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Im Mai 1945 steht eine junge Frau in der Uniform der englischen Besatzungsarmee im zerstörten Deutschland an einem Grab und nimmt endgültig Abschied. 45 Jahre später wird eine andere junge Frau, die Rechtsanwältin Johanna Oldenburg, durch den Brief einer ihr unbekannten Frau nach Cornwall eingeladen. Zögernd folgt sie dieser Einladung, voller Unsicherheit, was auf sie zukommen mag und hält plötzlich die Fäden einer sehr geheimnisvollen Geschichte in ihren Händen. Es ist die Geschichte ihrer Familie, aber es ist auch die Geschichte einer dunklen Zeit, in der die Grenzen zwischen Recht und Unrecht nicht erkennbar waren. Johanna, die weit nach dem Krieg geboren wurde, hat wenig Interesse an der Vergangenheit und lebt in der Gegenwart. Umso mehr erschüttern sie diese Informationen, sie gerät in mehr als einer Hinsicht in Turbulenzen. Sie weiß nicht, was sie mit ihren Informationen anfangen soll und muss feststellen, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht ungefährlich ist. Sie wird konfrontiert mit einem Ausmaß an Verrat, das sie nicht für möglich gehalten hätte und muss mühsam ihren Weg aus dieser verworrenen Situation finden, was auch für sie nicht ohne Verletzungen möglich ist.
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Seitenzahl: 379
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Ute Janas
Jakobs kleiner Koffer
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog Mai 1945
Kapitel 1 Mai 1990
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 6 Oktober 1925
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Impressum neobooks
Der englische Armee-Jeep rumpelte über die zerstörten Straßen der westdeutschen Großstadt. Am Steuer saß ein Corporal, im Fond ein Offizier im Rang eines Colonels, neben ihm eine schlanke, blonde Frau, ebenfalls in der Uniform der englischen Armee. Der Wagen verließ das, was einmal eine blühende Innenstadt gewesen war und fuhr vorbei an einer unendlichen Reihe von Ruinen, die anklagend ihre Stümpfe in den Himmel reckten. Die Straßenränder waren gesäumt von weggeräumten Panzersperren und Schuttbergen, ärmlich gekleidete Menschen hasteten durch die Stadt, schauten sich ängstlich um und verschwanden unvermittelt hinter Trümmern. Ein alter Mann, der einen klapprigen Leiterwagen hinter sich herzog, verharrte am Straßenrand, um den Jeep vorbeizulassen. Sein Gesicht war grau, und seine Augen blickten leer. Seine Gesichtszüge schienen das Geschehen der letzten Jahre zu spiegeln und offenbarten Angst, Verzweiflung und Resignation.
Die Wageninsassen fuhren schweigend durch die Stadt und die junge Frau wirkte mit ihrem regungslosen Gesicht, als ob sie ihre Umwelt gar nicht wirklich wahrnehmen würde.
Nach einer Weile bog der Corporal von der Hauptstraße ab und lenkte den Wagen in einen holprigen Weg. Sie befanden sich nun außerhalb der Stadt und durchfuhren kleine Orte, begleitet von Spuren des Krieges.
„You´re quite sure, Darling?”, fragte die Frau auf dem Rücksitz ihren Begleiter.
Dieser nahm ihre Hand in die seine und nickte nur, die Augen besorgt auf die junge Frau gerichtet. Sie nickte nun ebenfalls und bat dann den Fahrer, an der nächsten Ecke links abzubiegen. Dieser tat, wie ihm geheißen und brachte den Wagen kurz danach neben einer kleinen Kirche, die ebenfalls von den Spuren des Krieges gezeichnet war, zum Stehen. Das Kirchenschiff war aufgerissen, die Fensteröffnungen hohl und schwarz, nur der Turm hatte überlebt und es klang wie ein irrwitziges und unpassendes Zeichen der Hoffnung, als plötzlich die Stundenglocke verkündete, dass es elf Uhr sei.
Der Colonel und seine Begleiterin stiegen aus und gingen um den Wagen herum, um unter der Plane einen Kranz hervorzuholen, schlicht geschmückt mit gelben Schlüsselblumen.
Gemeinsam wandten sie sich zu dem kleinen Kirchhof, der nur wenigen Gräbern und Gruften eine Heimstatt bot. Das Tor hing schief in den Angeln und die meisten Grabsteine waren alt und verwittert und viele Inschriften nur noch mühsam lesbar.
Zielstrebig durchschritt die junge Frau den Kirchhof und blieb vor einem großen Grabmal stehen.
„Hier ist es”, sagte sie leise, diesmal auf deutsch.
Der Colonel trat neben sie und legte seinen Arm um ihre schmalen Schultern.
„Letzte Ruhestätte der Familie Heimberg“ war mit bronzenen Lettern auf eine schwarze Marmorplatte geschrieben. Darunter folgten viele Namen; die letzte Inschrift lautete:
Lotte Heimberg
geb. 1930, vermißt 1944
Der Mann legte den Kranz nieder und beide schauten stumm auf das Grab. Sie hielten sich bei der Hand und waren lange in ihre Gedanken versunken.
Schließlich atmete die junge Frau tief durch und wandte sich von dem Grab ab.
„Komm Jordan, ich habe jetzt endgültig Abschied genommen und kann dieses Land für immer verlassen. Und ich schwöre dir, ich werde es nie wieder betreten“
Johanna Oldenburg betrat mit der Anwaltsrobe über dem Arm das Café und schaute sich suchend um. Offensichtlich war ihr Mandant noch nicht da und sie hatte noch einen Augenblick Zeit, sich alleine und konzentriert auf die heutige Urteilsverkündung vorzubereiten. Wieder mal verfluchte sie den Tag, an dem sie sich von ihrem Verlobten hatte überreden lassen, diesen Fall zu übernehmen, eine Tatsache, die im wesentlichen darauf zurückzuführen war, dass Ludwig nicht nur ihr persönlicher Partner, sondern auch Chef der Kanzlei Dr. Steifflinger, Kant & Kollegen war und erheblichen Druck auf sie ausgeübt hatte. Irgendwann hatte sie sich diesem Druck gebeugt, weil sie spürte, dass es ihm ein wirkliches Anliegen gewesen war, den Prozess in ihre und keine anderen Hände zu legen, nachdem er selbst wegen anderer Termine nicht in der Lage gewesen war, die Verteidigung zu übernehmen.
Der Mandant war ein alter Freund der Familie Steifflinger, ein Internist, der von einer Krankenkasse des Abrechungsbetrugs beschuldigt worden war - nach Johannas Auffassung zu Recht, nach Ludwigs Auffassung zu Unrecht - und diese Meinungsdiskrepanz hatte ihre persönliche Beziehung in den letzten Monaten ziemlich erschwert. Vielleicht war sie aber auch nur ein Vorwand gewesen für den eigentlichen Konflikt. Seit geraumer Zeit verstärkte Ludwig seine Bemühungen, Johanna nach dreijähriger Verlobungszeit endlich zu heiraten und sie in das Haus seines Vaters einzuquartieren, eine Vorstellung, die Johanna eher abschreckend fand. Sie mochte ihren zukünftigen Schwiegervater zwar, war aber weder bereit, sich seinem diktatorischen häuslichen Führungsstil, noch dem Villenleben im Vorort hinzugeben und zögerte die Entscheidung immer wieder hinaus. Hunderte von Diskussionen über alternative Wohnlösungen waren im Sande verlaufen, weil Ludwig sich von seiner Familienvilla mit 16 Zimmern und entsprechendem Personal nicht trennen wollte, wofür Johanna, wenn sie ehrlich war, sogar Verständnis hatte. Sie hatten in dieser Frage ein stillschweigendes Moratorium erzielt, das immer dann ins Wanken geriet, wenn ein anderer Konflikt das Gleichgewicht gefährdete, so, wie jetzt.
„Tag Hanni“, sie schreckte hoch und sah ihren Mandanten, Dr. Idel, der deutlich weniger nervös wirkte, als sie selbst.
„Hallo Wolfgang, setz dich, wie geht es dir?”
„Gut natürlich, wir werden heute gewinnen und das verdanke ich dir, meine Prinzessin“, sagte Dr. Idel charmant und zog ihre Hand an seine Lippen.
„Hör auf damit“, sagte sie ärgerlich, „ich kann diesen Schmusekurs nicht leiden.”
„Pardon“, erwiderte er und setzte ein ernstes Gesicht auf.
„Gibt es noch was zu besprechen?”
Johanna stand auf, nahm ihre Robe und sagte: „Nein, ich denke, wir gehen.”
Urteilsverkündung! Wie immer bedeutete das Warten auf den Spruch des Richters für Johanna eine endlose Qual. Hatte Sie alles getan, um ihrem Mandanten zu helfen? Hatte sie vielleicht Fehler gemacht, die ihm den Hals brechen würden? Hatte sie die Richter überzeugen können? Und wie jedes Mal dachte sie auch jetzt wieder: „Warum bin ich bloß nicht ins Hotelfach gegangen?”
Johanna wurde durch das Eintreten des Gerichts abgelenkt. Die Anwesenden erhoben sich und lauschten den Worten des Vorsitzenden:
„Der Angeklagte Dr. Wolfgang Idel wird von dem Vorwurf des Betruges freigesprochen, die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.”
Aufatmend wandte sich Johanna ihrem Nachbarn zu. Er lächelte sie triumphierend an, und es machte ihr in diesem Moment nichts aus, dass er sie umarmte.
Die Staatsanwältin, eine Studienkollegin von Johanna, schien sich noch nicht klar darüber zu sein, ob sie Berufung einlegen sollte und wollte zunächst die schriftliche Urteilsbegründung abwarten. Sie winkte Johanna freundschaftlich zu und verließ den Saal.
Johanna packte ihre Tasche und wandte sich ebenfalls dem Ausgang zu. Das Gericht befasste sich bereits mit der nächsten Sache und andere Anwälte saßen neben ihren Mandanten mit mehr oder weniger angespannten Gesichtern auf den harten Bänken der Gerechtigkeit.
„Das müssen wir unbedingt feiern”, sagte Wolfgang und hängte sich bei ihr ein.
„Aber nicht heute, ich habe schon was anderes vor”, erwiderte Johanna.
„Dienstlich oder privat?” fragte er, was sie ziemlich aufdringlich fand, dennoch antwortete sie kurz: „Privat.”
„Wieso, Ludwig ist doch in Hannover bei der Aufsichtsratssitzung”, sagte Wolfgang.
„Eben”, lächelte Johanna ihn an und verließ den Gerichtssaal. „Prinzessin, bist du auf Abwegen?”, fragte Wolfgang mit gerunzelter Stirn, aber sie winkte ihm nur noch freundschaftlich zu und ließ ihn stehen.
Mit dem Aufzug fuhr sie in die Tiefgarage, warf ihre Akten und ihre Robe in den Kofferraum ihres Wagens und machte sich auf den Weg nach Hause. Sie hatte eigentlich gar nichts anderes vor, als endlich mal einen halben Tag nichts zu tun, sich zu entspannen, auf ihrer Terrasse zu sitzen und ihren Träumen nachzuhängen. Aber genau das wollte sie Wolfgang nicht erzählen, er hätte es ohnehin nicht verstanden. Er gehörte - genau wie Ludwig - zu der Gruppe der “Macher”, Leute, die keine Auszeit kannten, es sei denn, sie gehörte ins Programm. Ein Dienstagnachmittag war zum Arbeiten da und für Träume nicht gedacht, die hatten Zeit bis zum Wochenende oder bis zum Urlaub. Basta. Johanna hingegen gönnte sich hin und wieder diese kleine Flucht aus dem Alltag und verheimlichte sie gerne, dann waren sie umso wertvoller.
Sie hatte ohnehin eine schwere Zeit vor sich, denn ab dem nächsten Freitag stand der traditionelle Maiurlaub an, ein Segeltörn mit Ludwigs Freunden und deren dauerhaften oder wechselnden Begleiterinnen. Johanna freute sich nicht besonders auf diesen Urlaub, denn für sie war Segeln keine Erholung, eine Erkenntnis, die sie selber überrascht hatte. Während ihres Studiums hatte sie oft neidisch den Schilderungen einer Kommilitonin gelauscht, die ihre Ferien auf der Segelyacht ihrer offensichtlich wohlhabenden Eltern verbrachte. Sie hatte dann auch von romantischen Fahrten über eine liebliche See geträumt, vor einer traumhaften Kulisse am Mittelmeer, mit stimmungsvollen Aufenthalten in pittoresken Häfen. Sie hatte sich in ihrer Vorstellung in gelbe Kissen gebettet gesehen, einen Drink in der Hand haltend und das Panorama von Monte Carlo hinter der Buglinie gelangweilt betrachtend.
Als sie dann vor Jahren von Ludwig tatsächlich auf einen Segeltörn ins Mittelmeer eingeladen worden war, wähnte sie sich am Rande der Glückseligkeit. Der Schock kam jedoch schon beim Einpacken, als Ludwig den größten Teil ihrer Kleider wieder aus dem Koffer holte und sie nach einer vergeblichen Suche in ihrem Kleiderschrank in ein Sportgeschäft schleppte. Dort sah sie sich in einen Faserpelz gehüllt, unkleidsame Troyer in Tüten verschwinden, gefolgt von Overalls aus wasserfestem Material. In diesem Moment hatte sie zum ersten Mal geahnt, dass das mit den gelben Kissen und den Drinks womöglich ein Missverständnis gewesen sein könnte. Dieser Eindruck wurde in den nächsten Wochen zur schauerlichen Gewissheit. Beim Betreten des Bootes in Bandol, einer entzückenden Hafenstadt an der französischen Mittelmeerküste, musste sie bereits erhebliche Abstriche an ihren Vorstellungen von der Größe eines Schiffes machen. Ludwigs Boot war eine 15 - Meter - Yacht, also ein durchaus geräumiges Schiff - aber die Vorstellung mit sieben weiteren Menschen drei Wochen hier verbringen zu müssen, schreckte sie ab. Dann der 24-Stunden-Schlag, so nannten das die versierten Segler, und Johanna fand diesen Ausdruck überaus passend, nach Korsika bei Windstärke 8. In ihrer Erinnerung war ihr so, als hätte sie mehr als die Hälfte der Zeit über der Reeling hängend verbracht, grün im Gesicht und weitgehend unbeachtet von den anderen, die sich lediglich noch vergewissert hatten, dass sie angeseilt war. Sie hatte Todesängste ausgestanden, ohne eine Chance zu haben, sie erwähnen zu können, sie hatte Angst vor der Tiefe und der unübersehbaren Weite des Meeres. Sie verabscheute die Enge der Kojen und hatte ständig das Gefühl, als tropfe ihr irgendwas auf den Kopf. Nachts lag sie wach und lauschte dem nervigen Geräusch Hunderter von Fallen, die unablässig an die Masten klickten. Für Ludwig war Angst vor dem Wasser ein unbekanntes Phänomen. Er schlüpfte in sein Ölzeug wie in eine zweite Haut und stand bei Wind und Wetter glückselig an der Pinne oder hinter dem Steuerrad, wo er - zugegebenermaßen - eine hervorragende Figur machte. Je härter das Wetter, desto fröhlicher wurden Ludwig und seine Freunde. Er war der festen Überzeugung, Johanna brauche sich nur zusammenzureißen, um damit zurechtzukommen. Deshalb hatte er auf ihren zaghaften Vorschlag, in diesem Jahr eine andere Art von Urlaub zu machen, mit recht wenig Verständnis reagiert.
„Du weißt, dass ich mich nur beim Segeln richtig entspannen kann, also verhalte dich bitte ein bisschen kontrollierter, wenigstens mir zuliebe“, hatte er die Diskussion abgebrochen, und sie hatte das Thema nicht mehr aufgegriffen.
Die Reise sollte in diesem Jahr von der holländischen Küste durch den Ärmelkanal zu den Scilly-Islands gehen, mit Stops auf den Kanalinseln, eine Tatsache, die Johanna ein wenig mit ihrem Schicksal versöhnte. Sie liebte diese Inseln, besonders Guernsey und freute sich auf die wenigen Tage, die sie dort verbringen konnte. Das einzige, was sie überhaupt schön am Segeln fand, waren die Abende in den kleinen Häfen, in denen man vom Boot aus eine ganz andere Perspektive genoss. Nach einem langen Segeltag abends in einen Hafen einzulaufen und dort erschöpft an Deck zu sitzen, gemeinsam ein Glas Wein zu trinken und den Sonnenuntergang zu beobachten, das war schon ein tolles Erlebnis und versöhnte sie ein wenig.
Johanna fädelte sich langsam in den Verkehr ein, der zu dieser Mittagsstunde noch sehr moderat war. Sie freute sich auf ihr Heim, ein kleines Haus in einem grünen Viertel, das sie mit ihrem jüngeren Bruder Martin bewohnte. Es hatte ihren verstorbenen Großeltern, den Eltern ihres Vaters, gehört. Nach deren Tod hatte ihr Vater vor der Entscheidung gestanden, das Haus zu verkaufen. Irgendwie hatte er sich nicht entschließen können, sich von dem Haus seiner Kindheit zu trennen und die Entscheidung so lange hinausgezögert, bis seine Tochter begann, in der Stadt zu studieren. Da gab es dann plötzlich einen Grund, das Haus zu behalten, und als ein Jahr später der jüngere Sohn Martin ebenfalls ein Studium begann und zu Johanna in das Haus zog, wurde über einen Verkauf nicht mehr geredet. Die beiden hatten sich das Anwesen im Laufe der Jahre stückweise nach ihren Bedürfnissen umgebaut und hingen sehr daran. Manchmal fragte sich Johanna, ob sie wohl mit der betonten Gemütlichkeit ihres Umfeldes das Fehlen von Geborgenheit in ihrer gemeinsamen Kindheit zu kompensieren versuchten.
Das Leben mit Martin funktionierte sehr gut, sie kamen sich selten in die Quere. Sie lebten zusammen und doch wieder nicht, sie waren sich nahe, ohne sich zu bedrängen und respektierten streng die Privatsphäre des jeweils anderen. So hatten sie es schon als Kinder praktiziert, und so hielten sie es auch jetzt.
Johanna parkte ihren Wagen auf dem Kiesplatz vor dem Haus und schloss die Tür auf. Im Flur hinter dem Briefschlitz lag eine Menge Post, die sie erst einmal auf die Anrichte im Flur legte, weil sie ihren Kater begrüßen musste, der ihr freudig um die Beine schnurrte. Sie kraulte Othello ein bisschen und ging dann in die Küche, um die Kaffeemaschine einzuschalten. Das ganze Erdgeschoß bestand - abgesehen von einer kleinen Toilette - eigentlich nur aus einem einzigen L-förmigen Raum. Martin und sie hatten die alte Wand zwischen Küche und Wohnraum herausnehmen lassen und den früheren Eindruck von Dunkelheit und Enge beseitigt. Das Wohnzimmer war auf der Rückseite völlig verglast und eine große Schiebetür führte auf eine großzügige, mit roten Terrakottafliesen gepflasterte Terrasse, die im Schatten eines alten Kastanienbaums lag. Daneben bestand der Garten eigentlich nur noch aus ein paar Blumenbeeten, die Martin mit Geschick so angelegt hatte, dass es dort fast das ganze Jahr blühte.
Johanna öffnete die Schiebetür und ließ die warme Frühlingsluft in die Wohnung. In diesem Jahr war der Mai wieder sehr mild, und die ersten Blumen an der Terrasse verströmten bereits ihren Duft. Der Lavendel, eine Urlaubserinnerung aus der Toskana, hatte sich ungewöhnlich schnell ausgebreitet und sorgte im Sommer mit seinem unverwechselbaren Geruch für ein fast südliches Flair.
Johanna mochte den Süden, die kleinen Städte und Dörfer in der Emiglia Romana oder in Südfrankreich, in denen man stundenlang auf einem schattigen Marktplatz sitzen konnte, Wein trinken und dazu würzigen Käse essen. Früher war sie in jedem Jahr zu einem anderen südlichen Ziel gefahren, manchmal mit Freunden, manchmal auch allein und oft mit Martin, den auch das Fernweh und die Sehnsucht nach Wärme gefangen hielt, und der so oft nach Süden reiste, wie ihm sein Beruf als Journalist die Möglichkeit dazu gab.
Während die Kaffeemaschine lief, ging sie in die erste Etage. Hier war ihr Reich. Sie hatte sich in zwei kleinen Räumen Schlaf- und Arbeitszimmer eingerichtet. Von dem ehemals übergroßen Badezimmer hatte sie eine Ecke abgetrennt und sich den besonderen Luxus eines kleinen Ankleidezimmers gegönnt. Hier oben fühlte sie sich so heimisch, wie eine Schnecke in ihrem Gehäuse, und sie war gar nicht erfreut, wenn jemand sie hier besuchte. Mit Martin, der das Dachgeschoß bewohnte, hatte sie ein Abkommen, wonach sie fast ausschließlich in Wohnzimmer oder Küche aufeinandertrafen - sie hatten sogar eine hausinterne Telefonleitung installiert, um miteinander sprechen zu können, ohne in des anderen Intimsphäre eindringen zu müssen.
Johanna schälte sich aus ihrem Kostüm und warf ihre Pumps in die Ecke. Wie immer hatte sie dabei das Gefühl, aus ihrer offiziellen Haut zu schlüpfen und eine andere, private und viel intimere Gestalt anzunehmen. Es war, als verjünge sie sich jedesmal, wenn sie ihr berufliches Outfit ablegte und in Jeans und Pulli schlüpfte.
Nachdem sie sich umgezogen hatte, ging sie hinunter, holte ihren Kaffee aus der Küche und trat mit der Post auf die Terrasse. Dort legte sie sich in einen Liegestuhl und schaute in den Kastanienbaum, der sich wie ein Dach über ihr wölbte. Sie genoß diesen Anblick und den Duft der Blumen, die hier in diesem kleinen, geschützten Paradies immer ein wenig eher blühten, als woanders. ‚Welch ein schöner Tag‘, dachte sie und fand es sehr erholsam, dass Ludwig für eine Woche in Hannover war.
Johanna nahm die Post vom Tablett. Zwei Reklamesendungen legte sie gleich ungeöffnet zur Seite, es folgte ein an Martin adressierter Brief, der leicht nach einem Parfum duftete und keinen Absender trug. „Natürlich nicht“, dachte Johanna belustigt. Der rasante Wechsel von Freundinnen war einer der wenigen Störfaktoren in der entspannten Beziehung zwischen ihr und ihrem Bruder. Immer, wenn sie sich gerade an eine Martina, Marion oder Petra gewöhnt hatte, war diese schon wieder out, und sie musste sich auf eine neue Flamme einstellen.
Johanna legte den duftenden Brief zur Seite und wandte sich dem nächsten zu. Er war an sie gerichtet und recht schwer, sie wog ihn in der Hand und stellte mit Erstaunen fest, dass er aus England kam, aus Plymouth, und zwar - wie der Absender verriet - von einer Anwaltssocietät St.Kendall, St.Kendall & Sons.
Neugierig riss sie ihn auf und las:
Sehr geehrte Frau Oldenburg,
wir legitimieren uns als Anwälte der verstorbenen Mrs. Christina Brandwell. Nach dem Wunsch der Erblasserin setzen wir Sie darüber in Kenntnis, dass Sie in ihrem Testament bedacht sind.
Wir laden Sie weiterhin ein, sich auf Brandwell Manor einzufinden, um an der Testamentseröffnung am 15ten dieses Monats teilzunehmen. Mrs.Brandwell hat uns ausdrücklich gebeten, Ihnen nahezulegen, schon einige Tage vorher anzureisen, damit Sie Gelegenheit haben, sich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen.
Wir haben uns erlaubt, ein Flugticket beizulegen und bitten Sie, uns über Ihre Ankunft in Plymouth in Kenntnis zu setzen, damit wir veranlassen können, dass Sie abgeholt werden.
Mit Hochachtung verbleiben wir
gez. St. Kendall, Barrister & Solicitor
Johanna ließ den Brief sinken. Sie konnte damit überhaupt nichts anfangen. Wer um Himmels willen war Christina Brandwell? Sie kramte in ihrem Gedächtnis, fand aber keinen Anhaltspunkt. Sie kannte ihres Wissens niemanden in England und der Name sagte ihr auch nichts. Sie musste ihre Mutter fragen, die kannte jeden. Sie schaute auf die Uhr - halb zwei, jetzt würde die Familie noch beim Mittagessen sitzen. Im Lerchenhof war alles immer strikt organisiert, in einem großen Hotelbetrieb war das wahrscheinlich auch gar nicht anders möglich.
Johanna wählte die Nummer und ließ sich von Carla an der Rezeption mit der Wohnung ihrer Eltern verbinden.
„Hallo Mama“, sagte sie, als ihre Mutter sich meldete.
„Ach, Johanna, hast du etwas Wichtiges, du weißt, wir essen gerade”, hörte sie ihre Mutter so antworten, wie sie es erwartet hatte.
„Ich störe nicht lange, ich wollte dich nur schnell fragen, ob du eine gewisse Christina Brandwell kennst?”
Am anderen Ende entstand eine unerwartete Pause und Johanna vermutete, ihre Mutter dächte über ihre Frage nach. Umso erstaunter war sie, als diese nach einigen Sekunden fragte:
„Wie kommst du darauf?“
Täuschte sie sich, oder klang die Stimme ihrer Mutter heller und vielleicht auch aufgeregter als sonst? Ihrem Vater musste das wohl auch aufgefallen sein, denn Johanna hörte ihn im Hintergrund besorgt fragen:
„Was ist denn Liebes, du bist ja ganz blass?“
„Johanna fragt nach Christina Brandwell”, hörte sie ihre Mutter tonlos sagen. Wieder entstand eine Pause, dann sagte ihr Vater:
„Dann sag´ es ihr endlich, sag´ es allen dreien, ich empfehle dir das schon seit Jahren.”
„Du hast gut reden, um deine Familie geht es ja nicht“, jetzt klang ihre Mutter regelrecht hysterisch. Johanna hielt den Hörer ein wenig von ihrem Ohr weg und betrachtete ihn, als ob er ihr das Rätsel auf der anderen Seite enthüllen könnte.
„Haallooo“, rief sie schließlich in den Hörer. „Ich bin auch noch da, was ist denn los?“
Offensichtlich hatte ihr Vater beschlossen, die Sache in die Hand zu nehmen, denn Johanna hörte ihn jetzt sagen:
„Tag Hanni“ - er nannte sie immer Hanni, wie die meisten Menschen, die ihr nahestanden - „deine Mutter hat einen kleinen Schwächeanfall, sie muss sich hinlegen.“
„Aber wieso denn, was hat sie denn so schockiert? War es dieser Name? Wer ist denn eigentlich Christina Brandwell?”
„Sie ist deine Großmutter, Hanni”, sagte ihr Vater ruhig.
Wieder entstand eine Pause am Telefon und als Johanna zu einer Erwiderung ansetzte, klang ihre Stimme etwas schrill:
„Quatsch, meine Großmütter sind beide tot, und drei Großmütter hat kein Mensch, erzähl mir doch keinen Unsinn.“
„Hanni, Christina war die erste Frau deines Großvaters Heimberg, dem Vater deiner Mutter. Sie hat ihre Familie verlassen, als deine Mutter noch ein Kind war, Opa Heimberg hat dann wieder geheiratet.“
„Warum weiß ich denn nichts davon, was ist an einer solchen Sache so geheimnisvoll, dass ich mehr als dreißig Jahre alt werden musste, um das zu erfahren?”
Johanna war ausgesprochen irritiert über diese Information und legte einen reservierten Unterton in ihre Stimme.
Als sie wieder zu sprechen anfangen wollte, sagte ihr Vater sanft:
„Mädchen, wir sollten das nicht am Telefon besprechen. Ich muss mich jetzt um deine Mutter kümmern. Ich glaube, sie braucht einen Eisbeutel.“
„Versuch‘s doch mal mit einem Sandsack, ich komme zu euch, und zwar jetzt gleich”, versetzte Johanna giftig und warf den Hörer auf die Gabel.
Am anderen Ende legte ihr Vater ebenfalls den Hörer auf.
„Was sagt sie?“, fragte ihn seine Frau mit matter Stimme vom Sofa her, auf das sie sich inzwischen gelegt hatte.
„Sie kommt zu uns“, erwiderte er.
„Das habe ich befürchtet”, murmelte Lotte und verlangte nach einem Eisbeutel.
Philipp, der älteste Sohn und seine Frau Daisy, die eigentlich Martha hieß, saßen ratlos am Tisch.
„Um was geht es denn eigentlich hier”, fragte Daisy ihre Schwiegereltern. „Ja, das möchte ich auch wissen”, ergänzte Philipp und schaute seine Eltern fragend an.
„Du hast doch gehört, was ich Hanni erzählt habe. Ich schlage vor, den Rest besprechen wir, wenn Hanni gleich kommt, solange kümmere ich mich um Mutter.”
„Ich habe aber heute nicht viel Zeit“, warf Philipp noch muffig ein, bevor er mit seiner Frau das Zimmer verließ.
Nachdem Johanna den Hörer auf die Gabel geworfen hatte, blieb sie reglos sitzen, den Brief aus England in der Hand. Was war denn das für eine vertrackte Geschichte. Wieso hütete ihre Familie, die sie immer für bemerkenswert unspektakulär gehalten hatte, ein solches Geheimnis? Was mochte der Grund dafür sein, dass sie von dieser merkwürdigen Großmutter gar nichts wusste?
„Sie hat ihre Familie verlassen“, wiederholte Johanna murmelnd die Worte ihres Vaters, „verlassen, als meine Mutter noch ein Kind war.” Also, vor mindestens 50 Jahren, wie ungewöhnlich. Damals blieben Frauen doch bei ihren Männern, egal, wie miserabel das Leben auch sein mochte. Und ihre Großeltern hatten sicher nicht unter wirtschaftlicher Not gelitten, wie viele andere Menschen in jener Zeit. Sie konnte sich gut vorstellen, dass ein solcher Schritt damals wirklich ein Skandal erster Güte gewesen sein musste, der sicher geeignet war, ihren Großvater gesellschaftlich ins Abseits zu stellen. Johanna erinnerte sich an die Prinzipientreue ihres Großvaters, an seine Sprüche von Treu und Glauben und Aufrichtigkeit, an seine Strenge allem Lockeren, Fröhlichen gegenüber, richtig “calvinistisch” hatte sie ihn gefunden - und dann so ein Skandal. Sie empfand fast so etwas wie Schadenfreude, rief sich aber dann zur Ordnung und machte sich - sehr nachdenklich und zögernd - auf, um zu ihren Eltern zu fahren.
Ihre Familie wohnte etwa 40 Kilometer außerhalb der Stadt in einem zauberhaften Tal unweit einer Talsperre. Dort lag das Hotel „Der Lerchenhof“, das seit Generationen im Besitz der Familie ihrer Mutter war. Ihre Mutter hatte das Hotel mit bewundernswerter Energie von einem ländlichen Mittelklassehotel in ein modernes Tagungszentrum verwandelt. Der Lerchenhof war in der Woche fast ständig mit Seminaren belegt, und am Wochenende fielen erholungssuchende Städter ein, welche die schöne Umgebung, das gute Essen und die Atmosphäre zu schätzen wussten.
Am schönsten war der erste Blick auf das Hotel, der sich überraschend bot, wenn man von der Hauptstraße abgebogen und eine langgezogene Kurve entlanggefahren war. Eingebettet in die Landschaft, unter hohen Bäumen, lag es weiß und majestätisch in der Sonne, umgeben von Blumenbeeten und Rasenanlagen. Der Lerchenhof war ein altes Hotel. Drei große Giebel, geschmückt mit Jugendstilornamenten und Mauervorsprüngen, erhoben sich über dem dreistöckigen Haupthaus, an dessen rechter und linker Seite je ein zweistöckiger Flügel nach hinten führte. Den modernen Teil mit den Tagungsräumen und einem Hallenschwimmbad hatte man geschickt hinter das Hotel gebaut, so dass der Eindruck eines Schmuckstückes aus der Zeit um 1900 nicht beeinträchtigt wurde. Johanna fuhr zur linken Seite hinüber und stellte ihren Wagen auf den Parkplatz in die Nähe des Haupteingangs.
Sie betrat die Hotelhalle, einen wunderschönen, großen Raum. Gegenüber dem Eingang führte eine breite Eichentreppe in das nächste Stockwerk, links waren einige Sitzgruppen angeordnet und auf der rechten Seite befnd sich die altmodische Rezeption aus dunklem Eichenholz, ein Relikt aus dem Jahr 1903. Hinter ihr saß seit vielen Jahren Carla, die Empfangssekretärin des Hotels. Johanna begrüßte sie herzlich, und wollte sich gerade mit ihr unterhalten, als ein großer, schwarzer Schatten auf sie zugestürmt kam: Max, der Familienhund. Er umkreiste sie aufgeregt, raste um die Sessel in der Halle, schmiss sich auf den Boden, sprang wieder auf und an ihr hoch und leckte ihr das Gesicht. Jedesmal, wenn ein schmerzlich vermisstes Mitglied der Familie nach einer Abwesenheit - und waren es auch nur zwei Stunden - nach Hause kam, führte Max einen regelrechten Freudentanz auf, und alle waren dann immer so gerührt, dass er anschließend eines von den Leckerli bekam, die immer bei Carla hinter der Theke standen. Max war seit vier Jahren Mitglied der Familie Oldenburg und völlig unerzogen. Ihr Vater, der die Versuche seiner Frau, einen „standesgemäßen“ Hund für das Hotel zu kaufen, regelmäßig dadurch hintertrieb, dass er von irgendwo her einen Mischling anschleppte, hatte Max als Welpen angebunden auf einer Autobahnraststätte gefunden und mit nach Hause gebracht. Der Kleine hatte die Hausherrin, in der er instinktiv wohl einen kritischen Fall witterte, mit seinen großen braunen Augen angeschaut und ihr dann die Hand abgeleckt. Damit hatte er ihr Herz gewonnen und Lotte hatte ihren Traum von einem afghanischen Hirtenhund wieder mal begraben. Allerdings war ihr damals noch nicht klargewesen, dass aus Max fast ein Neufundländer werden würde. Er wuchs und wuchs und konnte inzwischen fast jedem gerade in die Augen sehen, wenn er sich aufrichtete. Da er zwar ungehorsam, aber ganz liebevoll war, mochte sich bald niemand mehr vorstellen, Max würde nicht mehr zum Haushalt gehören. Johanna tollte ein paar Minuten mit ihm herum, gab ihm die erwarteten Hundekuchen und ging über die Hintertreppe, deren Zugang sich hinter einer unauffälligen Tür in der Wandverkleidung verbarg, hinauf in die Wohnung ihrer Eltern.
Sie wohnten im zweiten Stock unterhalb des linken Giebels, mit Blick auf die Talsperre in einer großzügigen, mit alten Möbeln ausgestatteten Wohnung. Die früheren Kinderzimmer in der Etage über der Wohnung der Eltern waren inzwischen zu Hotelzimmern umgestaltet worden, aber wenn Martin oder Johanna auf dem Lerchenhof übernachten wollten, fand sich für sie immer ein Platz. Philipp und seine Frau hatten nach dem Tod der Großeltern deren Wohnung im linken Seitenflügel übernommen, die mit der elterlichen Wohnung durch einen Zugang verbunden war. Johanna liebte dieses wunderschöne alte Haus mit seinen vielen verwinkelten Gängen, Treppen und Nischen. Dennoch war sie froh, in ihrer kleinen behaglichen Behausung in der Stadt leben zu können, hier war alles immer so groß und - ja öffentlich - gewesen. Ständig stand der Oberkellner oder die Köchin in der Wohnung, die Sekretärin hatte Probleme oder ein Gast verirrte sich dorthin, weil er das deutliche Schild „Privat“ versehentlich oder absichtlich überlesen hatte. Es war überhaupt erstaunlich, wie sehr die Hotelgäste, insbesondere die Stammgäste, am Leben der Hoteleigentümer interessiert waren. Sie wollten alles wissen und nahmen regen Anteil an den Entwicklungen innerhalb der Familie. Zu der Hochzeit von Philipp und Daisy hatten sich mindestens 20 Gäste vor der Kirche eingefunden und mussten zwangsläufig zum Mittagessen eingeladen werden. Für ihren Vater war diese Betriebsamkeit auch immer ein Gräuel gewesen, und er hatte sich seine Arbeitsräume im Dachgeschoss des linken Giebels eingerichtet, das man nur über eine kleine Treppe erreichen konnte, die von seinem Schlafzimmer nach oben führte. Dorthin hatte sich auch tatsächlich noch kein Gast verirrt und die Mitarbeiter des Hauses suchten seine Gegenwart ohnehin nicht, da sie von ihm keine Entscheidung ihre Arbeit betreffend erwarten konnten.
Die Eltern sind schon ein seltsames Pärchen, dachte Johanna, als sie die Treppe hinaufging.
Da war ihr Vater, inzwischen 69 Jahre alt und emeritiert, früher ein gefragter Wissenschaftler und langjähriger Professor an verschiedenen Universitäten. Seine Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Meeresbiologie waren von einiger Bedeutung gewesen, und so erfreute er sich gerade in der heutigen Zeit mit ihrem sich wandelnden Umweltverständnis immer noch einer großen Beliebtheit. Selbst jetzt wurde er noch hin und wieder als Gastredner zu Kongressen eingeladen. Sie hatte ihn als freundlichen, gelassenen und humorvollen Vater in Erinnerung, der allerdings selten zu Hause war. Ihre Mutter hatte sich schon frühzeitig ganz auf die Leitung und den Ausbau des Hotels konzentriert, so dass auch sie eigentlich kaum für ihre Kinder da war. Auch heute war Lotte Oldenburg allerdings noch immer Mittelpunkt und Herz des Hotels mit seinen fast 40 Angestellten, inzwischen unterstützt von Philipp, der ihr aber nach Johannas Meinung nicht das Wasser reichen konnte, was die Führung des Hotels betraf.
Johanna und ihre Geschwister waren in ihrer Kindheit meist der Obhut von Gerta überlassen gewesen, der früheren Köchin, die dann zum Kinderrmädchen avancierte und bis zu ihrem Tod noch in einer Dachkammer des Hotels gelebt hatte. So hatten die Eltern ihr Leben geführt, der Vater meist in wissenschaftlichen Sphären, gelassen und freundlich, die Mutter, mit beiden Beinen auf der Erde, aber auch immer hektisch und genervt. Und doch lebten sie schon 37 Jahre zusammen und Johanna spürte jetzt, als sie die beiden zusammen sah, dass zwischen ihnen mehr sein musste, als sie je mitgekriegt hatte.
Ihre Mutter lag mit bleichem Gesicht auf dem Sofa und ihr Vater hatte sich einen Sessel herangezogen, damit er ihre Hand halten konnte. Bei Johannas Eintreten wandte er den Kopf und nickte ihr liebevoll zu.
„Hallo Hanni, das ging ja schnell, schön, dass du da bist.“
Johanna ging zu ihren Eltern und begrüßte sie mit einem Kuss. Lotte richtete sich auf und ordnete ihr Haar. Sie war offensichtlich bestrebt, die bevorstehende Unterredung in würdigem Zustand hinter sich zu bringen.
„Setz dich, Kind“, sagte sie, „ möchtest du einen Kaffee?”
Johanna verneinte. „Ich will keinen Kaffee, ich will Aufklärung über unser Familiengeheimnis.”
„Ruf mal Philipp, damit wir das alles gemeinsam besprechen können”, bat ihr Vater.
Nachdem Philipp und Daisy aufgetaucht waren, setzten sich die Kinder den Tisch. Lotte Oldenburg ergriff das Wort:
„Es gibt eigentlich nicht mehr zu sagen, als Papa euch schon erzählt hat. Christina Heimberg, spätere Brandwell, ist meine richtige Mutter. Als ich vier Jahre alt war, ist sie nach England zu einem Major Brandwell gegangen und hat Vater und mich verlassen. Später hat sie Brandwell geheiratet, und mein Vater hat mit Paula-Anna, die ihr als Großmutter kennengelernt habt, und die für mich wie eine Mutter war, glücklicherweise auch eine gute neue Frau gefunden. Das ist alles.“ Lotte ließ sich erschöpft wieder auf das Sofa sinken. Johanna fand ihren Auftritt ein wenig theatralisch und ihre Ausführungen ein bisschen dürftig und hakte nach.
„Aber warum wurde denn diese Geschichte bis heute verschwiegen, warum durften wir das denn nicht wissen?“, fragte sie mit Unverständnis.
Jetzt antwortete ihr Vater: „Das lag an eurem Großvater, für ihn war die ganze Geschichte ein fürchterlicher Schandfleck in der Familiengeschichte, und er bestand darauf, dass sie nie mehr erwähnt wurde. Für eure Mutter war dies auch nach seinem Tod eine Verpflichtung.“
Diese Erklärung passte in ihre Erinnerung an den Großvater, aber Johanna fand es trotzdem komisch, dass ihre Mutter sich auch nach Opas Tod an seine Anweisungen gehalten hatte. Sie war sich ganz sicher, dass sie selbst anders gehandelt hätte.
Wie unterschiedlich Mama und ich sind, dachte sie mit einem kleinen Bedauern. Was für ein Mensch mochte wohl ihre richtige Großmutter gewesen sein? Sie dachte an den Anlass für das heutige Gespräch, und empfand plötzlich Trauer über den Tod einer Frau, von deren Existenz sie bis heute nichts gewusst hatte. Mit Paula-Anna, die sie als Großmutter kennengelernt hatte, verband sie keine schönen Erinnerungen. Sie war streng und unnahbar gewesen, furchtbar dick, immer in schwarze Gewänder gehüllt, und sie duldete keine Kritik an ihrem Mann, den sie abgöttisch liebte. Sie empfand plötzlich Ärger über die Unbarmherzigkeit ihrer Familie, die es verhindert hatte, dass sie Christina zu Lebzeiten kennengelernt hatte.
„Bei allem Respekt vor Großvaters Gefühlen“, sagte sie deshalb kühl, „so etwas hättet ihr uns nicht verheimlichen dürfen. Eine Großmutter ist kein Privateigentum, und wir haben ein Recht darauf, unsere Wurzeln kennenzulernen. Diese Chance habt ihr uns genommen, und das nehme ich euch übel.“
Ihre Eltern schwiegen betroffen, schließlich brach ihr Vater das Schweigen mit der Frage:
„Wie hast du denn eigentlich von Christina erfahren?”
Johanna berichtet von dem Brief und dessen Inhalt. Einen Moment herrschte erneutes Schweigen. Dann sagte ihre Mutter, etwas hilflos klingend: „Ich hätte vielleicht doch anders auf ihren Brief reagieren sollen.“
„Welchen Brief?“, wollte Johanna wissen.
„Sie hat mir vor vielen Jahren einmal geschrieben und um ein Treffen gebeten, ich habe das allerdings abgelehnt“, erwiderte ihre Mutter.
„Das finde ich ganz richtig“, mischte sich erstmals Philipp ein.
„Schleimscheißer“, zischte ihm Johanna zu.
„Aber Johanna“, regte sich Daisy auf. „Wie redest du denn mit Philipp?”
Lotte schluchzte. Da klingelte das Telefon.
Alfred nahm den Hörer ab und hörte die muntere Stimme seines jüngsten Sohnes am anderen Ende.
„Hallo Daddy, ich habe hier so eine verwirrende Message von Hanni gefunden, was ist denn eigentlich bei euch los?“
„Deine Mutter liegt auf dem Sofa und weint, Hanni beleidigt ihren Bruder und Daisy regt sich auf“, versetzte sein Vater trocken.
„Ach, dann ist ja alles wie immer“, meinte Martin und fuhr dann - wie beiläufig - fort:
„Und was gibt‘s sonst Neues?”
Alfred vernahm hinter der lockeren Stimme seines Sohnes einen besorgten Unterton und sagte:
„Wir haben deinen beiden Geschwistern soeben gebeichtet, dass Paula-Anna nicht eure richtige Großmutter ist, sondern nur die zweite Frau eures Großvaters. Lottes richtige Mutter ist eine andere Frau, eine gewisse Christina Brandwell, die offensichtlich kürzlich in England verstorben ist und Hanni etwas vererbt hat.“
Martin pfiff durch die Zähne und fragte:
„Wie haben denn Hanni und Philipp darauf reagiert?“
„Hanni ist sauer und Philipp ist es offensichtlich gleichgültig. Was sagst du denn dazu, mein Sohn?“
„Ja“, begann Martin langsam. „Die Sache hat natürlich zwei Seiten. Zum einen bin ich ausgesprochen erleichtert, dass in meinen Adern kein Blut dieser grässlichen Paula-Anna kreisen kann. Zum anderen aber möchte ich mal vorsichtig formulieren, dass Eltern, die ihren Kindern so etwas über Jahrzehnte verschweigen, eigentlich auf ihre Zurechnungsfähigkeit untersucht werden müssten.“
„Da hast du sicher nicht ganz unrecht, mein Sohn, aber die Geschichte ist viel komplizierter, als sie sich jetzt anhört.“
„Ja wahrscheinlich. Sicher gibt es da irgendeinen degoutanten Hintergrund, vor dem man seine Kinder bewahren muss“, spottete Martin. „Ich habe aber jetzt keine Zeit mehr für die schlüpfrigen Einzelheiten, sag‘ Hanni, dass ich um acht zu Hause bin, dann soll sie mir alles erzählen. Und grüß‘ alle schön.“
Damit legte er auf, und Alfred kam wieder zu den anderen zurück.
„Das war Martin“, sagte er.
„Und, was hat er gesagt?” fragte Lotte ihn.
„Ich soll euch alle grüßen“, erwiderte Alfred grinsend und fuhr, als ihm ein Sofakissen um die Ohren flog, fort: „Im übrigen ist er der Meinung, wir beide sollten uns auf unsere Zurechnungsfähigkeit untersuchen lassen.“
„Unverschämtheit“, krähte Daisy. Dann fiel ihr offensichtlich noch etwas ein.
„Wieso erbt denn eigentlich Johanna und nicht Philipp, er ist doch der älteste Sohn“, fragte sie.
„In der Regel obliegt es den Erblassern, zu bestimmen, wem sie was hinterlassen wollen, liebe Martha“, erwiderte ihr Schwiegervater mit abweisender Miene. Daisy ging ihm hin und wieder ganz schön auf die Nerven, und er machte das damit deutlich, dass er sie dann bei ihrem richtigen, von ihr verabscheuten, Namen nannte. Daisy war jedoch so aufgeregt, dass sie dieses Warnzeichen überhörte und sagte eifrig:
„Gegen ein solches Testament kann man bestimmt was machen, das kann man anfechten, oder nicht?”
Ihr Mann legte beruhigend seine Hand auf die ihre.
„Laß uns erst einmal abwarten, Baby, kommt Zeit, kommt Rat.“ Johanna schüttelte sich, sie fand es lächerlich, dass die beiden sich immer als „Baby“ bezeichneten, und machte sich gemeinsam mit Martin ständig über diese Marotte ihres ältesten Bruders lustig. „Mama“, fragte Johanna und setzt sich zu ihrer Mutter auf das Sofa.
„Erinnerst du dich denn überhaupt nicht mehr an deine Mutter?”
Lotte fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann sah sie Johanna an.
„Doch, mein Kind, ich erinnere mich an Sommertage voller bunter Bilder und eine schöne, blonde, junge Frau, die mit mir im Heu herumtollt und lacht. Aber auch an die einsamen Nächte eines kleinen Mädchens, an Angst vor Bomben, an Verschüttung, Vertreibung und Flucht, an endlose Abende voller Einsamkeit und Sehnsucht und an das nie enden wollende Gefühl von Verlassenheit, nachdem meine Mutter weg war. Bis heute habe ich das nicht wirklich verloren, und deshalb konnte ich ihr nicht verzeihen, konnte mich nicht mit ihr treffen, als sie mir geschrieben hat. Ich habe sie zu sehr geliebt und zu tief gehasst, und dann wollte ich nur noch meine Ruhe, kannst du das verstehen?”
Johanna nahm ihre Mutter in den Arm. Sie musste sich davor hüten, genauso unbarmherzig zu sein, wie sie es ihrer Mutter vorgeworfen hatte. Sie hatte kein Recht, ihr Vorwürfe zu machen, auch wenn sie im Augenblick traurig und verwirrt war.
„Ich fahre dann mal wieder nach Hause, ich muss mich nach einem Flug erkundigen“, sagte Johanna und stand auf.
„Du fährst da natürlich nicht hin“, sagte ihre Mutter scharf.
„Natürlich fahre ich, wieso denn nicht“, fragte Johanna erstaunt zurück.
„Dann nimmst du aber jemanden zur Begleitung mit“, forderte ihre Mutter. ”Ludwig oder Philipp .“
Philipp machte ein ablehnendes Gesicht und Johanna erklärte sehr entschieden:
„Diese Reise geht nur mich etwas an, mich hat Christina eingeladen und nicht dich, Ludwig oder Philipp, also fahre ich allein.“
Lotte verlangte nach einem neuen Eisbeutel und Johanna verabschiedete sich von ihrer Familie. Sie versprach, bald von sich hören zu lassen. Ihr Vater begleitete sie nach unten und legte den Arm um sie. Sie schmiegte sich aber nicht an ihn, wie sie es sonst immer tat. „Bei allem Verständnis für Mamas Lage“, sagte sie, „ich bin ziemlich enttäuscht von dir. Du hättest uns eine so wichtige Sache nicht verschweigen dürfen, das sieht dir auch gar nicht ähnlich.“ Alfred sah seine Tochter ernst an. Er strich ihr eine Locke aus der Stirn und sagte:
„Das ist eine Frage der Loyalität, mein Kind. Meine Loyalität ist und war immer auf seiten deiner Mutter. Bei all deiner Enttäuschung, das musst du verstehen.“
Er gab ihr einen Kuss und Johanna machte sich auf den Rückweg in die Stadt. Sie fühlte Vorfreude in sich, doch auch eine instinktive Besorgnis. Was mochte auf sie zukommen, was würde sie in England vorfinden? Wie würde ihre Reise in die Vergangenheit ausgehen? Durfte man eigentlich eintauchen in eine frühere Zeit, ohne Schaden zu nehmen? Würde sie sich verändern bei dem, was auf sie zukam?
Sie schüttelte die düsteren Vorahnungen ab und konzentrierte sich auf die praktischen Probleme, die sie nun lösen musste. Erst musste sie sich um eine Vertretung bemühen, dann galt es, Ludwig anzurufen. Der Flug musste gebucht werden, sie musste packen, ihre Katze zur Nachbarin bringen ...
In der Stadt fuhr sie zuerst zu dem Reisebüro, das regelmäßig für die Kanzlei tätig war. Sie erkundigte sich nach einem Flug nach Plymouth und erfuhr, dass es schon am nächsten Mittag eine Möglichkeit gab. Kurz entschlossen ließ sie sich einen Platz reservieren und fuhr nach Hause.
Dann war die Firma St. Kendall zu informieren und so wählte sie die angegebene Nummer in Plymouth. Sie erklärte der freundlichen Dame am Empfang, dass sie am nächsten Tag um 14.30 Uhr Ortszeit in Plymouth landen würde, und ihr wurde versichert, dass man sie abholen werde.
Anschließend musste sie ihre Vertretung regeln. Sie, Tom und Kerstin arbeiteten als Team zusammen, eine eingespielte Truppe, die sich gut verstand und bei allem Arbeitsdruck viel Spaß miteinander hatte.
Kerstin war der „Kanzleivamp“, eine äußerst attraktive Frau mit roten Haaren und einem sprühenden Temperament. Sie verliebte sich in jeden zweiten Mandanten, und wenn private Kontakte zwischen Anwalt und Mandant auch streng verboten waren, so ging sie doch regelmäßig mit ihnen aus. Besonders angenehm waren ihr verheiratete Männer, da sie keinerlei Ambitionen auf eine längere und vor allem feste Bindung hatte. Sie hatte im Übrigen ein fantastisches Talent, ihre Beziehungen immer friedlich zu beenden, und da sie darüber hinaus eine exzellente Anwältin war, trudelten fast regelmäßig Dankschreiben in der Kanzlei ein, in denen Kerstins hervorragende Fähigkeiten bei der Abwicklung eines Prozesses gerühmt wurden und man schon jetzt darauf hinwies, im Wiederholungsfall ausschließlich die Dienste der Frau Dr. Kerstin Meienbrink in Anspruch nehmen zu wollen.
Ludwig nahm diese Schreiben immer mit großer Freude zur Kenntnis, aber seine Mitinhaberin, Dr. Susanna Kant, durchschaute das Beziehungsgeflecht, das Kerstin aufbaute, etwas besser und wies sie regelmäßig darauf hin, dass sie immer mit einem Bein am Abgrund stünde. Kerstin nahm diese Mahnungen zur Kenntnis und ignorierte sie würdevoll.
Tom hingegen war ein fürsorglicher Familienvater, verheiratet mit einer entzückenden Frau namens Molly, die nicht nur so hieß, sondern auch so aussah. Sie managte ihren Haushalt, dem neben Tom auch drei Kinder und zwei Katzen angehörten, mit traumhafter Gelassenheit und ohne sich jemals aus der Ruhe bringen zu lassen. Tom hing mit zärtlicher Zuneigung an ihr und den Kindern, auch wenn er immer den Eindruck zu erwecken versuchte, er sei durch seine Familie völlig gestresst, was ihm jedoch niemand abnahm.
Sie wählte die Nummer von Tom, da die Aussicht, Kerstin zu erreichen, ohnehin gleich null war. Als Tom den Hörer abnahm, vernahm Johanna ohrenbetäubenden Lärm auf der anderen Seite.
„Was ist denn bei euch los?“, fragte sie belustigt.
„Die unsäglichen Kinder dieser sogenannten Mutter haben einer der Katzen eine Glocke an den Schwanz gebunden, und jetzt tobt sie durch die Wohnung. „He, Molly, willst du dich nicht mal endlich um diese mißratenen Geschöpfe kümmern, die du deine Kinder nennst?“, sprach er neben den Telefonhörer, doch Johanna bekam es natürlich mit.
„Wenn ich mich recht erinnere, sind das auch deine Kinder“, versetzte Molly gleichmütig. „Im Übrigen bin ich beschäftigt.“
„Sie sitzt im Sessel und liest“, stöhnte Tom. „Man stelle sich vor, sie liest. Schluss jetzt, Mike, nimm sofort der Katze die Glocke ab, sonst setzt es was, das ist Tierquälerei, sofort, hörst du.“ Johanna hörte Toms Ältesten im Hintergrund maulen, aber offensichtlich folgte er den Anweisungen, denn der Lärm nahm merklich ab. Sie konnte sich die Situation genau vorstellen, das Wohnzimmer ein einziges Chaos, drei Kinder mit marrmelade-verschmierten Mäulern, Tom am Rande des Nervenzusammenbruchs hinter der Katze her hechelnd, und Molly ungerührt in eine Biographie vertieft. Sie liebte dieses Familienidyll und war gerne bei ihnen zu Gast, man konnte unangemeldet jederzeit dort auftauchen und wurde völlig unkompliziert integriert. Nicht selten hatte sie sich kurz nach ihrer Ankunft in der Küche wiedergefunden, Kartoffeln schälend oder mit anderen Arbeiten betraut, das alles war bei der Familie Mühlberg völlig selbstverständlich.
„Hör zu Tom, ich muss morgen überraschend nach England fliegen, es sieht so aus, als ob dort eine Großmutter von mir gestorben ist.“
„Eine Großmutter, aha“, versetzte Tom lakonisch. „Schätzchen, Deine Ausreden waren aber auch schon besser.“
Johanna erklärte ihm in Kurzform die Lage und spürte eine verhaltene Spannung in seiner Stimme, als er sie eindringlich fragte: „Und du bist sicher, dass du dahin fahren solltest?“
„Ich muss, Tom, ich habe keine Wahl.“
„Natürlich hast du keine Wahl, du musst ja allem auf den Grund gehen. Sei vorsichtig”, fügte er beinahe zärtlich hinzu. „Pass auf dich auf und ruf mich an, wenn du mich brauchst.“
„Keine Sorge Tom, wenn ihr meine Fälle übernehmt, dann bin ich schon beruhigt. Es sind ja nicht mehr viele, am übernächsten Wochenende wollten Ludwig und ich ja sowieso in Urlaub fahren.“
„Ach ja, was sagt denn Dr. Steifleinen zu deinem Abenteuer?“, fragte Tom neugierig. Er nannte Ludwig in Abwandlung seines Namens immer Steifleinen, kein unzutreffender Spitzname, fanden alle.
„Er weiß noch nichts davon, das steht mir noch bevor”, versetzte Johanna und verabschiedete sich liebevoll von Tom.
Der nächste Anruf war der Schwierigste. Ludwig wurde auf Dienstreisen nicht gerne durch Privates gestört, und außerdem musste sie ihm eine Enttäuschung bereiten, und das tat sie nicht gerne.
Als sie ihn endlich in seinem Zimmer im Parkhotel erreicht hatte, reagierte er erstaunlicherweise geradezu erfreut.
„Ach, Johanna, schön, dich zu hören, ich wollte dich auch eben anrufen, bevor ich zu dem Bankett gehe. Ich komme schon einen Tag eher zurück, dann können wir bereits am Donnerstag nach Holland fahren, ich hoffe, das passt in deine Pläne.“
Johanna fiel es schwer, seine freudige Stimmung so zu zerstören, aber sie hatte keine andere Wahl.
„Ludwig, ich fürchte, ich kann nicht mit dir nach Holland fahren, ich habe ein Problem.”
