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Die abergläubische Beate hat nur noch ein paar Jahre bis zur Rente und ist sich sicher: Wenn es 'Glück in der Liebe, Pech im Spiel' heißt, so muss auch das Gegenteil gelten. Zu Neujahr knackt sie den Jackpot und fragt sich entsetzt, ob ihre Ehe mit Willi in einer Krise steckt. Zur Seite steht ihr ein Privatermittler, der zu allem Überfluss charmant und gutaussehend ist. Beate erlebt ein Jahr voller Wirrungen und Peinlichkeiten, immer getrieben von ihrem Aberglauben und der Hoffnung, ihre Ehe noch retten zu können.
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Seitenzahl: 94
Veröffentlichungsjahr: 2022
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„Er hat gesagt, in unserer Ehe gibt es nix zu lacken“ weinte die 57-jährige Philippinin ohne zu ahnen, wie dramatisch ironisch ihr Akzent in dieser Situation wirkte.
Beate stellte ihr kopfschüttelnd einen großen, heißen Teebecher auf den Esstisch. „Ach Nenita, ich habe in meinem Leben viele Menschen kennengelernt. Und ich finde darunter sind du und mein Mann mit Abstand die Menschen, mit denen jeder am meisten Lachen kann. Was hat denn Helmut plötzlich, dass er so etwas sagt und von zu Hause abhaut?“
Vergeblich versuchte Nenita ihr Gesicht voller Gram hinter ihren kleinen Händen zu verbergen, denn immer wieder musste sie in das Taschentuch schnäuzen.
„Du wirst sehen, Helmut kommt zurück,“ Beate nahm sie lieb in den Arm.
„Ick glaub nick“ presste die Verlassene gerade noch so aus sich heraus, bevor sie wieder aufjaulte.
Die beiden Frauen gingen bereits seit Jahrzehnten durch dick und dünn. Kennengelernt haben sie sich auf der Arbeit in der Fischfabrik. Nenita war klein, aber oho, was schaffte sie am Fließband weg! Und wehe, ihr kam etwas oder Jemand in die Quere; da kannte sie kein Erbarmen. Was für ein Glück, dass ihr Beate von Anfang an wohlgesonnen war. Ja, nach ein paar Momenten schon. Als Beate damals von den neuen Kollegen gefragt wurde, warum sie denn an einem Dienstag ihren neuen Job anfinge, und sie antwortete mit „an einem Montag soll man nichts Neues anfangen, das bringt Unglück“, da stimmte Nenita ihr laut zu. Es war der Aberglaube, der die beiden Frauen miteinander verband. Von ihren deutschen Freundinnen wurde Beate immer nur belächelt. Aber Nenita war dahingehend ihre Seelenverwandte. Und so gewann sie an dem Dienstag gleich doppelt: Einen Job, der sie nun schon sehr lange ernährte und eine treue Freundin.
„Weißt du was?“ Beate wollte noch einen Versuch starten, den frischen Schmerz ihrer Freundin zumindest etwas zu lindern „Es heißt doch, Glück in der Liebe, Pech im Spiel. Wir holen dir jetzt einen Lottoschein für heute Abend. Schließlich kannst du ja nicht in beidem Pech haben.“
Nun machte Nenita einen geraden Rücken vor Neugier und sah ihre Freundin leicht hoffnungsvoll an: „Ja, das stimmt!“
Auf dem Weg zum Lottoladen sahen die beiden Frauen vor lauter Regen kaum etwas und Nenita wäre fast unter eine Leiter durchgelaufen. Aber Beate warnte sie laut und sie lachten gemeinsam vor Erleichterung auf. Fast schon wirkte es, als hätte Nenita ihren Liebeskummer vergessen bis sie einen Entschluss mit grimmigen Blick aussprach: „Oh, ick werde ein neues, schönes Haus kaufen und Helmut bekommt keinen Schlüssel.“
Beate wollte bloß wissen, was mit Helmut los war. Gerne hätte sie ihn gefragt und ihm dann die Leviten gelesen, aber wäre Nenita damit einverstanden gewesen?
Endlich angekommen, nahm sich jede von Ihnen einen Lottoschein. Beate dachte kurz an den Glückspfennig in ihrer Geldbörse, musste dann aber kopfschüttelnd schmunzeln. Die kleine Münze würde nichts bringen, schließlich war sie mit ihrem Mann immer noch überglücklich verheiratet. So war ein Gewinn ausgeschlossen. Aber sie wollte ihrer Freundin zuliebe mitmachen und ihr die Münze ausleihen.
„Nenita, willst du vielleicht noch einen Glückspfennig?“
„Nein, danke, ick hab einen“ sagte die kleine Frau, zeigte ihn kurz und konzentrierte sich wieder auf die Zahlen, den der Lottoschein ihr anbot.
Für die Ziehung holten sie sich noch ein großes Paket Eis vom Tante-Emma-Laden, was bekanntlich frischen Liebeskummer am besten mildert, und machten sich auf den Rückweg zu Nenitas Haus, wo es wieder warm und gemütlich war.
„Wenn ick gewinne, kann ick auch ein Reinigungskraft bezahlen. Ein Mann mit Sixpack.“ Wieder lachten sie gemeinsam. Das Telefon, das Nenita dem Handy wo nur möglich vorzog, klingelte und sie ging ran. Wie so oft begann sie dann auf philippinisch zu reden. Sie kannte viele philippinische Menschen in der Stadt und auch außerhalb der Stadt. Für Beate war es jedes Mal wie ein ganz normales Hintergrundgeräusch, das sie vom Fernseher nicht ablenken konnte. Sie aß ihre Portion Eis und während sie die Werbung betrachtete, überlegte sie, ob es wohl irgendeinen philippinischen Aberglauben für Eheleute gab.
„Nenita, es geht gleich los!“
Die Filipina legte auf, ging hastig zur kleinen Figur der Jungfrau Maria für ein kurzes Gebet und setzte sich schließlich neben Beate auf das Sofa. Sie nahm den vor ihr liegenden Lottoschein mit beiden kleinen Händen an ihre Lippen und küsste ihn fest. Beate aß flott den Rest von ihrem Eis auf, um ihre Daumen ganz doll für Ihre Freundin zu drücken. Die Kugel mit der Nummer zwölf erschien im Fernsehen und wie hat sich Nenita gefreut. Und als dann die sieben fiel, schrie sie vor Unglauben und klatschte einmal laut auf. Beate konnte es auch nicht fassen. Zwar glaubte sie immer sehr fest an all das, was andere Humbug nannten, doch war sie jetzt etwas überrascht, dass es so gut klappte. Allerdings wurden die beiden Frauen von den nächsten Zahlen schwer enttäuscht: achtundvierzig, neun, vierunddreißig, fünf und die Zusatzzahl sieben. Alles Zahlen, die nicht auf Nenitas Schein waren. Wie sehr hatte Beate ihrer Freundin die richtigen Zahlen und damit die beste Ablenkung von ihrem Liebeskummer gewünscht.
„Nur zwei Richtige und falsche Zusatzzahl.“ Nenita seufzte.
Wieder nahm Beate sie in den Arm: „Na dann liebt dich Helmut also immer noch. Das ist doch gut! Versuch doch mal mit ihm zu reden.“
Beates Handy klingelte kurz auf: „Das ist bestimmt Willi. Ich muss leider los meine Liebe. Bitte lass den Kopf nicht so doll hängen. Wenn du willst, kannst du morgen vorbeikommen und wir schauen uns einen Film an oder so.“
Als sie sich in den Fahrersitz setzte, atmete die Frau mit den Sommersprossen einmal schwer aus. Ihre Freundin würde es überleben. Trotzdem hätte sie ihrer Freundin gerne irgendwie mehr helfen wollen. Bloß wie?
Sie startete ihr Auto und dachte während der Heimfahrt daran, welches Glück sie mit Wilhelm hatte. Bereits mit süßen siebzehn Jahren lernten sie sich kennen, während er in der Ausbildung zum Automechaniker war. Wie verrückt zählte sie damals die Blüten der Gänseblümchen: „...er liebt mich nicht, er liebt mich.“ So endete es immer und immer wieder bis keine Gänseblümchen mehr im Vorgarten ihrer Eltern zu sehen war. Also wurde schon bald geheiratet und während der Hochzeit trug Beate natürlich etwas Neues, etwas Altes, etwas Blaues und etwas Geliehenes. Beim Anschneiden der Hochzeitstorte hielten Beate und Wilhelm die Torte so, dass beide gleichermaßen das Sagen in der Ehe haben sollten, und achteten sehr vorsichtig darauf, dass das erste Stück Torte nicht auf die Seite fiel. Als Ihnen dies gelang, sah sie ihre Schwiegermutter erfreut an. Und tatsächlich, nie hatte sie Ärger mit ihr und aus Erzählungen ihrer Kolleginnen weiß sie, was für Schwiegermonster es geben kann. Viele weitere Sitten und Gebräuche machte Wilhelm Beate zu liebe mit. Z.B. die Puller-Parties und das Pflanzen der Obstbäume als die Kinder da waren. Das schätzte sie sehr an ihm. Und als sie nun in ihre Straße einbog, erblickte sie sofort, dass Wilhelm heute ohne sie fleißig war und die Weihnachtslichter pünktlich zum ersten Advent anbrachte. Immer war Wilhelm überpünktlich und wo es ging, bereitete er vor, was vorbereitet werden konnte. Als ihre Kinder noch klein waren, besorgte er deren Weihnachtsgeschenke schon im November, verkleidete sich als Nikolaus und überreichte sie schon am 6. Dezember mit der Anmerkung, dass sie erst am 24. geöffnet werden dürften; zur Geburt des Christkinds. Dies erklärte er als Nikolaus den Kindern natürlich so, dass er sie jetzt schon vorbeibringt, weil er noch so viele Länder und Kinder bis Weihnachten besuchen musste und es zeitlich sonst nicht schaffe. Beate fand dies viel logischer als einen Weihnachtsmann und Nikolaus zugleich zu haben. Außerdem entfiel dadurch ein Teil des Adventsstresses, die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum waren super dekorativ und die Kinder übten sich auf praktische Weise in Geduld.
Sie strahlte mit den Lichtern um die Wette während sie auf die Auffahrt fuhr und stieg glücklich aus. Durch das Küchenfenster sah sie Wilhelm und im Flur roch sie, es gibt Pizza Hawaii. Sie schlüpfte in ihre Hausschuhe, sah auf dem Weg zu Wilhelm die erste Adventskerze auf dem Esstisch brennen und küsste ihren Mann.
„Wie geht es Nenita?“
„Sie ist am Boden zerstört. Helmut ist quasi ohne Erklärung abgehauen. Am liebsten wäre ich heute bei ihr geblieben. Aber dann hätte ich dich, die Weihnachtsbeleuchtung und die Pizza verpasst. Danke, dass du bist wie du bist.“ Wieder gab sie ihm einen Kuss. Sie konnte sich gar nicht ausmalen, wie ein Leben ohne Wilhelm wäre.
„Das passt überhaupt nicht zu Helmut,“ sagte Wilhelm nachdenklich „Aber irgendwie war er schon seit längerer Zeit etwas seltsam, findest du nicht? Er war ruhiger als sonst. Als würde ihn etwas beschäftigen, aber ich bin nicht dahinter gestiegen, was es sein könnte. Und letztens, circa vor zwei Wochen, hatte ich ihn in der Stadt getroffen. Statt mich zu grüßen, ging er grimmig an mir vorbei.“ Verständnislos schüttelte er den Kopf. „Sich nach so langer Zeit ohne Ansage zu trennen.“
„Ach Willi, wir können uns so was von glücklich schätzen, dass wir uns so früh gefunden haben und immer noch frisch verliebt sind. So ein Liebesdrama wäre mir viel zu anstrengend.“ Genussvoll biss Beate in ihre Pizza.
„Du sagst es, Bea! Aber nächstes Mal schmücken wir wieder gemeinsam den Garten, ja? Ich fühle mich doch sicherer, wenn du mir die Leiter hältst.“
„Na siehst du, das hört sich nach willkommener Einsicht an. Hättest du doch bis morgen gewartet, dann hätte ich dir die Leiter selbstverständlich gehalten. Du verlierst langsam deine Geduld, mein Lieber.“
„Solange ich dich habe, verliere ich gerne alles um mich herum.“
Ja, auch Wilhelm gab Beate immer wieder zu verstehen, wie glücklich er mit ihr war. Dieser gutmütige Mann, der immer gerne etwas unternahm und unterwegs war. Er sah stets das Positive in den Menschen um sich herum. Höchstselten kam es vor, dass er kein Verständnis für seine Freunde hatte oder enttäuscht war. Wenn er ein Problem sah, wusste er stets eine Lösung. Und war ein Tag trist, gelang es ihm etwas Besonderes daraus zu machen.
Die beiden stießen mit Rotwein an und genossen den Samstagabend in gemütlicher Zweisamkeit. Auch die darauffolgenden Wochen der Adventszeit waren wie jedes Jahr geprägt von Harmonie und Vorfreude auf die Feiertage und dass die Tage bald wieder länger werden würden. Bloß Nenitas Liebeskummer trübte ihr sonst so fröhliches Wesen, so dass diesmal Doppelter Einsatz von Beate gefragt war.
„Schau Nenita, ich habe uns Siopao gemacht.“ Die anderen Frauen blickten leicht neidisch über Nenitas Schulter. Es war Mittagspause und wer hätte nicht lieber leckere Siopaos als ein Butterbrot gegessen?
„Oh, schön Bea. Das hätten wir dock zusammen macken können.“
„Ich habe dich aber nicht erreicht,“ erklärte ihr Beate und übertrieb dann grinsend „ich habe selbst den Bürgermeister angerufen, die Feuerwehr, die Polizei, das Fernsehen. Alle haben dich gesucht, aber keiner wusste wo du warst.“
Die beiden lachten kurz.
Nenita biss in den ersten Siopao: „Ack, ick wollte einfack allein sein. Dafür hat Helmut mick dock verlassen.“ Beate sah ihr an, dass ihre Freundin ihren großen, fiesen Kummer herunterschlucken musste.
„Ach Neni. Das geht doch nicht. Bloß, weil Helmut so blöd ist, musst du jetzt nicht vereinsamen.“ Jetzt schwiegen beide eine Weile, dabei wollte Beate ihrer Freundin aufmuntern. Wilhelm wüsste jetzt, was zu tun ist. Was hätte sie bloß außer die Siopaos tun können? Die Mittagspause endete und die Frauen trotteten zurück zu den Fließbändern in die kalten Hallen. Einen Fisch nach dem anderen bearbeiteten sie. Beate und Nenita standen wie immer nebeneinander. Ihnen gegenüber standen Corinna, Ex-Frau eines Anwalts, und Bella, ehemalige Eigentümerin eines italienischen Restaurants.
Corinna brach das schweigen: „Und Bea, kommen deine Kinder euch über Weihnachten besuchen?“
„Nein,“ lächelnd erklärte sie ihr „Es sind alle im Ausland und zu gebildet oder zu beschäftig, um Weihnachten mit uns zu feiern.“
Alle Frauen nickten. So war das Leben vieler Mütter im leeren Nest. Die Kinder lebten das spannende und gute Leben, dass sie ihnen wünschten, allerdings ohne sie. Auch Corinna rechnete nicht mit Besuch von ihrer Tochter.
Bella schüttelte entrüstet den Kopf: „Also ob Ausland, Job oder Krankheit. Ein Kind hat nur eine Mutter und die gilt es zu Weihnachten zu besuchen! Das soll sich mal eines meiner Kinder trauen! Nein, nein.“
