Jakon von Silberfels - Sina Blackwood - E-Book
Beschreibung

Als Ritter Jakon von Silberfels, der Freund König Kronns, einen geheimnisvollen weißen Ritter auf seine Burg einlädt, ahnt er nicht, dass sich dadurch viele Schicksale eng verweben werden. Auch nicht, dass er plötzlich zu einer Hauptfigur in dem schicksalhaften Spiel wird, das mit der Entführung Prinzessin Darias, der Braut Kronns, begonnen hat. Jakon nimmt jede Herausforderung an, egal ob in blutigen Kriegen oder heißen Kämpfen zwischen den Kissen eines Liebeslagers, um am Ende den höchsten Preis zu erringen, den ein ehrenhafter Mann bekommen kann.

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Seitenzahl:375

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Inhaltsverzeichnis

Die Hüterin des Nadroman

Marrakanas Antwort

Magische Momente

Die Suche nach Daria

In letzter Sekunde

Allerlei Offenbarungen

Die Nacht aller Nächte

Kronn erzählt

Angriffspläne

Der weiße Ritter

Eine harte Schule

Aufschlussreiche Gespräche

Auf-, Aus- und Ritterrüstung

Lupo

Der Kampf um die Burg Paradan

Recht und Ordnung

Friedliche Zeiten

Hochzeitsglocken

Entdeckungen

Tausend kleine Wunder

Königskinder

Diebesgesindel

Freunde

Ritterregeln und andere Vorschriften

Große und kleine Geheimnisse

Auf, nach Paradan!

Abwarten und Tee mischen

Am Ziel aller Sehnsüchte

Die Hüterin des Nadroman

„Du musst den alten Schwur erfüllen. Du wirst jeder Liebe entsagen, und wenn die Zeit gekommen ist, die Frau des Königs von Tlul werden“, flüsterte eine Stimme in der Tiefe der Höhle. „Bist du bereit, deine Liebe für dein Volk zu opfern?“

„Ich bin bereit.“

Eine zweite Stimme erklang: „Du wirst das Glück deines Volkes mit großem Schmerz und deinem Blut erkaufen. Und es wird keine Hoffnung für dich geben. Bist du bereit, dein Leben für dein Volk zu geben?“

„Ich bin bereit.“

„So nimm den heiligen Stein Nadroman. Er wird uns zeigen, ob du würdig bist, sein Geheimnis zu bewahren. Wenn nicht, wird er dich hier und jetzt grausam töten“, hallte es durch die Grotte, die vom Schein zweier Fackeln notdürftig erhellt wurde.

Das zierliche Mädchen mit dem langen goldblonden Haar wandte sich einem Eisenbecken in der Mitte der Höhle zu. Heller als die glühenden Kohlen leuchtete der blaue, fast faustgroße Kristall zwischen ihnen. Sie streckte, ohne zu zögern, ihre Hand aus, umfasste den Kristall und zog ihn aus der Glut.

Verwundert betrachtete sie ihre Haut, die völlig unversehrt war. Sie hatte nicht einmal die Hitze des Feuers gespürt.

Im Kohlebecken begann es zu knistern. Funken sprühten auf. In einem Lichtblitz verwandelte sich das Becken in eine goldene Muschel mit weit geöffneten Schalen. Im Inneren wurde ein rotes Samtpolster sichtbar.

Das Mädchen legte den blauen Stein darauf, als wisse es genau, dass das der rechte Weg sei. Sofort schloss sich die Muschel.

„Das war die letzte Prüfung“, flüsterten die Stimmen im Chor. „Du hast sie bestanden, Prinzessin Daria von Siddra. Wenn du Rat und Hilfe brauchst, dann komm in diese Grotte. Der Nadroman wird dich stets geleiten. Und merke dir: Wenn du stark bleibst, kannst du alles erreichen. Alles, alles, alles …“, verhallten die Stimmen leise.

Daria wandte sich zum Gehen. Sie hätte nicht einmal sagen können, was sie dachte und fühlte. Fast wie betäubt legte sie den Weg zurück, den sie gekommen war. Ein unerwartetes Geräusch vor dem Ausgang der Grotte ließ sie kurz verweilen. Regen!

Nun lief sie schneller. Tatsächlich – es regnete. Sie trat hinaus und streckte ihr Gesicht den finsteren Wolken entgegen. Große Tropfen liefen über ihre Haut. Ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie hatte es geschafft. Sie hatte es tatsächlich geschafft.

Seit dem Tod ihrer Großmutter, der letzten Hüterin des heiligen Steines, hatte es nicht mehr geregnet. Seit einem halben Jahr verdorrte das Land. Das Vieh starb und Hunger plagte das Volk von Siddra.

„Bringt die Prinzessin in die Grotte des Schicksals“, baten die Ratsherren ihren König. „Oder alle werden sterben.“

König Aron zog unwillig die Augenbrauen zusammen. „Sie ist ja fast noch ein Kind. Lasst Euch was anderes einfallen.“

Daria wusste, dass sie früher oder später in die finstere Höhle im Wald gebracht werden würde. Sie hatte oft mit Großmutter darüber gesprochen. Und sie hatte die Worte ihrer Mutter im Ohr, die einmal zu Großmutter gesagt hatte: Daria wird dir von Tag zu Tag immer ähnlicher.

Nun war Großmutter tot. Der Nadroman hatte keine Hüterin mehr. Die Verbindung zwischen ihm und dem Volk von Siddra war unterbrochen. Er, der Spender des Lebens, verweigerte ihnen seine Gaben. Erst wenn ein neuer Hüter bereit wäre, sein Leben dem Stein zu weihen, käme Siddra erneut zu Wohlstand.

In jener Nacht hatte Daria von ihrer Großmutter geträumt. Großmutter stand am Eingang einer Höhle und winkte ihr. Daria lief auf sie zu, doch bevor sie sie erreichte, zerfloss ihre Gestalt in einem wundervollen blauen Licht.

Daria erwachte. Die halbe Nacht saß sie am Fenster, den Blick unverwandt auf das Bergmassiv gerichtet, als könne sie ihre Großmutter vielleicht doch noch einmal sehen.

Am Morgen blieb sie zögernd vor der Tür des Thronsaales stehen. Heftiger Wortwechsel drang bis zu ihr.

„… zum letzten Mal: Daria ist noch zu jung! Ich werde meine Tochter nicht leichtfertig opfern! Geht!“

Daria zog sich eilig in ihre Gemächer zurück. Warum behandeln sie mich wie ein Kind? Warum? Ich bin vierzehn! Die Kinder der Bauern und Handwerker arbeiten in diesem Alter genau wie die Erwachsenen. Die Mädchen werden mit sechzehn meist schon verheiratet.

Und was ist mit mir? Bin ich denn zu gar nichts nütze? Großmutter und der Nadroman brauchen mich. Wer soll denn sonst den Stein bitten, seine Gaben wieder fließen zu lassen? Ja natürlich, der Traum – Großmutter und Nadroman haben mich gerufen! Und ich werde sie nicht im Stich lassen.

Daria öffnete eine ihrer Kleidertruhen. „Ach, da ist es ja“, murmelte sie erfreut. Sie nahm ein kleines Bündel heraus. Vorsichtig schlug sie das Tuch auseinander. Ein schlichtes weißes Seidenkleid kam zum Vorschein.

Das Kleid, welches Großmutter getragen hatte, als sie die Hüterin des Nadroman wurde. Daria hielt es sich an. Dann lief sie zur Tür, legte das Ohr ans Holz und lauschte. Zufrieden drehte sie den Schlüssel herum.

Es war nicht ganz einfach, ohne die Hilfe ihrer Zofe das Kleid abzulegen, welches sie trug. Bänder hier, Bänder da, Bänder dort. Daria verrenkte sich fast den Arm, um die Schnüre am Rücken zu lösen. Geschafft! Vorsichtig schlüpfte sie in das weite, hemdartige Kleid ihrer Großmutter. Eine geflochtene Seidenschnur am Ausschnitt, mit der man es zusammenziehen konnte, war alles. Ihr fiel ein, dass noch ein breiter Gürtel dazugehört hatte. Sie fand ihn am Grunde der Truhe.

„Passt!“ Daria betrachtete sich im Spiegel. „Großmutter, ich werde dich nicht enttäuschen.“ Aus einer anderen Truhe zog sie einen grauen Umhang mit Kapuze.

In der größten Mittagshitze, als alles Leben im Schloss und der Umgebung ruhte, schlüpfte sie ungesehen hinaus und eilte in Richtung der Berge davon. Ihr goldglänzendes Haar hatte sie unter der Kapuze verborgen.

Niemand durfte sie erkennen. Womöglich brächte man sie ins Schloss zurück. Zwei- oder dreimal huschte sie hinter einen trockenen Busch, um eiligen Händlern nicht in die Quere zu kommen. Der Umhang, grau wie der nimmer endende Staub auf dem Weg, half ihr dabei.

Bald war ihr Mund völlig ausgetrocknet. Der Staub, der in einer dicken Schicht über dem ganzen Land lag, reizte die Augen und die Lunge. Daria trieb sich selbst immer wieder vorwärts. Was sollte aus ihrem Volk werden, wenn die Dürre noch länger anhielt?

„Ja, mein Volk. Es ist auch mein Volk“, flüsterte sie trotzig. Eine halbe Stunde später erreichte sie den Waldrand. Die hohen, wenn auch halb vertrockneten, Bäume gaben etwas Schatten. Daria streifte die Kapuze ab. Forschend betrachtete sie die Umgebung.

Sie wusste nicht, wo die heilige Grotte war. Sie hatte nur ihre Erinnerungen aus dem Traum. Ein Schmetterling, blau wie das Licht in ihrem Traum, gaukelte in der Luft. Daria wollte ihn sich von nahem anschauen. Langsam flog er tiefer in den Wald hinein. Das Mädchen folgte ihm. Plötzlich war er verschwunden.

Daria schaute sich um. Zwischen den Bäumen wurde der Eingang einer Höhle sichtbar. Ihr Herz schlug schneller. Genau dort hatte Großmutter in ihrem Traum gestanden und gewinkt. Daria ging zögernd auf den finsteren Schlund zu. Sie lauschte.

Stille. Absolute Stille. Sogar die Vögel waren verstummt.

„Ich bin nicht so weit gelaufen, um kurz vor dem Ziel umzukehren“, flüsterte sie, sich selber Mut zu machen. Dann überwand sie sich, tat den ersten Schritt und ging vorsichtig in die Finsternis.

Eigentlich hätte es dunkler werden müssen, je tiefer sie in den Stollen eindrang. Stattdessen blieb ein graues Zwielicht. Außerdem roch es nach Rauch. Fast so, wie die Pechfackeln im Turm des Schlosses. Noch ein paar Schritte, dann fiel ihr Blick tatsächlich auf zwei Pechfackeln, welche in eisernen Haltern an der Wand steckten.

Der Gang mündete in einer Höhle, von der verschiedene Gänge abzweigten. Daria blieb stehen. Ein kalter Luftzug traf sie. Sie hatte das Gefühl, von eisigen Geisterhänden berührt zu werden. Ein Wispern und Wimmern drang aus den Wänden, das ihr das Herz vor Angst abschnürte.

„Du bist also gekommen, um das Schicksal herauszufordern“, hauchte es hinter ihr.

Daria drehte sich nicht um. „Nein, ich bin gekommen, um dem Nadroman zu dienen. Ohne seine Gaben ist unser Volk verloren.“

„Hört! Hört!“, säuselte es neben ihr. „Glaubst du wirklich, dass gerade du die Opfer bringen kannst, die der Stein verlangt?“

„Wenn ich es nicht versuche, werde ich die Antwort auf diese Frage auch nicht bekommen“, antwortete Daria mit fester Stimme.

„Kluges Mädchen“, kicherte es von irgendwoher. „Man sollte ihr eine Chance geben. Immerhin hat sie unser Refugium aus eigener Kraft gefunden.“

„Du kannst wohl den Tod nicht erwarten?“, zischte jemand aus einem der Gänge.

„Ich möchte leben“, entgegnete Daria leise. „Ich möchte aber auch, dass mein Volk leben kann.“

„Erstaunlich, wirklich erstaunlich. Das Küken hat die Qualitäten einer Glucke. Lasst uns mit der Prüfung beginnen …“

Und nun regnete es. Der Regen spülte den Staub der letzten Monate hinweg, der Wald duftet würzig nach Tannennadeln und Harz. Das Moos am Fuße der Bäume sog das begehrte Nass auf wie ein Schwamm. Daria schüttelte den Kopf. Regentropfen sprühten aus ihrem Haar. Sie weinte vor Glück.

Ein leises Murmeln verriet, dass eines der Bächlein endlich wieder Wasser führte. Daria schöpfte es mit der Hand und trank. Dann machte sie sich auf den Heimweg. Diesmal ging sie stolz erhobenen Hauptes. Sie hatte es nicht mehr nötig, sich vor irgendjemandem zu verstecken. An einem Feldrain traf sie einen alten Bauern, der überglücklich zuschaute, wie der Regen seine Felder tränkte.

„Prinzessin Daria?!“ Verwundert rieb er sich die Augen. „Dann ist es also wahr!“, jubelte er plötzlich. „Dank sei der neuen Hüterin des Steines. Mögt Ihr ein langes, glückliches Leben haben.“

Er begleitete sie ein Stück des Weges. Immer mehr Menschen schlossen sich an. Kurz vor dem Schloss glich es fast einem kleinen Triumphzug. Ein paar Männer aus Arons Leibgarde ritten ihr entgegen. Mit äußerster Ehrerbietung grüßten sie die neue Hüterin. Sie boten ihr an, sie auf einem der Pferde mitzunehmen.

Daria winkte dankend ab. „Ich habe meinen Weg zu Fuß begonnen und ich werde ihn auch zu Fuß beenden.“

Niemand hätte ihr, zu widersprechen gewagt. Dem Nadroman sagte man eine geheimnisvolle Macht in der Hand seines Hüters nach. So wendeten die Reiter und ließen ihre Tiere langsam vor Daria hergehen.

Inzwischen hatte die Sonne die letzten Wolken vertrieben. Im Abendlicht schritt Daria durch das große Portal. Der Hofgärtner lief mit seinen Gehilfen auf sie zu. Mit einer tiefen Verbeugung zogen sie ihre Hüte. Endlich hatte das leidige Wasserschleppen für die vielen Pflanzen in den Ziergärten ein Ende. Die Prinzessin winkte ihnen fröhlich zu.

Im Thronsaal waren die Ratsherren zu Füßen des Königspaares versammelt. Sie applaudierten stehend der jüngsten Hüterin, die der Stein jemals hatte.

„Ich hätte es wissen müssen“, sagte König Aron, als er seine Tochter in die Arme schloss, während ihre Mutter die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. „Wann hast du diesen Entschluss gefasst?“

„Heute früh, als du die Ratsherren so barsch hinausgeworfen hast“, entgegnete Daria leise. „Der Stein verlangt mein Blut so wie so, vielleicht sogar mein Leben. Was macht es für einen Unterschied, ob ich heute oder in zwei Jahren zu ihm gegangen wäre? Wäre dein Schmerz in zwei Jahren geringer, wenn ich nicht zurückkehrte?“

Aron schüttelte stumm den Kopf. Daria war beileibe nicht mehr das kleine Mädchen, als das er sie so gerne gesehen hätte. „Dann werde ich dich ab heute mit in den Rat einbeziehen müssen“, murmelte er nachdenklich.

„Du wirst es tun müssen – wohl oder übel. Aber vergiss nicht, ich bin immer noch dieselbe Person“, erklärte Daria mit fester Stimme.

Zum Fest, zu Ehren der neuen Hüterin, kamen gekrönte Häupter aus aller Welt, unter ihnen auch der König von Tlul mit seinem Sohn Kronn.

„Sie ist wunderschön“, flüsterte der junge Prinz seinem Freund Jakon von Silberfels zu.

„Vergiss sie. Die Prinzessin ist laut einem alten Gesetz dem König von Tlul versprochen. Wenn sie das richtige Alter hat, wird dein Vater sie heiraten.“

Daria fühlte die Augen des Prinzen auf sich ruhen. Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln, wandte sich aber sofort wieder ab.

Jakon packte ihn am Arm. Er zog ihn einfach mit sich fort. „Ich habe gesagt: Vergiss sie!“, zischte er.

König Attra begegnete seiner zukünftigen Braut, die noch fünf Jahre jünger war als sein Sohn, mit der nötigen Ehrerbietung. Er hatte ein halbes Kind erwartet, traf nun aber auf eine stille junge Dame, die sich des Ernstes ihrer Aufgaben sehr wohl bewusst war.

Erst jetzt, wo er ihr gegenüberstand, regte sich tief in ihm der Gedanke, dass sie die ideale Frau für seinen Sohn gewesen wäre. Kronn würde sie möglicherweise nicht einmal als Frau seines Vaters akzeptieren, von Stiefmutter konnte schon gar keine Rede sein. Den Stein zu hüten, bedeutete wohl, ein Leben lang unglücklich zu bleiben. Wie konnte das Schicksal nur so grausam sein?

In den nächsten drei Jahren fanden mehrere Zusammenkünfte der Herrscherhäuser statt. Daria, die langsam zur wundervollsten Blume auf dem ganzen Kontinent heranwuchs, ließ nie einen Zweifel daran aufkommen, dass sie ihre Pflicht erfüllen werde.

Attra fühlte, dass es nur dabei bleiben werde, denn wenn sie ihn anlächelte, blieben ihre Augen stumm.

Kronn hörte schweren Herzens auf den Rat, den ihm Jakon gegeben hatte. Er mied jedes Zusammentreffen mit ihr, als habe sie eine ansteckende Krankheit.

„Du scheinst sie nicht gerade zu mögen“, stellte Attra besorgt fest.

„Stimmt“, erwiderte Kronn kurz. Niemand hätte auch nur im Entferntesten vermutet, dass er sich vor Gram verzehrte, weil sie nicht die Seine werden konnte. Er träumte von ihr – immer wieder und manchmal sogar mit offenen Augen.

Allein Daria ahnte, was in ihm vorging und das machte es ihr nicht gerade leichter. Du wirst jeder Liebe entsagen, hatte der Stein gefordert. Nun bezahlte sie den Preis.

Attra zögerte die Hochzeit immer wieder hinaus. Er hätte selbst nicht sagen können warum. Daria war dankbar für jede Galgenfrist, die sie dadurch bekam. Sie konnte es sich nur schwer vorstellen, sich einem Mann hingeben zu müssen, für den sie zwar Achtung, aber keinen Funken Liebe empfand und der fast dreißig Jahre älter war als sie. Er hätte ihr Vater sein können. Ein erschreckender Gedanke für die junge Frau.

An ihrem neunzehnten Geburtstag hielt Attra offiziell um ihre Hand an. Kronn stand mit unbewegter Miene neben ihm. Er war auch der Einzige, dem es auffiel, dass die Prinzessin eine Spur blasser wurde. Zum ersten Mal huschte ihr Blick für den Bruchteil einer Sekunde Hilfe suchend zu ihm. Kronn fühlte sich, als ramme ihm jemand ein glühendes Messer ins Herz.

Ein paar Wochen später stand der Termin fest und beide Königshäuser bereiteten sich auf das freudige Ereignis vor. Einladungen gingen an alle Königreiche, sogar an Marrakana, die finstere Herrin von Paradan.

Jakon versuchte vergeblich, den Prinzen zu trösten, der immer wieder seufzte: „Würde meine Mutter noch leben …“

„Jetzt hör endlich auf!“ Jakon rüttelte ihn an den Schultern. „Sie lebt nicht mehr und du hast keine andere Wahl. Versuche, wie ein großer Bruder für Daria zu sein. Sie wird es schwer genug haben.“

„Du hast gut reden“, schnaufte Kronn.

In den nächsten Wochen trafen die Zusagen der Könige ein. Auch Marrakana antwortete – nur völlig anders als erwartet.

Marrakanas Antwort

Sie schickte ihr Heer gegen Tlul, um zu verhindern, dass das Geheimnis des Nadroman womöglich noch in Attras Hände käme. Sein magisches Zepter Chrysanthis hatte ihr schon genug Niederlagen beigebracht.

„Bitte König Aron um Hilfe“, schlug Kronn seinem Vater vor. Mit Sorge beobachtete er, wie sich immer mehr Söldner an der Grenze zusammenrotteten.

Attra schüttelte den Kopf. „Tlul hat es immer allein geschafft und so wird es auch diesmal sein.“

Am nächsten Morgen ritten sie gemeinsam an der Spitze ihres Heeres Marrakana entgegen. Noch einmal versuchte Kronn, Attra zu überzeugen, dass es besser sei, Männer aus Siddra zu erbitten. Umsonst. Das Wetter war düster wie seine Vorahnungen.

Dies war kein normaler Krieg, es war ein Gemetzel. Marrakanas Söldner machten jedes lebende Wesen nieder, das ihnen vor die Augen kam. Ganz egal, ob Mensch oder Tier.

Tluls Heer stand gegen eine Übermacht. Nach drei Tagen sah es fast so aus, als werde Marrakana triumphieren. Wieder versuchte Kronn, Attra ins Gewissen zu reden.

Verbissen weigerte sich Attra, den Vorschlag anzunehmen. „Bin ich der König oder du?“, fuhr er seinen Sohn an.

Kronn senkte den Blick. „Du bist der König. Wie könnte ich gerade das jemals vergessen?“

Er verließ das Zelt seines Vaters. Eine blutrote Sonne ging auf. Kronn lief ein Schauer über den Rücken. Heute werde der Krieg enden, auf die eine oder andere Art und Weise. Vielleicht werde in ein paar Stunden ihr Blut, genau so rot, die Erde tränken. Er holte sein Pferd, stieg auf und inspizierte mit Jakon den kläglichen Rest ihrer Truppen.

Das Horn Paradans erklang.

Attra kam mit dem Helm in der Hand aus seinem Zelt gerannt. „Auf in den …“ Er brach zusammen. Ein feindlicher Armbrustpfeil hatte sein Genick durchbohrt. Genau dort, wo das Panzerhemd endete.

„Vater!!!“ Kronn sprang vom Pferd. Gebrochene Augen starrten in den Himmel. Er nahm ihn in den Arm.

Noch einmal ertönte das Horn Marrakanas.

Kronn ließ den Leichnam seines Vaters aus den Armen gleiten. Er zog Chrysanthis aus der Haltung an dessen Gürtel, sprang auf, riss den Arm mit dem Zepter in die Höhe. „Für Tlul! Rächt den König!“, rief er mit donnernder Stimme.

Die Männer warfen sich in den Kampf. Das braune Pferd Kronns tauchte überall auf. Er wütete unter den Feinden wie ein gereizter Tiger. Gegen Abend wendete er das Blatt.

Marrakanas Söldner flohen, verfolgt von Kronn und seinen Getreuen. Erst nachdem sie sie über die Grenze gejagt hatten, kehrten sie zu ihrem toten König zurück.

„Schickt Boten nach Siddra, dass König Attra im Kampf gefallen ist. Sprecht der Prinzessin mein Mitgefühl aus.“ Jakon half Kronn, seinen Vater aufzubahren. Am nächsten Tag kehrten sie siegreich, aber voller Trauer, nach Tlul zurück.

An der Begräbniszeremonie nahm Prinzessin Daria teil. Kronn reichte ihr seinen Arm, um sie zur Königsgruft zu geleiten. Sie trug weiße Lilien in der Hand. Mit den Worten: „Ihr wart ein edler Mann. Ruht nun in Frieden“, legte sie sie auf den Sarg.

Erst ein paar Tage später wurde Kronn bewusst, dass sie eines Tages mit einem Brautstrauß neben ihm gehen würde. Der alte Schwur musste erfüllt werden. Und er wollte es tun, allen Hindernissen zum Trotz.

Wenig später bereitete sich Tlul auf die Krönungsfeierlichkeiten vor. Prinz Kronn hatte im Kampf, aber auch im Frieden danach, bewiesen, dass er ein würdiger Nachfolger seines Vaters war. An der Tafel, ganz in seiner Nähe, saß das Königspaar von Siddra und natürlich Daria.

Immer wieder trafen sich ihre Blicke. Daria hätte viel dafür gegeben, wenn Kronn ein paar Worte mit ihr allein gewechselt hätte. Nur war der junge König alles andere als ein Draufgänger, wenn es um Frauen ging. Im Kampf hingegen war er ein furchteinflößender Gegner.

Er dankte ihr lächelnd für alle guten Wünsche. Dass er dabei ihre Hände etwas länger als gebührlich festhielt, deutete Daria als gutes Zeichen. Sie fieberte regelrecht dem Tag entgegen, wo er um ihre Hand bitten werde.

Noch zehn volle Monate, dann wäre die Trauerzeit vorbei. Aber auch zehn Monate, in denen viel passieren konnte. Das Schicksal König Attras zeigte es deutlich genug.

Kronn war auf der Hut. Aber auch er konnte es nicht verhindern, dass ein halbes Jahr nach seiner Krönung ein Bote König Arons bei Hofe erschien, der berichtete, dass die Prinzessin von Marrakanas Schergen entführt worden sei. Niemand könne sagen, wohin man sie gebracht habe.

Der berittene Bote traf mitten in der Nacht an Tluls Königshof ein. Kronn ließ ihn sofort zu sich bringen. Mit versteinertem Gesicht hörte er die schlimme Nachricht an.

Dann wandte er sich an seine Dienerschaft. „Bewirtet ihn reichlich und zeigt ihm, wo er schlafen kann.“

Ein paar Minuten später hielt der junge König bereits Rat mit den Kommandanten seiner Leibgarde und Jakon, der nicht nur sein Freund, sondern zudem sein bester Ritter war. Auch in Tlul waren mehrmals die schwarzen Reiter gesehen worden.

„Für einen offenen Angriff auf Paradan fehlen uns die Männer“, erklärte Jakon sofort.

„Das ist das eine“, ließ sich Kronn vernehmen. „Das andere ist, wir haben keine stichhaltigen Beweise. In Tlul und Siddra herumzureiten, ist ja kein Verbrechen.“

Jakon schnaufte. Kronn legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich bin, wie alle hier, sicher, dass Marrakana dahinter steckt. Aber das hilft mir im Augenblick auch nicht weiter.

Bringt mir Beweise, dann stelle ich sofort ein Heer auf und bitte König Aron um Hilfe. Was glaubt ihr wohl, warum er sich so zurückhält?“

Jakon sprang auf. „Gut, ich werde sehen, was sich machen lässt. Sie haben schlimmstenfalls sechs Stunden Vorsprung.“

„Sei bitte vorsichtig!“, mahnte Kronn. „Die schwarze Hexe ist mit allen schmutzigen Wassern gewaschen.“

„Wird schon schief gehen.“ Jakon verließ Kronns Arbeitszimmer, um sofort seine Männer um sich zu scharen.

Etwa 20 gepanzerte Berittene machten sich nach wenigen Augenblicken unter seiner Führung auf den Weg zur Grenze. Kronn hielt es nicht in seinem Schloss, nur durch Helm und Brustharnisch geschützt, galoppierte er Jakons Rittern hinterher. Nach einer Stunde hatte sein Hengst die Gruppe eingeholt.

„Sichert den König!“, befahl Jakon.

Keine Sekunde zu spät. Von einem Baum herab erschoss ein gut getarnter Fremder zwei seiner Reiter mit Armbrustbolzen.

Kronn zog als Antwort kaltblütig den leichten Bogen von der Schulter. Sein Pfeil traf den Schwarzgekleideten genau in die Stirn. „Einer weniger“, murmelte er. „Reitet weiter! Ich kümmere mich um unsere Toten.“

„Aber Herr!“

„Das ist ein Befehl! Ich hole euch ja doch wieder ein.“ Kronn galoppierte zu einem nahen Bauernhof, wo er darum bat, die beiden gefallenen Ritter zu seinem Schloss bringen zu lassen.

Ein paar Goldstücke sorgten für die nötige Eile. Dann folgte er sofort wieder Jakon, der mit seinen Männern auf einer Anhöhe hielt und ihn aufschließen ließ.

„Da vorn sind sie.“

„Wie viele?“

„Rund 50.“

Kronn tastete nach Chrysanthis, dem magischen Zepter. Gib uns Kraft, bat er und trieb seine Männer zum Angriff.

Paradans Söldner teilten sich. Zehn preschten weiter in Richtung Grenze, die anderen kamen mit gesenkten Lanzen Kronns Rittern entgegen. Ausnahmslos jeder Mann aus Tlul stand plötzlich zwei Feinden gegenüber, denen er sich zu erwehren hatte.

Kronn kam zugute, dass die Pferde der anderen stärker ermüdet waren, vom weiten Weg aus Siddra. Dafür schienen deren Reiter keinen Schmerz zu kennen. Sie droschen wie die Irren auf ihre Gegner ein. Bald gab es keinen mehr, der nicht verletzt worden wäre.

Ob es Zufall war oder ihn das Kampfgetümmel angelockt hatte, nahte auf dem Feld ein weiß gekleideter Ritter. In einigem Abstand zum eigentlichen Geschehen blieb er stehen, nahm einen Jagdbogen von der Schulter und setzte seine Pfeile genau in die Augenschlitze der Helme der Eindringlinge aus Paradan.

Nach dem fünften Toten galoppierten zwei der schwarzen Ritter auf den Fremden los. Er ließ sein Pferd steigen, wendete auf der Hinterhand und gab dem Tier die Zügel frei. Die Schwarzen hatten keine Chance, ihn einzuholen.

„Nicht übel“, quetschte Jakon bewundernd zwischen den Zähnen hervor und trennte mit einem mächtigen Schlag seinem Gegner den Kopf von den Schultern.

Da war auch schon wieder der Weißgewandete zurück und lehrte die schwarzen Reiter das Fürchten. Gegen Abend hatten sie den Letzten von ihnen niedergemacht. Erst jetzt kam der geheimnisvolle Fremde heran.

„Danke für Eure großartige Hilfe!“ Kronn deutete eine Verneigung an.

„Es war mir ein Vergnügen und eine Ehre“, klang es dumpf unter dem silberglänzenden Helm hervor. „Lasst uns zum Waldrand reiten. Dort wird sich eine Kräuterfrau Eurer Wunden annehmen.“

Der Fremde trabte gemächlich über die Wiese davon, ohne sich umzuschauen, ob die Männer Tluls folgten. Kronn nickte Jakon zu und die müden Ritter setzten sich in Bewegung. Die Flüchtigen hätten sie nun ja doch nicht mehr vor der Grenze nach Paradan einholen können.

„Wer ist das?“, wollte Jakon von Kronn wissen.

„Keine Ahnung. Ich hab ihn noch nie hier gesehen. Stimme und Gestalt nach scheint er auch noch recht jung zu sein.“ Kronn beobachtete eine Weile jede Bewegung des Fremden.

„Ich werde ihn einladen, sich auf meiner Burg vom Kampf zu erholen“, erklärte Jakon.

„Tu das. Gute Männer können wir jetzt besonders dringend gebrauchen.“ Kronn wischte mit dem Lederhandschuh Blut von seiner aufgeplatzten Augenbraue.

Magische Momente

Die besagte Kräuterfrau erwartete die Ritter bereits an ihrem Gartentor. Beim Anblick des Königs bekam sie große Augen. Sie beeilte sich, zu ihm zu kommen.

Er winkte rasch ab. „Ich kann warten. Helft zuerst denen, die schwerer verletzt sind. Ich werde mich inzwischen um die Pferde kümmern.“

„Wie? Ihr wollt die Pferde versorgen? Aber Herr!“

„Nichts Herr. Ihr seht ja, in welchem Zustand meine Männer sind. Von den Pferden können Leben und Tod abhängen.“ Kronn pumpte Wasser für die ermatteten Tiere, ehe er begann, sie abzuhalftern. Der fremde Ritter ging ihm wortlos zur Hand, ohne Helm und Harnisch abzulegen. Selbst die gepanzerten Handschuhe ließ er an.

„Wollt Ihr mir nicht Euren Namen nennen?“, fragte Kronn über den Rücken eines Tieres hinweg.

„Adrian“, antwortete der Fremde und dem König schien es, als habe er Mühe gehabt, es beim N enden zu lassen.

Jakon gesellte sich zu ihnen. „Ich möchte Euch bitten, uns zu meiner Burg zu begleiten. Ihr habt uns sehr geholfen und ich möchte Euch mit einem deftigen Ritterfest ehren.“

„Schlagt ihm den Wunsch nicht ab“, bat Kronn.

Worauf der Fremde lange Jakons Gesicht betrachtete, die muskulösen Arme, dann einen Schritt zurück trat, um die ganze Gestalt seines Gegenübers im Blick zu haben. „So soll es sein“, murmelte er schließlich.

Kronn schaute Jakon ebenfalls an und zuckte unwissend mit den Schultern. Der fremde Ritter wurde immer geheimnisvoller.

„Eure Männer sind versorgt“, sprach die Kräuterfrau Kronn an. „Zeit, sich Euren Wunden zuzuwenden.“

„Es sind nur Kratzer, die sich irgendwann von allein schließen“, wiegelte der junge König ab.

„Ich weiß. Nur könnt Ihr Euch Verletzungen nicht leisten, wenn Ihr Daria wirklich retten wollt. Folgt mir!“ Sie verschwand im Haus.

Kronn beeilte sich, ihrer Aufforderung Folge zu leisten. „Ihr wisst davon?“

„Das pfeifen seit heute Nacht die Spatzen von den Bäumen.“ Sie zog ein Salbentiegelchen aus einem Beutel. „Hauchdünn auftragen! Niemals den magischen Spruch vergessen! Drei Tage braucht es zum Heilen, drei Tage musst du verweilen.“

Kronn nahm es dankend entgegen, um es sicher zu verwahren. „Ich werde es gleich morgen auftragen. Versprochen.“

Die Frau lachte. „Auch das weiß ich. So, wie ich Euch heute kennengelernt habe, habt Ihr Euch nicht nur meinen Respekt verdient. Legt Euch hier zur Ruhe. Ich werde die Nacht im Wald auf der Suche nach Kräutern verbringen.“

Während sich die Männer aus Tlul unter dem Schuppendach zur Ruhe legten, blieb der fremde Ritter, auf seinen Bogen gestützt, neben seinem Schimmel stehen.

Jakon ging zu ihm hinüber. „Wollt Ihr denn nicht ein wenig ruhen? Ich übernehme die Wache.“

„Ich bin es nicht gewohnt, mich auf andere zu verlassen“, bekam er zur Antwort.

„Ihr habt weder gegessen noch getrunken …“

„Als Euer Gast werde ich morgen sicher beides tun.“

Jakon seufzte. „Dann setze ich mich jetzt für drei Stunden neben das Feuer, und versuche zu schlafen. Weckt mich bitte, falls ich nicht von allein aufwache.“

„Seid ohne Sorge.“

Jakon legte noch einmal Holz in die Glut, dann umfasste er mit beiden Armen die angezogenen Knie, auf welche er seinen Kopf bettete. Rasch schlief er ein.

Der weiße Ritter zog eine Phiole aus den Falten seines Umhanges, nahm einen winzigen Schluck und ließ das Fläschchen wieder verschwinden. Energie für drei lange Stunden Wache.

Hin und wieder ließ er seinen Blick hinüber zum Feuer schweifen, wo Ritter Jakon wie eine Statue hockte und schlief. Jakon, der beste Mann und Freund des Königs. Ein Ritter, der sich heute tapfer gegen eine Übermacht geschlagen hatte.

Einer, der trotz allem immer wieder aufschreckte, zu seinen Männern schaute und erst wieder einnickte, nachdem er sich vergewissert hatte, dass auch der Fremde noch auf seinem Posten stand.

Pünktlich auf die Minute erhob er sich. „Nun könnt Ihr versuchen, etwas zu ruhen.“

Ein kurzes Nicken, dann zeigten die tiefen Atemzüge an, dass der geheimnisvolle Fremde stehend eingeschlafen war.

„Das soll einer begreifen“, murmelte Jakon erstaunt.

Im Morgengrauen kehrte auch die heilkundige Frau wieder zurück. Einen Teil der frischen Kräuter schüttete sie gleich in kochendes Wasser. Der Duft weckte auch die letzten Schläfer. Der Trank gab ihnen neue Kraft. Der weiße Ritter blieb auch auf seinem Platz stehen, als alle frühstückten.

„Kennt Ihr ihn?“, fragte Kronn die Frau, die sich nicht einmal zu wundern schien.

Sie nickte kaum merklich und raunte ihm zu. „Ich bin ihm schon begegnet. Er schickt manchmal einsame Wanderer zu mir. Man sagt, er sei der rechtmäßige Erbe von Paradan.“

Äußerst interessant, dachte Kronn. Ich schätze, wir werden uns eines Tages erneut begegnen. Auf meine Hilfe könnt Ihr jederzeit zählen.

Dass ihm der weiße Ritter im selben Augenblick deutlich zunickte, hielt er für eine glückliche Vorsehung, wie so vieles seit dem gestrigen Kampf.

Jakon half dem Fremden aufs Pferd, nachdem sich alle dankbar von der Kräuterfrau verabschiedet hatten.

Freut mich aufrichtig, dass er Jakon gegenüber nicht ganz so unnahbar ist. Kronn beobachtete die beiden, die genau vor ihm ritten.

Das Volk von Tlul bereitete den Heimkehrern einen begeisterten Empfang. So nahm der König schließlich seinen Helm ab und mit einem warmherzigen Lächeln die Huldigungen entgegen. Zwar hatten sie Daria nicht einmal zu Gesicht bekommen, Marrakana aber gezeigt, dass sie sich nicht zu sicher fühlen durfte.

Am späten Vormittag erreichten die Reiter Jakons Burg Silberfels. Der Burgherr gab Kronn, der sofort weiterreiten wollte, sechs frische Männer mit auf den Weg nach Hause.

Die anderen saßen im Burghof ab, wo sich Stallknechte rasch um die Pferde kümmerten. Mägde heizten ordentlich für die hölzernen Badewannen ein.

„Ihr müsst nicht hier draußen baden. Ich biete Euch einen Platz im Haus, in meiner Wanne an“, wandte sich Jakon an den weißen Ritter, der noch immer Helm und Harnisch trug.

„Ich nehme dankend an“, sprach der und folgte Jakon langsam in die Burg.

Schon unterwegs warf Jakon den herbeieilenden Badeknechten Arm- und Beinschienen zu, ließ sich das Kettenhemd abnehmen und das schmutzstarrende Untergewand. Mit einem Satz war er im warmen Wasser. „Oh, das tut gut! Kommt, es ist genug Platz für zwei!“

Der weiße Ritter ließ sich die Handschuhe, Arm- und Beinschienen abschnallen, Brust- und Rückenharnisch. Verblüfft und neugierig schaute Jakon zu, denn den Helm behielt der Fremde auch weiterhin auf.

Er trug auch kein Kettenhemd, wie die Männer hier, stattdessen einen breiten Kettenkragen. Jakon hielt die Luft an, er hatte darunter soeben zwei Rundungen erspäht, die ganz und gar nicht zu einem Ritter passten. Im selben Moment nahm der Fremde den Helm ab, worauf sich eine Flut hüftlanger haselnussbrauner Locken ausbreitete.

Völlig perplex sprang Jakon auf, das Unglaubliche zu bestaunen. Dabei vergaß er gänzlich, dass ihm das Wasser so nur noch bis kurz übers Knie reichte und er nun ebenfalls ziemlich ungeniert gemustert wurde.

Den Badeknechten fielen bald die Augen aus den Köpfen, als die geheimnisvolle Fremde das Unterkleid abstreifte, das lange Haar zu einem Knoten zusammenband und zu ihrem Herrn in die Wanne stieg.

„Nun, Ritter Jakon, habt Ihr noch nie eine Frau gesehen?“, fragte die Fremde amüsiert lachend. Wobei sie ihn noch einmal ziemlich interessiert von Kopf bis Fuß betrachtete. „Ihr schaut mich an, wie ein Kind einen Baum voller süßer Kirschen.“

Jakon beeilte sich, sich endlich wieder zu setzen, wobei er ziemlich irritiert wirkte. Die dunkelblauen Augen und der sinnliche Mund seines Gastes verwirrten ihn vollends.

„Im Augenblick überlege ich, ob ich wache oder träume“, flüsterte er. „Und falls ich nicht träume, dann sind Eure prallen Äpfel das wundervollste Obst, das mir jemals vor die Augen gekommen ist. Darf ich Euch meine Dienste als Badeknecht anbieten?“

Die Fremde blinzelte. „Aber gern. Ich hoffe doch sehr, dass Ihr auch dieses Handwerk versteht. Im Gebrauch Eurer Waffen und Werkzeuge scheint Ihr ja ein Meister zu sein.“ Dabei schaute sie so eindeutig zu jener Stelle im Wasser, die sie bei der eingehenden Betrachtung bereits favorisiert hatte.

Den Badeknechten klappten die Unterkiefer herunter und Jakon scheuchte sie schließlich davon, um mit der geheimnisvollen Schönen allein zu sein.

„Reinigt ihre Gewänder und die Rüstung!“, rief er ihnen noch hinterher. „Und zu keinem auch nur ein Wort!“

„Ich habe Mittel und Wege, sie ganz schnell vergessen zu lassen, was sie gesehen haben“, flüsterte die Fremde.

Jakon zuckte deutlich sichtbar zusammen. „Wer seid Ihr?“

„Jemand, der sicher ist, dass Ihr kein Schwätzer seid. Jemand, der weiß, dass Ihr das Geheimnis um den weißen Ritter sorgsam hüten werdet. Jemand, der Euch sehr mag.“ Dabei bedachte sie ihn mit einem Augenaufschlag, dass Jakon heiß und kalt wurde. „Vergesst nicht, dass Ihr mir Eure Dienste angeboten habt.“

Jakon griff wie ein Traumwandler nach dem Badeschwamm. Sekunden später war er bereits der ganzen Welt um sich herum völlig entrückt. Er streichelte den schlanken Körper, der sich in seine Arme schmiegte. Genoss es, wie sie ihre Finger über seine Muskeln gleiten ließ, und zeigte ihr, dass er sein Werkzeug, wie sie es genannt hatte, meisterlich beherrschte.

Eine Magd erschien. „In einer halben Stunde wird aufgetafelt.“

Jakon seufzte. „Dann sollten wir uns wohl langsam auf trockeneren Boden begeben.“ Er hüllte seine wundervolle Gespielin in ein wärmendes Tuch. „Wie soll ich Euch denn nun nennen?“

Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Nasenspitze. „Ich bin Adrian, der weiße Ritter.“ Sprach es und schlüpfte in Männerkleidung, welche sie aus ihrem Reisesack zog. Das lange Haar verbarg sie unter einem Samtbarett.

„Es wird mir schwerfallen, bis heute Abend die Finger von Euch zu lassen“, murmelte Jakon, worauf Ritter Adrian ein breites Schmunzeln aufsetzte. Jakon seufzte noch einmal. „War ja klar.“ Ihn hatte der Blitz so tief getroffen, dass er noch immer überlegte, ob nicht alles nur seiner überhitzten Fantasie entsprungen sei.

Er bat Adrian an der Stirnseite des Tisches neben sich, hob grüßend seinen Weinbecher. „Unser Dank gebührt einem edlen Ritter, ohne dessen Eingreifen es gestern schlecht um uns bestellt gewesen wäre. Solltet Ihr jemals in Schwierigkeiten stecken, so werden wir für Euch da sein. Auf Euer Wohl, edler Herr!“ Für Euch würde ich sogar in den Tod gehen, fügte er in Gedanken an.

„Ich danke Euch“, erwiderte Adrian. „Ich könnte Eure Hilfe möglicherweise schneller brauchen, als heute zu erahnen ist.“

„Wir werden bereit sein.“ Jakon trank in einem Zug seinen Becher leer.

Neugierige Blicke taxierten den jungen Gast, der wohl gerade den Kinderschuhen entwachsen war. Zumindest konnten sie keine Spur eines Bartwuchses entdecken. Unglaublich, wie dieses Bürschlein unter den Feinden gewütet hatte.

„Was haltet Ihr von ein paar kleinen Geschicklichkeitsspielen?“, fragten schließlich einige Männer Adrian.

„Sehr viel, solange es bei dieser Art Wettbewerb bleibt. Rein von der Kraft habe ich keinem von Euch etwas gegenzusetzen, wie jeder auf den ersten Blick erkennen kann.“

Die Männer brachen in Gelächter aus. „Wohl gesprochen. Wir werden Euch nicht zum Ringkampf herausfordern.“

„Das beruhigt mich“, schmunzelte Adrian und blinzelte kaum sichtbar Jakon zu.

Der nahm sich vor, sehr genau darauf zu achten, wozu man seinen Gast animieren werde.

Jakons Männer legten Kettenhemd und Brustharnisch an. Adrian, nicht im Besitz eines Kettenhemdes, nur Halsschutz und Harnisch. Eine schwerere Panzerung wäre ihm bisher nur hinderlich gewesen.

Das Bogenschießen gewann der junge Mann haushoch. Ihm gelang es sogar, drei Pfeile der anderen glatt zu spalten. Egal, ob feste oder bewegliche Ziele – Ritter Adrian traf alle. Seine Überlegenheit demonstrierte er schließlich damit, seinen Dolch genau so zielsicher zu werfen.

„Wer macht es nach?“, lachte er.

„Einen Versuch ist es wert“. Jakon erhob sich „Auch, wenn ich es noch nie vorher probiert habe.“

Zumindest traf er die Zielscheibe, womit er sich den Respekt aller verdiente.

„Wie steht es mit dem Schwertkampf?“

„Bin dabei.“ Adrian rollte die Decke am Sattel auf, zog ein Schwertgehänge hervor, gurtete es um und winkte dem Frager herausfordernd zu.

Trotz alle Sorge dachte Jakon: Mal sehen, was sie noch alles hervorzaubert.

Adrian war blitzschnell. Innerhalb weniger Augenblicke deutete er zwei Stiche in den ungeschützten Rücken seines Gegners an, worauf ihn das Preisgericht zum Sieger erklärte.

Interessiert betrachtete Jakon die Waffe, worauf sie ihm Adrian zur Ansicht und Prüfung in die Hand legte. „Erstaunlich leicht und höllisch scharf“, murmelte er.

„Sie würde eine Eurer üblichen Rüstungen wie Butter durchdringen“, erklärte Adrian und spaltete mühelos einen herumliegenden Helm der Torwache.

Wäret Ihr ein Mann, dann wäret Ihr fast unbesiegbar, sagten Jakons Augen.

Aber nur fast, hörte er Adrians Stimme, obwohl der den Mund geschlossen hielt. „Eine größere Reichweite habe ich aber mit der Peitsche.“

„Womit?“ Mehreren Rittern blieben die Münder offen stehen.

Adrian zog eine lange schwarze Lederpeitsche aus dem Sack. Mit zwei Schlägen enthauptete er die hölzerne Übungspuppe der Ritter.

„So etwas hab ich bisher nur von den Söldnern aus Paradan gesehen“, gab Jakon erbleichend zu.

Ein bitterer Zug legte sich um Adrians Mundwinkel. Dann stieß er düster hervor: „Diese Brut kann man nur mit ihren eigenen Mitteln schlagen. Ehrenvolle Duelle, Mann gegen Mann, sind vertane Mühe.“

Es war still geworden nach diesen Worten. Und manch gestandener Ritter fragte sich, was diesem jungen Mann schon widerfahren sein musste, um solchen Hass zu entfachen.

Ich werde Euch und Eure Männer eines Tages die rechte Kampftechnik lehren, vernahm Jakon deutlich in seinem Kopf.

Das Festessen, immer wieder unterbrochen durch kleine Schaukämpfe, zog sich bis zum späten Abend hin. Jakon hatte sich beim Wein den ganzen Tag gezügelt, um seinen geheimnisvollen Gast nicht zu verschrecken, und nachts die Annehmlichkeiten trauter Zweisamkeit mit allen Sinnen genießen zu können.

Denn er zweifelte nicht daran, dass die wehrhafte Fremde mit ihm das Bett teilen werde. Also steuerte er ohne Umschweife sein Schlafzimmer an.

„Teilt Ihr mit jedem weiblichen Gast Eure Decke?“, fragte sie spöttisch, als er die Tür abschloss, ihn aber auch nicht daran hindernd.

„Geht Ihr mit jedem Ritter ins Bad?“, stellte er lächelnd die Gegenfrage.

„Punkt für Euch. Ihr seid der Erste.“

„Seht Ihr, Ihr seid die erste Frau, mit der ich dieses Bett teile.“ Jakon zog sie an sich, warf ihr Barett auf einen Schemel und begann ihr Wams aufzubinden. „Ich liebe Euch. Völlig egal, wer Ihr seid, wie Ihr heißt oder woher Ihr kommt.“

„Und wenn ich nun einem anderen versprochen bin?“

„Habe ich die Genugtuung, etwas bekommen zu haben, was ihm zugestanden hätte. Außerdem wäre Euch das sicher eingefallen, bevor Ihr zu mir in die Wanne gestiegen seid.“ Jakon zog sie unter die Bettdecke und schloss ihren Mund mit einem langen Kuss.

Es wurde eine brandheiße Nacht. Jakon widmete der schönen Fremden seine Manneskraft, wie er es noch nie vorher mit einer anderen Frau getan hatte. Als sie sich zum Schlummer in seine Arme schmiegte, streifte er ihr seinen Lieblingsring mit dem Wappen derer von Silberfels über den Finger.

Hufschläge auf der Zugbrücke rissen ihn im Morgengrauen aus dem Schlaf. Der Platz an seiner Seite war leer und Jakon konnte aus seinem Fenster gerade noch sehen, wie der weiße Ritter im nahen Wald verschwand.

Jakon fühlte sich, als habe man ihm das Herz herausgerissen. Mit hängendem Kopf setzte er sich auf die Bettkante und grübelte. Vielleicht war ja doch alles nur ein schöner Traum gewesen.

Nicht einmal das zerwühlte Bett mit den verräterischen Flecken hätte er jetzt als Beweis gelten lassen, dass es die geheimnisvolle Fremde wirklich gab.

Jakon quälte sich hoch, fasste nach seinen Kleidern und bekam große Augen. Die Frau seiner Träume hatte ein Liebespfand in Form eines Ringes zurückgelassen, dessen Wappen er nicht kannte. Zumindest konnte er sich nicht erinnern, es jemals gesehen zu haben. Er fädelte den zierlichen Ring auf eine Kette, die er fortan um den Hals trug, und die er niemals ablegte.

Die Suche nach Daria

Jakon sattelte sein Pferd und ritt hinüber zum Schloss. Vielleicht half ihm die Suche nach der Braut des Königs, seinen eigenen Kummer etwas zu vergessen.

„Gibt es Neuigkeiten?“, rief er schon an der Tür zu Kronns Bibliothek.

„Keine.“ Kronn reichte seinem Freund die Hände. „Und bei dir?“

„So viele, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen und wo ich aufhören soll!“ Jakon ließ sich auf einen Stuhl fallen.

„Hast wohl das Geheimnis des weißen Ritters ergründet?“

„Von wegen! Schön wär’s. Das Geheimnis wird immer geheimnisvoller.“ Jakon zog seinen Ring hervor. „Was sagst du, als der größte Heraldiker unserer Epoche, zu diesem Wappen?“

„Woher hast du den Ring?“

„Der weiße Ritter schenkte ihn mir zum Abschied.“ Jakon rieb sich mit beiden Händen das Gesicht.

Kronn schloss die Augen, legte nachdenklich den rechten Zeigefinger an die Nase. „Du erzählst mir vom weißen Ritter und ich suche nach dem Wappen.“

„Einverstanden.“ Jakon begann zu berichten. In Anbetracht der Situation, dass er stets alle Geheimnisse mit Kronn geteilt hatte, wie dieser auch mit ihm, ließ er nicht das winzigste Detail aus.

Erstaunt hielt er inne, als Kronn zu lachen begann.

„Ich glaube, ich weiß jetzt, wo und wonach ich suchen muss.“

„Ehrlich?“

„Ehrlich! Die Kräuterfrau hat angedeutet, der weiße Ritter sei der rechtmäßige Herr von Paradan. Ich glaube, nach deiner Geschichte, eher an eine Herrin.“

„Wie???“ Jakon sprang auf. „Offensichtlich meinst du das ernst!“

„Todernst.“ Kronn zog ein Buch aus dem Regal. „Und hier könnte der Beweis sein. Schau! Das Wappen der wahren Könige von Paradan. Lass dir deine Liebste bloß nicht von anderen abspenstig machen!“

Jakon riss es ihm fast aus der Hand. Das Wappen auf dem Ring glich in jedem Detail dem auf dem Papier. „Unglaublich!“ Er blätterte ein wenig darin, las quer und fragte dann: „Steht in diesem Buch wenigstens auch, wo wir deinen Schatz wiederfinden?“

Kronn seufzte. „Nein, ganz sicher nicht. Und niemand weiß, wie es in der schwarzen Burg aussieht. Keiner ist je lebend daraus zurückgekehrt. Es riecht jetzt schon danach, als müsse ich mich allein auf die Suche nach ihr machen.

Wenn ich gehe, dann wirst du hier für Recht und Ordnung sorgen. Keine Widerrede. Das ist ein Befehl.“

„An der Grenze haben alle sofort ihre Spur verloren, vermute ich“, warf Jakon ein.

„Schlimmer. Man hat Daria nicht einmal bei den schwarzen Reitern gesehen. Im Augenblick lebt sie aber noch, denn der Nadroman tut seine Wunder in Siddra. Fragt sich nur, wie lange.“

Kronn schaute aus dem Fenster, wo Silberfels in der Sonne funkelte. „Bring mir die Baupläne sämtlicher Burgen, die du bekommen kannst.“

Jakon sprang auf. „Bin schon unterwegs!“

Kronn setzte sich mit dem Buch in der Hand an seinen Schreibtisch und begann zu lesen. „Die wahre Herrin von Paradan“, murmelte er, den Kopf hebend. „Und sie hat Jakon auserkoren.

Aber das hilft mir im Augenblick auch nicht weiter, wenn ich Daria lebendig wiederfinden will.

Gegen Abend kam Jakon zurück. Einen riesigen Haufen Pergamente auf Kronns Schreibtisch packend, sagte er: „Das ist alles aus Tlul. Morgen bekommst du noch die Pläne der Burgen aus Siddra.“

„Die Herren haben dir freiwillig die Pläne gegeben?“, fragte Kronn verblüfft.

Jakon grinste breit. „Ich habe hin und wieder meine Bitte mit Gold untermauert.“

„Was bin ich dir schuldig?“

„Die Rettung Darias.“ Jakon half beim Sichten der Papiere. „Was hast du?“, fragte er, als ihn Kronn immer wieder neugierig musterte.

„Es spricht vieles für dich und ich kann die Fremde ganz und gar verstehen, wenn sie dich für sich reserviert hat“, begann Kronn ohne direkten Zusammenhang. „Du bist jung, ledig, Herr über ausgedehnte Ländereien, waffengewandt und gut siehst du auch aus, sonst würden die Frauen nicht überall sofort auf dich fliegen.

Ich kriege es nur nicht wirklich in den Kopf, dass du die Schöne regelrecht vernascht hast. Ich bekomme schon Herzflattern, wenn ich ein paar Worte mit Daria wechsle, was mir bei anderen Leuten niemals passiert.“

„Lässt du es gelten, wenn ich sage, dass ich verführt worden bin?“

„Nicht wirklich.“

„Dann bekenne ich mich schuldig.“ Jakon streichelte den Ring seiner geheimnisvollen Geliebten, die er wohl erst dann wiedersehen werde, wenn diese es wolle.

„Wie schauen deine Pläne für die nächsten Tage aus?“, wollte er von Kronn wissen.

Der deutete auf die Baupläne. „Außerdem warte ich auf das Ende der Frist, die mir die Magie der gutherzigen Kräuterfrau auferlegt. Bis dahin bin ich zwischen Bibliothek und meinem Schlafzimmer gefangen. Was wirst du tun?“

Über Jakons Gesicht huschte ein verlorenes Lächeln. „Die Baupläne sichten und von meiner großen Liebe träumen.“

„Bleibst du hier?“

„Wenn du darauf bestehst.“

Kronn nickte. „Tu ich.“

Vor Einbruch der Nacht kamen zwei Boten in den Schlosshof galoppiert. Arons Reiter brachte Nachricht, dass man im Sumpf an der Grenze zwischen Siddra und Tlul erneut zwei ermordete Ritter gefunden habe.

Kronns Mann hatte einen Händler aufgetrieben, der nahezu unbehelligt aus Paradan gekommen war. Er hatte auf dem Markt unterhalb der Burg davon erfahren, dass Marrakana Daria im Verlies gefangen hielt. Es hieß, man könne abends die Gefangene manchmal weithin singen hören.

„Wer singt, lebt“, machte sich Kronn selber Mut. „Ich muss einen Weg finden, in die Burg zu gelangen.“

„Du weißt, dass das Wahnsinn ist?“

„Jakon, ich weiß. Aber ich habe keine andere Wahl.“ Kronn vertiefte sich wieder in Zeichnungen und Texte.