Redgauntlet - Walter Scott - E-Book

Redgauntlet E-Book

Walter Scott

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Beschreibung

Das Buch "Redgauntlet" von Walter Scott ist ein historischer Roman, der die politischen Intrigen und gesellschaftlichen Spannungen im Schottland des 18. Jahrhunderts darstellt. Mit seinem präzisen und detailreichen Schreibstil schafft Scott eine lebendige Darstellung der historischen Ereignisse und Charaktere. Der Roman zeigt Scotts Fähigkeit, historische Fakten mit fesselnder Fiktion zu verbinden und den Leser in die Welt von Redgauntlet einzutauchen. Der literarische Kontext von "Redgauntlet" zeigt Scotts einzigartige Fähigkeit, historische Romane mit politischen und gesellschaftlichen Themen zu verbinden, was ihn zu einem der bedeutendsten Autoren des 19. Jahrhunderts macht. Walter Scott, ein schottischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, wurde von der reichen Geschichte seines Heimatlandes inspiriert, was ihn dazu veranlasste, historische Romane wie "Redgauntlet" zu schreiben. Scotts Interesse an Politik und Gesellschaft spiegelt sich in seinem Werk wider, in dem er komplexe Charaktere und Handlungsstränge geschickt verwebt. Seine Werke haben einen bleibenden Eindruck in der Literaturgeschichte hinterlassen und seine Fähigkeit, historische Fakten mit fesselnder Fiktion zu kombinieren, wird auch in "Redgauntlet" deutlich. "Redgauntlet" ist ein fesselnder historischer Roman, der Fans von historischer Fiction und politischen Intrigen begeistern wird. Mit Scotts präzisem Schreibstil und seiner detaillierten Darstellung der Geschichte Schottlands bietet das Buch eine packende Lektüre, die den Leser in die Welt des 18. Jahrhunderts entführt. Für alle, die historische Romane mit faszinierenden Charakteren und politischen Machenschaften schätzen, ist "Redgauntlet" von Walter Scott ein absolutes Muss.

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Walter Scott

Redgauntlet

Geschichte aus dem 18. Jahrhundert
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Inhaltsverzeichnis

Erster Band
Erster Brief.
Zweiter Brief.
Dritter Brief.
Vierter Brief.
Fünfter Brief.
Sechster Brief.
Siebenter Brief.
Achter Brief.
Neunter Brief.
Zehnter Brief.
Elfter Brief.
Zwölfter Brief.
Dreizehnter Brief.
Zweiter Band
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechszehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Schluß

Ich folge dir, o Meister, nur voran, Dir bin ich bis zum Tod getreulich zugethan!(Wie’s Euch gefällt.)«

Dr. Herrmann, Fr. Richter, Fr. Funck, Oelckers, Dr. E. Susemihl, Dr. Carl Andrä, M. Sauerwein und Andern.

Erster Band

Inhaltsverzeichnis

Erster Brief.

Inhaltsverzeichnis

Darsie Latimer an Allan Fairfort.

Dumfries…

Cur me exanimas querelis tuis? zu deutsch: warum betäubst du mich mit deinen Zänkereien? Hallt doch noch immer in meinen Ohren der betrübende Ton wieder, mit welchem du zu Noble-House Abschied von mir nahmst, dein elendes Gäulchen bestiegst, um zurückzukehren zur Sklaverei der Jurisprudenz. Er schien mir sagen zu wollen: »O du glückliches Thier! du kannst nach Herzenslust über Berg und Thal laufen, kannst jeden neuen Gegenstand, der sich deiner Neugierde darbietet, verfolgen, und die Jagd aufgeben, wenn sie das Interesse verliert; und ich – ich, älter und besser als du, ich muß in der Blüthezeit zurückkehren in meine enge Stube, zu meinen staubigen Büchern.«

Das war wohl so ziemlich der Inhalt der Betrachtungen, mit welchen du die Abschiedsflasche verbittertest, und so muß ich nothwendiger Weise die melancholischen Ausdrücke deines Lebewohls erklären.

Aber warum muß es denn so sein, Allan? warum um alle Welt kannst du mir in diesem Augenblick in eben dieser behaglichen Herberge zum Ritter St. Georg nicht gerade gegenüber sitzen, die Füße an der Kaminthüre, in Gedanken vertieft, indem du deine juristischen Augenbraunen wie eine Päoni zusammenziehst? Warum kann ich endlich, wenn ich dieses Glas mit Wein fülle, es nicht gegen das deinige anstoßen und sagen: »Fairford, ich trinke dir vor!« Warum kann das Alles nur darum nicht sein, weil Allan Fairford nicht den wahren Freundschaftssinn gegen Darsie Latimer hegt, und meine Börse nicht wie meine Empfindungen theilen will?

Ich stehe allein da in der Welt; mein einziger Versorger schreibt mir von einem großen Vermögen, welches mir eingehändigt werden soll, wenn ich das 25ste Jahr völlig erreicht habe; mein gegenwärtiges Einkommen ist, du weißt es wohl, mehr als hinreichend für alle meine Bedürfnisse; und dennoch beraubst du, Verräther an der Sache der Freundschaft, mich des Vergnügens deiner Gesellschaft, und unterwirfst dich lieber, damit mich nur meine Reise nicht einige Guineen mehr koste, deine Selbstüberwindung ganz abgerechnet. Sage, geschieht das aus Schonung für meine Börse, oder ist es ein Tribut, deinem Stolze dargebracht? Aber ist es nicht gleich abgeschmackt und unvernünftig, es komme nun, aus welcher Quelle es auch sei. Was mich betrifft, so habe ich dir ja schon gesagt, daß ich mehr als genug für uns Beide habe, und haben werde. Eben dieser pünktliche Mr. Samuel Griffiths in der Ironmonger-Gasse in Guildhall zu London, dessen Briefe eben so sicher wie das Quartal ankommen, hat mir, wie ich dir sagte, auf meinen 21sten Geburtstag die doppelte Summe geschickt, und hat mich nach seiner lakonischen Weise dabei versichert, daß sie die zukünftigen Jahre noch verdoppelt werden würde, und zwar so lange, bis ich die Verwaltung meines eigenen Vermögens übernehmen kann. Bis zu meinem zurückgelegten 25sten Jahre soll ich es vermeiden, Englands Boden zu betreten, und er empfiehlt mir an, alle Nachforschung, meine Familie und meine Verhältnisse betreffend, für jetzt noch zu unterlassen.

Erinnerte ich mich nicht meiner armen Mutter in ihrem traurigen Wittwengewande, mit einer Miene, die nie lächelte, sie müßte denn mich angeblickt haben – und selbst dann düster und trübe, gleich der Sonne, wenn sie durch Aprilwolken scheint; entfernte nicht ihr mildes matronenartiges Angesicht und ihre Gestalt solch einen Verdacht, so würde ich mich für den Sohn eines Directors der indischen Compagnie oder irgend eines reichen Bürgers halten, der mehr Reichthum als Grazie besaß, und eine kleine Dosis Scheinheiligkeit obendrein, und der Jemanden, dessen Dasein ihn beschämt, heimlich erziehen und bereichern will. Aber wie gesagt, ich denke an meine Mutter, und bin eben so sehr überzeugt, daß auch nicht der leiseste Gedanke an Schande aus einer Sache entstehen kann, worin sie verwickelt ist, wie ich es vom Dasein meiner Seele bin. Indessen bin ich wohlhabend, bin allein, was kann nun meinen einzigen Freund zurückhalten, meinen Wohlstand zu theilen?«

Bist du denn nicht mein einziger Freund?« Hast du dir denn nicht ein Recht erworben, meinen Wohlstand zu theilen? Beantworte mir das, mein Allan. Als ich von der stillen Einsamkeit der Wohnung meiner Mutter in den Tumult der Classe auf die hohe Schule kam – als ich meines englischen Accentes wegen – als ein englisches Schwein mit Schneeballen geworfen – als ein sächsischer Pudding in der Rinne herum gewälzt ward, wer war da mit kräftigen Gründen und noch kräftigeren Stößen mein Beschützer – wer als Allan Fairford? Wer prügelte mich aber auch wacker durch, wenn ich in unserer kleinen Republik die Anmaßung eines einzigen Sohnes, und späterhin die eines verzogenen Buben durchsetzen wollte? wer anders als Allan? Wer lehrte mich den Ball schlagen, den Drachen steigen zu lassen, auf dem Eise schleifen? wieder mein Allan. Bin ich der Stolz des Schulhofes und der Schrecken der Trödler in den Gängen der hohen Schule geworden, so geschah es unter deinem Schutz; ja deinetwegen hätte ich mich selbst begnügt, durch die Wälle des Kuhthors zu gehen, ohne auf die Anhöhen zu klettern, hätte selbst Kittle nine-sleps nie näher als von Bareford’s Park aus gesehen. Du lehrtest mich, meine Finger fern von dem Schwachen zu halten, aber meine Faust gegen den Starken zu ballen – lehrtest mich nicht aus der Schule zu schwatzen – da zu stehen, wie ein wahrer Mann – dem strengen Befehl des Pande manum gehorchend, meine Schläge ohne Klage zu ertragen, gleich einem, der entschlossen ist, sich deßwegen nicht zu bessern. In einem Worte, ehe ich dich kannte, kannte ich nichts.

Im College war es eben so. War ich so träge, daß kein Lehrer mich bessern konnte, dein Beispiel, deine Aufmunterungen spornten mich zu geistigen Uebungen an, zeigten mir den Weg zu geistigen Genüssen. Du machtest einen Geschichtsforscher, einen Metaphysiker aus mir (invita Minerva) – ja, beim Himmel, du hättest fast einen Advokaten aus mir gemacht, weil du es bist. Um mich nur nicht von dir zu trennen, habe ich lieber ein langweiliges Semester in dem College über das schottische Landrecht, und ein noch langweiligeres in dem über das bürgerliche Recht zugebracht; und kann mein noch vorhandenes Heft, angefüllt mit Carricaturen von Professoren und Studenten, mir nicht noch jetzt bezeugen, mit welchem Nutzen ich sie hörte?

»So war ich stets mit ganzer Seel’ dir nah’,« und das, in Wahrheit, blos um denselben Weg mit dir gehen zu können. Aber es geht wirklich nicht, mein Allan. Ich hätte eben so viel Neigung, einer der geschäftigen Krämer in den Hallen des Parlamentes zu werden, welche den kleinen Knaben Kreisel, Bälle, Stöcke und hölzerne Degen verkaufen, als ein Mitglied der langröckigen Brüderschaft im Innern, welche den Land-Edelleuten mit ihren gestickten Mänteln imponiren. Aber ich bitte dich, lese es ja deinem Vater nicht vor, Allan, denn so viel ich weiß, mag er mich Samstag Abends wohl leiden; aber in den übrigen Wochentagen hält er mich für keine sonderlich empfehlenswerthe Gesellschaft; und darin liegt, glaube ich, auch der wahre Grund, warum du es ausschlägst, bei diesem köstlichen Wetter einen Streifzug mit mir durch die südlichen Grafschaften zu machen. Ich glaube, der gute Mann denkt übel von mir, daß ich so unruhigen Geistes bin, Edinburg zu verlassen, ehe noch die Gerichtssitzungen geschlossen worden sind, vielleicht ärgert ihn auch, nicht zwar mein Mangel an Ahnen, sondern mein Mangel an Bekanntschaften. Er hält mich für ein verlassenes Geschöpf, Allan, und wirklich bin ich es auch, weil ich keinen Antheil vom gemeinen Wesen fordern kann, so scheint ihm das ein hinlänglicher Grund zu sein, daß du meinen Umgang meiden solltest.

Glaube aber nicht, daß ich vergesse, was ich ihm schuldig bin dafür, daß er mich vier Jahre lang unter seinem Dache beherbergte; liebt er mich nicht, so muß meine Dankbarkeit dafür um so viel größer gegen ihn sein. Er ist noch überdieß böse darüber, daß ich kein Jurist werden will oder kann, und betrachtet mich also in Bezug auf dich als ein pessimi exempli, wie er sich ausdrücken würde.

Aber er braucht wahrlich nicht zu fürchten, daß ein junger Mann mit deiner Ausdauer sich von einem vom Wind bewegten Rohr influenciren lassen würde. Du wirst deinen Gang fortgehn, mit Dirleton zweifeln, mit Steward diese Zweifel lösen, bis endlich von der Ecke der Bank more solito mit bedecktem Haupte die pathetische Rede gehalten werden wird – bis du geschworen hast, die Freiheiten und Privilegien des Justizcollegii aufrecht zu erhalten – bis der schwarze Mantel um deine Schultern gehängt wird, und du so gut wie einer aus der hochehrwürdigen Facultät, die Erlaubniß hast, anzuklagen und zu vertheidigen. Dann aber will ich vortreten, Allan, und zwar mit einem Charakter, den selbst dein Vater nützlicher für dich halten wird, als hätte ich den glänzenden Beschluß deiner Rechtsstudien getheilt. In einem Worte, kann ich auch kein Consulent sein, so will ich doch ein Client werden, und zwar eine solche Person, ohne welche der Proceß so langweilig wäre wie eine aufgestellte Rechtsfrage. Ja, ich bin entschlossen, dir die ersten Sporteln zu lösen zu geben. Man kann, ich bin es überzeugt, leicht in einen Rechtsstreit gerathen, nur müßte man darauf denken, ihn ein wenig verwickelt zu machen. Dann sollen schon einige Sessionen meine Geduld nicht ermüden, habe ich nur deinen lieben Vater zum Sachverwalter, dich zu meinem rechtsgelehrten Consulenten, und den ehrwürdigen Mr. Samuel Griffith im Rückhalt.

Kurz und gut, ich werde wohl schon Eingang in das Gericht bekommen, sollte es mich auch die Mühe kosten, ein delict oder wenigstens ein quasi delict zu begehen. Du siehst, daß nicht alles an mir verloren ging, was Erskine schrieb und Wallace lehrte.

So weit hätte ich nun gescherzt, doch, Allan, ist mir innerlich nicht wohl. Ich fühle schmerzlich, daß ich allein da stehe, und diese Einsamkeit ist mir um so viel drückender, da sie nur mir allein eigen ist. In einem Lande, wo Jederman einen Cirkel von Blutsverwandten hat, der sich bis auf den sechsten Grad erstreckt, bin ich ein einsames Individuum, das nur ein theures Herz besitzt, das gleich schlägt mit dem seinigen. Müßte ich mein Brod verdienen, ich würde, glaube ich, diese mir eigene Art von Entbehrung weniger fühlen. Die nothwendigen Verbindungen zwischen Herrn und Diener würden wenigstens einen Knoten knüpfen, der mich dem übrigen menschlichen Geschlechte näher brächte – doch wie es jetzt ist, scheint meine Unabhängigkeit selbst die Eigenheit meiner Lage zu vergrößern. Ich bin wie ein Fremder in einem besuchten Kaffeehause, er kommt, verlangt irgend eine Erfrischung, zahlt seine Rechnung, und wird vergessen, sobald der Aufwärter: »Ich danke Ihnen, mein Herr,« sagt.

Ich weiß, dein guter Vater nennt das eine Sünde gegen die Dankbarkeit und fragt: wie es mir wohl zu Muthe sein würde, wenn ich, statt daß ich jetzt meine Rechnungen wegwerfen kann, die Rache des Wirthes ertragen müßte, wenn ich sie nicht zahlen könnte. Ich weiß nicht, wie es ist; aber obschon diese ganz richtige Bemerkung meine Gedanken durchkreuzt, obschon ich gestehen muß, daß 400 Pfund jährliches Einkommen jetzt, 800 in Zukunft und Gott weiß, wie viel Hundert noch künftig eine ganz hübsche und annehmliche Sache sind, so gäbe ich doch gerne die Hälfte dieser Summe darum, deinen Vater Vater nennen zu können, sollte er mich auch stündlich meiner Trägheit wegen zanken, und dich, mein Allan, meinen Bruder, wenn auch die Verdienste dieses Bruders die meinigen gänzlich verdunkeln würden.

Oft kömmt mir der schwache, unwahrscheinliche Gedanke ein, daß dein Vater mehr von meiner Geburt und von meinen Verhältnissen weiß, als er sagen will; es ist doch höchst unwahrscheinlich, daß man mich in einem Alter von 6 Jahren in Edinburg gelassen habe, ohne andere Empfehlung, als die regelmäßige Zahlung meines Kostgeldes an den alten M. in der hohen Schule. Von dem, was früher geschah, erinnerte ich mich nur, wie ich dir schon sagte, einer unbegrenzten Nachsicht von Seite meiner Mutter und der tyrannischsten Ausübung meiner Launen von der meinigen. Ich erinnere mich immer noch, wie bitterlich sie seufzte, wie vergebens sie mich zu besänftigen suchte, wenn ich mit aller Energie des Despotismus wie zehn Kälber um eine Sache schrie, die man mir unmöglich verschaffen konnte. Sie ist dahin, die liebende, schlecht belohnte Mutter. Ich erinnere mich der langen Gesichter – der finsteren Stube – der schwarzen Umhänge – des geheimnißvollen Eindrucks, den die Trauer und Leichenwagen aus mein Gemüth machten und wie schwer es mir ward, das Alles mit dem Verschwinden meiner Mutter zusammenzureimen. Ich wüßte nicht, daß ich vor dieser Begebenheit eine Idee vom Tode gehabt hätte, oder daß ich nur von dem nothwendigen Ende aller lebenden Geschöpfe hätte reden hören. Die erste Bekanntschaft, die ich mit ihr machte, beraubte mich meiner einzigen Verwandten.

Ein Geistlicher von ehrwürdigem Ansehen, der einzige Mensch, der uns besuchte, war mein Führer auf einer ziemlich großen Reise; unter der Aufsicht eines andern ältlichen Mannes, der seine Stelle einnahm, vollendete ich meine Reise nach Schottland, doch weiß ich weder wie, noch wie so – und das ist Alles, dessen ich mich erinnere.

Ich wiederhole diese kleine Geschichte jetzt, so wie ich es früher schon hundert Mal that, nur um einen Zusammenhang darin zu finden. Wende also deinen scharfen, weitsehenden Juristen-Verstand auf denselben Gegenstand – bearbeite meine Geschichte, als protocollirtest du das tölpelicht ausgedrückte Zeugniß eines blau-bemützten, hartköpfigen Clienten in einer Auseinandersetzung der Facta und Umstände, dann sollst du, nicht mein Apollo – quid tibi cum lyra? – sondern mein Lord Stair sein. Unterdessen habe ich mich aus meiner üblen Laune herausgeschrieben blos dadurch, daß ich darüber brütete, und nun will ich mich eine halbe Stunde mit dem Roan Robin im Stalle unterhalten. Der Bursche kennt mich schon und wiehert, sobald ich nur den Fuß auf die Schwelle des Stalles setze.

Der Rappe, den du gestern morgen rittst, verspricht ein vortrefflicher Renner zu werden, jetzt trabt er eben so leicht mit Sam und dem Felleisen, wie mit dir und deiner Last Rechtsgelehrsamkeit.

Weil sich in meinen Gedanken Alles um die Axe des großen Geheimnisses meiner Geburt dreht; so will ich dir in’s Gedächtniß zurückrufen, was mir einmal dein Vater sagte, als er mich mit Sam in vertrautem Gespräch überraschte. »Es ziemt Ihres Vaters Sohn nicht, so vertraut mit Sams Vaters Sohn zu sprechen.« Ich frug dich, was wohl dein Vater möglicher Weise von dem meinigen wissen könnte; und du antwortetest: »Ich denke, er weiß so viel von deinem Vater, als er von Sams Vater weiß, es ist so ein sprichwörtlicher Ausdruck.« Das genügte mir nicht, ob ich gleich nicht weiß, warum. Aber ich komme auf einen fruchtlosen und erschöpften Gegenstand zurück. Fürchte nicht, daß ich wieder auf dieses oft betretene und doch bahnlose Feld von Vermuthungen zurückkommen möchte. Ich kenne nichts nutzloseres, faderes und verächtlicheres, als das Ohr des Freundes mit nichtigen Klagen zu erfüllen.

Ich will dir gern versprechen, daß meine Briefe eben so unterhaltend, als regelmäßig und von gehöriger Länge sein sollen. Wir haben einen bedeutenden Vortheil voraus, vor jeglichem Paare der Freunde in den Tagen der Vorzeit. Weder David und Jonathan, weder Orestes und Pylades, noch Damon und Pythias – ob zwar besonders den letzteren ein Brief durch die Post gewiß recht angenehm gewesen sein müßte – correspondirten je zusammen; wahrscheinlich konnten sie nicht schreiben, und gewiß hatten sie weder Post-noch Freischein, sich gegenseitig ihre Herzensergießungen mitzutheilen. Da hingegen du, wenn du den Freibrief des alten Pairs schonsam benutzest, vorsichtig öffnest und mir zurückschickst, uns während meiner vorhandenen Reise ganz von Sr. Majestät Post-Porto befreien kannst. Gott sei uns gnädig, Allan, was für Briefe werde ich dir nicht mit Berichten von allen den Dingen schicken müssen, die ich auf meinem wilden Streifzuge sammeln kann, sie seien nun annehmlich oder selten. Alles, was ich mir bedinge, ist, daß du sie dem Schottischen Magazin nicht mittheilst; denn obgleich du mir über meine Fortschritte in den höhern Zweigen der Literatur Complimente machst, dabei aber verblümt zu verstehen gibst, es geschehe auf Kosten meines Studiums der Rechtsgelehrsamkeit, so bin ich doch nicht kühn genug, in die Pforte eingehen zu wollen, welche der gelehrte Ruddinam so gütig den Zöglingen der Musen öffnet. Vale, sis memor mei.

D. L.

P. S.

Adressire deine Briefe an das Postamt hier. Ich werde es so anordnen, daß man mir sie nachschicken wird.

Zweiter Brief.

Inhaltsverzeichnis

Allan Fairfort an Darsie Latimer

Negatur, mein theurer Darsie – du hast ja Logik und Jus genug studirt, um das Wort der Verneinung zu verstehen. Ich greife deinen Schluß an, obschon ich die Prämice annehme. Daß ich nämlich, als ich den höllischen Gaul ritt, wohl so etwas Seufzerähnliches ausgestoßen haben mag, obgleich ich glaubte, es müßte sich unter dem Schnauben und Schnarchen des windbrüchigen Viehes verloren haben, das mag sein. Uebrigens mag wohl das Thier einzig in seiner Art sein, denn an Gebrechen aller Art gleicht ihm vielleicht nur des armen Mannes Karrengaul, der da starb, gepriesen im Gesange: »Eine Meile weit von Dundee.« Aber glaube mir, Darsie, der Seufzer, welcher mir entschlüpfte, galt mehr dir als mir, und betraf weder dein vorzüglicheres Reitpferd, noch deine besser versehene Reisebörse. Ich hätte freilich ein paar Tage fröhlich mit dir im Lande herumstreichen können; und ich versichere dich, daß ich keinen Augenblick gezögert hätte, deinen wohlversehenen Geldbeutel für unsere gemeinschaftlichen Reisekosten in Anspruch zu nehmen. Aber du weißt, daß mein Vater jeden, dem Rechtsstudium entzogenen Augenblick als einen Schritt rückwärts betrachtet, und ich verdanke dieser seiner Aengstlichkeit gar viel, obgleich sie manches Mal lästig ist. Zum Beispiel:

Ich fand bei meiner Zurückkunft an dem Laden in Brown’s Square, daß der alte Herr zurückgekommen sei, beunruhigt, eine Nacht außerhalb des Schutzes seiner häuslichen Laren zuzubringen. Da ich von Jakob, dessen Augen ein Ungewitter verkündeten, diese Nachricht erhielt, schickte ich sogleich einen hochländischen Lohnbedienten mit meinem Bucephalus in den Stall, schlich mich so geräuschlos als möglich in meine kleine Zelle, und fing an, über eine halb begriffene und halb verdaute Lehre unseres Municipal-Codex zu brummen. Ich saß noch nicht lange, als das Gesicht meines Vaters fast lauschend durch die halboffene Thüre sichtbar ward: als er meine Beschäftigung sah, zog er es mit einem halb-artikulirten »hm«, welches einen Zweifel in meinen Fleiß zu setzen schien, wieder zurück. Hatte es auch diese Bedeutung, so kann ich ihm doch nicht Unrecht geben; denn die Rückerinnerung an dich hatte eine Stunde lang meine Seele so ganz ergriffen, daß, ob zwar Stairs Werke vor mir lagen, und ich zwei oder drei Blätter umwandte, der Sinn mir doch gänzlich entschlüpfte, wenn schon seine Herrlichkeit einen klaren und deutschen Styl schreibt; so daß ich die Demüthigung ertragen mußte, zu finden, daß meine Arbeit völlig nutzlos war.

Ich war mit meinem Laviren, um den rechten Wind zu treffen, noch nicht fertig, als Jakob mir schon das frugale Abendessen ankündigte. Da standen Radieschen, Käse und eine Flasche alter Ale’s, ferner nur zwei Gedecke; auch hatte der aufmerksame Jakob Wilkinson keinen Stuhl für M. Darsie hingestellt. Besagter Jakob, mit einem langen Gesichte, seinen herunterhängenden Haaren, seinem langen mit Leder umwundenen Zopfe, stand, wie gewöhnlich, hinter meines Vaters Stuhl, kerzengrade wie eine hölzerne Schildwache vor einem Marionetten-Theater. »Du kannst gehen,« sagte mein Vater, und Wilkinson ging. Jetzt dachte ich, was wird wohl nun kommen? dennoch hat sich das drohende Ungewitter nicht am Horizont der väterlichen Stirn verzogen.

Seine mißvergnügten Blicke trafen zuerst meine Stiefeln und er frug mich, mit spöttischem Lächeln, wohin ich denn geritten wäre. Er erwartete, daß ich »nirgends« antworten würde, und dann hätte er sich über meine Laune, in Schuhen, von welchen das Paar zwanzig Schilling kostet, spazieren zu gehen, lustig gemacht. Aber ich antwortete ruhig, ich wäre zum Mittagessen bis nach Noble-House geritten. Er starrte mich an (du kennst ja seine Art), als hätte ich gesagt, ich hätte zu Jericho gespeist; und da ich mich stellte, als bemerkte ich sein Erstaunen nicht, sondern in Gemüthsruhe mein Radieschen weiter kaute, so fuhr er zornig auf.

»In Noble-House, Sir? und was hattest du zu Noble-House zu thun, Sir? Denkst du nicht daran, daß du Jurisprudenz studirst, Sir? – daß die Prüfung im Schottischen Landrecht herannaht, Sir? – daß im gegenwärtigen Augenblick eine jede Minute mehr werth ist, als ganze Studien zu anderen Zeiten? – Und du, Sir, hast Muße, nach Noble-House zu gehen, und deine Bücher so lange zu verlassen? Ja, wäre es noch ein Spaziergang in den Wiesen, oder selbst ein Golf-Spiel gewesen – aber Noble-House, was denkst du, Sir?«

»Sir, ich begleitete den Darsie Latimer ein Stück Wegs auf seiner Reise.«

»Darsie Latimer,« erwiderte er in gelinderem Tone, »hm! nun ja, ich tadle dich eben nicht deßwegen, daß du freundlich mit Darsie bist. Aber ich denke, wenn du ihn nur bis zum Zollhause begleitet und ihm dann Lebewohl gesagt hättest, so wäre das eben so gut gewesen, und du würdest obendrein das Miethgeld für das Pferd und die Rechnung für das Mittagessen gespart haben!«

»Das bezahlte Latimer, Sir,« antwortete ich, denn ich glaubte die Sache damit zu verbessern, aber ich hätte besser still geschwiegen.

»Die Rechnung, Sir! und du warst so niedrig, auf eines Andern Rechnung zu zehren? Niemand sollte ein Gasthaus betreten, ohne seine Schuldigkeit zahlen zu können.«

»Das nehme ich im Allgemeinen an, Vater,« erwiderte ich; »aber das war ein Abschiedstrunk zwischen Darsie und mir, und so, meine ich, gehört es zu den Ausnahmen des Dochan dorroch«.

»Du hältst dich für einen Witzling,« sagte mein Vater, und lächelte dabei grade so viel, als es der Ernst seiner Züge erlaubte; »aber ich denke, du aßest doch dein Mittagessen nicht stehend, wie die Juden das Osterlamm? Denn es existirt ein Bescheid vom Stadtrichter zu Cupar-Angus in Sachen Luckie Simson contra Luckie Jamieson, daß, als des Ersteren Kuh das gebrannte Bier des Letzteren trank, der Angeklagte keinen Schadenersatz zu zahlen habe, weil besagte Kuh es austrank, ohne sich dabei niederzusetzen. Nur ein solcher Umstand kann also einen Cochan dorroch constituiren, d. i. ein stehendes Trinken, wofür keine Zahlung geleistet wird. Nun, mein Herr, was denkt dero juristische Weisheit dazu? Exceptio firmat regulam. – Aber komm, fülle dein Glas, Allan, mich ärgert es nicht, daß du dem Darsie Latimer diese Aufmerksamkeit erwiesen hast, denn für die jetzige Zeit ist er doch ein guter Bursche; und da er ja, seitdem er die Schule verließ, unter meinem Dache lebte, nun, so ist es auch eben kein Unglück, daß du eine kleine Verbindlichkeit gegen ihn hast.

Als ich sah, daß meines Vaters Unmuth durch das Bewußtsein seiner Ueberlegenheit in juristischer Belesenheit sich gelegt hatte, so nahm ich gerne seine Verzeihung mehr als eine Sache der Gnade als der Gerechtigkeit auf, und antwortete nur, wir würden unsere Abende gar viel langweiliger zubringen müssen, da du nun abwesend wärst. Ich gebe dir hierbei meines Vater Antwort in seinen eigenen Worten. Du kennst ihn so gut, Darsie, daß sie dich wohl nicht beleidigen wird, auch weißt du, daß man bei des guten Mannes Genauigkeit und Förmlichkeit, doch oft eine Fundgrube scharfen Beobachtungsgeistes und praktischen Verstandes entdeckt.

»Es ist wahr,« sagte er, »Darsie war ein angenehmer Gesellschafter, aber zu muthwillig, Allan, so ein Springinsfeld und leichtsinnig dazu. – Nebenbei muß ich doch auch dem Wilkinson sagen, daß er jetzt unser Ale in Nößelflaschen abzapft, denn eine Quart-Bouteille jede Nacht ist doch für uns beide ohne seine Hülfe zu viel. – Aber der Darsie, wie ich sage, das ist ein durchtriebener Gesell, ein wenig leicht da im obern Stockwerk – ich wünsche es möchte ihm in der Welt wohlergehen, aber Allan, er besitzt wenig Solidität, wahrlich, sehr wenig.«

Ich würde mich schämen, einen abwesenden Freund zu verlassen, Darsie, und deßwegen sagte ich auch zu deiner Vertheidigung etwas mehr, als es mein Gewissen streng genommen erlaubt hätte; aber daß du der Rechtsgelehrsamkeit entlaufen bist, hat dir in meines Vaters guter Meinung viel geschadet.

»Unbeständig wie Wasser, es wird nichts aus ihm,« sagte mein Vater, oder wie die Septuaginta sagt: »Eflusa est sicut aqua – non crescat.« Er geht in die Tanzhäuser und liest Novellen – sat est!

Ich suchte diese Bemerkungen zu pariren, indem ich einwendete, daß der Besuch der Tanzhäuser sich auf eine Nacht, auf la Pique’s Ball und das Lesen der Novellen (so weit nämlich notorisch bekannt ist, Darsie) auf einen einzigen Band des Tom Jones beschränke.

»Aber er tanzte ja von Abends bis Morgens,« erwiderte mein Vater, »und er las das nichtige Zeug, wofür der Verfasser gepeitscht zu werden verdiente, wohl zwanzig Mal durch. Es kam nie aus seinen Händen.«

Dann führte ich an, daß wahrscheinlich deine Vermögensumstände so glänzend wären, daß sie dich der Mühe überheben könnten, die Rechtsgelehrsamkeit weiter zu studiren, als du es schon gethan hättest, und daß du daher wohl glauben könntest, du habest einigen Anspruch auf Vergnügungen zu machen. Das wollte ihm nun am wenigsten behagen.

»Wenn er kein Vergnügen an der Rechtsgelehrsamkeit findet,« sagte mein Vater auffahrend, »desto schlimmer für ihn. Braucht er auch die Rechte nicht zu studiren, um Vermögen zu erwerben, so braucht er sie doch gewiß, um zu lernen, wie man es erhält. Viel bessern würde ihm dieses Studium ziemen, als, einem Landstreicher gleich, das Land zu durchziehen, herumzureisen, ohne zu wissen wohin? zu sehen, ohne zu wissen was? und zu Noble-House Narren seines Gleichen (dabei warf er mir einen zornigen Blick zu) zu bewirthen. Noble-House, wirklich, Noble-House,« wiederholte er mit erhöheter Stimme und spöttischem Tone, als ob in dem Namen selbst etwas Beleidigendes läge, obgleich ich mir zu sagen getraue, daß ein jeder Platz, wo du so verschwenderisch gewesen wärest, fünf Schilling auszugeben, sich denselben Tadel zugezogen hätte.

Von deinem Gedanken eingenommen, daß mein Vater von deinen Verhältnissen mehr wüßte, als er zu sagen für gut findet, wagte ich es, ihm mit einer Bemerkung auf den Zahn zu fühlen. »Ich sehe nicht ein,« sagte ich, »wie das schottische Recht einem jungen Manne nützlich sein kann, dessen Vermögen in England placirt zu sein scheint!« – Ich glaubte wirklich, mein Vater wollte mich schlagen.

»Glaubst du mich per ambage zu umgehen, Herr, wie der Rath Pest sagt? Was kümmert es dich, wo Darsie Latimers Vermögen placirt ist, ob er welches hat, oder kein’s? Und was würde ihm denn das schottische Recht schaden, und verstände er es auch wie Stair und Bankton? Sind nicht die Institutionen des römischen Rechts die Grundlagen unserer Municipalgesetze, und wurden diese Institutionen nicht zu einer Zeit gegeben, wo das römische Reich wegen seiner Bildung und Gelehrsamkeit berühmt war? Geht in Euer Bett, Herr, nach der schönen Expedition nach Noble-House, und mache, daß deine Lampe brennt und dein Buch vor dir liegt, ehe die Sonne aufgeht. Ars longa, vita brevis – wäre es nicht eine Sünde, die göttliche Wissenschaft der Rechtsgelehrsamkeit mit dem geringeren Namen: Kunst zu betiteln.«

So brannte denn auch meine Lampe, theurer Darsie, den nächsten Morgen, wenn schon der Eigenthümer die Gefahr einer häuslichen Nachsuchung wagte, und heimlich im Bette liegen blieb, in der Hoffnung, daß der Schein, ohne weitere Untersuchung, als ein hinlänglicher Beweis meiner Wachsamkeit gehalten werden würde. Jetzt, den dritten Morgen nach deiner Abreise, steht die Sache noch immer nicht besser; denn obgleich Voet über die Pandecten seine Weisheit vor mir ausbreitet, so gebrauche ich ihn doch nur als ein Unterlegeblatt, worauf ich diese Blätter, mit Thorheiten angefüllt, an Darsie Latimer schreibe; wahrscheinlich wird wohl die Nachbarschaft meine Studien wenig fördern.

Und nun, dünkt es mir, höre ich dich, wie du mich einen affectirten, scheinheiligen Menschen nennst, der, unter einem solchen Zwangs-und Einschränkungs-System lebend, wie mein Vater es für gut findet es anzunehmen, dennoch deine Freiheit und Unabhängigkeit nicht beneiden will. Dann aber kann ich auch wieder in meinem Herzen die Beweggründe dieser Strenge nicht tadeln. Denn wo auch ihre Quelle sei, so können sie nur in einer ängstlichen, liebevollen und unaufhörlichen Neigung meines Vaters entstehen, in seinem Eifer für meine Vervollkommnung, und in einem lobenswerthen Gefühl der Ehre des Standes, zu welchem er mich bestimmte.

Da wir keine nahen Verwandten haben, so ist der Knoten, welcher uns knüpft, von ungewöhnlicher Festigkeit, wenn er schon an und für sich einer der stärksten ist, welche die Natur bilden kann. Ich bin und war immer der ausschließliche Gegenstand der ängstlichen Hoffnung, noch mehr aber der ängstlichen Furcht meines Vaters. Welches Recht habe ich also, mich zu beklagen, wenn auch hier und da Furcht und Hoffnung ihn dazu bewegen, lästig und unaufhörlich alle meine Schritte zu beobachten? Dabei sollte ich denken, und, Darsie, ich thue es auch, daß mein Vater mir bei verschiedenen wichtigen Gelegenheiten zeigte, daß er eben sowohl nachsichtsvoll als streng sein kann. Seine alte Wohnung im Luckenbooth zu verlassen, war ihm wie eine Scheidung der Seele vom Körper; doch brauchte Dr. K. nur einen Wink zu geben, daß die reinere Luft des neuen Stadtviertels zuträglicher für meine Gesundheit wäre, weil ich damals an den Leiden eines zu schnellen Wachsens litt, als er schon seine alte, geliebte Wohnung, welche ganz nahe am Herzen von Mid-Lothian lag, gegen eines jener neuen Gebäude verwechselte, welche der neuere Geschmack erst kürzlich bei uns einführte. – Fernerer Beweis, die unschätzbare Gunst, die er mir erzeigte, daß er dich in sein Haus aufnahm, da du nur die unangenehme Wahl hattest, als ein erwachsener Jüngling in der Gesellschaft kleiner Knaben zu bleiben. Das war doch eine Sache, die den Ansichten, welche mein Vater von Zurückgezogenheit und Sparsamkeit hatte, eben sowohl schnurgerade entgegenlief, als den Mitteln, welche er zur Beförderung meiner Moralität und meines Fleißes anwandte, indem er mich von der Gesellschaft anderer jungen Leute entfernen wollte; so daß ich, auf mein Wort, immer mehr darüber erstaune, wie ich die Unverschämtheit hatte, es zu fordern, auf daß er es gewährte.

Was nun den Gegenstand seiner Aengstlichkeit betrifft – lache nicht, hebe deine Hand nicht auf, Darsie, denn wahrlich, ich liebe den Stand, zu welchem ich erzogen werde, und ernstlich verfolge ich meine vorbereitenden Studien. Die Rechte sind mein Beruf – in einer besonderen, ja, ich möchte sagen in einer erblichen Weise, mein Beruf. Denn ich habe auch nicht die Ehre, zu einer jener großen Familien zu gehören, welche in Schottland, wie in Frankreich la noblesse de la robe (den Adel der Rechtsgelehrten) bilden, und welche, bei uns wenigstens, die Köpfe so hoch, wo nicht höher, als der Schwertadel tragen – da diese meistens aus den Erstgeborenen Egyptens bestehen – so hatte doch mein Großvater, welcher, wenn ich es sagen darf, ein sehr vorzüglicher Mann war, die Ehre, in dem ehrenwerthen Charakter als Stadtschreiber des alten Fleckens Birlthegroat, eine bittere Protestation gegen die Union zu unterschreiben. Ja, es ist sogar einiger Grund vorhanden, – soll ich sagen zu hoffen, oder zu vermuthen? – daß er der natürliche Sohn eines nahen Vetters des Fairford war, welcher zu den geringern Baronen gerechnet ward. Mein Vater nun stieg auf der Leiter der Jurisprudenz eine Stufe höher hinauf, da er, wie du so gut wie ich weißt, erster und ehrenwerther Schreiber Sr. Majestäts Insiegel ward, und ich wiederum bin dazu bestimmt, noch eine Stufe höher zu klimmen, die verehrte Robe zu tragen, von welcher man sagt, daß sie, wie die Mildthätigkeit, oft eine Menge Sünden bedecke. Ich habe daher keine andere Wahl, als entweder empor zu klimmen, da wir schon so hoch gestiegen sind, oder sichtliche Gefahr, den Hals zu brechen, wenn ich herabfalle. So habe ich mich denn mit meinem Schicksale ausgesöhnt, und während du von den Bergspitzen herab dich nach fernen Seen und Meerbusen umschaust, tröste ich mich de apicibus juris mit der Aussicht auf carmoisinrothe und scharlachene Kleider mit dem Zugehör, von tüchtigen Kisten mit Sporteln wohl gefüllt.

Du lachst, Darsie, more tuo und scheinst sagen zu wollen, es sei nichts werth, sich von solchen gewöhnlichen Träumen einwiegen zu lassen. Die deinigen hingegen von hoher und heldenmüthiger Art gleichen den meinigen eben so sehr, wie eine mit purpurnem Tuch beschlagene und mit Akten beschwerte Bank, einem gothischen, mit indischen Perlen und mit Gold geschmückten Throne. Aber was willst du haben? – sua quemque trahit voluptas – und meine Visionen von Beförderung, obgleich sie noch vorerst auf nichts beruhen, sind doch eher zu erreichen möglich, als dein Streben nach Gott weiß – was. Denn wie sagt meines Vaters Sprichwort? »Strebe nach einem goldenen Kleide, so wirst du wenigstens eine Schleife davon erhaschen!« Das ist nun mein Zweck, aber wornach strebst du? Das Dunkel, welches auf dem Geheimnisse deiner Geburt und deiner Verwandtschaft liegt, wie du dich ausdrückst, soll sich auf eine unaussprechliche Weise aufhellen, und zwar ohne Mühe und Anstrengung von deiner Seite, lediglich und allein durch einen Glückszufall. Ich kenne den Stolz und den Hochmuth deines Herzens, und wünsche herzlich, daß du mir noch andere Schläge zu danken hättest, als die, welche du so dankbar anerkennst. Denn hätte ich dir diese Don Quixotischen Erwartungen ausgeprügelt, so glaubtest du jetzt nicht, der Held irgend einer romantischen Geschichte zu sein, und verwandeltest den ehrlichen Bürger und Mäkler, der in seinen vierteljährlichen Episteln nur das streng Nöthige schreibt, nicht in irgend einen weisen Alexander oder gelehrten Alquise, der mystisch und magisch dein Schicksal lenkt. Aber ich weiß nicht, wie es zuging, daß nach und nach dein Hirnschädel härter, und meine Fäuste sanfter wurden, wenn du auch mit der Zeit nicht ein gewissermaßen gefährliches Feuer gezeigt hättest, welches ich, wenn auch nicht fürchten, doch achten mußte.

Da ich doch einmal davon spreche, so ist es wohl nicht ungelegen, dich zu ermahnen, diese deine übermüthige Kühnheit ein wenig zu mäßigen. Ich fürchte sehr, daß sie dich, wie ein hitziges Pferd seinen Reiter, in irgend eine gefährliche Lage bringe, aus welcher es dir schwer werden wird, dich herauszureißen, besonders wenn der kühne Geist, welcher dich hineinbrachte, in dem gefährlichen Momente verschwände. Bedenke, Darsie, daß du von Natur nicht muthig bist, du gestandest mir im Gegentheil schon ein, daß, so ruhig ich bin, der Vortheil in diesem wichtigen Punkte auf meiner Seite sei. Ich glaube, mein Muth besteht in meiner Nervenstärke und in meiner natürlichen Gleichgültigkeit gegen Gefahr, welche, wenn sie mich auch nie zu Abenteuern treibt, mich doch, wenn die Gefahr wirklich heranbricht, im vollen Gebrauch meiner Seelenkräfte läßt, so daß ich meiner völlig mächtig bin. Der deinige scheint aber mehr ein geistiger Muth zu sein, oder Geistesgröße, oder Streben nach dem Außerordentlichen; sie treiben dich mächtig zum Ehrgeiz an, machen dich taub gegen Warnung vor Gefahr, bis sie plötzlich auf dich losstürmen wird. Sei es nun, daß ich von der Aengstlichkeit meines Vaters angesteckt bin, oder daß eigene Gründe mich bewegen, ich gestehe ein, daß ich oft fürchte, dieses wilde Jagen nach romantischen Verhältnissen und Abenteuern könnte dich in’s Unglück stürzen; und was würde dann aus Allan Fairford werden? Dann mögen sie zum General-Advocaten oder zum General-Procurator nehmen, wen sie wollen, ich werde dann den Muth nicht haben, darnach zu streben. Alle meine Anstrengungen gehen darauf hin, mich einst in deinen Augen zu rechtfertigen, und gewiß würde ich mich nicht einen Pfennig mehr um das gestickte, seidene Oberkleid, als um die Schürze eines alten Weibes kümmern, hätte ich nicht die Hoffnung, daß du einst vor den Schranken stehen wirst, um mich zu bewundern, vielleicht gar um mich zu beneiden.

Damit dieses einst sein könne, so bitte ich dich – sei vorsichtig. Halte nicht jedes schlappschuhige Mädchen, mit blauen Augen und schönen Haaren, welches in einem zerrissenen Plaid, mit einer Weidengerte bewaffnet, die Kühe auf die Weide treibt, halte sie doch, ich bitte dich, nicht für eine Dulcinea. Glaube nicht einen galanten Vallentin in jedem englischen Reiter, oder einen Orson in jedem hochländischen Viehtreiber zu sehen. Betrachte die Gegenstände so, wie sie sind, und nicht wie deine fruchtbare Phantasie sie ausschmückt. Habe ich dich doch einmal eine alte Sandgrube so lange betrachten sehen, bis du Vorgebirge, Bayen, Mündungen, Felsen und Abgründe, kurz die ganze bewunderungswürdige Landschaft der Insel Ferro darin entdecktest, wo profane Augen eine gewöhnliche Pferdeschwemme sahen. Fand ich dich nicht einst, als du eine Eidechse mit eben so großer Achtung anstauntest, wie Jemand, der ein Krokodil erblickt? Das waren freilich völlig unschuldige Imaginations-Uebungen, denn du konntest in der Pfütze eben so wenig ertrinken, als der liliputische Aligator dich auffressen konnte. Ein Anderes aber, Darsie, ist es in der menschlichen Gesellschaft, wo du den Charakter derer, mit welchen du umgehst, weder verkennen, noch deiner Einbildungskraft erlauben darfst, ihre guten oder bösen Eigenschaften zu übertreiben, wenn du dich nicht lächerlich machen, und dich nicht in ernste und gefährliche Händel verwickeln willst. Bewache also deine Einbildungskraft, bester Darsie, und glaube der Versicherung eines alten Freundes, daß es der Punkt in deinem Charakter ist, der seinen gutmüthigen und edlen Besitzer am leichtesten in Gefahr stürzen kann. Lebe wohl, lasse das Franco des edlen Pairs nicht unbenutzt; und hauptsächlich Sis memor mei.

A. F.

Dritter Brief.

Inhaltsverzeichnis

Darsie Latimer an Allan Fairford

Shepherd’s Busch.

Ich habe deine abgeschmackte und höchst anmaßende Epistel erhalten. Es ist sehr gut für dich, daß wir wie Lovrace und Belford übereingekommen sind, uns gegenseitig jede Art von Freiheit zu verzeihen, die sich Einer gegen den Andern herausnehmen würde; denn auf mein Wort, dein Letztes enthält einige erbauliche Betrachtungen, welche mich sonst gezwungen hätten, augenblicklich nach Edinburg zurückzukehren, blos um dir zu zeigen, daß ich das nicht bin, wofür du mich hältst.

Du hast uns beide sonderbar vorgestellt! – Mich, indem ich mich in Schwierigkeiten verwickle, ohne Muth, mir herauszuhelfen; deine hochweise Person, die es kaum wagt, einen Fuß vor den andern zu stellen, fürchtend, er möchte seinem Gefährten entlaufen, einer Schildwache gleich aus bloßer Schwäche und Kälte des Herzens stille stehend, während alle Welt in voller Eile bei dir vorbei eilt. Du bist mir ein lieber Porträtmaler! Ich sage dir, Allan, ich sah einst einen bessern auf der vierten Sprosse einer Leiter sitzend, welcher einen hosenlosen Hochländer malte, der ein Nösselmaß, so dick wie er selbst, in der Hand trug, und einen gestiefelten Niederländer mit einer Stutzperücke daneben, welcher ein Glas von gleichem Umfang hielt. Das Ganze sollte nämlich symbolisch das Zeichen der Erlösung vorstellen.

Wie konntest du nur auch, ich bitte dich, deine eigene hochwerthe Person, mit allen deinen Bewegungen, welche denen einer großen holländischen Gliederpuppe gleichen, darstellen, welche blos von dem Druck gewisser Federn, als z. B. Pflicht, Ueberlegung etc. abhängt. Möchtest du mich wohl glauben machen, du würdest ohne deren Impuls nicht um einen Zoll breit weichen? Aber habe ich dich, Signor Gravität, nicht schon um Mitternacht außer dem Bette gesehen? soll ich dich denn geradezu an gewisse ziemlich tolle Streiche erinnern? Du hattest immer mit den ernstesten Sentenzen im Munde und der strengsten Zurückhaltung in deinen Manieren einen gewißen Hang zu boshaften Streichen, ob zwar mit mehr Neigung, sie in’s Werk zu setzen, als Gewandtheit, sie durchzuführen; innerlich muß ich herzlich lachen, wenn ich denke, daß ich meinen ehrwürdigen Mentor, Präsident in spe irgend eines hohen schottischen Gerichtshofs, gesehen habe wie einen plumpen Karrengaul im Moraste schnaufend, stöhnend und ächzend, wenn alle Anstrengungen, sich herauszuhelfen, ihn bei jedem unbehülflichen Versuch noch tiefer hineinstürzen, bis irgend Jemand – ich selbst zum Beispiel – Mitleid mit dem klagenden Ungeheuer bekam und es mit Haut und Haaren herauszog.

Was mich betrifft, so ist, wenn es möglich wäre, mein Bild noch scandalöser in das Carricaturartige gezogen. Ich habe nur wenig oder keinen Geist, mich aufrecht zu erhalten. Wo kannst du mir das geringste Merkmal des feigen Gemüths zeigen, mit welchem du mich, wie ich glaube, bloß deßwegen begabst, um die sichere und gleichförmige Würde deiner eigenen thörichten Gleichgültigkeit in ein helleres Licht zu stellen? Sahst du mich je zittern, so ging es mir wie jenem alten spanischen General, mein Körper zitterte nur vor der Gefahr, in welche mein Geist ihn führen wollte. Im Ernst, Allan, die Armuth des Geistes, welche du mir andichtest, ist eine niedrige Anklage deines Freundes. Ich habe mich so streng als möglich geprüft, indem ich mich wirklich ein wenig gekränkt darüber fühle, daß du mich so hart beurtheilst, und bei meiner Ehre, ich finde keinen Grund dafür. Ich gestehe ein, daß du vielleicht an Festigkeit und Gleichgültigkeit des Gemüths einige Vorzüge vor mir besitzen magst, aber ich würde mich selbst verachten, wäre ich mir des Mangels an Muth bewußt, den du mir gar zu gerne andichten möchtest. Aber ich denke, der unfreundliche Wink hat seinen Grund nur in der allzugroßen Vorsorge meines Freundes für meine Sicherheit, und da ich es so betrachte, so verschlucke ich es wie die Arznei eines wohlmeinenden Arztes, wenn ich auch im Herzen glaube, er mißverstehe meine Uebel.

Abstrahiren wir aber von dieser beleidigenden Bemerkung, so danke ich dir, Allan, für das Uebrige deiner Epistel. Ich meine, ich hörte deinen guten Vater das Wort Noble-House, mit einer Mischung von Verachtung und Mißvergnügen aussprechen, als wäre der bloße Name des armen, kleinen Weilers ihm zuwider, oder als hättest du von ganz Schottland gerade den Ort ausgesucht, wo du am wenigsten zu Mittag essen solltest. Aber wenn er eine besondere Abneigung gegen dieses unschuldige Dörfchen und gegen das unbedeutende Wirthshaus hat, ist es nicht sein Fehler, da er mich ja abhielt, die Einladung des Laird von Glengallacher anzunehmen, der mich bat, mit ihm, wie er sich pathetisch ausdrückte, »auf seinen Ländereien« einen Rehbock zu jagen? Einen Rehbock zu jagen! Denke dir, welch eine glänzende Idee für Jemanden, der nie andere Thiere, als Heckensperlinge schoß, und das mit einer Sackpistole, welche er in einer Trödlersbude in der Kuhgasse kaufte. – Du, der du dich mit deinem Muthe brüstest, magst dich erinnern, daß ich die Gefahr, besagte Pistole loszufeuern, zuerst wagte, während du zwanzig Ellen weit davon standest, und daß, als du sicher überzeugt warst, daß sie nicht zerspringen würde, du alle Rechte außer dem des Aelteren und des Stärkeren vergaßest und dich der Pistole für den ganzen Rest des Feiertages ausschließlich bemächtigtest. Nun ist zwar freilich die Belustigung eines solchen Tages keine vollkommene Vorschule der edlen Kunst der Rehjagd, so wie man sie im Hochlande ausübt; dennoch hätte ich mir keine Bedenklichkeiten gemacht, des ehrlichen Glengallachers Einladung, selbst auf die Gefahr, zum erstenmal einen Fehlschuß zu thun, anzunehmen, wäre es nicht wegen des Lärmens, welchen dein Vater in der ganzen Hitze seines Eifers für König Georg, die hannöverische Erbfolge und den presbyterianischen Glauben darüber gemacht hätte. Jetzt wollte ich, ich hätte darauf bestanden, da ich durch meine Unterwerfung so wenig in seiner guten Meinung gewonnen habe. Alle seine Vorurtheile, die Hochländer betreffend, datiren sich vom Jahre fünf und vierzig her, als er und die andern Freiwilligen vom Westport retirirten, ein Jeder, um sich in seiner eigenen Wohnung zu verschanzen, sobald sie gehört hatten, daß der Abenteurer mit seinen Clans sich Kirkliston nähere. Die Flucht von Falkirk-parma non bene selecta – an welcher, wie ich glaube, dein Ahnherr seligen Andenkens mit dem unerschrockenen westlichen Regimente auch wohl Antheil gehabt haben mag – scheint seinen Geschmack nach hochländischer Gesellschaft nicht eben sehr erhöht zu haben; (untersuche doch einmal, Allan, ob dir wohl der Muth, dessen du dich rühmst, nach schottischem Erbrecht anheimfiel?) und die Geschichten vom Rob Rog Macgregor und vom Sergeanten Allan Mhor Cameron dienten seiner Einbildungskraft, sie mit noch schwärzeren Farben auszumalen.

So viel ich nun davon verstehe, sind diese Ideen, wenn man sie auf den gegenwärtigen Zustand des Landes anwendet, ein völliges Hirngespinst. Des Prätendenten wird in den Hochlanden so wenig mehr gedacht, als wäre auch er schon eingegangen zu seinen hundert und acht Ahnen, deren Bilder die alten Mauern von Holyrood zieren. Die breiten Schwerter sind in andere Hände übergegangen, die Tartschen werden dazu gebraucht, die Butterfässer zuzudecken; das Geschlecht ist gesunken und sinkt täglich weiter, von stürmischen Halbwilden zu zahmen Betrügern. Es war wahrlich zum Theil meine Ueberzeugung, daß es im Norden nur wenig mehr zu sehen gibt, welche freilich aus anderen Gründen, als denen deines Vaters hervorgehend, doch mit seinem Schlusse übereinstimmte, welche meine Reise nach dieser Richtung lenkte, wo ich wahrscheinlich eben so wenig sehen werde.

Eines aber habe ich gesehen, und es geschah mit einem unbeschreiblichen Vergnügen: meine Augen haben nämlich, wie die des sterbenden Propheten, vom Gipfel des Pisga das Land anschauen dürfen, das mein Fuß nicht betreten soll. – In einem Worte, ich sah die Ufer des fröhlichen Englands, des fröhlichen Englands! dessen Erzeugter zu sein ich stolz bin, und welches ich mit den Augen eines dankbaren Sohnes betrachte, wenn schon die tobenden Fluthen und der bewegliche Triebsand uns trennen.

Du kannst es nicht vergessen haben, Allan – denn wann vergäßest du je etwas, das deinen Freund beträfe? – daß derselbe Brief meines Freundes Griffiths, welcher meine Einkünfte verdoppelte und meine Handlungen meinem freien Willen anheimstellte, eine Clausel enthielt, nach welcher mir es ohne Ursache verboten ward, falls ich meine künftige Ruhe und mein künftiges Glück wünschte, England zu bereisen. Jeder andere Theil der brittischen Besitzungen, selbst eine Reise auf dem Continent, war meiner Wahl überlassen. – Erinnerst du dich des Märchens, Allan, von einer zugedeckten Platte mitten in einem königlichen Gastmahl, auf die immerwährend die Augen der Gäste gerichtet waren, welche alle Leckereien, mit welchen der Tisch beladen war, vernachlässigten? Diese Verbannungsclausel aus England – aus meinem Vaterlande – aus dem Lande der Tapfern, der Weisen und der Freien, betrübt mich mehr, als mich die Freiheit und Unabhängigkeit, welche man mir in jeder andern Hinsicht läßt, erfreut. Indem ich nun so die äußerste Grenze des Landes aufsuche, das zu betreten mir untersagt ist, gleiche ich dem armen, angebundenen Pferde, welches, wenn du es bemerkt hast, immer am Rande des Cirkels grast, auf welchen es durch seinen Zaum beschränkt ist.

Klage mich nicht über Romantik an, weil ich dieser Neigung zum Süden gehorchen; oder vermuthe nur nicht, daß, um dem eingebildeten Schmachten nach einer nichtigen Neugierde Genüge zu leisten, ich mich der Gefahr aussetzen werde, die sichere Stütze meiner gegenwärtigen Lage zu verlieren. Wer bis jetzt meine Schritte leitete, hat mir durch redende Beweise mehr als durch Versicherungen, die er sich ersparte, gezeigt, daß mein wirklicher Vortheil Hauptzweck war. Ich wäre daher wohl ärger, als ein Narr, wenn ich gegen ihre Autorität Einwürfe machen wollte, selbst wenn diese nach Launen ausgeübt wäre. Denn gewiß, in meinem Alter – und wenn man mir noch dazu in jeder andern Hinsicht die Wahl meiner Einrichtung und die Sorge für mich überläßt – hätte ich wohl erwarten können, daß man den Grund, warum man mich aus England verbannt, frei und offen meiner eigenen Ueberlegung und Einsicht überließe. Dennoch will ich nicht dagegen murren. Ich vermuthe, eines Tages werde ich doch schon den Zusammenhang der ganzen Geschichte erfahren, und dann werde ich vielleicht einsehen, wie du zuweilen andeutest, daß an der ganzen Sache nicht viel Wichtiges ist.

Ich kann mich nicht enthalten, mich zu verwundern – aber Gott weiß es, wenn ich so fortfahre, so wird mein Brief so voll Wunder werden, wie Katterfelto’s Ankündigungen. Ich denke, ich will dir jetzt statt der verzweifelten ewigen Wiederholungen von Vermuthungen und Ahnungen die Geschichte eines kleinen Abenteuers erzählen, das mir gestern zustieß, obzwar ich überzeugt bin, daß du, wie gewöhnlich, dein Perspectiv umwenden und meine arme Erzählung für eine unbedeutende Begebenheit halten wirst und für einen Umstand, von welchem du mich wieder anklagen wirst, falsche Schlußfolgen gezogen zu haben. Zum Henker aber auch, Allan, du bist so wenig zum Vertrauten eines jungen Abenteurers, der mit einiger Einbildungskraft begabt ist, geeignet, wie der alte einsilbige Sekretär des Facardie von Trebizonde. Dennoch müssen wir beide jeder seinem besonderen Schicksale folgen. Meine Bestimmung ist es, zu sehen, zu handeln, zu erzählen, – die deinige, wie ein alter Holländer in demselben Postwagen mit einem Gasconier zu sitzen, zu hören und die Achsel zu zucken.

Von Dumfries, der Hauptstadt dieser Grafschaft, habe ich nur wenig zu bemerken, denn ich will deine Geduld nicht mißbrauchen, wenn ich dir sage, daß es an den Ufern des lieblichen Flusses Nith liegt und daß man vom höchsten Standpunkte der Stadt, vom Kirchhofe aus, eine weite und schöne Gegend vor sich liegen sieht. Auch will ich keinen Gebrauch von dem Privilegium machen, dir die ganze Geschichte vom Bruce zu wiederholen, welcher an diesem Orte in der Dominikanerkirche den rothen Comin erstach, und deßwegen, weil er den Gottesfrieden brach und ein Meuchelmörder wurde, den Dank des Königs und des Vaterlandes einärntete. Die jetzigen Bewohner von Dumfries erinnern sich dessen und vertheidigen die That, indem sie bemerken, daß es nur eine papistische Kirche gewesen wäre – denn zum Beweis sind die Mauern der Kirche so völlig niedergerissen, daß man auch nicht eine Spur mehr davon sieht. Besagte Herren Bürger von Dumfries sind eine derbe Klasse ächt blauer Presbyterianer, Männer nach dem Herzen deines Vaters; und um so viel eifriger für die protestantische Erbfolge, da viele der großen Familien in der Umgegend im Verdacht anderer Gesinnungen stehen, und selbst zum Theil thätig, an der Insurrection im Jahre fünfzehn, andere sogar an den neueren Händeln im Jahre Fünfundvierzig Antheil nahmen. In der letztern Periode litt die Stadt; denn Lord Elch mit einem bedeutenden Corps Rebellen legte den Bürgern der Stadt Dumfries eine schwere Contribution auf, weil sie dem Nachtrabe des Chevalier auf seinem Zuge nach England bedeutenden Schaden zugefügt hatten.

Viele dieser Umstände erfuhr ich vom Provost C–, welcher sich, da er mich auf dem Markt erblickte, erinnerte, daß ich ein Hausgenosse deines Vaters bin, und mich sehr höflich zum Mittagessen einlud. Ich bitte dich, sage doch deinem Vater, daß ich überall die Einwirkungen seiner Güte gegen mich fühle. Nach vierundzwanzig Stunden aber wurde ich dieses, sonst ganz hübschen Städtchens, überdrüssig und so schlenderte ich ostwärts der Küste entlang, indem ich mich damit unterhielt, Antiquitäten aufzusuchen und manchmal meine neue Angelruthe zu benützen oder doch zu benützen versuchte. Nachdem ich vier volle Stunden gewartet hatte, erfuhr ich es durch einen bloßen Zufall, daß ich das Fischen nicht verstand. Ich werde nie den unverschämten zwölfjährigen Buben, den Kuhhirten, vergessen, der die Frechheit hatte, mich spöttisch über mein Fischernetz, mein Senkblei und die große Anzahl wollener Würmer, die ich mir gesammelt hatte, auszulachen, er, der weder Holzschuhe noch eine Mütze hatte, mit bloßen Füßen und zerrissenen Hosen einherstolzirte. Zuletzt war ich dennoch gezwungen, dem spottenden Schlingel die Angelruthe zu überlassen, um zu sehen, was er damit machen würde; und siehe da, in einer Stunde hatte er nicht nur meinen Korb bis zur Hälfte gefüllt, sondern er lehrte mich wirklich mit meinen eigenen Händen zwei Forellen tödten. Das, und weil Sam Heu und Hafer (das Bier nicht zu vergessen) in dem Wirthshaus recht gut fand, flößte mir zuerst den Gedanken ein, einen oder zwei Tage hier zu bleiben; dem lachenden Spitzbuben von Fischerknaben habe ich, weil ich einen andern Hirten für ihn miethete, die Erlaubniß verschafft, mich begleiten zu dürfen.

Eine ordentliche, reine Engländerin ist Gastgeberin dieses kleinen Wirthshauses, meine Schlafstube wird mit Lavendel geräuchert, hat ein nettes Schiebfensterchen und überdies sind die Mauern mit Balladen von der schönen Rosamunde und der grausamen Barbara Allan bedeckt. Wie unrein auch die Aussprache der Wirthin sein mag, meinem Ohr klingt sie höchst lieblich; denn noch habe ich die traurige Wirkung nicht vergessen, die eure breite, langsame nordische Aussprache (für mich der Ton eines fremden Landes) auf meine kindlichen Organe hervorbrachte. Ich weiß wohl, daß ich seitdem das Schottische völlig erlernt habe und wohl noch manchen schottischen Provinzialismus dazu. Immer aber noch scheint der englische Accent meinem Ohr wie eines Freundes Stimme, und wenn ich ihn selbst in dem Munde eines wandernden Bettlers hörte, so verfehlte er doch nie, mir ein Almosen zu entlocken. Ihr Schotten, die ihr auf eure eigene Nationalität so stolz seid, müßt sie auch in Anderen ehren.

Den nächsten Morgen wollte ich wieder an den Strom gehen, wo ich die vorigen Nacht zu angeln angefangen hatte, ward aber durch einen gewaltigen Regenschauer, der den ganzen Vormittag anhielt, daran verhindert. Während dieser Zeit hörte ich meinen Schurken von Führer seine unzüchtigen Späße so laut in der Küche, wie einen Bedienten auf dem Paradiese treiben, so wenig sind Ländlichkeit und Zurückgezogenheit immer mit Bescheidenheit und Unschuld gepaart.

Als Nachmittags das Wetter sich aufklärte und wir endlich an das Ufer gelangten, fand ich, daß mein vollkommener Lehrer mir einen neuen Streich gespielt hatte. Wahrscheinlich wollte er lieber selber fischen, als sich die Mühe geben, einen ungelehrigen Neuling, wie ich, zu unterrichten; um also meine Geduld zu ermüden und mich zu bewegen, ihm die Angel wie gestern zu überlassen, erdachte sich mein Freund die List, mich mehr als eine Stunde mit einer Angel ohne Spitze im Wasser herumplütschern zu lassen. Zuletzt kam ich dem Possen auf die Spur, indem ich bemerkte, daß der Schurke immer vor Freude laut auflachte, wenn er eine Forelle sich nähern und ruhig bei der Angel vorbeischwimmen sah. Ich gab ihm einen gesunden Hieb, Allan; aber ich bereute es schon im nächsten Augenblicke, und um ihn zu entschädigen, ließ ich ihn den übrigen Abend im ruhigen Besitz der Angel, wogegen er die Verpflichtung übernahm, mir, um seine Beleidigung wieder gut zu machen, ein Gericht Forellen zum Abendessen heimzubringen.

Da ich mich auf diese Weise der Last entledigt hatte, mich auf eine Art, die mich nicht mehr ansprach, zu unterhalten, so wendete ich meine Schritte zum Meere oder besser gesagt zum Meerbusen von Solway hin, welcher hier die beiden Schwesterkönigreiche trennt und der ungefähr ein Stündchen entfernt war. Mein Weg führte mich über sandige Dünen, welche mit niedrigen Heidekräutern bewachsen waren.

Meine Finger würden ermüden, dir den Fortgang meines Abenteuers zu erzählen, ich muß es daher auf morgen aufschieben, wo du die Fortsetzung erfahren sollst. Um dich indessen vor einem übereilten Schlüsse zu bewahren, muß ich dir bemerken, daß Obiges nur der Anfang des Abenteuers war, das ich dir erzählen will.

Vierter Brief.

Inhaltsverzeichnis

Derselbe an den Denselben.

Shepherd’s Busch.

Ich erwähnte in meinem Letzten, daß, als ich meine Angelruthe als einen unnützen Zeitvertreib verlassen hatte, ich über die offenen Dünen, welche mich von dem Ufer des Solways trennten, einherschritt. Als ich das Ufer des großen Meerbusens erreichte, war die Fluth von einer breiten, sich weit erstreckenden Sandebene zurückgewichen, durch welche sich ein jetzt schwacher, seichter Strom einen Weg zum Ocean gebahnt hatte. Die ganze Landschaft war von den Strahlen der untergehenden Sonne matt beleuchtet, welche wie ein Krieger, der sich zur Verteidigung rüstet, die röthliche Stirne über ungeheure Bastionen und aufgethürmte Wälle von scharlachrothen und schwarzen Wolken zeigte, die wie eine unermeßlich große gothische Festung schienen, in die sich der Herr des Tages zurückzog. Die untergehenden Strahlen schimmerten glänzend wieder auf der nassen Oberfläche des Sandes und in den unzähligen Wassergruben, mit denen sie bedeckt war, und welche die Ebbe in dem ungleichen Boden zurrückgelassen hatte.

Die Scene war durch eine Anzahl von Reitern, welche sich mit der Salmjagd beschäftigten, noch mehr belebt. Ja, Allan, erhebe nur Hand und Auge, wie du willst, ich kann dieser Art zu fischen keinen andern Namen geben; denn sie erjagten die Fische im vollen Galopp und packten sie mit ihren krumm gebogenen Spießen, wie man auf alten Tapeten Jäger Bären todtstechen sieht. Natürlich geht es mit dem Salmen leichter, als mit dem Bären; doch sind sie so schnell in ihrem Elemente, daß, um sie auf diese Weise zu verfolgen und zu fangen, ein tüchtiger Reiter, ein scharfes Auge, eine feste Hand und Gewandtheit, Pferd und Waffe zu regieren, erforderlich sind. Das Geschrei der Bursche, wenn sie bei ihrer lebhaften Beschäftigung hinauf und hinunter jagten – das schallende Gelächter, wenn einer von ihnen stürzte – das laute Beifallrufen, wenn einer einen Meisterstreich mit der Lanze ausführte – gaben der Scene so viel Leben, daß auch mich die Begeisterung der Jäger ergriff, so daß ich mich eine bedeutende Strecke in den Sand hinein wagte. Besonders erweckten die Thaten eines Reiters so häufig das lärmende Beifallsrufen seiner Gefährten, daß die fernsten Ufer davon wiederhallten. Es war ein schlanker Mann, der ein schönes schwarzes Pferd ritt, welches er, wie ein Vogel in der Luft, wenden und drehen konnte; er trug einen längeren Speer als die Anderen und eine Pelzkappe mit einer kurzen Feder darauf, welches ihm im Ganzen ein stattlicheres Ansehen als den übrigen Fischern gab. Er schien ein gewisses Ansehen unter ihnen zu genießen und leitete öfters ihre Bewegungen mit Hand und Stimme; dann schien mir seine Haltung Ehrfurcht einflößend, seine Stimme ungewöhnlich wohltönend und gebietend.

Schon zogen sich die Reiter an das Ufer zurück, schon verschwand nach und nach das Anziehende der Scene, und immer noch verweilte ich aus den Dünen, hinschauend mit sehnsuchtsvollen Blicken nach meines Englands Ufern, welche, vergoldet vom letzten Strahle der untergehenden Sonne, kaum eine Stunde von mir entfernt schienen. Die ängstlichen Gedanken, die ich nähre, stiegen mit erneuerter Kraft auf in meinem Busen, langsam und mir selbst unbewußt näherte sich mein Fuß absichtslos dem Flusse, der mich von dem verbotenen Bezirke trennte. Da erreichte plötzlich der Klang eines Pferdes im gestreckten Galopp mein Ohr, und als ich mich umwendete, rief mir der Reiter (derselbe Fischer, dessen ich früher erwähnte) laut und barsch entgegen: »O ho: Bruder, es ist zu spät, noch heute Nacht Bownehs zu erreichen – die Fluth wird sogleich eintreten.«

Ich wandte den Kopf und sah ihn an ohne zu antworten, denn sein plötzliches Erscheinen (besser gesagt, sein unerwartetes Herannahen) im wachsenden Schatten und im dämmernden Lichte, hatte für mich etwas Wildes und Schauerliches.

»Seid Ihr taub,« schrie er, »oder toll? – oder habt Ihr Lust nach der künftigen Welt?«

»Ich bin ein Fremder,« antwortete ich, »und wollte nur dem Fischfange zusehen. – Ich will eben nach dem Orte zurückgehen, woher ich kam.«

»So eilt Euch denn so sehr Ihr könnt!« sagte er. »Wer am Ufer des Solway’s träumt, kann in der andern Welt erwachen. Der Himmel droht mit einem Sturme, der in einem Augenblick die Wellen drei Fuß hoch treiben wird.«

Indem er es sagte, wandte er sein Pferd und ritt davon, während ich, beunruhigt über das was ich gehört hatte, schnell dem schottischen Ufer zueilte; denn die Fluth nimmt auf diesem verzweifelten Sande so reißend zu, daß selbst wohlberittene Reiter alle Hoffnung auf Rettung aufgeben, wenn sie, selbst schon eine Strecke vom Ufer entfernt, von Weitem die weiße Brandung sich nahen sehen.

Meine Angst stieg in jedem Augenblick, und statt vorsichtig zu gehen, fing ich an so schnell als möglich zu laufen; ich fühlte, oder glaubte doch wenigstens zu fühlen, daß jeder Wasserpfuhl, durch den ich wadete, immer tiefer und tiefer wurde. Zuletzt schien die Oberfläche des Sandes immer häufiger mit Gruben und Löchern, welche mit Wasser gefüllt waren, bedeckt zu sein, sei es nun, daß die Fluth wirklich sich der Bucht näherte, oder hatte ich mich, wie es eben so leicht möglich ist, in der Eile und Verwirrung meines Rückzugs in Schwierigkeiten verwickelt, welche ich bei ruhigerer Ueberlegung hätte vermeiden können. Wie dem auch sei, stets verzweifelter ward meine Lage, immer lockerer ward der Sand, kaum hatte ich meinen Fußstapfen verlassen, als er sich auch schon mit Wasser füllte. Da befielen mich wunderliche Gedanken von der Sicherheit des Wohnzimmers deines Vaters, und von dem festen Tritt, den das Pflaster von Brown’s Square und Scott’s Close gestattet, als mein guter Genius, der schlanke Fischer, wieder nah an meiner Seite erschien; er und sein schwarzes Pferd gigantisch groß im Schatten der Dämmerung.

»Seid Ihr toll,« sagte er mit demselben tiefen Tone, der früher in meinem Ohre tönte, »seid Ihr toll oder des Lebens überdrüssig? Ihr werdet den Augenblick in den Triebsand gerathen.« Ich bekannte, daß ich des Weges unkundig wäre, worauf er blos antwortete: »Es ist keine Zeit zum Schwatzen – steigt hinter mir auf.«