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Die Dramen des Alltags: meisterhafte Theaterstücke vom Schweizer Bestsellerautor Franz Hohler. "Franz Hohler ist ein genauer Beobachter mit einem großen Herzen." Rafik Schami
Ein Zugunglück, das dafür sorgt, dass sich zwei Menschen zwischen den Trümmern auf unverhoffte Weise nahekommen. Eine Kassiererin in der Kantine einer Großbank, die durch unkonventionelle Investmenttipps ganz kurz die ganz große Karriere macht. Ein Brautpaar, das sich in der Hochzeitsnacht folgenschwer in der Tür des Hotelzimmers vertut. Zwei Arbeiterinnen im Lager eines Zwischenhändlers für Medikamente, der für alle Ängste und Leiden der Gesellschaft die passenden Schächtelchen hat. Ein Callcenter, das routiniert auch die sonderbarsten Anfragen abwickelt – bis Hinweise im Entführungsfall eines kleinen Jungen eingehen und bald sogar Anrufe des Entführers selbst ...
Mit großem Witz, Empathie und einem untrüglichen Gespür für das Absurde erzählen die Theaterstücke von Franz Hohler von einer Welt, in der die Menschen immer schneller umeinanderkreisen und immer seltener zueinanderfinden.
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ein Zugunglück, das dafür sorgt, dass sich zwei Menschen zwischen den Trümmern auf unverhoffte Weise nahekommen. Eine Kassiererin in der Kantine einer Großbank, die durch unkonventionelle Investmenttipps ganz kurz die ganz große Karriere macht. Ein Brautpaar, das sich in der Hochzeitsnacht folgenschwer in der Tür des Hotelzimmers vertut. Zwei Arbeiterinnen im Lager eines Zwischenhändlers für Medikamente, der für alle Ängste und Leiden der Gesellschaft die passenden Schächtelchen hat. Ein Callcenter, das routiniert auch die sonderbarsten Anfragen abwickelt – bis Hinweise im Entführungsfall eines kleinen Jungen eingehen und bald sogar Anrufe des Entführers selbst …
Mit großem Witz, Empathie und einem untrüglichen Gespür für das Absurde erzählen die Theaterstücke von Franz Hohler von einer Welt, in der die Menschen einander immer schneller umkreisen und immer seltener zueinanderfinden.
FRANZHOHLER wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren. Er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Alice-Salomon-Preis, dem Johann-Peter-Hebel-Preis sowie zuletzt mit dem Schiller-Preis der Zürcher Kantonalbank.
FRANZ HOHLER
Texte fürs Theater
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Originalausgabe November 2025
Copyright © 2025 Franz Hohler
btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR.)
Covergestaltung: buxdesign | Ruth Botzenhardt unter Verwendung eines Motivs von © plainpicture/Willing-Holtz
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
cb · Herstellung: kh
ISBN 978-3-641-33979-1V001
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VORWORT
DIEDRITTEKOLONNE
Uraufführung 1979, Theater Claque, Baden
DIEFALSCHETÜRE
Uraufführung 1995, Stadttheater, St. Gallen
CALLCENTER
Uraufführung 2010, Theater Rigiblick, Zürich
CAFETERIA
Uraufführung 2018, Theater über Land, Langenthal
ÖV
Uraufführung 2020, Bernhard Theater, Zürich
DASZUGSUNGLÜCK
Uraufführung 2022, Rhaban Straumann und Elisabeth Hart, Moritzbastei, Leipzig
ISTHIERNOCHFREI?
Uraufführung 2023, Theater an der Effingerstrasse, Bern
DIEAUFFÜHRUNGSRECHTEFÜRDIESTÜCKE
Als 7- oder 8-Jähriger hatte ich meinen ersten Auftritt im Theater, und zwar als eines der Kinder des tapferen Schneiderleins. Es war eine Märchenaufführung der »Dramatischen Gesellschaft Olten«, und das tapfere Schneiderlein spielte mein Vater. Ich hatte schon zwei, drei Märchen im Stadttheater gesehen, »Frau Holle« zum Beispiel, und »Jorinde und Joringel«, und es war für mich sehr aufregend, die Bühne von der andern Seite zu erleben.
Zwischen den Auftritten schlich ich so oft wie möglich hinter den Bühnenbildern durch und blickte fasziniert aus dem Dunkel auf den hell erleuchteten Platz eines Städtchens, das bloß auf eine Kulisse gemalt war. Dabei stolperte ich auf einmal über ein Bühnengewicht und fiel gegen die Leinwand, sodass das ganze Städtchen wackelte, als werde es von einem Erdbeben heimgesucht. Ich erschrak furchtbar über mein unbeabsichtigtes Eingreifen in die Handlung, der Regisseur schimpfte leise, aber eindringlich mit mir und schickte mich in die Garderobe.
Geblieben ist mir die Einsicht, wie wenig es braucht, um eine Illusion herzustellen, und wie wenig es braucht, um sie zu erschüttern.
Geblieben ist mir auch die Liebe zur Bühne. Sie hat nicht nur zu den Auftritten mit meinen Soloprogrammen geführt, sondern auch dazu, dass ich immer wieder Theaterstücke geschrieben habe.
Für mich war das Theater eine andere Art, Geschichten zu erzählen: Man stellt Figuren auf eine Bühne und lässt sie die Geschichte erzählen.
Mein erstes Stück hieß »Bosco schweigt« und wurde 1968 im Theater Neumarkt in Zürich uraufgeführt, mein letztes Stück habe ich 2023 für das Theater an der Effingerstrasse in Bern geschrieben, es wurde unter dem Titel »Ist hier noch frei?« in Gasthäusern rings um Bern aufgeführt. Insgesamt sind im Lauf der Jahre 17 Stücke entstanden und aufgeführt worden.
In diesem Band sind 7 davon versammelt.
Wirklich lebendig werden sie natürlich erst beim Spielen, aber ich hoffe, sie machen auch beim Lesen Spaß.
Zürich, Juli 2025 – Franz Hohler
EIN STÜCK FÜR ZWEI FRAUEN UND EINE GEGENSPRECHANLAGE
Ä Die Ältere
J Die Jüngere
G Gegensprechanlage
Ä Sehen Sie, es ist alles ganz einfach. Wenn hier das rote Lämpchen aufleuchtet, heißt das, dass eine Bestellung im Korb liegt. Übrigens hören Sie das auch, wenn Sie hier drin sind, das Rohr plumpst ja in den Korb, das ist eine Art Rohrpostsystem hier, aber das Lämpchen ist deshalb, dass Sie, wenn Sie grad hinten sind im Moment, wo das Rohr die Röhre herunterkommt, dann hören Sie es nicht, und wenn Sie dann zurückkommen und sehen das Lämpchen blinken, dann wissen Sie sofort, aha, es ist wieder eine Bestellung da, nehmen wir also an, Sie sind hier und hören, wie das Rohr kommt, oder sehen das Lämpchen blinken oder beides zusammen, dann gehen Sie zum Korb, nehmen das Rohr heraus, und dann ist das Erste, dass Sie das Lämpchen löschen, hier, mit diesem Schalter, denn das Lämpchen soll einen ja darauf hinweisen, dass etwas da ist, und wenn Sie es nicht löschen und kommen zurück und das Lämpchen leuchtet noch, dann meinen Sie, es sei schon wieder etwas da, und dabei ist vielleicht noch gar nichts da, sondern Sie haben nur vergessen, das Lämpchen zu löschen, und deshalb sollten Sie eben nicht vergessen, das Lämpchen zu löschen, dann nehmen Sie die Bestellung aus dem Rohr.
Sehen Sie, ich habe hier ein Muster für Sie bereit gemacht, damit Sie sehen, wie das etwa geht, beim Öffnen des Rohres gibt es verschiedene Möglichkeiten, hier entwickelt jeder im Laufe der Zeit so seine eigene Methode, man zieht den Stöpsel raus und greift entweder mit dem Zeigefinger rein und zieht den Bestellschein heraus, indem man nur leicht auf die innere Rohrwand drückt, wenn Sie zu fest drücken, dann zerreißt der Schein leicht, und dann kommt er länglich gerollt heraus, aber meistens sind die Hände etwas zu trocken und man muss dazu die Finger an der Zunge befeuchten, deshalb mach ich das zum Beispiel so, dass ich mit dem Rohr einen ganz kleinen Schlag ausführe, in der Luft, aber über dem Tisch, so, sehen Sie, und dann fliegt der Bestellschein heraus.
Dann stöpseln Sie das Rohr wieder zu und werfen es in den zweiten Rohrkorb, wir sagen dem der Leerkorb, obwohl er meistens voller ist als der Rohrkorb, denn mit der Zeit füllt er sich mit den gebrauchten Rohren an, nicht wahr, ich komme dann später nochmals darauf zurück, was wir mit diesem Leerkorb machen, nun die Bestellscheine, das ist sehr einfach, auf den Bestellscheinen interessiert uns nur diese Kolonne hier, dann steht unten dran eine Zahl, die ist meist kleiner als die Nummer, denn das ist die Anzahl, hier steht nun 2, das heißt, aus den blau markierten Gestellen müssen Sie, ach, das hab ich vergessen, die Nummer steht entweder in einem roten, in einem blauen oder in einem gelben Feld, sehen Sie, und die hier, 1341, steht im blauen Feld, das heißt, aus den blau markierten Gestellen holen Sie 2 Schachteln von der Nummer 1341.
Wie Sie die Schachteln auf den Gestellen nachrücken müssen, zeig ich Ihnen dann hinten, dann kommen Sie zurück, drücken sich den Warenlift herunter und machen unten ein Häkchen auf die Bestellung, und wenn der Lift kommt, dann schieben Sie die zwei 1341 blau hinein, legen den Zettel dazu, schließen die Türklappen und drücken den oberen Knopf, und das ist alles. Früher mussten wir auch die Bestände nachführen, aber das wird heute alles elektronisch gemacht, wir müssen die Sachen nur noch nach vorn bringen, und der Rest wird oben gemacht.
Wenn Sie eine Bestellung haben, die nicht viel Zeit braucht, können Sie auch den Warenlift schon drücken, wenn Sie vom Bestellkorb weggehen, dann sparen Sie sich ein bisschen Zeit, aber es kann Ihnen passieren, dass er schon wieder weg ist, bis Sie zurückkommen, weil er auch noch von oben in den ersten Stock gebraucht wird, deshalb bin ich dazu übergegangen, ihn immer erst zu drücken, wenn ich ihn brauche, und es tut auch ganz gut, einen Moment einfach so zu stehen und zu warten.
Übrigens sind Sie zu leicht angezogen, so, wie Sie jetzt sind, der Raum ist klimatisiert, es darf nie wärmer als 16 Grad werden wegen der Medikamente in den Schachteln.
Ja, dann kämen wir noch zum Leerkorb.
Wenn der Leerkorb voll ist mit gebrauchten Rohren, dann drücken wir den Warenlift und drücken gleichzeitig hier die Gegensprechanlage und sagen dem oben, dass jetzt dann ein voller Leerkorb kommt, stellen ihn in den Lift, drücken oben, er nimmt ihn oben heraus, leert ihn und schickt ihn gleich wieder runter, und dann ist er wieder leer.
Das ist eigentlich alles.
Haben Sie verstanden?
J Ja.
G Hallo!
Ä Ja?
G Schauen Sie doch einmal nach, wie viel von blau 481 noch da ist.
Ä Fragen Sie doch die Anlage.
G Da kann ich nicht rein, da ist grad ein anderes Programm drauf.
Ä Könnt ihr nicht warten?
G Nein, ich muss es gleich wissen.
Ä Also gut. Geht.
J kommt summend
G Hallo!
J erschrickt
G Haben Sie’s?
J drückt den Knopf Ja.
G Wie viel sind’s?
J Zwei.
G Das ist zu wenig.
J Wieso denn?
G Ich muss zwanzig haben. Danke.
J Dann sagen Sie’s doch gleich. Lässt den Knopf los.
Hier steht zwei. Sie haben eine Null vergessen. Geht nach hinten.
Ä drückt den Gegensprechanlageknopf Hallo?
G Ja?
Ä Ich hab nachgeschaut. Es sind vierundzwanzig.
G Nicht zwei?
Ä Nein, vierundzwanzig.
G Eben haben Sie gesagt, zwei.
Ä Ich? Nein. Wie kommen Sie darauf?
G Sie haben zwei gesagt.
Ä Dummes Zeug. Ich war hinten.
G Quatschen Sie nicht! Von 481 sind also noch vierundzwanzig da?
Ä Ja. Aber –
G Danke.
Ä Bitte.
J kommt mit 10 Schachteln
Die machen auch Fehler da oben. Schreiben zwei und meinen zwanzig.
Stellt die Schachteln hin.
Ä Sagen Sie mal, haben Sie vorhin mit oben gesprochen?
J Ja. Das heißt, er mit mir. »Hallo!«, hat er plötzlich gesagt.
Ä Und dann hat er Sie gefragt, wie viel sind’s?
J Haben Sie’s gehört?
Ä Nein, aber er hat mich gemeint. Drückt Knopf. Hallo!
G Ja?
Ä Ich wollte nur erklären, wie es vorhin zum Missverständnis kam. Es war so, dass, als Sie gefragt haben, wie viel noch da seien, nicht ich geantwortet habe, sondern meine Kollegin, die eine Bestellung hatte von – zur Jüngeren wie viel?
J gleichzeitig Ich?
Ä gleichzeitig Ja. Ihre Bestellung.
G gleichzeitig Wie viel sind da?
J Zwei.
G Vorhin sagten Sie vierundzwanzig.
Ä Und Sie haben ihre Bestellung mit meiner Angabe verwechselt.
J Ach, deshalb.
Ä gleichzeitig Und Sie haben seine Bestellung mit ihrer verwechselt. Wie viel war seine Bestellung?
G gleichzeitig Also, wie viel sind es nun, zwei oder 24?
J Zwanzig.
G Herrgott noch mal. Wie viel seid ihr eigentlich da unten?
ÄJ Zwei.
Ä schaut der Jüngeren bei der Arbeit zu So. Langsam rollt’s Ihnen, nicht?
J Ja.
Ä Heute ist ja auch schon der dritte Tag.
J Mich dünkt, ich sei schon die längste Zeit da.
Ä Ja, man gewöhnt sich rasch.
J Sagen Sie, was ich Sie noch fragen wollte, in den Schachteln sind alles Medikamente?
Ä Ja.
J Was für welche?
Ä Alle, die Sie sich denken können. Wir sind ein Medikamentengroßumschlag, das heißt, wir kaufen die Medikamente bei den Fabriken ein und liefern sie an die Apotheken, Drogerien, Ärzte –
J – Warenhäuser.
Ä Warenhäuser auch, die nicht rezeptpflichtigen.
J Und wieso kaufen die Warenhäuser, Ärzte, Drogerien und Apotheken ihre Dinge nicht bei den Fabriken selbst?
Ä Weil es so einfacher ist. Stellen Sie sich vor, ein Apotheker oder Drogist oder Arzt –
J – oder ein Warenhäusler.
Ä Gut, ja, oder ein Warenhäusler … wie das tönt, das sagt man sonst nicht. Wieso liegt Ihnen überhaupt so viel an den Warenhäusern?
J Mir liegt gar nichts an ihnen.
Ä Aber Sie erwähnen sie ständig.
J Vielleicht, weil mir nichts an ihnen liegt.
Ä Also, dann bräuchten Sie sie besser gar nicht zu erwähnen.
J Ich werde sie nicht mehr erwähnen.
Ä Gut.
J Sie können davon ausgehen, dass mir die Warenhäuser vollkommen gleichgültig sind.
Ä Ist ja egal. Nun stellen Sie sich vor, ein Drogist, nehmen wir an, ein Drogist muss –
J Es könnte aber auch ein Warenhausdrogist sein.
Ä Ich dachte, Sie seien über die Warenhäuser hinweg.
J Fast, ja. Ich finde es einfach eine Gemeinheit den Drogisten gegenüber, dass ein Warenhaus auch Tabletten verkaufen darf.
Ä Also sind Ihnen Warenhäuser doch nicht gleichgültig.
J Nein, ganz und gar nicht. Wieso meinen Sie, dass sie mir gleichgültig sein sollten?
Ä Weil Sie es soeben gesagt haben.
J Ach so, ja, aber wissen Sie, wenn man sagt, etwas sei einem gleichgültig, dann heißt das eigentlich, es interessiert einen. »Gleichgültig« heißt so viel wie »interessant«.
Ä Na. Und Warenhäuser finden Sie also interessant?
J Ja.
Ä Wieso denn?
J Weiß ich nicht. Vielleicht, weil man dort alles haben kann.
Ä Sogar gewisse Medikamente, und jetzt nehmen wir an, Ihr Warenhausabteilungsleiter will Vitamin-C-Tabletten bestellen und –
J Der braucht nichts zu bestellen. Ich will nicht, dass er etwas bestellt.
Ä Na, hören Sie.
J Er ist ein ganz mieser Typ mit schwarzen Locken und viel zu freundlich.
Ä Also gut, bleiben wir beim Drogisten.
J Und zu Hause hat er eine hässliche Frau.
Ä Bitte, bitte. Kennen Sie ihn?
J Und ob ich ihn kenne. Dem schick ich keine einzige Tablette.
Ä Nun warten Sie doch. Erstens wissen wir hier unten gar nicht, wohin die Schachteln gehen, und zweitens wollte ich ja nur ein Beispiel geben von einem Drogisten.
J Nehmen Sie einen Apotheker. Nehmen Sie einen Apotheker. Da kann nichts passieren.
Ä Gut, gut. Aber wenn Sie mich weiter so unterbrechen, kann ich das Beispiel nie zu Ende bringen.
J Dieser schmierige, fiese Typ.
Ä Also, nehmen wir an, ein Apotheker –
J Diese falsche Freundlichkeit …
Ä – ein Apotheker muss –
J – und zwar zu allen, das ist ja das Widerliche.
Ä – ein Apotheker muss –
J – zu denen, die er am meisten hasst, ist er am freundlichsten.
Ä Was ist nun? Wollen Sie das Beispiel hören oder nicht?
J Ich will das Beispiel hören, unbedingt. Was muss der Apotheker?
Ä Der Apotheker muss Saridon und Aspirin nachbestellen, ja?
J Ja. Ich könnte ihn auf einen Stuhl binden und stundenlang ohrfeigen.
Ä Da müsste er an die Firma Bayer eine Bestellung machen für Aspirin und an die Firma Roche eine für was?
J Für Saridon.
Ä Richtig. Ich wollte nur sehen, ob Sie aufpassen.
J Ich passe schon auf. Stundenlang.
Ä So lang dauert es nicht.
J Stundenlang könnte ich ihn ohrfeigen.
Ä Stattdessen aber –
J Und zwar mit derselben Hand, zuerst so Ohrfeige von rechts mit Handinnenfläche und dann so Ohrfeige mit derselben Hand rückwärts mit dem Handrist
Ä schreit Stattdessen aber bestellt er beides von uns, gleichzeitig, im selben Arbeitsgang, da hat er zwei Fliegen auf einen Streich.
J Das Saridon und das Aspirin.
Ä Ja.
J Und wenn man sich jetzt vorstellt, dass er noch viel mehr Medikamente gleichzeitig bestellen muss, dann bekommt man etwa eine Ahnung, wie nützlich ein solcher Medikamentengroßumschlag ist.
Ä Ja, ja, so ist es.
J Sagen Sie, und wenn man selbst einmal eine Tablette braucht, kriegt man die hier?
Ä Nein. Das ist strengstens verboten.
J stellt schwere Schachteln ab Au, die sind schwer. Was da wohl drin ist?
Ä Was ist es? Gelb 208? Das müssen Salben sein. Schwere Salben für Wickel, Antiphlogistin und derartiges, Fangopackungsgeschichten. Die stehen in dieser Gegend.
J Wieso stehen die ausgerechnet dort?
Ä Wo sollten sie denn sonst stehen?
J Gleich hier.
Ä Das geht nicht.
J Wieso nicht?
Ä Hier stehen doch die seltenen Medikamente. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?
J Doch. Das ist mir unangenehm aufgefallen. Es sieht wie Absicht aus.
Ä Ist es auch. Das ist alles ausgedacht.
J Aber nicht gut.
Ä Die Sachen sind nach unterschiedlichen Prinzipien eingeteilt, teils den Sachgebieten nach, teils den Firmen, teils den Katalognummern, teils der Häufigkeit nach und der Seltenheit.
J Offenbar. Und warum tragen die Kartons Nummern statt Namen?
Ä Damit wir nicht wissen, was drin ist.
J Aber Sie wissen es trotzdem?
Ä In groben Zügen. Zum Beispiel beginnt gleich hier die Kopfwehgegend, blau Anfang sind Halswehtabletten, blau Ende sind die Psychos, gelb bis 100 Antibaby, 200 Salben, gelb Ende Antibiotika. Etwa so.
J Eigenartig, eigenartig.
Ä Was?
J Das ist alles gegen etwas.
Ä Ja. Gegen Beschwerden und Schmerzen.
J Gegen Schlaflosigkeit …
Ä Ja. Gegen Durchfall und gegen Verstopfung …
J Und gegen Kinder. Stellen Sie sich einmal all die Kinder vor, die hier vom Leben ferngehalten werden. Wenn die alle hier wären –
Ä Ein Mordskrach.
J Man sagt doch zu einem Kind, wenn man von etwas spricht, das vor seiner Geburt war, da warst du noch hinter dem Mond. Das ist hier. Hier sind wir hinter dem Mond. Hier sind die ungeborenen Kinder. Haben Sie nie das Gefühl, Sie trügen tote Kinder in den Schachteln herum?
Ä Nein, dieses Gefühl habe ich nie. Ich habe ein anderes.
J Was für eines?
Ä Manchmal habe ich das Gefühl, Beschwerden könnten durch Tabletten nicht zum Verschwinden gebracht, sondern nur vertrieben werden, sie sind dann noch immer da und ziehen umher und gehen weiter, und zuletzt lassen sie sich alle am selben Ort nieder und bleiben dort.
J Das ist wahr. Das ist wahr. Und wo bleiben sie?
Ä Hier.
J Dieses Stück Wand hier brauchen Sie doch nicht?
Ä Nein. Wieso?
J Ich möchte etwas aufhängen.
Ä Ach so.
J während sie einen Poster von einem Kind aufzumachen beginnt
Wer ergänzt eigentlich die Schachtelvorräte?
Ä Das machen die vom Ergänzungsdienst.
J Und wann?
Ä Nachts, damit der Betrieb nicht gestört wird.
J Wie die Heinzelmännchen.
Ä Ja, Sie haben recht. Ich habe noch nie einen von ihnen gesehen.
J So, jetzt hängt es. Wie finden Sie es? Schön, nicht?
Ä Ja, schön. Aber –
J Aber was?
Ä Aber fast ein wenig traurig.
Beleuchtungswechsel, Pfeifgeräusch, Ticken, Gluckern, Atmen
J Schwester Verena, Sie haben gerufen.
Ä Ja, Frau Doktor. Es wird unregelmäßiger.
J Mhm, mhm. Ja. Etwas abnehmend auch. Erhöhen Sie die zweite Dosis um 0.4 und geben Sie sie gleich jetzt.
Ä Ja, gut.
J Und wenn es weiter abnimmt, rufen Sie mich. In Ordnung?
Ä Nein.
J Gut. Bis nachher.
Ä Ich habe »Nein« gesagt.
J Ja? Und was ist nicht in Ordnung?
Ä Ich kann das nicht mehr mitansehen. Wieso lassen Sie ihn nicht gehen? Er will doch sterben.
J Wir müssen das Leben erhalten.
Ä Aber nicht ewig.
J So lang es eben geht.
Ä Hier geht’s zu lang. Seine Frau hält es kaum mehr aus. Es ist die sechste Woche.
J Es ist hier nicht der Ort und der Augenblick, ärztliche Grundsätze zu diskutieren. Erhöhen Sie die Dosis, wie ich gesagt habe.
geht
Ä Reißt einen Stecker heraus, steckt eine Haarnadel hinein, schreit auf, es gibt einen Kurzschluss. Licht weg, die Geräusche verstummen, der Atem löscht aus.
Frau Doktor! Frau Doktor! Leuchtet mit Taschenlampe.
J Was gibt’s?
Ä Ich bin über ein Kabel gestolpert, da sind sie rausgerissen, es muss einen Kurzschluss gegeben haben. Die Apparate sind aus.
J nimmt die Taschenlampe und untersucht den Patienten
Schon gut. Ich werde niemandem etwas sagen.
Ä Ich hab Ihnen hier etwas mitgebracht.
J Mir?
Ä Ja, Ihnen, schauen Sie mal.
J Was ist denn das?
Ä Ein Schwämmchen.
J Na. Und wofür kann man das brauchen?
Ä Das kann man für alles Mögliche brauchen, zum Beispiel um Briefmarken hinten nass zu machen, statt sie mit der Zunge abzuschlecken, oder auch um Briefe zuzukleben, Sie tupfen einfach den Briefrand hier drüber, statt dass Sie mit der Zunge über die gummierte Fläche fahren müssen, Sie kennen das, das ist ja widerlich, vor allem wenn Sie einmal ein großes gelbes Couvert verschicken, da sind Sie froh um ein solches Schwämmchen. Oder auch, um einen Finger zu befeuchten, den man sonst an der Zunge netzen würde.
J Ein vielseitiges Schwämmchen. Danke vielmals.
Ä Und was besonders gut ist daran, Sie haben hier ein aufschraubbares Wasserreservoir, sehen Sie, ich schraube es einmal auf für Sie, damit Sie sehen, wie es geht – oh, es war schon gefüllt, entschuldigen Sie …
J Macht nichts.
Ä Ach, wie dumm, nun haben Sie einen Spritzer abbekommen, aber es ist ja nur Wasser, und wenn Sie’s einmal gefüllt haben, und das Schwämmchen ist trocken, dann müssen Sie nur das Wasserreservoir ein bisschen drücken, es ist aus Plastik, und schon schleust sich unten das Wasser ins Schwämmchen, und es ist angenehm feucht.
J Das ist wirklich praktisch.
Ä Ich habe gedacht, dass Sie es hier aufstellen könnten, gleich neben dem Rohrkorb.
J Ich verschicke zwar keine gelben Couverts von dort.
Ä Das nicht. Aber Sie schlecken sich die Finger ab.
J Ich schlecke mir die Finger ab?
Ä Ja, immer bevor Sie die Bestellung herausnehmen.
J Ach, das ist mir noch gar nicht aufgefallen.
Ä Aber mir.
J Und deshalb schenken Sie mir dieses Schwämmchen?
Ä Sie können es natürlich auch abends nach Hause nehmen, wenn Sie wissen, dass Sie noch einen großen gelben Brief abschicken wollen, aber vor allem hatte ich es für hier gedacht.
J Ja, ich werde es hier lassen. Ich nehme sowieso selbstklebende Couverts, wenn ich einmal Briefe schreibe.
Ä Sie schreiben nicht viele Briefe?
J Nein, nicht viele.
Ä Dann lassen Sie es wirklich gescheiter hier.
J Eben, das habe ich ja schon gesagt.
Ä Diese Fingerschleckerei ist nämlich sehr unhygienisch und kann recht gefährlich werden, man ist sich dessen gar nicht so bewusst, man tut es einfach aus Gewohnheit und denkt sich nichts dabei, aber das kann bis zu Ekzemen auf der Zunge gehen, nur vom Fingerschlecken.
J Und was stört Sie, wenn ich den Finger abschlecke?
Ä Das Geräusch. Ich kann das Geräusch nicht hören. Es gibt so ein kleines, schmatzendes Geräusch dabei, fast wie wenn sich ein kleiner feuchter Hohlraum bildet, der dann platzt, und wenn ich mir diesen feuchten Hohlraum aus Speichel und Staub vorstelle, wird mir fast übel.
J Also ist es eigentlich nicht ein Geschenk an mich.
Ä Sie können es bezeichnen, wie Sie wollen.
J Gut, dann bezeichne ich es, wie ich will. Für mich ist es eine Art Dauerdrohung.
Ä Ach nein, seien Sie doch nicht so hart. Ich möchte bloß, dass Sie sich die Finger nicht mehr abschlecken. Ist das zu viel verlangt?
J Zu viel ist es nicht, aber …
Ä Aber?
J Aber viel.
J Ist Ihnen auch aufgefallen, dass wir in letzter Zeit viel von den vorderen Gestellen geben müssen?
Ä Ja.
J Sie haben doch gesagt, hier seien die seltener gebrauchten Medikamente.
Ä Ja, im Großen und Ganzen schon.
J Was könnte denn das für ein Medikament sein?
Ä Ich weiß auch nicht. Vielleicht ist es der Impfstoff gegen die Tollwut.
J Wird der jetzt gebraucht?
Ä Ja. Die Tollwut ist am Zunehmen.
J Ist das wahr?
Ä Ja. Haben Sie das nicht gelesen?
J Ich lese keine Zeitungen.
G Hallo!
Ä Ja?
G Bauer Kika Flachstiefel hau fünf rasend.
Ä Sofort.
J Was haben Sie gesagt?
Ä Sofort.
J Ich meine, was hat e r gesagt?
Ä Schauen Sie mal nach, wie viel blau 5 da sind.
J Seltsam. Ich habe etwas anderes verstanden.
Ä Was denn?
J Ich habe verstanden, Bauer Kika Flachstiefel hau fünf rasend.
Ä Na so was. Geht.
J drückt Knopf Hallo.
G Ja.
J Haben Sie soeben gesagt »Bauer Kika Flachstiefel hau fünf rasend«?
G Ja.
J Danke. Das ist alles.
G Und starben Sie nach der Braut?
J Was?
G Starben Sie nach der Braut?
J Nein. Ich lebe. Ich lebe.
G Starben Sie nach der Braut?
J Ich … Ich … zur Älteren, die hereinkommt Verstehen Sie, was er fragt?
G Starben Sie nach der Braut?
Ä Er fragt: »Haben Sie nachgeschaut?« zur Gegensprechanlage Es sind dreißig.
G Schanker.
Ä Bitte. – Was haben Sie denn?
J Sagen Sie, woran merkt man, dass man Tollwut hat?
Ä Die Wunde schmerzt, es gibt Erstickungsanfälle, und der Geist beginnt sich zu verwirren. Was haben Sie denn?
J Dieser Kratzer hier, ich weiß nicht, woher ich ihn habe, aber er schmerzt mich die ganze Zeit, vielleicht hat mich einmal eine Katze gekratzt, die schon infiziert war, man merkt es ja erst viel später, oder? Können wir nicht ein solches Paket aufmachen und Sie impfen mich, da sind doch Wegwerfspritzen drin, ich weiß schon kaum mehr, man benimmt sich doch auch seltsam, oder? Die Tiere verlieren ihre Scheu, hab ich Schaum vor dem Mund?
Ä Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, mein Kind, Sie haben doch nicht Tollwut.
J Doch, doch, ich habe bestimmt Tollwut. Ich höre schon falsch. Wissen Sie, was ein Flachstiefel ist? Und die Braut ist gestorben.
Ä während hinten dauernd Rohre runterfallen Aber was reden Sie da? Beruhigen Sie sich, wirklich, Ihnen fehlt nichts. Es strengt eben doch an, hier unten, ich weiß das – am besten ist, nicht nachdenken und weiterarbeiten. Heute gibt’s Gott sei Dank zu tun.
J Sie haben recht. Steht auf, macht ein Rohr nach dem anderen auf. Alles von den seltenen.
J drückt Gegensprechanlageknopf Hallo!
G Ja.
J Ein voller Leerkorb.
G Danke.
J Nichts zu danken. Sie schickt ihn hinauf und wartet, sieht sich dabei ihre Hand an, schleckt sie ein bisschen ab, schaut sie an, hält sie mit der andern Hand.
Ä Tut’s immer noch weh?
J Ja. Ich spüre den Kratzer immer noch.
Ä Dann gehen Sie doch zum Arzt.
J Ich fürchte mich.
Ä Wovor? Dass er Ihnen sagt, Sie hätten Tollwut?
J Nein. Dass er mir sagt: »Und wegen dieser Kleinigkeit kommen Sie zu mir?«, und mich dazu anschaut. Davor fürchte ich mich unheimlich.
Ä Dann lassen Sie’s eben vorbeigehen. Ich bin jedenfalls sicher, dass Sie nicht Tollwut haben.
J Ich nicht. Obwohl, ich habe mich genau an die letzten Wochen erinnert. Ich war nie mit einer Katze oder einem Hund oder sonst einem Tier zusammen, schon gar nicht mit einem, das sich verdächtig benommen hat.
Ä Sehen Sie. Vielleicht haben Sie den Kratzer von einem Gestell, einer Schachtelkante. Karton kann sehr scharf sein – ich hab mich schon öfter verletzt damit.
J Meinen Sie, dass das von einer Schachtel sein könnte?
Ä Aber natürlich. Und man merkt es nicht einmal.
J Das wird es sein, das wird es sein. Ach, ich bin erleichtert. Aber wenn es jetzt eine Schachtel mit Tollwutimpfstoff war, würde das nicht auch Tollwut geben können?
Ä Aber nein, mein Liebes. Erstens müsste innen alles zerbrochen sein, damit der Impfstoff raustropft, und zweitens verhindert ja der Impfstoff gerade, dass man Tollwut bekommt.
J Sind Sie sicher?
Ä Das dürfen Sie mir schon glauben. Ich war früher Krankenschwester.
J Ach. Und warum sind Sie jetzt hier?
Ä Ich konnte die kranken Menschen nicht mehr ertragen.
J Und da wollten Sie in ein richtig gesundes Arbeitsklima wechseln.
Ä Ich wollte etwas Anspruchsloseres zu tun haben.
J Sagen Sie mal – wieso ist das hier eigentlich so gut bezahlt? Also verglichen mit dem, was wir tun müssen.
Ä Die Arbeit ist eben nur scheinbar leicht. Das wird Ihnen schon noch aufgehen. Deshalb nehmen sie auch nicht jeden. Ich hatte mehrere Vorgängerinnen, und Sie auch.
J Einmal haben wir auf einem Betriebsausflug eine Weinkellerei besichtigt. Das war ein Gebäude wie eine aufgestellte Tafel Schokolade. Links und rechts mehrstöckig die Lagernischen, in der Mitte ein kleiner Gang mit einer Schiene. Wenn der Händler nun fünfzig Flaschen Chianti brauchte, gab er die Lochkarte dieses Chianti einem kleinen Hubstapler ein, der fuhr auf der Schiene bis zu der Stelle, über der sich der Chianti befand, dann fuhr er mit seinem Arm so hoch, bis er beim Chianti war, hob eine Palette davon heraus, lud sie auf sein Wägelchen und brauchte die Kisten nur noch in den Lieferwagen umzuladen, der gleich danebenstand. Das könnte man doch hier auch so machen.
Ä Sie haben auch so was im Sinn, aber erst nach dem Umbau. Deshalb ist übrigens auch die Arbeit nicht leicht.
J Weshalb?
Ä Weil sie ebenso gut von Maschinen gemacht werden könnte.
G Hallo.
J Ja?
G Der Leerkorb kommt.
J Danke.
G Nichts zu danken.
Ä Das hat er mir noch nie gesagt.
J Sie müssen’s ihm halt auch einmal sagen.
Aber etwas verstehe ich nicht.
Ä Was?
J Wenn eine Arbeit ebenso gut von einer Maschine gemacht werden könnte, ist es doch eine leichte Arbeit.
Ä Nein. Für uns nicht.
J Warum?
Ä Weil wir keine Maschinen sind.
Die Jüngere nimmt eine Bestellung aus dem Korb und will sich die Finger abschlecken, da schaut die Ältere, die gerade mit einer Bestellung weggehen will, ihr auf die Finger, und die Jüngere netzt sich die Finger am Schwämmchen.
Die Ältere geht weg, die Jüngere seufzt, liest die Bestellung und erledigt sie, es ist eine von den seltenen gleich hinter ihr. Die Ältere kommt zurück, mit drei Schachteln. Sie hat einen Schweinskopf anstelle ihres normalen Kopfes, aber sonst erledigt sie alles normal. Die Jüngere merkt zuerst nichts. Während die Ältere die neue Bestellung herausnimmt, sagt sie zur Jüngeren:
Ä Ist doch praktisch, so ein Schwämmchen, nicht?
J Tatsächlich. Sie merkt, wie die Ältere aussieht. Was?!
Ä Ich sagte eben, wie praktisch doch ein solches Schwämmchen ist.
J fassungslos Ja, ja, natürlich, ich hab’s ja gehört.
Ä Ich kenne das. Manchmal hört man zu und hört doch nicht zu.
J Gewiss.
Ä Dann könnte man schwören, dass man gehört hat, was soeben gesagt wurde, und trotzdem hat man kein Wort von allem verstanden.
J Ja. Kein Wort.
Ä geht mit dem Bestellzettel hinaus
J setzt sich, völlig desorientiert Ich kenne das. Manchmal hört man zu und hört doch nicht zu. Dann könnte man schwören, dass man gehört hat, was soeben gesagt wurde, und trotzdem hat man kein Wort von allem verstanden.
Ä kommt herein, wieder normal Haben Sie etwas zu mir gesagt?
J Nein, nein. Gott behüte. Sie hütet sich, die Ältere anzuschauen.
Ä Wie meinen Sie das?
J Wie ich’s gesagt habe.
Ä Dann meinen Sie, Gott soll Sie davor behüten, etwas zu mir zu sagen.
J So oder ähnlich oder anders oder was immer Sie wollen.
Ä Nun sagen Sie mal … Hab ich Sie denn beleidigt mit dem Schwämmchen?
J Nein. Nicht die Spur.
Ä Aber was haben Sie denn? Schauen Sie mich doch an.
J Lieber nicht.
Ä Sie waren schon vorhin etwas abwesend, nicht?
J Ja, ja. Immer noch. Ich bin ganz und gar abwesend.
Ä Sind Sie krank? Haben Sie Fieber? Sie nimmt ihr Kinn in die Hand und schaut sie an.
J schreit bei ihrem Anblick auf
Ä Was haben Sie?
J Nichts, nichts. Das heißt, doch … Ich habe eine Frage.
Ä Und das wäre?
J Wie lang die Zeit ist, bis … ich meine, dieses Ausbrütungsdings … bis man richtig sieht, was man hat, nachdem man angesteckt worden ist, also die Zeit von der Übertragung einer Krankheit bis man sie hat …
Ä Die Inkubationszeit?
J Ja, ja, diese. Wie lang ist die Inkubationszeit von Tollwut?
Ä Ein bis sechs Monate.
J entsetzt So lang?
Ä Ja, so lang. Warum?
J Stimmt das, dass Leute, denen man einen Arm oder ein Bein abgenommen hat, das Gefühl haben, sie hätten in diesem Arm oder Bein Schmerzen?
Ä Ja, das stimmt. Aber wissen Sie, was den meisten Beinamputierten am schwersten fällt?
J Das Gehen?
Ä Nein. Das Wegwerfen des einen Schuhs. Manche werfen ihn gar nicht weg, sondern nehmen ihn mit nach Hause. Vielleicht kann ich ihn noch brauchen, sagte mal einer.
J Der hat geglaubt, der Fuß wachse ihm wieder nach.
Ä Ja. Aber da wächst nichts nach, da wächst nichts nach.
J Nur die Schmerzen.
Ä Schlimm ist auch, wenn Wunden wieder aufgehen.
J Ja, das glaube ich.
Ä Wenn Zugenähtes wieder aufplatzt.
J Das glaube ich, das glaube ich.
Ä Vor allem, wenn es innerlich passiert.
J Das kann ich mir vorstellen.
Ä Das heißt also, von außen gesehen ist alles in Ordnung.
J Die Wunde ist zu.
Ä Die Wunde ist vollkommen zu …
J Aber innen …
Ä … dort, wo der halbe Magen zugenäht wurde, da bäumt sich alles auf und füllt sich mit Blut.
J Ich kann es mir vorstellen, ich kann es mir vorstellen.
Ä Und der Patient schreit und schreit …
J Ich kann es mir vorstellen.
Ä Der Patient schreit ganze Gänge voll, die andern Patienten ziehen sich schaudernd unter der Decke zusammen, Nachtschwestern kommen, Ärzte hasten durch den Gang, und der Patient …
J … schreit und schreit …
Ä … schreit ganze Stockwerke voll, und nun tropft das Blut durch die Wunde, und nun geht auch die Wunde auf …
J Hören Sie auf, um Gottes willen …
Ä … und das Leintuch färbt sich rot und die Bettdecke …
J Aufhören!
Ä … und der Patient schreit ganze Spitäler voll vor Schmerz, und er ist fassungslos, fassungslos, weil es nicht so herausgekommen ist, wie man ihm versprochen hat, weil nichts zugewachsen ist, sondern alles ist wieder aufgegangen …
J singt Der Mond ist aufgegangen
Ä … und dann verstummt er doch unter der Spritze, der großen Spritze mit der hohen Dosis, die ihm der Arzt gibt, weil sich nicht einmal die Oberschwester getraut, und weil sich sein Arm so zusammenzieht, dass er wie Leder ist …
J … und unsern kranken Nachbarn auch!
Ä … und die lange Blutspur vom Zimmer zum Lift und im Lift und vom Lift zum Operationssaal, durch die leer geschrienen Gänge …
J Sie! Ich kenne einen ganz schlimmen Fall!
Ä Und keine Jugoslawin da, die sie aufwischt und dazu ein Liedchen summt, sondern nur die Nachtschwester.
J Sie! Ich kenne einen noch viel schlimmeren Fall! Und zwar –
Ä … und die Nachtschwester findet den Schrubber nicht und kauert zitternd am Boden und nimmt alles auf mit den Handtüchern und kann nichts mehr denken und will weit fort, weit fort!
J Und zwar war das einer, dem haben sie den Kopf abgehauen.
Ä Was Sie nicht sagen.
J Ja. Und der ist nie mehr wieder angewachsen. Nie mehr.
J Man erlebt ja furchtbare Sachen als Krankenschwester.
Ä Ja, zum Glück hab ich das nicht selber erlebt.
J Das haben Sie nicht selber erlebt?
Ä Nein. Wieso meinen Sie?
J Es wirkte so, wie wenn Sie es selber erlebt hätten. Am meisten die Stelle mit der Blutspur, die Sie aufwischen mussten, dort, wo Sie den Schrubber nicht fanden. Das war nicht zum Aushalten.
Ä Ja, das fand ich auch immer, wenn es mir erzählt wurde.
J Wer hat es Ihnen denn erzählt?
Ä Meine Vorgängerin.
J Ach, Ihre Vorgängerin?
Ä Ja, eine ziemlich geschwätzige Person, etwas weinerlich auch. Erzählte dauernd solche Geschichten.
J Die ist Ihnen aber ganz schön hängen geblieben, diese Geschichte.
Ä Ja. Deshalb war ich auch froh, als sie nicht mehr kam. Es genügt schließlich, wenn man den ganzen Tag Medikamente herumträgt, man kann nicht auch noch jede Menge Spitalgeschichten verdauen.
J Ja, und besonders solche, in denen es den Leuten derart dreckig geht.
Ä Eben.
J Das ist demoralisierend, so etwas.
Ä Nicht?
J Da hat man es schön, die Arbeit geht flott voran, und schon muss man wieder an ein Schicksal denken.
Ä Das lag mir auch nicht.
J Und wie lange sind Sie eigentlich schon da?
Ä Ich? Etwa vier bis fünf Jahre.
J Wieso sagen Sie etwa?
Ä Wieso sollte ich nicht etwa sagen?
J Sie können doch genau sagen, wann Sie hier angefangen haben.
Ä Nein. Die Arbeitsübernahme von meiner Vorgängerin war fließend.
J Ach so.
Ä Ja.
J Wer war denn Ihre Vorgängerin?
Ä Ich.
J Das versteh ich nicht.
Ä Wenn Sie lange genug hier sind, werden Sie es schon verstehen.
J Wenn Sie Ihre Vorgängerin gewesen sind, dann hätten Sie ja die Arbeit von sich selbst übernommen.
Ä So war es.
J Dann haben Sie vorher eine andere Arbeit gemacht?
Ä Nein. Dieselbe.
J Aber wenn man Vorgängerin sagt, dann meint man doch jemand anders.
Ä Eben.
J Was?
Ä Vorher war ich auch jemand anders.
J Sie –
Ä Haben Sie noch nie gehört, dass ein Mensch in etwa sieben Jahren alle seine Zellen erneuert? Genau habe ich vor elfeinhalb Jahren hier angefangen, aber als ich anfing, war ich noch ganz anders, ich habe mich erst nach und nach verändert, so, dass ich hier hinzugehören begann.
J Und als Sie anfingen, waren Sie geschwätzig und weinerlich?
Ä Ach, nicht nur, eigentlich auch ein bisschen …
J Ein bisschen?
Ä Ein bisschen wie …
J Ein bisschen wie?
Ä Ein bisschen wie Sie.
J drückt Gegensprechanlageknopf Hallo.
G Ja?
J Die zwei 1428 gelb, die jetzt kommen, sind die letzten Mohikaner.
G Die letzten was?
J Mohikaner.
G Ich verstehe Sie nicht, sprechen Sie deutlicher.
J überdeutlich Die letzten M-o-h-i-k-a-n-e-r.
G Und was soll das sein?
J Na, haben Sie nie lndianerbücher gelesen, Sie als Mann?
G Als Mann nicht.
J Ich meine, als Knabe. Lederstrumpf müssen Sie doch gelesen haben.
G Was?
J Lederstrumpf.
G Ein Sumpf?
J Herrgott noch mal, L-e-d-e-r-s-t-r-u-m-p-f!
G Und was meinen Sie damit?
J Nichts, nichts, ich wollte Ihnen doch nur sagen, woher die letzten Mohikaner kommen.
G Und woher kommen sie?
J Eben, aus Lederstrumpf.
G Und was ist mit dem Lederstrumpf?
J Nichts, mein Gott, das ist das lndianerbuch, in dem auch eine Geschichte vorkommt, die heißt »Der letzte Mohikaner«.
G Und das empfehlen Sie mir, wenn ich Sie richtig verstehe.
J Nein, überhaupt nicht! Wenn Sie es nicht schon als Knabe gelesen haben, dann ist es zu spät!
G Wieso sprechen Sie denn dauernd davon?
J Weil Sie so schwer von Begriff sind!
G Ich bitte Sie!
J Ich wollte Ihnen doch nur erklären, was die letzten Mohikaner sind, weil Sie das offenbar nicht wissen.
G Nein, ich bin sicher, dass wir keine davon führen.
J Da bin ich auch ganz sicher.
G Soeben haben Sie aber gesagt, es kämen welche hoch.
J Ja, zwei davon kommen hoch, passen Sie auf, sie sind bewaffnet, mit Indianern ist nicht zu spaßen.
G Machen Sie keine Scherze.
J Doch, ich mache Scherze! Ich mache Scherze!
G Aber nicht mit mir.
J Doch, mit Ihnen! Mit Ihnen! Ich wollte mit Ihnen einen Scherz machen!
G Und was soll das für ein Scherz sein?
J Der Scherz bestand daraus, dass ich nicht sagte, die zwei 1428 gelb, die jetzt kommen, sind die letzten, sondern die zwei 1428 gelb, die jetzt kommen, sind die letzten Mohikaner!
G Und wieso haben Sie das gesagt?
J Weil ich etwas Lustiges sagen wollte, weil ich etwas Farbe in diese trostlose Bude bringen wollte, weil ich nicht mit einem Kästchen reden wollte, sondern mit einem Menschen!
G Und deshalb haben Sie zu diesen Mohikanern gegriffen?
J Ja, deshalb, aber vergessen Sie sie, ich bitte Sie, vergessen Sie sie, sie sind ausgerottet, schon lange, die Engländer haben sie kaputt gemacht und die Franzosen, es gibt keine Indianer mehr in Amerika, nur noch Fabriken, der letzte Mohikaner ist vor hundert Jahren gestorben!
G Und Sie wärmen das jetzt wieder auf.
J Ja. Ich mache sogar einen Scherz auf seinem Buckel.
G Und erklären Sie mir diesen Scherz noch mal?
J Nein, nein! Niemals werde ich Ihnen diesen Scherz erklären!
G Doch, auf der Stelle erklären Sie ihn mir.
J Ein Scherz, den man erklärt, ist kein Scherz mehr, darüber kann man nicht mehr lachen.
G Doch, ich werde darüber lachen, sobald Sie ihn mir erklärt haben.
J Das ist unmöglich, dann ist es nicht mehr spontan.
G Ich verlange, dass Sie mir diesen Scherz erklären!
J Der hat ja eine Wand raus.
G Was?
J Nichts! Also hören Sie, Sie Scherzwilliger, Sie Unspontaner. Wenn ich jetzt einfach gesagt hätte, die zwei 1428 gelb, die jetzt kommen, sind die letzten, dann wäre das ganz normal gewesen, oder?
G Das wäre normal gewesen, ja.
J Sie hätten ganz genau gewusst, ich will Ihnen sagen, von 1428 gelb sind keine Schachteln mehr da, und das muss dem Ergänzungsdienst mitgeteilt werden, damit die Heinzelmännchen heute Abend wieder nachfüllen können.
G Wer?
J Der Ergänzungsdienst. So weit sind wir klar.
G Ja, so weit sind wir klar. Und jetzt der Scherz?
J Er kommt, er kommt. Der Scherz bestand darin, dass ich statt »die letzten« gesagt habe: »die letzten Mohikaner«.
G Und was ist daran lustig?
J Ich wusste es. Daran ist nichts mehr lustig, wenn man es erklärt.
G Und wenn man es nicht erklärt?
J Dann ist lustig, dass man sich vorstellen kann, es lägen nun in diesen zwei Schachteln, die im Warenlift hochfahren, zwei zusammengekrümmte Indianer, die herausspringen, sobald sie oben ankommen.
G Zwei zusammengekrümmte Indianer im Warenlift?
J Ja.
G Und das ist der Scherz?
J Ja. Das ist der Scherz.
G beginnt unmäßig zu lachen Das ist gut! Das ist sehr gut! Zwei zusammengekrümmte Indianer im Warenlift! Hahahahaha!
J Das gibt’s ja nicht.
G Zwei zusammengekrümmte Indianer im Warenlift! Hahahahaha! In unserem kleinen Warenlift! Hahahaha!
J Hören Sie auf zu lachen! Das ist ja gar nicht lustig.
G Hahahaha! Sie verstehen es wohl nicht. Soll ich es Ihnen erklären?
Hahahaha!
J Nein, bitte nicht!
G Sie sollen’s auch lustig haben, hahahaha! Der Witz ist doch, dass die Indianer viel zu groß sind, um sich im Warenlift zusammenzukrümmen! Hahahaha! Die letzten Mohikaner! Verstehen Sie?
J Ach so! Hahahaha! Das ist ja irrsinnig komisch! Hahaha!
G Nicht? Hahahaha!
J Das ist ja irrsinnig komisch, irrsinnig, irrsinnig!
Ä Was haben Sie denn mit dem gemacht?
J Einen Scherz.
Ä Um Gottes willen.
Ä bereitet, Rücken zum Publikum, am Gestell etwas vor
J schickt eine Schachtel hinauf und nimmt die nächste Bestellung aus dem Korb, öffnet sie, indem sie zuerst schaut, ob die andere schaut, und sich dann die Finger abschleckt
Ä Lassen Sie das.
J Haben Sie es bemerkt?
Ä Natürlich. Es tönt ja. Aber ich meinte gar nicht das. Setzen Sie sich und schauen Sie mir zu.
J
