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Ivan ist ein gefühlloser, kaltblütiger und egozentrischer Serienmörder. Eines Nachts liegt er auf der Lauer nach seinem nächsten Opfer - und erblickt Celia. Sie erstarrt, wie ein Reh im Scheinwerferlicht, welches plötzlich erkennt, dass ihm der Tod gegenübersteht. Doch sie kann ihn nicht sehen. Sie wird es sein, sie wird seine Nächste sein. Ivan hat sich entschieden. Ihr Schicksal ist besiegelt. Denn er bekommt immer, was er will. Während Ivan sich auf den Heimweg macht und einen Plan in seinem Kopf zurechtlegt, fällt es ihm nicht einmal auf. Wie häufig seine Gedanken abschweifen, zu ihren großen Augen. Große, ängstliche, tiefgrüne Augen, die bis in sein seelenloses Wesen zu blicken scheinen. Und er ahnt noch nicht, dass das Schicksal dieses Mal einen eigenen Plan verfolgt. Und dass es vielleicht sogar Celia ist, die über Leben oder Tod entscheiden wird.
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2023
Liesa Maria Thiele
Ivan und Celia - Der Preis einer Seele
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Epilog
Impressum neobooks
Es ist später Oktober, die Luft ist schneidend kalt und ein leichter Hauch von Regen liegt in der Luft. Spät ist es geworden, während er suchend durch die Straßen dieser großen, unbarmherzigen Stadt umherwandert. Immer auf der Suche.
Der Abend neigt sich langsam zur Nacht. Heute werde ich nicht mehr fündig, denkt er so bei sich. Er stellt den Kragen seines Mantels auf und wendet sich ermüdet in Richtung Heimkehr.
Da packt es ihn plötzlich.
Er spürt sie, bevor er sie sieht. Ihr Geruch steigt ihm in die Nase, lange bevor er ihre Gestalt zum ersten Mal erblickt. Sie kommt auf ihn zu, im Schatten des matten Laternenlichts. Ihre Haare, zerzaust vom kalten Novemberwind, wehen ihr sanft um die erröteten Wangen.
Sie sieht ihn nicht, denn er hält sich vor ihr in der Dunkelheit verborgen.
Mit kleinen, schnellen Schritten geht sie an ihm vorbei. Ihre langen Haare fallen auf ihre schmalen Schultern herab. Mit jedem ihrer kleinen Schritte entlockt der Wind ihr ein kleines bisschen von ihrer duftenden Aura. Er atmet tief ein und blickt ihr hinterher.
Nie zuvor hat er einen so lieblichen Geruch vernommen, nie zuvor hat er eine Frau einatmen und nie wieder ausatmen wollen.
Er muss ihr folgen.
Sie biegt in die Straße ein, die am Park entlangführt. Er muss sie betrachten, ihr Anblick fesselt ihn. Ihre Figur ist schmal, fast kindlich, ihr Gang ist unsicher und ängstlich. Er kann ihre Angst spüren, sieht das Zittern ihrer kleinen Hände, während sie ihre Handtasche umklammert.
Sie spürt seine Anwesenheit, denn sie zieht ihre Tasche noch fester zu sich heran und schaut sich hektisch um. Ihre Angst wird größer, doch sie kann ihn nicht sehen.
Und dann geschieht es.
Sie bleibt stehen, dreht sich um und schaut ihm direkt in sein Gesicht. Sie schaut durch ihn hindurch, ihr Blick angsterfüllt, ihre Augen weit aufgerissen.
Wie ein Reh im Scheinwerferlicht, welches plötzlich erkennt, dass ihm der Tod gegenübersteht.
Der Moment verfliegt, sie dreht sich um und schreitet hektisch auf ein Wohnhaus zu.
Sie wird es sein, sie wird seine Nächste sein. Er hat sich entschieden. Ihr Schicksal ist besiegelt.
Während er sich auf den Heimweg macht und einen Plan in seinem Kopf zurechtlegt, fällt es ihm nicht einmal auf. Wie häufig seine Gedanken abschweifen, zu ihren großen Augen. Große, ängstliche, tiefgrüne Augen, die bis in sein seelenloses Wesen zu blicken scheinen.
Celia war noch vor dem Weckerklingeln wach, obwohl Sonntag war.
Es ist sowieso eine Frechheit, dass man sich sonntags einen Wecker stellen muss, dachte sie sich und machte sich mürrisch ihren ersten, sicherlich aber nicht ihren letzten Kaffee für heute. Denn sie hatte Pläne für heute, Frühstückspläne mit ihrer Familie.
Seit sie vor einem Jahr ausgezogen war, waren ihre Mutter und ihr kleiner Bruder sehr anhänglich geworden und bestanden auf mindestens ein Frühstück/Kaffee-und-Kuchenessen/Abendessen pro Woche. Und sie wollte es sich zwar nicht eingestehen, aber sie freute sich jedes Mal sehr auf diese Treffen. Wäre dieses doch nur nicht an einem Sonntagmorgen!
Gedankenverloren saß sie auf ihrem Balkon und umklammerte ihre heiße Kaffeetasse. Ein bisschen Wärme von außen gegen die Kälte von innen. Ihr Blick schweifte über die grauen Wolken und die immer kahler werdenden Bäume des Parks gegenüber. Der November ist wirklich kein schöner Monat, dachte sie so bei sich.
Sie trank ihren letzten Schluck, stand auf und machte sich fertig für den Tag. Erst, als sie vollständig angezogen war, wagte sie den ersten Blick in den Badezimmerspiegel. Davor hatte sie sich seit Freitagabend gedrückt.
Basti hatte am Freitag wieder einen seiner Wutanfälle bekommen.
Das komische daran war immer, dass die körperlichen Schmerzen wesentlich schneller vorübergingen als der stechende Schmerz in ihrer Seele, wenn sie sich danach selbst aus dem Spiegel entgegenblickte. Wenn sie ihre Verletzungen sah und sich selbst nicht mehr verstand. Wenn sie sich so sehr schämte.
Während sie vor dem Spiegel mehr oder weniger erfolgreich versuchte, das blutunterlaufene Auge mit Makeup zu kaschieren, fielen ihr die Blutergüsse an ihrem Hals auf. Jeder einzelne seiner Finger war zu sehen.
„Dafür reicht ein Schal.“, murmelte sie zu sich selbst. Als ob das Verstecken das größte der Probleme sei, die sie hatte.
Ihre Familie wusste nichts von den verborgenen Aggressionen und Eifersuchtsszenen ihres Freundes, und so sollte es auch bleiben. Sie sollten sich keine Sorgen machen. Schließlich mochten sie Basti auch gerne.
Gähnend schlüpfte sie in ihre Turnschuhe und machte sich auf den Weg zu ihrer Familie. Wenigstens ein kleiner Lichtblick an diesem düsteren Wochenende.
Das Frühstück war in einen Brunch ausgeartet, und der Brunch endete mit Kaffee und einer (viel zu großen) Zitronenrolle. Ihr Bruder verdrückte gleich drei Stücke und sie ärgerte ihn natürlich wieder.
„Weißt du, und da wunderst du dich, dass du zunimmst und keinen Kerl abkriegst.“, grinste sie ihn an, woraufhin er laut „Maama, Celi ärgert mich!“ in Richtung Küche brüllte, wo ihre Mutter gerade das Geschirr in die Spülmaschine räumte.
„Celi, hör auf damit und hilf mir lieber.“, sagte ihre Mutter ernst.
„Ich bin unwiderstehlich, von innen wie von außen! Du bist ja nur neidisch.“, murmelte Tom und schob sich die nächste Gabel mit Zitronenrolle in den Mund.
„Ich hatte gestern ein Date mit Thorben und es war sehr schön. Und wir werden uns bestimmt wieder treffen, da wette ich mit dir!“
Celia war aufgestanden und half ihrer Mutter in der Küche.
Sie rief ins Wohnzimmer: „Hat er dir denn seit gestern schon geschrieben? Und wenn ja, was genau? Wir möchten bitte alles wissen!“
Da knuffte ihre Mutter sie in die Seite, zog ihre Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. Doch da war es schon ausgesprochen.
Tom zögerte. „Naja… also… also es war auch sehr spät gestern und er ist vielleicht noch nicht wach. Deshalb hat er noch nicht geschrieben.“. Er seufzte leise.
Sofort tat es ihr leid und sie ging zurück ins Wohnzimmer. Da saß er mit seinen blonden Locken, die ihm schon in die Stirn fielen, während er traurig sein Handy in der Hand anstarrte. Sie setzte sich neben ihn.
„Er schreibt bestimmt noch, wirst du schon sehen. Und was ist denn eigentlich mit… wie hieß er denn noch… der mit dem süßen Hund?“, versuchte sie Tom aufzumuntern.
Doch Tom zuckte nur mit den Schultern und schmiss sein Handy seufzend neben sich aufs Sofa.
„Ach, Simon meinst du. Der war doch total verrückt und hat jeden Morgen und jeden Abend gestaubsaugt. Wie kann man so viel staubsaugen? Nee nee.“.
Toms Blick wirkte so traurig, dass sie ihn am liebsten umarmen und fest drücken wollte. Aber diese Zeiten waren schon lange vorbei. Ihr kleiner Bruder, der jetzt gut zwei Köpfe größer war als sie. Sie verstand bis heute nicht, wie ihr Bruder 1,95m groß werden konnte, und sie einfach bei 1,60m stehen geblieben war. Unfassbar.
„Wie geht es denn eigentlich Basti?“, fragte ihre Mutter, die immer noch in der Küche herumhantierte.
Kein guter Themenwechsel. Celia musste schlucken, aber ihre Stimme war ganz ruhig, als sie antwortete: „Dem geht’s gut. Er hat viel Stress auf der Arbeit. Es kommen so wahnsinnig anstrengende Kunden in die Bank, das ist echt unmöglich. Er ist abends immer sehr müde.“
Da kam ihre Mutter wieder ins Wohnzimmer, und wechselte mit Tom einen seltsamen Blick, doch er verflog sofort wieder.
Nach seiner nächtlichen Begegnung legt er sich sorgsam einen Plan zurecht, spielt ihn Schritt für Schritt in seinem Kopf ab. Alles muss perfekt sein, alles nur für sie.
Er beobachtet sie, aus der Ferne. Sie ist ein schwieriges Ziel. Sie hat wenige Freunde, geht nicht aus. Den Weg zu ihrer Arbeit legt sie mit dem Fahrrad zurück. Ihre Familie ist klein, sie sieht sie einmal wöchentlich. Das ist gut für ihn, so hat er mehr Zeit mit ihr.
Sie hat einen Freund, doch das ist keine Schwierigkeit. Menschen verschwinden jeden Tag, wie vom Erdboden verschluckt, ohne je wiedergefunden zu werden. Ohne dass Fragen gestellt werden. Das ist ein Leichtes für ihn.
Nein, schwierig wird es für ihn, die Nähe zu ihr zu suchen. Ohne dass sie es bemerkt, ohne dass sie die Angst in ihrem Nacken spürt. Sie muss ihn hineinlassen, freiwillig, in ihre Seele. Dafür benötigt er Zeit mit ihr, viel Zeit.
Ihr Nachbar im fünften Stock ist alt. Er stattet ihm einen Besuch ab. Es braucht nur einen kurzen Augenblick… und das Herz des alten Mannes bleibt stehen.
Alte Menschen sterben jeden Tag, ohne dass Fragen gestellt werden.
Jetzt ist der Weg frei, und das Spiel beginnt.
Auf ihrem Heimweg, für den sie nur 20 Minuten zu Fuß brauchte, dachte sie viel über Tom nach. Sie wusste schon früh, dass er sich eher zu Jungs hingezogen fühle. Sie wusste es wohl schon, bevor er es überhaupt wusste. Richtig geoutet hatte er sich erst mit 16, vor fünf Jahren. Er hatte es nie leicht in der Schule, war immer schon irgendwie anders gewesen. Und sie hatte ihm nie helfen können, obwohl sie vier Jahre älter und auf der gleichen Schule war. Auch sie selbst war immer eher ein Außenseiter gewesen, immer lieber mit sich selbst allein als sich in einer großen Gruppe von „Freunden“ noch viel mehr allein zu fühlen.
Seit Tom studierte, lief es viel besser bei ihm. Keiner auf der Uni nannte ihn „Riesenmonster“ oder „Fred Feuerstein“, er hatte sogar einige gute Freunde gefunden. Aber die große Liebe war bisher ausgeblieben.
Er sagte immer zu ihr „Es kann ja nicht jeder so ein Glück haben wie du, und direkt der erste Freund ist die große, ewige Liebe.“, und dann lachte er immer und freute sich für Celia. Dabei wusste er nichts über ihre Beziehung. Gar nichts.
Vor ihrer Haustür angekommen, fiel ihr ein weißer Lieferwagen auf. Die Türen standen offen, ein Blick hinein offenbarte Holzschränke, ein Bettgestell und viele Kleinteile. Zog etwa jemand in ihr Wohnhaus ein? Die Tür zum Hausflur stand offen, doch es war niemand zu sehen.
Ihr Nachbar über ihr war vor ein paar Wochen an einem Herzinfarkt gestorben. Der alte, nette Herr Meier. Vielleicht zieht dort jemand Neues ein?
Achselzuckend holte sie ihre Post aus ihrem Briefkasten, die sie seit einer Woche jeden Tag vergessen hatte. Den Arm voller Werbeflyer, der Wochenzeitung und einigen Briefen, stapfte sie das Treppenhaus hinauf in den vierten Stock.
Als sie aus Neugierde bereits den ersten Briefumschlag aufgerissen und begonnen hatte, das Schreiben zu lesen, passierte es plötzlich.
Sie stolperte über die letzte Treppenstufe zu ihrer Wohnung und fiel nach vorne.
Die Briefe und Flyer klatschten vor ihr auf den Boden, und sie bekam gerade noch im letzten Moment das Treppengeländer zu fassen. Es wummerte im ganzen Treppenhaus.
„Scheiße.“, fluchte sie und wollte gerade die Post wieder einsammeln, da spürte sie auf einmal einen Blick auf sich ruhen.
Erschrocken schaute sie auf. Und da stand er. Wie aus dem Nichts. Direkt vor ihr, der letzte Flyer war ihm auf den Schuh gesegelt. Wie kann das sein? Noch vor einer Sekunde hatte dort doch noch niemand gestanden…
Er schaute sie an und sagte kein Wort. Die Luft im Treppenhaus wurde auf einmal sehr kalt. Eigentlich wäre jetzt der Moment gewesen, um etwas zu sagen, doch Celia brachte keinen Ton heraus. Sie schaute ihm einfach nur in die Augen. So hellblaue, kalte Augen hatte sie noch nie gesehen. Eisaugen, ging es ihr durch den Kopf, aber der Gedanke verflog sofort wieder.
„Rhm.“, räusperte sich der Mann und riss Celia aus ihrer Starre.
Er bückte sich und reichte ihr den Pizzaservice-Flyer, der ihm auf die Füße gefallen war.
„Ähm, hallo. Tut… tut mir leid, ich habe Sie gar nicht gesehen.“, murmelte sie, während sie sehr umständlich die verstreuten Flyer und Briefe wieder einzusammeln versuchte.
Als sie den Flyer aus seiner Hand nahm, atmete sie seinen Geruch ein. Er riecht warm und weich, gar nicht passend zu seinen Augen, dachte sie sich, und starrte ihn nur noch weiter an. Irgendetwas an ihm zog sie an. Sie spürte das unerklärliche Verlangen, näher und näher bei ihm sein, noch mehr von ihm riechen, noch tiefer in seine Augen schauen…
Ganz plötzlich wich er ihrem Blick aus, wie als würde er sie abschütteln wollen. Er machte eine diffuse Geste Richtung Treppe.
„Ich muss gehen.“, brachte er mit tiefer Stimme zwischen seinen Lippen hervor.
Celia nickte nur und trat zur Seite. Er ging, ohne sie noch einmal anzuschauen, an ihr vorbei die Treppen hinab. Seine dunkelbraunen, kurzen Haare waren akkurat zu einem Seitenscheitel gekämmt, und sein knielanger, schwarzer Mantel hatte keine einzige Falte.
Sie schaute ihm lange nach, bis er in den Tiefen des Treppenhauses verschwunden war, und konnte sich nicht bewegen. Sein Geruch hing ihr immer noch in der Nase. Was war das bloß?
Während sie ihre Haustür hinter sich schloss, ließ sie den Moment in ihrem Kopf erneut ablaufen. Als sie die Treppe hinaufgegangen war… hatte er dort schon gestanden? Hatte sie ihn nur nicht gesehen? Oder war er so schnell und leise die Treppe heruntergeschlichen, dass sie ihn nicht gehört hatte?
„Du bist doch total albern.“, sagte sie dann energisch zu sich selbst und begann nun erneut, sich ihre Post durchzulesen.
Celia konnte noch nicht ahnen, dass sie Ivan in diesem Moment ins Netz gegangen war. Nun gab es kein Zurück mehr.
Der Montag startete trüb und nass. Als sie mit ihrem Fahrrad bei der Arbeit ankam, hatte sie kein Kleidungsstück mehr an sich, das nicht durchnässt gewesen wäre. Aber wie soll ein Montag auch sonst sein, dachte sie mürrisch, als sie tropfend das Treppenhaus zur Arztpraxis hinaufstapfte.
Als sie die Tür aufschließen wollte, bemerkte sie, dass sie heute nicht die Erste bei der Arbeit war. Lina saß bereits an ihrem Platz am Empfang und schaute angestrengt in den Computer.
„Guten Morgen! Was machst du denn schon so früh hier?“, fragte Celia, während sie sich aus ihrer nassen Jacke schälte.
Lina schaute weiterhin konzentriert auf den Computerbildschirm, ohne aufzublicken. Ohne überhaupt mit der Wimper zu zucken. Ihr Blick war leer.
Irgendetwas war nicht in Ordnung. Sonst schnatterte Lina sofort drauflos, sobald sie Celia sah. Schweigen war ein Fremdwort für sie.
„Hallo Lina, hörst du mich? Erde an Lina, bist du da?“
Celia hatte ihre Jacke in die Praxis-Garderobe gehängt und neben Lina hinter dem Empfangstresen platzgenommen. Sie starrte Lina an, die ihren Kopf langsam zu ihr herumdrehte. Sie hatte Tränen in den Augen.
„Meinst du…“, fing sie an, doch brach sofort wieder ab. Ihre Stimme klang zittrig und leise.
Celia blieb ganz ruhig und legte Lina eine Hand auf die Schulter. Das war eine Technik, die sie schon in ihrer Kindheit angewandt hatte, als sie ihren Vater immer getröstet hatte. Nichts sagen, ein offener Blick und eine sanfte Berührung. Bei ihrem Vater hatte es meistens geholfen… das redete sie sich zumindest ein.
Lina holte tief Luft, dann wischte sie sich mit ihren langen, dünnen Fingern über ihre blassen Wangen. So als würde sie Tränen wegwischen, die sie nicht geweint hatte.
„Meinst du, man kann auch noch mit Anfang 40 Mutter werden? Also… also auch glücklich? Ohne Mann? Nicht so eine traurige, alleinerziehende, alte Frau, die auf der Straße bemitleidet wird von Fremden? Und die auf dem Spielplatz von den jungen Öko-Muttis komisch angeguckt wird?“, fragte Lina und schaute sie dabei traurig an.
Jetzt wusste Celia sofort, worum es ging.
„Na, war ist denn mit Joshua passiert? Ich dachte, es läuft so gut bei euch?“
Lina wollte unbedingt Mutter werden, das erzählte sie Celia bereits seit 6 Jahren fast jeden Tag. Das Problem für Lina war nur, dass sie schreckliches Pech mit Männern hatte, und bisher einfach nicht der Vater ihrer zukünftigen Kinder dabei gewesen war. Und nun war Lina 41 Jahre alt und ihre biologische Uhr tickte lauter und lauter.
Seit einigen Wochen datete sie jedoch Joshua, und eigentlich hatte Celia sich insgeheim gewünscht, dass es nun endlich klappen sollte für Lina. Aber anscheinend war das Wünschen erfolglos geblieben.
Lina schüttete während des gesamten Arbeitstages ihr Herz bei Celia aus. Zwischen Blutabnahmen, Terminvergaben, Blutdruckmessungen und in den Pausen zwischen Anrufen erzählte Lina ihr, dass Joshua die ganze Zeit eine Frau gehabt hat, von der sie nichts wusste. Wie hatte sie es nur übersehen können, dass sie nie zu ihm nach Hause durfte, dass er kaum am Wochenende Zeit für sie hatte, dass er immer neue Ausreden fand, warum er aus dem Raum gehen musste zum Telefonieren? Aber Liebe mache ja bekanntlich blind. Und nun war sie wieder alleine, ohne Mann, ohne Kind, und ihr Leben war schon fast vorbei.
„Ich adoptiere einfach ein Kind. Es gibt so viele Kinder da draußen, die niemand will, und die ganz viel Liebe brauchen, weißt du?“, sagte Lina ständig zu ihr.
Aber insgeheim wussten sie beide, dass dies ein Schritt war, den sie nicht unternehmen würde. Sie wollte ihr eigenes Kind, mit ihren roten Haaren und ihrem Lachen und ihrem extrovertierten Wesen. Sie wollte etwas Eigenes.
Den ganzen Tag lang redete Celia ihr gut zu, schwieg an den richtigen Stellen und gab mehr allgemeingültige Floskeln von sich wie „Kopf hoch, es kann nur besser werden“ oder „Andere Mütter haben auch hübsche Söhne. Er war eben nicht der Richtige“. Und dies schien Lina auch zu genügen.
Im Laufe des Vormittags besserte sich ihre Laune, und als die letzte Patientin mit ihrem Neugeborenen die Praxis betrat, nahm Lina das Baby schon wieder auf den Arm und redete mit einer sanften und liebevollen Stimme auf es ein. Als die Patientin nach der Behandlung wieder ging, erwischte Celia sie jedoch dabei, wie sie der Kindertrage verstohlen und sehnsüchtig hinterherschaute.
Als Celia nach Feierabend mit ihrem Fahrrad durch die Stadt fuhr, wurde ihr bewusst, dass die Probleme ihrer Arbeitskollegin sie sehr gut abgelenkt hatten. Sie hatte nicht einmal an diesem Tag an Basti und an Freitagabend denken müssen. Doch nun, während ihre Beine in die Pedale traten und sie den eisigen, nassen Novemberwind in ihren Haaren spürte, schweiften ihre Gedanken wieder ab. Dorthin, wo Basti ihr so weh getan hatte. Und die Scham kam wieder über sie.
Sie stieg vor ihrem Wohnhaus von ihrem Fahrrad ab, ihre Haare hingen ihr zerzaust ins Gesicht. Ihr Atem ging schwer, weil sie doch ein wenig schneller gefahren war als sonst. Aber leider konnte man nicht vor seinen Problemen davonfahren.
Gerade, als sie ihr Fahrrad angeschlossen hatte und den Schlüssel zu ihrem Treppenhaus aus ihrer Handtasche kramen wollte, hörte sie seine Stimme hinter ihr.
„Schatz, ich hab hier ewig auf dich gewartet.“
Ihre Schultern spannten sich sofort an, als sie sich zu ihm umdrehte. Da stand er, in seinem maßgeschneiderten Anzug, die Hände in den Taschen seiner Hose vergraben. Und schaute sie an. Sah sie da etwas Reue in seinem Blick? War er hier, um sich zu entschuldigen?
„Was willst du denn?“, fragte sie betont beifällig, während sie sich wieder umdrehte und weiter in ihrer Handtasche nach ihrem Haustürschlüssel suchte.
Sie hörte, dass er näherkam, denn seine Stimme war nun direkt in ihrem Nacken. „Ich wollte dich einfach sehen, weißt du… Gucken, ob alles in Ordnung ist zwischen uns.“
Der Schlüssel rastete ein und die Tür zum Treppenhaus ging auf. Celia trat ins Treppenhaus und drehte sich zu Basti um. Er schaute sie mit diesem Hundeblick an, von dem er wusste, dass er wirkte. Niemand konnte glauben, zu welchen Aggressionen und Wutausbrüchen er in der Lage war, wenn er sie so anschaute. Aber Celia wusste es genau.
„Bitte, Schatz, können wir nicht drinnen reden?“, bat er sie und streckte seine Hand nach ihrer Tasche aus.
Er nahm sie ihr vorsichtig von der Schulter und nickte in Richtung Treppe. Vielleicht will er sich ja wirklich entschuldigen. Vielleicht sieht er ein, dass er Hilfe braucht. Er ist ja eigentlich ein total lieber Mensch, überzeugte Celia sich selbst in ihren Gedanken. So, wie sie es schon einige Male getan hatte. Und jedes Mal danach schämte sie sich umso mehr.
Sie ließ die Schultern wieder hängen, und ohne ein weiteres Wort gingen die beiden gemeinsam das Treppenhaus hinauf, in ihre Wohnung.
Als Celia später unter der Dusche stand, dachte sie über die vergangenen Stunden nach.
Basti war mit in ihre Wohnung gekommen, sie hatten sich auf ihre Couch gesetzt und sich lange unterhalten. Doch eine Entschuldigung war ihm nicht über die Lippen gekommen. Er hatte dagesessen, in seinem schicken, weißen Hemd, mit seiner spießigen braunen Krawatte, und hatte anstatt dessen lediglich erklärt, weshalb er Celia mit der Faust ins Gesicht geschlagen und anschließend gewürgt hatte, bis sie beinahe ohnmächtig geworden war.
„Du weißt doch, wie schnell ich wütend werde. Das hab ich von Papa, der war doch auch immer so mit Mama und mir. Du weißt es doch! Und trotzdem hast du mit mir gestritten und mir widersprochen, immer wieder!“
Als Celia daraufhin nur schwieg, weil sie nicht recht wusste, was man dazu überhaupt sagen sollte, war er fortgefahren:
„Und dann habe ich einfach rot gesehen. Oder schwarz, keine Ahnung. Jedenfalls hab ich mich dann einfach nicht mehr so unter Kontrolle. Du verstehst das doch.“
Dann hatte er ihre Hände umfasst, die sie in ihrem Schoß zusammengedrückt hatte, und mit ganz sanfter Stimme gesagt:
„Wir beide wissen es doch, wie wir sind. Wir sind schon seit so vielen Jahren zusammen. Du musst einfach aufhören, mich zu provozieren, und dann ist alles gut. Ja? Machen wir es so?“
Sie hatte immer noch nichts gesagt. Sie hatte nur eine tiefe, dunkle Müdigkeit gespürt, die sie langsam hinab zog. Hinab in einen dunklen Tunnel, in einen Tunnel voller Scham und Angst und Traurigkeit. Diesen Tunnel kannte sie schon, schon seit Jahren.
Basti war schon immer ein Choleriker gewesen, und am Anfang hatte sie diese Eigenschaft an ihm sogar anziehend gefunden. Als sie noch ein Teenager war und die Welt noch ein wenig aufregender und neuer war. Am Anfang hatte sich diese Cholerie nur noch nicht gegen Celia gerichtet, sondern gegen alle anderen. Gegen den ätzenden Lehrer, der immer unfair benotete. Gegen den Mitschüler, der Celia im Flur ein Bein stellte und darüber lachte. Gegen den Türsteher, der die beiden nicht in den Club lassen wollte, weil sie angeblich noch nicht alt genug waren. Damals hieß es immer: Basti und Celia gegen den Rest der Welt!
