Jahrhundertwehen - Antje Donkels - E-Book

Jahrhundertwehen E-Book

Antje Donkels

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Beschreibung

Auf einem Gut in der Altmark gründet der junge Hofmeister Friedrich Landsberg, Kind litauischer Auswanderer, eine Familie. Ihr Sohn Otto wächst behütet heran. In Havelberg findet der aus armen Verhältnissen stammende Paul Siebert bei der Lehrerstochter Margarethe sein Glück, die ihm eine Tochter, Alwine, schenkt. Das Tuchhändlerpaar Gottfried und Mathilde Ohme baut erfolgreich ein Geschäft auf und bekommt zwei Kinder, Antonia und Arthur. Das Glück der drei jungen Familien währt jedoch nicht lange, denn der Erste Weltkrieg reißt die Familien auseinander. Mit dem Ende der Monarchie hoffen alle auf eine bessere Zukunft, aber die Weimarer Republik steht auf wackligen Füßen. Als die Nazis an die Macht kommen, nimmt das Schicksal der drei Familien erneut dramatische Wendungen.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Widmung 3

Vorwort 4

1. Buch 5

2. Buch 177

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-657-2

ISBN e-book: 978-3-99131-658-9

Lektorat: Alexandra Eryiğit-Klos

Umschlagfotos: Fam. Antje Donkels; Gadost, Amandee, Alfio Scisetti, Casaalmare | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildung: Antje Donkels

www.novumverlag.com

Widmung

Im Andenken an meine Großeltern

und für meine Familie

Vorwort

Bis auf die geschichtlichen Ereignisse und die historischen Personen ist die Geschichte dieses Buches frei erfunden, ebenso wie die darin handelnden Personen.

1. Buch

1904–1932

Personenverzeichnis

Familie Siebert

Paul Siebert – Polier

Margarethe Siebert – Ehefrau von Paul

Alwine Siebert – Tochter

Andere

Hedwig – Freundin von Margarethe

Richard – Ehemann von Hedwig

Gerda – Freundin von Alwine

Emmi – Freundin von Alwine

Metha – Freundin von Alwine

Franz Seibel – Freund von Alwine

Hermann Zierke – Kriegskamerad von Paul

Alfred – Kriegskamerad von Paul

Walter – Kriegskamerad von Paul

Familie Landsberg

Friedrich Landsberg – Hofmeister Gut Brunnenhof

Maria Landsberg – 1. Ehefrau von Friedrich

Otto Landsberg – Sohn von Friedrich und Maria

Emma Landsberg – 2. Ehefrau von Friedrich

Andere

Ernst August v. Luckenberg – Gutbesitzer vom Brunnenhof

Elisabeth v. Luckenberg – seine Ehefrau

Anton von Liebenau – Gutsverwalter

Henriette von Liebenau – seine Ehefrau

Frieda – Magd auf dem Gut

Emil – Freund von Otto

Helene – Freundin von Otto

Gertrude Wernicke – Vermieterin von Otto

Familie Ohme

Gottfried Ohme (Fritz) – Tuchhändler

Mathilde Ohme – Ehefrau von Fritz

Antonia Ohme – Tochter

Arthur Ohme – Sohn

Andere

Hannah Rosenberg – Freundin der Familie Ohme

Sarah – Cousine von Hannah

Claus Bernsdorf – Kriegskamerad von Fritz

Karl Senftenberg – Kompaniechef von Fritz

Lotte Meier – Freundin von Antonia

Alfons – Freund von Arthur

Walter – Freund von Arthur

Albert Krause – Freund von Mathilde

Prolog

Vor dem Fenster ihres Zimmers dämmerte der Abend. Die letzten Strahlen der Sonne fielen noch auf den Boden, aber der Himmel im Osten fing schon an, sich dunkel zu färben, und hüllte einen Teil des Zimmers bereits in Dunkelheit.

Sie mochte diese Zeit, wenn die Hektik des Tages zu weichen begann. Ihre Schwester hatte diese Zeit immer „auf Nacht“ genannt, und das hatte immer so etwas Beschützendes.

Sie war tief in Gedanken versunken.

Morgen würde sie ihren sechzigsten Geburtstag feiern. Wenn sie daran dachte, grauste es ihr. Sie mochte keine Feiertage und auch schon lange keine Geburtstage mehr.

Das übliche Programm ließ sich nicht vermeiden. Eine große Party wurde schon lange nicht mehr gefeiert. Manchmal ging ihr Geburtstag in der Hektik des Berufsalltags fast ganz unter.

Also der kleine Kreis.

In den Kindertagen deckte die Mutter schon immer früh den Geburtstagstisch mit dem Kranz für die Kerzen, den Blumen und den verpackten Geschenken. Blumen gab es immer, obwohl die in der DDR natürlich auch Mangelware waren. An diesem Tag war sie auch weniger streng und auch sonst waren alle besonders lieb zu ihr.

Sechzig Jahre! Was für ein langes Leben! Und wie viele Jahre blieben noch? Viele Wendungen, Zufälligkeiten und Begegnungen gab es in dieser Zeit. Einige waren tief in ihrem Herzen vergraben.

Sie nahm das Familienalbum in die Hand und begann zu blättern. Die alten vergilbten Fotos hatte sie schon immer gemocht. Lächelnde Menschen schauten in die Kamera. Ihre lieben Großeltern wurden in Erinnerungen wieder lebendig. Die, die so vieles erlebt und gesehen hatten. Vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik, mit den Tiefen der dunklen Zeiten und der Hoffnung auf Besseres. Nicht nur ihr eigenes Leben war turbulent, auch das ihrer Familie und Ahnen war gezeichnet von den Wendungen der Geschichte.

Wie kostbar diese Fotos waren! Manche waren fast hundert Jahre alt. Geschossen, als noch jedes Foto separat entwickelt wurde und die Entwicklung teuer war.

Sie sah die Bilder ihrer Mutter. Eine starke Frau. Tiefe Trauer überkam sie. Ihre Mutter war vor einigen Monaten verstorben. Ihre Mutter, zu der sie eine so tiefe Bindung hatte. Die Frau, die sie für ihr emanzipiertes Denken immer so bewunderte.

Sie musste sich alles merken, alles aufschreiben und der Familie weitergeben. Sonst würde eines Tages niemand mehr die ganze Geschichte kennen.

Die kleine unbedeutende Familie, die in den Strudeln der Geschichte ums Überleben gekämpft hatte. Die Großmutter und die Mutter, die starken Frauen, und die Männer, die in den Krieg ziehen mussten!

Eine freudige Unruhe packte sie und die Bilder in ihrem Kopf begannen sich zu formieren.

Mit diesem Entschluss, das alles niederzuschreiben, wollte sie das neue Lebensjahr willkommen heißen.

1

Der Platz vor dem Haus der Sieberts war um diese Tageszeit, die Mittagszeit, leer. Die Kastanien auf der Südseite des Platzes hatten wieder ihr frisches grünes Blattwerk bekommen und würden bald in Blüte stehen. Dann versprühten sie den wunderbaren Duft, der bei Wind auch an ihrer Haustür vernehmbar war. Die prächtigen Bäume mit den kerzenhaften Blüten machten die schmucke Villa dahinter im Frühling noch schöner.

Der Platz, der Kaiser-Otto-Platz, war umsäumt von hübschen kleinen Steinhäusern mit einer Grünanlage in der Mitte. Die meisten Häuser waren eingeschossig und hatten ein spitzes rotes Dach.

Nördlich des Platzes standen zwei prachtvolle Häuser. Eines hatte hohe Sprossenfenster mit Schlagläden und ein großes Walmdach. Links daneben stand ein gelb verputztes Haus mit großen weißen Fenstern.

Die Sieberts bewohnten ein kleines Reihenhäuschen an der östlichen Seite des Platzes, im Schatten der mächtigen Kirche. Insgesamt gab es fünf dieser Reihenhäuser, allesamt mit kleinen Fenstern und grünen Schlagläden, um die Wärme im Sommer und die Kälte im Winter draußen zu lassen. Die Haustür war fast ebenerdig und hatte einen schmalen Tritt, um in den engen Flur zu gelangen. Ein kleiner Hof auf der Rückseite des Hauses bot Platz für die Wäscheleinen, ein paar Kaninchen und eine Holzbank mit einem kleinen Tisch. Eine rote Ziegelmauer zäumte das Grundstück ein und trennte es vom Kirchplatz.

Das Haus war nichts Besonderes, aber Margarethe und Paul Siebert liebten ihr Zuhause.

Margarethe Siebert war eine zierliche Frau mit blondem, welligem Haar, das sie im Nacken zusammengesteckt hielt. Ihre blauen Augen waren von langen schwarzen Wimpern umrahmt und ihre helle Haut hatte fast einen alabasterhaften Ton. Sie war von kleiner Statur und sehr schlank, was ihr ein mädchenhaftes Aussehen verlieh. Auf den ersten Blick schien sie eher still und zurückhaltend, dennoch hatte Margarethe einen starken Charakter. Wann immer es nötig war, zeigte sie ihre starke Seite. Sie war als Einzelkind sorgenfrei und behütet aufgewachsen, bis sie nach ihrem achtzehnten Geburtstag ein furchtbarer Schicksalsschlag traf.

Ihre Eltern waren vor zwei Jahren, im Sommer 1901, kurz nacheinander und sehr plötzlich verstorben. Zuerst hatte ihre Mutter einen tödlichen Schlaganfall erlitten und kurz darauf starb auch ihr Vater an einem Herzinfarkt. Margarethe glaubte, dass der frühe Tod der Mutter ihrem Vater das Herz gebrochen hatte.

Über ein Jahr hatte der Schmerz sehr tief gesessen und Margarethe hatte sich von der Welt zurückgezogen. Auch ihre Freundin Hedwig fand kaum Zugang zu ihr. Aber nach einem Jahr legte sie die dunklen Kleider ab und fing wieder an, am Leben teilzuhaben.

Noch sehr jung musste sie nun als Vollwaise zurechtkommen. Aber wo Schatten ist, da ist bekanntlich auch Licht.

Vor einem Jahr hatte sie ihren Paul geheiratet. Das junge Paar war nicht wohlhabend, aber es ging ihnen besser als vielen anderen und Paul war geschickt und fleißig. Er hatte bei der Baufirma „Ottokar Hahn – Havel Bau“ Arbeit als Polier gefunden. Eigentlich wäre er gerne Architekt geworden, denn er liebte es, Gebäude entstehen zu sehen, und hatte immer Bilder und Ideen im Kopf, sie noch schöner zu machen. Aber ein solcher Berufswunsch war unter seinen familiären Verhältnissen unmöglich. Paul hatte eine harte, traurige Kindheit und Jugend gehabt. Seine Mutter starb wenige Tage nach seiner Geburt im März 1881 am Kindbettfieber. Sein Vater war mit der Erziehung überfordert und wurde aus Gram über den frühen Tod seiner Frau zum Trinker. Paul war bei seiner Tante, der Schwester seiner Mutter, aufgewachsen. Seine Tante hatte selbst auch zwei Jungen und Paul fühlte sich geduldet, aber nicht geliebt. Die Familie seiner Tante war nicht wohlhabend und Geld für eine höhere Schule war nicht vorhanden. So blieb ihm nur eine Maurerlehre.

Innerhalb kürzester Zeit hatte sich Paul vom Maurer zum Polier hochgearbeitet und war für die Leitung von Baustellen oder Bauabschnitten zuständig.

Paul war von großer kräftiger Statur mit einem kräftigen Nacken und wachen blauen Augen und einer Güte, die jeden einnahm. Er war ein ausgeglichener Charakter und ihn brachte fast nichts aus der Ruhe. Dennoch war Paul durchsetzungsstark, was bei der Führung der Arbeiter auf der Baustelle auch vonnöten war. Niemand wagte es, sich seinen Anordnungen zu widersetzen.

Die schöne Margarethe hatte er lange umworben, bevor sie ihn erhörte.

Vor zweieinhalb Jahren musste die alte Domschule saniert werden und Paul hatte die Mauerwerksanierung geleitet. So war er jeden Tag am Häuschen der Familie Uchtenhagen, wie Margarethe mit Mädchennamen hieß, vorbeigekommen. Oft waren sie sich nachmittags über den Weg gelaufen. Margarethe arbeitete im Bekleidungsgeschäft in der Stadt und nahm immer den Weg über die Domtreppe. Rechter Hand erhob sich dann der mächtige Dom und linker Hand befand sich die alte Domschule.

Margarethe gefiel der junge Mann mit dem freundlichen und offenen Lächeln. Er nickte ihr immer zu und grüßte sie stets mit einem „Guten Tag!“. Dem anfänglichen scheuen Grüßen folgten dann einzelne Worte und später auch kleine Plaudereien. Paul hatte sich schon mit dem einen oder anderen Mädchen getroffen, aber keine hatte sein Herz erobern können. Bei Margarethe hatte ihn bisher jedes Mal der Mut verlassen, sie nach einem Treffen zu fragen. Nach zwei Monaten, an einem sonnigen Maitag, traute sich Paul endlich, Margarethe anzusprechen. „Guten Tag“, sagte er, „wie geht es Ihnen heute?“ „Danke, gut“, antwortete Margarethe. „Ich hoffe, Ihnen geht es auch gut.“ Paul nickte. Margarethe wollte ihren Weg schon fortsetzen, da fasste Paul sich ein Herz und fragte sie. „Würden Sie mal mit mir ausgehen?“ Margarethe schaute erstaunt. Dass er sie so direkt fragen würde, damit hatte sie in diesem Moment gar nicht gerechnet. Schon öfter hatte sie es sich gewünscht, aber nun kam die Frage doch überraschend. Sie schaute ihm in die Augen und nickte bejahend.

„Dann vielleicht Sonnabendnachmittag?“, fragte er weiter. „Ja, gerne“, sagte sie knapp, aber ihr Herz fing an zu rasen. „Gut, dann hole ich Sie hier ab. Ich freue mich“, lachte er verschmitzt und innerlich erleichtert, zog seine Mütze und ging Richtung Stadt davon.

Sie verlebten einen wunderbaren Nachmittag. Paul lud Margarethe zuerst ins „Café Kronprinz“ in der Langen Straße ein und dann schlenderten sie zum Wasser und saßen lange am Ufer der Havel. Sie redeten und redeten und trennten sich erst am Abend.

Als Margarethe abends in ihrem Bett lag, rief sie sich jede Minute des Nachmittags ins Gedächtnis zurück.

Paul war sich sicher, die Frau seines Lebens gefunden zu haben. Aber er nahm sich vor, es ruhig anzugehen. Dem ersten folgten dann weitere Treffen. Sie gingen spazieren und auch tanzen und genossen ihre junge Liebe, bis plötzlich Margarethes Eltern starben. Nach der Beerdigung ihres Vaters fand Margarethe einen Brief von Paul in ihrem Briefkasten. Mit zitternden Händen öffnete sie den Umschlag und las die Zeilen.

Liebste Margarethe,

ich mag mir nicht vorstellen, wie schwer Dich dieser zweite Schicksalsschlag getroffen hat. Ich kann es vielleicht auch gar nicht, da ich ja nie so eine glückliche Familie hatte. Es tut mir so unendlich leid. Nimm Dir die Zeit, die Du brauchst, um die Trauer zu verarbeiten. In Gedanken werden Deine Eltern immer bei Dir sein. Wenn Du mich brauchst, ich werde für Dich da sein.

In Liebe

Dein Paul

Die ersten Wochen verkroch sich Margarethe und war wie gelähmt in ihrer Trauer. Dann versuchte sie, ins Leben zurückzufinden.

Nach dem Trauerjahr fing Margarethe wieder an, mit Paul auszugehen. Paul bemerkte Margarethes Veränderung. Sie war ernster und erwachsener geworden, was ihm aber gut gefiel. Ein halbes Jahr später kniete er vor ihr nieder. „Margarethe, willst du meine Frau werden und mit mir den Rest meines Lebens verbringen?“ „Ja“, hauchte Margarethe überglücklich und sank in Pauls Arme.

Ihre Eltern hatten ihr das Häuschen hinterlassen und ein wenig Geld. Margarethes Vater, Gustav Uchtenhagen, war Lehrer für Deutsch und Geschichte an der städtischen Schule. Ihre Mutter Karoline war, wie fast alle Frauen ihrer Generation, Hausfrau.

Als sie noch lebten, hatten sie Margarethe immer wieder versucht, Paul auszureden. Ginge es nach ihnen, sollte ihre Tochter eine gute Partie machen. Vielleicht einen Rechtsanwalt oder einen Zahnarzt heiraten, aber keinen Maurer. Wie bei allen Eltern sollte ihr Kind es einmal besser haben.

Margarethe und Paul heirateten am 20. Juni 1903 im Dom zu Havelberg. Die Hochzeit war schlicht und wurde nur im kleinen Kreis gefeiert. Nicht so, wie es sich ihre Eltern für sie gewünscht hatten, aber dennoch sehr feierlich und schön.

Paul wartete mit Freunden vor dem Portal des Domes. Seine Nervosität nahm von Minute zu Minute zu. Keine zwei Stunden mehr und dann würde Margarethe seine Frau sein. Er schritt vor den Altar und strich mit den feuchten Händen an seinem langen Gehrock entlang. Sein schwarzer Rock war doppelreihig geknöpft und stand ihm ausnehmend gut. Dazu trug er ein weißes Hemd mit einer dunkelroten Krawatte und passende schwarze Hosen. Sein Knopfloch am Revers zierte ein Myrtenzweig.

Dann endlich ertönte die Orgel und Margarethe schritt den Gang zum Altar entlang.

Da ihr Vater nicht mehr lebte, führte Richard, der Mann ihrer Freundin Hedwig, die Braut zum Altar.

Das schwarze Taftkleid, das Margarethe am Tag ihrer Hochzeit trug, war fein geschnitten und hochgeschlossen. Das Vorderteil war mit Spitzeneinsätzen verziert. Ihre Freundin Hedwig hatte ihr das Haar kunstvoll aufgesteckt. Als Brautschmuck trug Margarethe einen hübschen Kranz aus Myrte und weißen Blüten, welche ihr Gesicht wunderschön aussehen ließen.

Als sie neben Paul am Altar kniete, konnte er kaum die Augen von ihr lassen. Für Paul war sie die schönste Braut, die er je gesehen hatte. Er schwor sich in dieser Sekunde, alles zu tun, um Margarethe glücklich zu machen. Als sie die Kirche verließen, war Paul der glücklichste Mensch der Welt. Margarethe schaute ihren Mann verliebt an und blickte voller Zuversicht in die Zukunft. Sie feierten bis tief in die Nacht und lachten fröhlich und ausgelassen. Dennoch dachten die Brautleute zwischendurch immer wieder an die bevorstehende Hochzeitsnacht. Hedwig hatte Margarethe so gut es ging darauf vorbereitet und ihr erklärt, was sie erwartete.

Als Hedwig ging, flüsterte sie Margarethe noch ins Ohr: „Du musst keine Angst haben, lass dich einfach fallen und genieße es, dass du so einen tollen Mann gefunden hast.“

Auch Paul nahm sich vor, Margarethe so behutsam wie möglich zu behandeln. Sie ist so zierlich, dachte er bei sich.

Hedwig sollte recht behalten …

***

Im ersten Jahr ihrer Ehe hatte Paul das Haus gestrichen und alles ausgebessert, was im Laufe der Jahre marode geworden war. Die Schlagläden präsentierten sich im frischen Grün und die hölzerne Haustür war ebenfalls frisch aufgearbeitet.

Nach einem knappen Jahr erwarten sie nun ihr erstes Kind.

„Paul, ich glaube, es geht los!“, sagte Margarethe und strich mit schmerverzerrtem Gesicht über ihren gewölbten Bauch. Paul war sofort bei ihr und strich ihr sanft über den Kopf. „Soll ich die Hebamme holen?“, fragte er. „Ja, es ist vielleicht besser, wenn sie nach mir sieht. Und sage bitte auch Hedwig Bescheid.“

Hedwig war Margarethes beste Freundin und wohnte mit ihrem Mann Richard zwei Häuser weiter.

Paul war so aufgeregt. Seine angefangene Arbeit würde er heute nicht vollenden können. Schließlich wurde man nicht jeden Tag Vater.

Margarethe starrte an die Decke ihres Schlafzimmers. Sie betrachtete das gestreifte Muster der Tapete, das durch das spärliche Licht der Petroleumlampen sichtbar war. Die Dunkelheit hatte schon Einzug gehalten und Margarethe krümmte sich bei jeder Wehe. Viele Stunden ging das nun schon so. Sie fragte sich, ob ihre Kraft reichen würde. Hedwig hielt ihre Hand und legte immer wieder feuchte Tücher auf ihr Gesicht. Sie hatte schon mehreren Geburten beigewohnt und wusste, dass das lange dauern konnte. Die Nachttischlampen spendeten spärliches Licht. Die Haare klebten Margarethe am Kopf und das leinene Nachthemd war schon durchgeschwitzt.

Die Hebamme, Frau Elisabeth Block, war eine ältere und sehr erfahrene Frau. Sie war vor drei Stunden schon einmal bei Margarethe gewesen und hatte ihr gesagt, es sei alles in Ordnung, aber es würde noch dauern. Nun war sie wieder da und die Wehen kamen schon in kurzen Abständen.

Paul hielt die Warterei nicht mehr aus und beschloss, vor die Türe zu gehen, da er seiner Frau ja doch nicht helfen konnte und die Sorge ihn ganz nervös machte. Sein Weg führte ihn vorbei an den schönen Häusern bis zu dem Platz, wo man einen schönen Blick auf die Stadt und den Fluss hatte. Vor dem schönsten Haus blieb er stehen.

Die Villa mit ihren großen Fenstern und dem prächtigen Aufgang hatte ihn schon immer in ihren Bann gezogen. Hier wohnten die reichen Leute, eine Unternehmerfamilie. Warmes Licht fiel durch die großen Fenster in den Vorgarten. Gerne wüsste er, wie es drinnen aussah.

In seinen Träumen würde er mit Margarethe auch mal ein größeres Haus bewohnen und er wüsste genau, wie er es bauen würde. Große Fenster würde es haben und eine breite steinerne Treppe. Er blieb noch ein wenig am Rand des Platzes stehen und genoss den Blick auf die Steintorbrücke, die Havel und die dahinterliegende Spülinsel. Mit Gedanken an die Zukunft machte er sich wieder auf den Heimweg.

Die Hebamme weilte bei Margarethe und war nun tief besorgt. Ein Doktor müsse kommen, meinte sie. Sie fürchtete, der Kopf des Kindes sei zu groß und Margarethe würde zu viel Blut verlieren. Es dauerte schon zu lange und die langen Wehen waren für die kleine zarte Frau zu viel.

Paul machte sich auf den Weg zu Dr. Heinemann und bat ihn gleich mitzukommen.

Dr. Heinemann tastete Margarethes Bauch ab und schaute auf ihren Unterleib. „Frau Siebert, ich kann das Kind schon sehen. Sie müssen noch einmal kräftig pressen. Ich helfe Ihnen. Mit aller Kraft presste Margarethe noch einmal und Dr. Heinemann drückte auf ihren Bauch und zog das Kind heraus. Er nabelte das Kind ab und gab es der Hebamme. „Es ist ein gesundes Mädchen“, sagte er zu Margarethe, die erschöpft in die Kissen sank.

Als Paul den ersten Schrei hörte, traten ihm Tränen in die Augen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Hedwig aus dem Schlafzimmer. Paul sah ihr zufriedenes Gesicht. „Herzlichen Glückwunsch, Paul! Du hast eine gesunde Tochter! Nun darfst du zu deiner Frau, aber gönne ihr Ruhe. Sie hat viel Blut verloren.“

Überglücklich nahm Paul erst Margarethe und dann das Baby in den Arm. Lange betrachtete er seine Tochter. Es kam ihm wie ein Wunder vor.

„Danke, Gretchen“, sagte Paul und küsste Margarethe sanft auf die Stirn. „Wie wollen wir sie nennen?“, fragte er.

„Alwine“, erwiderte Margarethe.

„Das ist ein schöner Name und passend für unsere Prinzessin“, stimmte Paul zu. „Ja, Alwine, so soll sie heißen.“

Paul saß auf der Bank vor seinem Haus und sah die Sonne an diesem 12. Mai 1904 blutrot untergehen. Er dachte an seine wunderbare Frau und seine kleine Tochter und daran, dass er nie glücklicher war.

***

Paul sauste mit dem Fahrrad die Lindenstraße entlang und bog dann links ab, um zum Domplatz zu gelangen. Seine Jacke flatterte im Wind.

Er stellte sein Fahrrad ab und hängte die Jacke an den Haken im kleinen Flur. Wie fast immer, hatte Paul ein gestreiftes Hemd unter einer dunklen Weste an. Sommers wie winters hatte Paul die Ärmel seines Hemdes aufgekrempelt, sodass man seine braun gebrannten, muskulösen Unterarme sah. Margarethe kam in den Flur und hauchte ihrem Mann einen Kuss auf den Mund. „Es gibt Neuigkeiten!“, sagte Paul. „Die bauen einen neuen Wasserturm und haben mir die Leitung übertragen.“

Margarethe blickte auf und Paul sah sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Ihre sonst so fröhlichen Augen schauten traurig, und als er sie ansah, quollen Tränen daraus hervor. Die kleine Alwine schlief friedlich in ihrem Bettchen, das ein umnähter Wäschekorb war.

„Was ist passiert?“, fragte Paul. Margarethe schluckte und sagte dann mit erstickter Stimme: „Ich war bei Dr. Heinemann und er sagte mir, dass ich keine weiteren Kinder mehr bekommen könnte. Die Gebärmutter ist bei der Geburt verletzt worden, sodass ich keine weiteren Kinder austragen kann. Wir haben doch immer von einer größeren Familie geträumt.“ Hinter Margarethes dichten Wimpern schimmerten erneut Tränen. Paul nahm sie schweigend in den Arm. „Ach Gretchen, das ist wirklich traurig und es wäre schön gewesen, wenn Alwine noch ein Geschwisterchen bekommen hätte. Aber manches kann man nicht haben und wir haben zum Glück unsere kleine Wine (so nannten sie Alwine meistens). Sie ist ein Geschenk und vielleicht soll es so sein.“ Er nahm Margarethe in den Arm und drückte sie an seine Brust. Sogleich fühlte sich Margarethe etwas besser. Wenn Paul sie in den Arm nahm, war alles gut.

Beim Abendessen, das sie zusammen in der kleinen Küche einnahmen, berichtete Paul vom neuen Wasserturm. Er sollte als Polier die Arbeiten überwachen und das Wappen entwerfen und mauern. Höher und schöner würde der neue Turm werden und schon von Weitem sichtbar sein! Noch ganz gefesselt von der neuen Aufgabe, machte Paul abends am großen Holztisch in der Küche erste Entwürfe für das neue Wappen.

Ein halbes Jahr später wurde damit begonnen, das Fundament auszuheben. Vierzig Meter hoch sollte der Turm werden, aus roten Ziegeln. Dann können die umliegenden Häuser an das Wassernetz angeschlossen und mit den neuen Pumpen mit frischem Trinkwasser versorgt werden.

Dreißig Mitarbeiter waren Paul unterstellt. Es erfüllte ihn mit Stolz und Freude, so eine wichtige Aufgabe übertragen bekommen zu haben. Dieses Bauwerk würde seinen Stempel tragen. Mit dem neuen Wasserturm würde sich der Lebensstandard vieler Menschen verbessern. Man hatte das Gefühl, dass eine zuversichtliche Zukunft Einzug in das kleine Städtchen Havelberg hielt.

***

Der kleine Ort Havelberg ist mit seinen wunderschönen Flussauen und seinen roten Backsteinbauten ein hübscher Ort und durch seine Werft für die Binnenschiffer auf der Strecke Hamburg–Berlin strategisch gut gelegen.

Die Altstadt, die auf einer Insel liegt und von der Havel umflossen wird, besteht aus kleinen Häusern, die sich kreisförmig um den Marktplatz reihen. In der Nähe des Rathauses erhebt sich die Altstadtkirche Sankt Laurentius. Mit ihrer ungewöhnlichen Turmhaube ist sie schon von Weitem sichtbar. Es ist ein wunderschöner Ort, der mit seiner Insellage seinesgleichen sucht.

Rote Dächer und Kopfsteinpflaster bestimmten das Stadtbild. Binnenschiffer holen Getreide aus den Kornspeichern an der Flussseite und bringen andere Waren und Güter in die kleine Stadt. Eine Vielzahl von Gasthäusern laden die Binnenschiffer zum Verweilen ein. Auf dem Berg erhebt sich der mächtige Dom mit seinem imposanten Westwerk. Alles erinnert an die ehemalige Bischofsresidenz und die beeindruckende Geschichte dieser Stadt.

Bereits im 7. Jahrhundert von Slawen besiedelt, begann die Entwicklung Havelbergs mit der Christianisierung und der darauffolgenden Gründung des Bischofssitzes und dem Bau des Domes um 1150 unter der Herrschaft des Markgrafen von Brandenburg. Straßennamen des Dombezirks, wie Müllertor, Krugtor oder Amtstor, zeugen noch heute von der Befestigungsanlage rund um den Dombezirk. Die größeren und prächtigen Häuser der Stadt liegen meist auf dem Domberg, im oberen Teil, der durch zwei Brücken mit der Stadtinsel verbunden ist.

In den folgenden Jahrhunderten entwickelten sich Holz- und Getreidehandel sowie der Schiffbau. Anfang des 18. Jahrhunderts hatte Havelberg einen berühmten Gast. Der russische Zar Peter I. soll auf der Werft das Schiffbauhandwerk erlernt haben. Einige Jahre später besuchte er die Stadt ein zweites Mal, um mit dem preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. einen Handel abzuschließen. Zar Peter I. tauschte mit Brief und Siegel seine zwei Meter großen Soldaten, die „Langen Kerls“, gegen das legendäre Bernsteinzimmer ein.

Anfang des 20. Jahrhunderts war das Leben in Havelberg betriebsam. Viele kleine Betriebe hatten sich angesiedelt. Es gab Möbeltischlereien, Mühlen, eine Ziegelei, eine Schlosserei und alle möglichen Firmen für die Verarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten. Die Altstadt war bunt mit kleinen Läden und Geschäften sowie Kneipen und Restaurants. Das Schickste, was der kleine Ort zu bieten hatte, war das „Café Kronprinz“ in der Langen Straße, ein wunderschönes und elegantes Kaffeehaus.

Der kleine Ort wurde größer und auch der neue Wasserturm wuchs und wuchs und die kleine Alwine tapste schon durch die vertraute Gegend. Ihre wasserblauen, wachen Augen hatte sie eindeutig von ihrem Vater geerbt.

Eines Nachmittags kam Paul, der sonst immer aufrecht ging, mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern nach Hause. Es war noch früher Nachmittag. Sonst kam er meist immer erst am späten Nachmittag oder sogar erst abends heim. Als Margarethe ihren Mann mit hängenden Schultern ankommen sah, ahnte sie, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Schweigend hängte Paul seine Jacke an den Haken und setzte sich an den Küchentisch, stützte seine Arme auf und legte sein Gesicht in seine Hände.

Margarethe trat an ihren Mann heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Was ist denn passiert?“, fragte sie. Paul drehte sich zu ihr um und nahm sie in die Arme. Sie setzten sich an den großen Küchentisch und Paul erzählte ihr die tragische Geschichte.

2

Der Frühherbst 1906 war noch sehr warm. Das altmärkische Rittergut Brunnenhof, unweit der Elbe und der Stadt Stendal, lag in flirrender Hitze. Von der Elbe kommend, erstreckten sich weite Felder rechts und links der Straße. Zum Rittergut gehörten nicht nur weite Ackerflächen, sondern auch etwas Waldbestand.

Das weiße Herrenhaus befand sich am Ende einer kleinen, schmalen Dorfstraße. Man erreichte es, wenn man die Häuser und Stallungen, die zum Gut gehörten, hinter sich gelassen hatte. Das prächtige Haus war ein zweigeschossiges Haus, mit einem Vorbau und einem großen Balkon darüber. Das runde Eingangsportal des Vorbaus erreichte man über wenige Stufen. Konnte man die Vorderfront des Herrenhauses fast als klassisch schlicht bezeichnen, so strotzte die Rückseite des Herrenhauses richtiggehend vor architektonischer Schönheit. Mit einem spitzen Giebel über der prächtigen Veranda, die von vier dorischen Säulen getragen wurde, präsentierte sie sich majestätisch. Dahinter erstreckte sich der Park. Das Dach der Veranda bot Platz für einen gleich großen Balkon. Sowohl die Veranda als auch der darüberliegende Balkon wurden von einem wunderschönen schmiedeeisernen Gitter eingezäunt. Die Fenster der oberen Etage zierten klassizistische Simse. Hinter dem Haus befand sich ein schöner Park mit dichtem Baumbestand. Nach ein paar Hundert Metern erreichte man das Ufer der Elbe. Rechts und links vom Gutshaus befanden sich die Wirtschaftsgebäude, Ställe und Scheunen, sowie weitere Wohnhäuser der Angestellten. Zum Herrenhaus führte eine kurze Auffahrt, die dann in einem großen Platz mündet und den Blick auf die gesamte Vorderfront des Hauses freigab.

Hier, unweit der Elbe, ist das Land flach und geprägt von der Auen- und Uferlandschaft des Flusses. Es ist eine schöne, aber arme Gegend und die meisten Menschen haben ein hartes Leben.

Auf dem Gut herrscht immer geschäftiges Treiben. Die adligen Herrschaften, Ernst August und Elisabeth von Luckenberg, verbringen meistens nur wenige Monate auf dem Gut. Den Rest des Jahres bleiben sie in Berlin, wo sie eine hochherrschaftliche Wohnung besitzen. Dann genießen sie die Annehmlichkeiten und die Abwechslung der Großstadt. Die Sommermonate und die Weihnachtszeit verbringen sie fast immer auf dem Brunnenhof.

Ernst August von Luckenberg ist eher ein Stadtmensch und beschäftigt sich gern mit der Kunst der Antike und den schönen Künsten. Er hat die fünfzig überschritten und hatte nie viel für die Landwirtschaft übrig. Er ist zwar auf dem Brunnenhof geboren, aber ihn hat es schon früh in die Stadt gezogen. Seine Frau Elisabeth ist etwas jünger und eine sanfte und aparte Dame. Sie liebt das Theater und spielt wunderbar Klavier. Sie wollten den Brunnenhof gut geführt wissen, auch im Hinblick auf ihren vierzehnjährigen Sohn Konstantin, der künftige Erbe des Besitzes.

Das Wohl und die Führung des Gutes haben die von Luckenberg ihrem Gutsverwalter Anton von Liebenau anvertraut. Anton von Liebenau ist ein hochgewachsener und sehniger Mann mit schütterem, mittelblondem Haar und einem kantigen Gesicht. Eine goldgeränderte Brille, die er wegen seiner Kurzsichtigkeit trägt, unterstreicht sein intellektuelles Aussehen. Er lebt mit seiner Frau Henriette seit nunmehr acht Jahren auf dem Gut und bewohnt das schöne Gutsverwalterhaus neben dem Herrenhaus.

Seele des Gutes aber ist Friedrich Landsberg, von allen nur Friedrich genannt. Friedrich Landsberg, ein großer Mann mit dünnem, feinem, braunem Haar und einem Schnurrbart war der bestellte Hofmeister des Gutes. Ihm oblag die Leitung der Hauswirtschaft und aller Angestellten hierfür. Friedrich hatte sein Büro in einem der Wirtschaftsgebäude eingerichtet. Seine Tür stand für jedermann offen und er nahm die Sorgen und Nöte der Leute auf dem Gut ernst.

Erst im letzten Jahr hatte er die hübsche Maria geheiratet. Maria war im Herrenhaus angestellt und arbeitete für die Herrschaft. Sie kümmerte sich um die gesamte Wäsche des Herrenhauses, einschließlich derer der von Liebenaus, sowie um die Säuberung und Pflege des Herrenhauses.

Maria war beileibe das hübscheste Mädchen in der ganzen Umgebung. Sie war recht groß, aber schlank und hatte brünettes Haar, das sie immer zu einem Zopf gebunden hatte. Ihr Gesicht war ebenmäßig und von einer Zartheit, wie man es auf dem Lande selten fand. Einzig ihre hellen blauen Augen lächelten fast nie und hatten immer einen melancholischen Blick.

Maria war Waise und wohnte, bevor sie auf den Brunnenhof kam, bei ihrer Tante Bertha in Sandau. Sie hatte ein stilles und bescheidenes Wesen und drängte sich nie in den Vordergrund. Sie war fleißig, zuverlässig und diskret. Die Mitbewohner auf dem Gut mochten sie. Als Maria vor zwei Jahren erfuhr, dass man auf dem Gut jemanden für das Herrenhaus suchte, stellte sie sich vor. Sie war geschickt, konnte gut nähen, stricken sowie andere Handarbeiten und war sich für keine Arbeit zu schade. So verließ sie ihre Tante, um sich ein eigenes Leben aufzubauen.

Maria war sechs Jahre jünger als Friedrich. Friedrich heiratete ohnehin sehr spät. Seine Großeltern, Vilma und Karolis Landbergis, wie sie damals noch hießen, waren aus Litauen nach Preußen umgesiedelt. Infolge der Teilung Polens im 18. Jahrhundert waren die Deutschen auf dem litauischen Gebiet, das dann russisch wurde, eine Minderheit. Sie fühlten sich Deutschland zugehörig und entwickelten als Minderheit zunehmend Besorgnis unter der russischen Herrschaft. Zudem war das Leben in dem wesentlich ärmeren Land sehr hart und bot wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

So entschied die Familie die Heimat zu verlassen und machte sich auf den langen und mühsamen Weg in das deutsche Kaiserreich, um hier ihr Glück zu suchen. Mit guten Kenntnissen der Landwirtschaft hat es sie bis über die Elbe in die Altmark verschlagen, wo neben den großen Gütern in Mecklenburg, Pommern und Holstein ebenfalls große Gutshöfe und Besitze lagen. In Deutschland angekommen, haben sie dann deutsche Namen angenommen und sich Karl und Wilma Landsberg genannt. Friedrich war recht gut ausgebildet, denn sein Vater Karl hat dafür gesorgt, dass er Lesen und Schreiben gelernt hat. Auch Karl war des Lesens und Schreibens kundig und so war es nur natürlich, dass er diese Kenntnisse auch für seinen Sohn wollte.

Viele Mädchen hatten Friedrich Avancen gemacht, aber er hatte lange keine Lust, sich zu binden. Sein Wissendrang und seine Neugier waren immens. Er war mittlerweile auch schon Mitte zwanzig. Natürlich war da die eine oder andere Liebelei, aber nichts Ernstes.

Als Maria mit achtzehn Jahren auf das Gut kam, hatte sich Friedrich sofort in sie verliebt. Auch Maria gefiel der junge, gut aussehende und charakterstarke Mann. Nach einem halben Jahr hatte Friedrich Maria einen Heiratsantrag gemacht.

Die Hochzeit wardasEreignis auf dem Brunnenhof! Die Frauen hatten Girlanden aus Tanne und Blumen aufgehängt und alles geschmückt. Mit einer offenen Pferdekutsche fuhren sie zur Kirche nach Schwarzholz, wo die Brautleute getraut wurden. Danach gab es auf dem Brunnenhof ein ausgelassenes Fest mit viel Fröhlichkeit, Musik und Tanz. Das lag jetzt ein gutes Jahr zurück. Gern erinnerte sich Maria an diesen schönen Tag. Ihren Kranz und Schleier bewahrte sie in ihrer Kommode auf. Vielleicht würde sie ja eine Tochter bekommen, dachte sie.

„Maria“, sagte Friedrich, „es ist ein so schöner Tag und wer weiß, wie viele sonnige und warme Tage es dieses Jahr noch gibt. Wir haben schon Anfang Oktober und es kann schnell kalt und nass werden. Vielleicht können wir später noch an den Elbauen spazieren gehen. Was meinst du?“ Friedrich liebte es, mit Maria hinunter an den Fluss zu laufen, im tiefen Gras zu liegen und den blauen Himmel über sich oder die schöne Maria neben sich anzuschauen. Es gab ihm ein unglaubliches Gefühl von Jugend und Freiheit. Er wusste auch, dass Maria gerne am Fluss war und der sanften Strömung nachschaute. Dann überlegten beide laut, wo der Fluss wohl überall vorbeikam, und malten sich die schönsten Orte und Gegenden aus. Maria fragte Friedrich dann immer: „Friedrich, wo würdest du gerne mal hinreisen?“ Und er gab ihr immer die gleiche Antwort: „An die See, Maria.“ Beide liebten die Elbe, gingen jedoch nie in ihr schwimmen, da in den gefährlichen Strömungen schon so mancher den Tod gefunden hatte. „Heute nicht, Friedrich. Mir geht es heute nicht so gut“, antwortete Maria. In der Tat wirkte Maria etwas blasser als gestern.

„Maria, was ist mit dir? Ich muss mir doch hoffentlich keine Sorgen machen?“, fragte Friedrich. „Nein, es ist nichts, ich bin heute nur etwas müde.“ „Was hat dich denn heute so erschöpft?“, fragte Friedrich. „Die Herrschaft hat sich kurzfristig angekündigt und Johanna ist krank. Da nun die Köchin ausfällt, müssen das jetzt Martha und ich übernehmen. Es fehlen auch noch Vorräte. Wir müssen nach Osterburg fahren und die fehlenden Lebensmittel einkaufen.“ „Das kriegen wir schon hin. Ich kann mit dir fahren und Martha kann sich um den Rest kümmern. Sie ist erfahren und wird das schon schaffen. Weiß man, was Johanna fehlt?“, fragte Friedrich.

Ein längerer Ausfall von Johanna würde eine Lücke aufreißen. „Sie hat eine Fehlgeburt erlitten. Zum Glück hat sie schon zwei Kinder. Sie muss sich aber die nächsten Tage schonen. Martha und ich kümmern uns um sie, wenn sie etwas braucht.“ „Das ist gut“, sagte Friedrich und war mit den Gedanken schon wieder bei der Arbeit.

Seit über sechs Wochen hatte Maria nicht geblutet. Die leichte Übelkeit am Morgen konnte sie bisher vor den meisten auf dem Gut verbergen. Bald würde sie es genau wissen, ob sie ein Kind erwartete. Sie wollte es Friedrich erst sagen, wenn sie ganz sicher war. Wenn sich ihr Verdacht bestätigte, würde das Kind zur übernächsten Sonnenwende, im Sommer, kommen.

***

Weihnachten stand vor der Tür und wurde auf dem Gut immer festlich begangen. In der Mitte des Platzes vor dem Herrenhaus wurde eine große Tanne aufgestellt, die schon Monate vorher im nahen gelegenen Wald ausgesucht wurde. Die Frauen des Gutes ließen es sich Jahr für Jahr nicht nehmen, den prächtigen Baum mit Strohsternen zu schmücken. Jedes Jahr bastelten sie neue Sterne in den langen dunklen Abenden im November und Dezember.

Im Herrenhaus gab es auch einen Weihnachtsbaum für die Familie, der immer am Heiligen Abend von Elisabeth von Luckenberg mit Wachskerzen geschmückt wurde. Wenn es geschneit hatte, fuhr die herrschaftliche Familie mit dem Schlitten zur Kirche. Die Mägde und Knechte gingen zu Fuß, aber die Kinder durften im Bollerwagen fahren. „Maria, gehst du bitte und holst meine Eltern? Sie fahren im Brennabor von Anton von Liebenau mit. Das ist bequemer für sie. Wir nehmen den Einspänner, es ist ja nicht so weit.“ Friedrich hatte das Privileg, einen Wagen zu besitzen, sodass auch Maria in ihrem Zustand nicht laufen musste. Ihre Knie wurden von einem warmen Wollplaid geschützt und ihre Hände steckten in Fäustlingen. Sie trug eine dunkelblaue wollene Jacke und einen dunklen langen Rock. Das aufgesteckte Haar versteckte sie unter einem kleinen Hut. Auch Friedrich hatte seine Sonntagskleider an: ein langer schwarzer Gehrock mit passenden Hosen und ein weißes Hemd.

Nach der Andacht kamen die Leute, die auf dem Gut wohnten, zum Herrenhaus und versammelten sich bei der großen Tanne. Der Baron trat mit seiner Frau Elisabeth vor das Herrenhaus auf den Platz, wo die Tanne stand. Die Baronin war in einen wertvollen Pelz gehüllt. Der Baron trat, gekleidet in einen doppelreihig geknöpften Wollmantel mit einem Pelzkragen, vor seine Belegschaft.

„Heute feiern wir das Weihnachtsfest“, sagte Ernst August von Luckenberg. „Ein hartes Jahr liegt hinter uns, aber wir haben es geschafft, eine gute Ernte einzufahren und gute Erträge beim Verkauf unserer Tiere zu erwirtschaften. Ich möchte euch allen dafür danken. Möget ihr nun ein friedliches Weihnachtsfest mit euren Familien feiern. Als Dank haben wir ein paar Gaben für das Weihnachtsfest vorbereitet. Bleibt gesund und zuversichtlich.“

Dann verteilte die Baronin an jeden ein Päckchen mit Lebensmitteln und anderen kleinen Gaben. Sie standen noch ein wenig beisammen, bevor die Familien in ihre Häuser zurückkehrten.

Auch Maria und Friedrich kehrten mit Friedrichs Eltern, die bei ihnen wohnten, in ihr warmes Häuschen zurück, das ganz in der Nähe der Wirtschaftsgebäude lag, und aßen zu Abend. An Heiligabend gab es Kartoffelsalat und am ersten Weihnachtsfeiertag die traditionell gebratene Gans. Die Leckereien aus der Küche waren der Höhepunkt des Weihnachtsfestes nach der Messe. Vilma Landsberg war eine exzellente Köchin und es machte ihr Freude, ihre Schwiegertochter zu unterstützen.

Friedrichs Eltern gingen dann bald schlafen und das junge Paar blieb noch auf. Die Kerzen auf dem Adventskranz brannten. Nachdem Maria alles aufgeräumt hatte, traten sie vors Haus und sahen in einen samtenen Nachthimmel. Sie bestaunten den Großen und den Kleinen Wagen am Nachthimmel, als plötzlich Friedrich ihre Hand festhielt, sie ansah und sagte: „Maria, nächstes Weihnachten werden wir schon zu dritt sein. Ich kann es kaum erwarten und freue mich so sehr! Vielleicht wird es ein Sohn, aber wenn es ein Mädchen wird, dann sollte es die Schönheit seiner Mutter besitzen.“

Maria lächelte und sah ihren Mann mit großen Augen an. Was habe ich doch für ein Glück gefunden!, dachte sie bei sich. Bald habe ich die Familie, die ich mir immer gewünscht habe.

Sie strich über ihren Bauch und sah Friedrich an. „Es wird nicht mehr lange dauern, bis es deutlich sichtbar sein wird“, sagte Maria. „Immerhin ist mir seit einiger Zeit nicht mehr übel und im Großen und Ganzen geht es mir gut.“ „Ja, zum Glück“, sagte Friedrich. „Du hast mir richtig leidgetan.“

Die Weihnachtstage gingen vorüber und der Silvesterkarpfen wurde geschlachtet und verzehrt.

Der Neujahrstag brachte frischen Schnee, der der Auftakt für einen langen, harten Winter war. Ende März taute der Schnee endlich langsam weg und das Frühjahr hielt Einzug. Die Saat wurde in den Boden gebracht und es wurde gepflügt und gepflanzt. Nachdem das Elbhochwasser abgeflossen war, wurden die Tage wärmer und die Sonne nahm täglich an Kraft zu.

Am 31. Mai feierte Friedrich seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis das Kind kam.

***

Der Hof lag noch im Dunkeln, als Maria Friedrich weckte. Das Ziehen hatte schon kurz nach Mitternacht eingesetzt, aber Maria hatte Friedrich nicht geweckt. Sie wollte ihm den erholsamen Schlaf lassen und biss die Zähne zusammen.

Bevor die Morgendämmerung einsetzte, stieß Maria ihren Mann sanft an. „Friedrich, die Wehen werden immer stärker. Unser Kind wird bald da sein.“ Sie hielt sich den großen schweren Bauch und wartete mit schmerzverzerrtem Gesicht, dass die Wehe vorüberging.

„Was? Warum hast du mich denn nicht geweckt? Du musst dich doch nicht allein quälen.“ Besorgt schaute er Maria an. „Ich sage Frieda Bescheid, dass es so weit ist“, sagte Friedrich, stieg schnell in seine Hosen, die über dem Stuhl lagen, nahm seine Jacke vom Haken und verließ das Haus.

Frieda, die schon viele Kinder auf die Welt gebracht hatte, nahm Marias Hand und sprach ihr gut zu: „Wir schaffen das zusammen!“ Maria lächelte, aber ihr Lächeln erstarb, denn eine weitere Wehe überkam sie. Maria quälte sich nun schon viele Stunden. „Maria“, sagte Frieda, „nun hast du es bald geschafft. Beim ersten Mal dauert es immer lange, aber bei den nächsten Kindern geht es schneller.“ Ich wäre froh, wenn dieses nur bald da wäre, dachte Maria.

Der Morgen war angebrochen und auf dem Gut herrschte bereits reger Betrieb, der bis in das Schlafzimmer zu hören war. Frieda brachte immer wieder frisches Wasser und kühlte Marias Stirn, ihre Arme und ihre Hände. Frieda war schon immer da. Sie gehörte sozusagen zum Inventar des Gutes. Sie war auf dem Brunnenhof zur Welt gekommen und nie fortgegangen. Frieda hatte geholfen, die meisten Kinder auf die Welt zu holen, und war für die Frauen eine wichtige Stütze.

Als Mägde und Knechte ihrer mittäglichen Arbeit nachgingen und die Sommersonne schon hoch am Himmel stand, drang ein langer qualvoller Schrei durch das Hofmeisterhaus.

Friedrich war gerade dabei, sein Büro zu verlassen und Anton von Liebenau aufzusuchen, als er das Schreien eines Babys hörte. Für eine Sekunde blieb er stehen und rannte dann über den Platz in Richtung seines Hauses. Vor seiner Haustür blieb er mit klopfendem Herzen stehen. Dann ging er in die Küche und setzte sich auf einen Stuhl.

Maria sank erschöpft in die Kissen ihres Ehebettes und Frieda gab ihr das frisch gewaschene Neugeborene in den Arm.

Frieda kam nach einer gefühlt unendlich langen Zeit aus dem Schlafzimmer in die Küche und sagte: „Friedrich, ich gratuliere dir, du hast einen gesunden Sohn. Maria geht es gut, du kannst jetzt zu ihr.“

Er eilte ins Schlafzimmer, nahm die noch schwache Maria in die Arme und warf einen ersten Blick auf seinen Sohn.

„Schau, Maria, wie hübsch er ist!“, sagte Friedrich. „So kleine Hände, es ist wie ein Wunder.“

Maria lächelte und schaute glücklich in das Gesicht ihres Sohnes.

So wurde Otto Friedrich Landsberg am 17. Juni 1907, wenige Tage vor der Sonnenwende, geboren. Er sollte ein ereignisreiches Leben vor sich haben.

3

Paul prüfte die Zeichnungen und machte sich dann auf den Weg zur Baustelle. Es war schon später Vormittag und der neue Wasserturm wuchs schon erkennbar in die Höhe. Es zu sehen, erfüllte ihn mit Stolz und Zufriedenheit. Wenn alles so weiterging, würden sie ihn im kommenden Jahr einweihen können.

Er sprach mit seinem Vertrauten, dem Vorarbeiter Konrad, und ging mit ihm die nächsten Bauschritte durch. Als er sich umdrehte, um zu gehen, hörte Paul einen Knall und kurz darauf einen furchtbaren Schrei.

Paul und Konrad sprangen herbei und sahen das schreckliche Unglück. Dann machten sie sich auf den Weg in die Tiefe, dorthin, wo der bewegungslose Körper lag. Einer der Arbeiter war von Gerüst gestürzt. „Hol einen Arzt!“, sagte Paul zu Konrad, noch bevor sie über die vielen Leitern unten ankamen.

Der Arbeiter lag auf dem Rücken und starrte aus leblosen Augen in die Höhe. Der Arzt konnte wenig später nur noch den Tod feststellen.

„Wie konnte das passieren?“, fragte Paul Konrad und die umstehenden Arbeiter. Einer der Anwesenden, ein junger Mann namens Joseph, sagte: „Ein Brett hat sich gelöst und ist beim Drauftreten nach oben geschnellt. Rudolf hat dann das Gleichgewicht verloren und ist abgestürzt.“

Die Arbeit wurde sofort eingestellt. Dann wandte sich Paul an die Arbeiter. „Alle anderen, die von Konrad nicht gebraucht werden, machen Schluss für heute.“ Konrad blieb bei Paul.

Pauls Gedanken rasten. Ihm war sofort klar, dass nicht noch einmal nachgeprüft worden war, ob alles fest verankert war. Er sah Konrad an. „Das gesamte Gerüst muss auf Festigkeit und Sicherheit überprüft werden. Das darf nicht wieder passieren! Es darf keine weiteren Unfälle auf der Baustelle geben.“ „Ja“, sagte Konrad, „ich kümmere mich darum.“

Oft hatte er schon von tödlichen Unfällen auf Baustellen gehört. Zum Glück hatte er diese Erfahrung bisher nicht machen müssen. Wir müssen die Sicherheit hier und für die Zukunft verbessern, dachte er sich und machte sich auf den Weg zur Familie des Verunglückten. Es würde ein schwerer Gang werden. Das wusste er. Der Verunglückte hatte eine Frau und einen Sohn.

Margarethe sah Paul sofort an, dass etwas passiert sein musste. „Wir hatten einen tödlichen Unfall auf der Baustelle“, sagte Paul, bevor Margarethe etwas fragen konnte. „Wie konnte das passieren?“, fragte sie ihren Mann. Paul erzählte ihr die furchtbare Geschichte und schwor sich, die Sicherheit auf dem Baugelände zu seiner Sache zu machen.

Die Beisetzung des toten Arbeiters fand auf dem nahe gelegenen Domfriedhof im Beisein der Familie und aller Kollegen statt. Der Pfarrer hielt eine würdige Predigt und beim Beerdigungskaffee wurde beraten, wie man die Familie in der schweren Zeit unterstützen konnte. Von nun an wollten alle noch mehr Obacht geben, damit es kein weiteres Unglück mehr gab.

Schlank, mit spitzer Turmhaube und aus rotem Backstein ragte der neue Wasserturm gut ein Jahr später in den Himmel. Die kleine Stadt hatte nun ein weiteres Wahrzeichen, das schon von Weitem sichtbar war. Das wunderschöne Wappen, das den Turm zierte, war ein Entwurf von Paul. Er hatte es selbst angefertigt.

Die Einweihung fand im nächsten Sommer statt und wurde ein großes Volksfest. Es gab viel Platz drum herum, sodass Schausteller, Gastwirte und Händler ihre Buden aufstellen konnten. Die Bürger kamen in ihrem Sonntagsstaat: Der Bürgermeister hielt eine Rede und dankte auch Paul und den Arbeitern und vergaß nicht dem Toten zu gedenken, der für das Bauwerk sein Leben lassen musste. Eine Kapelle spielte Blasmusik. An Buden wurden Getränke und Zuckerwatte für die Kinder verkauft. Die Menschen vergnügten sich mit Tanz und Musik und viele dachten gerne an diesen besonderen Tag zurück.

***

Die kleine Alwine war der Sonnenschein ihrer Eltern und der ganze Stolz ihres Vaters. Sie fand es aufregend, wenn sie auf seinem Schoß sitzen durfte und er ihr von den Häusern und Bauten berichtete oder wenn er die Zeichnungen auf dem großen Tisch anschaute. „Vati, ich möchte später auch einmal Häuser bauen oder am besten ein Schloss für die Prinzessin“, sagte sie stets. Paul lächelte dann und strich ihr über das blonde Haar.

Das kleine Haus am Kaiser-Otto-Platz war erfüllt mit Leben.

Im Sommer saßen die Sieberts, oft auch mit den Nachbarn, im Hof zusammen und genossen die langen hellen Tage. Der Hof am Haus war an der rechten Wand umgeben von einer Ziegelmauer und an der linken Wand und an der Stirnseite mit einem Holzzaun. In der hinteren rechten Ecke stand ein Apfelbaum und daneben gab es zwei Johannisbeersträucher. Der Boden im Hof war festgestampfter Lehm. An der Hauswand hatte Paul eine Steinterrasse gebaut, auf der eine Holzbank mit einem Holztisch davor stand. Bei schönem Wetter holten die Sieberts noch weitere Holzstühle aus dem Haus und das Leben verlagerte sich in den Hof. Da der Hof nach Osten lag, war es hier im Sommer angenehm kühl und schattig. Es gab außerdem noch einen kleinen Garten, unweit des Hauses, wo sie allerlei Obst und Gemüse anbauten und ernteten.

Im Winter hielt Paul den kleinen Platz vor dem Haus frei von Schnee, denn davon hatte es in den letzten Wintern reichlich gegeben.

Unweit des Platzes gab es einen langen Berg, der in die Stadt führte und der sich für die Kinder im Winter vortrefflich zum Rodeln eignete.

Rund um die große Kirche gab es für die kleine Alwine viele interessante Orte zum Fangen- und Versteckenspielen. Mit den Nachbarskindern ging sie auf Erkundungstour, auch wenn die Mutter ihr verbot, sich allzu weit vom Haus zu entfernen.

Paul baute für Alwine einen Roller mit einem schönen Holzrahmen. Mit dem Roller sauste sie umher, war doch das Fahren um so vieles besser. Alwine konnte nun mit ihrem Roller die Umgebung erkunden und ihre blonden Zöpfe im Wind flattern lassen.

Morgen würde Alwine sechs Jahre alt werden. Sie lag in ihrem Bett und konnte vor Aufregung nicht schlafen. Was würde sie wohl geschenkt bekommen? Und würden morgen auch Kerzen und Blumen auf ihrem Geburtstagstisch stehen? Vor Vorfreude und Spannung schlief sie dann irgendwann ein.

Als sie erwachte, fielen Sonnenstrahlen durch die Ritzen der Schlagläden. Sie stand auf und tapste auf Zehenspitzen in die Wohnstube.

Da brannten Kerzen auf dem Tisch und ein Tulpenstrauß stand neben einem eingepackten Geschenk. Ihre Mutter kam ins Zimmer und sagte: „Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz!“, und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Als sie das Geschenk öffnete, fand sie darin schwarze Lackschuhe. „Au, sind die schön! So schöne Schuhe habe ich ja noch nie gesehen!“ Alwine zog die neuen Schuhe an und stolzierte die ganze Zeit mit den neuen Schuhen durch das Haus.

Am Nachmittag kamen zwei Nachbarskinder zur kleinen Geburtstagsfeier, Hildegard vom letzten Haus am Platz und Hedwigs Sohn Oskar. Die Kinder spielten und lachten miteinander und fielen über Margarethes selbst gebackenen Kuchen her.

Im Herbst würde Alwine die Schule besuchen, aber erst einmal stand ihr ein wunderbarer unbeschwerter Sommer bevor. An allem interessiert und von schneller Auffassungsgabe, konnte Alwine es kaum erwarten, in die Schule zu gehen. Ihr Vater versuchte ihr, so gut es ging, alles zu erklären und ihren Wissendurst zu stillen. Sie würde Bücher und Hefte bekommen und dann endlich das Lesen und Rechnen lernen.

Als Ende August erste, einzelne Blätter im Laub der Bäume schon eine gelbe Färbung zeigten, erahnte man den baldigen Einzug des Herbstes.

Endlich war es so weit. Alwine konnte vor Aufregung nicht einschlafen, denn morgen endlich würde sie eine Schülerin sein. Als die Strahlen der Morgensonne ins Zimmer fielen, schlüpfte sie aus ihrem Bett und ging auf Zehenspitzen zum Schrank, dort, wo ihr Schulranzen stand. Sie hob in leise an und strich über das wunderbare Leder und roch daran.

Das Frühstücksbrot musste sie sich runterzwingen, so aufgeregt war sie. Dann wurde sie von ihren Eltern in die Schule begleitet. Die Mutter hatte ihr ein neues Kleid genäht, blau mit weißen Blenden, ein wenig im Matrosenstil. Zu ihrem ersten Schultag durfte sie zu dem schönen blauen Kleid auch weiße Söckchen und die schwarzen Lackschuhe anziehen. Ihre blonden Zöpfe zierten blaue Schleifen. Alwine war mächtig stolz und ging aufrecht an der Hand ihres Vaters zur Schule. „Wird der Lehrer auch nett sein?“, fragte sie ihren Vater. „Und meine Mitschüler auch?“ „Ganz bestimmt“, brummte Paul. Der Lehrer, Albert Heinrichs, nahm die neuen Schüler an der Schultür in Empfang. Alwine fand, dass er streng aussah. Nicht so freundlich wie ihr Vater oder Onkel Richard. Aber vielleicht sah er ja auch nur so aus, tröstete sie sich.

Alwine hatte eine bunte Schultüte mit Süßigkeiten bekommen. Nun war sie endlich eine Schülerin. Immer wieder sah sie ihre Fibel und das Rechenbuch an und wünschte sich, dass sie das alles schon verstehen könnte. „Das wird schon“, sagte ihre Mutter. „Du wirst sehen, schon bald kannst du lesen und schreiben.“ „Wie schnell ist denn bald?“, bohrte sie weiter. „Vielleicht Weihnachten“, sagte Margarethe. „Weihnachten ist gut“, befand Alwine dann und war mit der Aussage zufrieden.

Kurz nach der Einschulung, Anfang September, gab es den traditionellen Jahrmarkt oder Pferdemarkt, wie er in Havelberg genannt wurde, mit Pferden, Buden, einem Zauberkünstler und auch einem Karussell.

Alwine ging an der Hand ihres Vaters. „Vielleicht sehe ich meine Schulkameraden dort“, sagte sie. „Und gibt es ganz bestimmt ein Karussell?“, löcherte sie weiter. „Ganz bestimmt“, antwortete Paul.

Schon von Weitem sah sie das sich drehende Karussell und die bunten Buden. Ihr Herz schlug höher. Den Jahrmarkt gab es nämlich nur einmal im Jahr.

„Vati, wie oft darf ich fahren?“, fragte sie ihren Vater. Paul schaute in ihre runden strahlenden Augen, lachte und sagte: „Für zwei Fahrten reicht das Geld bestimmt, Kleines.“

„Hallo, Paul“, hörte Paul jemanden hinter sich rufen und drehte sich um. „Grüß dich, Richard. Wie geht es dir? Bist du allein hier? Ich sehe Hedwig nicht.“ „Hedwig ist zu Hause geblieben. Sie hat Kopfschmerzen. Ich bin mit zwei Kollegen hier. Wir haben uns auf ein Bier getroffen. Der eine soll sich für seinen Bruder nach einem Pferd umsehen. Aber er hat das Passende noch nicht gefunden. Ich mag das Treiben hier. Und du, was machst du hier?“ „Ich habe Alwine das Karussell versprochen. Sie sitzt da auf dem weißen Pferd. Margarethe ist froh, wenn sie mal ein paar Stunden für sich hat. Sie ist auch zu Hause geblieben.“

Richard nickte und schaute auf seine Uhr. „Nun muss ich aber los. Hedwig hat mir aufgetragen, einen geräucherten Aal mitzubringen.“ „Die gibt es da vorne am Eingang“, sagte Paul.

„Kommt doch gerne mal wieder zu uns. Vielleicht nächsten Sonnabend?“, sagte Paul noch, bevor Richard seinen Weg fortsetzte. „Gute Idee. Gerne, das machen wir.“ „Passt es euch Sonnabend?“, fragte Paul. „Ja, da haben wir nichts vor.“ „Also dann Sonnabend“, bestätigte Paul noch einmal die Verabredung.

Er traf noch den einen oder anderen Bekannten, wechselte viele Worte und machte sich dann am späten Nachmittag mit Alwine auf den Heimweg. Es wurde ein schöner Tag für sie beide, denn Paul konnte ihre bescheidenen Wünsche erfüllen.

Alwine stürmte zur Haustür herein. „Mutti, Mutti, ich durfte drei Mal Karussell fahren, auf einem schönen weißen Pferd. Und Zuckerwatte hat mir Vati auch gekauft!“, strahlte sie. „Na, hoffentlich kriegst du keine Bauchschmerzen davon“, sagte ihre Mutter. „I wo“, verneinte Alwine und schüttelte heftig den Kopf. „Es war so schön“, schwärmte sie.

„Gretchen, ich habe Richard getroffen. Er war auch ohne Hedwig unterwegs. Ich habe die beiden eingeladen, nächsten Sonnabend zu uns zu kommen. Ich hoffe, es ist dir recht. Es war eine spontane Idee von mir.“ Margarethe stellte sich hinter Paul, der am Küchentisch auf einem Stuhl saß, schlang ihre Arme um ihn und küsste seine Wange. „Das war eine gute spontane Idee, Paul. Ich freue mich, wenn sie kommen“, sagte sie.

„Was hast du eigentlich mit deiner freien Zeit angestellt?“, fragte Paul. „Ich habe ein wenig im Garten gearbeitet und ein wenig aufgeräumt.“

Als Alwine später ins Bett sank, dachte sie noch mal über den wunderbaren Tag nach. Sie sah vor ihrem geistigen Auge die bunten Stände und das sich drehende Karussell. Irgendwann schlief sie zufrieden ein.

Es war ein ereignisreiches Jahr und das Leben war einfach wunderbar.

Es hätte für die kleine Familie immer so weitergehen können, aber außerhalb ihres kleinen Kosmos brauten sich gefährliche Sturmwolken zusammen.

4

Die Bäume waren schon fast kahl. Es war Ende Oktober und das Jahr 1911 ging langsam seinem Ende entgegen.

In der hübschen Stadt Weimar, unweit des Thüringer Waldes, herrschte im Hause des Stoffwarenhändlers Gottfried Ohme große Geschäftigkeit. Gottfried Ohme, genannt Fritz, und seine Frau Mathilde bewohnten ein hübsches Stadthaus im Zentrum von Weimar. Das gelb verputzte Haus zog sich über drei Etagen. Die drei Fenster, die zur Straße hinausgingen, zierten hübsche weiße Fenstersimse. Im Erdgeschoss befand sich die große Küche, in den Räumen darüber der Salon und das Arbeitszimmer von Fritz. Im zweiten Stock befanden sich das Schlafzimmer von Fritz und Mathilde und das Kinderzimmer. Mathilde hatte mit ihrem guten Geschmack das kleine Haus hübsch und gemütlich eingerichtet. Alle Fenster zierten geschmackvolle Vorhänge. Die schönen Holzmöbel waren dekorativ und praktisch.

Der Stoffhandel der Familie, den sich Fritz in den letzten Jahren aufgebaut hatte, florierte. Im Rahmen der Industrialisierung zog es immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. Das aufstrebende Bürgertum und die wachsende Stadtbevölkerung wollten gut eingekleidet sein. Fritz hatte das Geschäft von seinem Vater Gustav übernommen, der sich nach einem Schlaganfall aus der Firma zurückgezogen hatte. Fritz’ Mutter, Klara Ohme, eine kränkliche Frau, kümmerte sich nach besten Kräften um den Vater. Sie hatte nie viel Sinn für das Geschäft gehabt, sodass recht schnell die Entscheidung getroffen wurde, Fritz die Leitung des Unternehmens zu übergeben. Bei der Übernahme waren die Umsätze noch gering, hatte sich sein Vater doch auf althergebrachte Bezugsquellen verlassen. Fritz war längst klar geworden, dass nur eine Expansion ihnen auf lange Zeit die Existenz sichern konnte. Daher hatte er sich auf den Weg gemacht und neue Lieferanten im In- und Ausland akquiriert. Vor drei Tagen war Fritz nach Ypern in Flandern gereist, um dort neue Stoffe einzukaufen. Mittlerweile hatte er sich einen Namen in der Stadt und in der Region gemacht und es war bekannt, dass er Stoffe von allerbester Qualität und Güte in seinem Sortiment hatte. Wer das Besondere suchte, für den war Fritz Ohme immer die erste Adresse.

Fritz Ohme war groß und schlank und auffallend attraktiv. Er hatte schwarzes, dichtes Haar, was ihm ein südländisches Aussehen verlieh. Sein Gesicht war ebenmäßig und hatte feine Züge. Wenn er lachte, konnte man seine schönen, weißen Zähne sehen. Er war nicht nur bei Frauen beliebt. Seine offene Art und sein sportliches Auftreten brachten ihm auch bei Männern Sympathien ein.

Die Familie betrieb neben dem Lager, das etwas außerhalb lag, auch einen Stoffladen in der Innenstadt von Weimar, wo jedermann Stoffe für alle Anlässe kaufen konnte. Zuerst hatte Mathilde den Laden selbst betrieben, aber im Zuge ihrer Schwangerschaft hatten sie jemanden dafür eingestellt. Sie fanden eine zuverlässige und kompetente Dame namens Hannah Rosenberg, welche die Familie Ohme sofort ins Herz geschlossen hatte. Die beiden Frauen verstanden sich auf Anhieb gut, war Hannah doch nur wenig älter als Mathilde und Fritz. Hannah selbst hatte keine Kinder und war so ganz für die Familie Ohme da.

Mathilde, die nun kurz vor der Niederkunft stand, hoffte, dass Fritz rechtzeitig zurück sein würde. Sie führte derweil das Kaufmännische im Geschäft in Weimar weiter, so gut sie eben konnte. Fritz setzte großes Vertrauen in seine kluge und schöne Frau. Mathilde war mittelgroß und sehr schlank. Ihre dunklen Augen zierten lange schwarze Wimpern. Ihr brünettes, volles Haar, das von kupferfarbenen Strähnen geziert wurde, fiel ihr bis über die Schultern. Meistens trug sie es zusammengesteckt, aber abends, wenn sie es bürstete, konnte Fritz den wunderbaren Glanz darin bewundern. Er liebte seine schöne Frau über alles und sie erwiderte diese Liebe.

Jeden Tag ging Mathilde noch in den Laden und hatte mit Hannah einen Austausch, außerdem tat ihr der tägliche Spaziergang gut.

Die letzten Sonnenstrahlen hatten gerade das Zimmer verlassen und Dunkelheit machte sich rasch breit. Jetzt, Ende Oktober, waren die Nachmittage und die Zeit der Dämmerung kurz. Bald würde es dunkel sein. Inständig hoffte Mathilde, dass Fritz bald heimkommen würde. Sie hatte sich gerade mit einer Tasse Tee hingesetzt, um in ihrem Buch weiterzulesen, als sie ein Ziehen im Unterleib bemerkte. Sie freute sich auf das Kind und hoffte, dass es ein Junge würde, der dem Vater zur Hand gehen und ihm dann später im Geschäft nachfolgen könnte. Als das Ziehen immer häufiger und stärker wurde, bat sie das Hausmädchen Hildegard, die Hebamme zu holen. Mathilde hatte sich mittlerweile hingelegt, denn die Wehen wurden immer stärker. Die Hebamme, Frau Arendt, hatte ihr gesagt, dass es noch dauern würde, sie würde in einer Stunde noch einmal wiederkommen.

Nicht fähig, etwas zu lesen, lag Mathilde auf ihrer Seite des Ehebettes und dachte an Fritz. Sie dachte an die Zeit ihres Kennenlernens in Weimar, als sie über eine kaputte Bordsteinplatte gestolpert war und fast gefallen wäre, wenn Fritz sie nicht aufgefangen hätte. Sie erinnerte sich an ihre Treffen unter dem sommerlichen Sternenhimmel, an ihren ersten Kuss und ihre heimlichen Treffen. Sie dachte an ihre Hochzeit. Fritz hatte ihr Brüsseler Spitze für ein weißes Brautkleid geschenkt. Viele Bräute trugen Schwarz, um das Kleid hinterher noch zu anderen Anlässen tragen zu können, aber wer es sich leisten konnte, trug Weiß. Das bräutliche Weiß begann sich mehr und mehr durchzusetzen. Sie dachte an die Kutsche und die Glocken von St. Peter und Paul, die geläutet hatten, und an ihre glücklichen Gesichter, als sie als Eheleute Ohme die Kirche verlassen hatten. Ich habe das große Glück gefunden, dachte Mathilde. Mehr kann man sich nicht wünschen. Und nun sollten sie auch noch ein gemeinsames Kind haben.

Die Zeiger der Uhr in ihrem Schlafzimmer schoben sich gegen Mitternacht und die Wehen drohten ihr den Leib zu sprengen. Frau Arendt sprach ihr Mut zu. Ihre ruhige Art und ihr einfühlsames Wesen hatten schon vielen Gebärenden geholfen und auch Mathilde vertraute ihr. Sie hielt Mathildes Hand und kühlte ihre schweißnasse Haut. Die Wehen wurden immer stärker und Mathilde hatte Sorge, dass ihre Kraft nicht reichen würde. Frau Arendt schaute in Mathildes besorgtes Gesicht, nachdem eine erneute Wehe abgeklungen war. „Das Kind wird gleich da sein. Ich kann es schon sehen. Sie müssen jetzt pressen, und zwar mit aller Kraft.“ Mit einem letzten starken Aufbäumen und einem Schmerz, der mit nichts zu vergleichen war, schob sich das Kind aus ihrem Leib. Die Hebamme nahm es und nabelte es ab. Lächelnd sah sie Mathilde an und sagte: „Sie haben eine wunderschöne, gesunde Tochter!“ Danach versorgte sie erst das Baby und dann Mathilde und legte ihr das Kind in den Arm. Überglücklich schaute sich Mathilde ihre Tochter an und war gar nicht traurig, dass es kein Junge war.

Am nächsten Nachmittag kam Fritz von seiner Reise nach Hause. Als er vor der Haustür stand, hörte er die Schreie eines Babys. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte ihn. Er raste die Treppe nach oben. Mathilde lag in ihrem Bett und hielt das Baby in den Armen. Er blieb einen Moment stehen und schaute seine Frau mit aller Zärtlichkeit an. Dann schloss er sie und sein Kind überglücklich in die Arme. „Es ist leider kein Junge geworden. Aber wir haben eine wunderschöne Tochter. Ich möchte, dass wir sie Antonia nennen“, sagte Mathilde. Fritz betrachtete das hübsche Baby. „Den Namen hast du gut gewählt, ich bin absolut einverstanden“, sagte er.