Italienische Märchen - Clemens Brentano - E-Book

Italienische Märchen E-Book

Clemens Brentano

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Beschreibung

Erleben Sie die Märchen und Sagen aus aller Welt in dieser Serie "Märchen der Welt". Von den Ländern Europas über die Kontinente bis zu vergangenen Kulturen und noch heute existierenden Völkern: "Märchen der Welt" bietet Ihnen stundenlange Abwechslung. Ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis dieses Buches: Das Märchen von den Märchen oder Liebseelchen Das Märchen von dem Myrtenfräulein Das Märchen von dem Witzenspitzel Das Märchen von Rosenblättchen Das Märchen von dem Baron von Hüpfenstich Das Märchen von dem Dilldapp Das Märchen von Fanferlieschen Schönefüßchen Das Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen Das Märchen von Gockel und Hinkel Das Märchen von Komanditchen Das Märchen von Schnürlieschen

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Italienische Märchen

Clemens Brentano

Inhalt:

Clemens Brentano – Biografie und Bibliografie

Das Märchen von den Märchen oder Liebseelchen

Das Märchen von dem Myrtenfräulein

Das Märchen von dem Witzenspitzel

Das Märchen von Rosenblättchen

Das Märchen von dem Baron von Hüpfenstich

Das Märchen von dem Dilldapp

Kinder und Toren haben das Glück bei den Ohren

Das Märchen von Fanferlieschen Schönefüßchen

Das Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen

Das Märchen von Gockel und Hinkel

Das Märchen von Komanditchen

Das Märchen von Schnürlieschen

Italienische Märchen, C. Brentano

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849603090

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Sweet Angel - Fotolia.com

Clemens Brentano – Biografie und Bibliografie

Dichter der romantischen Schule, Sohn des aus der Lombardei eingewanderten Frankfurter Kaufmanns Peter Anton B. und der Maximiliane, geborne Laroche, einer Tochter der Schriftstellerin Sophie Laroche, Bruder der Bettina v. Arnim, wurde 8. Sept. 1778 in Ehrenbreitstein bei Koblenz geboren, wo sich gerade seine Mutter zum Besuch bei ihrer Mutter aufhielt, und starb in Aschaffenburg 28. Juli 1842. Gegen seine Neigung wurde er zum Kaufmann bestimmt, besuchte dann, da er auf keinem Kontor guttat, eine höhere Schulanstalt und ging nach seines Vaters Tod (1797) nach Jena, wo er zuerst mit den Führern der romantischen Schule in Verkehr trat und allerlei Extravaganzen ausführte. Bis 1804 reiste er dann viel und lebte abwechselnd in Dresden, Jena, Marburg (bei Savigny), Frankfurt, Wien und wieder an der Lahn und am Rhein (bei Lasaulx). Während dieser Zeit schrieb er den sinnlich-phantastischen Roman »Godwi, oder das steinerne Bild der Mutter« unter dem Pseudonym Maria (Brem. 1800–1802, 2 Tle.; vgl. A. Kerr, Godwi. Ein Kapitel deutscher Romantik, Berl. 1898), 1801 das von tollen Wortspielen sprudelnde, geistreiche, aber verworrene Lustspiel »Ponce de Leon« (Götting. 1804; Bühnenbearbeitung des Verfassers u. d. T.: »Valeria, oder Vaterlist« hrsg. von R. Steig, Berl. 1901; gründliche Monographie von G. Roethe: »Brentanos Ponce de Leon«, das. 1901), 1802 in Düsseldorf das Singspiel »Die lustigen Musikanten« (Frankf. 1803), 1803 die »Chronika eines fahrenden Schülers« (neue Ausg., Berl. 1872) u. a. 1803 verheiratete er sich mit Sophie Mereau, der geschiedenen Frau eines Professors in Jena, welche selbst »Gedichte« (Berl. 1800–1802, 2 Bde.) und mehrere Romane (»Kalathiskos« u. a.) veröffentlicht hat. 1805 siedelte er nach Heidelberg über, wo er in enger Freundschaft mit Görres und Achim v. Arnim lebte. In Gemeinschaft mit letzterm gab er die sehr verdienstliche Volksliedersammlung »Des Knaben Wunderhorn« (Heidelb. 1806–1808, 3 Tle.; genauer Neudruck von Birlinger und Crecelius, Wiesb. 1873–77, 2 Bde.) und 1808 die »Einsiedlerzeitung« (»Tröst-Einsamkeit«, Neudruck von Pfaff, Freiburg 1893) heraus, die ihn und die übrigen Romantiker in Streitigkeiten mit dem alten Rationalisten J. H. Voß verwickelte. Auch schrieb er damals den »Ersten Bärenhäuter« u. a. Am 31. Okt. 1806 starb plötzlich seine Gemahlin. 1808 verlobte er sich in Frankfurt mit Auguste Busmann, der exzentrischen Nichte des Bankiers Bethmann, die er in Kassel heiratete, um sich nach kurzer Zeit wieder von ihr scheiden zu lassen. B. wandte sich nun zunächst nach Landshut, dann 1809 nach Berlin, wo er die schon früher begonnenen poesievollen »Romanzen vom Rosenkranz«, eine romantische Faustiade, aber mit antiintellektueller Tendenz, fortsetzte, die Erzählung »Der Philister vor, in und nach der Geschichte« (Berl. 1811, nur in wenigen Exemplaren gedruckt) verfaßte und seines sprühenden Witzes wegen allgemein gefeiert wurde; dann begab er sich nach Böhmen auf das Familiengut Bukowan, das sein jüngerer Bruder, Christian (geb. 1784 in Frankfurt a. M., gest. 1851; vgl. seine »Nachgelassenen religiösen Schriften«, Münch. 1854, 2 Bde.), verwaltete, und nach einjährigem Aufenthalte daselbst, während dessen er das historisch-romantische Schauspiel »Die Gründung Prags« (Pest 1815) schrieb, nach Wien (vgl. Grigorovitza, Die Quellen von K. Brentanos »Gründung der Stadt Prag«, Berl. 1901). Hier verfaßte er 1813 für das Hoftheater in wenigen Stunden das Festspiel »Am Rhein, am Rhein!« und für das Theater an der Wien das Festspiel »Viktoria und ihre Geschwister« (Berl. 1817), das jedoch nicht zur Ausführung kam, und begab sich dann wieder nach Berlin, wo er die vortrefflichen Erzählungen: »Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl«, »Die mehreren Wehmüller« und »Die drei Nüsse« schrieb. Hier vollzog sich in ihm eine tiefgehende religiöse Wandelung, durch die er, der geborne Katholik, von äußerer Weltlichkeit zu streng ultramontaner Kirchlichkeit überging. Im Herbst 1818 zog er sich nach Dülmen im Münsterschen zurück, wo er bei der visionären Anna Katharina Emmerich (s.d.) bis zu deren Tode (1824) blieb, ganze Bände ihrer Betrachtungen aufschreibend, von denen später mehrere im Druck erschienen. Dann lebte er wieder unstet in Bonn, Winkel am Rhein, Wiesbaden, Frankfurt, Straßburg (bei Görres) und Koblenz, wo er einige Zeit blieb, bis er sich 1833 in München niederließ. Als sein letztes Werk erschien 1838 das reizende, schon viel früher niedergeschriebene und damals nur überarbeitete Märchen »Gockel, Hinkel und Gackeleia« (neue Ausg., Regensb. 1880). Als er im November 1841 erkrankte, holte ihn sein Bruder Christian zu sich nach Aschaffenburg.

B. war ein Dichter von üppig wuchernder Phantasie und inniger Gefühlstiefe, der aber nicht das Höchste erreichte, weil es ihm an Gestaltungskraft und an Beharrlichkeit des Willens fehlte, seinen Werken eine künstlerisch durchgearbeitete Form zu geben. Als Lyriker (»Gedichte«, Frankf. 1854, in neuer Auswahl 1861, Paderb. 1898 u. ö.) ist B. in kleinern Liedern und Romanzen am bedeutendsten, von denen manche durch volksmäßige Einfachheit des Tons einen erquicklichen Eindruck machen. Seine »Märchen« (schon 1811 geschrieben, hrsg. von Guido Görres, Stuttg. 1848, 2 Bde.; 2. Aufl. 1879; vgl. Cardauns, Die Märchen C. Brentanos, Köln 1895) fesseln sowohl durch ihre romantische Phantastik als durch den ansprechenden Vortrag. Brentanos »Gesammelte Schriften« (hrsg. von seinem Bruder Christian) erschienen in Frankfurt 1852–55 in 9 Bänden, die kleinern prosaischen Schriften in neuer Ausgabe 1862 in 2 Bänden. »Ausgewählte Schriften« gaben Diel (Freiburg 1873, 2 Bde.) und J. Dohmke (Leipz. 1892) heraus. Vgl. Diel, K. B., ein Lebensbild (Freiburg 1877–78, 2 Bde.).

Geschichte des Märchens

Ein Märchenist diejenige Art der erzählenden Dichtung, in der sich die Überlebnisse des mythologischen Denkens in einer der Bewußtseinsstufe des Kindes angepaßten Form erhalten haben. Wenn die primitiven Vorstellungen des Dämonenglaubens und des Naturmythus einer gereiftern Anschauung haben weichen müssen, kann sich doch das menschliche Gemüt noch nicht ganz von ihnen trennen; der alte Glaube ist erloschen, aber er übt doch noch eine starke ästhetische Gefühlswirkung aus. Sie wird ausgekostet von dem erwachsenen Erzähler, der sich mit Bewußtsein in das Dunkel phantastischer Vorstellungen zurückversetzt und sich, vielfach anknüpfend an altüberlieferte Mythen, an launenhafter Übertreibung des Wunderbaren ergötzt. So ist das Volksmärchen (und dieses ist das echte und eigentliche M.) das Produkt einer bestimmten Bewußtseinsstufe, das sich anlehnt an den Mythus und von Erwachsenen für das Kindergemüt mit übertreibender Betonung des Wunderbaren gepflegt und fortgebildet wird. Es ist dabei, wie in seinem Ursprung, so in seiner Weiterbildung durchaus ein Erzeugnis des Gesamtbewußtseins und ist nicht auf einzelne Schöpfer zurückzuführen: das M. gehört dem großen Kreis einer Volksgemeinschaft an, pflanzt sich von Mund zu Munde fort, wandert auch von Volk zu Volk und erfährt dabei mannigfache Veränderungen; aber es entspringt niemals der individuellen Erfindungskraft eines Einzelnen. Dies ist dagegen der Fall bei dem Kunstmärchen, das sich aber auch zumeist eben wegen dieses Ursprungs sowohl in den konkreten Zügen der Darstellung als auch durch allerlei abstrakte Nebengedanken nicht vorteilhaft von dem Volksmärchen unterscheidet. Das Wort M. stammt von dem altdeutschen maere, das zuerst die gewöhnlichste Benennung für erzählende Poesien überhaupt war, während der Begriff unsers Märchens im Mittelalter gewöhnlich mit dem Ausdruck spel bezeichnet wurde. Als die Heimat der M. kann man den Orient ansehen; Volkscharakter und Lebensweise der Völker im Osten bringen es mit sich, daß das M. bei ihnen noch heute besonders gepflegt wird. Irrtümlich hat man lange gemeint, ins Abendland sei das M. erst durch die Kreuzzüge gelangt; vielmehr treffen wir Spuren von ihm im Okzident in weit früherer Zeit. Das klassische Altertum besaß, was sich bei dem mythologischen Ursprung des Märchens von selbst versteht, Anklänge an das M. in Hülle und Fülle, aber noch nicht das M. selbst als Kunstgattung. Dagegen taucht in der Zeit des Neuplatonismus, der als ein Übergang des antiken Bewußtseins zur Romantik bezeichnet werden kann, eine Dichtung des Altertums auf, die technisch ein M. genannt werden kann, die reizvolle Episode von »Amor und Psyche« in Apulejus' »Goldenem Esel«. Gleicherweise hat sich auch an die deutsche Heldensage frühzeitig das M. angeschlossen. Gesammelt begegnen uns M. am frühesten in den »Tredeci piacevoli notti« des Straparola (Vened. 1550), im »Pentamerone« des Giambattista Basile (gest. um 1637 in Neapel), in den »Gesta Romanorum« (Mitte des 14. Jahrh.) etc. In Frankreich beginnen die eigentlichen Märchensammlungen erst zu Ende des 17. Jahrh.; Perrault eröffnete sie mit den als echte Volksmärchen zu betrachtenden »Contes de ma mère l'Oye«; 1704 folgte Gallands gute Übersetzung von »Tausendundeiner Nacht« (s. d.), jener berühmten, in der Mitte des 16. Jahrh. im Orient zusammengestellten Sammlung arabischer M. Besondern Märchenreichtum haben England, Schottland und Irland aufzuweisen, vorzüglich die dortigen Nachkommen der keltischen Urbewohner. Die M. der skandinavischen Reiche zeigen nahe Verwandtschaft mit den deutschen. Reiche Fülle von M. findet sich bei den Slawen. In Deutschland treten Sammlungen von M. seit der Mitte des 18. Jahrh. auf. Die »Volksmärchen« von Musäus (1782) und Benedikte Naubert sind allerdings nur novellistisch und romantisch verarbeitete Volkssagen. Die erste wahrhaft bedeutende, in Darstellung und Fassung vollkommen echte Sammlung deutscher M. sind die »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm (zuerst 1812–13, 2 Bde.; ein 3. Band, 1822, enthält literarische Nachweise bezüglich der M.). Unter den sonstigen deutschen Sammlungen steht der Grimmschen am nächsten die von L. Bechstein (zuerst 1845); außerdem sind als die bessern zu nennen: die von E. M. Arndt (1818), Löhr (1818), J. W. Wolf (1845 u. 1851), Zingerle (1852–54), E. Meier (1852), H. Pröhle (1853) u. a. Mit M. des Auslandes machten uns durch Übertragungen bekannt: die Brüder Grimm (Irland, 1826), Graf Mailath (Ungarn, 1825), Vogl (Slawonien, 1837), Schott (Walachei, 1845), Asbjörnson (Norwegen), Bade (Bretagne, 1847), Iken (Persien, 1847), Gaal (Ungarn, 1858), Schleicher (Litauen, 1857), Waldau (Böhmen, 1860), Hahn (Griechenland u. Albanien, 1863), Schneller (Welschtirol, 1867), Kreutzwald (Esthland, 1869), Wenzig (Westslawen, 1869), Knortz (Indianermärchen, 1870, 1879, 1887), Gonzenbach (Sizilien, 1870), Österley (Orient, 1873), Carmen Sylva (Rumänien, 1882), Leskien und Brugman (Litauen, 1882), Goldschmidt (Rußland, 1882), Veckenstedt (Litauen, 1883), Krauß (Südslawen, 1883–84), Brauns (Japan, 1884), Poestion (Island, 1884; Lappland, 1885), Schreck (Finnland, 1887), Chalatanz (Armenien, 1887), Jannsen (Esthen, 1888), Mitsotakis (Griechenland, 1889), Kallas (Esthen, 1900) u. a. Unter den Kunstpoeten haben sich im M. mit dem meisten Glück versucht: Goethe, L. Tieck, Chamisso, E. T. A. Hoffmann, Fouqué, Kl. Brentano, der Däne Andersen, R. Leander (Volkmann) u. a. Vgl. Maaß, Das deutsche M. (Hamb. 1887); Pauls »Grundriß der germanischen Philologie«, 2. Bd., 1. Abt. (2. Aufl., Straßb. 1901); Benfey, Kleinere Schriften zu Märchen-forschung (Berl. 1890); Reinh. Köhler, Aufsätze über M. und Volkslieder (das. 1894) und Kleine Schriften, Bd. 1: Zur Märchenforschung (hrsg. von Bolte, das. 1898); R. Petsch, Formelhafte Schlüsse im Volksmärchen (das. 1900).

Das Märchen von den Märchen oder Liebseelchen

Es war einmal ein König von Schattenthalien, der hatte eine einzige Tochter, die er sehr liebte und darum Liebseelchen nannte. Aber leider war sie unter einem traurigen Stern geboren und stets so still und traurig und nie zum Lachen zu bringen, daß alle, die sie kannten, sie, statt Liebseelchen, Trübseelchen nannten, weil sie immer so trübselig aussah. Hierüber war nun ihr königlicher Herr Vater, der lieber gewollt hätte, sie möge sich bucklich lachen, sehr unwillig und wendete alles an, um sie aufzuheitern.

Bald ließ er die Hoftrompeter auf Sechspfennigstrompeten zur Tafel blasen; aber sie lachte nicht und fand die Musik sehr ernsthaft; bald ließ er allen Gänsen, die der Hirt zum Tore hinaustrieb, papierne Haarbeutel anhängen; aber sie lachte nicht und fand den Zug sehr anständig; bald ließ er eine Menge Hunde wie die bekanntesten Hofherrn ankleiden, und sie mußten ihm durch die Beine tanzen, wozu er auf der Geige spielte, ohne daß er es konnte; aber sie lachte nicht und meinte, der Hofball wäre recht angenehm, weil man sie nicht auffordere, – und noch tausend andere solche Späßchen hatte er umsonst versucht; sie blieb immer, ohne eine Miene zu verziehen, so ernsthaft wie ein Arzneiglas, und der König hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, sie jemals lachen zu sehen, als ihm noch ein Gedanke einfiel, der ihm selbst so possierlich vorkam, daß er laut zu lachen anfing. »Wohlan!« sagte er, »will Liebseelchen nicht drüber lachen, so will ich mir doch einmal eine lustige Stunde geben; denn ich armer König bin vor lauter vergeblichem Spaßmachen selbst ganz betrübt geworden«

Der Platz vor dem Schlosse war von spiegelglatt geschliffenem Marmor. In der Mitte dieses Platzes ließ er einen Springbrunnen von Öl machen, der sich über den Platz ergoß und denselben noch schlüpfriger machte, so daß es nicht leicht möglich war, über den Platz zu gehen, ohne zu fallen. Es war am Neujahrstag, als er diesen Spaß anstellen wollte, weil er wußte, daß dann auf diesem Platze eine außerordentliche Menge geputzter und gezierter Leute in allerlei närrischen neuen Modekleidern herumspazieren pflegten, um sich einander das neue Jahr abzugewinnen. Er versprach sich tausend Spaß, wenn er dachte, wie die Putznarren und – närrinnen gleich Grillen und Heuschrecken auf dem Platze herumspringen würden, um sich keine Ölflecken in ihre Neujahrsröcke zu machen, und wie sie endlich doch zur Strafe ihrer Eitelkeit an die Erde fallen müßten.

Als der Morgen herankam und das Neujahr schon mit Glockengeläut, Pauken und Trompeten in der Stadt angekündigt war, kam die Prinzessin Liebseelchen zu ihrem Vater an das Bett, küßte ihm die Hand und sprach so ernsthaft als ein Puthahn: »Ich wünsche Eurer Majestät ein glückseliges neues Jahr, und daß Sie noch viele untertänigste Jahre in Allerhöchstem Wohlsein zu verleben geruhen mögen.« Der König umarmte seine Tochter und sprach: »Gleichfalls, liebstes Liebseelchen! aber, wenn du mich nicht vor der Zeit unter die Erde bringen willst, so tue mir die Liebe an und lache einmal von Herzensgrund.« Das war aber fehlgegriffen; denn Liebseelchen fing an zu weinen und sagte: »Wie soll ich lachen, wenn Eure Majestät vom Sterben reden?« Da sprang der König aus dem Bett, setzte geschwind seine Krone auf, nahm seinen Szepter in die Hand und wollte mit den Worten: »Ei! das müßte doch der Kuckuck sein, wenn ich dich nicht sollte zum Lachen bringen!« im Schlafrock, wie er war, mit der Prinzessin hinaus auf den Balkon treten. Liebseelchen aber sagte; »Herr Vater! vergessen Sie nicht, Ihren Mantel anzulegen.« Zornig legte er seinen goldenen Mantel an; denn er dachte für sich: daß ich so im Schlafrock und ohne Perücke, die Krone auf der Nachtmütze tragend, hinaus vor das Volk treten wollte, darüber hätte sie eigentlich schon ordentlich lachen können; aber es ist nichts mit ihr anzufangen.

Da er nun ganz königlich angekleidet war, setzte er sich mit ihr auf den Balkon, um zu sehen, wie die Leute sich auf dem Ölplatze betragen würden. Zuerst kamen die Bauern, um dem Könige Glück zu wünschen. Da sie aber teils barfuß gingen, teils tüchtige, mit Nägel beschlagene Stiefel anhatten, so gingen sie recht fest auf dem glatten Boden, und die, welche Stiefel anhatten, patschten mit Vergnügen in dem Öl herum, weil ihnen das ihr Lederwerk dauerhaft und geschmeidig machte. Viele, die mit Holzschuhen kamen, zogen diese aus und nahmen sie mit Öl gefüllt nach Hause und bedankten sich noch recht schön bei Ihro Majestät.

Aber als später allerlei geputzte und gezierte Stadtleute kamen, gab es mancherlei für den König zu lachen, wenn sie, um sich nicht zu beschmutzen, auf den Fußspitzen einherhüpften und bei dem ersten Bückling, den sie machten, ausglitten und übereinander herfielen; aber auch bei den lächerlichsten Zufällen lachte die Prinzessin Liebseelchen nicht, sondern bedauerte immer nur die armen Leute, mit welchen der König einen so unschicklichen Spaß trieb, worüber dieser sehr ergrimmt den Balkon verließ und ihr sagte, sie sei ein recht widerwärtiger Sauertopf.

Liebseelchen aber blieb allein auf dem Balkon sitzen und fiel in eine tiefe Traurigkeit über den Unwillen ihres Vaters, denn sie konnte gar nicht begreifen, wie es nur möglich sei, über etwas zu lachen, wodurch andere Leute in Schaden oder Spott kämen. Indem sie so über den Ölplatz hinsah, von welchem sich die Neujahrsgratulanten, auf allerlei Art verunglückt, beinahe schon alle zurückgezogen hatten, kam auf einmal eine sehr kuriose Figur anspaziert, die ihre ganze Aufmerksamheit auf sich zog: nämlich eine sehr alte französische Mademoiselle, welche in der Residenz der Schrecken aller Kinder war, die bei ihr in die Schule gingen, und die der armen Prinzessin mit ihren verdrehten und verzwickten Sitten und ihren vielen Regeln des guten Betragens und feinen Akzentes, die sie durch ihre spitze Nase hervortrompetete, auch manche qualvolle Stunde gemacht hatte, da sie früher Unterricht bei ihr hatte.

Diese französische Närrin ließ sich von zwei ebenso lächerlichen französischen Tanzmeistern auf einem vergoldeten Tragstuhl gegen das Schloß hintragen. Sie war nach der lächerlichsten neuen Mode gekleidet und eingeschnürt wie eine Spindel, dazu geschminkt rot und weiß und blau wie eine französische Nationalkokarde; schnitt Gesichter rechts und links, und drehte sich wie ein Ohrwurm, der in den Honigtopf gefallen. Die beiden Tanzmeister machten die lächerlichsten Sprünge mit ihr durch das Öl, aber sie fielen nicht; denn wenn sie auch ein wenig stolperten, so machten sie gleich einen Entrechat hinterdrein, daß es immer aussah, als wäre es lauter Kunst.

Da diese lächerliche Gesellschaft mitten auf dem Platze angekommen war, wendete sich die alte Hexe – denn das war sie – gegen die Prinzessin und begann einen langen französischen Neujahrswunsch mit den affektiertesten, Stellungen von dem Tragstuhl herab zu deklamieren, wo immer das erste Wort »amour,« das zweite »plaisir,« das dritte »le cœur,« das vierte »souvenir,« das fünfte »bonheur,« das sechste »douceur« war, und als sie recht in die Furie der Begeisterung kam, trat die alte Zieräffin auf den Sitz des Tragstuhls und machte eine Stellung, als ob sie fliegen wollte, und sagte:

Ce sont les vœux que tracent

Les Amours et les Graces

Avec le griffle de l'histoire

Dans le marbre de la mémoire:

Acceptez, princesse, les offrandes

De votre très humble servante,

Mademoiselle

Zephise

La marquise

De Pimpernelle.

Aber perdauz! da flog sie vom Tragstuhl herunter in das Ölbad, und die beiden Herrn Tanzmeister fielen mit über den Haufen, und es war, als ob der Prinzessin alle Schnürbänder zerplatzten; denn »hi, hi, hi« und »ha, ha, ha« fing sie so entsetzlich an zu lachen, daß sie sich den Leib mit beiden Händen halten mußte, und »hi, hi, hi« und »ha, ha, ha« ging es immerfort: dazu bliesen hundert Trompeter und wirbelten fünfzig Pauker und wurden hundert Kanonenschüsse gelöst und mit allen Glocken geläutet; denn der König hatte alles dies vorausbestellt, wenn die Prinzessin lachen sollte; und da er hinter einem Fensterladen zugesehen, hatte er gleich bei dem Gelächter Liebseelchens eine Pistole zum Fenster hinaus losgeschossen, welches das Zeichen war, daß die Festivitäten losgehen sollten.

Indessen waren viele Menschen herzugelaufen und lachten auch über die Strafe, welche die unvernünftige Mademoiselle Pimpernelle erlebt hatte. Die hatte sich endlich ohne alle Grazie, so beschmiert sie war, aufgemacht, und vor Zorn glühend machte sie zwei Fäuste gegen die lachende Liebseelchen und schrie:

Du lachst über mich, Liebseelchen!

Du sollst weinen über mich, Trübseelchen!

Denn keinen andern Mann sollst du haben

Als einen, der ist schon längst begraben:

Aus dem kalten Grab von Marmorsteinen

Sollst du den Prinzen Röhropp herausweinen!

Diesen Fluch gibt dir die Mademoiselle

Zephise Marquise de Pimpernelle.

Und als sie diese Worte in heftigem Zorne ausgesprochen, fing sie an, an allen Orten wie ein Feuerwerk zu brennen; die zwei Tanzmeister drehten sich auch wie Feuerräder; sie knisterten und knasterten, und mit Zisch und Zasch und Rakedakdakdak fuhr die ganze Gesellschaft wie Raketen in die Luft und verschwand über der Stadt mit einem Pech- und Schwefelgeruch. Eine alte Schnürbrust, eine Perücke und ein paar Fischbeine fielen an die Erde; sonst sah man nichts mehr.

Der König begab sich nun voller Freuden zu Liebseelchen, um ihr für ihr Lachen zu danken. Er fand in ihrem Vorzimmer einen jungen Pagen. Der warf sich ihm zu Füßen und sprach: »Gnädiger König! wollt mir eine Belohnung geben, denn ich bin eigentlich schuld an dem Gelächter. Da die abscheuliche Pimpernelle so lächerlich auf dem Tragstuhl stand, reichte ich den beiden Tanzmeistern, welche den Tragstuhl hielten, eine Prise vom feinsten Schnupftabak, und weil sie mit beiden Händen die Arme des Tragstuhls hielten, mußte ich ihnen die Prise in die Nase reiben, worauf sie so heftig niesten, daß die Pimpernelle durch die Erschütterung samt ihnen über den Haufen fiel.« Der König lachte hierüber nochmals von Herzen und machte ihm eine goldene Schnupftabaksdose mit seinem Gemälde in Brillanten gefaßt zum Geschenke, mit dem Befehl, daß er sie an dem Strumpfband der Pimpernelle, das man auf dem Platz gefunden, an dem Hals tragen solle. Hierauf gab er ihm noch den Auftrag, daß heute abend die ganze Stadt solle erleuchtet sein, und ging dann in die Stube der Liebseelchen.

Aber wie erstaunte der König, da er diese nichts weniger als lachend antraf; sie war vielmehr trauriger als je, und wiederholte immer den Fluch der Pimpernelle:

Aus dem kalten Grab von Marmorsteinen

Sollst du den Prinzen Röhropp herausweinen.

Der König gab sich alle Mühe, ihr dies auszureden, aber alles war vergebens, so daß er sie endlich verließ, um nähere Anstalten zu der Beleuchtung zu treffen, in der Hoffnung, sie werde vielleicht heute nacht die Grillen verschlafen.

Die Sonne ging unter, die Nacht kam heran, und viele tausend Lampen brannten an allen Fenstern der Stadt. Alle Gassen waren voll lustiger, lachender Leute; besonders waren viele junge Fräuleins, welche die garstige Mademoiselle Zephise Marquise Pimpernelle sehr gequält hatte, voller Freude und sangen durch alle Straßen:

Die Mademoiselle

Zephise Marquise

De Pimpernelle

Fuhr in die Hölle.

Und so ging der Zug nach der Wohnung der alten Zauberin. Man brach die Türen ein und warf alle ihre Perücken und Schnürbrüste und Schminktöpfe und Fischbeine und allen Lumpenkram zum Fenster hinaus, machte ein großes Feuer daraus und tanzte und sprang herum; dabei stand der lustige König und lachte so herzlich, daß er ganz seine Tochter Liebseelchen vergaß.

Während dieser allgemeinen Freude hatte Liebseelchen etwas ganz anderes vor. Der Gedanke an den Prinzen Röhropp, den sie aus dem Grab weinen sollte, hatte ihre Seele so eingenommen, daß sie keine Ruhe und keine Rast mehr hatte. Sie machte sich ein Bündel Kleider zusammen, legte alle ihre Juwelen hinein, schlich sich in den Stall, packte das Bündelchen auf ihr kleines weißes Pferdchen, setzte sich darauf und ritt hinten durch den Schloßgarten zur Stadt hinaus. Kein Mensch bemerkte sie, denn alle Dienerschaft des Schlosses lief in der Stadt herum, die Beleuchtung zu sehen.

Bald verlor sie die lärmende, flimmernde Stadt aus den Augen und ritt in einen tiefen Wald hinein, wo sie in der Dunkelheit der Nacht ihrer Trauer recht nachhängen konnte. Auf einmal kam sie mit ihrem Pferdchen an einen reißenden Bach, an welchem drei alte Mütterchen saßen. Die waren steinalt, krumm gebückt und stützten sich auf Krücken und sprachen:

Da stehn wir mit der Krücke

Am Wasser ohne Brücke,

Wir tragen wohl hundert Jahre schwer,

Ach! wer nur erst überm Wasser wär.

Da sprach Liebseelchen zu ihnen:

Meinem Schimmelchen sein Rücken,

Der ist so gut wie Brücken,

Sitzt hinter mich hübsch nach der Reih,

Hinüber trag ich euch alle drei.

Da setzte sich das eine alte Mütterchen hinter Liebseelchen, und sie trieb ihr Pferdchen ins Wasser, schwamm hinüber und setzte die Alte ans Land, schwamm wieder zurück und holte die zweite und zuletzt auch die dritte Alte glücklich hinüber.

Als sie alle drüben waren, dankten sie Liebseelchen sehr, und da sie sagten, daß sie noch ein ziemlich Stückchen Wegs an den Ort ihrer Bestimmung hätten, setzte Liebseelchen sie immer abwechselnd auf ihr Pferdchen, damit sie nicht so müde würden. Unterwegs plauderten die Alten allerlei; aber Liebseelchen war immer still und dachte an den Prinzen Röhropp in den Marmorsteinen, den sie sollte aus dem Grabe herausweinen.

Auf einmal kamen sie an einen freien Platz im Wald; da schien der Mond so hell wie Silber, und in der Mitte stand ein großer Nußbaum voll Nüsse, die klinkerten und klankerten vom Winde bewegt wie goldene Glocken. »Nun,« sagten die Alten, »sind wir da:

Wir Alten mit den Krücken,

Am Wasser ohne Brücken,

Kamen auf Schimmels Rücken,

Wo wir jetzt Nüsse pflücken.

Das Klettern fällt uns gar zu schwer,

Ach! wenn nur eine Leiter da wär!«

Da sprach Liebseelchen:

Ich steig auf Schimmelchens Rücken

Und schlag die Nüsse mit den Krücken,

Das ist so gut wie Pflücken;

Klinkele, klankele in dem Wind,

Nun hebt die Nüsse auf geschwind.

Und das ging prächtig. Liebseelchen stellte sich auf ihre Schimmel und schlug mit einer Krücke die Nüsse herunter; aber die Alten waren noch nicht zufrieden und sangen:

Wir Alten mit den Krücken,

Wir haben müde Rücken

Und können uns nicht bücken,

Das Nüsselesen fällt gar zu schwer,

Ach! wenn nur alles im Sack drinne wär.

Aber Liebseelchen war unermüdet gefällig und sammelte den Alten alle Nüsse in den Sack, so daß sie endlich sehr müde ward, und da die alten Mütterchen sie seufzen hörten, sagten sie: »Genug, mein Kind! genug, du seufzest so schwer, du bist so müd.« – »Ach!« sagte Liebseelchen:

Ich seufze nicht aus Müdigkeit,

Ich seufze aus großem Herzeleid,

Prinz Röhropp liegt tot in Marmorsteinen,

Den muß ich aus dem Grab herausweinen.

»O weh! o weh!« sagten da die alten Mütterchen, »das wird viel Tränen kosten: da wirst du viel weinen müssen, armes Kind!

Doch fasse Mut,

Wir sind dir gut,

Wir wollen dir hier schenken

Drei Nüsse zum Angedenken.

Kommst du in Not und große Pein:

So knacke eine Wünschelnuß,

Dann wird dir gleich geholfen sein

Zu Lust und Freud und Überfluß.«

Da gab ihr jede eine Nuß, die knüpfte sie in ihre Schürze und stieg zu Pferd, und die Alten riefen:

Leb wohl! leb wohl! gradaus,

So kömmst du aus dem Wald hinaus

Und nach diesen Worten verschwanden die Alten in der Luft, und der Schimmel flog mit Liebseelchen durch die Büsche, daß ihr die Haare sausten und die Nüsse in der Schürze klingelten.

Schon war sie über Berg und Tal gekommen, da hörte der Schimmel auf zu galoppieren und trabte.

Schon war sie durch den jungen Wald und über die Moosheide gekommen, und der Himmel war voll Sterne, und der Mond ging unter. Da hörte der Schimmel auf so stark zu traben und ging einen starken Schritt.

Schon war der Himmel weiß gegen Morgen, die Hasen gingen schon in die Kohlfelder nach ihrem Morgenbrot; Hähne krähten in der Ferne, und die Haare Liebseelchens und die Mähne ihres Schimmelchens waren naß vom Morgentau. Da ging der Schimmel einen sehr langsamen Schritt, und Liebseelchen matt und müde nickte mit dem Kopfe und schlief ein und wußte nichts mehr von sich; aber der Schimmel ging seinen leisen Schritt fort, und fraß hie und da ein bißchen Gras, das am Rande der Gartenfelder stand, durch welche bereits der Weg ging.

Auf einmal stand der Schimmel still. Wasser spritzte Liebseelchen ins Gesicht; sie wachte auf, rieb sich die Augen; da sah sie, daß ihr Roß aus dem Becken eines Springbrunnens trank, dessen Strahl sie benetzt hatte. Dieser Springbrunnen stand auf einem großen freien Platz, an der einen Seite eines marmorsteinernen Grabmals, auf welchem ein geharnischter Ritter mit gefalteten Händen lag, und zur andern Seite des Grabmales sprang noch ein Springbrunnen; auf dem Grabmale aber sang eine Schwalbe ihr Morgenlied.

Das weiße Grabmal schimmerte rötlich von der Morgensonne, welche in der Ferne über den Türmen einer großen Stadt aufzog. Der Schimmel schlürfte ruhig das Wasser ein und schüttelte sich. Da kam Liebseelchen erst recht zu sich, sprang vom Sattel und sagte: »O du lieber Himmel! Das ist gewiß

Prinz Röhropp in den Marmorsteinen

Dem ich aus seinem Grab soll weinen.«

Da ging die Sonne in die Höhe, und sie las auf der einen Seite des Grabmals folgende Inschrift:

Brunnen! ihr mögt ewig weinen,

Strudelnd, sprudelnd ab und auf,

Röhropp in den Marmelsteinen

Wacht nicht auf von eurem Lauf;

Nimmer, nimmer ists genug!

Wenn der schwarze Tränenkrug,

Der hier hänget an dem Grabe,

Erst voll Tränen überquillt:

Dann erwacht das Marmorbild

Und reicht für die Tränengabe

Kron und Szepter, Leut und Land,

Lieb und Freundschaft, Herz und Hand

Dann der frommen Weinerin

Gerne hin.

Also heißt der Zauberspruch

In dem alten Wunderbuch.

Und neben dieser Inschrift hing ein großer Tränenkrug, in welchen wohl zwei Maß gingen. Liebseelchen nahm diesen Krug herab, setzte sich auf die Bank an dem einen Springbrunnen hin, nahm den Krug zwischen die Kniee, hängte das Haupt über ihn nieder, und es kamen ihr so traurige Gedanken, daß ihr die Augen wie zwei Kristallquellen von Tränen überflossen. So saß sie da in bitterer Wehmut und weinte. Ihr Pferdchen graste ringsherum und kam manchmal zu trinken zu ihr an den Brunnen. Und die Sonne stieg, und das Grabmal warf einen Schatten, und der Schatten ward kleiner und verschwand; und die Sonne stand hoch oben, es war Mittag; und der Schatten fiel nach der andern Seite und ward groß und größer, es ward Abend, die Sonne sank; es ward Nacht, die Sterne kamen und der Mond; und der Morgen kam und fand Liebseelchen immer weinend.

Der zweite Tag verging und die zweite Nacht; da war das arme Liebseelchen so müde und so abgeweint, daß ihr alle Gedanken vergingen und ihr der Kopf auf den Rand des Brunnens sank. Sie schlief ein, und der Krug war erst dreiviertel voll; da kam das Pferdchen zu ihr herangelaufen und schaute sie an, und da es seine liebe Prinzessin so blaß und so verweint sah ward es gar betrübt, und es flossen dem treuen Tier auch große Tränen aus den Augen und in das Gefäß nieder, so daß in wenig Minuten der Krug bis auf einen Finger breit voll war.

Aber nun kam eine häßliche, böse, schwarze Mohrin mit einem Eimer an den Brunnen, Wasser zu holen, und da der Schimmel nie Mohren gesehen hatte, erschrak er und trabte weg in die Ferne. Diese Mohrin kannte sehr wohl den Zauberspruch, der an dem Brunnen stand, und da sie sah, daß Liebseelchen den Krug beinahe vollgeweint hatte, nahm sie ihr denselben leise, leise zwischen den Knieen weg, holte eine Zwiebel aus der Tasche und rieb sich die Augen damit, worüber ihr die Tränen so reichlich niederflossen, daß der Krug voll wurde. Als sie den letzten Tropfen hineinweinte, fing der Krug an überzufließen. Das Steinbild des Prinzen Röhropp rührte sich, rieb sich die Augen, streckte sich, gähnte wie einer, der vom Schlaf erwacht, richtete sich auf, stieg herab und umarmte die garstige Rußika, so hieß die Mohrin, pochte dann mit seinem Schwerte an das Grab. Das tat sich auf; da kamen allerlei Kammerdiener und Hofdamen heraus und viele Pagen; die legten der Mohrin einen goldenen Mantel um und setzten ihr eine Krone auf; dann kamen auch allerlei Musikanten heraus, und alle ordneten sich in einen Zug, und die Musikanten zogen voraus und spielten, und sie zogen wie eine Hochzeit nach der Stadt, welche mit allen Glocken zu läuten anfing, um ihren entzauberten Prinzen nebst seiner Braut zu empfangen.

Sie waren schon ein Stückchen Wegs weggezogen, als das Pferdchen zu Liebseelchen herankam und so heftig zu wiehern begann, daß sie erwachte. Da sah sie dem Zuge nach und begriff bald ihr Unglück. Sie rang die Hände und raufte die Haare und weinte genug, um den Krug nochmals zu füllen; aber verschlafen war verschlafen! Da rasselten, wie sie sich die Augen trocknen wollte, die goldenen Wünschelnüsse der drei alten Mütterchen in ihrer Schürze, und sie gedachte des Spruches der Alten, daß die Nüsse ihr in der Not helfen sollten.

»Wohlan! ich will mein Heil versuchen,« sprach sie – setzte sich auf das Schimmelchen und ritt ruhig nach der Stadt. In der Stadt fand sie alles voll Jubel und Freude, daß der Prinz Röhropp von seinem Zauberschlaf erlöst sei, und sie kaufte sich seinem Palaste gegenüber, worin er mit der bösen Mohrin wohnte, ein prächtiges Haus für die Edelsteine, die sie aus Schattenthalien mitgebracht, mietete sich viele hübsche und fromme Mägde, welche sie alle in weiße Kleider mit roten Bändern geschmückt kleidete; sie selbst aber ging immer schwarz, zum Zeichen ihrer Trauer, nur trug sie oft eine grüne Schärpe, zum Zeichen, daß sie noch hoffe, glücklich zu werden. Ihr gutes Schimmelchen hatte einen marmornen Stall und eine Krippe von Elfenbein, und sie fütterte und tränkte es mit ihren eigenen Händen. Ihren Dienerinnen hatte sie lauter schwarze Pferde gekauft und ritt manchmal mit ihnen, zur großen Verwunderung der Stadt, vor ihnen auf ihrem Schimmelchen spazieren. Wenn sie zu Hause war, saß sie meist auf einem kleinen Turm und sah mit großer Betrübnis in den Schloßgarten gegenüber, wie Prinz Röhropp unermüdlich mit tausend Gefälligkeiten um die falsche schwarze Mohrin beschäftigt war, gleich einer Fledermaus, die um die Nacht herumfliegt. Aber es sollte bald anders werden; er sollte sich bald um Liebseelchen bemühen wie ein Adler, der um die Sonne fliegt.

Einstens morgens, da Prinz Röhropp zu der schwarzen Rußika kam, hatte diese eine goldene Wiege neben sich stehen und in ihrem Arm ein mit Purpurwindeln bedecktes Päckchen. »Ach!« rief Prinz Röhropp aus, »hätte der Himmel meine Wünsche erhört und mir ein kleines liebes Kindchen geschenkt! O zeige mir es, liebste Rußika!« – »Ja,« erwiderte diese,

»Ein schönes Kind,

Doch zeig ichs nicht,

Es wird sonst blind

Vom Sonnenlicht.

Gedulden Sie sich, mein Prinz, Sie werden es schon früh genug sehen.« Hierüber ward der Prinz betrübt und sah zum Fenster hinaus, und da ritt Liebseelchen gerade auf ihrem Schimmelchen vor ihren schönen Dienerinnen über den Platz.

Da der Prinz sie sah, grüßte er sie; sie erwiderte den Gruß und ließ ihr Pferdchen so schön springen und tanzen, daß der Prinz vor Freuden ausrief: »Ach, welche wunderschöne Prinzessin! die ist ja, als wenn sie gerade aus dem Himmel herabgekommen wäre!« – Da Rußika dies hörte, sagte sie voll Zorn:

Prinz Röhropp du!

Machs Fenster zu,

Oder ich bringe dir große Not,

Steche mit der Nadel das Prinzchen tot.

Da erschrak Röhropp sehr, machte das Fenster zu und sah nicht mehr hinaus.

Liebseelchen war sehr erfreut gewesen über den freundlichen Gruß Röhropps. Aber das war eine kurze Freude. Sie lauerte wohl Tage lang am Fenster, er ließ sich wegen der Drohung der Mohrin nicht mehr sehen.

Als Liebseelchen einstens in traurigen Gedanken am Fenster saß, erblickte sie gegenüber die böse Rußika mit ihrem bedeckten Wickelkind auch am Fenster sitzen. Da ward sie so betrübt, daß sie aus großer Not und Pein eine von den goldenen Wünschelnüssen der alten Mütterchen aufbiß, und siehe! ein wunderschöner, bunter, kleiner Papagei flog heraus und um Liebseelchen herum und gaukelte wie ein Äffchen und plauderte und sang allerlei allerliebstes Zeug durcheinander.

Rußika hatte kaum den Vogel gesehen, als sie rief: »Röhropp! Röhropp!« und da der Prinz ihr nahte, zeigte sie auf den Vogel und sagte:

Prinz Röhropp, gleich

Papperle mir reich!

Oder ich bringe dir große Not,

Steche mit der Nadel das Prinzchen tot.

Was sollte der arme Prinz anfangen? Er mußte gleich einen Edelknaben hinüber zu Liebseelchen schicken und sie fragen lassen, ob sie ihm das schöne Papperle nicht verkaufen wolle. Liebseelchen erwiderte dem Boten, sie sei keine Krämerin, sie habe nie etwas verkauft; aber sie mache sich eine Ehre daraus, dem Prinzen das Papperle zu schenken, und so überreichte sie dem Edelknaben den Vogel, der ihn hinüber zur garstigen Rußika brachte.

Vier Tage darauf saßen Liebseelchen und Rußika wieder am Fenster, und Liebseelchen knackte die zweite Wünschelnuß auf. Aus der kam eine schöne goldene Henne mit zwölf goldenen Küchelchen, welche um sie herum pickten und piepten. Die Henne gluckte so süß wie eine Flöte und nahm sie unter die Flügel, und das war so wunderlieblich anzusehen, daß Rußika die kleine goldene Brut kaum erblickt hatte, als sie rief: »Röhropp! Röhropp!« Der Prinz kam. Die Mohrin zeigte hinüber und sagte:

Prinz Röhropp, gleich

Goldglucke mir reich,

Oder ich bring dir große Not,

Steche mit dem Messer das Prinzchen tot.

Röhropp kannte die zornige Gemütsart der Rußika; er konnte nicht anders, er schickte abermals den Edelknaben hinüber und ließ tausendmal um Entschuldigung bitten, daß er so unglücklich sei, um die Goldglucke bitten zu müssen; und Liebseelchen gab die Goldglucke und die zwölf Küchlein hin.

Vier Tage gingen abermals vorbei. Liebseelchen saß wieder am Fenster, und gegenüber die böse Mohrin. Da knackte Liebseelchen die dritte Nuß auf, und sieh! eine kleine wunderschöne Puppe kam heraus. Sie hatte einen kleinen Spinnrocken in der Hand und spann Gold, und drehte die Spindel so artig und leckte die Fingerchen so zierlich, daß es eine Freude war, sie anzusehen. Kaum hatte Rußika dieses Wunderpüppchen gesehen, als sie dem Prinzen rief, hinüberzeigte und sprach:

Prinz Röhropp, gleich

Spinnpuppe mir reich!

Oder ich bringe dir große Not,

Steche mit dem Messer das Prinzchen tot.

Röhropp war in Verzweiflung über die Unverschämtheit der Mohrin, die alles haben wollte, was sie sah; und weil er sich schämte, den Edelknaben wieder hinüberzuschicken, ging er selbst in die Wohnung seiner Nachbarin.

Liebseelchen empfing ihn mit der größten Freundlichkeit. Er brachte sein Anliegen mit großer Verlegenheit vor, und als Liebseelchen, um ihn länger bei sich zu sehen, allerlei Schwierigkeiten machte, ihm die Puppe zu schenken, sagte er endlich: »Verehrte Prinzessin! ach, ich will Ihnen ja gern alles, was mein ist, drum geben; schenken Sie mir nur die Puppe und retten Sie meinem Prinzchen das Leben. Bedenken Sie, daß ich der Rußika, welche die Puppe haben will, mein eigenes Leben verdanke. Sie ist es, die mich aus dem Grabe herausgeweint; aber ich muß sagen, sie hat mir keinen Gefallen damit getan, ich wollte lieber ewig versteinert liegen geblieben sein, als daß ich jetzt so von ihr gequält und gepeinigt bin.« – Da Liebseelchen dies hörte, ward sie sehr traurig über den Betrug und die Undankbarkeit der Mohrin. Sie gab dem Prinzen Röhropp die Puppe mit Tränen und verschloß sich in ihre Kammer und weinte. Röhropp, nicht weniger betrübt als Liebseelchen, brachte die spinnende Puppe seiner bösen Mohrin. Diese nahm die Puppe auf den Arm und trieb sie immer an zu spinnen mit den Worten:

Spinn, Puppe, spinn!

Spinn ein königliches Kleid,

Zwanzig Ellen lang und breit,

Und wird dir der Faden brechen,

Will ich dich mit Nadeln stechen;

Spinn, Puppe, spinn!

Da spann die kleine Puppe immer emsiger und emsiger. Da Rußika aber sie immer noch mehr antrieb und endlich eine Nadel hervorzog, guckte die kleine Puppe sie zornig an und sprach:

Rußika, du treibsts zu toll.

Wenn ich immer spinnen soll,

Mußt du Märchen mir erzählen

Und nicht schmähen stets und quälen;

Willst du nicht in zehen Tagen

Fünfzig Märchen her mir sagen,

So will ich dem Röhropp klagen:

Daß du ihn so grob belogen,

Daß Liebseelchen du betrogen;

Denn du stahlst den Tränenkrug,

Merk dir das und werde klug!

Als die Mohrin dies gehört hatte, ward es ihr angst und bang. Denn sie wußte auch gar keine einzige Geschichte als eine, die erzählte sie gleich:

Es war einmal ein Mann,

Der hieß Pumpan,

Pumpan hieß er,

An einen Stein stieß er

Und fiel dann in ein Loch;

Ich glaub, da liegt er noch.

Die Puppe aber sagte: dies Märchen sei sehr dumm, sie wolle etwas Besseres hören, und wenn nicht gleich eine ganze Spinnstube voll Erzählerinnen herbeigeschafft werde, so wolle sie gleich dem Prinzen Röhropp alles sagen; denn hören müsse sie oder schwätzen. Da wünschte Rußika die Puppe über alle Berge und rief: »Röhropp!« – Der kam und ward von ihr mit den Worten empfangen:

Röhropp! such zehn Spinnerinnen,

Die auf fünfzig Märchen sinnen,

Sonst bring ich dir große Not,

Steche mit dem Messer das Prinzchen tot.

Da ließ Prinz Röhropp voll Herzensangst in der Stadt und auf dem Lande durch Trompeter bekannt machen: alle alten Mütterchen, welche schöne Geschichten erzählen könnten, sollten sich morgen abend mit ihren Spinnrädern vor dem Schlosse einstellen. Da entstand eine Bewegung im ganzen Land. Aus allen Winkeln, hinter allen Öfen hervor, aus allen Bodenkammern, von allen Kirchentüren weg kamen die alten Mütterchen zusammengelaufen. Sie wuschen und trockneten und flickten und plätteten alle ihre schönsten Kleider. Da rasselten die Schlüssel, da knarrten die alten Kastendeckel, da knarrten die alten Schranktüren im ganzen Land, als sie ihren alten Putz hervorsuchten; dabei war ein Geplapper und Geschnatter und Gezische und ein Spektakel ohne Ende. Sie wuschen die alten Spinnräder und schmierten sie mit Öl und legten den schönsten Flachs um den Rocken, und so ging der Zug von allen Seiten auf die Stadt und auf den Schloßplatz zu.

Da ließ sie der Prinz Röhropp in einen großen Kreis sitzen mit ihren Spinnrädern, und die zehn, welche zuerst ihren Rocken abgesponnen, die sollten die Ehre haben, der Prinzessin Rußika Märchen zu erzählen. Kaum war dies bekannt gemacht, als alle im Kreise geschwind wie der Wind die Brillen auf der Nase hatten, und nun ging es an ein Schnurren von einigen hundert Rädern, und die zehn, welche zuerst fertig wurden, waren nach der Reihe: die lange Jungfer Elsefinger, das magere Fräulein Klarefädchen, die munter Frau Zipflore, die bucklichte Jungfer Radebärbl, die witzige Fräulein Spulendoris, die scharfsinnige Frau Hecheltonie, die Jungfer Weifenseppel, die eifrige Fräulein Haspelrosa, die emsige Frau Spindelmarthe und die zierliche Jungfer Kunkelriecke.

Als diese zuerst fertig waren, wurden sie in das Schloß geführt, die andern aber, welche aus der Stadt waren, wurden reichlich beschenkt nach Hause geschickt; die aber vom Land wurden auch, reichlich beschenkt, auf mehrere Wurstwagen mit ihren Spinnrädern gesetzt und wieder nach Hause gefahren.

Die zehn Auserwählten mußten sich im Schloßgarten mit ihren Spinnrocken im Halbkreise setzen. In der Mitte saß die böse Mohrin Rußika; auf dem Schoße hatte sie das mit roten Windeln zugedeckte Prinzchen, auf dem Arm die goldspinnende Puppe, zur Linken saß der schöne Papagei auf einer Stange, zu ihren Füßen in einem silbernen Hühnerkorb aber die Goldglucke mit den zwölf Küchlein, und über die ganze Gesellschaft war ein Teppich gegen die Sonne gespannt; und damit die Gesellschaft recht vollkommen sei, hatten sich ein Klapperstorch, ein Gockelhahn und ein Pfau oben auf den Baldachin gesetzt; auch viele Vögel, Katzen, Kaninchen und Hündchen fanden sich ein, und einige Edelknaben trugen mancherlei Zuckerwerk Eingemachtes, getrocknete und frische Früchte umher, und auch süße Weine wurden im Überfluß gereicht, nach welcherlei Leckereien die alten Spinnerinnen sehr lecker sind und die Finger darnach lecken, was zum Spinnen sehr nötig ist.

Sie hatten sich alle erquickt und wollten soeben den nahen Springbrunnen, der wie ein Schulmeister solcher Gesellschaft ihnen unermüdet vorplauderte, plätscherte und murmelte, mit Geschwätz und Rädergeschnurr überlärmen, als Röhropp sich erhob und sprach: »Tugendbare, wehrlose Jungfern, ehegeborne lehnreiche Fräulein und hochachtzigbare und hochwürdige Makronen, des edlen Spinnordens kunkelhafte Spuldamen, Spindelfräulein und Rockenmägdlein!« Sie haben sich hier versammelt, und die große Begierde meiner teuern Rußika nach Märchen zu stillen. Wir werden also alle Abend hier beisammensitzen und der Reihe nach die schönsten Geschichten hören, welches meiner Rußika zum Trost, allen Zuhörern zum Vergnügen und der Erzählerin zur Ehre gereichen wird. Denn nichts ziert einen erfahrnen Menschen so sehr, als wenn er schöne Geschichten zu erzählen weiß, Geschichten, bei deren Anhörung der Weber sein Schiff, der Advokat seine Feder, der Apotheker seinen Mörser, der Scherenschleifer sein Rad und Kinder ihr Butterbrot ruhen lassen, um besser zuhören zu können. Es ist die Neugierde meiner Rußika sehr wohl zu entschuldigen; denn es sprechen große Philosophen: »Wie uns an der Wiege gesungen wird, so werden wir wieder singen; und so erzählt denn nach der Reihe schöne Geschichten, damit mein schönes Prinzchen, welches so munter unter der Purpurdecke im Schoße Rußikas schnarchet, sich etwas Angenehmes träumen lasse.« Nach diesen Worten sagte die neugierige Frau Spindelmarthe, ob es denn nicht erlaubt sei, den kleinen allerliebsten Prinzen ein wenig zu betrachten, worauf Rußika befehlend antwortete:

Mein schönes Kind,

Das zeig ich nicht,

Es wird mir blind,

Vom Sonnenlicht.

Da versetzte Fräulein Spuhlendoris: »Die Sonne ist schon unter, es kann ihm gar nichts schaden.« Rußika aber machte ein so zorniges Gesicht, daß Prinz Röhropp sagte: »Meine Damen! beunruhigen Sie meine Rußika nicht! Habe ich doch das Glück selbst noch nicht gehabt, das liebe Prinzchen zu sehen. Lassen Sie uns zu unsern Erzählungen schreiten. Fünf Geschichtchen an jedem Abend, so sind wir in zehn Tagen mit den fünfzig Märchen fertig. Wohlan, Jungfer Elsefinger!«, welche ihren Rocken zuerst abgesponnen hatte, »Sie haben die erste Stimme.«

Das Märchen von dem Myrtenfräulein

Im sandigen Lande, wo nicht viel Grünes wächst, wohnten einige Meilen von der porzellanenen Hauptstadt, wo der Prinz Wetschwuth residierte, ein Töpfer und seine Frau mitten auf ihrem Tonfeld neben ihrem Töpferofen, beide ohne Kinder, einsam und allein. Das Land war ringsum so flach wie ein See, kein Baum und kein Busch war zu sehen, und es war gar betrübt und langweilig. Täglich beteten die guten Leute zum Himmel, er möge ihnen doch ein Kind bescheren, damit sie eine Unterhaltung hätten, aber der Himmel erhörte ihre Wünsche nicht. Der Töpfer verzierte alle seine Gefäße mit schönen Engelsköpfen, und die Töpferin träumte alle Nacht von grünen Wiesen und anmutigen Gebüschen und Bäumen, bei welchen Kinder spielten; denn wornach das Herz sich sehnt, das hat man immer vor Augen.

Einstens hatte der Töpfer seiner Frau zwei schöne Werke auf ihren Geburtstag verfertigt, eine wunderschöne Wiege von dem weißesten Ton, ganz mit goldenen Engelsköpfen und Rosen verziert, und ein großes Gartengefäß von rotem Ton, rings mit bunten Schmetterlingen und Blumen bemalt. Sie machte sich ein Bettchen in die Wiege und füllte das Gartengefäß mit der besten Erde, die sie selbst stundenweit in ihrer Schürze dazu herbeitrug, und so stellte sie die beiden Geschenke neben ihre Schlafstelle, in beständiger Hoffnung, der Himmel werde ihr ihre Bitte gewähren; und so betete sie auch einst abends von ganzer Seele:

Herr! ich flehe auf den Knieen,

Schenke mir ein liebes Kind,

Fromm will ich es auferziehen:

Ists ein Mägdlein, daß es spinnt

Einen klaren reinen Faden

Und dabei hübsch singt und betet;

Ists ein Sohn durch deine Gnaden,

Daß er kluge Dinge redet

Und ein Mann wird treu von Worten,

Stark von Willen, kühn von Tat,

Der geehrt wird aller Orten,

Wie im Kampfe, so im Rat.

Herr! bereitet ist die Wiege,

Gieb, daß mir ein Kind drin liege!

Ach, und sollte es nicht sein,

Gieb mir doch nur eine Wonne,

Wärs auch nur ein Bäumelein,

Das ich in der lieben Sonne

Könnte ziehen, könnte pflegen,

Daß ich mich mit meinem Gatten

Einst im selbsterzognen Schatten

Unter ihm ins Grab könnt legen.

So betete die gute Frau unter Tränen und ging zu Bett. In der Nacht war ein schweres Gewitter, es donnerte und blitzte, und einmal fuhr ein heller Glanz durch die Schlafkammer. Am andern Morgen war das schönste Wetter, ein kühler Wind wehte durch das offene Fenster, und die gute Töpferin lag in einem süßen Traum, als sitze sie unter einem schönen Myrtenbaum bei ihrem lieben Manne. Da säuselte das Laub um sie und sie erwachte, und siehe da! ein frisches junges Myrtenreis lag neben ihr auf dem Kopfkissen und spielte mit seinen zarten im Winde bewegten Blättern um ihre Wangen. Da weckte sie mit großen Freuden ihren Mann, und zeigte es ihm, und sie dankten beide Gott auf ihren Knieen, daß er ihnen doch etwas Lebendiges geschenkt hatte, das sie könnten grünen und blühen sehen. Sie pflanzten das Myrtenreis mit der größten Sorgfalt in das schöne Gartengefäß, und es war täglich ihr liebstes Geschäft, das junge Stämmchen zu begießen und in die Sonne zu setzen und vor bösem Tau und rauhen Winden zu schützen. Das Myrtenreis wuchs zusehends unter ihren Händen und duftete ihnen Fried und Freude ins Herz.

Da kam einstens der Landsherr, Prinz Wetschwuth, in diese Gegend mit einigen Gelehrten, um neue Porzellanerde zu entdecken; denn es wurden in seiner Hauptstadt Porzellania so viele Häuser davon gebaut, daß diese Erde in der Nähe der Stadt selten geworden war. Da er in die Wohnung des Töpfers eintrat, ihn um seinen Rat zu fragen, ward er bei dem Anblick des Myrtenbäumchens so durch dessen Schönheit hingerissen, daß er alles andere vergaß und in lauter Verwunderung ausrief: »O wie lieblich, wie reizend ist diese Myrte! Ihr Anblick hat für mein Herz etwas ungemein Erquickendes, ich möchte immer in der Nähe dieses Baumes leben – nein, ich kann ihn nicht entbehren, ich muß ihn besitzen, und müßte ich ihn mit einem Auge erkaufen.« Nach diesem Ausruf fragte er sogleich den Töpfer und seine Frau, was sie für die Myrte verlangten. Diese guten Leute erklärten auf die bescheidenste Weise, das sie den Baum nicht verkaufen wollten, und daß er das Liebste sei, was sie auf Erden hätten. »Ach,« sagte die Töpferin, »ich könnte nicht leben, wenn ich meine Myrte nicht vor mir sähe; ja sie ist mir so lieb und wert, als wäre sie mein Kind, und kein Königreich nähme ich für diese meine Myrte.« Da der Prinz Wetschwuth dies hörte, ward er sehr traurig und begab sich nach seinem Schlosse zurück. Seine Sehnsucht nach der Myrte ward so groß, daß er in eine Krankheit fiel und das ganze Land um ihn bekümmert wurde. Da kamen Abgesandte zu dem Töpfer und seiner Frau, und forderten sie auf, die Myrte dem Prinzen zu überlassen, damit er nicht vor Sehnsucht sterben möchte. Nach langen Unterhandlungen sagte die Frau: »Wenn er die Myrte nicht hat, so muß er sterben, und wenn wir die Myrte nicht haben, so können wir nicht leben; will der Prinz nun die Myrte haben, so muß er uns auch mitnehmen, wir wollen sie ihm überbringen und ihn anflehen, daß er uns als treue Diener in sein Schloß aufnehme, damit wir die geliebte Myrte dann und wann sehen und uns an ihr erfreuen können.« Das waren die Abgesandten zufrieden, sie schickten gleich einen Reiter in die Stadt mit der frohen Nachricht, die Myrte werde ankommen, der Prinz sollte Mut fassen. Nun stellte der Töpfer das Gefäß mit der Myrte auf eine Tragbahre, über welche die Frau ihre schönsten seidenen Tücher gebreitet hatte, und sie trugen beide, nachdem sie ihre Hütte verschlossen hatten, dem geliebten Baum nach der Stadt, wohin sie von den Abgesandten begleitet wurden. Von der Stadt kam ihnen der Prinz selbst in einem Wagen entgegen und hatte ein goldenes Gießkännchen in der Hand, womit er die geliebte Myrte begoß, bei deren Anblick er sich sichtbar erholte. Vier weißgekleidete, mit Rosen geschmückte Jungfrauen kamen mit einem rotseidenen Traghimmel, unter welchem die Myrte nach dem Schloß getragen wurde. Kinder streuten Blumen, und alles Volk war froh und warf die Mützen in die Höhe. Nur neun Fräulein in der Stadt waren nicht bei der allgemeinen Freude zugegen, denn sie wünschten, daß die Myrte verdorren möchte, weil der Prinz, ehe er die Myrte gesehen hatte, sie oft besuchte und jede von ihnen gehofft hatte, einst Beherrscherin der Stadt Porzellania zu werden. Seit aber voll der Myrte die Rede war, hatte er sich nicht mehr um sie bekümmert; drum waren sie auf den unschuldigen Baum so erbittert, daß sich an diesem Freudentage keine von ihnen erblicken ließ. Der Prinz ließ die Myrte an das Fenster seiner Stube stellen und gab dem Töpfer und seiner Frau eine Wohnung im Schloßgarten, aus deren Fenster sie die Myrte immer erblicken konnten, womit die guten Leute dann auch wohlzufrieden waren.

Der Prinz war bald wieder ganz gesund; er pflegte den Baum mit einer unbeschreiblichen Liebe und Sorgfalt; auch wuchs dieser und breitete sich aus zu aller Freude. Einstens setzte sich der Prinz abends neben dem Baume auf sein Ruhebett. Alles war ruhig im Schloß, und er entschlummerte in tiefen Gedanken. Da nun die Nacht alles bedeckt hatte, hörte er ein wunderbares Säuseln in seinem Baum und erwachte und lauschte; da vernahm er eine leise Bewegung in seiner Stube herum, und ein süßer Duft breitete sich umher. Er war stille, stille und lauschte immerfort; endlich, da es ihm wieder so wunderbar in der Myrte säuselte, begann er zu singen:

Sag, warum dies süße Rauschen,

Meine wunderschöne Myrte!

O mein Baum, für den ich glühe?

Da sang eine liebliche leise Stimme wieder:

Dank will ich für Freundschaft tauschen

Meinem wunderguten Wirte,

Meinem Herrn, für den ich blühe!

Da war der Prinz über die Stimme so entzückt, daß es nicht auszusprechen ist; aber bald ward seine Freude noch viel größer, denn er bemerkte, daß sich jemand auf den Schemel zu seinen Füßen setzte, und da er die Hand darnach ausstreckte, ergriff eine zarte Hand die seinige und führte sie an die Lippen eines Mundes, welcher sprach: »Mein teurer Herr und Prinz! frage nicht, wer ich bin; erlaube mir nur dann und wann in der Stille der Nacht zu deinen Füßen zu sitzen und dir zu danken für die treue Pflege, welche du mir in der Myrte bewiesen, denn ich bin die Bewohnerin dieser Myrte; aber mein Dank für deine Zuneigung ist so gewachsen, daß er keinen Raum mehr in diesem Baume hatte, und so hat es mir der Himmel vergönnt, in menschlicher Gestalt dir manchmal nahezusein.« Der Prinz war entzückt über diese Worte und pries sich unendlich glücklich durch dies Geschenk der Götter. Sie unterhielten sich einige Stunden, und sie sprach so weise und klug, daß er vor Begierde brannte, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Das Myrtenfräulein aber sagte zu ihm: »Laß mich erst ein kleines Lied singen, dann kannst du mich sehen«, und sie sang:

Säusle, liebe Myrte!

Wie still ists in der Welt,

Der Mond, der Sternenhirte

Auf klarem Himmelsfeld,

Treibt schon die Wolkenschafe

Zum Born des Lichtes hin,

Schlaf, mein Freund, o schlafe,

Bis ich wieder bei dir bin.

Dazu säuselte die Myrte, und die Wolken trieben so langsam am Himmel hin, und die Springbrunnen plätscherten so leise im Garten, und der Gesang war so sanft, daß der Prinz einschlief, und als er kaum nickte, erhob sich das Myrtenfräulein leise, leise vom Schemel und begab sich wieder in die Myrte.

Als der Prinz am Morgen erwachte, erblickte er den Schemel leer zu seinen Füßen, und er wußte nicht, ob das Myrtenfräulein wirklich bei ihm gewesen war, oder ob er nur geträumt habe; aber da er das Bäumchen ganz mit Blüten übersät sah, die in der Nacht aufgegangen waren, ward er der Erscheinung immer gewisser. Nie ward die Nacht so sehnsüchtig erwartet als von ihm; er setzte sich schon gegen Abend auf sein Ruhebett und harrte. Endlich war die Sonne hinunter, es dämmerte, es ward Nacht. Die Myrte säuselte, und das Myrtenfräulein saß zu seinen Füßen und erzählte ihm so schöne Sachen, daß er nicht genug zuhören konnte, und als er sie wieder bat, Licht anzünden zu dürfen, sang sie ihm wieder ein Liedchen:

Säusle, liebe Myrte!

Und träum im Sternenschein,

Die Turteltaube girrte

Auch ihre Brut schon ein.

Still ziehn die Wolkenschafe

Zum Born des Lichtes hin,

Schlaf, mein Freund, o schlafe,

Bis ich wieder bei dir bin.

Da schlummerte der Prinz wieder ein und erwachte am Morgen wieder mit gleicher Überraschung und erwartete die Nacht wieder mit gleicher Sehnsucht. Aber es ging ihm auch diesmal wie in der ersten und zweiten Nacht, sie sang ihn immer in den Schlaf, wenn er sie zu sehen verlangte. Sieben Nächte ging dies so fort, während welchen sie ihm so vortreffliche Lehren über die Kunst zu regieren gab, daß seine Begierde, sie zu sehen, nur noch größer ward. Er ließ daher am andern Tage an die Decke seiner Stube ein seidenes Netz befestigen, welches er ganz leise niederlassen konnte, und so erwartete er die Nacht. Als das Myrtenfräulein wieder zu seinen Füßen saß und ihm die tiefsinnigsten Lehren über die Pflichten eines guten Fürsten gegeben hatte, wollte sie ihm wieder das Schlaflied singen, aber er sprach zu ihr: »Heute will ich einmal singen,« und sie gab es nach vielen Bitten zu; da sang er folgendes Liedchen:

Hörst du, wie die Brunnen rauschen?

Hörst du, wie die Grille zirpt?

Stille, stille, laß uns lauschen,

Selig, wer in Träumen stirbt;

Selig, wen die Wolken wiegen,

Wem der Mond ein Schlaflied singt!

O! wie selig kann der fliegen,

Dem der Traum den Flügel schwingt,

Daß an blauer Himmelsdecke

Sterne er wie Blumen pflückt:

Schlafe, träume, flieg, ich wecke

Bald dich auf und bin beglückt.

Und dies Lied wirkte so durch die sanfte Weise, in welcher er es sang, daß das Myrtenfräulein zu den Füßen des Prinzen entschlummerte; da ließ er das Netz nieder über sie und zündete seine Lampe an, und o Himmel! was sah er? Die wunderschönste Jungfrau, welche jemals gelebt, im Antlitz wie der klare Mond so mild und rein, Locken wie Gold um die Stirne spielend und auf dem Haupt ein Myrtenkrönchen; sie hatte ein grünes Gewand an, mit Silber gestickt, und ihre Hände gefaltet wie ein Engelchen. Lange betrachtete er seine Freundin und Lehrerin mit stummem Erstaunen, dann konnte er seine Freude nicht mehr fassen, er brach in lautem Jubel aus und rief: »O Tugend! o Weisheit! wie schön ist deine Gestalt; wer kann leben ohne dich, wenn er dich einmal erblickte.« Dann ergriff er ihre Hand und steckte ihr seinen Siegelring an den Finger und sprach: »Erwache, o meine holdselige Freundin! nimm meinen Thron und meine Hand und verlasse mich nie wieder.« Da erwachte das Myrtenfräulein, und als es das Licht erblickte, errötete es über und über, und blies die Lampe aus. Dann klagte sie, daß er sie gefangen habe, und sagte, daraus wird gewiß Unglück kommen; aber der Prinz bat sie so sehr um Vergebung, bis sie ihm verzieh und versprach, die Fürstin seines Landes zu werden, wenn ihre Eltern es erlaubten, er sollte nur alle Anstalten zur Hochzeit machen und dann ihre Eltern fragen; bis dahin sollte er sie aber nicht wiedersehen. Der Prinz willigte in alles ein und fragte sie, wie er sie rufen solle, wenn er alle Anstalten getroffen habe, und sie sagte: »Befestige eine kleine Silberglocke an die Spitze meines Bäumchens, und sobald du klingelst, werde ich dir erscheinen.« Nun zerriß sie das Netz, der Baum rauschte, und fort war das Myrtenfräulein.

Der Tag war kaum angebrochen, als der Prinz auch schon alle seine Minister und Räte zusammenberief und ihnen bekannt machte, daß er sich nächstens zu vermählen gedenke und daß sie alle Anstalten zu dem prächtigsten Hochzeitsfeste treffen sollten, das jemals im Lande gewesen. Die Räte waren sehr erfreut darüber und fragten ihn untertänigst um den Namen der Braut, damit sie ihren Namenszug bei der Illumination anbringen könnten. Da sagte der Prinz: »Der erste Buchstab ihres Namens ist M und es sollen beim Feste überall Myrtenzweige hingemalt werden, wo es sich schickt.« Da wollten die Herren ihn schon verlassen, als plötzlich eine Botschaft kam, daß ein wildes Schwein in dem fürstlichen Tiergarten toll geworden wäre und in dem darin befindlichen gläsernen Lusthause alles chinesische Porzellan zertrümmert habe; es sei äußerst nötig, es sogleich zu erlegen, damit es nicht andere Schweine beiße und auch toll mache, welche dann leicht die ganze Stadt Porzellania über den Haufen werfen könnten. Da durfte der Prinz nicht länger zaudern; er befahl seinen Räten, einstweilen die Hochzeit zuzubereiten, und zog mit seinen Jägern hinaus auf die Jagd.