Italicus - Klaus Jensen - E-Book

Italicus E-Book

Klaus Jensen

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Beschreibung

Italicus, ein junger Offizier mit germanischen Wurzeln, hat sich die Anerkennung der römischen Gesellschaft mühevoll erarbeitet. Doch seine Herkunft und die Geschichte werfen lange Schatten. War sein Onkel Aminius, ein Feind der Römer, doch für die blutige Schlacht im Teutoburger Wald verantwortlich, bei der die römischen Legionen von den germanischen Stämmen vernichtend geschlagen wurden. Als Italicus den Auftrag des römischen Herrschers Kaiser Claudius bekommt, die freien germanischen Stämme unter den Einfluss des Imperiums zu zwingen, sieht er seine Chance und macht sich auf den Weg an den Rhein. Als neuernannter König der Cherusker soll Italicus dort das stolze germanische Volk in die Unterwerfung treiben. Doch der anfängliche Erfolg lässt Italicus übermütig werden. Er will mehr - und stürzt damit ein ganzes Reich ins Unglück…  Eine Geschichte von Macht und Wahn.

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Seitenzahl: 520

Veröffentlichungsjahr: 2021

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für Janna und Joy,

die mich neugierig verfolgten

Klaus Jensen

ITALICUS

von Macht und Wahn

© 2021 Klaus Jensen

Autor: Klaus Jensen

Umschlag: MOOVE GmbH, Joy Jensen

Umschlagfoto: Stock-Fotografie-ID: 139395129, tmcnem

Lektorat, Korrektorat: Dr. Grit Zacharias

Korrektorat: Michael Hartmann

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN Paperback   978-3-347-32118-2

ISBN e-Book        978-3-347-32120-5

Printed in Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Wichtigste Charaktere und Orte

Die Namen historisch nachweisbarer Personen sind kursiv gedruckt.

Die Familie

Segimer, cheruskischer Fürst, Vater des Arminius und des Flavus

Arminius, römischer Bürger, Offizier und cheruskischer König, ermordet 21. n. Chr.

Thusnelda, Ehefrau des Arminius

Flavus, Vater des Italicus, römischer Bürger, Offizier

Irmgard, Mutter des Italicus

Italicus, römischer Bürger, Offizier und cheruskischer König

Cäcilia, Gattin des Italicus

Die Begleiter

Lucius Calatorius, Freund des Italicus

Wolfram, Sklave des Italicus

Nortrud, Frau des Wolfram

Rufus Quintius, Centurio in der Leibgarde des Italicus

Die Cherusker

Winimar, Fürst

Friederike, Frau des Winimar

Holger, Sohn des Winimar und der Friederike

Nordger, Fürst

Landogar, Krieger, Sohn des Nordger

Sarolf, Fürst, Bruder des Nordger

Ulfthank, Krieger

Oswin, Krieger

Thorbrand, Fürst

Albruna, Seherin

Segestes, Fürst, Vater des Gerbald und der Thusnelda

Gerbald, Fürst

Mitglieder anderer germanischer Völker

Arbernus, chattischer Fürst

Sieglinde, seine Tochter

Yngve, brukterischer Fürst

Bilhildis, brukterische weise Frau

Rango, langobardischer König

Römische Herrscher

Tiberius Claudius Caesar Augustus, römischer Kaiser von 41 bis 54 n. Chr.

Narcissus, Sekretär des Claudius, hingerichtet 54 n. Chr.

Nero Claudius Germanicus, römischer Feldherr, Schwiegervater des Kaisers Claudius, Großvater des Kaisers Nero, geb. 15 v. Chr. gest. 19 n. Chr.

Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, römischer Kaiser von 54 bis 68 n. Chr.

Statthalter Roms am Rhein

Gnaeus Domitius Corbulo, Kommandant des römischen Stützpunktes Oppidum Ubiorum

Pomponius Secundus, Statthalter der Rheinprovinzen

Pompeius Paulinus, Nachfolger des Secundus

Lucius Duvius Avitus, Nachfolger des Paulinus

Zur geografischen Orientierung

Ostia, im Altertum, Hafen Roms

Alpis, Alpen

Rhenus, Rhein

Albis, Elbe

Visurgis, Weser

Oppidum Ubiorum, militärischer Vorposten Roms am Rhein, später Colonia Claudia Ara Agrippinensium, noch später Köln.

Siedlungsgebiete germanischer Völker

Ziegelbrenner (https://commons.wikime-dia.org/wiki/File: GermanenAD50.png), „Germa-nenAD50“, schwarz-weiß von Jensen, https://creativecom-mons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Prolog

Im Jahre 9 n. Chr. am Teutoburger Wald

»Die Verletzung wird dich nicht töten. Die Narbe erinnert dich dein Leben lang an den Preis der Freiheit.«

Er lächelte ihn an. Der Kämpfer neben ihm war mit einer frischen Wunde gezeichnet, die sich quer über das Gesicht zog. Blut verklebte ein Auge und rann die Wange hinab. Der Junge, fast noch ein Kind, atmete schwer und versuchte, ein gequältes Stöhnen zu vermeiden.

»Ich kenne den Schmerz, Thorbrand, mein Freund«, setzte Siegmund hinzu.

Der verwundete Cherusker zuckte beim Versuch eines Lächelns zusammen. Der Ältere drückte kameradschaftlich den Arm des Jungen.

Er wandte sich ab und ging auf die Gruppe römischer Offiziere zu, die ihn, in einem Halbkreis stehend, erwarteten. Aus ihren verdreckten Uniformen heraus starrten sie ihn trotzig an, die sichere Hinrichtung vor Augen. Jeder Römer wurde von einem cheruskischen Kämpfer flankiert, der ihm die Schwertspitze an den Hals drückte. In ihrer Mitte lag der zuckende Körper eines weiteren Offiziers. Siegmund schaute auf ihn herab.

»Arminius«, gurgelte der Römer kaum hörbar durch den Schwall des Blutes, das sich aus den inneren Organen in den Hohlraum des Mundes ergoss.

Der Krieger, breitbeinig über dem sterbenden Feldherrn stehend, packte ihn mit beiden Händen an den Lederriemen des silbernen Brustpanzers und riss ihn mit Schwung empor. Der Römer stöhnte vor Schmerz.

»Mein Name ist Siegmund, Sohn des Segimer, du römischer Hund«, brüllte er ihm ins Gesicht.

Der starrte den Cherusker mit aufgerissenen Augen verwundert an. Dann erbrach er einen gewaltigen Schwall Blut über den Harnisch und die Hände, die ihn gepackt hielten. Es erschien unwahrscheinlich, dass er den Sinn der Worte noch verstand, der Körper erschlaffte, der Blick brach. Siegmund warf den toten Leib auf den bemoosten Waldboden zurück. Mit angewidertem Gesicht wischte sich der Cherusker am Mantel des Römers das Blut von den Händen. Er schaute auf die Leiche des Mannes, der als Statthalter des Imperators Augustus ausgezogen war, um die Standarte des römischen Adlers in den freien germanischen Gebieten aufzurichten.

Der hochmütige Aristokrat Publius Quintilius Varus lag, die Glieder verrenkt, zu seinen Füßen. Er hielt noch immer mit beiden Händen das Heft des Schwertes umklammert, mit dem er sich das Leben nahm, nachdem er erkannt hatte, dass die Schlacht für Rom verloren war. Siegmund riss dem Feldherrn den mit einem weißen Federbusch geschmückten Helm vom Kopf und reichte ihn Thorbrand, der seinem Anführer gefolgt war. Er zog das Schwert, packte den Leichnam an den grauen Haaren und trennte mit einer kraftvollen geschwungenen Bewegung den Kopf vom Rumpf. Den ließ er neben den Körper fallen. Siegmund steckte die Waffe in die lederne Scheide zurück, wandte sich um und überließ den Leichnam den Männern, die ihn schweigend umringten.

»Der Schädel, der Helm, der Brustpanzer gehören mir, der Rest gehört euch«, erklärte er heiser, bevor er breitbeinig den Hügel hinaufkletterte.

Von hier aus überblickte er den Verlauf des breiten Pfades, der sich zwischen den hohen Bäumen bis zur Biegung entlangschlängelte. Der Weg und die Hänge beiderseits waren bis ins dichte Unterholz von Leichen bedeckt. Nach dem entsetzlichen Lärm des Kampfes der letzten drei Tage erschien ihm die jetzige Ruhe unnatürlich. Der Wind fegte gleichmütig durch den Blätterwald.

Im blutdurchtränkten Schlamm wateten die germanischen Krieger, darunter auch bereits etliche Frauen, in konzentrierter Ruhe umher, fast so, als ob sie Pilze sammelten. Sie fledderten die Körper der römischen Soldaten, wobei sie insbesondere auf das kostbare Metall der Panzer versessen waren. In Sigmunds Auftrag hatten die Sieger bereits vorher die Schwerter, Lanzen und Schilde eingesammelt. Später würden sie die Waffen unter den siegreichen Stämmen verteilen.

Siegmund lehnte sich an einen Baum und verschränkte die nackten muskulösen Arme über der Brust. Der Cherusker dachte zurück an die qualvollen schlaflosen Nächte, in denen er sich zur weitreichendsten Entscheidung seines Lebens durchgerungen hatte. Danach hatte die mühsame, gefährliche Zeit der verdeckten Vorbereitungen begonnen, in der er sich mit bissiger Wut der Vorbereitung der Schlacht gewidmet hatte. Die Grausamkeit, mit der Varus die Truppen auf das Volk der Cherusker hetzte, konnte er nicht ertragen. Es war sein Volk, das der eigene Fürst, der Vater Segimer, nicht zu schützen vermochte. Ihm war es nicht mehr länger möglich, als Soldat des Imperiums ein Teil dieser Mordmaschine zu sein.

Vor fünf Tagen noch ging er im Zelt des Varus ein und aus. Er hatte im Kreise der anderen Offiziere der XVII. der XVIII. und der XIX. Legion am regelmäßigen Festschmaus teilgenommen und war in diesen Runden unter seinem römischen Namen Arminius beliebt gewesen – der Statthalter hatte ihm blind vertraut. Sogar so blind, dass er den Auftritt des cheruskischen Fürsten Segestes, der das Gelage polternd unterbrochen hatte, nicht ernst nahm.

Segestes bezichtigte Arminius vor den versammelten Römern des Verrats an Rom. Er behauptete, ein gewaltiges Heer aus Kriegern der vereinigten germanischen Stämme würde in den unzugänglichen Wäldern lauern. Sie warteten dort auf den Angriffsbefehl des Mannes, der sich hier als Offizier des Imperiums tarnte, um sich auf die Legionen zu stürzen. Als Varus schallend zu lachen begann, stimmten die anderen Römer mit ein. Nur Arminius hielt es für klüger, verärgert den Kopf zu schütteln, um sich empört zu geben. Er war höchst alarmiert, er musste sich schützen.

In den letzten Monaten hatte Sigmund die meiste Zeit, die er neben seinem Dienst als römischer Offizier erübrigen konnte, an entlegenen Orten in Verhandlungen mit germanischen Führern verbracht und unter größtmöglicher Geheimhaltung daran gearbeitet, die untereinander zerstrittenen Völker zum gemeinsamen Aufstand gegen Rom zu bewegen. Die schwierigste Aufgabe hatte darin bestanden, den Argwohn zu überwinden, den die Häuptlinge ihm, dem Offizier des Imperiums, entgegenbrachten. Auch deshalb fand er es klüger, den römischen Namen abzulegen.

Mit einem Ruck trennte sich Siegmund vom Baumstamm, ließ die Erinnerungen hinter sich. Seine Strategie war aufgegangen, sie hatten gesiegt. Die Leiche des verhassten Feldherrn Varus lag dort drüben im Matsch. Es war ihnen gelungen, den Eroberungsfeldzug der Legionen des Imperiums unter Aufbietung aller Kräfte der vereinigten Stämme zu stoppen. Die Menschen, die in diesen dichten Wäldern lebten, diejenigen, die die Römer Germanen, manchmal auch Barbaren nannten, hatten ihre Freiheit blutig verteidigt. Er, Siegmund, Sohn des Fürsten Segimer, der nicht mehr Arminius hieß, war endlich wieder einer von ihnen.

Unbändiger Stolz überflutete den cheruskischen Fürstensohn, er riss das Schwert aus dem Gürtel, stieß es in die Luft und brüllte im Dialekt der Heimat:

»frijadômaz, frijadômaz, Freiheit von Rom!«

Den gellenden Ruf griffen die ihm am nächsten stehenden Krieger auf und wälzten ihn dann im Echo aus Tausenden rauen Kehlen über das Schlachtfeld bis zum Horizont fort.

I. Buch

profectio

Aufbruch

1

Er brach das rote Siegel entzwei. Er entrollte das Pergament. Er las. Seitdem war er nicht mehr zur Ruhe gekommen. Der Kaiser ordnete seine unverzügliche Rückkehr nach Rom an. Der Tribun gehorchte. Er war in hohem Maße besorgt.

~~~~~~

Die Liburne näherte sich der Küste, sie steuerte direkt den neugebauten Hafen von Ostia an. Neptun, der Gott des Meeres, schien ihnen wohlgesinnt: Seit das Schiff in Alexandria abgelegt hatte, war die Überfahrt weder durch Stürme noch Piraten behindert worden. Italicus zog den Kopf ein, um sich nicht am Querbalken der Tür zu stoßen, als er aus dem Schatten der Kajüte auf das von der Frühlingssonne erleuchtete Deck trat. Er blinzelte und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Dann atmete er die so lange entbehrte Luft der Heimat tief ein und lächelte.

Bedächtig ging er einige Schritte über die gescheuerten Planken bis in die Mitte des Decks. Er verschränkte die Arme und verspürte erneut eine innere Unruhe. Der gespannte Stoff der blauen Tunika schmiegte sich an die straffen Muskelpartien des Rückens. Er trat mit kurzen Schritten an die Reling, legte die Hand als Sonnenschutz vor die Stirn und schaute zum nicht mehr fernen Ufer hinüber. Dabei nickte er mehrmals und sog die frische Luft ein, als würde er sich von der Meeresbrise Beruhigung erhoffen. Die Müdigkeit zog wie ein nasser, schwerer Sack an ihm. Seit Tagen hatte er kaum geschlafen.

Beim Anblick der vertrauten heimatlichen Küste glitt ihm wieder ein Lächeln übers Gesicht. Erst in diesem Moment fiel ihm auf, wie sehr er die Eltern, die Freunde, das römische Leben der Hauptstadt in der Provinz vermisst hatte. Was erwartete ihn?

Die Pergamentrolle mit dem ungewöhnlichen Befehl, sich im Palast des Cäsaren Claudius einzufinden, lag schwer wie eine Bleiplatte in einer der Truhen, bei seiner persönlichen Habe. Bewahre die Ruhe, Tribun, ermahnte er sich. Du bist 26 Jahre alt; wenn du als Offizier die dir anvertrauten Truppen befehligst, bleibst du mitten im Gefechtslärm doch auch seelenruhig. Als Kind hatte sich Italicus eingeredet, diese Unruhe angesichts unklarer Umstände sei Neugier. Aber jetzt, als erwachsener Mann, musste er sich eingestehen, dass ihm Entwicklungen, die ihn zu überfordern schienen, in gewisser Weise auch Angst machten. Er fühlte sich ausgeliefert, dem Willen des Herrschers unterworfen. Wehrlosigkeit aber stand einem befehlshabenden Offizier der Legionen des Imperiums nicht gut an.

Er warf noch einen Blick auf die jetzt schon sehr nahen heimatlichen Hügel, bevor er über das Deck schlenderte. Wachsam sah er sich um, als wäre jedes Detail in seinem Blickfeld von gleicher Wichtigkeit. Die rechte Hand streifte die Brüstung entlang. Er berührte im Vorübergehen den Deckel einer Kiste, tippte mit den Fingern der Linken an den Mast, als wolle er die Umgebung durch Berührungen mit einem ihm eigenen Kennzeichen versehen. Mit leichtem Nicken grüßte er den Kapitän, der vom Vorderdeck aus zu ihm hinübersah.

Italicus setzte sich auf eine Truhe und schaute auf die langen Finger seiner Hände. Mit zunehmender Ruhe brach die Müdigkeit wieder über ihn herein. Was sollte ihm passieren? Als jüngstes Mitglied einer alten Familie war er der Erste und bisher der Einzige, dem das römische Bürgerrecht durch Geburt zugefallen war, und nicht durch einen Gnadenakt des Cäsaren. Deshalb trieb er seine militärische Karriere auch in den regulären Legionen Roms voran, und nicht wie der Vater und der Onkel in den Auxiliartruppen, den germanischen Hilfstruppen des Reiches.

Er sah sich um und bemerkte seinen Sklaven im Heck des Schiffes. Aber, setzte er seine Gedanken fort, ein kurzer Marschbefehl, der ohne weitere Erklärung blieb, war in der Lage, die mühsam erkämpfte Selbstverständlichkeit, als Römer unter Römern der Heimat zu dienen, zu erschüttern.

~~~~~~

Wolfram stand auf dem hinteren Deck des gewaltigen Kriegsschiffes und beobachtete den jungen Herrn. Er spürte dessen Unruhe, obwohl der Tribun seine Gefühle geschickt verbarg. Aber dem lebenserfahrenen Sklaven spielte ein äußerlich strahlender Offizier nichts mehr vor. Nur, was sie zwang, so unvermittelt aufzubrechen, blieb ihm immer noch verschlossen.

Die inzwischen farblose Tunika, ein wenig zu üppig geraten, hing am knochigen Körper herab. Er hielt sich leicht gebeugt. Man sah ihm an, dass er sein Leben lang schwer und ausdauernd gearbeitet hatte. Der nicht mehr junge Mann legte das bartlose Gesicht in Falten, schloss die Augen, atmete tief durch und genoss die kühle, salzige Brise, die seine Haut streichelte.

Wolfram sehnte sich nach Ruhe. Wie so häufig hielt der Sohn des Volkes der Langobarden auch jetzt stille Zwiesprache mit den Göttern der fernen Heimat. Diese Wesen in seinem Gemüt bewahrten die Verbindung zur weit entfernten Welt vor der Gefangennahme. Die Bilder des einäugigen Wotans, des kraftvollen Thor verflüchtigten sich jedoch im Laufe der Zeit immer mehr. Sein Leben dauerte gewiss schon länger als vierzig Jahre, sein genaues Alter kannte er nicht. Er hatte vergessen, wie lange er das Dasein eines Sklaven der römischen Herren fristete. Er bat die Götter um Verzeihung für seinen Wunsch nach Ruhe.

Vier Jahre verbrachte er mit dem Herrn in Nicopolis. Dicht bei der gewaltigen Stadt Alexandria, die dem Vergleich mit Rom durchaus standhalten konnte. Die III. Legion, die Cyrenaica, war dort stationiert. Er empfand das Heerlager für diese Zeit als Zuhause, so wie es ihm nie schwerfiel, sich mit den unterschiedlichsten Gegebenheiten zu arrangieren, wohin ihn auch das Schicksal trieb.

Wolfram lächelte und konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf den näherkommenden Hafen von Ostia. Jetzt erkannte er schon Einzelheiten des regen Getümmels an Land, das lebhafte Treiben im Hafen drang zu ihm durch. Fischerboote, die träge auf dem Wasser schaukelten, Frauen, die geflochtene Körbe trugen, Kinder, die zwischen den vielen bunt gekleideten Menschen flink herumwuselten. Männer saßen auf Steinblöcken und flickten ihre Netze. Dazwischen die polierten Helme von Soldaten, die im Gewirr für Ordnung sorgten. Immer mehr Details waren inzwischen rund um das Hafenbecken erkennbar.

Der Sklave reckte den sehnigen Körper, ordnete die Tunika. Er war mit dem Leben im Großen und Ganzen versöhnt. Die Schicksalsgöttinnen hatten es bisher gut mit ihm gemeint. Alle Herrschaften, die ihn als Eigentum besessen hatten, hatten ihn in der Hauswirtschaft eingesetzt, damit blieb ihm die grausame Feldarbeit erspart. Nur so war es ihm vergönnt, sein für einen Sklaven hohes Alter zu erreichen.

Die jetzigen Besitzer, der Tribun Italicus und dessen Gemahlin Cäcilia, vertrauten ihm die Aufsicht über die weiteren Bediensteten des Hausstandes in Nicopolis an. Als führender Offizier beanspruchte der Herr eine eigene geräumige Villa, die in einigem Abstand zu den Mannschaftsunterkünften der III. Legion lag. Er empfand Dankbarkeit gegenüber dem Herrn und der Herrin, weil sie ihn nur selten scharf anfuhren, ihn so gut wie nie demütigten oder gar schlugen. Trotzdem erschrak Wolfram, wenn er bemerkte, dass der aufmerksame Blick des Besitzers, wie gerade eben, ihn einfing, obwohl er sich keiner Schuld bewusst war. Es scheint, als ob die Sklavenseele schon seit Langem über die germanische Wildheit gesiegt hat, dachte er und lächelte bitter.

Wenn Wolfram an die Frau des Italicus dachte, öffnete sich sein Herz. Sie war eher klein, wie die meisten Römerinnen, und wirkte so zerbrechlich. Erst bei näherem Kennenlernen bemerkte man hinter ihrer äußeren Erscheinung ihre Willensstärke. Sie war eine belastbare Frau. Wie bei den Damen der Aristokratie üblich, verstärkte sie ihre dunkelblonden lockigen Haare geschickt durch blondes Kopfhaar, das sie Germaninnen abkaufte. Die modisch hochgesteckte Frisur ließ sie etwas größer wirken.

Wenn sie ihn aus ihren braunen katzenhaften Augen anschaute, stieg ein unpassendes Gefühl der Zärtlichkeit in ihm auf, als sei er ein wenig verliebt. Der Sklave schmunzelte amüsiert.

Das Paar hatte keine Kinder. Wolfram fragte sich häufig nach dem Grund. Er hatte mal gehört, wie Italicus zu einem Freund sagte, »Wir bemühen uns immer wieder, Bona Dea verweigert es.« Er bekam aber zu wenig vom gesamten Gespräch mit, um zu wissen, ob sie über Kinderwünsche sprachen. Erst später erfuhr er, dass die Römer Bona Dea als Göttin der Fruchtbarkeit anriefen.

Italicus und Cäcilia pflegten den Lebensstil der römischen Aristokratie, mit Geselligkeit und rauschenden Festen. Auch während der Jahre in Nicopolis legte die Herrschaft Wert darauf, die ihnen angemessene Lebensführung zur Schau zu stellen. Wobei Wolfram schon den Eindruck hatte, dass insbesondere der Herrin der äußere Glanz besonders wichtig war. Soweit er wusste, gehörte sein Besitzer nur dem niederen Adel an, der Dominus besaß den Rang eines Ritters und eben eines Offiziers. Aber der lebenserfahrene Sklave war sich sicher, Italicus wünschte sich die Anerkennung der römischen Gesellschaft. Es drängte ihn, größere Verantwortung zu übernehmen.

Bei den Verrichtungen im Hause hatte Wolfram mehrmals unbeabsichtigt Gespräche mitgehört. Es ging häufig darum, dass der Herr die ihm zugewiesene Aufgabe in der ägyptischen Provinz als verpflichtendes Erbe empfand. Er fühlte sich damit in der Tradition des göttlichen Julius Cäsar und des Marcus Antonius, die vor 100 Jahren hier ebenfalls längere Zeit gelebt hatten. Nach Beendigung des Dienstes im Ausland wollte er schauen, ob nicht ein Senatorenamt in greifbare Nähe gerückt war. In diesem Zusammenhang erfuhr Wolfram auch, dass Cäcilias Vater ein bekanntes Mitglied des römischen Senats war. Der Sklave lächelte nachsichtig über die Ambitionen des Herrn. Ihm schien es gleichgültig, sein Status veränderte sich dadurch sowieso kaum.

~~~~~~

Mit elegantem Schwung legte die Liburne an der Mole an. Mit einer knappen Handbewegung rief Italicus Wolfram herbei. Nachdem viele kräftige Hände das Schiff an dicken Pollern vertäut hatten, schleppten mehrere Sklaven die Truhen mit dem persönlichen Eigentum des Tribuns über die Planken an Land und beluden damit einen bereitstehenden Karren. Der Kapitän, ein bulliger, kahlköpfiger Mann, kam auf seinen Passagier zu und versuchte, ein Abschiedswort zu finden.

»Herr, du wirst nach so langem Aufenthalt in der Provinz schleunigst dein römisches Haus aufsuchen – erwartet dich eine liebende Frau?«

Italicus sah den Seemann nachdenklich an, als würde er sich fragen, was den Mann das anginge. Trotzdem nickte er kurz. Dann wandte er sich an den wartenden Sklaven,

»Nun denn los, lass uns an Land gehen.«

Wolfram schob sich den schlaffen Sack mit der geringen persönlichen Habe auf die Schulter.

»Ja, Dominus«, brummte er.

2

Der junge Mann trat aus dem Schatten des Raumes an das offene Fenster, strich sich die Haare aus der Stirn und stützte den muskulösen Oberkörper am Fensterrahmen ab. Er schaute über das Gewirr der rötlichen Dächer Roms bis hinüber zum Forum Romanum, dem Mittelpunkt des Imperiums.

Ihm kam der größte Platz dieser gewaltigen Stadt vor, als sei er der verdichtete Kern des Bösen, das Nest eines Lindwurms, der mit der schuppigen Körpermasse die ganze Welt erdrückte. Ein Untier, das lauerte – gefährlich, gewalttätig, bereit, jeden niederzuwerfen, der der Herrschaft der Cäsaren trotzte. Mit Drachen sollte man nicht spaßen.

Landogar, Sohn des cheruskischen Fürsten Nordger, drehte sich um und schaute in den Raum, dessen Wände mit großflächigen bunten Jagdszenen geschmückt waren. Er verstand genau die Drohung, die aus den Darstellungen sprach. Für die Römer blieben sie die Jagdtiere. Daran hatte auch der ruhmreiche Sieg über die Legionen des Varus vor beinahe vier Jahrzehnten nichts geändert.

Im Halbkreis saßen die Gefährten entspannt auf breiten Liegen. In wollene Kleider gehüllte Männer. Es war noch kühl, die Sonnenwende kaum drei Monde her. Sie steckten in der Hauptstadt des Imperiums fest. Der Herrscher ließ sie schmachten.

Landogar spürte, wie die Wut sich wieder in ihm ausbreitete, als er an den demütigenden Auftrag dachte, der sie zu dem beschwerlichen Weg nach Rom gezwungen hatte.

Das große Thing, die Versammlung der Stämme, auf dem in wichtigen, alle Stammesmitglieder betreffenden Angelegenheiten verbindliche Mehrheitsentscheidungen gefällt werden, hatte die Kämpfer und Anführer der cheruskischen Gaue zusammengeführt. Das Thing benannte die Gruppe edler Freier, die beim römischen Imperator Claudius die Bitte des Volkes vortragen sollten. Landogar atmete tief durch, als in ihm das Bild der vielen Männer des Rates lebendig wurde.

~~~~~~

Mit ernsten Gesichtern, manchmal verzweifelt schreiend und drohend, suchten sie in diesen dunkelsten Stunden des cheruskischen Volkes nach Auswegen. Am Rande des Beratungsplatzes hockten die Weiber, die unter der Führung der Seherin Albruna den Göttervater Wotan und seine Kinder um Rat anflehten.

Der dumpfe Klang der feierlich geschlagenen großen Trommeln drang in die Herzen der Männer. Der brummelnde, sich zum schrillen Kreischen steigernde Ton der Beschwörungsformeln, die die weisen Frauen ausstießen, versicherte ihnen die Gegenwart der Asen, der mächtigen Gottheiten. Fünf Tage dauerte das Ringen, dann stand die aus purem Überlebenswillen getroffene bittere Entscheidung fest.

Nach der Ermordung des Varusbezwingers, ihres Königs Siegmund, brachen die blutigen Stammesfehden der Cherusker wieder aus. Innerhalb weniger Jahre lebte kein Fürst von Format mehr. Niemand schien bereit oder in der Lage, das Volk zu einen und zu führen.

Daher beschloss das Thing, eine Delegation zum römischen Herrscher in die ferne Hauptstadt des Imperiums zu schicken. Der Imperator sollte um die Entsendung eines Mannes gebeten werden, der geeignet sei, die Cherusker als neuer König anzuführen. Nach seiner Ankunft würde das Thing erneut beraten.

~~~~~~

Schande, Schande, dachte Landogar, er biss die Zähne zusammen.

»Ich kann mir gut vorstellen, dass die Römer lügen«, griff Ulfthank den vorherigen Gesprächsfaden wieder auf.

Der jüngste unter ihnen, sein Bart bestand noch aus blondem Flaum, reckte den muskulösen Körper, stand auf und stiefelte nervös im Raum umher.

Sarolf sah zu ihm auf, drehte den Becher mit billigem Wein in den Händen und lächelte nachsichtig.

»Ulfthank, ich bin dieses Thema leid. Über 30 Tage saßen wir im Sattel, wir haben mit Mühe jene hohen verschneiten Berge, die die Römer Alpis nennen, überquert. Jetzt warten wir schon weitere drei Monate auf die Entscheidung des Cäsaren. Fast täglich meintest du, uns mit deiner Frage beschäftigen zu müssen.«

Er stellte den Becher auf das verzierte Holztischchen neben der Liege.

»Lass dir nochmals sagen, es kann uns egal sein, ob Thumelicus lebt oder nicht, der Imperator wird uns nie den Sohn des Siegmund zum König geben. Rom wurde zutiefst gedemütigt vom Bezwinger des Varus, der Rom drei Legionen abtrotzte. Die Entlassung seines Erben aus der Gefangenschaft käme einem zweiten Sieg gleich, den sie uns schwerlich gönnen werden.«

Sarolf stand auch auf und trat zu Landogar ans Fenster. Der machte eine impulsive Abwehrbewegung. Sarolf schien diese Geste zu übersehen. Er wandte sich wieder an Ulfthank, der breitbeinig mitten im Raum stehen blieb.

»Dir wird natürlich die verärgerte Reaktion des Narcissus nicht entgangen sein, als der Name des Thumelicus fiel, oder?«

»Sarolf«, erzwang der alte Winimar die Aufmerksamkeit der Männer.

Den Zopf, zu dem er die roten Haare geflochten hatte und der ihm über die Schulter hing, durchzogen etliche graue Strähnen. Sein Gesicht war von den Folgen zahlreicher Kämpfe zerfurcht, in seinem Mund fehlten einige Zähne.

»Sarolf, es ist das Hoffnungsvolle an der Jugend, dass sie die Grenzen des Möglichen nicht akzeptiert, die uns Alten die Erfahrung lehrte. Außerdem denke ich, er könnte recht haben. Wir täten gut daran, das Volk der Cherusker an die glorreichen Siege der Vergangenheit zu erinnern. Denkt an die Vernichtung der Legionen des Varus und den anschließenden Triumph über die Truppen des Nero Claudius Drusus, den die Römer in unverschämter Weise Germanicus nannten. Wir zeigten dem römischen Adler seine Grenzen. Darum sind wir Cherusker noch ein freies Volk.«

Er atmete tief ein.

»Noch …«, setzte er brummelnd nach.

Landogar verschränkte die Arme vor der Brust, er lehnte wieder lässig am Fensterrahmen.

»Sarolf, ich nenne dich einen Römerknecht«, zischte er.

Der so Angesprochene drehte sich langsam zu ihm um. Seine Mimik zeigte Gleichgültigkeit.

»Diesen Vorwurf höre ich nicht zum ersten Mal. Unter uns sind viele, die manche Zeichen der neuen Epoche um keinen Preis erkennen wollen. Du weißt es doch im Grunde genommen selbst, du kluger Sohn meines Bruders. Rom blieb durch unsere Schwäche am Ende Sieger. Es ist unklug, das zu ignorieren.«

Er wandte sich wieder dem dämmrigen Raum zu und umschloss mit einer weit ausholenden Armbewegung die Gruppe der Landsmänner.

»Ihr redet so, als wäre euch der Auftrag nicht bewusst, den wir hier in Rom zu erfüllen haben!«, stieß er lauter, jedes Wort betonend, hervor.

Sarolf lächelte kopfschüttelnd und stolzierte zu seiner Liege zurück.

Die schwere Holztür öffnete sich knarrend, ein Sklave betrat den Raum.

»Meine Herren, es wird Abend, ich sollte die Fackeln entzünden«, sagte er leise und schaute fragend umher.

»Ja, ja«, brummte Winimar, hob den Arm mit den verzierten Armreifen und winkte.

Die Männer sahen dem Sklaven schweigend zu, wie er nach und nach die Fackeln, die von den Wänden mit kräftigen Ringen gehalten wurden, aufflammen ließ. Dann verließ er geschwind und gesenkten Hauptes den Raum.

»Selbst den Sklaven der Römer sind wir unheimlich«, bemerkte Oswin und lachte laut.

Er hatte bisher als Einziger geschwiegen. Lässig saß er in einem lederbezogenen Sessel. Der Cherusker zwirbelte an dem zu zwei kurzen Zöpfen geflochtenen Bart. Als einziger der fünf Männer hatte er sich bewaffnet. Im breiten, ledernen Gürtel steckte ein gewaltiges Messer. Die halbgeschlossenen Augen verfolgten Ulfthank.

Landogar spürte die aggressive Anspannung, die von Oswin ausging, und dachte: Er fühlt sich scheinbar durch die Unsicherheit, die von dem unerfahrenen jungen Cherusker ausgeht, provoziert. Er bemerkte, wie die Finger des bulligen Mannes mit dem Knauf des Messers spielten. Er ist ein Tier, das die Angst anderer mit den Nüstern aufsaugt. Hoffentlich gelingt es ihm, seinen schwarzen Hass zu beherrschen, unsere Lage ist auch so schon schwierig genug.

Erneut glitten Landogars Augen über die gemalten Jagdszenen. Durch den unruhigen Lichtschein der Fackeln heraufbeschworen, schien der Raum in Bewegung. Die Fresken an den Wänden, die Mosaiken auf dem Boden erwachten zum Leben.

Der Fürstensohn fröstelte, er verspürte die Gegenwart der Asen. Er bekam das Gefühl, die Götter hätten sie den langen Weg nach Rom voll Argwohn begleitet. Er fürchtete die Rache der Hirschgöttin, der Schutzgöttin des selbstbewussten cheruskischen Geschlechtes, der Hirschmenschen.

Landogar verstand die gespannte Aufmerksamkeit der mächtigen Gottheiten nur zu gut. Sie waren im Begriff, ihr unbesiegtes Volk an die Römer auszuliefern, sich zu ergeben. Der legendäre Sieg des Siegmund über den römischen Schlächter Varus, viele Jahre vor seiner Geburt, verwandelte sich damit im Nachhinein in eine endgültige Niederlage.

Sollte das Thing am Ende falsch entschieden haben? Er konnte es nicht sagen. Wie zur Bestätigung der düsteren Gedanken heulten die Töchter Wotans mit dem wilden Gesang des Windes um das Haus und rüttelten wütend an den Fensterläden.

3

Flavus beobachtete die Sklavin, die das Obst auf dem Tisch drapierte. Anschließend erhob er sich schwungvoll aus seinem Sessel. Er hatte inzwischen das achtundsechzigste Lebensjahr erreicht. In diesem Alter spürte er, dass die lange, harte Zeit, die er für Rom bei den germanischen Hilfstruppen gekämpft hatte, dem Körper gut bekam. Die Kämpfe hatten ihn aber auch gezeichnet. Eine Augenklappe bedeckte die linke leere Augenhöhle. Mit dem verbliebenen Auge schaute er auf den einzigen Sohn, der in diesem Moment den Wohnraum betrat.

Italicus blieb an der Eingangspforte zur Wohnhalle stehen und breitete die Arme aus. Lächelnd sah er zum Vater hinüber, der ihm entgegen kam und ihn umarmte. Seitdem er wieder römischen Boden betreten hatte, war er schon mehrmals bei den Eltern gewesen. Jedes Mal überschüttete der alte Mann ihn mit seiner Freude.

»Willkommen zu Hause«, flüsterte Flavus mit heiserer Stimme dem Sohn ins Ohr.

Italicus erwiderte den Druck des Vaters. Dann löste er die Umarmung, sodass er ihm ins Gesicht sehen konnte.

»Danke«, sagte er etwas unbeholfen.

Schnell wandte er sein Gesicht ab. Er wollte vermeiden, dass der Vater die Feuchtigkeit bemerkte, die in seine Augen stieg. Die Sklavin verscheuchte er mit einer Handbewegung. Er ließ sich auf eine Liege fallen und nickte zu Flavus hinüber.

»Was ist dein Begehr, alter Mann?«

Der Vater setzte sich ihm gegenüber auf einen Hocker und beobachtete seinen Sohn. Die Sehnsucht nach dem Filius zog sein Inneres zusammen. Er bedauerte, dass Italicus noch immer, wie schon vor der Versetzung an die Grenze des Reichs, zwar ein freundliches, aber auch distanziertes Wesen gegenüber Vater und Mutter zeigte. Er trug einen unendlichen Stolz auf den einzigen Sohn in sich, konnte dieser doch viel von dem erreichen, was er für sich selbst gewünscht hätte.

Nun jedoch gab es etwas, das er Italicus nicht ersparen wollte. Er hatte ihm gestern über einen Boten mitteilen lassen, dass er ihn noch vor dem Termin im Palast des Claudius zu sprechen wünsche.

»Es hält sich eine cheruskische Delegation in Rom auf. Schon mehrere Wochen wartet sie auf eine Entscheidung des Herrschers«, erklärte Flavus und setzte hinzu: »Zu welchem Thema, kann ich dir nicht sagen.«

Italicus seufzte, er schaute aus dem Fenster.

»Ich weiß, dass eine germanische Gesandtschaft in Rom ist. Die Händler auf den Märkten sind schwatzhaft. Ständig sind Barbaren mit irgendeinem Anliegen bei uns. Wolltest du darüber mit mir sprechen?«

Flavus atmete tief durch, dann spannte er den Rücken und sagte in einem Tonfall, der den zu erwartenden Widerstand des Sohnes vorwegnahm.

»Ich wünsche, dass du dabei bist, wenn ich die Männer aus dem fernen Germanien in mein Haus einlade!«

Italicus wandte sich zum Vater und runzelte die Stirn.

»Was sollte ich mit diesen Fremden zu besprechen haben. Sie suchen den Imperator auf, nicht uns, was immer sie in Rom wollen.«

Flavus schaute auf seine gefalteten Hände. Der Sohn versuchte wieder, die Realität zu verleugnen. Ihm lag die Lebensgeschichte ihrer Familie als ein unangenehmer Felsblock im Weg. Sie schien der Karriere hinderlich zu sein.

»Du weißt natürlich genau, dass du mit diesen Männern viel zu schaffen hast, stell dich nicht dumm. Möglicherweise bist du sogar mit dem einen oder anderen von ihnen verwandt.«

Italicus sprang ungestüm auf und ging im Raum umher. Flavus beobachtete ihn.

»Du kannst der Gemeinsamkeit auf keinen Fall entfliehen, dein Großvater ist der cheruskische Fürst Segimer …«, begann er zu dozieren.

»Ich weiß es, ich weiß es«, unterbrach der Sohn und lächelte den alten Herrn an. »Aber lass doch endlich, um der Götter Willen, die weit entfernte Vergangenheit ruhen«, bat er händeringend.

»Ich empfinde für diese Männer nicht das Geringste, am wenigsten Gefühle der Stammesverbundenheit oder der Familienbande. Wir sind Römer, ich bin Offizier der siegreichen Legionen der Cäsaren, aus deinem wohlhabenden vom Herrscher geadelten Hause. Wie oft haben wir über die Wichtigkeit der Familie schon gestritten, geliebter Vater.«

Flavus schwieg; dass er sich in Italicus wiedererkannte, linderte nicht den Schmerz. Ja, damals als heranreifender Mann erschien es ihm ebenfalls von enormer Bedeutung, von der römischen Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Seine Gedanken gingen zurück zu vergangen Zeiten und Orten.

~~~~~~

Er und der ältere Bruder Arminius waren Kinder, als die römischen Eroberer vom cheruskischen Heimatstamm Sicherheiten forderten. Der Stamm lieferte beide widerwillig aus. Sie wurden nach Rom gebracht, stellten als Söhne des Fürsten wertvolle Geiseln dar, erzwangen damit das Wohlverhalten des germanischen Volkes. Die Römer behandelten sie, ihre adlige Herkunft bedenkend, eher wie Gäste und eröffneten ihnen sogar die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Aufstiegs.

Mithilfe ihres zähen Durchsetzungsvermögens gelang den Brüdern im Laufe der Zeit eine beachtliche militärische Laufbahn. Sie konnten sich als ausgezeichnete Offiziere der germanischen Hilfstruppen den Zugang zu den höheren Kreisen des römischen Bürgertums erkämpfen. Arminius war erfolgreicher, errang als Erster das Offizierspatent, wurde zuerst mit dem Titel eines Ritters geadelt.

Die Konkurrenz um Anerkennung im neuen Lebensumfeld entfremdete die Söhne des Fürsten Segimer zeitweilig voneinander. Ihre immer selteneren Zusammenkünfte endeten häufig im Streit. Doch nach so vielen Jahrzehnten, die er jetzt zurückblickte, musste Flavus sich eingestehen, dass er damals mit Neid auf den Bruder geschaut hatte. Gleichzeitig war er stolz auf den Älteren, der ihn, trotz aller Geschwisterrivalität, immer beschützte.

Umso gewaltiger traf ihn der Verrat. Als die Nachricht von der Vernichtung der drei Legionen und vom Tod des Varus Rom erreichte, begann für Flavus die härteste Zeit seines Lebens. Der Bruder, der in den tonangebenden Familien des Reiches ein- und ausging, hatte die Seiten gewechselt. Arminius verschmähte die glanzvolle Rüstung des römischen Offiziers. Stattdessen ließ er das Haupthaar wachsen und bemalte sich nach barbarischer Sitte das Gesicht schwarz. Er nahm den früheren germanischen Kindernamen Siegmund wieder an, um anschließend die vereinigten Stämme in eine grausame Schlacht gegen das Imperium zu führen.

Er vernichtete die Truppen des Varus rücksichtslos – drei Legionen mit insgesamt 15.000 Soldaten. Der kaum mehr erkennbare, mit vertrocknetem Blut überzogene Kopf des Feldherrn rollte vor die Füße des Cäsaren Augustus. Der soll sich aus Wut und Trauer die Tunika zerrissen haben.

Damit begann für ihn, Flavus, dem zurückgebliebenen Bruder des Verräters, der Kampf um das verlorene Vertrauen der römischen Gesellschaft. Sie hätten ihn hinrichten können. So ging man im Reich üblicherweise mit Geiseln um, wenn der Vertragspartner wortbrüchig wurde. Der alte Imperator Augustus jedoch unterschied die Schuld des Überläufers von der des Bruders. Flavus wurde als Offizier noch gebraucht, daher verschonte er ihn.

Er erinnerte sich genau an den unklaren Hass, den er empfunden hatte, er, der in Rom Zurückgebliebene. Jetzt im Alter erkannte er aber, dass er Arminius nicht so sehr für den Verrat an Rom zürnte. Vielmehr machte er ihn für den Argwohn und die Feindschaft verantwortlich, mit dem ihn die römische Gesellschaft fortan bedachte. Die Einladungen der befreundeten Familien blieben aus. Wenn er zu Feiern lud, wurden voller Bedauern andere Termine vorgeschoben. Sie verstießen den Blonden, den Spross jenes verfluchten cheruskischen Fürstengeschlechtes.

Bei dem Gedanken an den Kraftaufwand, der notwendig wurde, um das Vertrauen Roms erneut zu gewinnen, spürte er aber auch das herrliche Gefühl der Selbstachtung. Er war niedergeschmettert worden und hatte sich wieder aus dem Sumpf der Verachtung und des Hasses erhoben. Ja, er fühlte damals, genau wie der Sohn heute, den unbändigen Wunsch, zur römischen Gesellschaft zu gehören. Das machtvolle, gewaltige Imperium ist zu seiner Heimat geworden. Er bewies seine Loyalität, indem er sich wütend in die Schlachten der Eroberungsfeldzüge Roms, vor allem gegen germanische Barbaren warf. Der Germane wurde zum Germanenschlächter.

Dieser starke Wille und die unerschütterliche Loyalität zum Reich brachte ihm langsam das Vertrauen des Imperators zurück. Die Auszeichnungen, das Offizierspatent und der späte Aufstieg zum Ritterstand ehrten ihn, bescherten ihm am Ende nicht nur das Bürgerrecht, sondern auch einen auskömmlichen Lebensstandard.

Das Misstrauen der römischen Gesellschaft verschwand jedoch nie restlos. Er spürte die argwöhnische Distanz weiterhin. Der römische Adel konnte den verletzten Stolz nicht verwinden. Es blieb eine Schande, dass die für unbesiegbar geltenden Legionen mitten in Germanien, im Cheruskerland, vom Bruder abrupt gestoppt worden waren.

~~~~~~

Italicus nahm erneut neben dem alten Mann Platz und legte ihm den Arm um die Schulter.

»Na, lieber Vater, verweilst du wieder in den germanischen Wäldern?«, fragte er zärtlich lächelnd.

Flavus schüttelte den Arm ab. Er fühlte sich missverstanden, er war mit Haut und Haaren römischer Bürger. In den letzten Jahren jedoch, das hatte der kluge Sohn durchschaut, wollte der cheruskische Junge, der noch tief in ihm steckte, beachtet werden. Er begann, zu seinem Erschrecken, Arminius zu vermissen.

Beinahe unbemerkt hatte sich eine ältere Frau zu ihnen gesetzt. Sie hatte die Tunika aus wertvollem Leinen so geschickt um die Gestalt geschlungen, dass die Fülle des Körpers nicht auffiel. Ihre hellen Augen schauten mit zärtlicher Güte auf den jüngeren Mann und sie ergriff mit Ruhe dessen Hand. Italicus wandte sich der Frau zu und atmete auf.

»Mutter, du weißt gewiss, worüber wir reden. Findest du auch, ich sollte diese Germanen kennenlernen?«

»Das steht für mich außer Frage«, erwiderte Irmgard mit einer entschlossenen Selbstverständlichkeit.

Sie, die Tochter des Aktumerus, des Fürsten, der damals über das Volk der Chatten herrschte, den Nachbarn der Cherusker, würde nie ihre Abstammung verleugnen. Sie ist wie Flavus als Geisel ins Römische Reich gekommen, erst hier haben sie sich kennen und lieben gelernt.

»Ihr Männer vollbringt gewaltige Anstrengungen, um eure germanischen Traditionen zu kappen. Es gelingt dir nicht, mein Sohn. Unsere Wurzeln sind wie unsere Götter, kräftig und zäh!«

Irmgard beugte ihren Kopf vor, sie suchte den freundlichen Kontakt zum Auge des Flavus.

»Dein Vater wird es mittlerweile verstanden haben.«

Der nickte kurz und unwirsch.

Italicus fühlte sich unwohl in seiner Haut, er wollte das Thema wechseln und stand auf. Was heißt hier unsere Götter, dachte er gereizt. Er nahm einige Trauben, trat zum Fenster und schaute hinaus auf die Stadt. Wie sehr vermisste er die geliebte Heimat, wenn er an den Grenzen des Imperiums seine Pflicht als Offizier erfüllte.

Auf der linken Seite sah er in der Ferne die freie Fläche des Forum Romanum, des überzeugenden Mittelpunktes der Welt. Von dort aus erstrahlten die Zivilisation und der römische Frieden, die Pax Romana, über das gesamte Reich. Er liebte diesen Ort, der mit seinem bunten Treiben den Völkern des Weltreiches einen Ort der Zusammenkunft bot.

Wie schön es war, als Bürger des Imperiums, Offizier, Gatte einer Senatorentochter, voller Stolz auf das Erreichte, die Stadt zu betrachten. Italicus fragte sich, ob die Eltern wohl wüssten, dass er von frühester Kindheit an für dieses Ziel schmerzhaft ringen musste. Wussten sie eigentlich, wie häufig er als Barbarenbalg verspottet worden war? Während der Vater um die Anerkennung der römischen Gesellschaft kämpfte, führte der Sohn zeitgleich einen eigenen Kampf um dasselbe Ziel.

Manchmal, wenn auch inzwischen seltener, empfand er heute noch die blauen Augen und das blonde Haar vergleichbar mit dem Aussatz eines Leprakranken. Ja, ja, er wusste natürlich, dass sogar der vergöttlichte Augustus mit goldglänzendem Haar geboren worden war. Außerdem hatte er im Laufe der Jugend selbst die Erfahrung gemacht, dass ein maisblonder Schopf bei den römischen Mädchen gut ankam.

Doch dem kleinen Jungen, dem Enkel des Germanenfürsten, dessen sehnlichster Wunsch es war, Römer unter Römern zu sein, erschienen diese Merkmale nördlicher Wurzeln ein Graus.

Italicus drängte sich die weit zurückliegende demütigende Szene am Wasser auf, er würde sie wohl nie vergessen. Er hatte einen Moment lang nicht daran gedacht, dass sein Haar schwarz gefärbt war. Als er sich vom Wettschwimmen im See, schweratmend, glücklich, am Ufer zu den Freunden setzte, schaute er in ihre hämisch grinsenden Gesichter. Er stand verwundert auf, betrachtete sein Antlitz im Wasserspiegel und sah die Katastrophe.

Das Wasser hatte die Wahrheit ans Licht gebracht. Auf dem Kopf klebten nasse Strähnen von blonden, schmutziggrauen, nur noch wenigen schwarzen Haaren. Die Peinlichkeit erschien ihm unerträglich. Der Göttervater Jupiter sollte ihn augenblicklich mit dem Blitzstrahl in die Unterwelt senden.

Der Sohn stand gedankenverloren am Fenster, als er die ruhige Stimme des Vaters im Rücken vernahm.

»Ich bin morgen bei deinem Termin im Palast dabei.«

»Warum?«, entfuhr es Italicus überrascht.

Er drehte sich um. Der alte Mann zuckte mit den Achseln.

»Ich kann es nicht sagen«, antwortete er, »aber ich ahne es.«

Er ging wieder hinüber zu Irmgard.

»Vermutlich werden der Befehl, der dich nach Rom zurückholte, und unsere gemeinsame Audienz beim Herrscher etwas mit der Anwesenheit der Cherusker in Rom zu schaffen haben.«

Er streichelte liebevoll den Arm seiner Frau, die ihre zitternden Hände in den Falten der Tunika versteckt hielt.

4

Italicus überquerte den weitläufigen Platz. Er wich manchen festen und lebenden Hindernissen aus. Er schaute zum Palatin hinauf, dem Hügel, auf dem die gewaltige Palastanlage der Cäsaren thronte. Dorthin hatte der Imperator ihn befohlen.

Die Mittagssonne dieses Frühsommers sorgte für kurze, scharfe Schatten der Tempel, Paläste und ihrer monströsen Säulenreihen, doch sie wärmte noch nicht ausreichend. Die vielen Menschen, die den riesigen Platz des Forum Romanum bevölkerten, waren überwiegend noch in dicke Stoffe gehüllt.

Vor den Ladennischen der Häuser verstellten hölzerne Verkaufsstände und Karren mit Erzeugnissen aus aller Welt den Weg. Verkäufer priesen lautstark ihr Obst, Fleisch, Fisch und Gemüse an. Hühner, Enten und sonstiges Geflügel lärmten in ihren Käfigen genauso wie die schnatternde Menschenmenge.

Das Volk zeigte sich an diesem herrlichen Vormittag gut gelaunt, die Menschen gaben gleichmütig Raum frei, wenn schwitzende, dunkelhäutige Sklaven die Sänfte eines Aristokraten durch das bunte Gewimmel trugen.

Italicus schlenderte gedankenverloren durch die Menge. Er fühlte sich eher verwirrt. Es erschien ihm unglaublich, dass der Herrscher ihn, einen einfachen Offizier, zu einer Audienz lud, und warum gemeinsam mit dem Vater?

Er durfte den Cäsaren Claudius in dieser kurzen Zeit, seitdem er wieder in Rom war, schon mehrfach sehen. Jedoch immer nur bei offiziellen Ereignissen, staatlichen Empfängen oder bei den Spielen im Circus Maximus. Der Imperator war stets unerreichbar weit entfernt, umgeben von hohen Senatoren, abgeschirmt durch die Prätorianergarde.

Nur einmal hatte er Italicus und Cäcilia in unmittelbarer Nähe bemerkt und sie direkt angeschaut. Ein Sekretär im Gefolge flüsterte ihm etwas ins Ohr. Claudius sprach den Tribun daraufhin mit Namen an:

»Sieh da, der ta-ta-tapfere Italicus, unser germanischer Römer«, stotterte der Herrscher, huldvoll lächelnd. Anschließend beäugte er Cäcilia sehr indiskret, bevor er weiterzog.

Italicus hatte die Charakterisierung als germanischer Römer verärgert. Und er fand es ebenfalls frech, wie der Imperator seine Frau angeschaut hatte. Andererseits fühlte er sich durch die persönliche Ansprache auch etwas geschmeichelt. Außerdem hörte er zum ersten Mal direkt, was die Spatzen von den Dächern Roms längst pfiffen: Der göttliche Tiberius Claudius Caesar Augustus litt unter einem Sprachfehler.

Was wollte der Herrscher von ihm? Nur zu besonderen Anlässen ehrte Cäsar die Bürger durch Audienzen. Stand ihm eine Beförderung bevor, sollte er in ein hohes öffentliches Amt befördert werden? Dass es mit der Anwesenheit der Cherusker zusammenhing, erschien Italicus kaum vorstellbar. Aber warum hielt der Imperator es für erforderlich, dass Vater Flavus dabei war?

Der Tribun wäre am liebsten in seiner würdevollen Paraderüstung aufgetreten, mit vergoldetem Brustpanzer und hohem roten Helmbusch. Aber innerhalb der Mauern Roms war der Auftritt bewaffneter Soldaten verboten. Nur die Prätorianergarde trat in Waffen auf. Ihre Aufgabe bestand darin, den Palast sowie die Herrscherfamilie zu schützen.

Italicus stieg die breiten Stufen des Palatins hinauf. Bald stand er vor der gewaltigen Anlage des Domus Tiberiana, dem Repräsentationspalast des Claudius. Er schaute sich um und sah den Vater zwischen den Säulen auf und ab gehen. Flavus sah seinen Sohn kommen und lächelte ihm freudig zu. Zusammen gingen sie auf den Offizier der Prätorianergarde zu, der an der hohen Eingangspforte stand. Er schien Bescheid zu wissen.

»Die Herren Flavus und Italicus?«, begrüßte der Soldat die beiden. Er trat höflich einen Schritt zurück. »Bitte folgt mir, der Imperator erwartet euch.«

Sie betraten den Palast. Sofort schloss eine warme Halbdämmerung die Geräusche des Forum Romanum aus. Der Prätorianer führte sie durch prachtvolle Säle mit geschmackvollen Möbeln. Sie sahen würdige ältere Männer in Gruppen zusammenstehen, halblaut miteinander palavernd.

Endlich wandte sich ihr Führer um. Er bat die beiden Herren, zu warten. Dann verschwand er durch eine Seitentür.

Italicus schaute zur Decke empor. Er suchte die Lichtquelle des fensterlosen, schlichteren Saales. Eine rechteckige Öffnung, wohl zum Schutz vor Regen oder Sonne mit einem Segeltuch überspannt, ließ indirektes Licht in den Raum fallen.

Sie hielten sich höflich abseits einer Gruppe von Männern, die sich durch ihren Habitus und ihre Kleidung als Senatoren offenbarten.

Flavus sah ihn an: »Ich lag die ganze Nacht wach, verbrachte die Zeit grübelnd – was will Claudius von uns?«

»Ich schlief angenehm und entspannt«, log Italicus und zuckte mit den Achseln. »Der Cäsar wird Positives mit uns vorhaben, das uns voranbringt, was immer es sein mag. Das war schon gestern meine Einschätzung, du erinnerst dich?«

Flavus schaute auf dem Mosaikfußboden, ohne die Motive zu beachten. Er kratzte sich am Kopf, sah den Sohn mit seinem verbliebenen Auge durchdringend an.

»Dein Optimismus stände mir auch gut, du Liebling der Götter.«

Er lachte zögerlich und ließ sich in einen Sessel mit kunstvoll verzierter Lehne fallen. Sie schwiegen lange, hingen ihren Gedanken nach.

Beim Knarren der hohen Flügeltür am Ende des Raumes fuhren die beiden auf. In der Tür stand ein mittelgroßer Mann, dessen umfangreichen Bauchansatz ihn kleiner wirken ließ. Mehrere massive Ringe schmückten die wulstigen Finger. Er trug schwarze mittellange Haare, die, mit Öl behandelt, glänzend an dem dunklen Schädel klebten. Die Gesichtszüge wiesen unverkennbar auf eine griechische Prägung hin.

Die beiden Männer wussten, wer hier vor ihnen stand. Italicus erkannte in ihm sofort den Sekretär, der damals dem Imperator seinen Namen zuflüsterte. Niemand Geringeres als Narcissus, Sohn eines hellenischen Sklaven, Freigelassener und als Berater des Claudius der eigentliche Herrscher des römischen Weltreiches, holte sie ab.

»Die Herren Flavus und Italicus, nehme ich an«, sagte der Grieche mit erstaunlich tiefer Stimme.

Die beiden Männer nickten wortlos, sie verbeugten sich höflich. Italicus hatte mit der piepsigen Stimmlage eines Eunuchen gerechnet.

»Der Herrscher der Welt erwartet euch.«

Narcissus watschelte voran, die Gäste des Claudius folgten ihm. Italicus spürte einen Kloß im Hals und fühlte eine wachsende Unruhe. Er betete zu Fortuna, sie möge ihre glückbringende Hand auch weiterhin über ihn halten.

Durch eine zweiflüglige Pforte, deren Ausmaße darauf schließen ließ, dass sie den Götterhimmel betraten, führte der Sekretär des Imperators sie in einen Saal. In diesen Raum hätte auch eine Villa gepasst.

Prachtvoller Luxus umfing sie. Etliche Marmorsäulen, die ihre schlanken Glieder bis zum Himmel streckten, unterteilten den Saal. Goldene Leuchter und Öllampen warteten darauf, entzündet zu werden. Aber noch schien gleißende Sonne durch die Bögen zwischen den Säulen, die sich mit wuchtigen, faltenwerfenden Stoffbahnen abwechselten.

An der linken Seitenfläche des Saales erzählten bunt bemalte Wandfriese in lebensgroßen Bildern die Geschichte der julianischen Imperatoren. Davor standen die Büsten vergangener Herrscher, beginnend mit dem göttlichen Julius Cäsar, dem Begründer der Dynastie. Wenige Schränke, Vitrinen, Sitzgruppen, alle von unvergleichlicher Eleganz, erzeugten in der Halle, trotz der Größe, eine wohnliche, gemütliche Atmosphäre. Der Boden war mit Mosaiken ausgelegt, die Szenen des römischen Alltags erzählten.

Die Männer schritten in den hinteren Teil des Repräsentationssaales. In einer Nische waren Liegen zusammengestellt. Auf verzierten Beistelltischen standen Obstschalen und Weinbecher.

Narcissus wies ihnen ihre Plätze zu. Er klatschte in die Hände. Sofort erschien ein dunkelhäutiger Sklave, der Wein einschenkte und wieder verschwand. Anschließend trat der Sekretär mit einer bescheidenen Geste rückwärts in den Schatten einer Säule.

Italicus war überwältigt. Von solchem Luxus hatte man ihm berichtet, aber dass er jetzt hier mittendrin saß und selbst Teil dieses Ensembles war, ließ die Aufregung vor der bevorstehenden Begegnung noch größer werden.

Völlig geräuschlos lief plötzlich ein alter gebeugter Mann auf sie zu; er war von kleiner, runder Gestalt und trug schneeweißes, volles Haar. Das linke Bein zog er deutlich nach, die Hände zitterten leicht. Er trug eine weiße Tunika und hatte auf jeglichen Schmuck verzichtet. Trotz dieser etwas verkrüppelten Gestalt umgab den Mann eine souveräne Würde des Herrschers, er strahlte vor majestätischer Autorität.

Die beiden Gäste sprangen auf und neigten ihre Häupter.

»Ave Cäsar«, grüßten sie den Imperator, mit lauter Stimme, wie aus einem Mund.

Der Herrscher winkte nachsichtig, setzte sich und griff zum Wein. Er forderte die etwas unbeholfen wirkenden Gäste auf, wieder Platz zu nehmen. Er prostete erst Flavus, dann Italicus zu. Und dann begann er zu sprechen:

»Ich hö-hörte, du bist vor Kurzem aus meiner Provinz Aegyptus gekommen, lieber I-I-Italicus«, sprach er ihn direkt an. »Sie ist anscheinend i-i-immer noch das ruhigste aller Gebiete des Reiches.« Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Der Imperator ließ sich einige Neuigkeiten berichten. Italicus entspannte sich immer mehr, während er erzählte. Geschickt inszeniert von dem alten Mann. Er sorgt für Normalisierung, bevor er zur eigentlichen Sache kommt, dachte er anerkennend.

Narcissus trat aus dem Schatten der Säule hervor und schritt in betont unterwürfiger Haltung zu Claudius.

»Göttlicher Cäsar, du warst schon immer in der Befriedung der Völker deines Reiches ausnehmend erfolgreich.«

»Ja, ja«, nahm der Monarch das Stichwort auf.

»Zum Beispiel in Ge-Germanien ergibt sich in unerwarteter Weise ei-ei-eine Gelegenheit, um den Wunsch Roms nach friedlicher Na-Na-Nachbarschaft umzusetzen.«

Claudius und Narcissus schauten die Gäste schweigend an.

Italicus spürte schlagartig höchste Anspannung in seiner Muskulatur. Aufmerksam lauerte er auf die Erklärung des Imperators. Er warf einen kurzen Seitenblick zum Vater. Der saß ebenfalls deutlich aufgerichteter, konzentrierter da als zuvor.

Offensichtlich hatte Narcissus jetzt ein Stichwort erhalten. Er wandte sich lächelnd an die beiden Männer:

»Meine Herren, wir wissen natürlich, dass ihr germanischen Völkern entstammt.«

Als Flavus und Italicus zur gleichen Zeit den Mund öffneten, um ihr römisches Wesen zu betonen, kam ihnen der Grieche mit einer abwehrenden Handbewegung zuvor.

»Selbstverständlich schätzen wir eure Loyalität zu Rom. Ihr gehört dem Adel an. Als verdiente Soldaten wart ihr in den Armeen des Imperiums an etlichen siegreichen Schlachten beteiligt. Ihr genießt das vollwertige Bürgerrecht des Reiches.«

Italicus entspannte sich etwas. Flavus blieb konzentriert. Durch Schmeicheleien war er nicht mehr einzufangen.

»Ihr wisst zweifellos, dass der göttliche Cäsar Tiberius, der Onkel unseres jetzigen Imperators, seinerzeit verfügte, dass die Versuche, die germanischen Stämme militärisch zu besiegen, eingestellt werden.«

Narcissus deutete eine devote Verbeugung in Richtung der Büste des Genannten an. Claudius wirkte geschmeichelt. Er schien interessiert zuzuhören und bemühte sich, das krankhafte Zittern der Hände unter Kontrolle zu bekommen.

»Unser großer Feldherr Nero Claudius Germanicus, der leider wenig erfolgreich versuchte, die germanischen Gebiete jenseits des Rhenus zurückzuerobern, konnte daraufhin seine überragenden Fähigkeiten in anderen Provinzen des Reiches einsetzen. Die Motive des göttlichen Tiberius entsprangen einer genauso genialen wie weitsichtigen Überlegung«, dozierte Narcissus.

Er legte eine rhetorische Pause ein und lächelte. Vater und Sohn hörten höchst aufmerksam zu, obwohl sie die Geschichte kannten. Warum erzählte der Sekretär ihnen das alles? Italicus kam in den Sinn, dass er den Auftrag bekommen könnte, mit einer großen Armee die genannten Gebiete zu erobern. Bei dem Gedanken an ein Mandat als Legat, als Feldherr, schwoll ihm die Brust.

»Unseren germanischen Nachbarn scheint weitgehend die Fähigkeit zu fehlen, eine umfassende staatliche und gesellschaftliche Ordnung aufzubauen«, fuhr Narcissus fort.

»Selbst ihrem König, dem Verräter Arminius, ist es auf Dauer nicht gelungen, seine Stämme zu einen. Sie dezimierten sich in blutigen Fehden gegenseitig. Diese Entwicklung sah der göttliche Tiberius vorher. Er verfügte daher, dass wir unsere Legionen schonen und der Selbstzerstörung der germanischen Völker genussvoll von außen zuschauen werden.«

Narcissus und Claudius beobachteten bei der Kennzeichnung des Arminius als Verräter die Reaktionen von Bruder und Neffen des Genannten sehr genau. Aber Flavus und Italicus zeigten keine Anzeichen des Widerspruchs. Für die beiden galt, wie für jeden römischen Bürger, das Verhalten des Verwandten als ein zutiefst schändliches Verbrechen, ein unverzeihlicher Hochverrat am Reich.

»Unsere Informanten berichten seit Jahrzehnten von Metzeleien und Bruderkämpfen«, setzte Narcissus den Vortrag fort. »Vor allem im Volk der Cherusker, dem ja auch ihr beiden entstammt, sorgten die Kämpfe untereinander inzwischen dafür, dass große Teile des Adels, der Stammesfürsten und Häuptlinge ausgerottet wurden.«

Diese Informationen hörte Flavus zum ersten Mal. In seinem Kopf bekamen die Gedanken langsam eine veränderte Ordnung. Ihm fiel die Delegation der Cherusker wieder ein, die sich in Rom aufhielt. Offensichtlich bestand zwischen der Audienz und der Anwesenheit der Germanen tatsächlich ein Zusammenhang.

Claudius ergriff erneut das Wort. Der Imperator und sein Berater spielten ein geschicktes Spiel mit verteilten Rollen.

»I-ihr werdet eu-eu-euch wundern, warum ich eu-euch mit meinem Interesse beehre«, begann er und registrierte das spontane Nicken des jüngeren Mannes.

»Ich habe dich, mein Tribun, für eine wichtige, eine äuäu-äußerst wertvolle Aufgabe ausersehen.«

Jetzt kommt’s, dachte der Angesprochene ungeduldig. Der Imperator schwieg, Narcissus grinste und Flavus starrte weiter auf einen imaginären Fleck auf dem Boden. Nach einiger Zeit beugte sich Claudius vor, fixierte den jungen Römer mit zusammengekniffenen Augen und brachte fließend in einem Satz hervor:

»Ich werde dich zum König der Cherusker ernennen!«

Italicus fuhr erschrocken zusammen. Er starrte Claudius mit offenem Mund so lange an, bis Narcissus den respektlosen Bann durch ein verhaltenes Räuspern brach:

»Lass dir darlegen, lieber Italicus, wie der göttliche Cäsar auf diese geniale Idee kam.« Narcissus setzte sich den beiden Gästen direkt gegenüber.

Noch viel später wird Italicus immer wieder diesen Moment in der Erinnerung aufleben lassen. In der Rückschau wird ihm seine Reaktion verändert erscheinen. Er wird nachträglich tatsächlich glauben, er habe sich über den Auftrag gefreut. Jetzt allerdings brausten die ungeheuerlichen Worte des Imperators durch ihn hindurch. Er konnte sie nicht fassen, schon gar nicht begreifen. Flavus wirkte erheblich weniger überrascht als der Sohn, er fixierte immer noch den Marmorboden und wartete angespannt auf die angekündigte Erklärung.

Italicus hatte Schwierigkeiten, der Rede des Narcissus zu folgen. Er schien gänzlich von der Ansage des Claudius erfüllt. Es war ihm unmöglich, die Bedeutung zu begreifen. Er versuchte eine Übereinstimmung zwischen seinem Leben und der Lebenswelt eines Königs herzustellen. Er war ein junger Offizier mit einer ungewöhnlichen Familientradition. Das Dasein eines Herrschers erschien ihm genauso fremd wie eine Existenz als Germane.

Was hatte Narcissus gesagt? Es gäbe bei den Cheruskern niemanden aus der Adelsschicht mehr, der das Volk unter sich einen könne, und er sei der Spross eines cheruskischen Adelsgeschlechts, der Großvater Segimer …! Italicus begann zu verstehen, dass ein Nachfolger des Arminius von außen kommen musste. Beinahe hätte er bitter aufgelacht. Ihr Götter, jetzt wo ich mich endlich zum Römer hinaufgekämpft habe, werde ich zu den Germanen zurückgeschickt, in ihre unwirtlichen furchtbaren Wälder.

An Italicus gewandt, fuhr der Sekretär des Herrschers fort.

»Du bist durch Geburt freier Bürger des Imperiums, hast dir als Offizier unserer regulären Legionen hohe Verdienste erarbeitet und gehörst als Ritter zur adligen Gesellschaft. Gleichzeitig entstammst du väterlicherseits dem Volk der Cherusker. Deine Familie gehörte dort zu den Fürsten. Wer wäre besser geeignet, die Interessen Roms auf dem Thron des Führers dieser Völkerschaft zu vertreten, wenn nicht du?«

Sie wollen mich tatsächlich zu den Barbaren in die Wildnis schicken? Oh, nein, das ist unmöglich der Wunsch des Herrschers, das darf nicht sein, schoss es Italicus durch den Kopf. Er legte unwillkürlich die linke Hand an den Mund, die Augen weiteten sich, während er Narcissus anstarrte.

Der Imperator und sein Sekretär sahen sich an. Sie dachten beide das Gleiche. Den blonden germanischen Römern hier vor ihnen schien so langsam ein Licht aufzugehen!

Claudius ergriff das Wort.

»Mein lie-lie-lieber Italicus, die Cherusker entsandten eine De-De-Delegation zu mir, sie haben den Wunsch vo-vo-vorgetragen, ich möge ihnen einen König stellen«.

Er kicherte in sich hinein, bevor er weitersprach, und wedelte mit beiden Händen herum.

»Darum la-lasse ich mich nun wirklich nicht zweimal bibitten. Oh, verehrter Onkel Tiberius, wie weise, wie wei-weitsichtig konntest du denken!«

Flavus hatte verstanden. Der Vater saß still, gefasst auf der Liege. Er trank erstmals einen Schluck Wein. Seine schlimmsten Befürchtungen wurden zur grausamen Wahrheit.

Italicus konnte zwar die Gedanken des Imperators nachvollziehen, aber alles in ihm sperrte sich dagegen, diese Erkenntnis konsequent zu Ende zu denken. Über die Ironie des Schicksals musste er beinahe lachen. Mit der Begründung, er habe mit den Germanen in keinerlei Hinsicht auch nur das Geringste zu schaffen, versuchte er gestern das Treffen mit der cheruskischen Delegation zu verweigern. Jetzt sollte er sie in Kürze als König führen. Oh, ihr Götter, was für ein Spiel spielt ihr mit mir?

Im Weiteren erklärte vor allem Narcissus, wie der Wunsch des Imperators umzusetzen sei. Claudius verließ bald frohgemut den Raum. Italicus dürfe sich einen Monat Zeit lassen, um die Abreise vorzubereiten. Selbstredend sei es möglich und auch gewünscht, die ehrenvolle Cäcilia, den Hausstand sowie einige verlässliche Freunde mitzunehmen. Soweit es römische Soldaten seien, würden sie zu seiner Verfügung abkommandiert.

Der Imperator würde zum Schutz der Reisegruppe fünfzig Soldaten der persönlichen germanischen Leibwache zur Verfügung stellen, die ihn bis zur Grenze des Imperiums brächten. Auch könne er selbstverständlich mit einer großzügigen Reisekasse rechnen. Die Leibgarde des Cäsaren würde ihn bis zum Oppidum Ubiorum begleiten, dem größten Standort des Römischen Reiches am Rhenus, dem gewaltigen Fluss, der die unabhängigen germanischen Stammesgebiete vom Herrschaftsbereich Roms trennt. Der dortige Befehlshaber erhielte den Auftrag, Italicus drei Centurien zur Verfügung zu stellen und ihn auch mit ausreichenden finanziellen Mitteln auszustatten. Es solle ihm damit, in den wilden Wäldern jenseits der Grenze, eine Hofhaltung ermöglicht werden, die eines römischen Aristokraten und germanischen Königs würdig sei.

Die dreihundert Legionäre seien seine persönliche Leibwache, es dürfe ihn nämlich keinesfalls das Schicksal anderer barbarischer Fürsten ereilen. Das eigene Volk müsse er natürlich durch ein Heer cheruskischer Kämpfer schützen, die Kampfeslust und Wildheit jener Männer sei ja ausreichend bewiesen. Diesen letzten Seitenhieb konnte sich Narcissus dann doch nicht verkneifen. Zum Abschluss der weitschweifigen Ausführungen, die Vater und Sohn konzentriert verfolgten, erklärte der Sekretär des Cäsaren den zukünftigen Status als König von Gnaden des Imperiums und wandte sich damit an Italicus:

»Du bist als Erster von Rom entsandter Herrscher von römischer Geburt. Der göttliche Claudius vertraut darauf, dass du diese hohe Ehre zu schätzen weißt, dass du das Vertrauen, das wir in dich setzen, nicht enttäuschst. Unsere Völkerschaften werden sich sowohl durch Handel als auch durch Diplomatie miteinander verbinden. Das wohlwollende Auge der Cäsaren ruht auf dir. Regiere dein Volk weise und klug im Geiste römischer Tradition«, dozierte Narcissus.

Danach setzte er freundlich lächelnd hinzu: »Bedenke, dass du sterblich bist!«

Italicus und Flavus kannten diesen Sinnspruch. Er wurde den siegreich heimgekehrten Oberbefehlshabern der Legionen während des Triumphzuges durch die Straßen Roms permanent von einem Sklaven ins Ohr geflüstert. Der so Geehrte sollte damit vor Überheblichkeit geschützt werden. In diesem besonderen Zusammenhang jedoch schien das Zitat doppeldeutig gemeint zu sein. Der zukünftige König und auch der Vater verstanden die drohende Botschaft.

Jetzt waren die beiden Herren vorerst entlassen. Sie wurden durch einen Prätorianer hinausgeleitet.

Im Kopf des Italicus schwirrten die Gedanken. Er hatte so weiche Knie, dass es ihm schwerfiel, sich würdevoll aufrecht zu halten. Was, um der Götter willen, geschieht hier?

Flavus überquerte neben dem Sohn das Forum Romanum. Er sah zum Himmel empor. Dort oben klumpten sich schwarze Gewitterwolken zu unheimlich bedrohlichen Riesenfäusten zusammen. Diese Ansicht erschien ihm als eine Warnung der Götter. Er fror trotz der warmen Tunika. Ab jetzt war er erneut eine Geisel. Der Sohn hatte eindeutig den Auftrag bekommen, die bisher freien Cherusker dem römischen Imperium einzuverleiben. Es war nicht vorstellbar, dass die Delegation des stolzen Volkes darum gebeten hatte. Die zornige Reaktion, die Wut und den Blutdurst der wilden getäuschten Verwandten, wenn Italicus begänne, den Auftrag umzusetzen, konnte er sich lebhaft vorstellen.

Der erste Kontakt zu den Gesandten der fernen Völkerschaft war ab jetzt alleinige Sache des Sohnes. Ihm, dem Vater, schienen die Hände gebunden. Bei dieser Metapher musste er bitter auflachen, das Bild könnte bald zur Wirklichkeit erwachen. Flavus hatte keinen Zweifel daran, dass der Imperator ihn hinrichten ließe, wenn Italicus der gewaltigen Aufgabe nicht gewachsen sei. Erstmals seit Jahrzehnten spürte er innere Nähe zu den alten germanischen Göttern. Er schickte ein stilles Gebet zu den Schicksalsgöttinnen, an die Wurzeln der Weltenesche, mit der Bitte um Schutz für sich und seinen Sohn.

5

An den rohen Holztischen auf der Terrasse der Taverne saßen wenige Personen. Der Wirt schlurfte durch die Tür des flachen Gebäudes, wischte die Hände an der Schürze ab und begrüßte kopfnickend einige Gäste. Tribun Lucius Calatorius zog den pelzbedeckten Umhang enger um den Körper. Die Luft erschien ihm jetzt am frühen Abend recht frisch. Er strich die Haare aus der Stirn, griff zum ledernen Weinbecher. Mit freundlichem Lächeln prostete er dem Wirt zu.

Dieser friedliche Ort war einer seiner Lieblingsplätze in Rom. Rund um die geräumige Terrasse spendeten hohe Bäume tagsüber ausreichend Schatten. Sie begrenzten in drei Richtungen die Fläche so dicht, dass die Gäste ungestört unter sich saßen. Lucius wusste natürlich, dass er viel zu häufig hier herumlungerte, und das nicht nur wegen der ansehnlichen Bedienung. Vielmehr war es der Trägheit, der Eintönigkeit des derzeitigen Lebens geschuldet.

Über ein Jahr lag der letzte Einsatz bei der III. Legion, der Cyrenaica, zurück. Dort in der Provinz Aegyptus hatte ihn die Nachricht vom Tode des Vaters erreicht. Auf diese Weise wurde er nicht nur Vollwaise, sondern auch unversehens Erbe eines erheblichen Vermögens. Er bat schleunigst um unbefristeten Urlaub. Der Gouverneur bewilligte den ungewöhnlichen Wunsch zögernd.

Der Vater hatte ihn zu Lebzeiten weder mit Liebe noch mit Fürsorge verwöhnt. So hatte Lucius beschlossen, sich selbst durch das unbeschwerte Leben zu verwöhnen, das ihm dessen Tod jetzt ermöglichte. Ein Jahr lang hatte er, der nicht durch eine Familie oder durch sonstige Verpflichtungen beschränkt war, gefaulenzt, gesoffen und gehurt. Also all das getan, was dem Verblichenen zutiefst verhasst gewesen war. Doch dieses Leben, so sehr er es genossen hatte, kam ihm mit der Zeit fade, inhaltsleer vor.

Lucius streckte sich und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Es dürstete ihn nach einer Wendung, einem Auftrag. Mit 27 Lebensjahren erschien es ihm nicht vorstellbar, den Rest des Lebens bis zur eigenen Beerdigung abzuwarten.