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Maria Callas steht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie ist auf den großen Opernbühnen der Welt zu Hause, doch privat unglücklich und in ihrer Ehe vereinsamt. Als sie eines Tages den griechischen Reeder und Multimillionär Aristoteles Onassis trifft, findet sie in ihm die Liebe ihres Lebens. Es folgen Jahre voller Leidenschaft – bis eine andere Frau in Aris Leben tritt.
Jackie Kennedy, ehemalige First Lady, verlässt nach der Ermordung ihres Mannes mit ihren Kindern Amerika, um in Europa ein neues Leben, fernab der Paparazzi der amerikanischen Presse zu beginnen. Ari Onassis bietet ihr Zuflucht und die Ehe ... Doch lange währt das gemeinsame Glück nicht.
Gill Paul erzählt in dieser Romanbiografie eines der größten Liebesdramen des 20. Jahrhunderts. Eine Tragödie um Eifersucht, Macht und Rache, die sowohl die Rivalinnen Maria und Jackie wie auch den erfolgsverwöhnten Reeder in tiefe Krisen stürzt.
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Seitenzahl: 637
Veröffentlichungsjahr: 2023
Gill Paul
Jackie und Maria
Roman
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
Insel Verlag
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Für Barbara Douka, die mich auf die Idee zu diesem Roman gebracht hat
eBook Insel Verlag Berlin 2023
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 5002.
© der deutschsprachigen Ausgabe Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG, Berlin, 2023Copyright © Gill Paul, 2020
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Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
Umschlagabbildungen: Jackie Kennedy, 1961, Foto: Zumapress/Bridgeman Images; Maria Callas, 1959, Foto: ullstein bild
eISBN 978-3-458-77809-7
www.suhrkamp.de
Von allem, was auf Erden Seel und Leben hat,
Die allerärmsten Wesen sind wir Frauen doch.
Euripides, Medea, 431 v.Chr.
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Motto
Erster Akt
1
. Kapitel. Hotel Danieli, Venedig, Italien
3
. September
1957
2
. Kapitel. Venedig
4
. September
1957
3
. Kapitel. Newport, Rhode Island Sommer
1956
4
. Kapitel. Washington,
DC
28
. August
1956
5
. Kapitel. Mailand Dezember
1957
6
. Kapitel. Hyannis Port, Massachusetts Oktober
1956
7
. Kapitel. Mailand April
1958
8
. Kapitel. Mailand Mai
1958
9
. Kapitel. New York City November
1957
10
. Kapitel. Mailand September
1958
11
. Kapitel. Nizza, Südfrankreich August
1958
12
. Kapitel. Paris
19
. Dezember
1958
13
. Kapitel. Hyannis Port November
1958
14
. Kapitel. Auf dem Mittelmeer August
1959
15
. Kapitel. Hyannis Port August
1959
16
. Kapitel. Auf dem Mittelmeer August
1959
17
. Kapitel. Auf dem Mittelmeer August
1959
Zweiter Akt
18
. Kapitel. Washington,
DC
September
1959
19
. Kapitel. Mailand September
1959
20
. Kapitel. West Virginia Frühjahr
1960
21
. Kapitel. Dallas, Texas November
1959
22
. Kapitel. Auf dem Mittelmeer April
1960
23
. Kapitel. Hyannis Port Sommer
1960
24
. Kapitel. Mailand Juni
1960
25
. Kapitel. Hyannis Port
8
. November
1960
26
. Kapitel. Washington,
DC
25
. November
1960
27
. Kapitel. Mailand
30
. November
1960
28
. Kapitel. Washington,
DC
Januar
1961
29
. Kapitel. New York City
19
. Mai
1962
30
. Kapitel. Virginia
19
. Mai
1962
31
. Kapitel. Athen, Griechenland Frühjahr
1963
32
. Kapitel. Auf dem Mittelmeer Frühjahr
1963
33
. Kapitel. Squaw Island, Massachusetts Anfang August
1963
34
. Kapitel. Squaw Island August
1963
35
. Kapitel. Auf dem Mittelmeer August
1963
36
. Kapitel. Auf dem Mittalmeer Oktober
1963
37
. Kapitel. Paris Oktober
1963
38
. Kapitel. Auf den griechischen Inseln Oktober
1963
39
. Kapitel. Paris
20
. Oktober
1963
40
. Kapitel. Washington, D.C. November
1963
Dritter Akt
41
. Kapitel. Paris
22
. November
1963
42
. Kapitel. Washington, D.C.
25
. November
1963
43
. Kapitel. Paris
25
. November
1963
44
. Kapitel. Palm Beach, Florida
25
. Dezember
1963
45
. Kapitel. Paris März
1964
46
. Kapitel. New York City Herbst
1964
47
. Kapitel. New York City Herbst
1964
48
. Kapitel. New York City
25
. März
1965
49
. Kapitel. Long Island, New York April
1965
50
. Kapitel. Athen Frühjahr
1966
51
. Kapitel. Paris Mai
1966
52
. Kapitel. Irland Juni
1967
53
. Kapitel. Paris November
1967
54
. Kapitel. New York City
22
. Mai
1968
55
. Kapitel. New York City
4
. Juni
1968
56
. Kapitel. New York City
6
. Juni
1968
57
. Kapitel. Skorpios, Griechenland Juli
1968
58
. Kapitel. Auf den griechischen Inseln August
1968
59
. Kapitel. Paris August
1968
60
. Kapitel. Skorpios
19
. Oktober
1968
Vierter Akt
61
. Kapitel. Paris
21
. Oktober
1968
62
. Kapitel. Skorpios
15
. November
1968
63
. Kapitel. Paris
30
. November
1968
64
. Kapitel. New York City Winter
1968
65
. Kapitel. Tragonisi, Griechenland
15
. August
1969
66
. Kapitel. New York City Februar
1970
67
. Kapitel. Paris Frühjahr
1970
68
. Kapitel. New York City Frühjahr
1970
69
. Kapitel. Paris Sommer
1970
70.
Kapitel. Skorpios Sommer
1970
Fünfter Akt
71
. Kapitel. Paris
23
. Januar
1973
72
. Kapitel. Athen Sommer
1973
73
. Kapitel. Paris Dezember
1974
74
. Kapitel. New York City Februar
1975
75
. Kapitel. Paris
15
. März
1975
76
. Kapitel. New York City Sommer
1975
77
. Kapitel. Paris Frühjahr
1976
78
. Kapitel. Lefkada, Griechenland Juni
1977
Danksagung
Informationen zum Buch
Jackie und Maria
Hotel Danieli, Venedig, Italien 3. September 1957
»Komm mit.« Maria spürte, wie ihre Gastgeberin sie so nachdrücklich am Ellbogen zog, dass sie beinahe zur Seite gekippt wäre. »Ich möchte dich mit deinen griechischen Landsleuten bekannt machen: Aristoteles und Tina Onassis. Hier sind sie.« Mit ausgestrecktem Arm verkündete sie: »Das ist Maria Callas.«
Jahre später erinnerte Maria sich an die scheinbare Alltäglichkeit dieses Moments. Wenn man jemanden kennenlernt, der die eigene Welt auf den Kopf stellen und so heftig erschüttern wird, dass nichts mehr so sein wird wie vorher, sollte es ein Warnsignal geben, dachte sie. In der griechischen Mythologie hätte es einen Donnerschlag, ein Erdbeben, eine Sonnenfinsternis gegeben. Hier gab es nichts dergleichen. Nur das Gemurmel höflicher Konversation, ein Streichquartett, das Schubert spielte, und den Klang von Champagnergläsern beim Anstoßen unter Kristalllüstern.
Selbstverständlich hatte Maria schon von Onassis gehört. Je nachdem, welche Zeitung man las, war er entweder der reichste Mann der Welt und ein charmanter Gastgeber auf seiner Yacht, der Christina, oder ein Gauner und Hochseepirat. Überrascht stellte sie fest, dass er kleiner war als sie, aber das amüsierte Funkeln in seinen Augen und die Art, wie er fest ihre Hand hielt und sich herunterbeugte, um sie mit den Lippen zu berühren, gefielen ihr.
»Es ist mir eine Ehre, die größte Sopranistin der Welt kennenzulernen.« Es waren die ersten Worte, die er zu ihr sagte.
»Eine der größten vielleicht …« Übertreibungen waren ihr peinlich.
»Sie sind sicher die einzige Person in diesem Raum, die ihre Leistungen herunterspielt«, erwiderte er mit einem Kopfnicken in Richtung der versammelten Gesellschaft. Darunter waren Schauspieler und Schauspielerinnen, Prominente, einige Angehörige von Königsfamilien und ein paar Politiker, aber nur wenige aus der Opernwelt, Marias üblichem Milieu. Der Herzog und die Herzogin von Windsor hielten Hof und trugen beide Kronen, als wollten sie sich über die Krone lustig machen, die er mit seiner Abdankung vom britischen Thron aufgegeben hatte; Fürstin Gracia Patricia von Monaco schlenderte mit einem süßen Lächeln umher, das ihr fest ins Gesicht geheftet war, obwohl Fürst Rainiers Abwesenheit nach kaum einjähriger Ehe durchaus auffallend war; und Elizabeth Taylor flirtete an der Bar mit einem dunkelhäutigen Mann, der eindeutig nicht ihr Ehemann war.
Maria lachte. »Ich war sicher, hier sind die ›Feinsten Europas‹«, ahmte sie den Mittelwest-Akzent ihrer Gastgeberin nach, einer Klatschkolumnistin, die es genoss, Berühmtheiten zusammenzubringen.
»Sicher, man sollte den Worten von Journalisten immer glauben«, erwiderte Aristoteles grinsend, was Maria für ihn einnahm.
»Sind Sie Marias Vater«, hörte sie Tina Onassis ihren Ehemann Battista fragen, der hinter ihr stand. Das dachten Menschen häufig wegen des Altersunterschieds von dreißig Jahren, der zwischen ihnen lag.
»Suo marito«, antwortete er mit einem Anflug von Verärgerung. Er sprach kaum Englisch, nur Italienisch, daher wechselte Tina in diese Sprache, um mit ihm zu plaudern, während Aristoteles sich weiter auf Griechisch mit Maria unterhielt.
»Ich muss beschämt zugeben, dass ich Sie noch nie habe singen hören. Ich bin kein Opernfreund. Für mich klingen sie immer, als würden sich zwei italienische Köche Risottorezepte zuschreien.«
Maria lachte. »Ich glaube, von dieser Oper habe ich noch nie gehört. Erinnern Sie sich, wie sie heißt?«
»Keine Ahnung«, gab er grinsend zu. »Aber als Tina mich einmal in Athen mit in die Oper genommen hat, bin ich in der Loge eingenickt. Wenigstens hatten sie bequeme Sitze.«
»Ich denke, Sie werden feststellen, dass Opern ebenso verschieden sind wie …« Sie suchte nach einem passenden Vergleich. »Sie sind in der Schifffahrt tätig, nicht wahr? So verschieden wie Schifffahrtsrouten.«
Er verzog das Gesicht. »Aber künstlerischer, hoffe ich. Obwohl ich kein Ohr dafür habe, würde ich die Stimme, von der alle schwärmen, gern einmal hören.«
Sie zuckte bescheiden die Achseln. »Ich fürchte, nicht alle schwärmen davon. Ihnen sind die Superlative schon lange ausgegangen, und jetzt kommen sie in meine Vorstellungen und suchen nach etwas, was sie kritisieren können. Da ich ihnen ihre Arbeit nicht zu leicht machen möchte, ist der Druck bei jedem Auftritt enorm.«
»Die alte Geschichte: Sie bauen Sie auf, nur um Sie dann wieder niederzumachen.«
»Haben Sie vielleicht etwas Ähnliches erlebt?« Sie wusste, dass man ihn vor drei Jahren in Amerika wegen irgendwelcher Formalitäten in Verbindung mit seinem Reedereiimperium verhaftet hatte und in der Presse grobkörnige Fotos von ihm erschienen waren, die zeigten, wie man seine Fingerabdrücke nahm. Es musste demütigend gewesen sein.
Er beugte sich näher zu ihr, und sie roch einen süßlichen Heugeruch, der vermutlich durch die Zigarre zu erklären war, die aus seiner Brusttasche ragte. »Zwischen uns liegen Welten. Um dahin zu kommen, wo ich bin, brauchte es nur Sturheit. Aber Sie – Sie besitzen eindeutig eine Gabe der Götter.«
»Auch ich arbeite hart, Mr Onassis.« Das war untertrieben. Maria lernte Libretti auswendig, übte den ganzen Nachmittag und, wenn sie keine Vorstellung hatte, auch abends, und las im Bett bis in die frühen Morgenstunden Opernpartituren. Musik war ihr Leben. Dass sie Partys wie diese besuchte, kam selten vor.
»Nennen Sie mich Aristoteles. Bitte.« Er berührte ihren Arm knapp oberhalb des Ellbogens, wo ihre Handschuhe endeten und ihre nackte Haut begann. »Also, wann soll ich kommen, um Sie singen zu hören? Sagen Sie es mir.«
Sie lächelte. »Ich lasse Sie wissen, wenn ich in einem Konzertsaal mit besonders bequemen Sitzen singe. Vielleicht sollten Sie sich ein Kissen mitbringen.«
»Abgemacht«, erklärte er. Seine Hand lag immer noch auf ihrem Arm.
Er flirtete mit ihr, während ihr Mann danebenstand. Gewöhnlich hatte Maria nichts für die Dirigenten und Sänger übrig, die ihr Avancen machten, aber hier handelte es sich um einen harmlosen Spaß, und sie genoss ihn. »Wie kann ich Ihnen glauben«, neckte sie ihn. »Sagt man nicht, trau nie einem Seemann?«
»Meine Freunde können mir ihr Leben anvertrauen, meine Feinde können darauf vertrauen, dass ich einen griechischen Rachedurst habe – ich nehme an, das macht mich vertrauenswürdig.« Seine Augen waren golden gesprenkelt, fiel ihr auf. Durchdringende Augen.
»Und ich? Finden Sie, dass ich Ihnen trauen sollte?«, fragte sie.
»Wenn ich Ihnen etwas verspreche, werde ich es immer halten«, erklärte er ernst. »Darauf können Sie sich verlassen.«
Diese Worte gingen ihr noch lange durch den Kopf.
Venedig 4. September 1957
Als Maria am Morgen nach Elsas Party aufwachte, fand sie eine Notiz, die unter der Tür ihrer Suite durchgeschoben worden war: Aristoteles und Tina Onassis luden sie ein, sich um ein Uhr mit ihnen in Harry’s Bar zum Mittagessen zu treffen. Sie reckte sich und schaute auf die Ormolu-Uhr auf dem Kaminsims: Es war kurz vor zwölf. In der Regel zog sie es vor, den Tag in aller Ruhe mit einem duftenden Bad und einem geruhsamen Frühstück zu beginnen, aber etwas an Aristoteles hatte ihre Neugier geweckt. Sie hätte erwartet, dass der reichste Mann der Welt ernst und geldgierig wäre, stattdessen wirkte er amüsant.
»Battista!«, rief sie. Ihr Mann las auf einem sonnigen Balkon mit Blick auf den Canale Grande Zeitung. »Wir gehen in einer Stunde zum Mittagessen.«
Harry’s Bar war nur einen kurzen Fußweg am Kanalufer entlang entfernt, und sie kamen nur leicht verspätet an. Ein Ober in weißem Jackett und mit schwarzer Fliege führte sie durch das Restaurant, vorbei an der langen Bar aus poliertem Holz an einen Tisch im hinteren Teil des Raumes, wo die Onassis die Speisekarte studierten. Aristoteles sprang auf.
»Ich freue mich, dass Sie kommen konnten«, sagte er auf Italienisch, gab Maria einen Handkuss, schüttelte Battista die Hand und schlug ihm dann auf den Rücken.
»Nehmen Sie doch Platz. Bellini für alle? Das erscheint mir passend, da er doch nach dem großen Opernkomponisten benannt ist.«
Hohe Gläser mit dem Cocktail, der ein Markenzeichen der Bar war, wurden gebracht: pürierter weißer Pfirsich, gemischt mit Prosecco, so leicht und aromatisch, dass es schien, als könne er unmöglich Alkohol enthalten.
Maria setzte sich auf die Bank neben Tina Onassis, eine hübsche Frau mit blondiertem Haar und dunklen Augenbrauen, die bei näherem Hinsehen aussah, als sei sie kaum älter als zwanzig; eindeutig gab es in ihrer Ehe ebenfalls einen beträchtlichen Altersunterschied.
»Es ist mir eine Ehre, dass Sie kommen konnten«, sagte sie zu Maria. »Ich bin einer ihrer größten Fans. Hat Aristo Ihnen das erzählt? Das erste Mal habe ich Sie 1950 in der Scala Aida singen hören, und seitdem bin ich zu all Ihren Premieren nach Mailand geflogen.«
»Wirklich?« Maria war gerührt. »Das ist sehr schmeichelhaft. Leben Sie in Athen?«
»Wir haben überall Häuser: Athen, Paris, Nizza, Monte Carlo, Montevideo …« Sie verdrehte die Augen, als wolle sie sich über die Länge der Liste mokieren. »Aber Aristo ist meist auf der Christina zu finden. Er wird unleidlich, wenn er zu lange an Land bleiben muss.«
Battista erzählte Aristoteles gerade, dass er Mittel aufzutreiben versuchte, um einen Film von Maria in Medea zu drehen. Sie hoffte, ihr Gastgeber fühlte sich nicht gedrängt, sich an dem Projekt zu beteiligen.
»Wie lange sind Sie beide schon verheiratet?«, fragte sie Tina.
»Schon ewig«, kreischte Tina. »Elf Jahre. Bei unserer Hochzeit war ich gerade mal siebzehn und Ari war vierzig, ich bin sicher, dass ich furchtbar kindisch wirkte. Aber dann bekamen wir Kinder, und sie lassen einen schnell erwachsen werden.«
Sie verzog das Gesicht, wie Maria es schon oft an Müttern gesehen hatte: Es sollte nach langem Leiden aussehen, war aber in Wirklichkeit ein Ausdruck von Stolz. Lieber hätte sie sich an Aristoteles’ und Battistas Gespräch über das Filmgeschäft beteiligt, aber ihr war klar, dass Tina von ihr eine Frage nach den Kindern erwartete, die sie auch stellte.
»Wie alt sind sie jetzt?«
Als Tina sie zu beschreiben begann, schweiften Marias Gedanken ab. Alle nahmen an, sie wolle wegen ihrer Karriere keine Kinder, aber das stimmte nicht. Sie sehnte sich schmerzlich nach einem Baby, aber es sollte wohl einfach nicht sein. Ein Spezialist hatte ihr erklärt, sie habe eine Fehlbildung der Gebärmutter, die es schwierig, aber nicht unmöglich mache, schwanger zu werden. Mittlerweile war sie dreiunddreißig Jahre alt und sich nur allzu bewusst, dass die Zeit ablief.
Sie blinzelte, als ihr klar wurde, dass Tina sie etwas gefragt hatte.
»Wie haben Battista und Sie sich kennengelernt?«, wiederholte Tina.
Maria lächelte. »Er hat mich davor bewahrt, ein Leben lang Briefe für Geschäftsleute zu tippen, und hat mich dahin gebracht, wo ich heute bin.« Als sie ihre Geschichte erzählte, unterbrachen Aristoteles und Battista ihr Gespräch und hörten zu.
Maria war es schwergefallen, an der Oper ihren Durchbruch zu erreichen, denn ihre Stimme war zu kräftig, zu reif für den Chor und hatte ein ungewöhnliches Timbre. Sie brauchte Dirigenten, die bereit waren, das Risiko einzugehen und ihr Hauptrollen zu geben, aber die meisten waren risikoscheu – was angesichts der astronomischen Kosten für Operninszenierungen wenig überraschend war. Sie hatte ihre Ausbildung in Athen absolviert, wo sie während des Krieges mit ihrer Mutter und ihrer Schwester gelebt hatte, und war dann nach New York gezogen, wo ihr Vater eine Apotheke betrieb. Nach über einem Jahr entmutigenden Vorsingens hatte sie endlich eine Hauptrolle bekommen, La Gioconda in Verona, und war mit dreiundzwanzig Jahren allein nach Italien gezogen.
»Es war eine schwierige Zeit«, erzählte sie den Onassis. »Es gab Ressentiments gegenüber dieser dahergelaufenen jungen Sängerin, die nicht einmal fließend Italienisch sprach und es trotzdem irgendwie geschafft hatte, die Hauptrolle zu ergattern. Die Kollegen und Kolleginnen stürmten hinter der Bühne an mir vorbei, ohne auch nur buon giorno zu sagen, und meist ging ich abends allein nach Hause.«
Sie erzählte nicht, dass sie damals etwas von einem Wal hatte mit ihren annähernd zweihundert Pfund, der fleckigen, pickeligen Haut, einer Nase, die zu groß für ihr Gesicht war, und der dicken, schwarz geränderten Brille, ohne die sie nahezu blind war. Ihr Aussehen machte sie schüchtern und linkisch, ein weiterer Grund, warum es schwierig war, Freunde zu finden.
»Aber ich hatte einen Schutzengel.« Sie wandte sich lächelnd Battista zu. »An meinem ersten Abend in Verona habe ich diesen Mann auf einer Dinnerparty getroffen, und er hat mich unter seine Fittiche genommen. Er war ein Opernliebhaber, und über unsere gemeinsame Liebe zur Musik haben wir zusammengefunden.«
Battista erzählte ihre Geschichte weiter: »Als ihr Engagement in Verona endete, wollte ihr Vater, dass sie nach New York zurückkäme und als Sekretärin arbeitete. Ich sah darin eine sträfliche Verschwendung ihres Talents. Ich bot an, sie weitere sechs Monate finanziell zu unterstützen, während ich sie Dirigenten und Intendanten vorstellte, die ich kannte, und versuchte, ihre Karriere in Gang zu bringen.«
»Was für eine kluge Investition«, warf Aristoteles ein. »Sie haben eine schöne Ehefrau gewonnen und die Welt ein wunderbares Talent.«
Battista grinste. »Das Glück war auf unserer Seite. Als wir eines Abends nach dem Essen nach Hause gingen, trafen wir meinen Freund Nino Cattozzo, der damals Intendant des Teatro La Fenice war. Eine Sopranistin hatte ihn in letzter Minute im Stich gelassen. Seine Inszenierung von Wagners Tristan und Isolde war bereits angekündigt, der Verkauf der Eintrittskarten hatte begonnen, und plötzlich stand er ohne Isolde da – also schlug ich Maria für die Rolle vor.«
Sie schaltete sich ein. »Sie können sich nicht vorstellen, wie furchtbar das war. Battista gab vor, ich kenne den Part schon, der einer der schwierigsten ist. Eine Woche später musste ich vom Blatt vorsingen vor Tullio Serafin, dem großen Guru, der mich in La Gioconda dirigiert hatte. Zum Glück fand er, ich sei der Rolle gewachsen, und arrangierte zwei Monate intensiver Korrepetition, um mich auf die Premiere vorzubereiten.«
Die helle Panik dieser Zeit würde sie niemals vergessen: die technischen Schwierigkeiten des Parts der Isolde, jener wilden, leidenschaftlichen irischen Prinzessin; den enormen Druck, auf die glanzvolle Bühne zu treten, auf der Rossinis und Bellinis Werke ihre Uraufführung erlebt hatten; die Pracht des Teatro La Fenice mit seinen Reihen goldener Logen, dem Deckengemälde der fliegenden Grazien, den Putti und den üppigen roten Samtsitzen. All das zusammen vermittelte ihr das Gefühl, unwürdig zu sein.
Am Premierenabend schenkte Tullio ihr ein Madonnenbild – eine schöne Darstellung in Edelsteinfarbtönen mit einem vergoldeten Rahmen. Sie erinnerte sich, dass sie zitterte, als sie zum mitfühlenden Gesicht der Heiligen Mutter betete, sie möge niemanden enttäuschen.
Das Gebet musste wohl gewirkt haben, denn die Inszenierung war ein erstaunlicher Erfolg. Ohne ihre Brille konnte sie nicht über die Vorbühne hinaussehen, hörte aber, dass viele aufstanden, jubelten, pfiffen und klatschten, und sie wurde ein Dutzend Mal auf die Bühne gerufen, bevor sie sich schließlich in ihre Garderobe zurückziehen konnte. Es war ein Traum.
»Sie hätten die Kritiken sehen sollen.« Battista strahlte. »So was habe ich noch nie gesehen. Die Kritiker waren sich einig, dass ein neuer Stern am Firmament aufgetaucht war. Danach wollte jeder Dirigent in Italien mit ihr arbeiten, und Tullio wurde zu ihrem Cheerleader.«
Diese Geschichte hatten sie schon öfter erzählt, und als Maria die Pointe setzte, lächelte sie ihn an. »Battista wartete bis zum dritten Abend nach der Premiere, als er sicher war, dass seine Investition sich gelohnt hatte, bevor er mich bat, ihn zu heiraten.«
Alle lachten. Tatsächlich hatte sein Antrag Maria verblüfft. Damals hatte sie so wenig Selbstvertrauen besessen, dass sie gar nicht glauben konnte, dass jemandem an ihr etwas anderes als nur ihre Stimme gefallen könnte. Wie konnte er auch nur daran denken, eine Frau zu lieben, die so dick war, dass kein Stuhl groß genug für sie war? Eine Frau mit einem Oberschenkelumfang, der dem Taillenumfang einer Durchschnittsfrau entsprach? In der Hochzeitsnacht hatte sie nur widerstrebend ihr zeltähnliches Nachthemd ausgezogen, aber Battista hatte sie langsam verführt und Gefühle geweckt, von denen sie hingerissen war. Von Anfang an liebte sie Sex und konnte gar nicht genug davon bekommen. Auch ihn liebte sie; er war der Erste, der ihr jemals das Gefühl gab, geliebt zu werden.
Kellner unterbrachen sie und servierten Teller mit rosafarbenem Carpaccio, der Spezialität des Hauses, die zu probieren Aristoteles sie gedrängt hatte. Maria war froh, dass er für sie bestellt hatte. Ohne Brille hätte sie die Speisekarte gar nicht lesen können, und sie war zu eitel, sie in der Öffentlichkeit zu tragen. Das dünn geschnittene rohe Rindfleisch war saftig, zart und hervorragend. Anschließend bestellte er Garnelen, die am selben Morgen frisch in der Lagune gefangen und mit Knoblauchbutter gegrillt worden waren. Den ganzen Nachmittag tranken sie eiskalte Bellinis, knabberten Köstlichkeiten und lernten sich besser kennen. Maria fühlte sich ungewöhnlich beschwingt und entspannter, als es seit Monaten der Fall war.
Da die Fenster am anderen Ende der Bar aus Milchglas waren und an den Wänden behagliche Leuchten brannten, war die Tageszeit nur schwer einzuschätzen. Als sie auf dem Zifferblatt von Aristoteles’ Armbanduhr sah, dass es schon beinahe sieben Uhr abends war, wunderte sie sich. Nach und nach trafen Gäste zum Abendessen ein, und sie bemerkte, wie ihr Gastgeber dem Ober mit der Geschmeidigkeit eines Zauberers gefaltete Lirascheine zusteckte. Sie vermutete, dass er ihn bestach, ihnen den Tisch weiter zu überlassen.
Plötzlich überfiel sie eine Welle der Müdigkeit. »Ich fürchte, ich muss bald gehen«, sagte sie und hatte mit einem Mal ein schlechtes Gewissen, weil sie den ganzen Tag noch keinen einzigen Ton gesungen hatte. Es war wichtig, dass sie täglich übte.
»Ich habe noch eine letzte Frage an Sie«, sagte Aristoteles und tat Battistas unbeholfenes Angebot, sich an der Rechnung zu beteiligen, mit einer beiläufigen Geste ab. »Sie sind ganz oben an der Spitze angekommen. Ich frage mich, welche Ambitionen Sie für die Zukunft haben? Gibt es Träume, die Sie sich noch erfüllen wollen?«
Ich will ein Baby, dachte Maria im Stillen. Der Wunsch war überwältigend. Aber das war zu persönlich, um es in der gegenwärtigen Gesellschaft zu äußern.
»Mein Traum war schon immer, zum festen Ensemble der Scala zu gehören. Für mich ist es das beste Opernhaus der Welt. Da ich nun dort bin, denke ich, ich möchte so lange, wie ich nur kann, mit den besten Musikern und den besten Dirigenten singen.« Sie stockte. »Und dann möchte ich mich in aller Stille in einen schönen Teil der Welt zurückziehen und Hausfrau sein.« Sie lachte, als ob sie ihre Äußerung selbst nicht ganz ernst nähme. In Wirklichkeit war es schwierig, sich die Zukunft vorzustellen.
»Selbst Ihr Lachen ist schön«, antwortete Aristoteles in aufrichtigem Ton. Er sah ihr eindringlich in die Augen, als versuche er, in ihre Seele zu schauen.
Newport, Rhode Island Sommer 1956
Jackie Kennedy schaukelte auf der Veranda, eine Hand auf ihrem dicken Bauch, in der anderen ein Glas eiskalter Limonade, von dem Kondenswasser auf ihr Baumwollkleid tropfte. In einem Aschenbecher brannte eine Zigarette, von der Rauchspiralen aufstiegen, daneben lag ein aufgeschlagenes Buch. Die Hitze war zundertrocken und drückend, dennoch saß sie lieber draußen, wo die Luft ein bisschen frischer war.
Sie dachte an Jack, der auf einer Yacht im Mittelmeer unterwegs war. Er war sicher braun wie ein Gassenjunge, sprang in Shorts mit einem Glas Bier in der Hand an Deck herum oder planschte im türkisblauen Wasser. Ein harter Knoten Wut steckte in ihr. Wie konnte er über den Ozean fliegen, um mit Freunden Urlaub zu machen, obwohl sie hochschwanger war – zumal sie im vorigen Jahr eine Fehlgeburt erlitten hatte? Es hatte sie tief getroffen.
Der Mann, den sie geheiratet hatte, war selbstsüchtig. Anspruchsvoll. Aber so charmant, so aufregend, dass sie ihm seine schlimmsten Verfehlungen verzeihen konnte: Er vergaß Geburtstage und Jahrestage, schickte sie früher aus den Flitterwochen nach Hause, weil er an Sitzungen teilnehmen musste, hatte gelegentlich sogar einen Hauch Parfüm im Haar und Lippenstift am Kragen von den Frauen, die ständig um ihn herumscharwenzelten.
Selbst das konnte sie verzeihen.
Sie waren beide unabhängige Geister, die in ihrer dreijährigen Ehe viel Zeit getrennt voneinander verbracht hatten. Washingtons Gerüchteküche sagte immer wieder ihre unmittelbar bevorstehende Scheidung voraus, aber ihre Lebensweise entsprach ihnen in mancherlei Hinsicht. Jackie war gern zum Reiten und zur Fuchsjagd auf dem Anwesen ihres Stiefvaters in Virginia, sie flog gern mit ihrer modeverrückten jüngeren Schwester Lee zum Shoppen nach London oder fuhr mit dem Zug nach New York, um zeitig mit ihrem Vater Black Jack Bouvier zu Mittag zu essen, bevor er zu betrunken war.
In Jack Kennedys Leben drehte sich alles um Politik; sie war der Sauerstoff, den er atmete, die Nahrung, die er brauchte. Als demokratischer Senator für Massachusetts gehörte er zu den glanzvollsten jungen Talenten der Partei und stand in dem Ruf, eine strikte Haltung zu Bürgerrechten, zur internationalen Friedensbewahrung und zur Eindämmung der kommunistischen Gefahr zu vertreten. In der Familie Kennedy war die Rede davon, dass er bei der Präsidentschaftswahl 1960 antreten sollte – eine Idee, die Jackie im Stillen weit hergeholt fand, dennoch bewunderte sie seinen Ehrgeiz.
Wenn sie nur den Eindruck hätte, dass er sie mehr brauchte, wäre sie zufrieden. Sicher, sie wusste, dass er ihre Intelligenz, ihre Eleganz und Klasse bewunderte, aber er führte sein Leben weitgehend wie in seiner Junggesellenzeit. Als Politiker hatte er eine präsentable römisch-katholische Ehefrau gebraucht, und offenbar hatte sie die entsprechenden Kriterien erfüllt. Nun hoffte sie, eine weitere politische Grundvoraussetzung beizusteuern: ein paar gesunde Kinder.
Sie runzelte die Stirn. Wann hatte sie zuletzt Bewegungen ihres Babys gespürt? Vielleicht war das arme Wesen von der Hitze ebenso erschöpft wie sie. Sie rückte sich in ihrem Schaukelstuhl zurecht und presste die Handfläche sanft auf ihren Bauch, aber da war keinerlei Regung, nicht einmal das Zucken eines Füßchens unter ihrer Haut. Mit einer Hand im Kreuz und der anderen auf der Armlehne hievte sie sich langsam hoch und watschelte über die Veranda. Nichts. Sie hüpfte auf und ab und strich mit beiden Händen über ihren Bauch. Immer noch nichts. Sie war alarmiert.
»Nelly!«, rief sie. »Können Sie mal herkommen?«
Nelly, die Haushälterin, war dreifache Mutter und die Ruhe selbst. Sie tastete Jackies Bauch ab und bat sie, ein paar Mal zu hüpfen.
»Das Kleine macht ein Nickerchen«, sagte sie in ruhigem, bedachtem Ton. »Aber ich kann ja trotzdem mal Dr. Brady rufen.«
Jackie lag, starr vor Angst, in einem Krankenhausbett, umgeben von Ärzten und Krankenschwestern. Ihre Mutter, Janet Auchincloss, saß kerzengerade an ihrem Bett, während der Arzt ihren Bauch mit einem Stethoskop abhörte. Was stimmte da nicht? Sie durfte dieses Kind nicht verlieren, nicht nach achteinhalb Monaten. Eine Fehlgeburt im ersten Trimester war schon schlimm genug gewesen, aber die Ärzte hatten ihr versichert, das sei nichts Ungewöhnliches. Jetzt war es anders; sie hatte schon das Gefühl, dieses Kind zu kennen, nachdem sie gespürt hatte, wie es sich in ihr bewegte und reagierte.
Sie beobachtete die Mienen des medizinischen Personals, die Art, wie sie einander ansahen und mit den Augen Signale aussandten, die sie nicht mitbekommen sollte. Ihre Mutter hatte ihr beigebracht, es sei nicht »ladylike«, ihre Gefühle zu zeigen, aber es fiel schwer, es nicht zu tun. Eine Krankenschwester nahm ihre Hand, die Jackie fest packte, dankbar für den menschlichen Kontakt. Mitgefühl war nicht die Stärke ihrer Mutter. Einen Ball arrangieren, ja. Die Personalführung auf dem Anwesen ihres Mannes, ja. Mitgefühl, niemals.
»Soll ich Ihren Mann anrufen«, fragte jemand. »Er sollte hier sein.«
Ja, dass sollte er wirklich. Jackies Augen wurden schmal.
Nun bestätigten sie ihr, was sie bereits geahnt hatte. Ihr Baby lebte nicht mehr. Irgendwann zwischen ihrer letzten Vorsorgeuntersuchung vor einer Woche und diesem Vormittag hatte sein kleines Herz zu schlagen aufgehört, und niemand wusste, warum. Jackie konzentrierte sich auf eine billige Uhr an der gegenüberliegenden Wand und beobachtete das Springen des Sekundenzeigers. Das Ticken erschien ihr unglaublich laut. Sie begann, die Sekunden zu zählen, und merkte, dass es ihr half, die Gefühle zu unterdrücken, die sie zu überwältigen drohten.
»Was passiert jetzt?«, fragte Janet in praktischem Ton. Man hätte niemals vermutet, dass man gerade ihr Enkelkind für tot erklärt hatte.
Der Arzt sah prüfend einige Papiere auf seinem Klemmbrett durch. »Bei Mrs Kennedy war ein Kaiserschnitt geplant, den ziehen wir nun vor. Wir könnten heute Nachmittag operieren.«
Jackie schaute zum Fenster, wo greller Sonnenschein durch die Blätter einer Roteiche funkelte. Was würde Jack sagen? Er war in den Urlaub geflogen, in der Erwartung, rechtzeitig zur Geburt seines ersten Kindes zurückzukommen; stattdessen würde er zu einer Beerdigung zurückkehren. Sie hatte ihn enttäuscht. Er würde am Boden zerstört sein.
»Das wird das Beste sein«, sagte Janet, ohne Jackie zu fragen.
»Kannst du Bobby anrufen«, bat Jackie ihre Mutter. »Er dürfte wissen, wie er Jack erreichen kann.«
Auf der Yacht gab es ein Funktelefon, das man aber nicht direkt anwählen konnte. Die Telefonvermittlung musste ein Zeitfenster beantragen, um das Gespräch über die nächstgelegene Küstenstation zu übermitteln, also hing es von ihrem Standort ab. Sie nannte Bobbys Telefonnummer aus dem Kopf, und Janet ging, um den Anruf zu erledigen, als sei sie froh, etwas zu tun zu haben. Noch immer hatte sie kein einziges tröstendes Wort gesagt, aber da Jackie sie gut genug kannte, hatte sie nichts anderes erwartet.
Als Jackie nach der Operation am Spätnachmittag zu sich kam, war Janet gegangen und Bobby saß an ihrem Bett. Er nahm sofort ihre Hand und sagte: »Es tut mir so leid. Was für ein trauriger Verlust für dich und für die ganze Familie.«
Jackie schloss die Augen, um die Tränen zu unterdrücken. Sie wollte nicht, dass Bobby sie weinen sah. Er war nett zu ihr, aber er musste sie für eine Versagerin halten. Er hatte bereits vier Kinder, und Ethel war mit dem fünften schwanger. Sie brachte Kinder zur Welt wie ein Automat: Sperma rein, und schon kam ein perfekt entwickeltes, brüllendes Baby heraus.
»Ich habe Jack eine Nachricht hinterlassen, dass er im Schwesternzimmer anrufen soll, sobald er eine Verbindung hat«, erklärte er ihr. »Eine Schwester kommt mich dann holen.«
»Danke«, raunte Jackie. Sie war froh, dass er da war und sich kümmerte.
Bobby war zwar reservierter als Jack, besaß aber immer noch genug vom Familiencharme, dass Menschen sich förmlich überschlugen, um ihm zu helfen. Sie war sicher, dass die Krankenschwestern kokett um ihn herumschwirrten.
Jackie fragte sich, was Bobby tief im Inneren von ihr wohl denken mochte. Er war immer freundlich zu ihr, obwohl Ethel sie für hochnäsig hielt. Sie hatte einmal zufällig gehört, dass sie sich darüber beschwerte, wie Jackie den Tisch deckte, ausgerechnet. Offenbar fand Ethel, es spiele keine Rolle, ob die Messerklingen nach innen oder außen zeigten, und sie machte sich darüber lustig, dass Jackie sie zurechtrückte. Jetzt würde sie auftrumpfen: Sie war die erfolgreiche Ehefrau, die eine ganze Handvoll Erben produzieren konnte.
Jackie war immer noch benommen von der Narkose und nickte ein, wurde aber wach, als sie Bobbys Stimme draußen auf dem Korridor hörte. Eine Schwester wuselte geschäftig im Zimmer herum, maß Jackies Temperatur und klapperte mit Instrumenten auf einem Metalltablett, sodass sie einen Teil des Gesprächs verpasste. Aber das, was sie hörte, war unmissverständlich.
»Jack, du musst zurückkommen … Deine Frau ist gerade operiert worden. Sie braucht dich … Sei kein Idiot … Natürlich ist sie erschüttert, aber du kennst ja Jackie – sie zeigt es nicht … Es steht sicher morgen in den Zeitungen. Daran kann ich nichts ändern … Denk doch nur daran, wie das politisch aussieht: ›Ehefrau verliert Baby, während der Senator sich im Mittelmeer sonnt.‹ Ist das die Schlagzeile, die du lesen willst? Also, beweg deinen Hintern hierher …«
Jackie war fassungslos. Sie packte sich an die Kehle und konnte kaum atmen. Jack wollte seinen Urlaub nicht abbrechen. So viel lag ihm also an ihr. Sie schauderte. Alle hatten sie vor der Hochzeit gewarnt, dass er seinen Freiraum brauche, und den hatte sie ihm gern gelassen, aber bis zu diesem Moment war ihr nicht klar gewesen, dass er so kaltherzig war.
Washington, DC28. August 1956
Fünf Tage nach dem Tod des Babys traf Jack in Washington ein. Jackie erholte sich in ihrem Haus in Georgetown. Sie lag auf dem Bett unter einem Ventilator, der kühle Luft über ihre Beine streichen ließ. Ihre Schwester Lee war von London hergeflogen, wuselte eifrig herum, holte etwas zu trinken und räumte das Durcheinander aus Büchern und Lotionen am Bett auf. Dabei trug sie ein makelloses gepunktetes Seidenkleid aus Jean Patous Frühjahrs-/Sommerkollektion.
Jackie musterte sie kritisch. Es war nett von ihr, dass sie alles hatte stehen und liegen lassen, um zu kommen und Pflegerin zu spielen, aber welche Frau, um alles in der Welt, trug ein brandneues Designerkleid, wenn sie eine Kranke pflegte. Lee war immer bestrebt, von ihnen beiden am besten gekleidet zu sein, ganz gleich, zu welchem Anlass. Ihr Konkurrenzdenken konnte anstrengend sein.
»Wie geht’s dir, Kleines?«, fragte Jack und beugte sich mit besorgter Miene herab, um sie zu küssen. »Alles in Ordnung? Wir hatten einen Zwischenstopp in Paris, und ich habe dir etwas Parfüm mitgebracht.« Er legte ihr ein in Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen in den Schoß, aber sie rührte es nicht an. Wie konnte er in einem solchen Moment an Parfüm denken? »Hi, Lee«, sagte er. »Schön, dass du aushilfst.«
Lee strahlte ihn an. »Hi, Jack. Tolle Sonnenbräune!«
»Die Beerdigung war am vergangenen Samstag«, unterbrach Jackie sie mit unbewegter Miene in dem Bemühen, die beiden zu einem gewissen Respekt vor dem Ernst des Anlasses zu bewegen. »Es war ein Mädchen. Deine Tochter. Ich habe sie Arabella genannt.«
Jack nickte, endlich ernst. »Der Name gefällt mir.«
»Bobby hat alles geregelt«, fuhr sie in schneidend scharfem Ton fort.
»Guter Junge«, erklärte er. »Ich werde ihn anrufen und ihm danken, aber vorher brauche ich ein Sandwich. Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen.«
»Lass mich dir ein Sandwich holen«, bot Lee an und war schon auf dem Weg zur Tür. »Schinken und Senf, okay?« Sie war verrückt nach Jack; für ihren lieben Schwager war ihr keine Mühe zu viel.
Sobald sie allein waren, wartete Jackie darauf, dass er sich entschuldigte, weil er nicht früher nach Hause gekommen war, dass er ihr sagte, wie traurig er über den Verlust des Babys war, und dass er den Schmerz teilte, der hart und unerbittlich wie eine Kugel in ihr steckte – aber er fing an von einem Journalisten zu erzählen, den er im Flugzeug getroffen hatte. Sie musterte ihn, sein sonnengebleichtes Haar, seine walnussbraune Haut, und dachte über die Energie nach, die er ausstrahlte. Er hatte keine Ahnung, was in ihr vorging. Nicht die geringste Ahnung. Vielleicht hatte er das nie.
Als er seine Erzählung beendet hatte, setzte er sich auf die Bettkante und zog sie in seine Arme. »Das mit Arabella ist so traurig«, sagte er. »Ich kann es noch gar nicht fassen. Nach all den Monaten des Wartens …«
Er presste sein Gesicht an ihre Schulter, und sie hörte ihn erstickt seufzen – oder könnte es ein Schluchzen gewesen sein? Jetzt wirkte er erschüttert, aber er empfand den Verlust nicht, nicht so wie sie. Ihr Schmerz war düster und einsam, vermischt mit erbitterter Wut, dass er in Übersee war, als ihr Baby starb, und dass er nicht umgehend zurückgekommen war.
Es dauerte nicht lange, bis er sich losriss und der Moment vorüber war. Sie sah, wie er sich innerlich schon der nächsten Angelegenheit zuwandte, die es zu erledigen galt. »Ich bin froh, dass Lee für dich da ist. Es war nett von ihr, herzukommen.« Er schaute auf die Uhr. »Macht es dir etwas aus, wenn ich heute Nachmittag kurz im Büro vorbeischaue? Nur um nach der Post zu sehen.«
Jackie verschlug es die Sprache, dass er daran auch nur denken konnte. Sie behielt zwar ihre Gefühle für sich, aber Jack musste doch wissen, dass sie völlig am Boden zerstört war und wie sehr sie seinen Trost brauchte? Am anderen Ende des Flurs gab es ein wunderschön hergerichtetes Kinderzimmer ohne Baby.
»Ich bleibe nicht lange«, versprach er und stand auf. »Wir können zusammen zu Abend essen.«
Das Problem war, dass sie einen Mann geheiratet hatte, der ein Eisberg war. Ein Gletscher. Lag ihm tief im Innersten überhaupt an etwas außer an Politik und Macht? Schwer zu sagen.
Als Jack gegangen war, stand Jackie unter dem Protest eines Dienstmädchens auf. Er hatte seinen Koffer auf dem Boden stehen lassen, und sie ging daneben in die Hocke, wobei das Ziehen der Narbe sie nach Luft ringen ließ. Sie wusste nicht, was sie zu finden dachte, als sie in seinen sandigen Shorts, den Freizeithemden und feuchten Handtüchern kramte, aber ihr war klar, dass es etwas gab, was Jack ihr nicht erzählte.
Und da war es: Als sie einen Saul-Bellow-Roman herausnahm, flatterte ein Polaroid-Foto heraus. Ein Mädchen mit weißblondem Haar in einem knappen pinkfarbenen Bikini saß auf seinem Schoß. Sie sah skandinavisch aus mit hoher Stirn, lachenden Augen und schlanker Figur.
Jackie drehte sich der Magen um. Das hatte er also gemacht, als ihr Baby starb. Sie hielt das Foto zwischen Daumen und Zeigefinger, als könne es sie kontaminieren, stand auf, humpelte zurück ans Bett und ließ es in ihre Handtasche fallen.
Was sollte sie machen? Wem konnte sie sich anvertrauen? Lee auf keinen Fall, sie würde Entschuldigungen für ihren Schwager finden; und ihrer Mutter genauso wenig. Es gab nur einen Menschen, an den sie sich wenden konnte. Er hatte sie im Krankenhaus nicht besuchen können, aber sie würde ihn in New York zum Mittagessen treffen, sobald die Ärzte erklärten, dass es ihr gut genug ging, um wieder zu reisen.
Black Jack Bouvier betrachtete das Foto einige Minuten lang. Sie saßen in einer ruhigen Ecke eines italienischen Restaurants im Osten von Manhattan, zwischen sich eine Flasche pflaumenroten Chianti in einem Bastkorb.
»Er hat eindeutig eine Affäre mit ihr, nicht wahr?«, fragte Jackie.
Black Jack neigte den Kopf zur Seite. »Eher einen Urlaubsflirt als eine Affäre. Sie sieht nach der Sorte von Mädchen aus.«
»Wie konnte er mir das antun? Und unserem Baby?« Tränen flossen, und als sie sie erst einmal laufen ließ, gab es kein Halten mehr. Mit der Ungezwungenheit eines Mannes, der häufig mit weinenden Frauen zu tun hatte, reichte ihr Vater ihr ein zerknittertes weißes Taschentuch.
»Du musst das voneinander trennen, Liebes. Jack wusste doch nicht, dass du dein Baby verlieren würdest, als er mit dieser Frau schlief. Das sind zwei verschiedene Dinge. Es ist traurig, dass dein Baby gestorben ist, aber es nicht seine Schuld. Als du ihn geheiratet hast, hast du gewusst, dass er ein Frauenheld ist.« Still kullerten die Tränen über ihre Wangen, und er streckte die Hand aus und streichelte ihren Unterarm.
Sie tupfte sich die Augen ab. »Ich wusste, dass er sich mit anderen Mädchen traf, bevor wir geheiratet haben, aber ich dachte, er würde damit aufhören, sobald wir verlobt wären. War das naiv?«
Sie beobachtete seine Reaktion in dem Wissen, dass Black Jack Freundinnen gehabt hatte, als er noch mit ihrer Mutter verheiratet war. Sie erinnerte sich, dass er einmal an einem Samstag eine hübsche Brünette zu einem Reiterfest mitgebracht hatte, auf dem sie ritt. Damals war sie etwa neun Jahre alt, aber sie bemerkte einen wissenden Blick zwischen den beiden, sah, wie ihr Vater der Dame über das Knie strich, und gewann in einem kurzen Augenblick Einblick in eine völlig neue Erwachsenenwelt. Sie hätte wissen müssen, dass ihr Vater Jack verteidigen würde. Sie waren aus dem gleichen Holz geschnitzt.
Der Unterschied war nur, dass sie auf Black Jacks Freundinnen nie eifersüchtig gewesen war. Sie machten viel Aufhebens um sie und Lee, ließen sie Eiscreme und Popcorn essen und schimpften nie mit ihnen, wie ihre Mutter es tat. Und was ihren Vater anging, wusste sie ohne jeden Zweifel, dass sie sein Liebling war, also hatte sie keinen Grund, verunsichert zu sein. Er liebte Lee zwar auch, aber nicht ganz so sehr.
»Manche Männer haben besonders starke sexuelle Bedürfnisse«, antwortete er. »Ihnen wird eine Frau niemals genug sein.«
»Daddy!« Sie wurde rot und schlug die Hände vor ihr nasses Gesicht.
»Es ist kein Betrug an dir. Es ist nur etwas, was Jack einfach tun muss, ein körperlicher Akt wie Zähneputzen oder Rasieren. Deswegen liebt er dich kein bisschen weniger. Und ich wette, es sind alles nur flüchtige Begegnungen; er wird es nicht riskieren, sich eine Geliebte zu halten.«
Auf diesen Gedanken war Jackie nicht einmal gekommen. Mein Gott, sie hoffte, dass er das nicht tun würde.
»Willst du wirklich die Scheidung?«, fuhr Black Jack fort. »Denk nur an das Leid, das die Scheidung von mir und deiner Mutter verursacht hat.«
Die Scheidung ihrer Eltern hatte sich lange angekündigt: Zuerst war ihr Vater in ein anderes Apartment gezogen, und Lee und ihr hatten sie gesagt, es habe mit seiner Arbeit zu tun. Den Mädchen war es so lieber gewesen, weil sie nicht mehr abends im Bett hören mussten, wie die Eltern sich anschrien. Ihre Mutter, die immer schon schnell einen Klaps verteilt hatte, wurde noch strenger, als Black Jack nicht mehr da war und sie zurückhielt. Gute Manieren waren alles. Wenn Janet da war, mussten sie ihr bestes Benehmen an den Tag legen.
Jackie war ein Teenager, als ihre Mutter ihnen eröffnete, dass sie wieder heiraten würde, und zwar den Standard-Oil-Erben Hugh Auchincloss. Hughdie, wie seine engsten Freunde ihn nannten, war viel reicher als Black Jack und besaß Anwesen in Virginia und auf Rhode Island sowie ein Apartment an der Park Avenue. Ihr Lebensstandard stieg sprunghaft auf eine völlig neue Stufe: Sie hatten Dutzende Bedienstete in jedem Haus, eigene Pferdeställe, besuchten Eliteschulen und bekamen großzügige Zuwendungen, um sich Kleider zu kaufen. Jackie und Lee liebten Kleider, und wenn sie nun die Vogue oder Harper’s Bazaar durchblätterten oder zusammen durch Geschäfte bummelten, konnten sie es sich leisten, ihre Lieblingskleider zu kaufen. Sie unterhielten sich endlos über neue Kollektionen, die Rocklängen und Farben der Saison und ihre Leidenschaft für alles Französische. Durch die Heirat sahen sie ihren Vater seltener, obwohl er nach wie vor in New York lebte. Mittlerweile war Jackie alt genug, zu wissen, dass er zu viel trank, und sie machte sich Sorgen um ihn. Ihre Sorgen hörten nie auf.
»Eine Scheidung wäre das Ende für Jacks Karriere«, sagte Black Jack, als sie beim Chicken cacciatore saßen. Er trank einen Schluck Wein. »Es ist schwierig genug, als Katholik gewählt zu werden, weil Protestanten gegen ihn voreingenommen sein dürften – aber als geschiedener Katholik bekommt er nicht einmal mehr die Stimmen der Katholiken.«
»Daran hätte er früher denken sollen«, entgegnete Jackie, schaute in den Spiegel ihrer Puderdose und wischte verschmierte Mascara weg. Sie wollte sich nicht scheiden lassen. Sie wollte Jack. Aber sie wollte mehr von ihm. Sie wünschte sich, mit ihm über das Baby sprechen zu können, das sie verloren hatten. Sie hätte sich gewünscht, dass er bei ihr gewesen wäre, als man ihr gesagt hatte, dass Arabella gestorben war. Und sie wünschte, er würde sie nicht betrügen. War das zu viel verlangt?
»Steh drüber und bewahre deine Würde«, riet Black Jack und deutete mit einer Kopfbewegung auf das Foto. »Sorge dafür, dass er dich mit dem Respekt behandelt, der einer Ehefrau gebührt. Kein Ehebruch in eurem Haus, keine Frauen, mit denen er vor deiner Nase herumstolziert. Zieh da die Grenze. Aber bleib verheiratet, Schatz. Das ist der beste Rat, den ich dir geben kann.«
Auf der Zugfahrt zurück nach Washington fragte Jackie sich, ob andere Ehefrauen sich damit abfanden. In Romanen oder Theaterstücken bekamen Männer, die fremdgingen, immer ihre verdiente Strafe, aber vielleicht war es im echten Leben nicht so. Warum hatte sie sich einen Mann wie Jack ausgesucht? Lag es zum Teil daran, dass er sie an ihren Daddy erinnerte, der trotz all seiner Schwächen ein wunderbarer Mensch war?
Rückblickend war die einzige Zeit während ihrer Ehe, für die sie mit Sicherheit sagen konnte, dass er ihr treu geblieben war, nach seiner Rückenoperation 1954, die ihn einige Monate lang ans Bett gefesselt hatte. Damals wie heute war sie ihm eine gute Ehefrau: Sie hatte arrangiert, dass Besucher kamen, um ihn zu unterhalten, hatte ihm Zeitschriftenartikel vorgelesen, ihm sein Lieblingsessen gereicht und Möglichkeiten gefunden, mit ihm zu schlafen, ohne seine Narben zu strapazieren.
Aber nachdem er sich erholt hatte, war er wieder vielbeschäftigt. Er kam nur kurz aus dem Büro, um zu duschen und sich umzuziehen, bevor er zu weiteren Sitzungen verschwand. Waren es wirklich »Sitzungen« oder war es nur eine beschönigende Umschreibung? Hatte er gleich um die Ecke in Washington eine Geliebte?
Sie musste eine Entscheidung treffen: Sie konnte tun, was ihr Vater vorgeschlagen hatte, und darüberstehen; sie konnte zur Detektivin werden und ihn zur Rede stellen, wenn sie ihn erwischte; oder sie konnte die Scheidung verlangen. Selbst wenn sie es nicht wahrmachen sollte, wusste sie, dass allein schon die Androhung ihn erschüttern würde. Seine politische Zukunft hing von einer stabilen Ehe ab.
Was ihre Mutter sagen würde, war ihr klar: »Wasch keine schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit.« Aber Jack stand in ihrer Schuld. Er würde sich erheblich zusammenreißen müssen, wenn er sie halten wollte.
Mailand Dezember 1957
In der Woche vor Weihnachten klingelte das Telefon in Marias Mailänder Stadthaus, und als sie abhob, hörte sie Aristoteles’ Stimme. Battista musste ihm die Telefonnummer gegeben haben.
»Es ist ruhige See vorhergesagt, daher planen wir eine Silvesterparty auf der Christina. Ich habe mich gefragt, ob Sie und Battista kommen möchten? Ich könnte Ihnen ein Flugzeug schicken, das Sie abholt.«
Sie lachte über die Großtuerei. Nicht viele Partyeinladungen enthielten ein so extravagantes Angebot! »Ich fürchte, ich kann nicht. Ich singe am 2. Januar in Rom vor einem Publikum, zu dem auch der italienische Präsident gehört. Ich darf es nicht enttäuschen.«
»Ich könnte Sie am 1. Januar nach Rom fliegen«, beharrte er.
»Vielen Dank«, erwiderte sie, »aber so geht das nicht. Auf große Konzerte muss ich mich vorbereiten. Mehrere Tage vorher übe ich entweder oder ich ruhe meine Stimme aus.«
»Wie langweilig!«, rief er aus. »Mich würde es ärgern, wenn meine Arbeit mich daran hindern würde, mich zu amüsieren.«
»Ich habe Singen nie als Arbeit empfunden«, erklärte sie und stockte, während sie die richtigen Worte suchte, um nicht allzu überheblich zu klingen. »Für mich ist es die größte Freude meines Lebens. Wenn ich ganz in einer Produktion aufgehe, ist das so überwältigend und befriedigend, dass ich an nichts anderes denken kann.«
»Also wie Sex«, erwiderte er. Sie wurde rot und war froh, dass er sie durch das Telefon nicht sehen konnte.
»Ich denke, es gibt Ähnlichkeiten.« Maria kicherte nervös. Sie war es nicht gewöhnt, mit jemandem über Sex zu sprechen, nicht einmal mit ihrem Mann. »Es ist, als würde etwas anderes die Macht übernehmen, wenn ich singe – eine göttliche Energie, eine Schöpferkraft, nennen Sie es, wie Sie wollen –, und sie erfüllt mich von oben bis unten …« Sie stockte verlegen. »Jetzt lachen Sie bestimmt über mich.«
»Das würde mir nicht einmal im Traum einfallen«, erklärte er ruhig. »Es ist klar, dass Sie dafür geboren wurden, und es freut mich, dass es Ihnen so viel Freude macht. Sie haben Glück.«
»Ja«, stimmte sie zu. Sie erzählte ihm nicht, dass sie unsicher war und abergläubisch fürchtete, ihr Glück könnte sie verlassen, wenn sie eines ihrer Rituale änderte. Sie machte immer die gleichen Aufwärmübungen, betete zu ihrem Madonnenbild, bekreuzigte sich dreimal und betrat die Bühne mit dem rechten Fuß zuerst. Immer mit dem rechten. »Aber Sie wurden eindeutig mit einem großen Talent für Geschäfte geboren. Ich bin sicher, es macht Ihnen Spaß, ein neues Geschäft abzuschließen und das Geld nur so reinströmen zu sehen.«
»Mir geht es nicht ums Geld«, erklärte er. »Ich liebe das Spiel. Die einfache Erklärung ist, dass ich nicht verlieren kann, und wenn ich mein Herz an etwas hänge, sorge ich immer dafür, dass ich es bekomme.«
Seine Äußerung hing bedeutungsvoll zwischen ihnen.
Maria sprach als Erste: »Es tut mir leid, dass ich es nicht zu Ihrer Party schaffe. Vielleicht ein anderes Mal.«
»Sie wollten mir doch sagen, wann ich kommen soll, um Sie singen zu hören, erinnern Sie sich?«
»Das mache ich.« Sie lachte wieder. Es entstand eine verlegene Pause, dann sagte sie: »Grüßen Sie Tina«, und legte auf.
Maria beschloss, Battista nichts von dem Anruf zu erzählen. Er brannte darauf, dass sie zu den besten Freunden der Onassis wurden. Er freundete sich gern mit den Superreichen an, während sie sich in deren Gesellschaft eher etwas unbehaglich fühlte, als ob diese Menschen spüren könnten, dass sie gesellschaftlich nicht auf einer Stufe mit ihnen stand. Die Mietwohnung im Stadtteil Washington Heights in Manhattan, wo sie mit ihren aus Griechenland eingewanderten Eltern und ihrer älteren Schwester aufgewachsen war, hatte ihnen zwar ein durchaus wohnliches Umfeld geboten, aber ihre Mutter war damit nie zufrieden gewesen: »Ich bin Besseres gewöhnt«, hatte Evangelia ständig geklagt. »Ich hätte niemals unter Stand heiraten dürfen. Was habe ich mir nur dabei gedacht?« Als Ergebnis dieser »Unter-Stand-Heirat« war Maria sich ihrer Stellung im Klassensystem immer noch bewusst, auch lange nachdem ihr Erfolg ihr geholfen hatte, sie zu überwinden.
Der Himmel war wolkenverhangen, und ein scharfer Wind wehte den Tiber hinauf, als sie am 27. Dezember in Rom eintrafen. Maria und Battista wohnten im Hotel Quirinale, das durch eine Passage mit dem Teatro dell’Opera verbunden war. Das bedeutete, dass sie ihre Stimmbänder vor der Kälte auf den Straßen schützen konnte, aber als sie zur ersten Probe kam, herrschte im Saal Grabeskälte.
»Können wir bitte etwas heizen«, bat sie. »Presto!«
Eine Assistentin des Inspizienten eilte herbei, versprach, sich darum zu kümmern, und nieste heftig. Maria zog sich schnell ihren Schal vors Gesicht. Sie durfte nicht riskieren, sich wenige Tage vor einem Konzert zu erkälten.
Es ging um Norma, Bellinis große Tragödie, ein schwieriger Part, den sie aber gern sang. Mit all seinen technischen Herausforderungen und Koloraturen entsprach er ihrer Stimme. Gewöhnlich sang sie bei Proben mit voller Stimme, allein schon der schieren Freude wegen, die Muskeln harmonisch arbeiten zu spüren, um eine so herrliche Musik hervorzubringen. Die Akustik war selbstverständlich hervorragend und das Orchester erstklassig. In solchen Momenten verlor sie sich. Das war der Grund, weshalb sie den ganzen Druck und die Kritik aushielt – der Lohn war einfach phänomenal.
Vier Tage nach ihrer Ankunft trafen sie sich am Silvesterabend mit ein paar Freunden zu einer Party in einem Club namens Circolo degli Scacchi. Um Mitternacht erlaubte Maria sich ein kleines Glas Champagner zum Anstoßen, nippte aber nur daran. Sie blieben noch eine Stunde und fuhren dann zurück ins Quirinale.
»Was wünschst du dir für das Jahr 1958?«, fragte sie Battista im Taxi.
»Ich möchte von der Scala mehr Geld, wenn wir deinen Vertrag neu verhandeln«, sagte er. »Sie haben dich zu billig eingekauft.«
Er fragte nicht, was sie sich wünschte, da er es ohnehin wusste. Sie hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht. Sie sehnte sich nach einem Baby.
Als Sängerin musste Maria sehr auf ihre Gesundheit achten. Sie vermutete, dass es Sportlern ebenso erging oder allen anderen, deren Körper auf Hochleistung trainiert war. Als sie am Morgen des 1. Januar aufwachte, spürte sie sofort, dass mit ihrem Hals etwas nicht stimmte: Er war leicht geschwollen und ein bisschen kratzig. Sie stupste Battista an und gab ihm mit Zeichen zu verstehen, er solle das Inhalationsgerät holen, dann schrieb sie auf einen Notizblock, der immer neben dem Bett lag, er solle einen Halsspezialisten rufen.
Während sie durch die Maske Dampf inhalierte, hörte sie ihn einen Anruf nach dem anderen tätigen, und wurde zunehmend unruhig. Niemand arbeitete am Neujahrstag. Ihr fiel das Mädchen ein, das bei der ersten Probe vor drei Tagen geniest hatte – genau die Inkubationszeit für eine Erkältung oder eine Grippe.
Bei einem Anruf erkannte sie, dass Battista mit dem Opernintendanten sprach: »Ich hoffe, Sie haben eine Zweitbesetzung, denn möglicherweise kann Maria morgen nicht singen.«
Es entstand eine lange Pause, dann sagte Battista: »Sei es, wie es will, wenn ein Arzt ihr sagt, sie darf nicht singen, wird sie nicht singen. Sie kann nicht riskieren, ihre Stimmbänder zu ruinieren.«
Maria fasste sich an den Hals. Sie konnte es nicht ertragen, sie zu enttäuschen. O Gott, bitte nicht.
Der Spezialist, der am Nachmittag kam, betupfte ihren Rachen und gab ihr ein entzündungshemmendes Spray. Den ganzen Tag vermied sie es, zu sprechen, verständigte sich über ihren Notizblock, trank lauwarmes Wasser und aß zu den Mahlzeiten klare Brühe. Kein Fleisch, keine Milchprodukte, keine feste Nahrung.
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, schluckte sie vorsichtig und spürte, dass die Schwellung etwas zurückgegangen war. Dennoch schonte sie ihre Stimme den ganzen Tag, und eine Stunde bevor der Vorhang aufging, erklärte der Arzt, sie dürfe auftreten.
Aus Sorge, sich nicht zu überfordern, machte sie ihre Aufwärmübungen vorsichtig. »Bitte gibt mir heute Abend eine gute Stimme«, betete sie zu ihrer Madonna. Die Jungfrau lächelte sie milde an.
In den ersten Szenen traf sie die Töne genau, konnte aber nicht viel Kraft hineinlegen. Die Muskeln reagierten einfach nicht. In der Arie »Casta Diva« mit dem Sprung von F zum hohen C und den langgehaltenen Tönen spürte sie, wie ihre Stimme schwächer und die hohen Töne unsicherer wurden. Ihre Stimme hing am seidenen Faden. Es war quälend, aber was sollte sie machen? Es blieb ihr nichts anderes übrig, als weiterzusingen. Nach einer besonders wackeligen Phrase buhte jemand im Publikum, und sie zuckte zusammen. Füße scharrten. Die Zuschauer wurden unruhig.
Dann spürte sie, dass die Unsicherheit auch auf die unteren Tonlagen übergriff und das Murren im Publikum zunahm. »Geh zurück nach Mailand«, rief jemand. Sie konnte es ihnen nicht verübeln. Sie hatten ein Vermögen für die Eintrittskarten bezahlt und bekamen nun keinen Gegenwert für ihr Geld.
Als sie in der Pause hinter die Bühne wankte, war ihr klar, dass sie nicht wieder hinausgehen konnte. Ihre Stirn brannte, und ihre Kehle war so geschwollen, dass sie beinahe völlig zu war.
»Sie müssen Sie ins Bett bringen«, sagte der Arzt zu Battista, nachdem er ihre Temperatur gemessen hatte.
Der Intendant kam, um sich mit ihnen anzulegen: Er würde die Vorstellung abbrechen müssen und sie verklagen.
Battista erwiderte ihm, er sei ein Idiot, weil er keine Zweitbesetzung engagiert habe, und führte Maria durch die Passage ins Hotel. Sie hätte sich gern entschuldigt und alles zu erklären versucht, fühlte sich aber zu krank und einem Zusammenbruch nahe.
Am nächsten Morgen hörte sie Battista schnauben und grummeln, während er die Zeitungen durchblätterte, die man ihnen vor die Tür ihrer Suite gelegt hatte. Die Schlagzeilen waren vernichtend: »Eine Million Lire für einen einzigen verheerenden Akt«, lautete eine. Eine andere Zeitung brachte ein Foto, auf dem sie in dem verdammten Nachtclub Champagner trank. Sie hatte den Fotografen gar nicht bemerkt; das Bild musste in dem Getümmel kurz nach Mitternacht entstanden sein. Sie behaupteten, durch ihr Feiern habe sie ihrer Stimme geschadet. »Scandalo!«, »Disgrazia!«, »Insulta!«, lautete das einhellige Urteil.
Die Lynchjustiz der Öffentlichkeit war äußerst ärgerlich und unfair. Sie hatte 1957 insgesamt 67 Vorstellungen gegeben und nur eine einzige verschoben – in San Francisco, ebenfalls auf ärztlichen Rat. Man hatte ihr vorgeworfen, sie habe ein Konzert in Wien abgesagt, aber in Wirklichkeit waren die Vertragsverhandlungen abgebrochen, daher war es nicht zustande gekommen. Ihre Bilanz war besser als die jeder anderen Opernsängerin, dennoch stellte die Presse sie als verwöhnte Diva dar, die aus einer Laune heraus aus Inszenierungen stürmte. Die Medien hatten von ihr das Bild einer mürrischen Person erfunden und blieben dabei, daher gab es keinerlei Mitgefühl, als sie sich in Rom eine Erkältung zuzog. Nein, das war Maria Callas, die wieder einmal schwierig war. Sie warfen ihr vor, sie habe Champagner getrunken und sei bis in die frühen Morgenstunden ausgegangen, obwohl es nicht stimmte. Sie sei egoistisch, undankbar und eine Schande. Es erinnerte sie an die Litanei der Vorwürfe, die ihre Mutter ihr in der Kindheit entgegengeschleudert hatte – »dumm, hässlich, für nichts zu gebrauchen« –, und es rief dasselbe Gefühl der Wertlosigkeit wach.
Als sie mit einem Wickel um den Hals im Hotel Quirinale im Bett lag, traf ein Telegramm ein. Sie öffnete es.
»Mit Bedauern habe ich von Ihrer Erkrankung gehört«, stand darin. »Bitte lassen Sie mich wissen, wie ich helfen kann. Darf ich meinen Leibarzt schicken? Ein Privatflugzeug, um Sie in sonnigeres Klima zu bringen? Oder einen Killer, der respektlose Journalisten umbringt? Ihr Wunsch ist mir Befehl. Aristo.«
Maria lächelte. Alles drei wäre ihr willkommen. Aber stattdessen würde sie den Kopf einziehen, sich erholen und dann härter denn je arbeiten, um sich auf das volle Konzertprogramm vorzubereiten, das bereits für das kommende Jahr gebucht war – einschließlich eines Abstechers an die Met in New York in nur einem Monat.
Hyannis Port, Massachusetts Oktober 1956
»Ich habe gestern Abend Maria Callas in der Met singen hören«, erzählte Jackie in einer Gesprächspause beim Abendessen am großen Eichentisch der Kennedys. »Sie war spektakulär. Dass ein Mensch einen solchen Klang produzieren kann, macht mir Gänsehaut.«
Jack schaute von der Rinderbrust auf, die er gerade schnitt. Sie war zäh wie Schuhleder. Jackie hatte ihre Portion größtenteils liegen lassen. Wenn sie für das Essen verantwortlich wäre, wäre es wesentlich besser, aber die Kennedys machten sich nichts aus gutem Essen. »Denk nur mal an all die Stimmen, die ich für den Preis deiner Eintrittskarte hätte kaufen können«, stichelte er.
Sie war leicht verärgert. Der Haushalt war ihre Domäne, aber in letzter Zeit beklagte Jack sich ständig über Geld und wollte wissen, wie viel sie für Vorhänge und Teppiche – und sogar für Handtücher ausgab, meine Güte. Sie wollte gerade antworten, als Rose, Jacks Mutter, einwarf:
»Anscheinend ist sie eine unangenehme Person. Hast du im Time Magazine den Artikel über sie gelesen?«
Jackie schüttelte den Kopf. »Noch nicht.«
»Da heißt es, dass sie eine Diva ist, die immer ihren Willen durchsetzen muss.« Bei Rose klang das, als ob es ein Verbrechen sei, obwohl man dasselbe auch von ihren Kindern behaupten konnte.
»Ich nehme an, man muss schon sehr anspruchsvoll sein, um Leistungen auf ihrem Niveau zu bringen«, entgegnete Jackie. »Und ich kann mir denken, dass der Time-Journalist sie von Anfang an verreißen wollte, denn sonst gäbe es ja keine Story.«
»Henry Luce und Briton Hadden haben das Time Magazine damals in den zwanziger Jahren gemeinsam gegründet«, warf Jacks Vater Joe ein. »Anständige Männer, beide, aber Briton hat Henry in den Wahnsinn getrieben, als er Schauspielerinnen und Sängerinnen auf das Titelblatt brachte. Er wollte die Zeitschrift zu einem politischen Schwergewicht machen, das zu den Republikanern tendiert. Aber Journalisten sind tendenziell eher junge Männer mit Prinzipien, daher kam es zu der demokratischen Ausrichtung.«
»Wen kennen wir da?«, fragte Jack. Und so wandte sich das Gespräch im Handumdrehen wieder der Politik zu.
»Ed Thompson steht auf unserer Seite.« Joe fing an, die Time-Journalisten aufzuzählen, die Jacks Karriere wahrscheinlich unterstützen würden.
Jackie hätte am liebsten eingeworfen, dass Maria Callas ein Time-Titelbild ebenso verdient hätte wie ein kurzlebiger Politiker und dass ihre Eintrittskarte jeden Cent, den sie dafür bezahlt hatte, wert war, aber aus Erfahrung wusste sie, dass Diskussionen an diesem Tisch schnell in Feindseligkeit umschlugen. Alle Kennedy-Kinder waren konkurrenzorientiert; keiner gab nach, ob beim Tennis, beim Schwimmen oder in Debatten. Und keiner teilte ihre Ansicht, dass Kultur in einer zivilisierten Gesellschaft ebenso wichtig war wie Politik. An diesem Abend hatte sie nicht die Kraft, sich mit ihnen anzulegen.
