Iussinien - Rebekka Vera - E-Book

Iussinien E-Book

Rebekka Vera

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Beschreibung

Eigentlich scheint das Leben von Rose ziemlich perfekt zu sein, wenn da nicht immer diese verdammten Alpträume wären, die sie ständig verfolgen. Erst als sie in der Schule auf Kai, den Jungen aus ihrem Traum trifft, wird Rose schlagartig klar, dass es hier um mehr geht, als ihr bisher bewusst war. Kai hingegen blockt jeglichen Kontakt zu ihr grundlos ab und scheint ihr ständig aus dem Weg zu gehen. Als am Tag vor Roses 16. Geburtstag ihre Mutter und ihre kleine Schwester entführt werden, ist es Kai, der sie vor den mysteriösen Angreifern rettet und sie in eine ihr bisher unbekannte Welt namens Iussinien bringt. Obwohl er alles daran setzt, sie zu beschützen, muss Rose schließlich für sich selbst entscheiden, wem sie trauen kann und wer ein falsches Spiel mit ihr spielt. Denn Kai ist nicht der Einzige, der Rose zu helfen versucht. Es gibt hier nämlich noch viel mehr, das sie mit dieser Welt verbindet.

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Prolog: Iussiniens Reiche

Ein verregnetes Wochenende

Vorfreude, Tests und andere Überraschungen

Grendon und seine Kumpane

Das Amulett der Macht

Iussinien

Kaiden ist böse?

Die Augenfische

Grendons Gefangene

Die Musen

Ein Besuch bei der Königin

In Ilnses

Der Angriff

Jaon

Das Grenzgebirge

Gut oder Böse?

Der Ball

Der Anschlag

Hondron

Der Kampf im Thronsaal

Die Heimreise

Im Schloss

Seltsame Bilder

Eine schwere Entscheidung

Ein Tanz

Ein verlorener Schuh

Zurück zur Normalität?

Prolog: Iussiniens Reiche

Die Götter Iussiniens waren erzürnt. Der höchste Gott Zeradon lag im Sterben und seine beiden Söhne Dioneter und Diares stritten sich jetzt schon um das Reich, die Krone und das Amulett der Macht, das seinem Träger so große Macht verleihen konnte, dass dieser einen Kampf auf Anhieb gewinnen könnte. Doch wem der beiden sollte Zeradon das Amulett nur vererben? Egal wem er es gab, der Zweite würde immer einen Kampf um Leben und Tod beginnen. Vielleicht würde sogar einer der anderen Nichtsnutze von Göttern, die nichts anderes außer ihr eigenes Vergnügen oder Weltherrschaft im Kopf hatten, die Macht übernehmen. Zeradon machte sich Sorgen. Seit Ewigkeiten hatte er dieses Reich nun schon regiert und nie über so etwas nachgedacht. Aber auch Götter leben nicht bis in alle Ewigkeit. Was sollte er denn nun tun?

„Gib mir das Amulett, Vater“, bat Dioneter „Du weißt, dass ich schon immer der Stärkere und Klügere war!“

„Das ist nicht wahr!“, widersprach Diares „Ich bin der Ältere, ich erbe die Krone!“

So trieben die beiden den Vater wieder und wieder in den Wahnsinn. Seine Zeit war gekommen und die Entscheidung immer noch nicht getroffen. So verstarb er und der Kampf wurde nur noch schlimmer. Dioneter und Diares rissen an der Kette, keiner wollte nachgeben. Die anderen Götter ringsum, keiner griff ein. Und so kam es, wie es kommen musste. Die Kette zerriss und die Macht, die darin geborgen war, wurde frei und zerteilte sich in sechs Teile. Liebe, Schönheit, Luft, Vereinigung, Vergangenheit und Entscheidungen.

Diese Teile verteilten sich in ganz Iussinien und niemand kannte ihre genaue Lage. Das Amulett aber wurde auf die Erde gebracht, durch eine Frau, die erste Hüterin dieses Amuletts. Dadurch zerbrach ihre Familie. Die Götter wollten nicht zu viele Bewohner auf die Erde schicken und deren Gedächtnis löschen. Deshalb durften nur drei von ihnen auf die Erde. Doch die Frau war schwanger, hatte zwei Töchter und einen Mann. So bat und flehte sie die mächtigen Götter an, die gesamte Familie gehen zu lassen, doch diese ließen sich nicht erweichen. Deshalb musste die Frau ihren Mann und ihre älteste Tochter schweren Herzens zurücklassen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Ihrer zweiten Tochter wurden die Gedanken gelöscht. Wenn sie alt genug sein würde, würde sie von ihrem Heimatland erfahren, denn eine der Zwei, die mit auf die Erde durften, sollte die nächste Hüterin sein.

Mit dem Abgang der Frau aber war der Streit noch immer nicht vorbei und ein Gebirge wuchs aus dem Boden, das so hoch war, wie noch kein Gebirge es jemals gewesen war. Es teilte Iussinien in zwei Teile. Den einen regierte Dioneter und den anderen Diares. Die übrigen Gottheiten aber gehörten zu beiden Teilen. Die Teile wurden von Menschen besiedelt, die darauf riesige Imperien erschufen. Die Götter wurden zwar verehrt, doch nicht mehr so sehr, wie die Könige es nun wurden, die dort regierten. Das verärgerte die Götter sehr. Deshalb schickten sie nun Blitze, Donner und Regengüsse über ihre Reiche, um die Menschen daran zu erinnern, dass sie selbst es waren, die dieses Reich regierten und sie selbst es sein würden, die dieses Reich zerstörten.

1. Ein verregnetes Wochenende

Ich saß in meinem Zimmer und sah aus dem Fenster. Draußen tobte ein Sturm. Winde peitschten gegen das Glas und Regen ergoss sich auf die Erde. Genau am Wochenende! Genervt sah ich auf das Buch in meiner Hand. Zum Lernen hatte ich jetzt auch keine Lust.

Ich stand auf, ging zu meinem Schreibtisch und legte es zu den anderen ‚absolut unnötigen Fantasiezerstörern‘, wie meine beste Freundin Kate unsere Schulbücher nannte. Dann schmiss ich mich aufs Bett zurück und wartete auf Kate. Sie wollte mich heute eigentlich besuchen kommen. Wo sie nur blieb? Völlig in Gedanken merkte ich gar nicht, wie die Tür aufging und Kate triefend das Zimmer betrat. „Dieser dämliche Regen“, rief sie.

Ich schreckte auf, musste aber augenblicklich grinsen. Kates Haare standen in alle Richtungen. Der Sturm musste sie wirklich ganz schön erwischt haben. „Wunderschön wie immer!“, begrüßte ich sie. Sie zog ihren Mantel aus, legte ihn über meinen Stuhl und kam zu mir aufs Bett. „So ein Mistwetter kommt auch immer nur am Wochenende.“ Sie schüttelte den Kopf und versuchte ihre Haare glatt zu bekommen, was ihr nicht wirklich glückte. „Und für die Mathearbeit hab ich auch noch nicht gelernt!“, meinte sie genervt. „Mister White ist doch völlig verrückt. Er hätte es uns früher sagen müssen, dass wir am Dienstag einen Test schreiben, und nicht fünf Tage davor. Der hat sie doch nicht mehr alle!“ Sie verdrehte die Augen und sah mich an. „Was läuft jetzt eigentlich zwischen dir und Phil?“, fragte sie.

Ich grinste sie an. „Naja, ich fand ihn ja schon immer toll.“

„Nein! Das weiß ich ja schon.“, unterbrach Kate mich.

„Er wollte dich doch am Freitag treffen. Wie war euer Date?“

„Also: Er hat mich abgeholt und wir sind zusammen in den Park zum Picknicken gegangen. Natürlich hatte ich das rote Kleid an, das du mir empfohlen hast. Und naja, er hat mich angesehen und mir gesagt, wie schön ich aussehe. Und dann...“

„Habt ihr euch geküsst!“, beendete Kate meinen Satz und strahlte.

„Nein! Es hat angefangen zu schütten!“ Ich lachte, während Kate enttäuscht schnaufte. „Er hat mir seine Jacke um die Schultern gelegt, weil ich meine zufällig zu Hause vergessen hatte. Dann hat er den Kragen genommen, mich zu sich gezogen und geküsst!“

Kate fing an zu kreischen und wie wild im Zimmer herumzurennen. „Dann hast du jetzt also deinen ersten Freund?“

„Jap. Oh, er ist ja so süß!“, schwärmte ich.

„Ja, und du bist erst fünfzehn! Genieße es!“

„Noch fünfzehn! Wie du weißt, werde ich in einer Woche sechzehn.“

Ja, eine Woche, die ich so schnell nicht wieder vergessen würde.

In dieser Nacht schreckte ich schweißnass auf. Ich hatte wieder diesen Alptraum, der mich seit Tagen, vielleicht auch schon seit Wochen, verfolgte:

Ich stand an einer Klippe - keine Ahnung wo - und schaute nach unten, wo ein Kampf tobte. Nicht irgendeiner zwischen Soldaten, wie man es in Geschichte lernte, sonst hätte es ja irgendwie Sinn gemacht, dass ich so etwas träumte. Nein, es war ein Krieg von Fantasiegestalten!

Ogas schlugen auf kleine Zwerge ein, die immer wieder zwischen ihren riesigen Beinen hindurch liefen.

Ein Schwarm Feen flüchtete auseinander, weil ein Riese mit einem gewaltigen Schwert genau in ihre Mitte schlug.

Ein Typ mit schulterlangem, blondem Haar warf mit Blitzen um sich. Als er mich entdeckte, brüllte er irgendetwas wie < Sosen > und deutete zu mir hoch. Ein rothaariges Mädchen drehte sich zu mir um und schrie: „Flieh!“. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Mein Blick wanderte weiter zum Fuße der Klippe und da sah ich ihn: Einen Jungen, der vielleicht zwei oder drei Jahre älter war als ich. Er lag schwer verwundet am Boden. Obwohl ich nicht wusste, ob oder woher ich ihn kennen sollte, wurde mein Herz schwer wie Blei. Ich wollte zu ihm hinunter, um ihm zu helfen, doch wie sollte ich dorthin kommen?

Seine braunen Haare waren blutgetränkt und kaum zwei Meter neben ihm lag sein Schwert. Doch er war durch die Wunden unfähig zu kämpfen. Seine Augen waren geschlossen. Mühsam wendete ich meinen Blick nach rechts. Da sah ich, dass sich ein gewaltiger Löwe dem Jungen näherte. „Kahtar!“, wisperte ich seinen Namen, ohne sagen zu können, woher ich diesen kannte. Ich wusste, dass er zu den Guten gehörte. Woher? Keine Ahnung! Ich wusste es einfach. Doch da rannte der Löwe los. Bis ich verstand, was dieser vorhatte, war es schon zu spät, um zu schreien. Er hatte etwas im Maul: Es war die Hand des Jungen! Dieser röchelte, schrie vor Schmerz und auch ich fing an zu brüllen. Weil ich ihn irgendwoher kannte, und ich so etwas mit ansehen musste, ….

Aber ich konnte meine Augen nicht abwenden.

Nun näherte sich ihm auch noch ein Mann, dessen schwarzes, lockiges Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden war. „Meine Tochter sollte wissen, auf welcher Seite sie steht! Auf meiner!“, schrie er und stieß sein Schwert in die Brust des Jungen. Ich kreischte, heulte und schluchzte, verlor das Gleichgewicht und stürzte die Klippe hinunter.

Ich kam in den Armen des Mannes auf, der eben den Jungen getötet hatte. Außer dem Schock war mir nichts passiert. „Du hättest wissen sollen, wohin du gehörst!“, sagte er. Dann nahm er sein Schwert und alles wurde weiß.

---

Slown saß auf ihrem Thron und wartete. Schon vor Stunden hatte sie einen Boten nach Grendon und seinen Männern gesandt, doch bis jetzt noch keine Meldung erhalten. Langsam machte sie sich ernsthafte Sorgen. Mit den Fingern begann sie eine Melodie zu trommeln. Tick, tick, tock. Tick, tick, tock.

Da öffnete sich endlich das große Tor, das in den Saal führte. Mit einem Ruck stand Slown auf. Die Röcke ihres dunklen Kleides rauschten. „Da seid Ihr ja endlich. Ich dachte…“, begann sie. Doch ihr Gast war nicht Grendon, sondern ein Mädchen mit dunklen Locken und einem ebenso aufwändig geschmücktem Kleid, wie ihr eigenes.

„Ach du bist es nur, Lona. Ich dachte du wärst Grendon.“, schnaubte Slown und setzte sich wieder.

„Warum bist du so nervös? Grendon war noch nie pünktlich. Wahrscheinlich muss er noch etwas Passendes zum Anziehen finden, um dich zu beeindrucken.“, erwiderte diese.

„Wage es ja nicht, so etwas zu sagen. Ich habe keine Zeit für deine albernen Sprüche. Die Zeit läuft mir davon.“, schimpfte Slown.

Lona grinste. „Du bist die Königin. Du hast doch immer alles bestens gemeistert. Was ist los? Ich bin doch deine Cousine, du kannst es mir getrost anvertrauen.“

„Du erinnerst dich doch noch an das Amulett der Götter, dessen Macht zerstreut wurde und das auf die Erde gebracht wurde, oder?“

Lona nickte.

„Die Frau, Nidja, schuldet mir noch etwas. Sie schuldet mir eine ihrer Töchter und ich weiß auch schon welche ich will. Sie kann in die Zukunft sehen. Wer glaubst du, könnte uns mehr helfen, als jemand, der die Zukunft sieht, um Megania zu vernichten?“, fragte Slown und ließ ein bitteres Lachen hören, in das Lona sofort einstieg.

„Wirst du dir das Amulett holen?“, wollte Lona begeistert wissen.

„Aber natürlich. Grendon und seine Männer werden mir das Amulett und das Mädchen holen. Dann wird sie uns mit Hilfe ihrer Gabe die Verstecke der Steine verraten.

Wir werden diese holen, die Macht des Amuletts wieder herstellen und dann kann uns nichts mehr stoppen!“

In diesem Moment wurde die Pforte geöffnet und ein Diener trat ein.

„Grendon, Glento und Hondron sind eingetroffen, Majestät!“, sagte er und verbeugte sich.

„Lass sie eintreten!“, donnerte Slown. „Dann werden wir ihnen ihre Aufgabe erklären.“

Sie zwinkerte Lona zu und kicherte verschlagen.

---

Heute war Montag. Mein Tag! Das war mein letztes Jahr an der Schule und Phil hatte mich nach dem Picknick zum Abschlussball, der am Freitag stattfinden sollte, eingeladen. Deshalb wollten Kate und ich nach der Schule Kleider kaufen gehen. Als ich von der Schule nach Hause kam, stand das Mittagessen, das meine siebenjährige Schwester Miriam mit gierigem Blick ins Visier genommen hatte, bereits auf dem Tisch

„Na, kleiner Engel? Hungrig?“, fragte ich sie und streichelte ihre kurzen, kupferfarbenen Locken, die total zerzaust waren, was sie heute besonders süß aussehen ließ. „Ja, ich hab einen Bärenhunger!“, antwortete sie und strahlte. „Holt Kate dich später ab?“, wandte sich meine Mutter Nadine, die gerade die Gabeln verteilte, an mich.

„Ja. Sie kommt später vorbei!“

Miri blickte mich mit großen Augen an und fragte: „Wohin gehst du? Darf ich mitkommen?“

„Ich gehe in die Stadt und kaufe mit Kate Kleider für den Ball am Freitag. Aber du bist erst sieben. Du musst noch kein Ballkleid kaufen.“

„Warum darf ich nicht trotzdem mit, Rosi? Ich bin auch ganz brav!“, ihre Stimme wurde piepsig und ihre Augen groß.

„Weil wir heute schwimmen gehen!“, mischte sich meine Mutter ein. „Rose und Kate schaffen das schon ohne uns.“

„Ja!“, Miris Freude war groß.

„Danke!“, flüsterte ich und meine Mam zwinkerte mir zu.

Nach dem Essen zog ich meine Schuhe und meine Jeansjacke an und verließ das Haus. Kate war schon da und begrüßte mich freudig. „Stell dir vor, Rosi. Jason hat mich gefragt, ob ich mit ihm zum Abschlussball gehe! Yeah!“

„Was? Wann?“, kreischte ich.

„Heute nach der Nachhilfe in Mathe!“

„Und?“

„Ich hab ‚Ja‘ gesagt! Er ist so süß!“, an ihrer Stimme hörte man, wie glücklich sie war. Schon seit Anfang neunter Klasse war Kate in Jason verliebt. Für die meisten Mädchen war er der coolste Typ der Schule. Sogar ich fand ihn mal toll, aber jetzt gab es ja Phil! Jason und er waren in der selben Klasse, hassten sich aber. Sie standen beide mal auf Bianka, aber sie entschied sich für Jason. Jetzt, zwei Jahre später, hassten sie sich immer noch.

Wir fuhren zur Stadtmitte und gingen dort in ein Geschäft. Der Raum war voll mit Kleidern jeder Länge und Größe. Sofort zog Kate ein langes, blaues Kleid vom Ständer.

„Wie findest du das?“, fragte sie mich.

„Viel zu teuer! Außerdem ist es viel zu lang. Da stolpert man ja drüber.“, sagte ich.

„Stimmt“, meinte sie und hängte es zurück.

„Und das?“, wollte sie wissen. Ich drehte mich zu ihr um. Dieses Mal hielt sie ein knielanges, rotes Kleid in der Hand.

„Das sieht super aus!“, staunte ich. „Es würde perfekt zu deinen Haaren passen.“

„Ja, nicht?“ Kate hatte kurze, blonde Haare und sah aus wie ein Model. Vielleicht könnte sie sogar eins werden. „Ich werde es nachher anprobieren.“

Nach zehn Minuten hatte sie schon fünf tolle Kleider gefunden und ich stand immer noch mit leeren Händen da. „Ich werd die jetzt mal anprobieren.“, sagte sie und hielt die Kleider hoch. „Sagst du mir dann deine Meinung dazu?“

„Ja, klar!“

Sie verschwand in der Kabine. Als sie wieder rauskam, trug sie ein knöchellanges, grünes Kleid. Es hatte keine Träger und ein breites Band um die Taille, das man auf dem Rücken zusammenbinden musste.

„Ich finde die Farbe steht dir nicht so.“, gab ich zu.

Sie verschwand wieder in der Umkleide. Am Ende waren wir uns einig, dass kein Kleid so schön wie das Rote vom Anfang war. Also kaufte Kate es, zusammen mit einem schwarz-rotem Paar Schuhe und einer kleinen Handtasche, die uns die Verkäuferin empfohlen hatte. Dann verließen wir den Laden. Erst im dritten Laden fand ich mein Traumkleid. Es war rosa, lang und hatte ein ähnliches Band um die Taille wie das Grüne aus dem ersten Laden. Oben an der Brust waren perlmutfarbene Pailletten aufgenäht. Es passte perfekt. Nachdem ich auch ein Paar Schuhe, eine Tasche und das Kleid gekauft hatte, war ich überglücklich.

Der Ball konnte kommen!

Stolz präsentierte ich das Kleid meiner Familie. Während Mam aus dem Staunen gar nicht mehr rauskam und Miri aufgeregt auf und ab rannte, blickte mein Stiefvater Lucas nur unbeteiligt drein und ließ den Blick aber sofort wieder in seine Zeitung sinken. Meinen richtigen Vater hatte ich nie kennengelernt. Es gab immer nur Lucas, seit ich mich erinnern konnte. Und ich konnte mich sowieso an fast nichts aus meiner Kindheit erinnern. Mit acht bin ich auf eine neue Schule gekommen, weil wir hierher gezogen sind. Da war Lucas schon in meinem Leben gewesen.

„Du siehst aus wie eine Prinzessin!“, meinte Miri, die jetzt aufgehört hatte, rumzuzappeln. Sie setzte sich vor mich und zupfte am Saum meines Kleides herum. „Ich will auch so ein Kleid, Mami!“

„Du hast doch ein Prinzessinnenkostüm in deinem Schrank.“

Sie sprang auf und rannte in ihr Zimmer, um sich zu verkleiden.

„Siehst du? Du siehst auch wie eine Prinzessinn aus!“, sagte ich, als sie wieder zurück war und in einem pinken Kleid vor mir stand.

„Also Mam, wie findest du es?“, fragte ich sie.

„Wunderschön, mein Schatz!“, kam die Antwort.

Ich sah Lucas an. „Und du?“

Er warf einen kurzen Blick auf mich und nickte nur. Ich verdrehte die Augen. „Wann gibt es denn Essen, Nadine?“, wandte er sich an Mam. Na toll! Danke für die Antwort!, dachte ich. Deshalb verließ ich das Zimmer und hängte mein Kleid, das ich jetzt wieder durch ein rotes T-Shirt und eine Jeans getauscht hatte, in meinen Schrank, legte die Tasche dazu und stellte auch die Schuhe hinein. Danach fing ich mit meinen Hausaufgaben und dem Lernen an. Der Mathetest stand schließlich morgen an.

2. Vorfreude, Tests und andere Überraschungen

Am Dienstag in der Schule redeten alle nur vom Ball. Kate und ich waren natürlich die Letzten gewesen, die Kleider gekauft hatten. Gerade erzählte Joanna, welches Kleid sie tragen würde, als ich IHN sah! Er stand etwas abseits und redete mit zwei Jungs. Es war der Junge aus meinem Traum, der getötet wurde! Mein Herz setzte ein paar Schläge lang aus, um dann nur noch schneller zu schlagen. Doch plötzlich drehte er sich um und wollte gehen. Ich ließ Kate einfach stehen, stürzte los, rempelte einige Schüler an und schrie sogar noch: „Warte!“ Doch da war er schon im Jungsklo verschwunden. Ich stolperte und fiel der Länge nach hin. Meine Lunge brannte von dem Sprint und meine Knie taten höllisch weh. Sofort kamen die zwei Jungen zu mir. Der eine war Jason und der andere Maik, der beste Freund von Phil. Wie peinlich! Ich senkte beschämt den Blick. „Rosi, hast du dir wehgetan?“, fragte Maik besorgt und half mir auf.

Ich antwortete ihm nicht, sondern starrte nur auf Jason.

„Alles klar, Rosily?“, fragte dieser.

„Nenn mich nicht so! Ich hasse den Namen! Und ja, es geht mir gut!“

„Das sah grade aber nicht so aus!“, lachte er.

Ich ignorierte ihn und wandte mich wieder an Maik:

„Wer war das? Der Junge. Wer ist er?“

„Ah! Ist Rosily auf Jungsjagd? Da wird Philip aber nicht sehr erfreut sein!“

Ich warf Jason einen finsteren Blick zu und meinte nur:

„Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß! Also, Maik, wer ist er?“

„Der? Er heißt Kai und ist neu. Warum?“

„Ähm… nur so! Seit wann hängt ihr zwei denn zusammen ab?“, wechselte ich schnell das Thema, bevor es noch peinlicher wurde, wenn so etwas überhaupt möglich war. Wahrscheinlich werden morgen eh alle über die Verrückte, die fremden Jungs auf die Toilette nachrennt, reden. „Jason und Kai kennen sich schon länger.“, erklärte Maik. „Kai sitzt neben mir. Außerdem verstehen Jason und ich uns gut. Ich hasse ihn nicht, sondern Phil tut das!“

„Ah! Na dann gehe ich jetzt mal. Bis dann!“, verabschiedete ich mich und machte mich so schnell wie möglich aus dem Staub. Als ich bei Kate ankam, hatten sich die neugierigen Blicke von vorher wieder gelegt und alles schien wieder wie zuvor. Nur Kate beobachtete mich mit einem skeptischen Blick. „Was war das denn?“, fragte sie kopfschüttelnd. „Ich hab dir doch schon von meinem Alptraum erzählt?“ Sie nickte zustimmend. „Das war er! Der Junge, der getötet wurde!“

Geschockt sah sie mich an. Dann schüttelte sie den Kopf und fing schließlich an zu lachen.

„Du glaubst mir nicht, oder?“, wollte ich wissen.

Sie hörte auf zu lachen und meinte dann mit ernster Miene: „Rose, es tut mir leid, aber ich habe noch nie so etwas Verrücktes gehört wie das. Was sollte ein Krieger, der mit Fantsiewesen kämpft, an unserer Schule?“

„Woher soll ich das wissen? Aber erst träume ich von ihm, dann taucht er hier auf. Das kann doch kein Zufall sein, Kate!“

„Du hast nur von ihm geträumt! Er ist nicht real!“

„Woher willst du das wissen! Vielleicht kann ich ja Hellsehen!“

„Das musst du mir erst beweisen!“

„Glaub mir! Das werde ich!“

Die Schulglocke läutete zur ersten Stunde. Na super! Schon wieder zu spät!

Der Mathetest begann pünktlich zur zweiten Stunde. Mister White verteilte die Blätter und erklärte noch einige Aufgaben genauer, aber ich war mit meinen Gedanken natürlich bei Kai. Ich laß mir die Aufgaben nicht einmal durch. Und als Mister White kam, um mein Blatt einzusammeln, gab ich eine leere Seite zurück.

„Rose Leyer, was ist eigentlich heute mit Ihnen los? So schwer waren die Aufgaben nun wirklich nicht. Es kann doch nicht sein, dass Sie überhaupt nichts wussten.“

„Es tut mir wirklich leid! Ich konnte mich nicht richtig konzentrieren.“, gestand ich.

„Kommen Sie nach der Stunde mal zu mir nach vorne.

Wir müssen mal ein ernstes Wort miteinander reden.

Wir werden schon einen Weg finden, um Ihre Probleme zu beseitigen.“

Ich verdrehte die Augen und sah zu Kate.

Alle Probleme konnte er nicht lösen!

Nach der Stunde kam ich vor zum Pult, um mit Mister White zu reden.

„Ich weiß, die zehnte Klasse ist schwer, und ich kann auch verstehen, dass da die Noten der Schüler nicht immer perfekt sind, aber Sie, Rose, hatten im letzten Test schon eine fünf. Da haben Sie zu mir gesagt, dass Sie sich für diesen Test besser vorbereiten würden. Ihr Blatt ist leer. Was ist nur heute mit Ihnen los? Brauchen Sie Hilfe? Ich weiß viele, die Ihnen Nachhilfe geben könnten.“

„Nein, das brauche ich wirklich nicht. Ich habe gelernt. Viel sogar! Ich konnte mich nur einfach nicht konzentrieren, das ist alles! Ich habe ja Kate. Sie hilft mir! Aber danke für das Angebot.“, erklärte ich ihm.

„Wenn Sie Hilfe brauchen, dann melden Sie sich bei mir, einverstanden?“

„Einverstanden!“

Kate und ich hatten seit dem Vorfall kein Wort miteinander geredet. Die Pause hatten wir schweigend nebeneinander verbracht, bis Jason aufgetaucht und Kate zusammen mit ihm weggegangen war. Na toll! Jetzt stand ich schon wieder wie der letzte Freak alleine da! Ich sah mich um, ob jemand da war, mit dem ich reden konnte. Ja, da war Phil! Ich lief zu ihm und er nahm mich in den Arm.

„Maik hat mir von dem Vorfall mit Kai erzählt. Warum bist du ihm hinterher gelaufen?“, begann er.

„Naja, ich hatte da so einen Traum.“, erklärte ich und erzählte ihm von dem Jungen und dem Kampf. „Der Junge aus meinem Traum sah haargenau aus wie er und ich bin mir sicher, dass das kein Zufall sein kann!“, fuhr ich fort.

„Es war nur ein Traum, Süße!“, unterbrach er mich.

„Ich kenne Kai und glaube, dass er verrückt ist. Dieser Junge riecht schon förmlich nach Ärger. Warum glaubst du, hat er mitten unterm Jahr die Schule gewechselt?“

„Vielleicht war seinen Eltern die Wohnung zu klein oder zu teuer?“

„Halt dich fern von ihm! Er ist gefährlich!“, damit war Phil mit einem flüchtigen Kuss wieder verschwunden.

Er ist gefährlich? Woher wollte Phil das wissen?

…..Fragen über Fragen und ich stand ohne Antworten da.

Heute war Mittwoch. Ich hatte mich wieder mit Kate versöhnt. Sie glaubte zwar nicht an meine Vermutungen, hatte sich aber wieder beruhigt. Wir saßen im Kunstunterricht und sollten gerade ein Bild zum Thema ‚Ich´ anfertigen. Während Kate neben mir sorgfältig Strich für Strich auf ihr Blatt malte, kritzelte ich ein Gesicht, sein Gesicht, auf mein Blockblatt. Konnte ich eigentlich noch etwas anderes denken?

Plötzlich bemerkte ich eine Bewegung im Augenwinkel. Ich drehte den Kopf und sah direkt in das Gesicht meines Kunstlehrers, der mindestens hundert Jahre alt sein musste. Erschrocken zuckte ich zusammen. Wie lange stand er denn schon dort? Ich riss den Kopf herum und schmierte mit Bleistift quer über mein Bild. Doch es war bereits zu spät! Er riss meinen Arm hoch und nahm mein Blatt an sich, damit er es mit seinen großen Glubschaugen noch genauer unter die Lupe nehmen konnte.

„Hey, das ist mein Bild!“, beschwerte ich mich. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Kate den Kopf schüttelte. „Geben Sie es wieder her!“

„Meine liebe Rose!“, trällerte er mir entgegen. „Das Thema lautet Ich! Ich weiß natürlich nicht, wie es in ihrem Innersten aussieht, aber auch wenn Sie sich selbst gemalt hätten, sieht es Ihnen überhaupt nicht ähnlich.“ Zum Vergleich hielt er das Bild neben mein Gesicht und schüttelte kaum merklich den Kopf. Meine Mitschüler, die mittlerweile einen Kreis um uns gebildet hatten, lachten auf. Ich wollte mir das Bild schnappen, aber er zog es ruckartig wieder weg.

„Geben Sie das her! Es gehört mir!“, schrie ich verzweifelt, doch er lachte nur.

Auch die letzten Schüler hatten nun einen Blick auf das Bild nehmen können, weil er es demonstrativ und mit einem breiten Grinsen im Gesicht in die Höhe hob.

Wildes Gemurmel breitete sich im Klassenzimmer aus. Wahrscheinlich Spekulationen, wer der mysteriöse Junge auf meinem Bild sein konnte. Zum ersten Mal war ich dankbar, dass ich nicht wirklich gut in Kunst war. Mein Lehrer senkte seine Arme wieder und sah mich an. Das war meine Chance! Ich riss ihm das Blatt aus der Hand und stopfte es in meinen Mund. Das Gekreische der anderen stieg an, genau wie meine Erleichterung. Mit einem entsetzten und gleichzeitig wütenden Blick starrte der Lehrer mich an. „Okay, die Show ist vorbei! Auf eure Plätze!“, schrie er. „Und Sie!“, meinte er mit dem Blick auf mich. „Das wird ein Nachspiel haben!“

Nach der Schule ging ich alleine über den Pausenhof, darüber grübelnd, wer Kai nun wirklich war. Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Ich zuckte zusammen und fuhr herum. Hinter mir stand Kai und lächelte mich an.

„Jason hat mir von deinem Unfall erzählt. Ist alles in Ordnung?“, fragte er mich.

„Ja, mir geht’s gut.“ Ich wurde rot und wendete mich von ihm ab. Warum geriet ich zurzeit nur immer in peinliche Situationen? Jason würde nicht mehr lange leben!

„Du heißt Rose, oder?“, wollte er wissen.

„Ja genau!“, antwortete ich und drehte mich wieder zu ihm um.

„Ich bin Kai!“, stellte er sich vor und hielt mir seine Hand hin. Ich schüttelte sie. Während des Unterrichts hatte ich beschlossen, ihn erst einmal kennenzulernen, bevor ich Phil oder anderen glaubte. Vielleicht würde ich dann auch noch herausfinden, warum ich von ihm geträumt hatte.

„Jason hat gesagt, dass du mir nachgerannt wärst. Was wolltest du denn?“

„Ähm, nein! Ich wollte Mister White noch etwas fragen, aber ich habe ihn nicht mehr erwischt.“

„Ach so…. Da muss sich Jason dann wohl geirrt haben. Aber heute vor Stundenbeginn…“

„Nein!“, unterbrach ich ihn barsch. „Ähm, Sorry! Ich weiß, dass ich da nicht mit dir, sondern Mr. White reden wollte.“

„Sicher?“, fragte er skeptisch.

„Ja!“

„Einem Lehrer schreit man auch immer ‚Warte!´ hinterher.“, er lachte.

„Na gut. Themawechsel.“, schlug er vor. „ In welche Klasse gehst du?“

„10a. Du?“

„10c.“

„Ja, mit Jason, Maik und Phil!“, bemerkte ich.

„Ach ja, Phil! Wer ist er?“

„Ähm…Was?“

„Na, woher kennst du ihn? Wie steht ihr zueinander?“

„Wir kennen uns schon seit einer Ewigkeit und sind jetzt zusammen. Aber warum willst du das wissen?“

Er zögerte. „Weißt du…“, setzte er an. „Es gibt Dinge, die man nicht sagen kann. Nicht sagen darf!“

„So zögerlich? Was ist los? Warum darfst du es nicht sagen?“, wollte ich verwirrt wissen, doch er reagierte nicht.

„Kai?“

Er zuckte zusammen und sagte: „Ich muss los!“

„Halt! Warte!“, rief ich und packte seinen Arm.

Er drehte sich zu mir um. „Ich kann es dir nicht sagen. Es tut mir leid! Bis morgen!“, erklärte er, riss sich los und ging. Ich blieb allein zurück und sah ihm nach. Er ging langsam über den Hof, durch das große Schultor und verschwand aus meinem Blickfeld. Doch ich konnte ihn jetzt nicht einfach so gehen lassen! Jetzt, wo ich noch immer nichts über ihn wusste! Ihm nach!, schoss es mir durch den Kopf und ich rannte ihm hinterher. Er ging die High Street hinunter und bog dann rechts in die Porthmeor Street ein. Am Ende der Straße lag der Park. Dahinter müsste man nur noch zwei Straßen folgen und man würde zu unserem Haus kommen.

Kai ging in den Park und setzte sich auf eine Bank im Zentrum, die umgeben von Grün war. Seine Tasche, die viel zu lang und ungewöhnlich schmal für eine Schultasche war, legte er neben sich.

Ich versteckte mich hinter einem Baum und beobachtete ihn. Würde er denn nichts Interessantes machen?

Auf einmal packte mich eine Hand von hinten. Ruckartig wurde ich zurück gezogen und eine Hand auf meinen Mund gepresst. Ich spürte den starken Griff meines Angreifers, der vermutlich ein Mann war, während ich ins Gestrüpp gezogen wurde. Ich konnte mich weder dagegen wehren, noch um Hilfe rufen.

Die Lage war aussichtslos…

3. Grendon und seine Kumpane

Mit einem Ruck wurde ich nach hinten weitergezogen und schließlich mit dem Gesicht an einen Baum gedrückt, der sich hinter den Sträuchern befand. Meine Hände wurden hinter meinem Rücken gefesselt und mein Mund wurde immer noch erbarmungslos von der Hand des Mannes zugehalten. „Du kennst ihn?“, fragte er leise, als er die Hand wegnahm und mir dafür eine Pistole an den Kopf hielt.

„Wen?“

„Den Jungen, der da auf der Bank sitzt.“, sagte er und sah mich mit einem Blick an, der so viel wie ‚Schrei um Hilfe und ich töte dich´ bedeuten sollte. Also schwieg ich. „Antworte! Kennst du ihn?“, herrschte er mich an.

„Kai? Ja. Er ist in meiner Parallelklasse.“, stotterte ich. Er sah mich mit einem durchdringenden Blick an und ahmte den Schrei einer Eule nach. Sein fauler Atem schwang mir ins Gesicht, sodass ich würgen musste, und der penetrante Geruch seiner schmutzigen Kleidung schwallte mir entgegen.

Sofort erschienen zwei weitere Männer, deren Klamotten genauso dreckig aussahen. Der Größere hatte blonde Haare und der andere lockige, braune.

„Tarnung 157. Erde.“, flüsterte er den beiden zu.

„Alles klar, Boss!“, antworteten sie.

„Ach, Hondron?“, hielt er den Braunhaarigen auf. „Ist sie das?“

Der Angesprochene starrte mich an. „Ich glaube nicht.“, meinte er und wendete den Blick ab. „Egal! Glento, halte sie fest und pass ja gut auf, dass sie uns nicht abhaut! Versau es bloß nicht, wie beim letzten Mal! Ich will keine Zeugen. Aber falls sie es doch sein sollte, dürfen wir sie nicht töten!“, befahl ihr Boss. Der Blonde nickte und kam zu mir herüber, um die Fesseln noch einmal genau zu prüfen. Dann holte er etwas aus seiner Jackentasche und stopfte es in meinen Mund, sodass ich würgen musste und er zufrieden lächelte. Egal wie oft ich versuchte, es auszuspucken, ich schaffte es nicht!

Wir traten zurück auf die Lichtung, wo die Bank stand, auf der Kai vorher gesessen hatte. Ich zitterte wie Espenlaub und stolperte einige Male, weil mich Glento gewaltsam hinter sich herzog. Doch die Bank war leer!

Fassungslos starrten alle erst einmal auf den leeren Platz, doch Grendon hatte seine Worte schnell wiedergefunden und brüllte nun: „Kaiden! Wir haben hier jemanden, der dich sehr gerne sehen würde! Los, zeig dich!“

Kaiden? Meinten sie etwa Kai?, fragte ich mich. Da raschelte es hinter uns im Gebüsch. Ruckartig drehten wir uns um, doch da war niemand.

Grinsend zog Grendon einen kleinen Dolch, den er sorgfältig unter seiner Jacke verborgen hatte, hervor und