Jahrhundertflut - Angela Hoptich - E-Book

Jahrhundertflut E-Book

Angela Hoptich

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Beschreibung

Jahrhundertflut. Hochwassergeschichten aus Köln. Wasser ist überlebenswichtig. Doch es besitzt auch eine dunkle Dimension - jene, die nicht nur Umwelt und Leben zerstört, sondern die Untiefen in Herz und Seele aufrührt. Es schickt die Gedanken auf Reisen, entzweit Liebende, verleitet zu unüberlegten Taten, schürt Bruderzwist, dient als letzter Ausweg und zerrt Dinge ans Tageslicht, die lange im Inneren schlummerten. Es berührt Schicksale auf unerwartete Weise. Acht spannende Geschichten erzählen von der Macht des nassen Elements. Band 1 der Anthologie-Reihe "Elemente"

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Über das Buch

Mitteldeutschland. Köln. Sommer. Dauerregen. Ein allzu bekanntes Szenario. Was wäre, wenn das Wasser nicht aufhörte zu steigen? Mit dieser Frage starteten wir in das Projekt. Dabei stand nicht das Wasser selbst im Vordergrund, sondern dessen Einflussnahme auf den jeweiligen Protagonisten – als Symbol von Transition, von Gefühlen und Gedanken, von Persönlichkeit und Bewusstseinsstrom, von der Vergangenheit zur Zukunft, vom Leben zum Tod. Wir haben unsere Gedanken in viele Richtungen fließen lassen und herausgekommen sind acht Geschichten, die stellenweise weit über die Grenzen der Realität ausufern.

Inhalt

Oliver Kreuz

Abschiedsreise

Norbert Görg

Ungeheuerliches

Sandra Rochaz

Land unter

Angela Hoptich

Auf den Grund

Gisela Kruyer

Zeitreise

Oliver Kreuz

Seelenwanderung

Angela Hoptich

Was das Herz will

Norbert Görg

Die Sonne und der Windhund

Die Autor*nnen

Oliver Kreuz

ABSCHIEDSREISE

Köln im November 2015. Ich habe Geburtstag. 45 Jahre lang befinde ich mich jetzt schon in diesem Körper. Bis auf den kaputten Rücken und einem angeschlagenen Herzen ist er meiner Seele immer noch ein gutes Zuhause. So um die dreißig Jahre werde ich es bestimmt noch mit ihm aushalten, denke ich, während ich mich auf den Weg zu meiner Schamanin mache. Ich gehe nun schon wieder das zweite Mal nach meiner Bypassoperation zu ihr. So entsetzt sie über meinen Herzanfall war, so entzückt war sie auch über meine Nahtoderfahrung im Jahre 1804. Ich glaube, sie ist sogar ein bisschen eifersüchtig oder fühlt sich ein wenig in ihrer Berufsehre angegriffen, weil ich ihr nun ein spirituelles Erlebnis voraus habe. Mein Vertrauen in die heitere, kleine Nepalesin ist ungebrochen. Als sie die Haustüre öffnet, muss ich zunächst über ihren Guns’n’Roses-Pullover lachen, auf dem fett gedruckt „Kill your Idols“ steht. Mit ihrer Nepalmütze und dem Pullover sieht Tashi wie ein Althippie aus.

„Komm rein, komm rein“, wiederholt sie amüsiert über meinen Gesichtsausdruck. Der übliche Räucherstäbchenduft empfängt mich in ihrem Behandlungsraum. Der Raum ist erleuchtet von Kerzenlicht. Das ist neu und ich staune über die vielen Kerzen.

„Es sind 45!“, sagt sie und gratuliert mir mit einer Umarmung. Dann nehme ich auf der vertrauten, roten, weichen Liege Platz.

„Heute ist ein besonderer Tag“, sagt sie. „Du wirst eine besondere Reise machen.“

Mein Herz schlägt etwas schneller und ich hoffe insgeheim, dass sie nicht recht hat.

„Keine Angst, keine Angst“, sagt sie fröhlich und streichelt meine Stirn. Zwei Minuten später bin ich wieder auf dem großen, weißen Platz. Da ist auch wieder eine Türe, aber heute ist sie nicht antik, sondern gleicht der eines modernen Aufzuges. Als ich näher trete, teilt sie sich und ich gehe hindurch in ein ... ein Raumschiff, nein ... ohne Schiff. Ein Zimmer mit Aussicht. Eine atemberaubende Aussicht, die mich an ein Gemälde von Salvador Dali erinnert.

„... erinnert mich ... erinnert... mich“, stottere ich leise vor mich hin. Wer bin ich? Meine Glieder fühlen sich schwer an, als ich langsam über den kalt wirkenden Boden schlurfe. Für die zehn Meter zum Spiegel am anderen Ende des Raumes benötige ich geschlagene zwei Minuten. Dann steht plötzlich ein alter Mann in einem Pyjama vor mir. Der alte Mann greift sich an die Stirn und dann erschrecke ich. Die Schweißperlen, die er sich wegwischt, befeuchten meine knochigen, faltigen Greisenhände. Nun tauche ich vollkommen ein in mein zukünftiges Bewusstsein. Langsam sickern die Details in meinen Verstand und ordnen die Welt, in der ich lebe. Ich bin wahrlich uralt. Wir schreiben das Jahr 2072 und heute ist mein 102. Geburtstag.

„Natürlich ist er das“, stammele ich vor mich hin. Schließlich flimmerten schon gestern die ersten Glückwünsche über den Holoprojektor. Ich wohne im Penthouse des höchsten Wolkenkratzers von Köln-Kalk. Dem nobelsten Viertel der ganzen Stadt. Den Blick aus dem Fenster nach unten gerichtet sehe ich zahlreiche Dachterrassen, die wie schwebende Gärten in der Luft zu hängen scheinen. Am Horizont beginnt sich eine riesige Gewitterwolke zusammenzubrauen, die das nächste Unwetter ankündigt. Unwetter und Hochwasser kommen im Jahr 2072 so beständig, wie früher Schmuddelwetter im November. Als ich endlich schwer atmend das Badezimmer erreiche, flutet ein getöntes, warmes Licht die mit Mahagoni abgesetzten Marmorbögen. In der Dusche sprudelt auf ein Wort von mir ein kleiner Wasserfall aus unsichtbaren Düsen. Dann sage ich „Handtuch“ und mein kleiner Roboter, ein echter Alleskönner, rollt leise auf mich zu und reicht mir ein frisches Frottiertuch.

Mein Wohn- und Arbeitszimmer gleicht im Gegensatz zum Esszimmer mit der traumhaften Aussicht keinem Raumschiff-Cockpit. Es entspricht eher dem Stil einer Kapitänskajüte eines mittelalterlichen Segelschiffes. Allerdings mit allen technischen Annehmlichkeiten, die das Jahr 2072 zu bieten hat. Die Wände hängen voll mit Auszeichnungen sämtlicher Bucherfolge meines Lebens. Der Durchbruch als Autor gelang mir erst im stolzen Alter von 55 Jahren. Ausgerechnet mit einer dreisten Adaption von Tolkiens „Herr der Ringe“ gelang mir ein Welterfolg. Erfolg hat mir in meinem Leben immer viel bedeutet. Aber spätestens, als ich 90 wurde, waren meine Geschmacksnerven taub geworden für die scharf gewürzten Zutaten, die einem mit der Berühmtheit serviert werden. Allerdings weiß ich die Annehmlichkeiten des Reichtums immer noch zu schätzen. Hätte man mich mit 80 Jahren in eines dieser erbarmungswürdigen Altenheime der Vorstadt gesteckt, würde ich schon seit geraumer Zeit nur noch in der Erinnerung existieren. So wie sämtliche Menschen, die ich einmal geliebt habe, nur noch einen bittersüßen Nachgeschmack in meinem Gedächtnis hinterlassen haben. Ich lasse mich im Ledersessel vor dem Sekretär nieder und mein Roboter bringt mir einen Kaffee. Seit ich das Ding habe, wehre ich mich erfolgreich dagegen, ihm einen Namen zu geben. Das Signal für den ersten Holoanruf des Tages erklingt. Mein Verleger (selber längst im Ruhestand, der alte Sack) sitzt lebensgroß vor mir, als ich annehme.

„Oliver – altes Haus“, sagt er breit grinsend, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen.

„Guten Morgen, Jonas.“

„Ich wünsche dir alles Gute, mein Lieber. Meinst du, du schaffst noch ein weiteres Jahr? Dann könntest du endlich mal das versprochene Drehbuchmanuskript zu ‚Napoleon und die Ratte‘ vorlegen?“

„Einen Scheiß kann ich“, sage ich mit gespielter Entrüstung. „Du könntest es doch nicht einmal lesen, wenn du ein Lasermikroskop benutzen würdest, Stevie Wonder.“

Jonas lacht und verschwindet. Der alte Halsabschneider hat immer noch keine Manieren. Kurz darauf läutet der nächste Gratulant an, aber ich lasse klingeln. Es ist Cosma Shiva Hagen, die nun auch schon stramm auf die Neunzig zugeht und noch seniler als ich ist. Vor 40 Jahren hat sie die Hauptrolle in einem Film bekommen, der nach meinem bekanntesten Werk „Die 20 Leben des Gandalf Graumantel“ verfilmt wurde.

Sorry, Cosma, du warst mal eine Wucht, denke ich, während ich an meinem Kaffee schlürfe. Mein implantierter Chip für Biofunktionen meldet sich. Wenn ich verhindern will, dass in spätestens 10 Minuten der Notarzt auf der Matte steht, muss ich mich sofort um den Blutzuckerwert kümmern. Der Roboter ist auch jetzt wieder brav zur Stelle und serviert mir die Insulinspritze auf dem Silbertablett, was ich schon etwas überzogen finde. Die Morgenausgabe der „Cologne Times“ liegt bereits auf meinem Sekretär (ich bevorzuge es immer noch eine echte Zeitung zu lesen, obwohl dieses Metier fast ausgestorben ist). Schlagzeile: „Der Präsident der Vereinigten Staaten von Europa, Matthias Wagenknecht, hat sich mit dem Präsidenten der führenden Wirtschaftsmacht der Afrikanischen Staaten zu einem Gipfeltreffen in Maputo zusammengefunden.“

Nachdem Chrom spätestens seit 2050 zum wichtigsten Rohstoff der Welt geworden war, ging es mit dem ehemaligen Armenhaus der Welt rasanter aufwärts, als das jemals bei einem anderen Land in der Geschichte der Fall war. Die enormen Chromvorkommen werden benötigt, um Raum- und Vakuum-Energie-Konverter zu bauen, die zur wichtigsten Energiequelle des Planeten geworden sind. Weiterhin lese ich, dass dem Kölner Süden eine weitere enorme Hochwasserkatastrophe droht, die dann wohl dafür sorgen wird, dass selbst die Ärmsten der Armen endgültig nicht mehr in diesen Teil der Stadt zurückkehren werden. Mit der Katastrophe droht auch eine neue Grippewelle. Letztes Jahr hatte Köln zehntausend Grippetote zu beklagen, weil immer noch kein wirksames Mittel gegen multiresistente Keime entwickelt wurde. Der antibiotische Massenwahn hatte sich weit bis in dieses Jahrhundert fortgesetzt. Nun fordert der globale Rachefeldzug der viralen Armeen jedes Jahr Millionen von Toten.

Nicht ein einziger Artikel thematisiert den Aufstand der Armen. Dabei weiß jeder, dass in Deutschland ein Bürgerkrieg droht. Militante Revolutionäre beherrschen die riesigen Ghettos und finden immer mehr Anhänger. Zerknirscht falte ich die Zeitung wieder zusammen und fühle mich einsam. Daran ändert sich auch nichts, als der nächste Glückwunschbote mein Holotelefon zum Klingen bringt. Ich schaue nicht mal nach, wer es ist, und lehne mich, die Augen geschlossen, im Sessel zurück. Es ist nicht die Sturheit des Alters, weshalb ich mich sträube, weitere Anrufe entgegen zu nehmen. Allein die Schwermut des endgültigen Abschieds macht es mir schwer, mit den ahnungslosen Leuten zu reden. Denn ich weiß, dass ich heute sterben werde. Bisher sind sämtliche Erlebnisse meiner schamanischen Reisen wahr geworden und heute vor 57 Jahren habe ich meinen Tod gesehen. Viele Menschen werden heute sterben müssen. Trotzdem ist es ein guter Tag. Der Tag der Revolution. 80 Prozent der Bevölkerung leben unter menschenunwürdigen Zuständen in polizeilich abgeschirmten Zonen. 40 Prozent können kaum mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Nichts auf der Welt macht eine Bevölkerung hellhöriger für die Stimmen der Gewalt als Hunger. Glücklicherweise finden sich gegen Ende des 21. Jahrhunderts genügend intellektuelle Köpfe in Deutschland, die auch das nötige Charisma besitzen, um das Volk zu vereinen. Irgendwo und irgendwann wird immer ein neuer Che Guevara geboren. Ein Adolf Hitler hoffentlich nur einmal.

Dem Tod sehe ich gelassen entgegen, denn wenn jemand an Wiedergeburt glaubt, dann ich. Trotzdem macht es mich wehmütig, von diesem Leben Abschied nehmen zu müssen. Ich betrachte mein wunderschönes Wandrelief von Krishna, dem Flötenspieler. Möge ein Hauch seines Flötenspiels Samsara begünstigen, mir guten Wind, aber keinen Wirbelsturm bescheren, wenn ich in den nächsten Körper inkarniere. Ein bisschen Glück werde ich brauchen, denn während Dreiviertel der Bevölkerung im Elend versank, habe ich die letzten 40 Jahre im Luxus geschwelgt. Zu verlockend waren die Früchte des Erfolges, die mir nicht in den Schoß gefallen sind. Ich rufe meinen Roboter, der mir die aktuellen Fernsehnachrichten ins Wohnzimmer zaubert. Ich habe keine Ahnung, wie er das fertig bringt. Er ist eben ein echtes Multitalent. Beunruhigende Bilder zeigen, wie sogenannte Terroristen die Polizeibarrikaden an den Ghettogrenzen dem Erdboden gleichmachen. Es wird nicht lange dauern, bis sie Kalk erreicht haben und die Sicherheitskräfte meiner Luxusherberge überwunden haben.

Okay Leute, dann mal los. „Eat The Rich“, macht uns fertig.

Sie werden uns fertig machen. Schließlich habe ich ein echtes Déjà-vu. Es folgt eine Live-Ansprache des Bundeskanzlers aus Maputo: „Liebe deutsche Landsleute“, mit dieser Begrüßung stellt er sofort klar, dass er nur zu der Minderheit spricht, der auch ich angehöre. „Terroristische Gruppierungen haben unserer Gesellschaft heute den Krieg erklärt. Wir werden es nicht zulassen, dass die Feinde unseres Volkes ... bla bla bla. Die Feinde der Demokratie ... bla bla. Das Gute wird siegen ... bla.“ Noch mehr Phrasen. „Ich werde auf der Stelle zurück nach Deutschland ... bla ...“

Ja, du wirst dich auf der Stelle in die schottischen Highlands begeben und zittern, dass sie deiner Burg niemals einen Besuch abstatten.

Angewidert gebe ich dem Roboter das Signal zu Abschalten. Ich weise ihn an, mir den besten Whiskey zu bringen, den er in der Bar finden kann. Er kommt wieder mit einer Flasche Glenfarclas. 60 Jahre alt, runde fünfzehntausend Euro wert. Eine gute Wahl! Dazu gibt es eine Cohiba-Zigarre, was sich hervorragend ergänzt. Mit jedem Zug und jedem Schluck werden Erinnerungen lebendig. Ich verharre im Anblick meiner lange verstorbenen Frau, deren Gestalt sich immer deutlicher aus dem Zigarrennebel hervorhebt. Sie lächelt bescheiden, als sie meine Tränen sieht. Draußen kommt das Gewitter näher und die MG-Salven werden lauter. Für mich klingen sie wie Abschiedsgrüße. Einem hellen Blitz folgt eine gewaltige Detonation und ich verabschiede mich endgültig.

Verschwommenes Kerzenlicht dringt durch salzhaltige Tropfen in meine Pupillen. Tashi trocknet mein Gesicht mit dem Bund ihres Pulloverärmels. Ihre Augen schauen dunkel und zärtlich wie schwarze Rosen.

„Kein Abschied ist für immer“, sagt sie und faltet die Hände zu einem anmutigen Namaste.

Norbert Görg

UNGEHEUERLICHES

I

Ich kann nicht schwimmen.

Trotzdem kam ich gut durchs Leben. Auch wenn ich nicht aus der Masse herausstach, so verfügte ich immerhin über ein stattliches Bankkonto. Besser als nichts.

In der Nähe meiner Wohnung war nur wenige Kilometer entfernt ein kleiner Wald, an den ein See grenzte. In einem Sommer vor vielen Jahren, ich mochte Anfang zwanzig gewesen sein, durchdrang eine Gluthitze das Land. Ich lag mit zwei Freunden und einer Frau am Ufer des Sees. Wegen der unberechenbaren Tiefe war das Schwimmen darin untersagt. Was mir sehr gelegen kam. Meine Freunde dagegen zogen sich nach kurzer Beratung splitternackt aus und sprangen ins kühle Nass. Ich blieb mit der Frau zurück auf einer großen Decke mit Tigermotiv, sie im Bikini, ich in enger Badehose. Wir redeten über die Welt, das ist leichter als über sich selbst. Ihre Augen glühten. Mitten in einem Satz stand sie plötzlich auf, schnappte sich die Luftmatratze und zog mich mit sich ans Ufer. Es war steinig und die Böschung nahezu verdorrt. Sabrina warf die Matratze auf das Wasser und forderte mich auf, mich auf diese zu legen. Obwohl ich mir der Gefahr bewusst war, folgte ich Sabrinas Worten. Sie glitt ins Wasser und zog mich und mein Wasserbett schwimmend und lachend mit sich.

Die Sonne stach mir ins Herz. Die Hitze rammte sich in meinen Kopf; er war taub wie eine Honigmelone. Mitten auf dem See spürte ich den Sog der Tiefe. Wie eine kühle Brise fuhr er durch meinen Körper. Dabei war es völlig windstill. Gern wäre ich ins Nass hineingetaucht, um mich zu erfrischen und um unten auf dem Grund etwas zu finden, etwas Unbekanntes, Fremdes. Der See barg ein Geheimnis, das spürte ich.

Mir fiel auf, dass Sabrina mich nicht mehr zog. Im nächsten Moment schaukelte meine Matratze, nackte Leiber tauchten neben ihr auf und wieder weg. Die Spiegel auf dem Wasser blitzten mit leuchtenden Punkten. Ich hielt mich an den Rändern der Matratze fest. Spürte aber keine Angst. Eher die Lust, mich fallen zu lassen. In der Hingabe die Tiefe des Seins zu erkunden, ihr bis auf den Grund zu gehen. Die Matratze schaukelte immer heftiger. Als wäre ein Ungeheuer am Werk. Sabrina kreischte etwas Unverständliches. Da beruhigte sich der See. Das Ungeheuer hatte sich in seine Untiefen verkrochen. Wieder am Ufer angekommen, nahm mich Sabrina in den Arm.

II

Der Sommer war heiß und trocken gewesen. Aber heute, an meinem dreiundvierzigsten Geburtstag, hatte sich ein feuchter Schleier auf das Land gelegt, und in der Ferne grummelte es, ein Gewitter kündigte sich an.

Geburtstage feiere ich ohne Sentimentalitäten. Jeder wird älter. Jeden Tag, jede Sekunde. Ich habe nichts versäumt in meinem Leben. So kann ich gelassen dem Alter entgegen sehen. Dachte ich. Bis zu meinem Geburtstag. Bis Armin kam.

Armin war nicht eingeladen. Plötzlich stand er mitten im Raum. Als er mich sah, winkte er mir freundlich zu. Ich musste sehr betroffen geschaut haben, denn er lachte und machte eine beschwichtigende Geste. Er kam zu mir und umarmte mich. (Das hatte er noch nie gemacht.) Ich roch seinen Alkoholatem. Schüttelte ihn ab wie ein lästiges Insekt. Immer noch lachte er. Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er schlanker. Eingefallener. Jetzt hatte er graue Schläfen und gesunde Zähne. Armin war das schwarze Schaf der Familie: keine Schulausbildung, sein Leben lang herumgejobbt, unverheiratet, nicht einmal längere partnerschaftliche Beziehungen. Ziellosigkeit warf ihm unser Vater vor. Und Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber.

„Wo ist deine Frau?“, fragte er.

„Sie ist im Schlafzimmer und vögelt gerade mit meinem besten Freund“, sagte ich.

Er schaute verblüfft.

„Ein Scherz“, erklärte ich.

Armin stieß mich freundschaftlich in die Seite. „Deinen Humor hast du nicht verloren.“

Den du nie hattest, dachte ich. Freude und Leid, ihn wiederzusehen, lagen dicht beieinander. Freude: weil es ihm besser zu gehen schien, Leid: weil ich Angst vor ihm hatte.

Meine Frau begrüßte Armin mit reservierter Herzlichkeit. Sylvia trug ein geblümtes Kleid und eine Spange im dunklen, schulterlangen Haar. Die meisten meiner Gäste kannten Armin nicht, er wechselte hier und da ein Wort und beobachtete mich ansonsten aus den Augenwinkeln. Genauso wie ich ihn.

Auf dem Weg zur Toilette begegneten wir uns im Flur.

„Wo warst du so lange?“, fragte ich Armin.

„Hier und da und nirgends.“

„Du hättest dich mal melden können!“

Die Freundlichkeit verschwand jäh aus seinen Augen.

„Als wenn dich das interessieren würde, wo ich bin und was ich mache.“

Er hatte Recht. Aber er war mein Bruder.

„Hat es dich interessiert, was ich mache?“, fragte ich.

„Warum sollte es? Du warst immer der Liebling von allen. Immer stand ich in deinem Schatten. Der unbeliebte Nichtstuer Armin.“

„Ich habe mir alles hart erarbeiten müssen“, erwiderte ich barsch.

„Das ist es ja, du hast nichts kapiert“, rief er. „Der Sinn des Lebens ist nicht, ein Haus zu bauen und eine Familie zu gründen!“

„Was denn sonst? Wenn es das nicht ist, gibt es keinen Sinn!“

„Es gibt keinen Sinn. Deshalb ist ja die Welt voller Elend! Deshalb regieren Habgier und Krieg. Nur du in deiner Scheinwelt willst das nicht wahrhaben und lebst auf Kosten der anderen!“

„Im Grunde bist du nur neidisch“, sagte ich ruhig. „Du verachtest das, was du nicht haben kannst.“

„Was nutzt dir die Kohle, wenn du im Grab vermoderst?“, erwiderte Armin.

„Hört auf! Seid ihr verrückt geworden?“

Sylvia war unbemerkt zu uns getreten. „Gebt euch die Hand und vertragt euch“, forderte sie uns auf. Sie war etwas angetrunken, wie wir auch. Wir folgten der Aufforderung mürrisch. Wie Jungs beim Fußballspiel, die vom Schiedsrichter ermahnt wurden.

Als wir wieder ins Wohnzimmer kamen, verabschiedete sich ein Teil meiner Gäste.

„Wir wollen vor dem Gewitter zu Hause sein“, erklärte Hans, mein Cousin.

„Ich habe draußen mehrere Männer mit Sandsäcken vorbeigehen sehen“, bemerkte Karl, mein Arbeitskollege von der Bank.

„Es ist Hochwasser angesagt“, erklärte Cordula, die Frau von Hans.

„Aber doch nicht hier oben“, sagte ich. „So weit hat der Rhein noch nie seine Arme ausgebreitet.“

„Keine Sorge. Hier sind wir sicher“, bekräftigte Sylvia und legte ihre Arme um mich und meinen Bruder, als wäre die Welt in Ordnung.

„Aber es ist schon spät und wir hatten eine anstrengende Woche“, sagte Cordula und zupfte sich ihren Seidenschal zurecht.

„Wir gehen auch“, sagte Georg, ein alter Freund aus Studienzeiten. „Ich möchte meinen Kater nicht allein lassen, wenn das Unwetter anfängt zu toben.“

Es blieben Sylvia, Karl, ein guter Freund, und Eddy, ein Nachbar. Und mein Bruder Armin.

Die Gespräche plätscherten vor sich hin. Bis nach etwa einer Stunde Sylvias Schrei aus dem Flur ertönte. Schrill, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Ich eilte zu ihr und sah die Bescherung: Der Flur war voller Wasserlachen. Vor Überraschung biss ich mir auf die Zunge. Ein Rohrbruch, dachte ich. Aber das Wasser kam von außen. Ich öffnete die Haustür und sah, dass die Straße bereits fußknöchelhoch überflutet war.

„Das muss vom Rhein kommen“, rief jemand.

Ich durchquerte das Haus und trat in den Garten. Hier bot sich mir ein Bild des Schreckens: Das Wasser stand bereits kniehoch; am Horizont, nur einen Steinwurf entfernt, türmte sich die mächtige, graue Eminenz des Rheins. Als die anderen Gäste das Unheil sahen, machte sich Entsetzen breit.

„Wir müssen hier weg!“, rief Karl und lief zurück auf die Straße.

„Wir können doch nicht einfach unser Haus im Stich lassen!“ Sylvia schaute mich mit entsetztem und fragendem Blick an.

„Das ist doch nur ein bisschen Wasser“, sagte mein Bruder und zwinkerte ihr wie im Bündnis zu, „da kann nicht viel kommen. Keine Panik.“

Sylvia atmete tief durch. „Wir holen erst unsere Wertsachen und Papiere.“

Ich stand wie gelähmt. Starrte auf das strömende Wasser. Unwirklich wie ein Traum. Wie war so etwas möglich?

„Ich muss nach Hause“, sagte Eddy. „Es kann sein, dass das Wasser sogar unser Haus erreicht.“

Klar war, dass das Wasser weiter stieg. Eine Katastrophe drohte.

„Willst du wirklich noch die Wertsachen holen?“, fragte ich Sylvia.

„Zeit genug wäre“, sagte mein Bruder.

„Nein“, entschied Sylvia, „wir bringen uns lieber in Sicherheit!“ Entschlossen ging sie in Richtung Straße. Mein Bruder folgte ihr in gemächlichen Schritten.

Da sah ich das Boot.

Ein Boot! Da, wo normalerweise die Wiesen in fruchtbarstem Grün kauerten, stand jetzt majestätisch hoch der Fluss. Und da war ein Boot. Darauf stand eine Frau. Sie winkte mir zu. Ich musste mehrmals hinschauen. Eindeutig eine Frau, die mir zuwinkte. Und ich spürte wieder diesen Sog. Wie damals im See.

Ein Hupen ertönte von der Straße. Sylvia saß in dem Wagen, mein Bruder stand unschlüssig davor. Sie stieg aus und rief: „Worauf wartest du? Komm endlich!“

Mein Bruder schlug den Weg ein durch den Garten in meine Richtung.

Der Sog wurde stärker.