Ivanhoe - Walter Scott - E-Book

Ivanhoe E-Book

Walter Scott

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Beschreibung

Walter Scott's Ivanhoe is ein Klassiker der historischen Literatur. Das Buch erzählt die Geschichte von Ivanhoe, einem rebellischen Ritter während der Zeit von König Richard Löwenherz im 12. Jahrhundert. Scotts literarischer Stil zeichnet sich durch detailreiche Beschreibungen von mittelalterlichen Schlachten und Intrigen aus, die den Leser in eine Welt voller Tapferkeit und Verrat entführen. Ivanhoe wird oft als ein Meisterwerk des historischen Romans angesehen, das den Grundstein für viele spätere Werke in diesem Genre gelegt hat. Der Roman hat auch politische Themen, die die damalige Gesellschaft kritisch hinterfragen und den Leser zum Nachdenken anregen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 627

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Walter Scott

Ivanhoe

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Amelie Seidel
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Ivanhoe
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen ererbter Herrschaft und persönlicher Treue entscheidet sich das Schicksal eines zerrissenen Landes. Walter Scotts Ivanhoe eröffnet einen Blick auf England im Zwielicht zwischen Eroberung und Erneuerung. Der Roman zeigt, wie Konflikte um Macht, Identität und Glauben sich im persönlichen Leben bündeln. Ohne moderne Distanz und ohne nostalgische Verklärung entwirft Scott eine Welt, in der Ideale der Ritterschaft mit schroffer Wirklichkeit ringen. Das Buch zieht Leserinnen und Leser in eine dichte Atmosphäre aus Wäldern, Burgen und Märkten, wo die Regeln der Ehre ebenso verbindlich wie brüchig erscheinen und Loyalität beinahe immer ihren Preis fordert.

Ivanhoe erschien 1819 und stammt von Walter Scott, einem der prägenden Autoren der europäischen Romantik. Der schottische Schriftsteller veröffentlichte den Roman zunächst anonym und führte damit seine Reihe der sogenannten Waverley-Romane fort. Bemerkenswert ist, dass Scott hier erstmals ein großes Werk in England statt in Schottland ansiedelte. Das Buch verband die Faszination für historische Stoffe mit einer neuen, spannungsreichen Erzählweise und machte das Mittelalter einem breiten Publikum literarisch zugänglich. Seit seinem Erscheinen gilt Ivanhoe als Eckstein des historischen Romans und als Maßstab dafür, wie Geschichte erzählerisch lebendig und zugleich kritisch befragbar gemacht werden kann.

Die Handlung ist im England des späten 12. Jahrhunderts verortet, in einer Phase politischer Unsicherheit nach den Kreuzzügen. Der Schatten des abwesenden Königs Richard Löwenherz liegt über dem Reich, während ambitionierte Kräfte um Einfluss und Ordnung ringen. Vor diesem Hintergrund treten Spannungen zwischen normannischer Herrschaft und sächsischer Bevölkerung scharf hervor. Recht, Sprache, Sitten und Eigentum sind umkämpft, und Wege, Wälder und Turniere werden zu Schauplätzen sozialer Auseinandersetzungen. Scott zeichnet diese Welt mit Sinn für konkrete Dinge – Kleidung, Waffen, Rituale – und mit Blick für die Ideen, die sie bewegen: Autorität, Gemeinsinn, Glauben und Ehre.

Im Mittelpunkt steht der junge Ritter Wilfred von Ivanhoe, enterbt und dennoch unerschütterlich einem Ideal von Treue verpflichtet. Nach Jahren der Ferne kehrt er in ein Land zurück, das ihm nicht mehr sicher ist, und sucht seinen Platz in einer Ordnung, die ihn abgewiesen hat. Auf seinem Weg kreuzen sich Lebensläufe von Adligen, Klerikern, Kaufleuten, Außenseitern und freien Schützen. Turniere, Reisen und höfische Begegnungen eröffnen Bühne und Bewegung, doch die eigentliche Spannung liegt in Entscheidungen über Loyalität, Ehre und Gerechtigkeit. Die Ausgangslage bildet somit den Rahmen für ein Ringen um Anerkennung ohne garantierten Ausgang.

Scott war Jurist, Sammler und Erzähler, und all dies fließt in Ivanhoe ein. Er verbindet detailkundiges Wissen über Rechtsgewohnheiten, Titel, Zeremonien und Waffen mit einer dramatischen, gut getakteten Handlung. Archaisierende Wendungen, anschauliche Benennungen und erzählerische Kommentare erzeugen historische Farbe, ohne den Lesefluss zu hemmen. Zugleich sind Raum und Zeit nicht bloße Kulisse: Ereignisse und Sitten prägen die Handlung und die Figuren. Indem Scott die Mechanismen von Herrschaft, Vasallität und Lehnspflichten erzählerisch erprobt, macht er Geschichte erfahrbar. Das Ergebnis ist eine Prosa, die gelehrt, unterhaltsam und geistreich im Umgang mit Quellen bleibt.

Zu den zentralen Themen gehören Identität und Zugehörigkeit, die Frage nach gerechter Herrschaft und der Preis von Loyalität. Der Roman unterscheidet zwischen Rittertum als Ideal und als sozialer Praxis und zeigt, wie Tugend nicht allein durch Stand oder Herkunft garantiert wird. Dabei werden Konflikte zwischen persönlichem Gewissen und kollektiver Ordnung ausgetragen. Ehre, Tapferkeit und Barmherzigkeit stehen nicht außerhalb des Rechts, sondern werden daran gemessen, wie sie Schwache schützen und Macht begrenzen. So gewinnt die Geschichte eine politische Dimension, ohne die Spannung des Abenteuers zu verlieren, und bleibt zugleich offen für moralische Selbstprüfung.

Ivanhoe stellt auch religiöse und ethnische Spannungen aus. Besonders sichtbar wird dies an der Darstellung jüdischer Figuren, die in einer feindseligen Umwelt um Sicherheit, Würde und Recht ringen. Scott zeichnet ihre Lage mit Sympathie und zeigt den Druck von Vorurteilen, ökonomischer Abhängigkeit und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Die Begegnungen zwischen jüdischen und christlichen Charakteren eröffnen einen vielschichtigen Dialog über Gerechtigkeit, Mitleid und menschliche Integrität. Dadurch wird das Thema des Andersseins nicht zur Randnotiz, sondern zum Prüfstein ritterlicher Werte. Der Roman spricht so über Toleranz und Verantwortung, ohne belehrend zu werden, und macht die ethische Dimension konkret.

Als Klassiker hat Ivanhoe das moderne Bild des Mittelalters tief geprägt. Die Mischung aus Turnierglanz, Waldfreiheit und höfischer Intrige prägte Literatur, Theater und später Film und Fernsehen. Das Buch half, den Typus des edlen Gesetzlosen in der Gestalt des Waldschützen populär zu verankern und gab der Vorstellung von Ritterlichkeit eine bis heute erkennbare Form. Zugleich zeigte es, dass historische Romane Spannung, Humor und gesellschaftliche Reflexion verbinden können. Viele spätere Autorinnen und Autoren folgten diesem Modell, indem sie historische Recherche mit einer packenden Handlung und psychologischer Zeichnung verbanden.

Bereits im 19. Jahrhundert fand Ivanhoe ein großes Publikum, wurde vielfach nachgedruckt, übersetzt und adaptiert. Bühnenfassungen, musikalische Bearbeitungen und später bildmediale Umsetzungen trugen dazu bei, die Figuren und Motive dauerhaft zu verbreiten. Dass der Roman in sehr unterschiedlichen Kulturräumen Anklang fand, liegt auch an seiner klaren Dramaturgie und an den universellen Konflikten, die er entfaltet. Diese anhaltende Präsenz, verbunden mit der Qualität der Ausführung, hat Ivanhoe einen festen Platz im Kanon des historischen Erzählens gesichert und macht das Werk zu einem Bezugspunkt, an dem sich das Genre bis heute misst.

Erzählerisch nutzt Scott wechselnde Schauplätze, ineinandergreifende Handlungsstränge und ein Ensemble, das komische, heroische und tragische Töne zulässt. Szenen von Wettstreit und Zeremoniell wechseln mit Momenten leiser Beobachtung, in denen Charaktere über Pflicht, Glauben und Verantwortung nachdenken. Die Dialoge tragen die Handlung voran und markieren soziale Unterschiede ebenso wie Annäherungen. Atmosphäre entsteht durch genaue, jedoch ökonomische Beschreibungen, die Sinneseindrücke nutzen, ohne in bloßes Dekor zu verfallen. So entsteht ein Erzählraum, der zugleich anschaulich, beweglich und vielstimmig ist und Leserinnen und Leser an unterschiedliche Erfahrungswelten heranführt.

Heute ist Ivanhoe relevant, weil es Fragen verhandelt, die weiterhin politisch und persönlich bedeutsam sind: Wie wird Recht gegenüber Macht behauptet? Welche Pflichten folgen aus Zugehörigkeit, und wie geht eine Gesellschaft mit Minderheiten um? Der Roman fordert dazu auf, Ideale nicht als Besitzstand, sondern als Aufgabe zu verstehen. Er erinnert daran, dass nationale Identität aus Aushandlung entsteht, nicht aus bloßer Herkunft. Darüber hinaus zeigt er die Risiken romantisierter Gewalt und die Notwendigkeit, Mut mit Maß und Gerechtigkeit zu verbinden. Diese Einsichten behalten in globalen, pluralen Gesellschaften ihr Gewicht.

Die zeitlosen Qualitäten von Ivanhoe liegen in der kunstvollen Verbindung von historischer Anschaulichkeit, erzählerischem Schwung und moralischer Prüfung. Das Werk ist unterhaltend, ohne oberflächlich zu sein, und kritisch, ohne seine Figuren zu denunzieren. Es bietet Abenteuer, ohne das Nachdenken zu scheuen, und öffnet eine Vergangenheit, die zum Spiegel für Gegenwart wird. Darin besteht der klassische Rang des Romans: Er bleibt lesbar, diskutierbar und inspirierend, weil er das Menschliche im historischen Gewand erfasst. Wer Ivanhoe heute liest, begegnet einem Buch, das die Fragen von Macht, Gerechtigkeit und Zugehörigkeit unvermindert lebendig hält.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Ivanhoe ist ein historischer Roman von Walter Scott, erstmals 1819 veröffentlicht, spielt im England des späten 12. Jahrhunderts, kurz nach den Kreuzzügen, in einer Phase politischer Unsicherheit. Im Zentrum stehen Spannungen zwischen normannischer Herrschaft und sächsischem Erbe, verschärft durch die Abwesenheit des rechtmäßigen Königs und die Ambitionen seines Bruders. Scott verbindet Abenteuer, höfische Rituale und soziale Konflikte zu einer vielstimmigen Erzählung. Durch wechselnde Schauplätze und Perspektiven entsteht ein Panorama von Rittertum, Recht und religiöser Vielfalt. Die Handlung folgt einer klaren Abfolge von Begegnungen, Wettstreiten und Belagerungen, die den inneren Kern des Romans – Identität und Gerechtigkeit – stetig zuspitzen.

Der junge Ritter Wilfred von Ivanhoe ist von seinem Vater Cedric dem Sachsen enterbt, weil er dem normannischen König Richard die Treue hält und Lady Rowena, Cedrics Mündel, liebt. Zu Beginn kehrt er unerkannt als Pilger ins Land zurück und findet Unterkunft in Cedrics Halle. Dort kreuzen sich die Wege verschiedener Figuren, darunter der jüdische Geldverleiher Isaac von York und seine Tochter Rebecca. In der Spannung zwischen Gastfreundschaft und Vorurteilen zeigen sich früh die sozialen Bruchlinien. Die Heimkehr des Enterbten, die stumme Loyalität gegenüber einem abwesenden König und die ungesagten Gefühle schaffen leise, aber wirksame Konfliktlinien.

Am Hofe des machtbewussten Prinzen John verdichten sich die politischen Intrigen. Ein großes Turnier bei Ashby-de-la-Zouch wird zur Bühne, auf der sich persönliche Fehden und gesellschaftliche Lager sichtbar formieren. Ein „Enterbter Ritter“ fordert die etablierten Kräfte heraus, während ein geheimnisvoller Schwarzer Ritter unvermutete Stärke zeigt. Ritterliche Ideale, öffentliche Ehre und höfische Schaustellung treiben die Handlung voran. Rowena wird als Symbol sächsischen Stolzes exponiert, und rivalisierende Ordensritter, voran Brian de Bois-Guilbert, markieren die aggressivste Front. Der Wettkampf offenbart Bewunderung und Ressentiment zugleich und bereitet eine Reihe gewaltsamer Reaktionen im Gefolge der Schaukämpfe vor.

Nach dem Turnier eskalieren die Spannungen. Eine Gruppe normannischer Adliger – darunter Front-de-Boeuf, de Bracy und der Templer Bois-Guilbert – entführt Cedric, Rowena, Isaac und Rebecca, um Lösegelder zu erpressen und persönliche Wünsche zu erzwingen. Die Gefangenen werden auf die Burg Torquilstone verbracht, wo Macht, Praxis der Fehde und private Begierden aufeinandertreffen. Zwischen politischem Kalkül und ritterlichem Kodex entstehen Risse. Bois-Guilbert wird in seiner Faszination für Rebecca gezeigt, ohne dass dies in romantische Klischees abgleitet; zugleich tritt die Verwundbarkeit jüdischer Figuren unter einem Rechtssystem zutage, das Schutz verspricht, aber oft Willkür duldet.

Die Entführung ruft ungewöhnliche Bündnisse hervor. Der Gesetzesbrecher Locksley, bekannt aus Volksliedern, sammelt Waldläufer und einfache Leute, während der Schwarze Ritter und treue Hausleute der Sachsen sich anschließen. Gemeinsam nehmen sie Torquilstone ins Visier. Im Inneren der Burg werden Grausamkeit und Standesstolz ungeschönt gezeigt, doch auch Barmherzigkeit: Rebecca pflegt einen verletzten Ritter, während Drohungen und Erpressungen die Luft vergiften. Die Belagerung bildet einen dramatischen Höhepunkt, in dem Scotts Blick für taktische Details, Humor und bitteren Ernst zusammenfließen. Das Ergebnis dieser bewaffneten Rettung bleibt hier unerörtert, doch ihre Folgen tragen weit.

Aus den Verwerfungen der Belagerung erwachsen neue Gefahren. Rebecca gerät unter die Gewalt der Tempelritter und sieht sich einer Anklage wegen Zauberei gegenüber, genährt von religiösem Eifer und antisemitischen Vorurteilen. Der Großmeister des Ordens, Lucas de Beaumanoir, treibt ein Verfahren voran, das auf das Gottesurteil hinausläuft: ein gerichtlicher Zweikampf soll Wahrheit und Schuld entscheiden. Isaac, rechtlich geduldet und zugleich verachtet, verkörpert die prekäre Position jüdischer Gemeinden. Bois-Guilberts Obsession mit Ehre, Macht und Begehren verschärft die Lage. Das Recht erscheint als Ritual, dessen Gerechtigkeit von Charakterstärke und öffentlichem Spektakel abhängt.

Parallel verschiebt sich die große Politik. Prinz Johns Ambitionen geraten ins Wanken, da Gerüchte über die Nähe des rechtmäßigen Königs und das Auftreten eines führungsstarken Schwarzen Ritters die Loyalitäten neu ordnen. Die Koalition aus einfachen Schützen, freien Bauern und altgedienten Rittern lässt eine Idee nationaler Einigung aufscheinen. Cedric, fest in sächsischer Tradition, steht vor der Frage, ob Unbeugsamkeit oder der Schutz der Gemeinschaft höher wiegt. Die höfische Fassade reißt auf, und die Grenzen zwischen normannischer und sächsischer Identität werden durch gemeinsame Gefahren relativiert, ohne dass die endgültige politische Lösung offengelegt würde.

Im letzten Drittel bündelt Scott die Fäden: Familienstreit, Erbfragen und Liebesbindungen müssen sich mit Fragen von Glauben, Recht und öffentlicher Ordnung messen. Der angesetzte gerichtliche Zweikampf über Rebeccas Schicksal lenkt viele Wege an einen Punkt. Entscheidungen über Ehre werden gegen die Möglichkeit von Gnade geprüft. Rowenas Stellung und Rebeccas Würde spiegeln die Spielräume von Frauen in einer kriegerischen Männerwelt. Ivanhoes Pflichten gegenüber Herrn, Vater und Herz konkurrieren, ohne dass die Erzählung die abschließende Gewichtung verrät. Der Roman hält die Spannung, indem er Handlungsziele klar definiert, ihre Erfüllung jedoch bis zuletzt offenlässt.

Über die Handlung hinaus wirkt Ivanhoe als Erkundung von Zusammenleben nach Eroberung. Scott kontrastiert glänzendes Rittertum mit dem Preis, den Minderheiten und Unterlegene zahlen, und fragt, wann Tradition zur Tyrannei wird. Der Roman popularisierte das historische Genre, prägte das Bild mittelalterlicher Englandmythen und bot Figuren wie Locksley eine literarische Bühne. Seine nachhaltige Bedeutung liegt in der Idee, dass rechtliche Ordnung und menschliche Rücksicht die Spaltungen von Herkunft, Stand und Glauben überwinden können. Zugleich warnt die Erzählung davor, Gewalt und Ruhm zu verklären, und lässt Raum, in dem Leserinnen und Leser Konsequenzen selbst bedenken.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Ivanhoe ist in England gegen Ende des 12. Jahrhunderts situiert, als die Herrschaft der Plantagenets die politische Ordnung prägte. König Richard I. stand an der Spitze einer stark zentralisierten, aber durch Abwesenheit geschwächten Monarchie, während Adel und Kirche das alltägliche Leben regulierten. Feudalrecht, Lehensbindungen und Grundherrschaft strukturierten Besitz und Pflichten. Klöster, Bischofssitze und kirchliche Gerichte setzten geistliche Normen durch. Zugleich dominierten Burgen das Land, Wege waren unsicher, und lokale Machthaber beanspruchten Gewaltmonopol und Abgaben. Dieses institutionelle Gefüge bildet den Rahmen, in dem Scott seine Handlung entfaltet und die Spannungen zwischen königlicher Autorität, aristokratischer Autonomie und sozialer Ordnung auslotet.

Der normannische Eroberungszug von 1066 hatte eine neue herrschende Elite etabliert, die Sprache, Recht und Kultur prägte. Im 12. Jahrhundert war die Verschmelzung von Normannen und Angelsachsen weit fortgeschritten, doch soziale und symbolische Differenzen blieben spürbar. Anglo-Normannisch dominierte in Hof und Verwaltung, Latein in Kirche und Gelehrsamkeit, während Englisch im Volk lebte. Scott dramatisiert diese Spannungen, um Fragen der Identität, Legitimität und historischen Kontinuität zu verhandeln. Historisch war der Gegensatz weniger schroff, als der Roman nahelegt; erzählerisch dient er jedoch dazu, die Entstehung einer breiteren, „englischen“ Gemeinschaft durch Konflikt und Versöhnung zu erzählen.

Politisch fällt die Romanzeit in die Phase von Richards Abwesenheit und Gefangenschaft nach dem Dritten Kreuzzug. Zwischen 1192 und 1194 lag die Regentschaft faktisch bei Prinz Johann und anderen Magnaten, die ihre Positionen ausbauten. Der königliche Verwaltungsapparat funktionierte, doch Loyalitäten verschoben sich, und regionale Gewalten erstarkten. Die unsichere Sukzession schuf Spielräume für Ambitionen, Verhandlungen und Verrat. Diese Machtvakuum-Situation, historisch belastbar bezeugt, bildet im Roman das Feld für Rivalitäten, verdeckte Bündnisse und die Frage, ob legitime Herrschaft aus persönlicher Tapferkeit, rechtlicher Ordnung oder dynastischem Anspruch erwächst.

Der Dritte Kreuzzug (1189–1192) prägt Figurenhintergründe und Wertvorstellungen. Ritter kehren heim, gezeichnet von fremden Erfahrungen, Ruhm und Schuld. Der militärisch-religiöse Ethos der Kreuzzüge brachte Orden wie die Templer hervor, die strenge Regeln, Kampfpraxis und Besitz verbanden. Diese Realität spiegelt sich in der Präsenz eines templarischen Antagonisten und im Bild vom heimatlosen Kreuzfahrer. Gleichzeitig deutet Scott den ideellen Zwiespalt an: fromme Ziele, politische Kalküle und persönliche Ehre überlagern einander. So verknüpft der Roman die Bekanntheit des Kreuzzuges mit Fragen von Loyalität, Gewaltlegitimation und der moralischen Kosten des „heiligen“ Krieges.

Die enormen Finanzlasten der Kreuzzüge und der königlichen Gefangenschaft betrafen alle Schichten. Bereits 1188 wurde die „Saladinzehnt“ erhoben; nach Richards Gefangennahme folgten weitere Abgaben, Lösegelder und Sondersteuern. Auch Feudaldienste konnten in Geldleistungen (Scutage) umgewandelt werden. Diese fiskalische Verdichtung stärkte die Krone, belastete jedoch Landadel, Städte und Bauern. Im Roman klingt diese wirtschaftliche Drucklage an, wenn Reichtum, Schulden und Abhängigkeit Handlungsantriebe bilden. Das Umlaufen großer Geldsummen und kostspieliger Ausstattungen – von Rüstungen bis Turnierpreisen – verweist auf eine Gesellschaft, in der Prestige, Kredit und Liquidität eng verflochten sind.

Recht und Gewalt lagen um 1200 in einem Übergang: Königliche Gerichte gewannen Reichweite, doch lokale Herren übten weiter Zwang aus. Waldrecht und Jagdmonopole der Krone kriminalisierten bestimmte Lebensweisen und stützten die Vorstellung vom „Outlaw“. Vor diesem Hintergrund steht die Robin-Hood-Tradition, deren spätere Balladenwelt Scott aufgreift und in die 1190er verlegt. Historisch sind solche Gestalten schwer fassbar, doch die Konfliktlinien – restriktives Waldrecht, harte Strafen, Spannungen zwischen herrschaftlicher Nutzung und Volksgebrauch – sind belegbar. So verbindet der Roman romantisierte Gesetzesbrecher mit realen Friktionen einer territorial sich verdichtenden Herrschaft.

Turniere, Schauplätze ritterlicher Wettkämpfe, waren sozial und politisch bedeutsam. Obwohl zuvor restriktiv behandelt, wurden Turniere in England unter Richard I. 1194 gegen Gebühr lizenziert, was Einnahmen und Kontrolle sicherte. Der Wettstreit um Ehre, Bündnisse und Patronage fand im rituellen Rahmen von Tjost und Mêlée statt, begleitet von Heraldik, Minnedienst und Publikum. Scott nutzt dieses Feld, um Adelssoziabilität, Rivalitäten und performative Männlichkeit sichtbar zu machen. Zugleich zeigt er die Ambivalenz: sportliche Regeln stehen neben realen Risiken, politische Botschaften neben Unterhaltung, und hinter hohem Glanz verbirgt sich oft ökonomisches Kalkül.

Militärisch war die Epoche von Burgenbau, Trebuchets und Belagerungskriegen bestimmt. Der Übergang von hölzernen Motten zu steinernen Keeps hatte die Landschaft bereits verändert. Bewaffnete Gefolge, Kettenhemd, Schilde und Reiterei bildeten das Kerninstrumentarium; Armbrüste verbreiteten sich, während leistungsstarkes Langbogenschießen im späteren Mittelalter berühmt wurde. Scott schildert Belagerungen, Brand und Sturmangriffe in einer Weise, die an zeitgenössische Praxis anknüpft, auch wenn heroische Zuspitzungen literarisch motiviert sind. Die technische und taktische Umwelt liefert so den glaubwürdigen Rahmen, in dem Loyalität, Verrat und Mut konkrete physische Form annehmen.

Die jüdischen Gemeinden Englands waren seit dem 11. Jahrhundert etabliert, unter königlichem Schutz und Kontrolle. Als Geldverleiher erfüllten sie eine zentrale, christlichen Akteuren rechtlich erschwerte Funktion. Gleichzeitig waren sie Ziel von Feindseligkeiten, verschärft durch Kreuzzugsstimmung und fiskalische Ausbeutung. Pogrome 1189–1190, etwa in York, sind dokumentiert und zeigen die Verletzlichkeit dieser Minderheit. Scott integriert jüdische Figuren, um wirtschaftliche Verflechtungen, Abhängigkeiten und Antijudaismus sichtbar zu machen. Die Ambivalenz des „Schutzes“ – einträglich für die Krone, gefährlich für die Geschützten – bildet einen historischen Nerv, den der Roman bewusst berührt.

Kirche und Recht kreuzten sich in Fragen von Moral, Ehe und Häresie. Geistliche Gerichte, Eide, Gottesurteile und – in Ausnahmefällen – gerichtlicher Zweikampf prägten die Prozesspraxis. Im 12. Jahrhundert war der Ordal im Rückzug, doch Formen symbolisch aufgeladener Entscheidung blieben präsent. Accusationen wegen Zauberei oder Unkeuschheit entsprangen sozialen Konflikten; militärische Orden standen unter besonderer Beobachtung, auch wenn die spektakuläre Templerunterdrückung erst im 14. Jahrhundert erfolgte. Scott nutzt diese rechtlich-theologische Kulisse, um die Macht kirchlicher Institutionen und die Gefährdung marginalisierter Gruppen zu zeigen – ein Spiegel historischer Justizroutinen und ihrer Missbrauchsmöglichkeiten.

Ökonomisch dominierte die Grundherrschaft mit Frondiensten, Pacht und Naturalabgaben. Märkte und Jahrmessen verbanden ländliche Produktion mit städtischem Handel; Silberpfennige waren die Leitmünze. Transport verlief über schlechte Straßen, Pferde, Saumpfade und Binnenwasserwege; Herbergen und klösterliche Gastfreundschaft strukturierten Reisen. Handwerk, Waffenherstellung und Textilien schufen Wertschöpfung, während Raub, Zölle und Wegezölle Kosten erhöhten. Scott lässt Figuren durch diese Wirtschaftslandschaft ziehen: Händler, Gläubiger, Gefolgsleute und Pilger begegnen einander, wodurch die soziale Vielfalt der Epoche sichtbar wird. So erhält der Abenteuerplot eine fundierte materielle Erdung.

Die Stellung von Frauen war rechtlich und sozial begrenzt, doch nicht machtlos. Heiraten stifteten Allianzen; Vormundschaft, Mitgift und Wittum regelten Besitzflüsse. Adlige Damen konnten Burgen verwalten, Patronagen vergeben und literarische Kultur fördern, während das Ideal der „höfischen Liebe“ der Praxis oft widersprach. Scott verknüpft diese Realität mit moralischen Prüfungen, in denen Tugend, Ehre und Zwang kollidieren. Er zeigt dabei sowohl den Schutz durch Normen als auch deren Instrumentalisierung gegen die Schwächeren. Damit macht der Roman die Spannung zwischen ritterlicher Ideologie und der juristischen Wirklichkeit der Geschlechterordnung fassbar.

Sprachlich war England trilingual. Die Aristokratie sprach überwiegend Französisch, die Kirche Latein, das Volk verschiedene englische Dialekte. Diese Vielfalt bestimmte Verwaltung, Dichtung und Alltagskommunikation. Minnesang, Spielleute und mündliche Erzähltraditionen verbreiteten Stoffe, bevor sie in Chroniken und Sammlungen fixiert wurden. Die Robin-Hood-Balladen sind erst Jahrhunderte später belegbar, doch Scott stützt sich auf frühneuzeitliche Kompilationen und antiquarische Sammlungen, um ältere Motive zu rekonstruieren. So entsteht ein literarisches Mittelalter, das historisches Kolorit mit überlieferten Erzählmustern verbindet und die symbolische Kraft von Sprache und Lied gezielt nutzt.

Walter Scott schrieb Ivanhoe 1819 im Geist romantischer Historisierung, gestützt auf antiquarische Studien. Er nutzte gedruckte Chroniken und Überblicksdarstellungen zur Regierungszeit Richards und Johanns sowie Werke wie David Humes History of England. Für Brauchtum und Turniere zog er etwa Joseph Strutts Sports and Pastimes of the People of England heran; für balladische Stoffe waren Sammlungen wie Thomas Percys Reliques wichtig. Scotts Methode verband sorgfältige Lektüre mit erzählerischer Verdichtung. Er zielte darauf, typische Situationen, soziale Kräfte und mentalitätengetreue Details zu zeigen, auch wenn er Konflikte dramatisch zuspitzte, um historische Wandlungsprozesse greifbar zu machen.

Die Entstehungszeit des Romans war von romantischer Mittelalterbegeisterung und nationaler Selbstvergewisserung nach den Napoleonischen Kriegen geprägt. Scott, ein schottischer Autor mit konservativer Grundhaltung, interessierte sich für die Integration divergenter Traditionen in ein gemeinsames britisches Narrativ. Der im Roman modellierte Ausgleich zwischen „Sachsen“ und „Normannen“ kommentiert zeitgenössische Fragen von Einheit, Loyalität und regionaler Identität im Vereinigten Königreich. Zugleich reagiert der Text auf das Bedürfnis nach historischen Ursprungsmythen, die moderne Institutionen – Parlamentarismus, Rechtsstaat, Monarchie – als Ergebnis langer, konfliktreicher Aushandlungen darstellen.

Ein juristischer Zeitkommentar schwingt mit der Darstellung des gerichtlichen Zweikampfs. In England war die Berufung auf den Kampf als Rechtsmittel formal noch möglich und wurde 1818 im Fall Ashford v. Thornton bestätigt; kurz darauf wurde sie 1819 abgeschafft. Scotts Nutzung dieses alten Rituals gibt seiner Leserschaft ein Spiegelbild der Spannung zwischen Tradition und Reform. Ebenso ist die Darstellung jüdischer Figuren im Kontext zeitgenössischer Debatten über religiöse Toleranz zu lesen. Der Roman kritisiert Grausamkeit und Vorurteil, ohne seine Epoche zu idealisieren, und spiegelt damit moralische Diskurse des frühen 19. Jahrhunderts.

Die Rezeption von Ivanhoe war unmittelbar und anhaltend. Das Buch popularisierte Turniere, Waldromantik und die Figur des Robin Hood in neuer Form und trug zur Verbreitung mittelalterlicher Motive in Literatur, Theater und Illustration bei. Es beeinflusste Vorstellungen von Rittertum und „altenglischer“ Vergangenheit, die später in der viktorianischen Mittelalterbegeisterung fruchtbar wurden. Gleichzeitig prägte es das Bild Richards Löwenherz und Johanns in der populären Kultur. Obwohl die Geschichtswissenschaft die Schärfe mancher Gegensätze relativierte, blieb die narrative Kraft des Romans für das kulturelle Gedächtnis prägend und rahmte viele spätere Bearbeitungen der Stoffe mit ein.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Sir Walter Scott (1771–1832) war ein schottischer Schriftsteller der Romantik, dessen historische Romane und erzählende Gedichte das Literaturverständnis des 19. Jahrhunderts prägten. Er gilt als maßgeblicher Begründer des historischen Romans in englischer Sprache und verband akribische Quellenarbeit mit lebendiger Darstellung gesellschaftlicher Umbrüche. Scott wirkte in Edinburgh und in den Scottish Borders und erreichte eine internationale Leserschaft. Seine Werke boten einem breiten Publikum neue Zugänge zu Geschichte, Rechtstraditionen und regionalen Kulturen Großbritanniens. Zugleich prägte er populäre Bilder von Schottland und Rittertum, die bis heute nachwirken. Sein Name ist eng mit der europäischen Literaturgeschichte verknüpft.

Ausgebildet wurde Scott an der High School of Edinburgh und an der University of Edinburgh, wo er Rechtswissenschaften studierte und zum Anwalt zugelassen wurde. Beruflich wirkte er über Jahrzehnte im Justizdienst, unter anderem als Sheriff-Depute in Selkirkshire und als Clerk am Court of Session. Diese juristische Praxis und seine antiquarischen Studien prägten seinen historischen Blick. Literarisch beeinflussten ihn schottische Border-Balladen, die britische Aufklärungshistoriografie sowie die deutsche Romantik, die er früh durch Übersetzungen kennenlernte. Auch mittelalterliche Chroniken und Ritterromane halfen ihm, Erzählmuster zu entwickeln, in denen Figuren durch Konflikte von Tradition, Loyalität und gesellschaftlichem Wandel geformt werden.

In den 1790er-Jahren begann Scott mit Übersetzungen und Sammlungen traditioneller Stoffe, besonders aus dem Deutschen und aus den Grenzregionen Schottlands. Mit der mehrbändigen Minstrelsy of the Scottish Border (1802–1803) legte er eine einflussreiche Edition historischer Balladen vor. Rasch folgten erzählende Gedichte, die ihn zu einem der meistgelesenen Dichter Großbritanniens machten: The Lay of the Last Minstrel, Marmion und The Lady of the Lake verbanden volkstümliche Töne, Landschaftsbilder und dramatische Episoden. Sie brachten ihm europaweiten Ruhm und bereiteten stilistisch seinen Übergang zur Prosa vor, indem sie historische Szenarien und kollektive Erinnerungen in spannende narrative Formen kleideten.

Mit Waverley (1814) wandte sich Scott dem historischen Roman zu und veröffentlichte zunächst anonym als The Author of Waverley. Die darauf folgenden Titel – Guy Mannering, The Antiquary und die frühe Reihe Tales of My Landlord mit Old Mortality und The Heart of Mid-Lothian – vertieften seine Methode: sorgfältige Quellenarbeit, soziale Typen, mehrstimmige Perspektiven und die Einbettung privater Schicksale in öffentliche Umbrüche. Die Romane wurden zu europaweiten Bestsellern. Erst in den späten 1820er-Jahren wurde seine Autorschaft öffentlich anerkannt, nachdem sie lange Zeit ein offenes Geheimnis gewesen war und sein Markenzeichen zusätzlich befördert hatte.

Sein thematischer und geographischer Radius erweiterte sich stetig: Rob Roy, Ivanhoe, The Bride of Lammermoor, Kenilworth, Quentin Durward und weitere Romane erschlossen schottische, englische und kontinentale Schauplätze verschiedener Epochen. Er gab zugleich gelehrte Editionen heraus, etwa von John Dryden und Jonathan Swift, und veröffentlichte später die umfangreiche Life of Napoleon Buonaparte. Scotts Bücher inspirierten Theater und Musik; zahlreiche Opern basieren auf seinen Stoffen, darunter Rossinis La donna del lago, Donizettis Lucia di Lammermoor und Bizets La jolie fille de Perth. Die anhaltende Resonanz unterstreicht die Breite seiner Wirkung über Sprach- und Gattungsgrenzen hinweg.

Politisch stand Scott konservativen, monarchietreuen Positionen nahe und engagierte sich kulturell für eine Bühne schottischer Identität innerhalb des Vereinigten Königreichs. Berühmt wurde sein Anteil an der glanzvollen Reise Georgs IV. nach Schottland im Jahr 1822, die Symbole wie Tartan und Highland-Kleidungsstücke populär machte. Seine Romane verhandeln wiederkehrend Loyalitäten zwischen Krone, Clan und bürgerlicher Gesellschaft, schildern Rechtskulturen und betonen die Ambivalenzen historischen Fortschritts. Das Publikum schätzte die Mischung aus Abenteuer, Anschaulichkeit und historischer Plausibilität; Kritiker diskutierten sein Verhältnis zur Romantik und zu aufklärerischer Rationalität. Beides verbindet sich bei ihm zu einem pragmatischen historischen Bewusstsein.

In den 1820er-Jahren geriet Scotts Verlags- und Druckumfeld in eine Finanzkrise, deren Schulden er aus Pflichtgefühl übernahm. Er reagierte mit enormer Produktivität und schrieb fortlaufend neue Romane sowie Essays und Editionen, um Verbindlichkeiten abzutragen. Die Belastung verschlechterte seine Gesundheit; Reisen zur Erholung folgten, bevor er 1832 in Abbotsford starb. Sein Nachruhm beruht auf der Verbindung von historischer Recherche, erzählerischer Energie und gesellschaftlicher Breite. Moderne Lesarten würdigen seine Mitbegründung des historischen Romans und prüfen kritisch Stereotype oder stilistische Altertümlichkeiten. Übersetzungen, Neuausgaben und Adaptionen halten seine Präsenz in der Weltliteratur lebendig bis heute.

Ivanhoe

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Dreißigstes Kapitel.
Einunddreißigstes Kapitel.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Dreiundreißigstes Kapitel.
Vierunddreißigstes Kapitel.
Fünfunddreißigstes Kapitel.
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Achtunddreißigstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

In der anmutigen Provinz des glücklichen England, die der Don durchströmt, dehnte sich in alter Zeit ein großer Wald aus, der die lieblichen Hügel und Täler zwischen Sheffield und der freundlichen Stadt Doncuster bedeckt. Überreste dieses mächtigen Forstes findet man noch in der Umgegend der Rittersitze Wentworth, Warncliffe-Park und bei Rotherham. Hier hauste einst der sagenhafte Drache von Wantley, hier wurde manche blutige Schlacht im Bürgerkrieg der weißen und roten Rose ausgefochten, hier trieben vor alten Zeiten die tollkühnen Räuberhorden ihr Wesen, deren Taten durch die englischen Volkslieder überall bekannt geworden sind. Und hier liegt auch der eigentliche Schauplatz dieser Erzählung und die Zeit, zu der sie spielt, reicht bis zum Ende der Regierung Richards des Ersten, als seine Untertanen, die während seiner langen Gefangenschaft auf jede mögliche Weise bedrückt und geknechtet waren, seine Rückkehr wohl von Herzen wünschten, doch nicht zu erhoffen wagten. Der Adel, der während Stephans Regierung zu unbegrenzter Macht gelangt war, und den Heinrich der Zweite durch kluge Politik der Krone etwas von neuem untertänig gemacht hatte, schlug jetzt wieder völlig über die Stränge, kümmerte sich nicht um den ohnmächtigen Protest des englischen Staatsrates, befestigte seine Schlösser, verstärkte die Zahl seiner Hörigen und Reisigen, machte sich alles in seiner Umgebung zu Vasallen und bot alle Kraft auf, um, jeder in seinem Kreise, zu Macht und Gewalt zu gelangen und in den aller Voraussicht nach nahe bevorstehenden staatlichen Katastrophen eine hervorragende Rolle spielen zu können. Die Angehörigen des niederen Adels oder die Franklins[2], wie man sie nannte, die von Gesetzes wegen und durch den Geist der englischen Verfassung berechtigt waren, von der Feudaltyrannei unabhängig zu bleiben, wurden durch diese Zustände mehr als je in ihrer Existenz gefährdet. Wenn sie sich, was meist der Fall war, dem Schutze eines der kleinen Könige aus ihrer Umgebung unterstellten, an seinem Hofe Lehnsdienste taten, oder sich in einem gegenseitigen Schutz-und Trutzbündnis verpflichteten, ihm in seinen Unternehmungen Beistand zu leisten, so hatten sie sich allerdings wohl eine vorübergehende Sicherheit erkauft, aber eben dafür die Unabhängigkeit hingegeben, die jedem englischen Herzen lieb und teuer ist, und sie konnten mit Bestimmtheit darauf rechnen, in ein unbesonnenes Unternehmen hineingezogen zu werden, zu dem sich ihr Schutzherr aus Ehrgeiz hinreißen lassen würde. Auf der anderen Seite standen den mächtigen Baronen soviele Mittel zu Gebote, die kleinen Adligen zu knechten und zu schurigeln, daß sie nie um einen Vorwand verlegen waren und nur in seltenen Fällen darauf verzichteten, mit ihren Feindseligkeiten alle die unter ihren weniger mächtigen Nachbarn zu verfolgen, die es wagten, sich ihrer Oberherrschaft zu entziehen und in diesen gefahrvollen Zeiten ihren einzigen Schutz in ihrer makellosen Führung und in den Gesetzen des Landes zu suchen.

Ein Umstand, dem es zum großen Teile zuzuschreiben war, daß der hohe Adel ein so tyrannisches Wesen treiben durfte und daß seine niederen Klassen in so arge Bedrängnis geraten waren, lag in den Folgen, die die Eroberung des Herzogs von der Normandie mit sich brachte. In vier Geschlechtern hatte sich weder das feindliche Blut der Normannen und der Angelsachsen vermischen, noch hatten sich durch gleiche Sprache, gleiche Ziele und Interessen zwei feindliche Stämme miteinander verschmelzen können, denn auf der einen Seite machte sich stets der Stolz und der Dünkel des Siegers geltend, und auf der anderen hatten die Folgen der Niederlage denn doch zu tiefe Wunden geschlagen.

Nach der Schlacht von Hastings[1] hatte der normännische Adel die Gewalt völlig in Händen, und er machte nicht eben milden Gebrauch davon. Das Geschlecht der sächsischen Fürsten und Edelherren war entweder völlig vernichtet oder seines Erbteils beraubt worden, bis auf wenige aus der zweiten oder noch niedrigeren Klasse, die im Lande ihrer Väter noch als Herren auf eigenem Grund und Boden saßen. Lange hatte der König seine Gewalt dahin zu nutzen versucht, jenen Teil der Bevölkerung, der erwiesenermaßen stets einen tief eingewurzelten Haß gegen den Sieger und Unterdrücker hegt, in seiner Macht zu schmälern. Alle Herrscher normännischen Geblüts bekundeten unstreitig stets die offenste Vorliebe für ihre normännischen Untertanen. Jagdgesetze und andere Paragraphen, von denen der freie duldsame Geist der sächsischen Verfassung nichts wußte, waren dem Nacken der unterjochten Bewohner aufgebürdet worden, um die Fesseln der Feudalherrschaft noch schwerer zu gestalten. Am Hofe selbst und in den Schlössern der hohen Herren, wo man dem Luxus und der Pracht des Hofes gleichzukommen strebte, war nur die normännisch-französische Sprache im Gebrauch und in der gleichen Sprache wurden auf den Gerichten die Klagen und die Urteile abgefaßt. Mit einem Wort: französisch war die Sprache der vornehmen Welt, der Ritterschaft und der Herren vom Gericht, während das ausdrucksvolle und mannhaftere Angelsächsisch nur noch bei den Bauern und Knechten in Gebrauch war, die einer anderen Sprache nicht mächtig waren. Und da nun die Grundbesitzer mit den Bauersleuten Gemeinschaft unterhalten mußten, so bildete sich allmählich aus diesem Verkehr eine besondere Mundart, eine Mischung aus Französisch und Angelsächsisch, in der sie sich untereinander verständigten. Dieser aus Zwang entstandene Dialekt hat dann die englische Sprache gezeitigt, in der sich die Sprache der Sieger mit der der Besiegten aufs glücklichste verquickt hat und die dann im Laufe der Zeit aus Übertragungen aus den Sprachen des klassischen Altertums und aus der Literatur der südlichen Völker Europas in hohem Maße bereichert worden ist. – Der Verfasser glaubte den Leser über diesen Zustand der Dinge unterrichten zu müssen, damit er stets dessen eingedenk sein soll, daß eine Nationalverschiedenheit zwischen den Sachsen und den Siegern und die nie geschwundene Erinnerung an das, was sie gewesen und was jene aus ihnen gemacht hatten, bis in die Regierung Eduards des Dritten stets wach geblieben ist. Die Wunden, die der Gegner geschlagen hatte und die er, sobald sie im Vernarben waren, stets wieder aufriß, ließen eine scharfe Scheidung zwischen den Abkömmlingen der siegreichen Normannen und den Nachkommen der unterdrückten Sachsen immer merklich erkennen.

Auf einer der satten Wiesen des anfangs erwähnten Waldes lag heller Sonnenschein. Hunderte von breiten, kurzstämmigen Eichen, die vielleicht schon die römischen Legionen in prachtvollem Aufzug vorüberziehen sahen, beschatteten mit ihren weitausladenden knorrigen Zweigen den dichten grünen Teppich des lieblichen Rasens. An manchen Stellen standen Buchen, Pappeln und andere Baumarten in so dichtem Gemisch dazwischen, daß die Strahlen der sinkenden Sonne kaum hindurchdringen konnten. An anderen Stellen bot sich ein weiter, herrlicher Durchblick, in die das Auge so gern hineinspäht, während die Phantasie in ihren Gründen noch Bilder der Waldeinsamkeit erwartet. Die Purpurstrahlen der untergehenden Sonne verbreiteten hier einen milden fahlen Schein, der da und dort auf den Zweigen und Stämmen lag, und auch auf dem Rasen malten sich stellenweise Flächen von Licht, die den Weg der Sonne bezeichneten. Ein weiter Kreis in der Mitte des Grasplatzes schien vor Zeiten dem Götzendienst der Druiden geweiht gewesen zu sein; denn oben auf einem Hügel, der so regelmäßig erschien, als ob er von Menschenhänden errichtet worden sei, waren die Überreste eines großen Kreises aus roten, unbehauenen Steinen zu sehen. Sieben von ihnen waren hochgestellt, die anderen lagen flach umher und waren durcheinandergeworfen, vielleicht von einem zum Christentum bekehrten Eiferer. Andere wieder lagen dicht an ihrem alten Fleck, andere auf dem Abhang des Hügels. Nur ein großer, umfänglicher Block war ganz heruntergeglitten und hatte den Lauf eines kleinen Baches versperrt, der sich sanft um den Fuß des Hügels herumschlängelte und nun in leisem Murmeln über dieses Hemmnis hinwegrann.

Zwei menschliche Gestalten waren in dieser Landschaft zu sehen und Tracht und Erscheinung kennzeichnete sie in ihrer Wildheit und Rauheit als Waldbewohner des Westens von Yorkshire. Der Ältere von beiden sah ernst, wild und düster aus. Seine mehr als einfache Kleidung bestand aus einer knappen Ärmeljacke aus gegerbtem Tierfell, an der sich das ursprünglich nicht abgeschorene Haar mit der Zeit so sehr abgeschabt hatte, daß sich aus dem, was noch daran war, schwer hätte sagen lassen, von welchem Tiere der Pelz stammte. Dieser Überkittel ging vom Hals bis zum Knie und bedeckte also den ganzen Leib, und das einzige Loch, das er hatte, war gerade groß genug, daß der Kopf hindurchgesteckt werden konnte. Er mußte mithin wie ein Hemd beim Anziehen über Kopf und Schultern gestreift werden. Sandalen mit schweinsledernen Riemen schützten die Füße, eine Rolle von dünnem Leder war als Gamasche um die Beine geschlungen worden und ließ, wie es bei den schottischen Hochländern Brauch war, das Knie nackt. Damit die Jacke praller sitzen sollte, war sie in der Mitte durch einen breiten Ledergürtel mit metallener Schnalle zusammengehalten. An diesem Gurt hing an der einen Seite eine Art Tasche, an der anderen ein zum Blasen gerichtetes Widderhorn mit Mundstück. Ferner steckte darin ein langes, breites Messer mit scharf zugespitzter zweischneidiger Klinge und einem Griff aus Hirschhorn. Derartige Messer wurden in dieser Gegend hergestellt und hießen schon damals Sheffieldmesser. Der Mann hatte zur Kopfbedeckung nichts weiter als sein starkes zusammengerafftes und geflochtenes Haar, das im Scheine der Sonne wie dunkelrot erschien und stark gegen den die Wangen bedeckenden Bart abstach, der die Farbe des Bernsteins hatte. Ein sehr seltsames Stück seines Anzuges muß noch genannt werden, nämlich ein metallener Ring, der wie ein Hundehalsband aussah, aber keine Öffnung hatte und sich fest um den Hals schloß, ohne daß der Mann dadurch am Atmen behindert worden wäre. Auf diesem merkwürdigen Halsschmuck, der nur mit der Feile zu lösen gewesen wäre, stand in angelsächsischen Buchstaben die folgende Inschrift: Gurth, Beowulfs Sohn, ist durch Geburt Leibeigener Cedrics von Rotherwood.

Neben diesem Schweinehirten, denn dies war Gurths Amt, saß auf einem Trümmerstein der Druidenstätte ein Mann, der zehn Jahre jünger zu sein schien und dessen Tracht im Schnitt der seines Gefährten ähnlich, jedoch aus besserem Stoff gefertigt war und phantastischer aussah. Sein Wams war früher von hellem Purpur gewesen und unbeholfene Verzierungen in verschiedenen Farben waren grotesk darauf gemalt worden. Der Mantel, der ihm nur bis zur Hälfte des Leibes reichte und aus karmoisinrotem Tuch mit hellgelber Einfassung bestand, war schon stark abgetragen, und da er um beide Schultern geworfen und um den Leib geschlungen werden konnte, so war er im Vergleich zu seiner Kürze unverhältnismäßig weit und gab daher ein recht seltsames Kleidungsstück ab. Der Mann trug schmale, silberne Armbänder und um den Hals ein Band von dem gleichen Metall mit der Inschrift: Wamba, Sohn des Ohnewitz, ist Leibeigener Cedrics von Rotherwood. Er trug Sandalen wie sein Gefährte, aber statt der Lederrollen hatte er richtige Gamaschen, von denen die eine rot, die andere gelb war. Seine Mütze war mit einer Menge Schellen besetzt wie man sie den Falken anhängt. Die klingelten, wenn er den Kopf bewegte, und da er nicht einen Augenblick still saß, so klirrte und klimperte es unaufhörlich. Um die Spitze der Mütze lief ein breites Band von steifem Leder, das oben ausgezackt war und wie eine kleine Krone aussah. Aus ihr hing eine Art Beutel hervor, der auf die Schulter herabbaumelte und sich fast wie eine alte Nachtmütze oder wie ein Husarenkäppi ausnahm. Auch daran hingen Glöckchen.

Dieser ganze Aufputz und der halbpfiffige, halbirre Ausdruck seines Gesichts kennzeichneten ihn hinlänglich als einen jener Hausnarren, die sich die Reichen zum Zeitvertreib halten, um besser über die langweiligen Stunden hinwegzukommen, die ihnen in ihren vier Pfählen nicht erspart bleiben. Wie sein Gefährte trug auch er eine Art Tasche am Gurt, aber er hatte weder Horn noch Messer, wahrscheinlich weil es für gefährlich erachtet wurde, dem Menschenschlag, zu dem er gehörte, scharfe Instrumente in die Hand zu geben. Dagegen führte er ein hölzernes Schwert wie Kasperle auf dem Theater. Wie das Äußere der beiden Männer einen scharfausgeprägten Gegensatz erkennen ließ, so auch ihr Blick und ihr Wesen. Der Hirt und Leibeigene hatte ein trübes und düsteres Gebaren. Das Auge war mit dem Ausdruck tiefer Verzweiflung zu Boden gesenkt und schien gänzliche Apathie zu bekunden, nur ab und zu flammte es in seinem roten Auge auf und deutete darauf hin, daß sich unter seinem dumpfen Kleinmut die Empfindung, geknechtet zu sein, und das Verlangen, sich dagegen aufzubäumen, schlummernd regten. Wambas Miene dagegen verriet die bei Menschen seines Schlages in der Regel vorhandene Neugier, eine quecksilberne Hast und die größte Zufriedenheit mit seiner Lage und seiner Kleidung. Beide unterhielten sich angelsächsisch, eine Sprache, die, wie schon erwähnt, ausschließlich bei den niederen Klassen in Gebrauch war.

»Hol der heilige Withold die verflixten Schweine[1q]!« brummte der Hirt, nachdem er aus Leibeskräften ins Horn geblasen hatte, um die verstreute Herde zusammenzubringen, die seinem Rufe zwar in ebenso melodischer Weise antwortete, aber doch von seinem leckeren und reichen Mahle aus Eicheln und Bucheckern nicht wegzubringen war. Auch hatten sie nicht die geringste Lust, das schlammige Ufer des Flusses zu verlassen, wo sich mehrere recht gemächlich im Moraste wälzten und das Horn blasen ließen, was es blasen mochte.

»Hol sie der heilige Withold und mich selbst!«, sagte Gurth. »Wenn der Wolf mit zwei Beinen nicht noch ‘n paar vor der Nacht wegmaust, will ich keine ehrliche Kreatur sein. – Hierher! Packan! Hierher!« schrie er seinem zottigen Hunde zu, einem wolfsähnlichen Tiere, halb Bullenbeißer, halb Windspiel, der eifrig hin und her hetzte, um die widerspenstigen Grunzer seinem Herrn sammeln zu helfen. Entweder aber verstand er die Hornsignale seines Herrn nicht und wußte auch noch nicht, was ihm zu tun oblag, oder er handelte aus vorsätzlicher Böswilligkeit so, denn er trieb die Schweine nur noch mehr auseinander und machte daher das Übel nur noch ärger.

»Mag der Deibel dem Viech die Zähne ausreißen!« schimpfte Gurth. »Wamba, wenn du ‘n braver Kerl bist, so komm und hilf mir! Lauf um den Hügel rum, daß du ihnen in ‘n Rücken kommst. Wenn du ihnen die Witterung abkriegst, kannst du sie wie harmlose Lämmerkens vor dir hertreiben.«

»Weiß der Kuckuck!« sagte Wamba, ohne sich vom Flecke zu rühren, »ich habe meine Beine gefragt, wie sie drüber denken, und die meinen nu mal, daß ich meine Kleider nicht durch diese Pfützen treiben dürfe, wenn ich mich nicht geradezu versündigen will an meiner hohen Person und meiner fürstlichen Garderobe. Derowegen rat ich dir, Gurth, ruf den Packan weg und überlasse die Herde ihrem Schicksal. Ob sie nu rumziehenden Soldaten oder Räubern oder langweiligen Pilgern in die Hände fällt, es kommt doch alles auf eins raus. Eh nämlich der Tag anbricht, werden die Schweine zu deiner Freude in Normannen verwandelt sein.«

»Die Schweine in Normannen?« fragte Gurth. »Erklär mir das, Wamba, denn mein Schädel ist zu blöde und mein Gemüt zu bedrückt, als daß ich lustig genug wär, um Rätsel zu knacken.«

»Wie nennst du das grunzende Viechzeug, das sich auf vier Beinen rumtreibt?« fragte Wamba.

»Schweine, Narr, Schweine,« sagte der Hirt, »das weiß jeder Narr.«

»Und Schwein ist ‘n gut sächsisch Wort,« sagte der Hausnarr. »Aber wie nennst du die Sau, wenn sie ausgeweidet, abgesengt und aufgehängt ist wie ‘n Hochverräter?«

»Porc!« versetzte der Hirt.

»Freut mich, daß auch das jeder Narr weiß,« antwortete Wamba. »Und Porc ist gut normännisch-französisch. Wenn das Viech lebt und von nem sächsischen Leibeignen gehütet wird, dann hats seinen sächsischen Namen, aber es wird ‘n Normanne und heißt Porc, wenn es in ‘n stattliches Schloß gebracht und den edlen Herren zum Mahle aufgetischt wird. Was sagst du dazu, Freund Gurth?«

»Das hat Hand und Fuß, Freund Wamba, wenns auch der Schädel eines Narren ausgeheckt hat.«

»Noch mehr kann ich dir sagen,« fuhr Wamba im gleichen Tone fort. »Da ist der ehrliche Aldermann Ochs, der behält auch seinen sächsischen Namen, solang er von Knechten und Leibeigenen bewacht wird, aber sobald er vor die hochgeehrten Kinnladen kommt, die allein auf Erden dazu da sind, ihn aufzuessen, dann wird er sogleich ‘n stolzer, eleganter Franzose und nennt sich Boeuf. Und das gute Bürschchen Kalb wird auf diese Weise Monsieur de vaux. Solang es unter Aufsicht ist, bleibts ein Sachse, und sobalds eine Sache des Genusses wird, ist ‘n Normanne draus geworden.«

»Beim heiligen Dunstan!« entgegnete Gurth. »Was du da sagst, ist leider alles wahr. Nicht viel mehr ist uns gelassen, als die Luft, die wir atmen, und auch die scheinen sie uns nur ungern zu gönnen und nur deshalb zu lassen, damit wir die Lasten tragen können, die sie unserm Buckel aufgebürdet haben. Das Leckerste und das Fetteste ist für ihre Tafel, und das Hübscheste für ihr Bett, die Tüchtigsten müssen als Soldaten unter die fremde Herrschaft, in fernen Landen bleichen ihre Knochen und nur wenig bleiben übrig, die die Macht hätten und willens wären, die unglücklichen Sachsen zu beschützen. Gott segne unsern Herrn Cedric! der hat gehandelt wie ‘n Mann, der in die Bresche springen will; aber Reginald Front-de-Boeuf durchzieht selbst das Land, und wir werden ja sehen, wie wenig alle Sorge und Mühe Cedrics helfen wird. – Hierher, hierher!« rief er, wieder die Stimme erhebend. »Halloh, halloh! wacker, Packan! Nu hast du sie alle beisammen und treibst sie weiter vor dir her!«

»Gurth,« sagte der Narr, »du hältst mich für ‘n ganz dummen Kerl, sonst tätest du nicht so leichthin deinen Kopf zwischen meine Zähne stecken. Ich brauchte Reginald Front-de-Boeuf oder Philipp von Malvoisin nur ein Wort zu sagen, daß du verräterische Pläne gegen die Normannen geäußert hättest, und du bist deiner Würde als Schweinehirt entsetzt und wirst bald an einem dieser Bäume hängen zum abschreckenden Exempel für alle, die über hohe Herren übles Gerede führen.«

»Du Hund du!« knurrte Gurth. »Du wirst mich doch nicht verraten, nachdem du mich erst dazu verleitet hast, so zu reden?«

»Dich verraten!« antwortete der Narr. »Gott bewahre! Das wär nur was für einen gescheiten Menschen, ein Narr weiß nicht, wie er das anzufangen hätte. Doch still! wer ist das?« setzte er hinzu, indem er auf die Hufschläge von Pferden hörte, die deutlich zu vernehmen waren.

»Mir einerlei,« erwiderte Gurth, der jetzt seine Herde, von seinem Hunde unterstützt, durch einen Baumgang vor sich hertrieb, in dem es schon dunkel geworden war.

»Ich will aber die Reiter sehen,« sagte Wamba, »am Ende sind sie aus dem Feenlande und bringen Botschaft von Oberon.«

»Hol dich der Henker!« rief der Schweinehirt. »Wie kannst du nur solch Unsinn schwatzen, wo wenig Meilen von hier ‘n fürchterliches Unwetter mit Blitz und Donner niederprasselt. Hör nur, wie der Donner rollt! Nie sah ich bei nem Sommerregen so dicke Tropfen schnurgerade runterfallen. Hier ist zwar noch alles still, aber schon rauschen die alten Eichen vorm Sturm, und in ihren Ästen stöhnts und knackts. Beiß du den Furchtlosen raus, wenn du Lust hast, aber hör diesmal auf mich und laß uns heimgehen, ehs Gewitter losbricht. Das wird ne entsetzliche Nacht!«

Wamba entzog sich dieser Mahnung nicht und folgte seinem Gefährten, der einen Stock vom Rasen aufgehoben hatte, nun wacker durch die Lichtung fürbaß schritt und die ganze Herde, die einen höchst unmelodischen Lärm machte, mit Hilfe seines Hundes vor sich hertrieb.

Zweites Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Allen Aufforderungen und Scheltworten seines Gefährten zum Trotz, konnte Wamba nicht umhin, alle Augenblicke auf der Straße stehen zu bleiben, weil das Pferdegetrappel immer näher kam. Bald riß er von einem Haselstrauch ein paar halbreife Haselnüsse ab, bald sah er einem Bauernmädchen nach, das seinen Weg kreuzte. Die beiden wurden daher bald von den Pferden und Reitern eingeholt.

Es waren zehn an der Zahl. Die zwei, die vorweg ritten, schienen hervorragende Personen zu sein, während die anderen wohl das Gefolge bildeten. Es war nicht schwierig, Charakter und Beruf des einen von diesen beiden Männern zu erkennen. Er war ohne Zweifel ein Geistlicher von hohem Range. Er trug die Gewandung eines Cisterziensermönches, nur aus feinerem Stoff, als es die Ordensregel erlaubt. Kutte und Kappe waren aus bestem Flamänder Tuch und fielen in weiten geschmackvollen Falten um seine hübsche, obwohl etwas beleibte Gestalt. Wie in dieser seiner Art, sich zu kleiden, keinerlei Verschmähung weltlichen Glanzes lag, so zeigte auch sein Gesicht keinen Zug der Selbstverleugnung. Seine Physiognomie hätte man anheimelnd nennen können, wenn nicht ein epikuräisches Blinzeln, das unter dem gesenkten Lide schlummerte, den versteckten Wollüstling verraten hätte. Außerdem hatte er sich in seinem Amt und dank seinen Verhältnissen eine strenge Herrschaft über seine Züge zu eigen gemacht, und er konnte nach Belieben zu jeder Zeit eine feierliche Miene aufsetzen, obgleich der natürliche Ausdruck seines Gesichtes gutgelaunte, gemütliche Gleichgültigkeit und Duldsamkeit war. Den Ordensbestimmungen und den Edikten der Päpste und Konzilien entgegen, waren die Ärmel seines Talars mit kostbarem Pelz besetzt und gefüttert, den Mantel hielt am Halse ein prachtvolles Schloß fest, und seine ganze Ordenstracht war verfeinert und ausgeschmückt. Dieser würdige Diener der Kirche ritt auf einem wohlgenährten Maultier, dessen Zaumzeug schön und reich verziert war; der Zaum selber war nach damaligem Brauch mit silbernen Glöckchen besetzt. Er saß nicht mit der Unbeholfenheit eines Klosterbruders, sondern mit der Haltung eines geübten Reiters im Sattel. Allerdings schien er den gutmütigen und gutzugerittenen Maulesel auch nur auf der Landstraße zu benutzen. Ein Laienbruder seines Gefolges führte für andere Gelegenheiten einen schönen spanischen Hengst bei sich, wie sie damals nur mit großen Schwierigkeiten und Gefahren für Personen von Rang und Reichtum von Händlern nach England gebracht wurden. Sattel und Schabracke dieses prächtigen Zelters waren mit einem langen Teppich bedeckt, der bis auf die Erde herabhing und mit Bischofskronen, Kreuzen und anderen kirchlichen Zeichen reich bestickt war. Ein anderer Laienbruder führte ein Saumtier, das wahrscheinlich das Gepäck trug, und zwei Mönche von demselben Orden, doch von niedrigerer Klasse, ritten hinter ihm drein, miteinander scherzend und lachend, und bekümmerten sich nicht im mindesten um die anderen Mitglieder des Reiterzuges.

Der Gefährte des Prälaten war ein Mann von mehr als vierzig Jahren, schlank und hager, aber dabei stark und muskulös und von athletischem Wuchs. Langjährige Strapazen und unausgesetzte Bewegung hatten ihm alle Zartheit genommen, und er schien nur noch aus Knochen, Adern und Sehnen zu bestehen. Auf dem Kopfe trug er eine scharlachene, mit Pelz verbrämte Mütze, die sein Gesicht ganz frei ließ. Der Ausdruck dieses Gesichts war dazu angetan, zwar nicht Furcht, doch Achtung einzuflößen. Erhabene, von Natur stolze und gewaltige Züge waren von der Sonne der Tropen fast bis zur Farbe eines Negers gebräunt worden und schienen nach dem vorübergebrausten Sturm wilder Leidenschaften im Zustande der Ruhe zu schlummern. Doch die stark hervortretenden Stirnadern und das heftige und ungestüme Zucken der Oberlippe mit ihrem starken, dunkeln Stutzbart, das sich bei der geringsten Erregung bemerkbar machte, ließen vermuten, daß ein Sturm nur zu leicht zu erwecken war. Die kühnen, durchdringenden Augen des Mannes verrieten bei jedem Blick die Geschichte überstandener Mühseligkeiten und Gefahren und schienen zum Widerstand herauszufordern, ganz als hätte der Mann sein Vergnügen daran, den Mut zu üben und was er wollte, mit eisernem Willen durchzusetzen. Eine tiefe Narbe an der Stirn erhöhte noch das ernste Gepräge seines Antlitzes, wozu auch der ein wenig beeinträchtigte Ausdruck des einen Auges beitrug, das bei Entstehung jener Narbe gleichfalls ein wenig beschädigt worden war, nun zwar völlig gesund, aber einen schiefen Blick behalten hatte.

Das obere Gewand dieses Mannes war dem seines Gefährten ähnlich: es war ein langer Klostermantel, aber an der scharlachroten Farbe war zu erkennen, daß der Träger zu keinem der vier rechtmäßigen Mönchsorden gehörte. Die rechte Achselseite des Mantels trug ein aufgeheftetes Kreuz von ungewöhnlicher Gestalt. Das Oberkleid verhüllte etwas, was auf den ersten Anblick nicht zu ihm zu passen schien: ein Panzerhemd mit Ärmeln und Handschuhen, das auf sinnreiche Weise so gearbeitet und gewebt war, daß es den Bewegungen des Körpers so schmiegsam folgte, wie jene auf dem Webstuhl aus weicherem Stoff gefertigten Hemden. Auch die obere Seite seiner Schenkel, soweit sie der Mantel sehen ließ, war mit Metallplatten bedeckt. Dünne künstlich zusammengefügte Stahlschienen schützten Knie und Füße. Ein Strumpf aus Metallschuppen reichte vom Knöchel bis zum Knie und vervollkommnete die Rüstung des Reiters. Die einzige Verteidigungswaffe, die er hatte, war ein langer, zweischneidiger Dolch, den er im Gürtel trug. Er ritt kein Maultier wie sein Gefährte, sondern einen handfesten Klepper, um sein edles Streitroß zu schonen, das ihm ein bis an die Zähne bewaffneter Knappe nachführte. Dieser trug vor dem Kopfe eine Schutzplatte, an der ein kleiner Stachel saß. An der einen Seite seines Sattels hing eine kurze, reich damaszierte Streitaxt, an der anderen Seite des Reiters Helm mit Sturmhaube und ein langes Schwert mit zwei Griffen, wie es die Ritter zur damaligen Zeit zu tragen pflegten. Ein zweiter Knappe trug die emporgerichtete Lanze seines Herrn, an deren Spitze ein schmaler Wimpel flatterte, auf den ein ebensolches Kreuz wie auf dem Mantel gestickt war. Dieser Knappe trug auch seines Herrn kleinen, dreieckigen Schild, der oben so breit war, daß er die ganze Brust schützte und nach unten spitz zulief. Hinter diesen Waffenträgern kamen zwei Diener, die an der dunkeln Gesichtsfarbe, an den weißen Turbanen und an ihren Gewändern als Söhne des fernen Morgenlandes kenntlich waren.

Der ganze Aufzug dieses Kriegers machte einen wilden, fremdländischen Eindruck. Seine Knappen waren prunkend gekleidet, und seine orientalischen Diener trugen silberne Halsbänder und silberne Spangen an den schwarzbraunen Armen und Beinen, die vom Ellbogen ab und vom Schenkel bis zum Knöchel nackt waren. In Seide und Stickerei prangte ihre Tracht und legte beredtes Zeugnis ab für ihres Herrn Reichtum und Ansehen, gleichzeitig in auffallendem Gegensatz stehend zu der kriegerischen Einfachheit seines eigenen Anzuges. Die Orientalen waren mit krummen Säbeln bewaffnet, deren Griffe und Scheiden mit funkelndem Golde ausgelegt waren, und hatten türkische Dolche von noch prachtvollerer Ausführung. Am Sattelknauf hatte jeder ein Bündel Pfeile oder Wurfspieße, die etwa vier Fuß lang waren und scharfe Stahlspitzen hatten. Ebenso exotisch wie die Reiter sahen die Pferde dieser Diener aus: es waren sarazenische Rosse von arabischer Abstammung. Die zarten, schlanken Glieder, die dünnen Mähnen und schmalen Hufe und der leicht tänzelnde Gang standen in starkem Gegensatze zu den starkknochigen, schweren Pferden, deren Rasse in Flandern und der Normandie gezüchtet wurde, um die Ritter der damaligen Zeit in ihrer vollen Panzerausrüstung tragen zu können.

Diese seltsame Kavalkade zog nicht allein Wambas Aufmerksamkeit auf sich, sondern auch die seines schwerfälligeren Genossen. In dem Mönche erkannte er sogleich den Prior der Abtei Jorlvaux, der in der ganzen Gegend wohlbekannt war als ein Liebhaber der Jagd, der Tafelfreuden und – sofern das Gerede ihm nicht unrecht tat – noch anderer weltlicher Vergnügungen, die mit den Ordensgelübden noch weniger im Einklang standen. Über das Tun und Treiben der Geistlichkeit dachte aber die damalige Zeit so frei und locker, daß Prior Aymer trotz allem sich in der Umgegend seiner Abtei eines guten Rufes erfreute. Dank seiner Jovialität und weil er niemals irgendwelche Schwierigkeiten oder Umstände machte, wenn es galt, für alle möglichen Sünden Absolution zu erteilen, war er beim hohen Adel und vornehmen Bürgertum sehr beliebt. Da er aus vornehmem Normannenhause stammte, so war er mit manchem unter ihnen verwandt. Die Damen vor allem fällten kein allzustrenges Urteil über das Betragen eines Mannes, der ein offenkundiger Bewunderer ihres Geschlechts war und über manches Mittelchen verfügte, die Langeweile zu verscheuchen, die sich so leicht in den Hallen der alten Adelsschlösser einnistete. An den Freuden einer Jagd nahm der Prior mit wahrhaftem Eifer teil, und er stand im Rufe, die besten dressierten Falken und die flinksten Windhunde in den Provinzen des ganzen Nordens zu haben. Mit den alten Herren gab er sich anderen Lustbarkeiten hin, die er, wenn es darauf ankam, mit großer Feierlichkeit zu begleiten verstand.

Er tat viele barmherzige Werke, die eine Menge Sünden auch in anderem Sinne, als es die Schrift meint, zudeckten. Bei dieser Freigebigkeit kam es ihm zu statten, daß die Einkünfte seines Klosters zum größten Teil zu seiner freien Verfügung standen; so ließ er vieles den Bauern zukommen und half den Unterdrückten. Wenn der Prior Aymer zur Jagd ritt, wenn er lange zechte und schmauste, wenn er im morgendlichen Zwielicht von einem Schäferstündchen im Dunkeln zurückkam und durch das geheime Pförtchen der Abtei schlich, so zuckten die Leute die Achseln und dachten: manche seiner Brüder trieben es ja nicht anders und machten dabei nicht einmal ihre Fehltritte durch Wohltaten wieder gut. Prior Aymer war auch den sächsischen Leibeigenen bekannt, sie grüßten ihn ehrfurchtsvoll und erhielten zum Gegengruß sein Benedicite mes fils!

Verwundert über den absonderlichen Reiterzug, vermochten sie kaum Antwort zu geben auf die Frage des Priors von Jorlvaux, ob in der Nähe eine Herberge zu finden sei, so groß war ihr Erstaunen über die halb mönchische, halb kriegerische Erscheinung des bräunlichen Fremdlings und die seltsame Tracht seines orientalischen Gefolges.

»Ich frage euch, meine Kinder,« wiederholte der Prior seine Frage, diesmal in der Lingua Franca[4], jenem Mischdialekt, in dem sich die Normannen und Sachsen untereinander verständigten, »ist hier in der Nähe irgendein wackerer Mann, der um Gotteswillen und aus Ergebenheit zu der Kirche, unserer Alma Mater, zweien ihrer demütigsten Diener mitsamt ihrem Gefolge für eine Nacht Obdach und Speise gewähren könnte?«

»Zwei der demütigsten Diener der Allmutter Kirche!« brummte Wamba vor sich hin, aber obwohl er nur ein Narr war, hütete er sich doch, es laut zu sagen. »Da möchte ich doch gar erst mal ihre höheren Diener zu sehen bekommen!« Nachdem er bei sich selbst die Betrachtung über die Worte des Priors angestellt hatte, sah er auf und beantwortete die an ihn gerichtete Frage: »Sofern die verehrten Väter eine reiche Tafel und ein weiches Bett lieben, so liegt ein paar Meilen von hier das Priorat Brinxworth, wo die ehrwürdigen Herren ihrem Stande entsprechend die ehrenvollste Aufnahme finden werden. Sofern es ihnen aber nicht darauf ankommt, einen Abend auch mal in geringerer Üppigkeit hinzubringen, so brauchen sie nur dort die Lichtung hinabzureiten. Da geht es nach der Einsiedelei Copmanhurst, wo ein gottesfürchtiger Anachoret haust, der gern sein Dach und seine Andacht in dieser Nacht mit ihnen teilen wird.«

Auf beide Vorschläge hatte der Prior nur ein Kopfschütteln. »Guter Freund,« sagte er, »das Schellengeklingel hat dir den Verstand verwirrt, sonst müßtest du wissen: Clericus clericum non decimat[2q], das heißt, wir Geistliche nehmen nicht gern unter uns die Gastfreundschaft in Anspruch, sondern wir lassen uns lieber von Laien bewirten und geben ihnen dadurch zugleich eine Gelegenheit, Gott zu dienen, indem sie seine treuen Diener ehren und laben.«

»Wahrhaftig,« entgegnete Wamba, »obwohl ich nur ein Esel bin, so hab ich doch wie Euer Hochwürden Maultier die Ehre, Schellen zu tragen. Aber doch ist es mir nicht ganz begreiflich, weshalb die Wohltätigkeit gegen die Kirche und ihre Diener nicht wie andere Wohltätigkeiten bei sich selbst den Anfang machen sollte.«

»Halts Maul, dreister Lümmel,« unterbrach der bewaffnete Reiter mit rauher, mächtiger Stimme Wambas Geschwätz, »sag uns den Weg zu – wie heißt doch gleich Euer Franklin, Prior Aymer?«

»Cedric,« antwortete der Prior, »Cedric, der Sachse. Sag mir, guter Freund, sind wir nicht mehr weit von seinem Hause und wo führt der Weg dahin?«

»Der Weg ist schwer zu finden,« sagte Gurth, jetzt zum erstenmal den Mund öffnend, »auch geht Cedrics Hausstand früh zur Ruhe.«

»Verschone mich mit solchem Gerede, Kerl,« sagte der berittene Kriegsmann, »sie sind leicht wieder auf die Beine zu bringen, daß sie Reisende wie wir aufnehmen, denn wir haben keine Lust, um Gastfreundschaft zu betteln, wo wir befehlen können.«

»Ich weiß nicht,« sagte Gurth finster, »ob ich den Weg zum Hause meines Herrn solchen Leuten zeigen darf, die das Obdach, um das sonst jedermann als eine Gunst bittet, als ihr Recht betrachten.«

»Keinen Widerspruch, Sklave!« rief der Krieger, gab seinem Pferde die Sporen und ließ es eine halbe Wendung über den Pfad hinüber machen. Gleichzeitig schwang er die Reitgerte, um den Bauern für seine Frechheit zu züchtigen.

Gurth schleuderte ihm einen wilden rachsüchtigen Blick zu und legte mit stolzer, doch zaudernder Geberde die Faust an den Griff seines Messers. Prior Aymer aber lenkte rasch sein Maultier zwischen seinen Gefährten und den Schweinehirten und beugte so der drohenden Gefahr vor, daß es zu Gewalttätigkeiten käme.

»Bei der heiligen Maria, Bruder Brian,« rief er, »Ihr müßt nicht denken, Ihr wäret hier in Palästina und gebötet über Heiden, Türken oder ungläubige Sarazenen! Wir Inselbewohner nehmen nicht gern Schläge hin, außer denen, die die heilige Kirche erteilt, die die züchtiget, die sie liebt. – Sage mir, guter Freund,« wandte er sich an Wamba, indem er ihm eine kleine Silbermünze in die Hand drückte, »wo geht der Weg zu Cedric, dem Sachsen? Gewiß weißt du’s, und es wäre deine Pflicht, Wanderern den Weg zu weisen, selbst wenn sie nicht von so heiligem Stande wären wie wir.«

»Wahrhaftig, ehrwürdiger Vater,« antwortete Wamba, »Euer hochwürdiger Gefährte hat mir mit seinem Sarazenengrimm einen solchen Schreck eingejagt, daß ich selber gar nicht mehr weiß, wo es nach Hause geht.«

»Schweig,« sagte der Abt, »wenn du willst, kannst du uns den Weg zeigen. Dieser hochwürdige Bruder hat sein Lebelang mit den Sarazenen um das heilige Grab gekämpft, er ist vom Orden der Tempelherren[3], von dem du gewiß schon gehört hast, er ist halb Mönch, halb Soldat.«

»Na denn,« beschied ihn Wamba, »Euer Hochwürden muß auf diesem Pfad weiterreiten. Dann kommt Ihr an ein verfallenes Kreuz, das kaum einen Fuß hoch über den Boden wegsieht. Dann biegt Ihr nach links ein, denn an dem verfallenen Kreuz treffen vier Wege zusammen. Und dann glaub ich bestimmt, daß Euer Hochwürden unter Dach und Fach sein wird, eh’s Wetter losbricht.«

Der Abt dankte für den guten Bescheid, und die Kavalkade ritt, die Pferde anspornend, ihres Weges. Man merkte es ihnen an, daß sie es eilig hatten, in die Herberge zu kommen. Und als die Hufschläge ihrer Pferde verklungen waren, sagte Gurth zu seinem Gefährten:

»Wenn sie sich nach deiner klugen Weisung richten, werden sie schwerlich vor Einbruch der Nacht nach Rotherwood kommen.«

»Freilich,« schmunzelte der Narr, »aber wenn sie Glück haben, kommen sie vielleicht nach Sheffield, und da passen sie ja hin. Ich bin kein solcher Pfuscher im edeln Weidwerk, daß ich dem Hunde zeige, wo das Wild liegt, wenn ich nicht will, daß er es jagen soll.«

»Da hast du recht,« meinte Gurth, »es wär nicht gut, wenn Aymer die Lady Rowena zu sehen bekäme, und noch schlimmer wär’s, wenn Cedric mit diesem kriegerischen Mönch in Streit geriete, und das könnte doch sehr leicht geschehen, aber wir wollen, wie es guten Dienern ziemt, Augen und Ohren auf und das Maul zu haben.«

Die Reiter, die bald die Leibeigenen weit hinter sich gelassen hatten, unterhielten sich jetzt wieder in der normännisch-französischen Sprache.

»Jedes Land hat seine eigenen Sitten,« sagte Prior Aymer, »und wenn ich Euch jetzt den Burschen hätte prügeln lassen, so hätten wir erstens keinen Bescheid bekommen, wo es nach Cedrics Hause geht, und zweitens hätte dann Cedric Rechenschaft von Euch verlangt. Denkt daran, ich habe Euch gleich gesagt, dieser reiche Franklin ist stolz, wild, reizbar und mißtrauisch. Er behauptet die Vorrechte seines Stammes mit solcher Kühnheit und ist so stolz darauf, unmittelbar von Hereward, einem berühmten Kämpfer der Heptarchie abzustammen, daß er allgemein Cedric der Sachse heißt. Für ihn ist es eine Freude, ein Mann dieses Volkes zu sein, während andere ihre Abkunft gern verleugnen, weil sie befürchten, einen Teil des Vae Victis oder die Lasten der Besiegten tragen zu müssen.«

»Prior Aymer,« sagte der Templer, »Ihr seid ein galanter Herr und im Studium weiblicher Schönheit wohl erfahren, aber diese vielgerühmte Rowena muß ich mir sehr schön vorstellen, wenn mich ihr Anblick für die Selbstverleugnung und Geduld entschädigen soll, die ich aufwenden muß, um einen so rebellischen Flegel, wie Ihr mir ihren Vater Cedric beschreibt, um den Bart zu gehen.«