht es die Beine nach vorne weg und ohne dass ich mich in irgendeiner Art hätte abfangen können, falle ich nach hinten. Für einen Moment wird alles ganz still. Mit einem dumpfen Schlag pralle ich zunächst mit meinem Hinterteil und dann mit meinem Rücken auf den harten Asphalt, der mit einer Schnee-und Eisschicht überzogen ist. Ich versuche mein Kinn nach vorne zu nehmen, damit mein Kopf nicht auch noch ungebremst auf die Straße knallt. Ein wenig hilft es auch, aber eben nur ein wenig. Die oberen zwei Tortenboxen fliegen in hohem Bogen erst nach oben, um dann fröhlich auf mir zu landen. Ein stechender Schmerz fährt mir von meinem Steißbein hoch, durch meinen Rücken und in meinen Kopf, als ich auf dem Gehweg aufpralle. Für einen Moment kann ich mich nicht rühren. Mir ist leicht schwarz vor Augen. Aber die untere Box halte ich irgendwie noch tapfer fest. Plötzlich beugt sich jemand über mich, greift mir unter die Arme und versucht mich aufzurichten. Aber meine Beine sind wie Wackelpudding und sacken einfach wieder weg. Langsam klärt sich aber das Bild vor meinen Augen. Ich erkenne aus dem Augenwinkel, dass zwei schwarze Autos vor der roten Ampel stehen und beide Fahrer sich wild gestikulierend beschimpfen. Das war wohl der Grund für das Hupen und das Reifenquietschen. „Hallo?“ Mein Helfer wedelt mit einer Hand vor meinem Gesicht und versucht mich mit dem anderen Arm irgendwie auf den Beinen zu halten. „Sind Sie in Ordnung?“, fragt er besorgt. „Hm?“ Ich bin immer noch benommen. Mein Kopf dröhnt so laut wie ein Schwarm Bienen. „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“ „Hm, was?“ „Na, sind sie verletzt? Das war ja ein wirklich spektakulärer Sturz den Sie da hingelegt haben!“ Ich halte immer noch die Tortenbox umklammert und nicke langsam. „Da vorne ist gleich ein Chinese, meinen Sie Sie schaffen es bis dorthin, damit ich Sie mal absetzen kann. Sie werden nämlich nicht leichter.“ „Ich versuche es“, flüstere ich. Meine Beine sind schon etwas stabiler, stelle ich fest und verlagere mein Gewicht, sodass der Mann mich nicht vollständig halten muss. „Die Kuchenboxen…“, sage ich. „Was ist damit?“, fragt er. „Die muss ich ins Obdachlosenheim bringen. Ist noch alles ganz?“ „Ich würde sagen, ich bringe Sie erstmal in die trockene, warme Gaststätte und kümmere mich danach um Ihren Kuchen. Ist das in Ordnung für Sie?“ Ich nicke. Langsam und schwerfällig gehen wir gemeinsam die wenigen Schritte bis zu dem Chinesischen Restaurant. Er öffnet die Türe und uns schlägt sofort intensiver Knoblauchgeruch entgegen. Mir wird etwas schlecht. Was auch daran liegen könnte, dass ich den ganzen Tag lediglich einen Apfel gegessen hatte. Vorsichtig setzt er mich an einen freien Tisch. „Bin gleich wieder da.“ Ich nicke wieder. Kurz darauf tritt er wieder durch die Türe, beladen mit den feuchten Kartonagen. Sie sehen kläglich aus. Er stellt sie auf dem Tisch „Danke“, flüstere ich. „Könnten Sie vielleicht mal einen Blick hineinwerfen?“ Er nickt. „Ich würde sagen, es erübrigt sich für diese zwei Gefährten die Reise fortzusetzen.“ Ich ziehe die Augenbraue hoch und werfe einen Blick hinein. Es herrscht das reinste Chaos. Die Torten sind zerbrochen und miteinander vermischt und durch den Schnee durchgeweicht. Außen, an der Verpackung, kann man außerdem leichte Salzränder erkennen. „Ja, ich würde sagen die dürfen in den Müll wandern...“, antworte ich seufzend „...aber zumindest einen habe ich ja gerettet“, lache ich gekünstelt. „Wie geht es Ihrem Kopf?“ Ich hebe meinen Blick und schaue meinem Retter das erste Mal wirklich ins Gesicht. Er ist süß. Er hat grün-braune Augen, eine Brille auf und dunkelblonde Haare. Außerdem trägt er einen Anzug unter seinem schwarzen Mantel, den er geöffnet hat. Alter kann ich schwer schätzen, vielleicht so Mitte, Ende Zwanzig. „Er pocht“, sage ich und fasse mir dabei an den Hinterkopf. Ich kann schon eine dicke Beule spüren und zucke bei der leichten Berührung vor Schmerz zusammen. Langsam lasse ich meine Hand sinken. „Zeigen Sie mal. Er steht auf, umrundet den kleinen Tisch und stellt sich hinter mich. Sanft zieht er mir die Mütze vom Kopf. Ich zucke zusammen. „Sie bluten leicht“, stellt er sachlich fest. „Ich denke es ist vernünftiger, wenn wir einen Krankenwagen holen. Sie haben sicherlich eine Gehirnerschütterung. Das sollte auf jeden Fall in einem Krankenhaus überwacht werden.“ Die Bedienung kommt mit zwei Speisekarten auf uns zu. „Was wollen Sie tlinken?“ Ich schüttle den Kopf. „Dann essen?“ Wieder schüttle ich den Kopf, was mir eine wahnsinnige Anstrengung abverlangt. Die Kopfschmerzen werden von Minute zu Minute schlimmer. „Dann Sie müssen gehen.“ Verdutzt starren wir sie an. „Hören Sie, diese Frau hier, ist gerade sehr unsanft gestürzt und muss medizinisch versorgt werden. Könnten wir vielleicht hier auf einen Krankenwagen warten?“ „Nein!“, kommt es prompt. „Wenn Sie nichts essen, dann Sie müssen gehen!“ Wir schauen die Frau ungläubig an. Aber sie wedelt mit den Händen, als wolle sie uns rauskehren und ruft: „Husch, husch.“ In dem ganzen Wirrwarr vergesse ich auch den dritten, noch guten Tortenkarton. Draußen in der Kälte angekommen, winkt der junge Mann ein Taxi heran und hält mir die Türe auf. „Bis wir jetzt auf den Krankenwagen warten, sind wir auch schon da.“ Ich nicke einsichtig und steige vorsichtig auf die Rücksitzbank des Taxis. Nach nur kurzer Zeit kommen wir in der Notaufnahme Rechts der Isar an. Ich ziehe meinen Geldbeutel hervor, doch der junge Mann winkt ab und übernimmt die Taxirechnung. Ich laufe rot an. „Dankeschön. Das hätte aber doch nicht sein müssen.“ Er zieht die Augenbrauen nach oben und antwortet: „Also ich bitte Sie. Und wie das sein muss. Ich werde Sie die Rechnung bezahlen lassen. Ich wurde sehr konservativ erzogen, da müssen die Frauen nicht bezahlen, das übernehmen die Männer.“ Mir bleibt der Mund offenstehen. Er ignoriert es, steigt aus und kommt um das Taxi herum. Ich habe schon die Autotür geöffnet und möchte aussteigen, da reicht er mir seine Hand zur Hilfe und ich nehme sie dankbar an. Ich bin immer noch etwas wackelig auf den Beinen. Das muss wohl an den rasenden Kopfschmerzen liegen. Er bietet mir seinen linken Arm an, damit ich mich einhaken kann. Auch diese Geste nehme ich dankbar an. Wir treten durch die Türe in das warme Innere des Krankenhauses. Grelles Licht und der Geruch von Desinfektionsmittel schlägt uns entgegen. Dieser Duft verursacht mir Übelkeit, denn es riecht nach Krankheit und Tod. Es schaudert mich. Wir gehen zur Anmeldung und der junge Mann erklärt kurz was passiert war. Die genervte Krankenschwester deutet mit ihrem Kopf in Richtung Wartezimmer. „Das kann aber etwas dauern. Bei dem Wetter können Sie sich vorstellen, dass Sie nicht die einzige sind, die gestürzt ist.“ Wir wenden unsere Blicke nach rechts. „Puh“, entfährt es mir. „Da sitzen wir ja morgen früh noch rum.“ „Hmhm“, räuspert sich mein Retter. Die Krankenschwester blickt wieder zu uns auf. „Kann man diesen Prozess nicht ein wenig beschleunigen?“, fragt er. „Wie bitte schön meinen Sie das denn? Sie sehen doch, dass auch andere Menschen ärztliche Hilfe benötigen. Sie müssen wie alle anderen auch warten“, antwortet sie entschieden und reicht uns eine Schreibkladde mit einigen Formularen. „Vielleicht haben Sie ja schon länger einen Wunsch, den Sie sich erfüllen wollen. Würden sagen wir mal einhundert Mark Ihre Meinung ändern? Sie verzieht das Gesicht. Ich befürchte, sie ist nicht gerade angetan von seinem Vorschlag. „Raus“, zischt sie durch zusammengebissene Zähne. „Raus, sofort raus! Sonst hole ich den Sicherheitsdienst. Was denken Sie eigentlich wer Sie sind, dass Sie sich über die anderen Patienten stellen können. So eine Frechheit ist mir in meinen 20 Jahren als Krankenschwester noch nicht untergekommen. Ich zähle jetzt bis drei und wenn Sie bis dahin nicht verschwunden sind, dann…“ Ihr Kopf ist knallrot. Mir ist das sowas von peinlich. Ihm scheinbar auch. Aber eher, dass sich jetzt einige Blicke auf uns gerichtet haben. „Hören Sie. Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht kränken. Und sie kann nichts für mein Verhalten. Vielleicht kann sie doch dableiben. Ich werde gehen. Ich entschuldige mich in aller Form bei Ihnen.“ Sie haut mit ihrer rechten Hand kräftig auf den Tisch, sodass fast ihr Kaffeebecher umkippt. Ich spüre, wie sie mit sich hadert. Sie schließt für einen Moment die Augen, um mir dann ganz direkt und ehrlich ins Gesicht zu blicken. „Wie stark sind Ihre Schmerzen auf einer Scala von 1-10?“ Ich überlege, horche in mich hinein und antworte: „Ich würde sagen eine 8, aber es wird irgendwie immer schlimmer.“ Sie nickt und reicht mir wieder die Schreibkladde mit den Formularen. „Sie können im Wartezimmer Platz nehmen. Füllen Sie die Formulare aus und bringen Sie sie mir zurück. Ihre Versicherungskarte brauche ich allerdings noch.“ Ich bin verblüfft. „Dankeschön.“ „Und Sie, junger Mann. Sie verschwinden augenblicklich. Ansonsten werde ich es mir vielleicht doch noch einmal anders überlegen und den Sicherheitsdienst rufen. Bestechen lassen wir uns hier in diesem Krankenhaus nicht, verstanden?“ Er nickt und wendet sich daraufhin mir zu. „Es tut mir leid. Jetzt haben Sie ein ganz falsches Bild von mir. Es ist mir schrecklich peinlich. Ich wollte einfach nur nicht, dass Sie die ganze Nacht in der Notaufnahme sitzen müssen. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Auf Wiedersehen.“ Er reicht mir zum Abschied höflich die Hand. „Ich muss mich bei Ihnen bedanken, dass Sie mir so geholfen haben.“ Er winkt ab. „Ach das war doch selbstverständlich. Ein Gentleman hilft immer einer Frau in Not, noch dazu so einer Hübschen wie Ihnen.“ Ich werde schon wieder rot. Er macht auf dem Absatz kehrt, als die Krankenschwester ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch trommelt, um ihm zu verstehen zu geben, dass es Zeit wird zu gehen. Ich blicke ihm noch eine Weile nach und schleppe mich dann ins Wartezimmer, um meine Formulare auszufüllen. Der Raum ist zur Hälfte gefüllt. Es sah von außen voller aus, als es tatsächlich ist. Aber die Schwester hatte Recht, der Schnee und das Eis sind wohl nicht nur mir zum Verhängnis geworden. Ich denke kurz daran, einfach nach Hause zu gehen, weil ich sonst noch weniger Zeit für meinen Vortrag habe, schüttle aber den Gedanken aufgrund meiner starken Schmerzen ab. Ich könnte mich ohnehin nicht konzentrieren. Mühsam fülle ich die Formulare aus. Adresse, Versicherung, Hausarzt, Allergien und sonstige Vorerkrankungen. Als ich das Ganze mit gutem Wissen und Gewissen ausgefüllt habe, gehe ich an die Anmeldung, um die Formulare abzugeben und meine Versicherungskarte zu holen. Daraufhin nehme ich wieder im Wartezimmer Platz, lasse mich tief in den Stuhl sinken und schließe die Augen, da mir das grelle Licht noch mehr Kopfschmerzen bereitet. Ich muss eingenickt sein, denn plötzlich ruckelt jemand an meiner Schulter. Ich schrecke hoch. Die Frau neben mir schaut mich an. „Sind Sie Frau Bernbach?“ Ich nicke schlaftrunken. „Sie wurden schon zweimal aufgerufen.“ „Oh. Oh, danke, dass Sie mich geweckt haben.“ Sie lächelt mir freundlich zu. Leicht wankend richte ich mich auf und gehe auf den Krankenpfleger am Ende des Raumes zu, der in einer offenen Türe steht. Er nimmt mich am Arm und führt mich in einen Behandlungsraum. „Setzen Sie sich schon einmal auf die Liege“, sagt er freundlich. „Der zuständige Arzt kommt gleich. Ich werde Ihnen solange den Blutdruck messen.“ Ich nicke. „Wenn Sie bitte Ihre Winterjacke ausziehen würden?“ „Ja natürlich.“ Ich lege die Jacke neben mir ab und schiebe meinen Pullover nach oben. „100 zu 59. Ist ein bisschen niedrig. Haben Sie heute schon etwas gegessen?“ Ich schüttle den Kopf. „Eigentlich nur zum Mittag einen Apfel.“ Er nickt und schreibt etwas auf. In diesem Moment betritt eine blonde Ärztin den Raum und reicht mir die Hand. „Guten Tag Frau…“ sie wirft einen Blick auf meine Akte, „...Bernbach.“ „Hallo“, antworte ich. „Na dann erzählen Sie mal was passiert ist.“ Sie setzt sich auf einen Hocker mit Rollen und studiert nebenbei meine Krankenakte. Ich erläutere ihr kurz und prägnant, mit allen wichtigen Details, meinen Abend. Zwischendurch nickt sie immer wieder, um mir zu verstehen zu geben, dass sie mir auch zuhört. Von ihrem Namensschild kann ich ablesen, dass sie Oberärztin der Inneren Medizin ist und Frau Dr. med. F. Dörfer heißt. Nachdem ich geendet habe, legt sie meine Akte neben mir auf der Liege ab und tritt hinter mich, um sich meine Kopfverletzung anzusehen. „Geben Sie mir bitte mal etwas zum Desinfizieren und etwas zum Säubern, Herr Dinkel.“ Der Arzthelfer tut wie ihm geheißen. Frau Dr. Dörfer säubert meine Wunde und ich zucke vor Schmerz zusammen, als sie meinen Kopf mit dem Desinfektionsmittel berührt. Ein kleines Zischen entfährt mir. „Die Wunde ist nur oberflächlich. Aber Sie haben eine ganz schön große Beule. Wie stark sind ihre Kopfschmerzen hatten Sie nochmal gesagt?“ „Bei der Krankenschwester in der Anmeldung habe ich eine 8 angegeben.“ Sie kommt wieder um die Liege herum und nickt. „Ist Ihnen schlecht?“ „Ja, aber ich habe auch heute nur einen Apfel gegessen. Daran könnte es auch liegen.“ „Ok. Um ihren Rücken anzuschauen, müssten Sie sich bitte obenrum freimachen.“ Ich folge ihren Anweisungen. Vorsichtig tastet die Ärztin meinen Rücken ab. „Tut Ihnen hier irgendetwas weh?“ „Nur leicht. Am stärksten schmerzt mein Kopf. Darauf folgen mein Steißbein und dann mein Rücken.“ „Ich würde sagen, wir röntgen ihre Wirbelsäule und das Steißbein, um auszuschließen, dass etwas gebrochen ist. Für den Kopf halte ich allerdings ein CT angebracht, wenn Sie so starke Schmerzen haben und Ihnen schwindlig ist, haben Sie auf jeden Fall ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma. Also eine Gehirnerschütterung. Aber es ist trotzdem nicht damit zu spaßen. Ich denke es wäre angemessen, wenn Sie eine Nacht hier bei uns im Klinikum verbringen und sich überwachen lassen. Also Frau Bernbach, Herr Dinkel wird Sie jetzt zum Röntgen und ins CT bringen. Danach sehen wir uns noch einmal kurz zum Besprechen der Befunde.“ Und schon ist sie verschwunden. Um kurz nach Mitternacht bin ich endlich mit allen Untersuchungen fertig. Ich bin todmüde. Wenigstens habe ich Schmerzmittel bekommen. Mein Kopf tut schon nur noch halb so weh. Frau Dr. med. F. Dörfer studiert die Röntgenbilder und die Aufnahmen vom CT. „Frau Bernbach, ich kann Entwarnung geben. Es liegt keine Verletzung der Wirbelsäule und des Steißbeins vor. Aber auch eine Prellung kann sehr schmerzhaft sein. Das CT weißt auch keine Auffälligkeiten auf. Ich bin in dieser Hinsicht schon einmal sehr zufrieden. Sie dürfen jetzt ihr Zimmer beziehen. Die Schwester wird Sie an einen Monitor anschließen und dann können Sie erst einmal schlafen.“ Fragend schaue ich sie an. „Was für ein Monitor?“ „Wenn man eine Gehirnerschütterung hat, oder der Verdacht vorliegt, muss man für circa 24 Stunden ärztlich überwacht werden. Das läuft dann folgendermaßen ab: Es werden in regelmäßigen Abständen ihre Vitalparameter und ihr Bewusstsein überprüft. Dafür wird der Patient, also Sie, an einen Vitaldatenmonitor angeschlossen. Hierbei wird dann ein EKG geschrieben, der Blutdruck und die Sauerstoffsättigung gemessen, außerdem der Hirndruck überwacht. Ich werde mir morgen zu Beginn meiner Schicht gegen 18:00 Uhr die Auswertung der Daten ansehen. Aber ich bin guter Dinge, dass Sie morgen Abend nach Hause können.“ „Morgen Abend?“, frage ich entsetzt. „Ja Frau Bernbach. Ich kläre Sie auch darüber auf, dass auch 48-72 Stunden nach einem Unfall noch Komplikationen auftreten können. Sie sollten also in dieser Zeit nicht alleine sein. Damit versteht sich von selbst, dass Sie sich auf jeden Fall die nächsten Tage noch schonen. Sie sollten auf körperliche Arbeiten und Sport verzichten. Aber auch Fernsehen, langes Lesen oder am Computer arbeiten sind zu vermeiden, damit sich ihr Gehirn wieder gut erholen kann.“ Ich stöhne auf. „Muss das wirklich sein? Ich muss bis nächste Woche einen sehr ausführlichen Vortrag ausarbeiten über Architektonische, perspektivische Dekonstruktionen in der italienischen Malerei um 1500.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Wenn man krank ist, ist man krank. Das wird Ihr Professor sicher verstehen.“ „Denken Sie. Sie kennen ihn ja nicht. Ich muss den Vortrag ausarbeiten, weil ich heute fünf Minuten zu spät zur Vorlesung kam. Ich denke nicht, dass er Verständnis für eine Gehirnerschütterung hat.“ Ich lasse die Schultern sinken. Sie legt mir kurz beruhigend die Hand auf den Rücken. „Machen Sie sich jetzt darüber mal keine Gedanken. Ich rufe eine Krankenschwester, die Sie nach oben in Ihr Zimmer führt. Wir sehen uns dann morgen Abend Frau Bernbach.“ Zum Abschied reicht Frau Dr. Dörfer mir noch die Hand und verlässt den Untersuchungsraum. Kurz darauf betritt eine schwarzhaarige Krankenschwester mittleren Alters das Zimmer. „Frau Bernbach?“ Ich nicke. „Ich bin Rosa. Folgen Sie mir bitte.“ Ich tue, wie mir geheißen, packe meine Habseligkeiten und folge der Krankenschwester. Sie führt mich in ein Zimmer, das glücklicherweise noch nicht belegt ist und reicht mir ein Flügelhemd. Ich rümpfe die Nase. „Wollen Sie wohl in Ihrer Straßenkleidung schlafen?“, lautet ihre Antwort. Ich schüttle betreten den Kopf. „Ich gehe und hole solange den Monitor. Sie können sich in Ruhe umziehen und sich etwas frischmachen, wenn Sie wollen.“ Und schon ist sie zur Tür hinaus. Müde streife ich meine Kleidung von den steifen Gliedern. Widerwillig ziehe ich das Flügelhemd an. Aber meine Unterwäsche bleibt da wo sie ist, da kann sie sagen was sie will. Danach trotte ich ins Bad und widme mich einer kleinen Katzenwäsche. „Frau Bernbach, ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, erschallt es da plötzlich vor der Türe. „Ja, ja alles in Ordnung. Ich bin gleich fertig.“ Ich drücke die Klospülung, wasche mir die Hände und trete vor Rosa. Neben meinem Bett steht schon der Monitor. „Setzen Sie sich, ich werde Sie jetzt an das Gerät anschließen.“ Als sie mit mir fertig ist, fühle ich mich unglaublich unwohl. Überall habe ich nun Kabel hängen. An der Brust, am Finger und ein Blutdruckmessgerät am Oberarm, dass sich alle 15 Minuten aufpumpt. Wer kann denn damit schlafen? Der ganze Tag war ja schon grausam, wieso sollte es jetzt auch anders sein. Geknickt und auch ein wenig genervt, trete ich meinem Schicksal entgegen und lege mich in mein Bett. „Wenn Sie sich irgendwie unwohl fühlen oder sonst irgendetwas brauchen, dann klingeln Sie einfach.“ Ich nicke. „Hier habe ich noch ein Analgetikum für Sie.“ Sie reicht mir einen kleinen Plastikbecher mit zwei Tabletten und eine Flasche Wasser. „Bitte was?“ „Das sind Schmerzmittel.“ „Ach so, sagen Sie das doch gleich. Ich versteh doch kein ärztisch.“ Sie lacht und ich stimme ein wenig mit ein. Danach nehme ich die Tabletten aus dem Becher und spüle sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter. Ich hoffe sie wirken schnell, denn mein Kopf droht bald zu platzen. Rosa wünscht mir noch eine gute Nacht und erklärt, dass sie jede Stunde nach mir und meinen Aufzeichnungen sieht. Die Tabletten wirken schnell. Ich bin plötzlich so unglaublich müde, dass ich sofort in einen tiefen Schlaf falle. Es ist erstaunlich, nicht einmal das regelmäßige Pumpen des Blutdruckmessgerätes kann mich vom Einschlafen abhalten.
Irgendwie bekomme ich den Tag im Krankenhaus herum und Frau Dr. Dörfer entlässt mich glücklicherweise nach Ihrer Visite am Abend. Ich fühle mich wie gerädert. Alle paar Stunden kam die Krankenschwester und hat meine Werte gecheckt. Ich bin jedes Mal davon aufgewacht, weil sie das Licht dazu angeschaltet hat. Glücklicherweise hat mir Frau Dr. Dörfer noch einen kleinen Vorrat an Schmerztabletten mitgegeben. Mit Nachdruck hat sie mich allerdings nochmals darüber aufgeklärt, dass ich mich schonen muss. Ein bisschen werde ich schon an meiner Hausarbeit arbeiten können. Das wird schon nicht so wild sein. Nachdem ich mit der U-Bahn nach Hause gefahren bin, durchforste ich als erstes meinen Kühlschrank nach etwas Essbarem. Fehlanzeige. Da entdecke ich einen Zettel auf dem kleinen Tischchen in meiner winzigen Küche. Ist alles in Ordnung mit dir Hanna? Du bist gestern nicht nach Hause gekommen. Ach Ruth, denke ich. Sie ist immer so fürsorglich. Ich hatte das unglaubliche Glück, dass ich nicht in einer WG wohnen muss. Ich habe eine klitzekleine Wohnung, eigentlich ein 1 Zimmer Appartement. Das Zimmer hat um die 20 Quadratmeter. Zusätzlich gehören eine Küche und ein sehr keines Badezimmer dazu. Aber es reicht und es ist mein eigenes Reich. Sie befindet sich unter dem Dach, das vor Jahren ausgebaut wurde. Ruth und ich sind Freundinnen, sie ist Mitte sechzig und ein wahrer Goldschatz. Es ist schön jemanden hier zu haben, wo ich doch meine Familie sehr selten sehe. Ich werfe einen Blick auf die Uhr an der Wand. Kurz nach neun. Da kann ich denke ich schon nochmal bei ihr klopfen. Also mache ich mich auf den Weg Richtung Wohnzimmer. Meine Fingerknöchel berühren kaum die Türe, da wird der Fernseher bereits ausgestellt. Kurz darauf öffnet sich die Wohnzimmertüre und ich blicke in das faltige Gesicht von Ruth. Ein erleichtertes Lächeln umspielt ihre Lippen. „Hanna. Ich habe mir wirklich Sorgen um dich gemacht. Wo warst du nur? Nicht das es mich etwas angeht, falls du bei einem Mann warst…du musst es mir nicht erzählen.“ Ich lache. „Komm doch herein.“ Ich folge ihr und setze mich neben sie auf ihr Sofa. „Du siehst etwas mitgenommen aus. Ist irgendetwas passiert?“, fragt sie und streicht mir liebevoll das Haar aus dem Gesicht. In diesem Moment knurrt mein Magen so laut, sodass Ruth sofort aufspringt und ruft: „Hilfe. Du hungrige Löwin. Warte ich habe noch etwas Eintopf übrig. Den mach ich dir schnell warm und dann erzählst du mir was mit dir los ist.“ Ich nicke dankbar und lasse mich seufzend in die Kissen sinken. Ein paar Minuten später sitzen wir gemeinsam in der Küche am Tisch und während ich meinen Eintopf inhaliere, versuche ich Ruth die Geschehnisse der letzten 36 Stunden zu erzählen. Sie holt mir Nachschlag, als mein Teller leer ist und als kleines Trostpflaster, stellt sie mir noch einen Schokoladenpudding auf den Tisch. „Dann würde ich sagen, dass du dich jetzt erstmal ins Bett begibst und morgen ausschläfst, bevor du dich an deine Arbeit machst. Ich kann dir auch gern helfen.“ „Danke dir Ruth.“ Ich erhebe mich von meinem Stuhl und möchte mich dem Abwasch widmen, da protestiert es schon hinter mir. „Also hör mal, ich werde dich mit einer Gehirnerschütterung hier hantieren lassen. Geh in dein Bett und ruh dich aus. Husch, husch.“ Ich schenke ihr ein dankbares Lächeln. „Gute Nacht Ruth.“ „Gute Nacht Hanna. Wenn irgendwas ist, du weißt ja wo du mich findest.“ Ich nicke. Eine kurze Dusche brauche ich jetzt aber trotzdem noch. Nachdem ich fertig bin, fühle ich mich schon viel frischer. Ich kuschle mich in mein Bett, lösche das Licht und gleite sanft ins Land der Träume. Gegen Mittag weckt mich das Klingeln der Haustüre. Benommen wische ich mir die Haare aus dem Gesicht und schaue auf meinen Wecker. Ich reiße die Augen auf. Es ist halb zwölf. So lange habe ich das letzte Mal als Teenager geschlafen. Schlaftrunken klettere ich aus meinem Bett. Da klingelt es erneut. Ruth ist wohl nicht zu Hause. Ich stöhne auf. Wer könnte das sein? Ich erwarte niemanden. Genervt streife ich meinen Bademantel über, versuche meine Haare zu einem Dutt zu binden und gehe zur Haustüre. „Hanna! Wie siehst du denn aus? Ich habe mir ja solche Sorgen um dich gemacht. Sag mal was fällt dir ein, mich einfach in diesen langweiligen Vorlesungen hängen zu lassen. Ich habe doch nur dich als Lichtblick an meinen trostlosen Tagen.“ Henri. Überschwänglich drückt er mich an seine Brust, sodass ich kaum noch Luft bekomme. Dann schiebt er mich von sich weg und zieht die Augenbrauen hoch. „Wie du aussiehst. Bist du gerade erst aufgestanden? Was ist nur los mit dir? Das ist doch sonst nicht deine Art. Ich habe gedacht, dass du an deinem Computer sitzt und dir der Kopf raucht. Aber das hier…“ Er deutet von meinen Füßen zu meinem Kopf „…habe ich nun wirklich nicht erwartet.“ Kopfschüttelnd packt er mich an den Schultern und schiebt mich ins Haus, um die Türe hinter sich zu schließen. „Jetzt erzähl doch mal was hier eigentlich los ist. Da dachte ich gestern früh, ich könnte dir von unserem grandiosen Abend erzählen und dass Jan ein Liebeslied in der Karaoke Bar für mich gesungen hat und dann bist du einfach nicht da. Und heute tauchst du wieder nicht auf. Dann schau ich bei deiner Arbeit vorbei und da weiß auch kein Mensch was mit dir los ist. Da Schätzchen habe ich mir dann langsam sorgen um dich gemacht.“ „Willst du einen Kaffee?“, unterbreche ich seinen Redeschwall. „Ja, gern.“ Ich packe ihn an der Hand und führe ihn in meine Küche. „Du hättest wenigstens Brötchen mitbringen können, wenn du hier schon so reinplatzt“, grummle ich. Nachdem die Kaffeemaschine vor sich hin gurgelt suche ich meine Schränke nach etwas Essbarem ab. Irgendwo finde ich dann noch eine Tüte Frühstücksflocken und esse sie trocken. Fragend blickt Henri mich an, also erzähle ich die ganze Geschichte noch einmal. „Das ist ja unglaublich Hanna!“ Henri packt mich an den Schultern, sodass mir die Frühstücksflocken die ich gerade in meiner Hand halte und zum Mund führen will, auf den Boden fallen. „Was?“ „Na, dass du deinen Prinzen auf dem weißen Ross so einfach gehen hast lassen!“ Ich zucke mit den Schultern. „Du spinnst! Sah er gut aus? Wo findet man heutzutage noch solche Gentlemen und du fragst nicht mal nach seiner Nummer. Zezeze. Geschweige denn nach seinem Namen.“ Henri schüttelt verächtlich den Kopf und verdreht die Augen. „Hallo?“, antworte ich pikiert. „Ich konnte überhaupt nicht mehr klar denken vor lauter Kopfschmerzen. Und ehrlich gesagt, habe ich die ganze Zeit nicht mehr an diesen Mann denken müssen. Das ist ein Zeichen. Da hat nichts gefunkt oder so. Ja er hat mich gerettet und ich bin ihm da auch echt dankbar, aber ich glaube nicht, dass er ein Märchenprinz ist oder sowas.“ „Sei dir mal da nicht so sicher. Sowas kommt nicht jeden Tag vor. Ich weiß das genau. So und jetzt lass uns endlich mit deiner Fleißaufgabe anfangen.“ „Wie? Du hilfst mir doch?“ Ungläubig nippe ich an meinem Kaffee und grinse Henri dankbar an. „Ach Hasilein, wie könnte ich dich in diesem Zustand hängen lassen.“ Dabei deutet er mit seiner Kaffeetasse von meinen Zehen, bis hin zu meinem Scheitel. Na also ganz so schlimm werde ich ja wohl auch nicht aussehen oder etwa doch? Nein, Henri übertreibt wie immer. Da bin ich mir ganz sicher. Am späten Nachmittag verabschiedet sich Henri und ich umarme ihn nochmal voller Dankbarkeit. Wir haben allerhand geschafft und mein schlechtes Gewissen, dass ich gestern den ganzen Tag im Krankenhaus lag, hält sich nun in Grenzen. Nachdem ich in der Arbeit angerufen habe, um mein Fehlen zu entschuldigen und meinen Chef zu besänftigen, gehe ich hinunter zu Ruth und schlage ihr ein gemeinsames Abendessen vor. Ich will heute irgendwie nicht alleine sein. Während wir gemeinsam das Gemüse putzen, erzähle ich ihr von dem Gespräch zwischen Henri und mir und dass Henri der Meinung ist, dass ich den Prinzen davonziehen habe lassen. Ruth zuckt nur mit den Achseln und sagt: „Wenn ihr füreinander bestimmt seid und eure Begegnung Schicksal war, werdet ihr euch wiedersehen.“ Damit war das Thema für uns beide erstmal vom Tisch.
Ich stehe unter der Dusche, als es an der Haustüre klingelt. Da ich weiß, dass Ruth zu Hause ist, ignoriere ich die Klingel und Seife meine Haare ein. In einer Stunde muss ich auf der Arbeit sein. Ich habe beschlossen, dass ich mich genug auskuriert habe und ab heute wieder im Kaffee arbeiten kann. Dank Henri bin ich mit meiner Hausarbeit auch sehr weit gekommen. Den letzten Feinschliff werde ich am Wochenende anlegen. Ich spüle das Shampoo aus meinen Haaren, seife mich mit Duschgel ein und lasse das warme Wasser über meinen Körper laufen. Genießerisch schließe ich die Augen. Die Kopfschmerzen haben zum Glück ganz nachgelassen. Nur mein Steißbein schmerzt noch. Nachdem der letzte Seifenrest von mir abgewaschen ist, stelle ich das Wasser ab, schnappe mir mein Handtuch und kuschle mich hinein. Da klopft es plötzlich an meiner Wohnungstüre. Nachdem ich meine Haare in ein kleines Handtuch gewickelt habe, laufe ich zur Türe, in dem Wissen, dass es eigentlich nur Ruth sein kann. Ich reiße die Türe auf und blicke auf einen riesengroßen Blumenstrauß, der das gesamte Gesicht von der zierlichen Ruth bedeckt. „Ruth? Ist der für mich? Von wem?“, frage ich. „Darf ich reinkommen?“, ertönt da gedämpft Ruths Stimme hinter den Blumen. Ich trete beiseite und lasse Ruth eintreten. Im Vorbeigehen drückt mir Ruth den Strauß voll Blumen in die Hand und tritt in meinen Wohn-Ess-Schlafraum ein. „Ich glaube so eine große Vase besitze ich gar nicht. Ich kaufe mir nie Blumen und geschenkt bekommen habe ich auch noch nie welche!“ Ruth zuckt mit den Schultern. „Ich kann ja mal nachsehen was ich so unten in meinem Schrank habe. Wir finden schon etwas für diese wundervollen Blumen! Hach und wie sie duften! Der hat bestimmt ein Vermögen gekostet!“ Verträumt schließt sie die Augen und riecht an den Blumen. „Ja das stimmt“, sage ich und rieche auch an dem Blumenstrauß. „Und wer hat sie abgegeben?“, frage ich interessiert. „Es war ein Florist“, antwortet Ruth. „Vielleicht hängt ja ein Zettel dran?“, überlege ich. Wir suchen den Blumenstrauß ab und werden oben zwischen zwei gelben Rosen fündig. Ich öffne den kleinen Briefumschlag und ziehe eine Karte hervor. „Gute Besserung“, lese ich laut vor. „Mehr steht da nicht?“, will Ruth wissen. Ich schüttele den Kopf. „Na der kann ja dann von jedem sein“, meint Ruth. „Wer soll mir denn so einen teuren Strauß Blumen schicken? Mir fällt da wirklich keiner ein. Henri kann sich das gar nicht leisten, der ist die einzige Person neben dir, die mir so nahesteht, dass sie mir Blumen schenken könnte.“ Ruth schüttelt den Kopf. „Vielleicht war es dein Chef. Weil du den Unfall hattest, als du die Tortenstücke ins Obdachlosenheim bringen wolltest.“ „Meinst du?“ Zweifelnd runzle ich die Stirn. Ruth nickt bestätigend. „Ja, so muss es wohl sein. Ich werde ihn nachher gleich mal fragen und mich bedanken.“ „Das machst du. So und nun zieh dich an und ich suche eine Vase für die Blumen. Bin gleich wieder da.“ Nachdem Ruth das Zimmer verlassen hat, ziehe ich mir Unterwäsche, eine Jeans und einen roséfarbenen Pullover an und beginne meine Haare zu föhnen. Das letzte was ich jetzt noch brauche ist eine Erkältung. Kurz darauf klopft es wieder und Ruth tritt mit einer großen Glasvase ein. „Ich habe auch eine Gartenschere mitgebracht, damit wir die Blumen nochmal anschneiden können.“ Gesagt getan. Ruth stellt den Strauß auf meinen Esstisch und verabschiedet sich dann. „Hab einen schönen Tag meine Liebe. Und sei vorsichtig. Die Straßen sind immer noch glatt.“ „Mach ich Ruth. Und danke dir für die Vase. Hab auch einen schönen Tag. Bis heute Abend.“ Mit der U-Bahn bin ich schnell in der Innenstadt und stehe pünktlich zum Dienstbeginn vor dem Kaffeehaus. Beim Öffnen der Türe erklingt das kleine Glöckchen, dass unsere Gäste ankündigt. Frierend trete ich durch den schweren Samtvorhang, der unsere Gäste vor dem kalten Wind schützen soll, in das Café ein. Sofort schlägt mir Kaffeeduft und warme Luft entgegen. Ich liebe es hier zu arbeiten. Es ist wie immer gut besucht. Zwei Frauenstammtische spielen am Freitagnachmittag immer Karten und trinken dazu heißen Grog. Nach drei Runden sind sie meist in so fröhlicher Stimmung, dass das Gelächter immer lauter wird. Man kann gar nicht anders, als sich davon anstecken zu lassen. Ich reiße mich von dem Anblick unserer Damen los und gehe nach hinten in unseren Aufenthaltsraum, um meine Sachen abzulegen. Im Vorbeigehen grüße ich meine Kolleginnen. Nachdem ich mich umgezogen habe, halte ich Ausschau nach meinem Chef. Er sitzt im Büro, an seinem Schreibtisch und erledigt Papierkram. „Guten Tag Herr Winter“, grüße ich freundlich, nachdem ich an den Türrahmen geklopft habe. Herr Winter hebt den Kopf und sein Gesicht erhellt s
