Istanbul in kleinen Geschichten - Inka Claussen - E-Book

Istanbul in kleinen Geschichten E-Book

Inka Claussen

0,0

Beschreibung

Andere Länder, andere Sitten, andere Verhaltensweise. Mit einer Portion Selbstironie wird in den kleinen Geschichten das Alltagsleben in Istanbul mit seinen kulturellen und zeitunabhängigen Unterschieden beschrieben. Ob Handwerker, Taxifahrer, Friseur oder Hausmeister – mit ihnen allen hatte die Autorin viele erinnerungswürdige Begegnungen, die den Leser schmunzeln lassen. Auch die Gezi-Park-Proteste, die durch die Staatsmacht gewaltsam aufgelöst wurden, werden durch die persönlichen Beobachtungen und Gefühle erneut lebendig. - Inka Claussen, 1959 geboren, studierte Deutsch und Sport. Sie unterrichtete an verschiedenen in- und ausländischen Institutionen Deutsch als Fremdsprache. Claussen veröffentlichte zusammen mit zwei Co-Autoren den im Engelsdorfer Verlag 2016 erschienenen Roman „Tödlicher Orient“.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inka Claussen, 1959 geboren, studierte Deutsch und Sport. Sie unterrichtete an verschiedenen in- und ausländischen Institutionen Deutsch als Fremdsprache. Claussen veröffentlichte zusammen mit zwei Co-Autoren den im Engelsdorfer Verlag 2016 erschienenen Roman „Tödlicher Orient“.

Inka Claussen

IstanbulinkleinenGeschichten

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2024

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2024) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

E-Book-Herstellung: Zeilenwert Rudolstadt, GmbH

Titelbild: Bunte Häuser im Istanbuler Stadtteil Balat

© Jekatarina Spiridonow [Adobe Acrobat]

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Prolog

Oktober 2009: Der Start — unsere Möbel sind da!

Oktober 2009: Die Bund-Länder-Inspektion

November 2009: Der Worst Case oder Tage in Griechenland

Siebter November 2009 oder der erste Tag im Exil.

Der dritte Tag im Exil oder das Hotel „Erika“

Der fünfte Tag im Exil oder Kommunikation im Internetcafé.

Der siebte Tag im Exil oder türkische Mühlen mahlen langsam

Der zehnte Tag im Exil oder die Unendlichkeit der Dinge

Der elfte Tag im Exil oder der Schildbürgerstreich á la Türkiye

Der zwölfte Tag im Exil und der erste Tag zurück in Istanbul:Ein Agentenfilm á la James Bond

November 2009 bis Februar 2012: Der Meister kommt (ustaş geliyor) Teil 1

Anfang Dezember 2009: Das erste Opferfest

Dezember 2009: Die Terrasse — Teil 1

März 2010 bis Februar 2014: Der Friseur — das unendliche Thema

Mordkommission Istanbul — oder der bedrohte Friseur

Mai 2010: Der türkische Schulleiter: Typ Pascha

Juni 2010 und Juni 2012: Schreck in der Morgenstunde

Juni 2010: Formel Eins oder nur ein Taxifahrer?

Juli 2010: Der Meister kommt nicht (ustaş gelimiyor)

August 2010: Klima (türk.) oder Klimaanlage (dt.)

Mai 2011: Çanakkale oder zwei deutsche Frauen on Tour

Mai 2011: Deutsch-türkisches Navigationssystem

August 2011: We are Turkish Airline — Teil 1

September 2011: Der Meister kommt (ustaş geliyor) Teil 2

Dezember 2011: Hamam oder der geheime Traum

Dezember 2011: Die Terrasse — Teil 2

März 2012: We are Turkish Airline — Teil 2

We are globally yours

April 2012: Müllentsorgung in türkisch-deutscher Kooperation

April 2012: Wenn man in Istanbul krank ist

Mai 2012: Denkwürdige Deutschprüfungen

Mai 2012: Meine Familie on Tour

August 2012: We are Turkish Airline — Teil 3

Oktober 2012: Interkulturell, oder was?

Dezember 2012: Das Adventskranzbinden

September 2012 / Mai 2013: Sekten in Istanbul?

Mai / Juni 2013: Erdoğan gegen 50 Prozent der Türkei

Die Vorgeschichte

Wie alles im Gezi-Park begann? — Eine kleine Chronologie

Oktober 2013: Die Terrasse — Teil 3

April 2014: Wie man einen Fahrstuhl überlistet!

Mai 2014: Die Terrasse — Teil 4

Von 2009 bis 2014: Wochenmärkte in Istanbul oder das Open-Air-Warenhaus

Von 2009 bis 2014: Meine Straßenkatzen

Im Laufe des Jahres 2014: Die Entscheidung

August 2014: Das Ende — Meine Kartons sind da!

Epilog: Zehn Jahre später

Prolog

Nur wer sich auf den Weg macht, wird ein neues Land entdecken.

(Hugo von Hofmannsthal)

Wenn man den großen Schritt wagt, in einem fremden Land zu leben, passieren viele Dinge, die man nicht so schnell vergessen möchte, die aber leider mit der Zeit immer mehr verblassen.

Die Mails, die man geschrieben hat, werden gelöscht oder löschen sich selbst, Briefe werden weggeworfen, in der Erinnerung werden Erlebnisse verändert oder vergessen. Man selbst erkennt ihren Wert erst nach einiger Zeit.

Als unser Istanbul-Aufenthalt 2009 begann, hatte ich keine Vorstellung von dem, was mich erwarten würde. Vieles Schöne, aber auch manches Merkwürdige passierte mir in den fünf Jahren in dieser interessanten Stadt am Bosporus.

Sicherlich hatten Volker und ich eine Vorstellung von dem, was uns erwarten würde, aber die Realität ist immer eine andere.

Und so ich begann von Anfang an, meine Mails an die Verwandten und Freunde so zu formulieren, dass kleine Geschichten über meine Erlebnisse in Istanbul entstanden. Mit Humor, immer mit einem ironischen Blick auf die neue Umgebung, auf die Menschen in dem mir unbekannten Land und auf mich selbst versuchte ich, meine ganz persönlichen Impressionen einzufangen und sie den in der Heimat Gebliebenen zu schildern, den Finger immer auf die unterschiedlichen kulturellen Eigenarten legend, denn frei nach Albert Camus führt uns Reisen und Leben in einem anderen Land immer zu uns selbst zurück.

Irgendwann im Laufe der Zeit entstand dann die Idee, diese kleinen Geschichten der Jahre 2009-2014 zu sammeln und in Form eines Buches herauszubringen:

Jeder Lebensabschnitt hat irgendwann ein Ende, aber die Erinnerung an diese Zeit ist unvergänglich und unwiederbringlich.

Oktober 2009DerStart – unsereMöbel sind da!

Wir konnten es kaum glauben, aber sie waren tatsächlich gekommen. Unversehrt und komplett – unsere Möbel. Nach acht Wochen!

„How come?“, würde der Singapurer Chinese jetzt fragen.

Ja, in der Türkei läuft doch einiges anders als im autoritären, aber geordneten Singapur, der Station unseres letzten Auslandsaufenthaltes, wo unser Container genau an dem anvisierten Tag vor unserem gemieteten Haus stand.

Wir haben also gewartet und gewartet. Acht lange Wochen, zuerst kampiert auf Luftmatratzen, dann auf einem Schlafsofa, Wäsche im Eimer gewaschen und kein Essen gekocht, denn in unserer gemieteten Wohnung gab es weder Waschmaschine noch Herd. Auch das war ein großer Unterschied zu Singapur, wo sich diese Haushaltsgeräte im Haus befanden.

Während der Wartezeit wurde ich natürlich reichlich ungeduldig und habe Volker, meinen Mann, wohl auch zwischenzeitlich ziemlich genervt. Eines Tages, während dieser langen Wochen, begann dann eine „wunderbare“ Freundschaft zwischen seiner Sekretärin und mir, als sie mich am Telefon mit folgenden Worten abwimmeln wollte: „Inka, nerv meinen Chef nicht so!“, worauf ich antwortete: „DEIN Chef ist immer noch MEIN Mann. Und den nerve ich, so viel wie ich will!“ Dieser Besitzanspruch der Sekretärin auf Volker bestand bis zum Ende seiner Dienstzeit in Istanbul und hat zu vielen Diskussionen zwischen mir und Volker geführt. Übrigens hatte sie nicht nur mit mir diese Konflikte, sondern auch mit den meisten Kolleginnen. Ihre Karriere bei der Schule nahm dann unter Volkers Nachfolger ein unrühmliches Ende.

Wie kam es nun zu dieser langen Wartezeit?

Von den Behörden der Türkei werden für den Import der Möbel bestimmte Dokumente verlangt: die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis des in der Türkei Beschäftigten, also in diesem Fall von Volker. Aber leider wurden diese Formulare zeitweise nicht bearbeitet oder verschwanden aus einem geschlossenen Umschlag, so dass man von Seiten der Behörden keine Möglichkeit sah, ohne diese Papiere unsere Möbel offiziell ins Land einzuführen. Beschleunigen könne man dieses Verfahren, indem man Zollgebühren bezahle, so die indirekte Auskunft. Nur das wollten wir nicht!

Nach acht Wochen hatte die Türkei uns weichgekocht.

Letzte Woche Donnerstag beschlossen wir, die „Zollgebühren“ zu entrichten. Morgens ging das Geld von unserem Konto ab, nachmittags gab es einen Anruf von der Spedition, dass die Möbel am Freitag um neun Uhr ausgeliefert würden. So einfach war das! Und alle, einschließlich der Beamten in den Behörden, waren zufrieden.

Und der Witz an der ganzen Sache – plötzlich wurde auch Volkers Aufenthaltsgenehmigung bearbeitet, obwohl immer noch das Original der Arbeitserlaubnis fehlte. Die Kopie der Bescheinigung vom türkischen Erziehungsministerium reichte plötzlich aus. Und ohne Arbeitserlaubnis im Original gibt es eigentlich keine Aufenthaltserlaubnis, außer man „beschleunigt“ die ganze Sache. Und scheinbar warteten alle nur auf diese Beschleunigung.

Am Freitag war der große Tag.

Pünktlich um neun Uhr klingelte es. Die Katzen waren in dem großen Bad mit ihrer Klokiste, Wasser und Futter eingeschlossen, ein Zettel mit „Dikkat! Kedıler!“ (Vorsicht! Katzen!) an der Tür angebracht. Die beiden Stubentiger hatten sich zwar sehr gut an das Camping-Leben in der Wohnung mit offenen Koffern, Luftmatratzen und viel Platz gewöhnt, aber wir freuten uns auf unsere Möbel, besonders ich auf die Waschmaschine, denn das Im-Eimer-Einweichen und Im-Eimer-Waschen waren auf Dauer doch sehr mühselig.

Die Umzugsleute rückten mit sechs Personen an, zum Schleppen, Auspacken und Montieren, alles sehr professionell. Die ersten Kartons landeten im Fahrstuhl und anschließend in der Wohnung. Die Männer packten zügig aus.

Aus dem ersten Umzugskarton kam eine Singer-Nähmaschine! Ich habe noch nie in meinem Leben eine Nähmaschine besessen und bekam Panik! Waren das überhaupt unsere Möbel, war das unser Container? War etwa etwas vertauscht worden?

Der Vorarbeiter kontaktierte seinen türkischen Chef, ich rief die deutsche Umzugsfirma an. Wir erhielten von beiden Personen die identische Auskunft: Man habe Kartons eines anderen Umzuges beigepackt. Sie seien beschriftet und hätten die letzten fünfundzwanzig Nummern. Und das waren nun die ersten, die in der Wohnung landeten. Also kontrollierten wir alles anhand der Nummern und schickten die falschen Kartons, die nun wieder eingepackt werden mussten, zurück zum LKW. Auch die tollen Lederstühle, die als zweites ausgepackt wurden, aber leider nicht für uns waren.

Dann zusätzliche Schrecksekunden: Teile unseres Bettes fehlten - bis zum Schluss. Dann tauchten sie aber doch im letzten Paket auf.

Nun ja, von diesem Tag an schliefen wir dann wieder in richtigen Betten, bewunderten unsere Elefanten aus Singapur und den Chinesenschrank und stellten fest, dass wir zu viele Sachen mitgenommen hatten. Aber dann war irgendwann alles verstaut, abgewaschen und ich stand wieder am improvisierten Herd. Die Zeit des Essensgehens war erst einmal vorbei, auch wenn wir es dann trotzdem sehr oft getan haben. Unsere Vorliebe galt dem „Süper-Restaurant“ mit den tollen Vorspeisen in einer kleinen Nebenstraße nahe des Taksim-Platzes, aber mit einem Klo zum Weglaufen.

Parallel zum Einzug hatte Volker auch noch die Abschlussbesprechung der Bund-Länder-Inspektion aus Deutschland, wichtig für die Vergabe des Güte-Siegels für die Schule, so dass er leider in der Schule unabkömmlich war und morgens aus einer leeren Wohnung ging und abends in eine möblierte, eingerichtete zurückkehrte. Zurück musste er erst einmal auf die Suche nach seinen Sachen gehen, die ich mit weiblicher Logik eingeräumt hatte. Die Schule bekam ihr Gütesiegel als zertifizierte deutsche Auslandsschule. Der Umzug auch, denn nichts war kaputtgegangen.

Die erste Aufregung war vorbei und der Alltag konnte beginnen.

Inşallah – so Gott will.

Oktober 2009DieBund-Länder-Inspektion

Von der eigentlichen Inspektion bekam ich als Privatperson nicht viel mit. Dass die Sache aber mit viel Stress verbunden war, merkte man Volker deutlich an. Leider hatte sein Vorgänger während der Vorbereitungen auf diese Inspektion einen Unfall und viele Dinge blieben deshalb unerledigt liegen. Und zur Überprüfung kam zum Leidwesen ein Inspektor, der zum einen selbst einmal an dieser, „seiner“ Schule unterrichtet hatte. Zum anderen gehörte er zum Team, das die Richtlinien für die Inspektion erarbeitet hatte. Dementsprechend eng und streng wurden sie auch ausgelegt, was im Kollegium der Schule während der Befragungen zu großem Unmut führte.

Dieser Unmut entlud sich dann abends auch noch beim geselligen Zusammensein im Deutschen Generalkonsulat in Istanbul. Alle waren eigentlich gelöst und letztendlich zufrieden, dass die Schule das Gütesiegel erhalten hatte. Nur ein Kollege, mit dem ich zusammenstand, war noch reichlich von dem Verhalten des Vorsitzenden der Inspektion genervt. Laut redete er sich in Rage, merkte aber nicht, dass der Vorsitzende direkt hinter ihm stand. Was sollte ich nun tun? Weiterreden lassen und seinen Kopf und Kragen riskieren? Ans Bein treten, damit er ruhig wäre, und den Zorn auf mich lenken? Ich wählte die diplomatischere Tour und zog ihn langsam zu mir heran und flüsterte leise in sein Ohr: „Sei bitte still und drehe dich langsam um.“ Der Kollege tat es, verschwand anschließend in der Menge und wurde an dem Abend nicht mehr gesehen. Der Inspektor fragte mich irgendwann im Laufe des Abends noch, warum er nicht geliebt würde. Diese Antwort blieb ich ihm schuldig.

November 2009DerWorstCase oderTage inGriechenland

Siebter November 2009 oder der erste Tag im Exil

Der Super-Gau war eingetreten!

Die Frau eines Kollegen von Volker und ich sollten am nächsten Freitag unsere Aufenthaltserlaubnis für die Türkei bekommen. Endlich, denn wir hatten seit Mitte August darauf gewartet.

Dafür brauchten wir aber ein gültiges Visum.

Unser Einreisevisum, ausgestellt von der türkischen Botschaft in Deutschland galt aber nur für dreißig Tage ab Einreisedatum (Mitte August). Da aber die Bewilligung der Arbeits- und Aufenthaltspapiere unserer Männer schon viel länger, nämlich zwei Monate, gedauert hatte, waren unsere Visa als mit ausreisende Ehefrauen natürlich abgelaufen.

Also erkundigten wir uns, was zu tun sei, und erhielten von den türkischen Beamten in der Ausländerbehörde in Aksaray und von Kollegen die Auskunft: Das sei alles kein Problem! Wir sollten einfach für einen Tag nach Bulgarien, Griechenland oder in die Ukraine fahren. An der Grenze zahle man eine minimale Strafe für das abgelaufene Visum, mache einen schönen Tagesausflug oder übernachte in diesen Ländern und könne nach einem Tag wieder einreisen. Dies war wohl bisher die gängige Praxis. Aber was uns keiner sagte: Es galt nur für abgelaufene Touristenvisa nicht für ein Visum bei Ehefrauen, das an das Visum des Ehemannes gebunden war.

So wollten wir es nun auch machen, den kompetenten Rat aller befolgen und fuhren zu viert mit dem Auto des Kollegen nach Edirne, der Grenzstation zwischen der Türkei und Bulgarien. Das war der kürzeste Weg.

Da wir vier uns bisher nicht kannten, bot sich die Autofahrt natürlich an, sich ein bisschen zu beschnuppern. Der Kollege hatte viele selbst gebrannte CDs im Handschuhfach und seine Frau erwies sich als nett und kommunikativ.

Vor uns lag an Ende der Fahrt viel Dunkelheit auf türkischer Seite, bis wir endlich die Lichter der Grenzstation Edirne sahen. Dieser Grenzübergang war am Ende der Zivilisation, irgendwo in der Einöde, so kam er uns vor. Auch das Äußere erschien uns nicht sehr einladend — eine Baracke ohne viel Komfort.

Dort angekommen wurden unsere vier Pässe eingesammelt und kontrolliert, während wir im Auto saßen und warteten. Die Männer erhielten ihre Papiere mit Ausreisestempel zurück, wir Frauen wurden gebeten auszusteigen. Wir rechneten nun mit einer Verwarnung und einer Geldstrafe und natürlich mit einem neuen Stempel im Pass und freuten uns schon auf die Rückreise.

Doch leider entwickelten sich die Dinge anders.

Wir Frauen wurden zunächst in diese unwirtliche Baracke geführt. Inzwischen ahnten wir nichts Gutes. Ganz leise und bescheiden setzten wir uns auf die Plastikstühle vor dem Tresen. Ich rief Volker an und informierte ihn über mein komisches Gefühl. „Hier läuft etwas schief. Bitte kommt mal her!“

Der Grenzbeamte saß machohaft hinter seinem Tresen, blickte uns kein einziges Mal an, blätterte aber permanent in unseren Pässen und erhielt dabei für uns unverständliche, aber nicht positiv klingende Anweisungen von seinem am Computer spielenden Chef. Das komische Gefühl steigerte sich.

Er ging, ohne uns zu beachten, mit unseren Pässen nach hinten zu einem Kopierer, kopierte oder scannte. Wir konnten den Vorgang nicht richtig beobachten. Ohne große Erklärungen gab er uns danach auf Englisch zwei Alternativen für die Bearbeitung unseres Visumproblems: Entweder eine erhebliche Geldstrafe und Ausweisung aus der Türkei für drei Monate. Oder: Kein Geld und vier Jahre Ausweisung. Natürlich riefen wir sofort erneut per Handy unsere Männer an, die immer noch draußen im Auto warteten. Beide waren genauso schockiert und sprachlos wie wir.

Was wir im Moment noch nicht wussten und erst später realisierten: Der Grenzbeamte hatte ganze Arbeit geleistet, indem er uns unsere Pässe abgenommen hatte, sie gescannt und uns im gleichen Atemzug mit seinem „Angebot“ auf die „Schwarze Liste“ der Personen, denen eine Einreise in die Türkei nicht erlaubt war, gesetzt hatte.

Die ganze Tragweite dieser Aktion war uns im Moment im grellen Licht der Baracke noch nicht bewusst. Wir bezahlten die Strafe und hofften das Beste.

Also diskutierten wir und fuhren zunächst durch Bulgarien. Menschenleere, dunkle Dörfer, kaum Schilder, keine Hotels. Gott sei Dank kannten die beiden Leidensgenossen diese Gegend etwas von ihrer Einreise mit dem Auto in die Türkei. Dann entschieden wir uns für einen neuen Versuch, wieder in die Türkei zu kommen, und zwar über Griechenland beim Grenzübergang Ypsalla. Wir fuhren also von Edirne auf kurzem Weg zu dieser Station. Für unsere Männer war hier alles kein Problem. Sie passierten die Grenze ohne Probleme und durften zurück in die Türkei, wurden nur ein bisschen komisch angesehen, weil sie ja eben erst ausgereist waren. Wir Frauen befanden uns aber auf der „Schwarzen Liste“ und uns wurde die Einreise in die Türkei verweigert.

Was jetzt? Wir vier waren schockiert und ratlos. Gestrandet im Niemandsland, raus aus Griechenland, nicht rein in die Türkei. Also kontaktierten wir spätabends das deutsche Generalkonsulat in Istanbul. Es war für solche Fälle für uns zuständig. Dort gab aber es nur die Notbesetzung, eine Hotline, und keine direkte Hilfe. Es war ja Wochenende und wir erhielten die Antwort: „Ich kann einem türkischen Beamten keine Anweisung erteilen.“

Informationen also, wie wir mit dieser Situation umgehen könnten, bekamen wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Nun, ein bisschen mehr konstruktive Unterstützung als Bundesbürger hätten wir uns von dieser Auslandsvertretung schon gewünscht.

Nur irgendwo mussten wir diese Nacht verbringen. Zurück in Griechenland fuhren wir im Dunkeln in die nächste Stadt Alexandroupolis. Wir kannten sie nicht, aber sie war die einzige Alternative. Also suchten wir uns dort eine Hotelunterkunft. Wir fuhren durch die Straßen und schauten nach Hinweisen von Hotels. Das erste erwies sich als sehr laut und heruntergekommen. Da winkten wir doch besser ab. Also suchten wir weiter. Das zweite lag an der Uferpromenade und schien ganz manierlich zu sein. Also buchten die Ehefrau des Kollegen und ich uns dort ein, in ein Doppelzimmer, obwohl wir beide uns ja erst seit ein paar Stunden kannten.

Nach einem sehr nervigen Tag saßen wir nun zu zweit in Alexandroupolis in unserer Reisekleidung auf den Hotelbetten, sahen uns an und warteten auf unsere Männer, die sich sofort wieder auf den Weg nach Istanbul gemacht hatten, was bei Nacht nicht ungefährlich war, denn die Türken fahren nachts auch gerne mal ohne Licht. Sie sollten uns Kleidung und andere Dinge bringen, denn geplant war ja zunächst eigentlich nur ein Tagesausflug.

Was wir jetzt am Wochenende machen würden, wussten wir noch nicht. Die Ansprechpartner im Konsulat waren ja erst ab Montag wieder zu erreichen. Mein Glaube an die Türkei ging langsam verloren. Erst die langwierige Sache mit unseren Möbeln. Und jetzt das – die Ausweisung!

Der dritte Tag im Exil oder das Hotel „Erika“

Eigentlich hatten wir es hier in Alexandroupolis noch sehr gut getroffen.

Die halbe, na ja fast die halbe Stadt sprach Deutsch, weil viele von den hier lebenden Griechen in Wuppertal gearbeitet hatten.

Unser Hotel hieß „Erika“, war zwar einfach, aber die Inhaber waren nette Leute. Und es wurde tatsächlich von einer deutschsprachigen Griechin mit dem Namen Erika geleitet.

An der Wand in der Eingangshalle gab es ein großes Bild der Wuppertaler Schwebebahn – als Andenken an die von ihr in Deutschland verbrachte Zeit.

Und Alexandroupolis hatte einen deutschen Supermarkt. Und viele Tavernen. Und das Wetter war für November ausgesprochen gut. Die Frauen aus der Stadt veranstalteten regelmäßig im Hotel einen Stammtisch und luden uns spontan zum Rotwein ein, herb im Geschmack, passend zu unserer momentanen Situation, in der süßer Wein nicht angebracht gewesen wäre.

Unsere Geschichte war natürlich Wasser auf griechische Mühlen, die in diesem Grenzort nicht viel von den Türken hielten, seit Konstantinopel 1453 von den Osmanen erobert wurde. Sie sahen natürlich alle ihre Vorurteile bestätigt und trösteten uns mitfühlend, erzählten uns Witze über Türken, die in Griechenland Urlaub machen würden, um endlich einmal Schweinefleisch zu essen, oder während der Fastenzeit mal eben über die Grenze kommen würden, um das Fasten zu unterbrechen, als ob Allah nur bis zur griechischen Grenze sehen könnte.

Und mit Otto Rehagel als griechischen Nationaltrainer hatten wir natürlich einen Bonus, besonders, wenn man wie ich aus Kaiserslautern kam, wo er den 1. FCK erfolgreich zur Meisterschaft geführt hatte.

Aber nervig war unsere Situation schon, weil wir nicht wussten, ob wir tatsächlich drei Monate draußen vor der türkischen Tür bleiben müssten oder irgendeiner zur Beschleunigung der Sache etwas bewirken könnte. Das Deutsche Generalkonsulat gab sich schmallippig, versuchte uns die Schuld zu geben. Gott sei Dank entwickelte sich das Zusammenleben in dem kleinen Doppelzimmer sehr positiv. Abwechselnd gingen wir spazieren, so dass jede von uns mal ein bisschen Privatsphäre hatte.

Unsere Männer waren inzwischen am Sonntagabend wieder nach Istanbul gefahren, nachdem sie uns tagsüber einen Koffer mit dem Nötigsten gebracht hatten. Nacht- und Unterwäsche, Kosmetika, Bücher. Sie mussten trotz dieser unerwarteten persönlichen Belastungen an der Schule ihren Dienst für den deutschen und türkischen Staat tun.

Das Generalkonsulat war dann doch bemüht, verfasste eine Verbalnote, was diplomatisch ausgedrückt nichts Anderes als eine Beschwerde ist. Diese ging direkt an das türkische Außenministerium, das dieses Schreiben unterstützte. Internationale Auslandsvertretungen sind im Sitzland immer dem jeweiligen nationalen Außenministerium unterstellt. Leider lag aber die Schwarze Liste im Innenministerium, das die Angelegenheiten der Immigration bearbeitete. Nun sind die Wege zwischen Innen- und Außenministerium nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Türkei wegen der Kompetenzverteilung lang und verworren, so dass wenig Bewegung in unsere Angelegenheit kam.

Einladend wirkte dieser Staat nicht mehr auf mich. Meine Skepsis diesem Volk und diesem Staat gegenüber wuchs minütlich. Volker war völlig genervt. Erst die lange Wartezeit auf die Möbel, dann die viele Arbeit in der Schule mit der Bund-Länder-Inspektion und jetzt auch noch das: allein mit den Katzen in Istanbul.

Eine Sache sollte noch erwähnt werden. Ins Rollen kam die gesamte Geschichte auch dadurch, dass ich an einer Privatschule unterrichten sollte oder wollte. Für diese Tätigkeit brauchte ich eine eigene Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Als der Organisationsleiter diese für mich bei der Immigrationsbehörde beantragen wollte, entdeckte man, dass mir ein gültiges Visum fehlte, und man gab uns auch von Seiten dieser Behörde den bereits oben erwähnten Ratschlag, das Land kurz zu verlassen. Nun war die Ironie der Geschichte, dass ich es an dieser Schule genau vier Tage ausgehalten hatte, denn die Schüler gehörten zu der eher problematischeren Sorte, waren zu einem Drittel verhaltensauffällig. Einen Tag vor dem geplanten Kurztrip nach Bulgarien hatte ich dort alle meine Sachen zurückgegeben und den Abgang aus dieser Schule perfekt abgewickelt. Am Freitag also bekamen die Kolleginnen alle Unterlagen zurück, am Samstag wollten wir unser Visum „erneuern“ und am Sonntag saßen wir nun in Griechenland fest. Nicht auszumalen, wenn Volker auch noch die Sache mit meiner Schule hätte Regeln müssen.

Der fünfte Tag im Exil oder Kommunikation im Internetcafé

Inzwischen, da es wenig Neues gab, erkundeten wir die Stadt, schauten uns die Tavernen, Geschäfte und Café an der Uferpromenade an und versuchten ein Internetcafé zu finden. Und tatsächlich, versteckt in einer Seitenstraße, fanden wir ein kleines Café mit ein paar Rechnern. Die Mitarbeiter wiesen uns recht schnell in deren Bedienung ein und teilten uns einen Terminal zu. Und so entstanden diese Notizen, eigentlich als Mails an Freunde und Bekannte gedacht. Natürlich lagen bei uns die Nerven blank, bei mir mehr als bei meiner neuen Freundin. Vertippte ich mich bei Schreiben, wurde laut von mir geflucht. Benutzte ich die falsche Taste und löschte alles Geschriebene, flog schon mal die Tastatur des Rechners durch das Café. Freunde und Bekannte waren über das, was uns passiert war, entsetzt. Liebevolle und tröstende Mails kamen von vielen. Nur wirklich helfen konnte uns von ihnen keiner, nur die türkischen Behörden. Und vielleicht warteten diese mal wieder auf ein Beschleunigungsmittel.

Der siebte Tag im Exil oder türkische Mühlen mahlen langsam

Gestern am Donnerstag waren wir im Nachbarort Komotini beim türkischen Konsulat.

Die Nachricht mit diesem Termin kam völlig überraschend und kurzfristig um vierzehn Uhr über mein deutsches Handy, das Gott sei Dank hier in Griechenland funktionierte. Wir sollten bis siebzehn Uhr dort sein, weil das Konsulat sonst geschlossen sei.

Was war passiert?

Auch die türkische Schulseite setzte sich für unsere Belange ein. Der türkische Schulleiter gelangte in Telefonaten bis zum Berater des damaligen Ministerpräsidenten Erdoğan. Dieser Berater sollte einigen Einfluss im Innenministerium haben. Da die Kommunikation zwischen Volker und dem türkischen Schulleiter wegen der fehlenden Sprachkenntnisse schwierig war, musste Volkers Sekretärin diese Gespräche dolmetschen. Zu uns nach Alexandroupolis gelangten die Informationen von Volker über mein deutsches Handy. Kommunikation über viele Stationen, die trotzdem funktionierte.

Und so erhielten wir die Anweisung, nach Komotini zu fahren. Diese Stadt liegt nicht weit von Alexandroupolis, ist sehr gut in fünfundvierzig Minuten mit dem Bus zu erreichen und hat ein türkisches Konsulat.

Wir gingen also zum Busbahnhof, suchten uns einen Bus und fuhren auch sofort ab. Es ging über eine neue Autobahn, die, so verkündeten es uns die Schilder, mit EU-Geldern gebaut worden war. In Komotini angekommen nahmen wir vom Busbahnhof ein Taxi zum Konsulat. Ein merkwürdiges graues Gebäude erwartete uns. Abgeschirmt und misstrauisch wirkte es, nicht einladend. Der betreffende Herr, der Englisch sprechen sollte und unser Ansprechpartner sein würde, war leider noch in der Pause. Wir sollten doch bitte eine Stunde warten. So die Auskunft. Nun ja, gut Ding will Weile haben.

Also suchten wir uns ein Café in der Nähe des Konsulats und wurden dort von einem Wolkenbruch überrascht. Ohne Schirm, aber mit Termin um sechzehn Uhr im Konsulat.

In einer solchen Not werden die besten Ideen geboren. Irgendwie mussten wir trocken zum Konsulat kommen, denn wir wollten doch einen guten Eindruck machen.

Was fiel uns also spontan ein? Wir fragten im Café nach zwei Müllsäcken, schnitten diese wie einen Regenmantel auf und hängten sie uns über den Kopf. Nun fühlten wir uns wie zwei richtige Flüchtlinge, heimat- und mittellos, und liefen, so schnell es ging, durch den Regen zum Konsulat, wo wir etwas misstrauisch beäugt, aber eingelassen wurden.

Zunächst bot man uns aus türkischer Höflichkeit einen Tee an, wälzte Papiere und Vorschriften und einigte sich dann auf etwas. Wir verstanden nichts.

Plötzlich die totale Aktion, wie in einem Film. Wir bräuchten für das neue Visum Passbilder, die wir natürlich nicht hatten. Der türkische Aktionismus kannte keine Grenzen. Wir sollten welche in dem Studio direkt neben dem Konsulat machen lassen. Dort erwartete uns eine nette Frau, aber auch grelles Licht und eine sterile Atmosphäre. Sollten wir uns noch etwas Schminke auflegen? Lippenstift? Ich reagierte pragmatisch und entschied mich dagegen, denn die Bilder würde sowieso keiner mehr sehen. Meine neue Freundin versuchte es noch mit ein bisschen Lippenstift und so entstanden unsere Bilder für das neue Visum: Bleiche Frauengesichter vor weißem Hintergrund, die Haare noch derangiert von dem Müllsack über dem Kopf, notdürftig geglättet. Wir sahen aus wie RAF-Terroristinnen, blass, verhärmt. Da nützte auch der Lippenstift nichts. Anschließend mussten wir viele Formulare, die wir nicht verstanden, ausfüllen und unterschreiben. Man würde uns über den Fortgang der Dinge informieren. Das war Dienstag.