Brentanos Märchen - Clemens Brentano - E-Book

Brentanos Märchen E-Book

Clemens Brentano

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Beschreibung

Eine schöne Sammlung von Brentanos sogenannten italienischen Märchen: Diese Erzählungen umfassen alle Facetten des Lebens – von Trauer und Unglück über Arroganz und Hochmut bis hin zu Liebe und Glück. Sei es die Geschichte der als Trübseelchen bekannten Prinzessin Liebseelchen, das Schicksal des Jungen Dilldapp, den seine Mutter fortjagt, da sie ihn für zu dumm hält, oder die absurde Geschichte des Baron von Hüpfenstich, alle haben über Generationen Groß und Klein bezaubert, zum Lachen, Nachdenken oder Weinen gebracht. Clemens Brentano (1778-1842) war ein deutscher Schriftsteller, der neben Achim von Arnim als Repräsentant der Heidelberger Romantik gilt. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium lernte er in Jena die Vertreter der Weimarer Klassik sowie der Frühromantik kennen und wurde von ihnen in seinen ersten Schriften inspiriert. Seine bekanntesten Werke sind "Des Knaben Wunderhorn", das er zusammen mit Achim von Arnim herausgab, und "Godwi".

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Clemens Brentano

Brentanos Märchen

 

Saga

Brentanos MärchenCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1847, 2020 Clemens Brentano und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726762549

 

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

 

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Das Märchen von den Märchen oder Liebseelchen

Es war einmal ein König von Schattentalien, der hatte eine einzige Tochter, die er sehr liebte und darum Liebseelchen nannte. Aber leider war sie unter einem traurigen Stern geboren und stets so still und traurig und nie zum Lachen zu bringen, dass alle, die sie kannten, sie statt Liebseelchen Trübseelchen nannten, weil sie immer so trübselig aussah. Hierüber war nun ihr königlicher Herr Vater, der lieber gewollt hätte, sie möge sich bucklicht lachen, sehr unwillig und wendete alles an, um sie aufzuheitern. Bald liess er die Hoftrompeter auf Sechspfennigstrompeten zur Tafel blasen, aber sie lachte nicht und fand die Musik sehr ernsthaft; bald liess er allen Gänsen, die der Hirt zum Tor hinaustrieb, papierne Haarbeutel anhängen, aber sie lachte nicht und fand den Zug sehr anständig; bald liess er eine Menge Hunde wie die bekanntesten Hofherrn ankleiden, und sie mussten ihm durch die Beine tanzen, wozu er auf der Geige spielte, ohne dass er es konnte, aber sie lachte nicht und meinte, der Hofball wäre recht angenehm, weil man sie nicht auffordere — und noch tausend andere solche Spässchen hatte er umsonst versucht. Sie blieb immer, ohne eine Miene zu verziehen, so ernsthaft wie ein Arzneiglas, und der König hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, sie jemals lachen zu sehen, als ihm noch ein Gedanke einfiel, der ihm selbst so possierlich vorkam, dass er laut an zu lachen fing. „Wohlan“, sagte er, „will Liebseelchen nicht drüber lachen, so will ich mir doch einmal eine lustige Stunde geben; denn ich armer König bin vor lauter vergeblichem Spassmachen selbst ganz betrübt geworden.“

Der Platz vor dem Schloss war von spiegelglatt geschliffenem Marmor. In die Mitte dieses Platzes liess er einen Springbrunnen von Öl machen, der sich über den Platz ergoss und denselben noch schlupfriger machte, so dass es nicht leicht möglich war, über den Platz zu gehen, ohne zu fallen. Es war am Neujahrstag, als er diesen Spass anstellen wollte, weil er wusste, dass dann auf diesem Platze eine ausserordentliche Menge geputzter und gezierter Leute in allerlei närrischen neuen Modekleidern herumzuspazieren pflegten, um sich einander das neue Jahr abzugewinnen. Er versprach sich tausend Spass, wenn er dachte, wie die Putznarrren und -närrinnen gleich Grillen und Heuschrekken auf dem Platze herumspringen würden, um sich keine Ölflecken in ihre Neujahrsröcke zu machen, und wie sie endlich doch zur Strafe ihrer Eitelkeit an die Erde fallen müssten.

Als der Morgen herankam und das Neujahr schon mit Glockengeläut, Pauken und Trompeten in der Stadt angekündigt war, kam die Prinzessin Liebseelchen zu ihrem Vater an das Bett, küsste ihm die Hand und sprach so ernsthaft als ein Puthahn: „Ich wünsche Euer Majestät ein glückseliges neues Jahr, und dass Sie noch viele untertänigste Jahre in Allerhöchstem Wohlsein zu erleben geruhen mögen.“ Der König umarmte seine Tochter und sprach: „Gleichfalls, liebstes Liebseelchen, aber wenn du mich nicht vor der Zeit unter die Erde bringen willst, so tue mir die Liebe an und lache einmal von Herzensgrund!“ Das war aber fehlgegriffen; denn Liebseelchen fing an zu weinen und sagte: „Wie soll ich lachen, wenn Euer Majestät vom Sterben reden?“ Da sprang der König aus dem Bett, setzte geschwind seine Krone auf, nahm seinen Zepter in die Hand und wollte mit den Worten „Ei, das müsste doch der Guckuck sein, wenn ich dich nicht sollte zum Lachen bringen!“ im Schlafrock, wie er war, mit der Prinzessin hinaus auf den Balkon treten; Liebseelchen aber sagte: „Herr Vater, vergessen Sie nicht, Ihren Mantel anzulegen.“ Zornig legte er seinen goldnen Mantel an; denn er dachte vor sich: „Dass ich so, im Schlafrock und ohne Perücke, die Krone auf der Nachtmütze tragend, hinaus vor das Volk treten wollte, darüber hätte sie eigentlich schon ordentlich lachen können, aber es ist nichts mit ihr anzufangen.“

Da er nun ganz königlich angekleidet war, setzte er sich mit ihr auf den Balkon, um zu sehen, wie die Leute sich auf dem Ölplatze betragen würden. Zuerst kamen die Bauern, um dem König Glück zu wünschen. Da sie aber teils barfuss gingen, teils tüchtige, mit Nägeln beschlagene Stiefeln anhatten, so gingen sie recht fest auf dem glatten Boden, und die, welche Stiefeln anhatten, patschten mit Vergnügen in dem Öl herum, weil ihnen das ihr Lederwerk dauerhaft und geschmeidig machte; viele, die mit Holzschuhen kamen, zogen diese aus und nahmen sie mit Öl gefüllt nach Haus und bedankten sich noch recht schön bei Ihro Majestät. Aber als später allerlei geputzte und gezierte Stadtleute kamen, gab es mancherlei für den König zu lachen, wenn sie, um sich nicht zu beschmutzen, auf den Fussspitzen einherhüpften und bei dem ersten Bückling, den sie machten, ausglitten und übereinander herfielen; aber auch bei den lächerlichsten Zufällen lachte die Prinzissin Liebseelchen nicht, sondern bedauerte immer nur die armen Leute, mit welchen der König einen so unschicklichen Spass trieb, worüber dieser sehr ergrimmt den Balkon verliess und ihr sagte, sie sei ein recht widerwärtiger Sauertopf. Liebseelchen aber blieb allein auf dem Balkon sitzen und fiel in eine tiefe Traurigkeit über den Unwillen ihres Vaters; denn sie konnte gar nicht begreifen, wie es nur möglich sei, über etwas zu lachen, wodurch andere Leute in Schaden oder Spott kämen.

Indem sie so über den Ölplatz hinsah, von welchem sich die Neujahrsgratulanten, auf allerlei Art verunglückt, beinah schon alle zurückgezogen hatten, kam auf einmal eine sehr kuriose Figur anspaziert, die ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog, nämlich eine sehr alte französische Mademoiselle, welche in der Residenz der Schrecken aller Kinder war, die bei ihr in die Schule gingen, und die der armen Prinzessin mit ihren verdrehten und verzwickten Sitten und ihren vielen Regeln des guten Betragens und feinen Akzents, die sie durch ihre spitze Nase hervortrompetete, auch manche qualvolle Stunde gemacht hatte, da sie früher Unterricht bei ihr hatte. Diese französische Närrin liess sich von zwei ebenso lächerlichen französischen Tanzmeistern auf einem vergoldeten Tragstuhl gegen das Schloss hintragen. Sie war nach der lächerlichsten neuen Mode gekleidet und eingeschnürt wie eine Spindel, dazu geschminkt rot und weiss und blau wie eine französische Nationalkokarde, schnitt Gesichter rechts und links und drehte sich wie ein Ohrwurm, der in den Honigtopf gefallen. Die beiden Tanzmeister machten die lächerlichsten Sprünge mit ihr durch das Öl, aber sie fielen nicht; denn wenn sie auch wenig stolperten, so machten sie gleich einen Entrechat hinterdrein, dass es immer aussah, als wäre es lauter Kunst.

Da diese lächerliche Gesellschaft mitten auf dem Platz angekommen war, wendete sich die alte Hexe — denn das war sie — gegen die Prinzessin und begann einen langen französischen Neujahrswunsch mit den affektiertesten Stellungen von dem Tragstuhl herab zu deklamieren, wo immer das erste Wort „amour“ das zweite „plaisir“, das dritte „la cour“, das vierte „souvenir“, das fünfte „bonheur“ das sechste „douceur“ war, und als sie recht in die Furie der Begeisterung kam, trat die alte Zieraffe auf den Sitz des Tragstuhls und machte eine Stellung, als ob sie fliegen wollte, und sagte:

Ce sont les vœux que tracent

Les amours et les graces

Avec le griffle de l’histoire

Dans le marbre de la memoire;

Acceptez, princesse, les offrandes

De votre très humble servante,

Mademoiselle

Zephise

la marquise

de Pimpernelle.

Aber, perdauz! da flog sie vom Tragstuhl Herunter in das Ölbad, und die beiden Herrn Tanzmeister fielen mit über den Haufen, und es war, als ob der Prinzessin alle Schnürbänder zerplatzten; denn „hi, hi, hi“ und „ha, ha; ha“ fing sie so entsetzlich an zu lachen, dass sie sich den Leib mit beiden Händen halten musste, und „hi, hi, hi“ und „ha, ha, ha“ ging es immer fort; dazu bliesen hundert Trompeter und wirbelten fünfzig Pauker und wurden hundert Kanonenschüsse gelöst und mit allen Glocken geläutet; denn der König hatte alles vorausbestellt, wenn die Prinzessin lachen sollte. Und da er hinter einem Fensterladen zugesehen, hatte er gleich bei dem Gelächter Liebseelchens eine Pistole zum Fenster hinaus losgeschossen, welches das Zeichen war, dass die Festivitäten losgehen sollten.

Indessen waren viele Menschen herzugelaufen und lachten auch über die Strafe, welche die unvernünftige Mademoiselle Pimpernelle erlebt hatte. Die hatte sich endlich ohne alle Grazie, so beschmiert sie war, aufgemacht, und vor Zorn glühend, machte sie zwei Fäuste gegen die lachende Liebseelchen und schrie:

Du lachst über mich, Liebseelchen,

Du sollst weinen über mich, Trübseelchen!

Denn keinen andern Mann sollst du haben

Als einen, der ist schon längst begraben:

Aus dem kalten Grab von Marmorsteinen

Sollst du den Prinzen Röhropp herausweinen!

Diesen Fluch gibt dir die Mademoiselle

Zephise

Marquise

De Pimpernelle.

Und als sie diese Worte in heftigem Zorne ausgesprochen, fing sie an, an allen Orten wie ein Feuerwerk zu brennen; die zwei Tanzmeister drehten sich auch wie Feuerräder, sie knisterten und knasterten, und mit Zisch und Zasch und Nakedakdakdak fuhr die ganze Gesellschaft wie Raketen in die Luft und verschwand über der Stadt mit einem Pech- und Schwefelgeruch. Eine alte Schnürbrust, eine Perücke und ein paar Fischbeine fielen an die Erde; sonst sah man nichts mehr.

Der König begab sich nun voller Freuden zu Liebseelchen, um ihr für ihr Lachen zu danken. Er fand in ihrem Vorzimmer einen jungen Pagen. Der warf sich ihm zu Füssen und sprach: „Gnädiger König, wollt mir eine Belohnung geben, denn ich bin eigentlich schuld an dem ganzen Gelächter. Da die abscheuliche Pimpernelle so lächerlich auf dem Tragstuhl stand, reichte ich den beiden Tanzmeistern, welche den Tragstuhl hielten, eine Prise vom feinsten Schnupftabak, und weil sie mit beiden Händen die Arme des Tragstuhls hielten, musste ich ihnen die Prise in die Nase reiben, worauf sie so heftig niesten, dass die Pimpernelle durch die Erschütterung mitsamt ihnen über den Haufen fiel.“ Der König lachte hierüber nochmals von Herzen und machte ihm eine goldne Schnupftabaksdose mit seinem Gemälde in Brillanten gefasst zum Geschenk, mit dem Befehl, dass er sie an dem Strumpfband der Pimpernelle, das man auf dem Platz gefunden, an dem Hals tragen solle. Hierauf gab er ihm noch den Auftrag, dass heute abend die ganze Stadt solle erleuchtet sein, und ging dann in die Stube der Liebseelchen.

Aber wie erstaunte der König, da er diese nicht weniger als lachend antraf! Sie war vielmehr trauriger als je und wiederholte immer den Fluch der Pimpernelle:

Aus dem kalten Grab von Marmorsteinen

Sollst du den Prinzen Röhropp herausweinen.

Der König gab sich alle Mühe, ihr dies auszureden, aber alles war vergebens, so dass er sie endlich verliess, um nähere Anstalten zu der Beleuchtung zu treffen, in der Hoffnung, sie werde vielleicht heute nacht die Grillen verschlafen.

Die Sonne ging unter, die Nacht kam heran, und viele tausend Lampen brannten an allen Fenstern der Stadt. Alle Gassen waren voll lustiger, lachender Leute; besonders waren viele junge Fräuleins, welche die garstige Mademoiselle Zephise Marquise Pimpernelle sehr gequält hatte, voller Freude und sangen durch alle Strassen:

Die Mademoiselle

Zephise Marquise

De Pimpernelle

Fuhr in die Hölle.

Und so ging der Zug nach der Wohnung der alten Zauberin. Man brach die Türen ein und warf alle ihre Perücken und Schnürbrüste und Schminktöpfe und Fischbeine und allen Lumpenkram zum Fenster hinaus, machte ein grosses Feuer daraus und tanzte und sprang herum; dabei stand der lustige König und lachte so herzlich, dass er ganz seine Tochter Liebseelchen vergass.

Während dieser allgemeinen Freude hatte Liebseelchen etwas ganz anderes vor. Der Gedanken an den Prinzen Röhropp, den sie aus dem Grab weinen sollte, hatte ihre Seele so eingenommen, dass sie keine Ruhe und keine Rast mehr hatte. Sie machte sich ein Bündel Kleider zusammen, legte alle ihre Juwelen hinein, schlich sich in den Stall, packte das Bündelchen auf ihr kleines weisses Pferdchen, setzte sich drauf und ritt hinten durch den Schlossgarten zur Stadt hinaus. Kein Mensch bemerkte sie, denn alle Dienerschaft des Schlosses lief in der Stadt herum, die Beleuchtung zu sehen.

Bald verlor sie die lärmende, flimmernde Stadt aus den Augen und ritt in einen tiefen Wald hinein, wo sie, in der Dunkelheit der Nacht, ihrer Trauer recht nachhängen konnte. Auf einmal kam sie mit ihrem Pferdchen an einen reissenden Bach, an welchem drei alte Mütterchen sassen; die waren steinalt, krummgebückt und stützten sich auf Krücken und sprachen:

Da stehen wir mit der Krücke

Am Wasser ohne Brücke,

Wir tragen wohl hundert Jahre schwer,

Ach, wer nur erst überm Wasser wär!

Da sprach Liebseelchen zu ihnen:

Meinem Schimmelchen sein Rücken,

Der ist so gut wie Brücken,

Sitzt hinter mich hübsch nach der Reih!

Hinüber trag ich euch alle drei.

Da setzte sich das eine alte Mütterchen hinter Liebseelschen, und sie trieb ihr Pferdchen ins Wasser und schwamm hinüber und setzte die Alte ans Land, schwamm wieder zurück und holte die zweite und zuletzt auch die dritte Alte glücklich hinüber. Als sie alle drüben waren, dankten sie. Liebseelchen sehr, und da sie sagten, dass sie noch ein ziemlich Stückchen Weg an den Ort ihrer Bestimmung hätten, setzte Liebseelchen sie immer abwechselnd auf ihr Pferdchen, damit sie nicht so müde wurden. Unterwegs plauderten die Alten allerlei; aber Liebseelchen war immer still und dachte an den Prinz Röhropp in den Marmelsteinen, den sie sollte aus dem Grab herausweinen.

Auf einmal kamen sie an einen freien Platz im Wald, da schien der Mond so hell wie Silber, und in der Mitte stand ein grosser Nussbaum voll Nüsse, die klinkerten und klankerten, vom Winde bewegt, wie goldne Glocken. „Nun“, sagten die Alten, „sind wir da.

Wir Alten mit den Krücken,

Am Wasser ohne Brücken,

Kamen auf Schimmels Rücken,

Wo wir jetzt Nüsse pflücken.

Das Klettern fällt uns gar zu schwer,

Ach, wenn nur eine Leiter da wär!

Da sprach Liebseelchen:

Ich steig auf Schimmelchens Rücken

Und schlag die Nüsse mit den Krücken,

Das ist so gut wie Pflücken.

Klinkele, klankele in dem Wind,

Nun hebt die Nüsse auf geschwind!

Und das ging prächtig. Liebseelchen stellte sich auf ihren Schimmel und schlug die Nüsse mit einer Krücke herunter, aber die Alten waren noch nicht zufrieden und sangen:

Wir Alten mit den Krücken,

Wir haben müde Rücken

Und können uns nicht bücken,

Das Nüsselesen fällt gar zu schwer,

Ach, wenn nur alles im Sack drinne wär!

Aber Liebseelchen war unermüdet gefällig und sammelte den Alten alle Nüsse in den Sack, so dass sie endlich sehr müde ward, und da die alten Mütterchen sie seufzen hörten, sagten sie: „Genug, mein Kind, genug, du seufzest so schwer, du bist so müd!“ „Ach“, sagte Liebseelchen:

Ich seufze nicht aus Müdigkeit,

Ich seufz aus grossem Herzeleid.

Prinz Röhropp liegt tot in Marmorsteinen,

Den muss ich aus dem Grab herausweinen.

„O weh! O weh!“ sagten da die alten Mütterchen. „Das wird viel Tränen kosten, da wirst du viel weinen müssen, armes Kind!

Doch fasse. Mut,

Wir sind dir gut,

Wir wollen dir hier schenken

Drei Nüsse zum Angedenken.

Kömmst du in Not und grosse Pein:

So knacke eine Wünschelnuss,

Dann wird dir gleich geholfen sein

Zu Lust und Freud und Überfluss.

Da gab ihr jede eine Nuss, die knüpfte sie in ihre Schürze und stieg zu Pferd, und die Alten riefen:

Leb wohl! leb wohl! gradaus,

So kömmst du aus dem Wald hinaus!

Und nach diesen Worten verschwanden die Alten in der Luft, und der Schimmel flog mit Liebseelchen durch die Büsche, dass ihr die Haare sausten und die Nüsse in der Schürze klingelten.

Schon war sie über Berg und Tal gekommen, da hörte. der Schimmel auf zu galoppieren und trabte. Schon war sie durch den jungen Wald und über die Moosheide gekommen, und der Himmel war voll Sterne, und der Mond ging unter; da hörte der Schimmel auf, so stark zu traben, und ging einen starken Schritt. Schon war der Himmel weiss gegen Morgen, die Hasen gingen schon in die Kohlfelder nach ihrem Morgenbrot, Hähne krähten in der Ferne, und die Haare Liebseelchens und die Mähne ihres Schimmelchens waren nass von Morgentau; da ging der Schimmel einen sehr langsamen Schritt, und Liebseelchen, matt und müd, nickte mit dem Kopf und schlief ein und wusste nichts mehr von sich, aber der Schimmel ging seinen leisen Schritt fort und frass hie und da ein bisschen Gras, das am Rande der Gartenfelder stand, durch welche bereits der Weg ging. Auf einmal stand der Schimmel still; Wasser spritze Liebseelchen ins Gesicht, sie wachte auf, rieb sich die Augen. Da sahe sie, dass ihr Ross aus dem Becken eines Springbrunnens trank, dessen Strahl sie benetzt hatte.

Dieser Springbrunnen stand auf einem grossen freien Platz, an der einen Seite eines marmorsteinernen Grabmals, auf welchem ein geharnischter Ritter mit gefaltnen Händen lag, und zur andern Seite des Grabmals sprang noch ein Springbrunnen, auf dem Grabmal aber sang eine Schwalbe ihr Morgenlied. Das weisse Grabmal schimmerte rötlich von der Morgensonne, welche in der Ferne über den Türmen einer grossen Stadt aufzog. Der Schimmel schlürfte ruhig das Wasser ein und schüttelte sich. Da kam Liebseelchen erst recht zu sich, sprang vom Sattel und sagte: „O du lieber Himmel! Das ist gewiss

Prinz Röhropp in den Marmelsteinen,

Den ich aus seinem Grab soll weinen.“

Da ging die Sonne in die Höhe, und sie las auf der einen Seite des Grabmals folgende Inschrift:

Brunnen, ihr mögt ewig weinen,

Strudelnd, sprudelnd ab und auf,

Röhropp in den Marmelsteinen

Wacht nicht auf von eurem Lauf;

Nimmer, nimmer ist’s genug!

Wenn der schwarze Tränenkrug,

Der hier hänget an dem Grabe,

Erst von Tränen überquillt,

Dann erwacht das Marmelbild

Und reicht für die Tränengabe

Kron und Zepter, Leut und Land,

Lieb und Freundschaft, Herz und Hand

Dann der frommen Weinerin

Gerne hin.

Also heisst der Zauberspruch

In dem alten Wunderbuch!

Und neben dieser Inschrift hing, ein grosser Tränenkrug, in welchen wohl zwei Masse gingen. Liebseelchen nahm diesen Krug herab, setzte sich auf die Bank an dem einen Springbrunnen hin, nahm den Krug zwischen die Knie, hängte das Haupt über ihn nieder, und es kamen ihr so traurige Gedanken, dass ihr die Augen wie zwei Kristallquellen von Tränen überflossen. So sass sie da in bitterer Wehmut und weinte. Ihr Pferdchen graste ringsherum und kam manchmal zu trinken neben sie an den Brunnen. Und die Sonne stieg, und das Grabmal warf einen Schatten, und der Schatten ward kleiner und verschwand, und die Sonne stand hoch oben, es war Mittag, und der Schatten fiel nach der andern Seite und ward gross und grösser, es ward Abend, die Sonne sank, es ward Nacht, die Sterne kamen und der Mond — und der Morgen kam und fand Liebseelchen immer weinend.

Der zweite Tag verging und die zweite Nacht — da war das arme Liebseelchen so müde und so abgeweint, dass ihr alle Gedanken vergingen und ihr der Kopf auf den Rand des Brunnens sank. Sie schlief ein, und der Krug war erst dreiviertel voll; da kam das Pferdchen zu ihr herangelaufen und schaute sie an, und da es seine liebe Prinzessin so blass und so verweint sah, ward es gar betrübt, und es flossen dem treuen Tier auch grosse Tränen aus den Augen und in das Gefäss nieder, so dass in wenig Minuten der Krug bis auf einen Finger breit voll war.

Aber nun kam eine hässliche, böse, schwarze Mohrin mit einem Eimer an den Brunnen, Wasser zu holen, und da der Schimmel nie Mohren gesehen hatte, erschrak er und trabte weg in die Ferne. Diese Mohrin kannte sehr wohl den Zauberspruch, der an dem Brunnen stand, und da sie sah, dass Liebseelchen den Krug beinah vollgeweint hatte, nahm sie ihr denselben leise, leise zwischen den Knien weg, holte eine Zwiebel aus der Tasche und rieb sich die Augen damit, worüber ihr die Tränen so reichlich niederflossen, dass der Krug bald voll wurde. Als sie den letzten Tropfen hineinweinte, fing der Krug an überzufliessen, das Steinbild des Prinzen Röhropp rührte sich, rieb sich die Augen, streckte sich, gähnte wie einer, der vom Schlaf erwacht, richtete sich auf und stieg herab und umarmte die garstige Russika (so hiess die Mohrin), pochte dann mit seinem Schwert an das Grab: das tat sich auf; da kamen allerlei Kammerdiener und Hofdamen heraus und viele Pagen; die legten der Mohrin einen goldnen Mantel um und setzten ihr eine Krone auf; dann kamen auch allerlei Musikanten heraus, und alle ordneten sich in einen Zug, und die Musikanten zogen voraus und spielten, und sie zogen wie eine Hochzeit nach der Stadt, welche mit allen Glocken an zu läuten fing, um ihren entzauberten Prinzen nebst seiner Braut zu empfangen.

Sie waren schon ein Stückchen Wegs weggezogen, als das Pferdchen zu Liebseelchen herankam und so heftig zu wiehern begann, dass sie erwachte. Da sah sie dem Zug nach und begriff bald ihr Unglück. Sie rang die Hände und raufte die Haare und weinte genug, um den Krug nochmals zu füllen; aber verschlafen war verschlafen! Da rasselten wie sie sich die Augen trocknen wollte, die goldenen Wünschelnüsse der drei alten Mütterchen in ihrer Schürze, und sie dachte des Spruches der Alten, dass die Nüsse ihr in der Not helfen sollten. „Wohlan, ich will mein Heil versuchen,“ sprach sie, setzte sich auf das Schimmelchen und ritt ruhig nach der Stadt. In der Stadt fand sie alles voll Jubel und Freude, dass der Prinz Röhropp von seinem Zauberschlaf erlöst sei, und sie kaufte sich seinem Palaste gegenüber, worin er mit der bösen Mohrin wohnte, ein prächtiges Haus für die Edelsteine, die sie aus Schattentalien mitgebracht, mietete sich viele hübsche und fromme Mägde, welche sie alle in weisse Kleider, mit roten Bändern geschmückt, kleidete; sie selbst aber ging immer schwarz, zum Zeichen ihrer Trauer, nur trug sie oft eine grüne Schärpe, zum Zeichen, dass sie noch hoffe, glücklich zu werden. Ihr gutes Schimmelchen hatte einen marmornen Stall und eine Krippe von Helfenbein, und sie fütterte und tränkte es mit ihren eignen Händen. Und ihren Dienerinnen hatte sie lauter schwarze Pferdchen gekauft und ritt manchmal mit ihnen, zur grossen Verwunderung der Stadt, vor ihnen auf ihrem Schimmelchen spazieren. Wenn sie zu Haus war, sass sie meist auf einem kleinen Turm und sah mit grosser Betrübnis in den Schlossgarten gegenüber, wie Prinz Röhropp unermüdlich mit tausend Gefälligkeiten um die falsche schwarze Mohrin beschäftigt war, gleich einer Fledermaus, die um die Nacht herumfliegt. Aber es sollte bald anders werden, er sollte sich bald um Liebseelchen bemühen, wie ein Adler, der um die Sonne fliegt.

Einstens morgens, da Prinz Röhropp zu der schwarzen Russika kam, hatte diese eine goldne Wiege neben sich stehen und in ihrem Arm ein mit Purpurwindeln bedecktes Päckchen. „Ach,“ rief Prinz Röhropp aus, „hätte der Himmel meine Wünsche erhört und mir ein kleines liebes Kindchen geschenkt? O zeige mir es, liebste Russika!“ „Ja,“ erwiderte diese,

Ein schönes Kind,

Doch zeig ich’s nicht,

Es wird sonst blind

Vom Sonnenlicht.

„Gedulden Sie sich, mein Prinz, Sie werden es schon früh genug sehen.“ Hierüber ward der Prinz betrübt und sah zum Fenster hinaus, und da ritt Liebseelchen grade auf ihrem Schimmelchen vor ihren schönen Dienerinnen über den Platz. Da der Prinz sie sah, grüsste er sie; sie erwiderte den Gruss und liess ihr Pferdchen so schön springen und tanzen, dass der Prinz vor Freuden ausrief: „Ach, welche wunderschöne Prinzessin! Die ist ja, als wenn sie grade aus dem Himmel herabgekommen wäre!“ Da Russika dies hörte, sagte sie voll Zorn:

Prinz Röhropp, du,

Mach’s Fenster zu,

Oder ich bringe dir grosse Not,

Steche mit der Nadel das Prinzchen tot!

Da erschrak Röhropp sehr, machte das Fenster zu und sah nicht mehr hinaus.

Liebseelchen war sehr erfreut gewesen über den freundlichen Gruss Röhropps; aber das war eine kurze Freude. Sie lauerte wohl tagelang am Fenster, er liess sich, wegen der Drohung der Mohrin, nicht mehr sehen. Als Liebseelchen einstens in traurigen Gedanken am Fenster sass, erblickte sie gegenüber die böse Russika mit ihrem bedeckten Wickelkind auch am Fenster sitzend. Da ward sie so betrübt, dass sie aus grosser Not und. Pein eine von den goldnen Wünschelnüssen der alten Mütterchen aufbiss, und siehe, ein wunderschöner, bunter, kleiner Papagei flog heraus und um Liebseeichen herum und gaukelte wie ein Äffchen und plauderte und sang allerlei allerliebstes Zeug durcheinander.

Russika hatte kaum den Vogel gesehen, als sie rief: „Röhropp! Röhropp!“ Und da der Prinz ihr nahte, zeigte sie auf den Vogel und sagte:

Prinz Röhropp, gleich

Papperle mir reich,

Oder ich bringe dir grosse Not,

Steche mit der Nadel das Prinzchen tot!

Was sollte der arme Prinz anfangen? Er musste gleich einen Edelknaben hinüber zu Liebseelchen schicken und sie fragen lassen, ob sie ihm das schöne Papperle nicht verkaufen wolle. Liebseelchen erwiderte dem Boten, sie sei keine Krämerin, sie habe nie etwas verkauft; aber sie mache sich eine Ehre draus, dem Prinzen das Papperle zu schenken, und so überreichte sie den Vogel dem Edelknaben, der ihn hinüber zur garstigen Russika brachte.

Vier Tage drauf sassen Russika und Liebseelchen wieder am Fenster, und Liebseelchen knackte die zweite Wünschelnuss auf. Aus der kam eine schöne goldne Henne mit zwölf goldnen Küchelchen, welche um sie herum pickten und piepten. Die Henne gluckte so süss wie eine Flöte und nahm sie unter die Flügel, und das war so wunderlich anzusehen, dass Russika die kleine goldne Brut kaum erblickt hatte, als sie rief: „Röhropp! Röhropp!“ Der Prinz kam. Die Mohrin zeigte hinüber und sagte:

Prinz Röhrepp, gleich

Goldglucke mir reich,

Oder ich bringe dir grosse Not,

Steche mit dem Messer das Prinzchen tot!

Röhropp kannte die zornige Gemütsart der Russika; er konnte nicht anders, er schickte abermals den Edelknaben hinüber und liess tausendmal um Entschuldigung bitten, dass er so unglücklich sei, um die Goldglucke bitten zu müssen, und Liebseelchen gab die Goldglucke und die zwölf Küchlein hin.

Vier Tage gingen abermals vorbei; Liebseelchen sass wieder am Fenster und gegenüber die böse Mohrin. Da knackte Liebseelchen die dritte Nuss auf, und sieh, eine kleine, wunderbar schöne Puppe kam heraus; sie hatte einen kleinen Spinnrocken in der Hand und spann Gold und drehte die Spindel so artig und leckte die Fingerchen so zierlich, dass es eine Freude war, sie anzusehen. Kaum hatte Russika dieses Wunderpüppchen gesehen, als sie dem Prinzen rief, hinüberzeigte und sprach:

Prinz Röhropp, gleich

Spinnpuppe mir reich,

Oder ich bringe dir grosse Not,

Steche mit dem Messer das Prinzchen tot!

Röhropp war in Verzweiflung über die Unverschämtheit der Mohrin, die alles haben wollte, was sie sah, und weil er, sich schämte, den Edelknaben wieder hinüberzuschicken, ging er selbst in die Wohnung seiner Nachbarin.

Liebseelchen empfing ihn mit der grössten Freundlichkeit. Er brachte sein Anliegen mit grosser Verlegenheit vor, und als Liebseelchen, um ihn länger bei sich zu sehen, allerlei Schwierigkeiten machte, ihm die Puppe zu schenken, sagte er endlich: „Verehrte Prinzessin, ach, ich will Ihnen ja gern alles, was mein ist, drum geben; schenken Sie mir nur die Puppe und retten Sie meinem Prinzen das Leben! Bedenken Sie, dass ich der Russika, welche die Puppe haben will, mein eignes Leben verdanke! Sie ist es, die mich aus dem Grabe herausgeweint, aber ich muss sagen, sie hat mir keinen Gefallen damit getan, ich wollte lieber ewig versteinert liegengeblieben sein, als dass ich jetzt so von ihr gequält und gepeinigt bin.“ Da Liebseelchen dies hörte, ward sie sehr traurig über den Betrug und die Undankbarkeit der Mohrin. Sie gab dem Prinzen Röhropp die Puppe mit Tränen und verschloss sich in ihre Kammer und weinte.

Röhropp, nicht weniger betrübt als Liebseelchen, brachte die spinnende Puppe seiner bösen Mohrin. Diese nahm die Puppe auf den Arm und trieb sie immer an zu spinnen mit den Worten:

Spinn, Puppe, spinn!

Spinn ein königliches Kleid,

Zwanzig Ellen lang und breit!

Und wird dir der Faden brechen,

Will ich dich mit Nadeln stechen,

Spinn, Puppe, spinn!

Da spann die kleine Puppe immer emsiger und emsiger. Da Russika sie aber immer noch mehr antrieb und endlich eine Nadel hervorzog, guckte die kleine Puppe sie zornig an und sprach:

Russika, dụ treibst’s zu toll;

Wenn ich immer spinnen soll,

Musst du Märchen mir erzählen

Und nicht schmähen stets und quälen;

Willst du nicht in zehen Tagen

Fünfzig Märchen her mir sagen,

So will ich dem Röhropp klagen,

Dass du ihn so grob belogen,

Dass Liebseelchen du betrogen;

Denn du stahlst den Tränenkrug.

Merk dir das und werde klug!

Als die Mohrin dies gehört hatte, ward es ihr angst und bang; denn sie wusste auch gar keine einzige Geschichte als eine, die erzählte sie gleich:

Es war einmal ein Mann,

Der hiess Pumpam,

Pumpam hiess er,

An einen Stein stiess er

Und fiel dann in ein Loch,

Ich glaub, da liegt er noch!

Die Puppe aber sagte, dies Märchen sei sehr dumm, sie wolle etwas Besseres hören, und wenn nicht gleich eine ganze Spinnstube voll Erzählerinnen herbeigeschafft werde, so wolle sie gleich dem Prinzen Röhropp alles sagen; denn hören müsste sie oder schwätzen. Da wünschte Russika die Puppe über alle Berge und rief: „Röhropp!“ Der kam und ward von ihr mit den Worten empfangen:

Röhropp, such zehn Spinnerinnen,

Die auf fünfzig Märchen sinnen,

Sonst bring ich dir grosse Not,

Steche mit dem Messer das Prinzchen tot!

Da liess Prinz Röhropp voll Herzensangst in der Stadt und auf dem Lande durch Trompeter bekanntmachen, alle alte Mütterchen, welche schöne Geschichten erzählen könnten, sollten sich morgen abend mit ihren Spinnrädern vor dem Schlosse einstellen. Da entstand eine Bewegung im ganzen Land; aus allen Winkeln, hinter allen Öfen hervor, aus allen Bodenkammern, von allen Kirchentüren weg kamen die alten Mütterchen zusammengelaufen. Sie wuschen und trockneten und flickten und plätteten alle ihre schönsten Kleider. Da rasselten die Schlüssel, da knackten die alten Kastendeckel, da knarrten die alten Schranktüren im ganzen Land, als sie ihren alten Putz hervorsuchten; dabei war ein Geplapper und Geschnatter und Gezische und ein Spektakel ohne Ende. Sie wuschen die alten Spinnräder und schmierten sie mit Öl und legten den schönsten Flachs um die Rocken, und so ging der Zug von allen Seiten auf die Stadt und den Schlossplatz zu.

Da liess sie der Prinz Röhropp in einen grossen Kreis setzen mit ihren Spinnrädern, und die zehn, welche zuerst ihren Rocken abgesponnen, die sollten die Ehre haben, der Prinzessin Russika Märchen zu erzählen. Kaum war dies bekanntgemacht, als alle im Kreis geschwind wie der Wind die Brillen auf der Nase hatten, und nun ging es an ein Schnurren von einigen hundert Rädern, und die zehn, welche zuerst fertig wurden, waren nach der Reihe die lange Jungfer Elsefinger, die magere Fräulein Klarefädchen, die muntere Frau Zipflore, die bucklichte Jungfer Radebärbl, die witzige Fräulein Spulendoris, die scharfsinnige Frau Hecheltonie, die Jungfer Weifenseppel, die eifrige Fräulein Haspelrosa, die emsige Frau Spindelmarthe und die zierliche Jungfer Kunkelrieke.

Als diese zuerst fertig waren, wurden sie in das Schloss geführt; die andern aber, welche aus der Stadt waren, wurden auch reichlich beschenkt nach Hause geschickt; die aber vom Lande wurden auch reichlich beschenkt, auf mehrere Wurstwagen mit ihren Spinnrädern gesetzt und wieder nach Haus gefahren.

Die zehn Auserwählten mussten sich im Schlossgarten mit ihren Spinnrocken im Halbkreis setzen. In der Mitte sass döse Mohrin Russika; auf dem Schosse hatte sie das mit roten Windeln zugedeckte Prinzchen, auf dem Arm die goldspinnende Puppe, zur Linken sass der schöne Papagei auf einer Stange, zu ihren Füssen, in einem silbernen Hühnerkorb, aber die goldne Glucke mit den zwölf Küchlein, und über die ganze Gesellschaft war ein Teppich gegen die Sonne gespannt; und damit die Gesellschaft recht vollkommen sei, hatten sich ein Klapperstorch und ein Gockelhahn und ein Pfau oben auf den Baldachin gesetzt; auch viele Vögel, Katzen, Kaninchen und Hündchen fanden sich ein, und einige Edelknaben trugen mancherlei Zuckerwerk, eingemachte, getrocknete und frische Früchte umher, und auch süsse Weine wurden im Überfluss gereicht, nach welcherlei Leckereien die alten Spinnerinnen sehr lecker sind und die Finger darnach lecken, was zum Spinnen sehr nötig ist.

Sie hatten sich alle erquickt und wollten soeben den nahen Springbrunnen, der wie ein Schulmeister solcher Gesellschaft ihnen unermüdet vorplauderte, plätscherte und murmelte, mit Geschwätz und Rädergeschnurr überlärmen, als Röhropp sich erhob und sprach: „Tugendbare, wehrlose Jungfern, ehegeborne lehnreiche Fräulein und hochachtzigbare und hochwürdige Matronen des edlen Spinnerordens, kunkelhafte Spuldamen, Spindelfräulein und Rockenmägdlein! Sie haben sich hier versammelt, um die grosse Begierde meiner teuern Russika nach Märchen zu stillen. Wir werden also alle Abend hier beisammensitzen und der Reihe nach die schönsten Geschichten hören, welches meiner Russika zum Trost, allen Zuhörern zum Vergnügen und der Erzählerin zur Ehre gereichen wird; denn nichts ziert einen erfahrnen Menschen so sehr, als wenn er schöne Geschichten zu erzählen weiss, Geschichten, bei deren Anhörung der Weber sein Schiff, der Advokat seine Feder, der Apotheker seinen Mörser, der Scherenschleifer sein Rad und Kinder ihr Butterbrot ruhen lassen, um besser zuhören zu können. Es ist die Neugierde meiner Russika sehr wohl zu entschuldigen; denn es sprechen grosse Philosophen: Wie uns an der Wiege gesungen wird, so werden wir wieder singen, und so erzählt dann nach der Reihe schöne Geschichten, damit mein schönes Prinzchen, welches so munter unter der Purpurdecke im Schosse Russikas schnarchet, sich etwas Angenehmes träumen lasse!“

Nach diesen Worten sagte die neugierige Frau Spindelmarthe, ob es dann nicht erlaubt sei, den kleinen allerliebsten Prinzen ein wenig zu betrachten, worauf Russika befehlend antwortete:

Mein schönes Kind,

Das zeig ich nicht,

Es wird mir blind

Vom Sonnenlicht.

Da versetzte Fräulein Spulendoris: „Die Sonne ist schon unter, es kann ihm gar nichts schaden.“ Russika aber en machte ein so zorniges Gesicht, dass Prinz Röhropp sagte: „Meine Damen, beunruhigen. Sie meine Russika nicht! Habe ich doch das Glück selbst noch nicht gehabt, das Prinzchen zu sehen. Lassen Sie uns zu unsren Erzählungen schreiten! Fünf Geschichtchen an jedem Abend, so sind wir in zehn Tagen mit den fünfzig Märchen fertig. Wohlan, Jungfer Elsefinger“ — welche ihren Rocken zuerst abgesponnen hatte — „Sie haben die erste Stimme.“

Jungfer Elsefinger rückte sich zurecht, nahm eine frische Feige in den Mund, damit er ihr beim Erzählen und Fingerlecken nicht trocken werden solle. Da rückten sich alle in die Ordnung und horchten, die Frauen, die Spinnpuppe, das Papperle, die Goldglucke mit den Küchlein, der Pfau, der Storch, der Gockelhahn und die Turteltaube und die Katze und das Seidenhäschen, und das Hündchen und das Mäuschen schwiegen mausstille, der Brunnen plätscherte leiser, die Grillen hörten auf zu zirpen, die Käfer brummten nicht mehr, die Bienen schlüpften in die Lilienkelche und lauschten, aber leuchtende Johanneskäfer schwebten durch die warme Luft, und die Spindeln schnurrten angenehm um die Gesellschaft herum. Jungfer Elsefinger aber erzählte.

Myrtenfräulein

Im sandigen Lande, wo nicht viel Grünes wächst, wohnten einige Meilen von der porzellanenen Hauptstadt, wo der Prinz Wetschwuth residierte, ein Töpfer und seine Frau mitten auf ihrem Tonfeld neben ihrem Töpferofen, beide ohne Kinder, einsam und allein. Das Land war ringsum so flach wie ein See, kein Baum und kein Busch war zu sehen, und es war gar betrübt und langweilig. Täglich beteten die guten Leute zum Himmel, er möge ihnen doch ein Kind bescheren, damit sie eine Unterhaltung hätten, aber der Himmel erhörte ihre Wünsche nicht. Der Töpfer verzierte alle seine Gefässe mit schönen Engelsköpfen, und die Töpferin träumte alle Nacht von grünen Wiesen und anmutigen Gebüschen und Bäumen, bei welchen Kinder spielten; denn wonach das Herz sich sehnt, das hat man immer vor Augen.

Einstens hatte der Töpfer seiner Frau zwei schöne Werke auf ihren Geburtstag verfertigt, eine wunderschöne Wiege von dem weissesten Ton, ganz mit goldnen Engelsköpfen und Rosen verziert, und ein grosses Gartengefäss von rotem Ton, rings mit bunten Schmetterlingen und Blumen bemalt. Sie machte sich ein Bettchen in die Wiege und füllte das Gartengefäss mit der besten Erde, die sie selbst stundenweit in ihrer Schürze dazu herbeitrug, und so stellte sie die beiden Geschenke neben ihre Schlafstelle, in beständiger Hoffnung, Der Himmel werde ihr ihre Bitte gewähren; und so betete sie auch einst abends von ganzer Seele:

Herr, ich flehe auf den Knieen,

Schenke mir ein liebes Kind!

Fromm will ich es auferziehen,

Ist’s ein Mägdlein, dass es spinnt

Einen klaren, reinen Faden

Und dabei hübsch singt und betet;

It’s ein Sohn durch deine Gnaden,

Dass er kluge Dinge redet

Und ein Mann wird treu von Worten,

Stark von Willen, kühn von Tat,

Der geehrt wird allerorten,

Wie im Kampfe, so im Rat.

Herr, bereitet ist die Wiege,

Gib, dass mir ein Kind drin liege!

Ach, und sollte es nicht sein,

Gib mir doch nur eine Wonne,

Wär’s auch nur ein Blümelein,

Das ich in der lieben Sonne

Könnte ziehen, könnte pflegen,

Dass ich mich mit meinem Gatten

Einst im selbsterzognen Schatten

Unter ihm ins Gras könnt legen!