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Drache oder Mensch – wem gebührt die Macht?
Jandra ist eine Menschenfrau, doch sie fühlt sich viel mehr den Drachen nahe, die sie aufgezogen haben. Und jetzt, da der tyrannische Drachenkönig Albekizan tot ist, scheint endlich auch ein friedliches Miteinander beider Rassen möglich zu sein. Doch während viele Drachen sich weigern, ihre Herrschaft aufzugeben, wollen die Menschen Rache für die Jahrhunderte der Unterdrückung. Und bald muss sich nicht nur Jandra fragen, auf welcher Seite sie eigentlich steht.
Ein faszinierendes Fantasy-Epos über die Herrschaft der Drachen und den Mut einer jungen Frau.
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Seitenzahl: 781
Veröffentlichungsjahr: 2011
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Bitterwood 02. Dragonforge« bei Solaris, Nottingham.
Für Laura Herrmann
Siehe, ich habe den Schmied erschaffen, der das Kohlenfeuer entfacht und Waffen erzeugt,wie es seinem Handwerk entspricht. Ich habe auch den, der vernichtet, erschaffen, damit er zerstört.
Jesaja 54:16
1100 D.Z . (Drachen-Zeitalter), im 1sten Jahr der Herrschaft von Shandrazel.
Graxen flog so dicht über den gewundenen Fluss, dass seine Flügelspitzen das Wasser berührten. Hinter ihm ging die Sonne auf und warf seinen Schatten ein Stück voraus – das Trugbild eines Drachen, der über die wogende Strömung hinwegschießt. Die Ulmen und Ahornbäume entlang des Ufers begannen bereits ihr Laub zu verlieren; eine Schicht aus roten und goldenen Blättern bedeckte jetzt die Erde. Graxens Atem erzeugte Wolken in der kühlen Morgenluft, die einen Moment noch wie ein dünner Schweif in der Luft hängen blieben, nachdem sein geschuppter Körper an ihnen entlanggestrichen war.
Je weiter Graxen nach Westen kam, desto felsiger wurde der Fluss; an manchen Stellen schäumte das Wasser weiß auf. Als er endlich ein Stück erreichte, das spiegelglatt war, öffnete er freudig seinen Kiefer und erfrischte sich mit einem raschen Schluck, den er im Flug in sein Maul beförderte. Dann stieg er höher, genoss das eiskalte Getränk und starrte hinunter auf den Himmel, der sich rosa und weiß auf der ruhigen Wasseroberfläche spiegelte. Graxen selbst bildete einen grauen Fleck inmitten der Pastellfarben. Im Gegensatz zu anderen Himmelsdrachen besaß er nicht einmal eine einzige blaue Schuppe. Irgendein Geburtsfehler hatte seiner Haut das Azurblau versagt, auf das andere Himmelsdrachen so stolz waren. Graxens Körper und seine Flügel wiesen die natürlichen Farben von Sturmwolken auf.
Graxen kannte das Gebiet unter sich nur von Karten her. Der Fluss, dem er folgte, mäanderte zwischen niedrigen Bergen hindurch. Schon bald würde er den Staudamm erreichen, eine beeindruckende, uralte Konstruktion, hinter der sich der Krallensee befand, der eine Reihe langgestreckter, gewundener Täler füllte. Sein Ziel war jedoch das Nest, eine Inselfestung gleich auf der anderen Seite des Damms. Manchmal, kurz vor dem Einschlafen, sah Graxen sich wieder als Küken an den felsigen Ufern des Nests hocken. Es war seine früheste Erinnerung, wie er in einen flachen Teich gestarrt und die kleinen Fische dabei beobachtet hatte, wie sie hin und her schossen, während er auf die Biologen gewartet hatte, die ihn wegbringen sollten.
Als männlicher erwachsener Himmelsdrache war es ihm verboten, zum Nest zurückzukehren. Nur eine Handvoll auserwählter männlicher Drachen wurde an diese geheiligten Ufer gebeten – zu denen Graxen allerdings wegen seiner grauen Schuppen nie gehören würde. Unter normalen Umständen hätte er keinerlei Möglichkeit gehabt, sich irgendwie Zutritt zu verschaffen. Andererseits hatte sich die Welt seit kurzem geändert. Graxen trug eine Tasche über der Schulter, deren Gurt so lang war, dass sie ihm bis zur Hüfte reichte. Der Inhalt dieser Tasche verlieh ihm den Mut, einen Ort aufzusuchen, der ihm ansonsten nur in seiner Phantasie offen stand.
Als er die Flügel etwas neigte, um dem Fluss nach Norden auf den Damm zu zu folgen, sahen seine scharfen Augen, wie sich hoch über ihm dunkle Schemen bewegten. Es waren Walküren, drei von ihnen. Der Damm war noch hinter einer weiteren Flussbiegung verborgen, und Graxen nahm an, dass die Walküren über der Anlage kreisten. Er fragte sich, ob sie ihn gesehen hatten. Die grauen Schuppen vor dem felsigen Fluss waren allerdings eine gute Tarnung.
Er folgte der letzten Biegung und näherte sich dem Damm, der jetzt kaum noch eine Meile entfernt war. Und dann kamen die dunklen Schemen plötzlich auf ihn zu. Die Walküren waren die Wachen der Insel, weibliche Himmelsdrachen, die von Geburt an als Kriegerinnen ausgebildet worden waren. Abgesehen von seinem ersten Lebensjahr hatte Graxen nie ein lebendes Weibchen seiner Spezies zu Gesicht bekommen; er kannte sie nur aus Büchern und von Werken der Bildhauerei. Als sie sich jetzt auf ihn zubewegten, kam es ihm vor, als wären sie irgendwelchen Mythen entsprungen. Ihre silbernen Helme glitzerten in der Sonne. Die polierten Stahlspitzen der langen Speere in ihren Hinterklauen funkelten wie Sterne am Morgenhimmel.
Graxens Blick fiel auf einen trockenen Felsen in der Mitte des Flusses, der kaum groß genug war, dass er darauf landen konnte. Ein paar andere Steine ragten ganz in der Nähe aus dem Wasser, die den drei Wachen als natürliche Landefläche dienen konnten. Er sah einen strategischen Vorteil für sich, wenn diese Begegnung auf festem Boden stattfand, und so zog er die Hinterklauen nach vorn und hob die Flügel, um auf den Stein herunterzuschweben. Dann sah er die Walküren an und öffnete die Vorderklauen, um ihnen zu zeigen, dass er keine Waffe bei sich trug.
Die Walküren kamen rasch näher, aber es sah nicht so aus, als wollten sie landen. Graxen blieb, wo er war. Es verstieß nicht gegen das Gesetz, auf diesem Felsen zu stehen. Das Land außerhalb des Sees gehörte zum Herrschaftsgebiet des Königs der Sonnendrachen. Graxen durfte sich ebenso frei auf diesem Stein aufhalten, wie er beim Brunnen im Kolleg der Türme stehen durfte.
Er musterte die erste Walküre, die auf ihn zugerast kam. Auf den ersten Blick waren die Unterschiede zwischen einem männlichen und einem weiblichen Himmelsdrachen geringfügig. Irgendeine uralte Schicht in Graxens Hirn war jedoch eifrig damit beschäftigt, die Feinheiten zu vermerken, die die Walküre als jemanden des anderen Geschlechts kennzeichnete. Die Köpfe von Himmelsdrachen erinnerten etwas an Ziegenschädel, nur dass sie mit Schuppen bedeckt waren; lange Federschuppen standen in einem Saum vom Schädel ab und reichten bis zum Nacken hinunter. Der Helm der Anführerin verbarg einige dieser Schuppen, aber diejenigen, die er sehen konnte, waren tiefblau wie das Meer und wurden zu den Spitzen hin blasser bis weiß – ein Muster, das nur bei Frauen existierte. Die Anführerin war auch etwas größer als ein durchschnittlicher männlicher Himmelsdrache, deren Flügelspannen im Durchschnitt achtzehn Fuß maßen, während die der Anführerin zwanzig Fuß lang waren. Ihr Rumpf zeugte von einem Leben im Himmel; die meisten männlichen Himmelsdrachen dagegen hatten die weicheren Körper von Gelehrten.
Die Walküren stießen kraftvolle Kriegsschreie aus, heftige, ursprüngliche Schreie, bei denen sich Graxens Eingeweide zusammenzogen. Die Anführerin richtete ihren Speer auf Graxens Brust, als wollte sie ihn hineinstoßen. Er blieb reglos stehen wie eine Statue. Am Gürtel der Anführerin hing eine große silberne Glocke mit einem Klöppel, der mit einer Lederkappe versehen war. Eine Glocke, mit der sie Verstärkung herbeirufen konnte, vermutete er. Als sie noch fünf Schritt entfernt war, hob sie den Kopf und schlug mit den Flügeln. Dann flog sie über Graxens Kopf hinweg. Ihr Speer verfehlte sein Gesicht nur um einen Fuß. Wind wehte über seine Wangen, als sie an ihm vorbeistrich. Er nahm einen schwachen Duft von Brombeeren wahr.
Die zweite Walküre schoss vorbei, dann auch die dritte – dicht genug, dass sich seine grauen Augen in den großen versilberten Platten ihrer ledernen Brustrüstung spiegeln konnten. Zwei Eisenschellen hingen an ihrem breiten Gürtel und drohten an seine Wange zu stoßen, aber er neigte den Kopf leicht, und so glitten sie vorbei, ohne ihn zu berühren. Graxen hatte ein sehr gutes Vorstellungsvermögen für Raum und Vektoren. Wenn es um Geschwindigkeit und Reflexe ging, konnte es niemand mit ihm aufnehmen. Aber war er bekannt als Graxen der Schnelle? Oder als Graxen der Geschickte?
»Graxen der Graue!«, rief die erste Walküre, während sie ihn umkreiste und sich schließlich auf dem Stein niederließ, der gleich vor ihm aus dem Fluss ragte. »Deinesgleichen hat hier nichts zu suchen! Verschwinde!«
»Ich bin ein Gesandter des Königs«, sagte Graxen, der etwas überrascht war, dass sie ihn erkannt hatte, es aber schicksalsergeben hinnahm. Als einziger grauschuppiger Himmelsdrache, der seine Geburt überlebt hatte, hatte er wenig Hoffnung auf Anonymität. »Ich komme mit wichtigen Neuigkeiten. Es ist mir ausdrücklich aufgetragen worden, die Nachrichten persönlich der Matriarchin zu übergeben.«
Eine zweite Walküre landete rechts von ihm. »Dein Auftrag interessiert uns nicht«, knurrte sie. »Die Domäne des Königs endet am See.« Graxen bemerkte, dass diese Walküre jünger war als ihre Kameradinnen, vielleicht nicht einmal zwanzig. Obwohl sie wie alle weiblichen Himmelsdrachen einen Größenvorteil besaß, vermutete Graxen, dass er dennoch größer war als sie.
»Gut, dass ich den See noch nicht erreicht habe«, sagte Graxen. »Ich bitte euch, lest diese Schriftrolle hier, damit ihr die Wichtigkeit meines Auftrags selbst beurteilen könnt.«
Die dritte Walküre, die mit den Schellen am Gürtel, landete links von ihm. Sie war größer als ihre beiden Kameradinnen und – so kam es ihm vor – auch entspannter. Die anderen hatten eine Haltung eingenommen, die ihre Bereitschaft verriet, sich jederzeit gegen ihn zu verteidigen, falls er angreifen sollte. Diese Walküre dagegen schien nicht sehr beunruhigt zu sein.
Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Anführerin zu, als diese erneut sprach. »Wenn die Botschaft wichtig ist, dann gib uns die Schriftrolle und verschwinde. Wir sorgen dafür, dass sie in die Hände der Matriarchin gelangt.«
»Der König wäre sehr enttäuscht, wenn ich nicht persönlich mit ihr sprechen kann.«
»Wäre der König auch enttäuscht, wenn dein Körper zwischen den Felsen flussabwärts gefunden werden würde?«, fragte die jüngere Walküre rechts von ihm. »Vielleicht würde ihn ja die Tatsache trösten, dass wir deine Tasche gefunden und die Schriftrolle ohne dich überbracht haben.«
Stille trat ein, während die Walküren ihm Zeit gaben, die ausgesprochene Drohung auf sich wirken zu lassen. Graxen musterte die jüngste Walküre. Ihre Augen waren voller Verachtung, aber da war möglicherweise auch eine Spur Angst dabei. Sie erweckte den Anschein, als wäre sie jederzeit bereit, ihn mit dem langen Speer zu durchbohren, den sie in den Vorderklauen hielt. Wieder sah er die Anführerin an; ihr Gesicht war eine kühle Maske, die er unmöglich deuten konnte.
Er legte den Kopf etwas schief und musterte die letzte Walküre, deren Augen kalte kleine Kupfersplitter waren. Graxen hielt die Luft an, als er auf ihrer Wange eine Stelle entdeckte, der die Farbe fehlte. Eine einzelne graue Schuppe in der Farbe von frisch gehauenem Granit hing wie eine Träne unter ihrem linken Auge. Ansonsten war ihre Haut makellos; tatsächlich wirkte sie, als wäre sie aus Saphir gemeißelt. Der geschmeidige, muskulöse Körper war von anmutiger Form und einer Ebenmäßigkeit, die es mit den Statuen des Kollegs der Türme aufnehmen konnte. Der Blick dieser Walküre wirkte weiterhin beinahe gelangweilt.
Da die eine Wache Desinteresse zeigte, während eine andere darauf vorbereitet war, ihn zu durchbohren, hielt Graxen es für das Beste zu versuchen, die Anführerin für sich zu gewinnen. »Offenbar hat man dich für würdig befunden, Befehlshaberin zu sein. Vielleicht solltest du dir also die Schriftrolle selbst ansehen«, sagte er, tastete in seiner Tasche herum und zog die Schriftrolle heraus. Er streckte seinen Flügel über das Wasser aus, um ihr die Nachricht zu geben, und als sie das zusammengerollte Pergament entgegennahm, strich ihre Vorderklaue kurz über seine. Diese kurze Berührung war sein erster Kontakt als Erwachsener mit einem weiblichen Himmelsdrachen. Eine Erfahrung, die seltsam … unbefriedigend war.
Die Anführerin rollte die Schriftrolle auseinander. Sie neigte den Kopf und zog die Stirn kraus, während sie sich bemühte, die krakelige Schrift zu entziffern. Shandrazel hatte die Nachricht geschrieben, ein Sonnendrache. Da ihre Klauen doppelt so groß waren wie die geschickteren eines Himmelsdrachen, ernteten Sonnendrachen nur selten Lob für ihre Schrift.
»Was steht da, Arifiel?«, fragte die jüngste Walküre ungeduldig.
»Still, Spatz«, sagte der Drache mit der Tränenschuppe. Graxen vermutete, dass Spatz ein Spitzname war. Man begegnete nur selten einem Drachen, dessen Name etwas entsprach, das es in der Welt wirklich gab. Die Namen der Himmelsdrachen stammten allesamt aus der Ballade von Belpantheron. Das zweitausendseitige Werk war das älteste Dokument, das nachweislich von einem Drachen geschrieben worden war. Unglücklicherweise war es auch ein Dokument, dessen mysteriöse Sprache zehn Jahrhunderte lang den Versuchen der Gelehrten widerstanden hatte, sich entschlüsseln zu lassen. Man ging allgemein davon aus, dass darin beschrieben wurde, wie die junge Rasse der Drachen die ältere der Engel getötet hatte. Weniger poetisch geneigte Gelehrte spekulierten, dass die Arbeit krankes Gequatsche war, das im Laufe der Zeit für heilig erklärt worden war.
»Hier steht, dass er sicheres Geleit erhalten soll«, sagte Arifiel. Sie schwenkte die Rolle um dreißig Grad, während sie das Schriftstück entschlüsselte. »Aber das hier ist nicht Albekizans Zeichen.«
»Albekizan ist nicht mehr König«, sagte Graxen. »Bitterholz hat ihn während eines Menschenaufstands in der Freien Stadt getötet. Sein Erbe Shandrazel hat mir diesen Auftrag gegeben.«
Arifiel drehte die Schriftrolle gegen den Uhrzeigersinn. »Das hier könnte ein ›s‹ sein. Das hier ist vielleicht ein ›h‹ und das ein ›a‹. Shandrazel … Wäre möglich. Wie auch immer, das hier ist lediglich der Befehl für ein sicheres Geleit, keine Nachricht.«
Graxen hob eine Vorderklaue und klopfte sich an die Stirn. »Die Botschaft ist hier drin. Sie ist zu wichtig, um sie auf irgendein Pergament zu schreiben. Deshalb solltet ihr mir für den Rest der Reise eine Eskorte zur Verfügung stellen.«
»Ich verstehe«, sagte Arifiel.
»Lassen wir ihn dann also passieren?«, fragte die Walküre mit der Tränenschuppe, die noch immer ganz entspannt wirkte.
»Nein«, sagte Arifiel. »Meinen Informationen nach ist Shandrazel verbannt worden.«
»Wen kümmert es, ob Shandrazel jetzt König ist?«, knurrte Spatz, an Arifiel gewandt. »Das männliche Gesetz endet an diesem See. Was immer in der Welt da draußen vor sich geht, betrifft uns nicht.«
»Richtig«, sagte Arifiel und rollte die Schriftrolle wieder zusammen. Sie musterte Graxen jetzt sogar noch skeptischer als zuvor. »Mein Gefühl sagt mir, dass das ein Trick ist. Verzweifelte Männchen lassen sich in der Hoffnung auf Paarung zu weit raffinierteren Plänen hinreißen, um ins Nest zu gelangen.«
»Das hier ist kein Plan«, sagte Graxen. »Die Fortpflanzung ist mir seit meiner Geburt verwehrt. Kein Weibchen würde sich jemals von mir berühren lassen.«
»Besonders verzweifelte Männchen versuchen, sich mit Gewalt fortzupflanzen«, sagte Arifiel.
»Wenn ich Gewalt anwenden wollte, wieso sollte ich dann noch ins Herz des Nests gelangen wollen?«, fragte Graxen. »Würde ein verzweifelter Drache nicht vielmehr versuchen, Walküren zu überfallen, die weit weg vom Schutz der Festung auf Wache sind?«
»Vielleicht war das ja dein Plan«, sagte Spatz. »Womöglich hast du nur nicht damit gerechnet, dass wir in der Überzahl sind.«
Graxen fand Spatz’ Stimme anstrengend. Es kam ihm so vor, als hätte er eine Chance, Arifiel zu überzeugen, wenn sie nur für einen Moment den Mund halten würde. Er wandte sich an Arifiel. »Lässt du immer zu, dass unter deinem Befehl stehende Drachen die Gäste beschimpfen?«
Er rechnete damit, dass Arifiel Spatz nun auffordern würde, sich zusammenzureißen. Ganz sicher rechnete er nicht damit, dass das Gesicht von Spatz sich plötzlich zu einer Maske der Wut verzerrte, sie ihre Muskeln anspannte und sich bereit machte, mit ihrem Speer zuzuschlagen.
»Missgeburten wie du haben nichts anderes verdient, als beschimpft zu werden«, rief Spatz.
»Lass das, Spatz!«, brüllte Arifiel.
Aber es war zu spät. Spatz sprang auf ihn zu. Graxen lehnte sich zurück und schwang den Schwanz herum, um das Gleichgewicht zu bewahren, während er die Schultern nach hinten bog. Der Speer, der doppelt so lang war wie Spatz, schwang durch die Luft vor ihm. Graxen berechnete seine Bahn und kam zu dem Schluss, dass es eine Tragödie geben konnte, wenn er dem Stoß auswich. Spatz hatte bereits das Gleichgewicht verloren und stürzte nach vorn. Wenn sie richtig fiel, konnte ihr Speer es bis zu der Walküre mit der Tränenschuppe schaffen. Möglicherweise würde deren Rüstung den Hieb ablenken, aber konnte er das Risiko eingehen?
Graxen packte den Speerschaft und hielt die Waffe mit Hilfe seines gesamten Körpergewichts auf. Dann riss er den Speer zurück. Spatz ließ los, während ihre Hinterklauen über den nassen Stein rutschten. Bevor sie die Flügel ausbreiten konnte, um das Gleichgewicht zu halten, stieß Graxen ihr den Speerknauf zwischen die Beine und brachte sie zu Fall. Mit einem Wutschrei landete sie im Wasser.
Arifiel ließ die Schriftrolle los und machte ihre eigene Waffe bereit; möglicherweise verstand sie nicht, dass er nur die andere Walküre hatte schützen wollen. Graxen ließ den Speer fallen, ging in die Hocke und stieß sich nach oben ab. Sein Schwanz peitschte nach vorn und verhinderte, dass der herabfallende Brief ins Wasser fiel. Er packte das Dokument mit den Hinterklauen, während er mit aller Kraft mit den Schwingen schlug und höher und höher in den Himmel hinaufstieg.
»Halt!«, rief Arifiel. Sie lehnte sich zurück, um den Speer zu werfen.
»Versucht doch, mich aufzuhalten!«, rief Graxen zurück und stieg noch höher.
Arifiel knurrte und schleuderte ihre Waffe in seine Richtung, aber Graxen machte sich gar nicht erst die Mühe, nach unten zu sehen. Mit dieser Waffe erstach man jemanden, sie wurde nicht geschleudert. Er war beinahe senkrecht über ihr, fünfzig Fuß von ihr entfernt. Die körperliche Beschaffenheit von Himmelsdrachen, ihre Flügel, ließen es schlicht und einfach nicht zu, dass die Waffe ihn erreichte. Wenige Augenblicke später hörte er, wie der Speer klappernd auf den Felsen aufkam. Graxen schlug weiter mit den Flügeln, und so wurden aus den fünfzig Fuß hundert und dann zweihundert und dann noch mehr.
Als er jetzt nach unten blickte, sah er Arifiel und den Drachen folgen, den er im Stillen als Träne bezeichnete. Träne war tatsächlich so kräftig, wie sie aussah; sie flog Arifiel um einige Körperlängen voraus. Graxen hatte sogar allen Grund zu glauben, dass sie ihn ohne lederne Brustplatte und den schweren Speer gut und gern eingeholt hätte. Kurz darauf schätzte Graxen, dass er einhundert Schritt über ihr war und noch einmal die Hälfte mehr über Arifiel. Graxen zog eine Grimasse, als er sah, dass Arifiel ihm nicht mehr folgte. Stattdessen schwebte sie in einem Kreis, während sie mit der Hinterklaue die Kappe an ihrer Alarmglocke entfernte.
Graxen legte die Flügel an und hielt seinen Körper gerade, während er sich zu Träne hinunterfallen ließ. Es war an der Zeit, diesen Walküren eine Einführung in die raffinierte Kunst des Fallens zu geben. Träne sah zu ihm hoch und riss die Augen auf, als er auf sie zuschoss. Sie bog sich zurück und richtete den Speer in ihren Hinterklauen auf, um Graxen abzuwehren.
Der Wind fühlte sich an wie Wasser, als Graxen nach unten stürzte. Seine Federschuppen waren tausend winzige Paddel, mit denen er sich durch die Strömung schob und die Richtung seines Sturzes kontrollierte. Im letzten Augenblick bog er seinen Schwanz ein bisschen und lenkte sich dadurch aus der Schusslinie heraus und weg vom drohenden Zusammenstoß. Die Speerspitze der Walküre blitzte an seinen Augen vorbei. Für einen winzigen Augenblick erhaschte er einen Blick auf ihr Gesicht und die einzelne graue Schuppe, dann erst kam ihr langer, geschwungener Hals an ihm vorbei und dann ihr gerüsteter Rumpf, bis er schließlich ihren Gürtel sah. Während er in der rechten Hinterklaue Shandrazels Brief hielt, packte er mit der linken die Schellen und riss an den Metallhaken, mit denen sie befestigt waren. Der plötzliche Ruck wirbelte Träne herum. Als sie mit den Flügeln schlug, um das Gleichgewicht zu halten, verlagerte Graxen erneut die Position seines Schwanzes, um seinen Sturz leicht abzuändern. Dann sah er neben sich etwas aufblitzen, und als er hinsah, stellte er fest, dass es eine Speerspitze war. Träne hatte ihre Waffe fallen gelassen. Der Speer fiel jetzt auf Arifiel zu, und es war offensichtlich, dass er sie durchbohren würde. Graxen stieß mit den Schellen nach vorn und traf den Speer an der Spitze, so dass er auf einen Pfad gelenkt wurde, auf dem er kein Unheil anrichten würde.
Inzwischen hatte Graxen seine Höchstgeschwindigkeit erreicht, was nicht nur bedeutete, dass er nicht noch schneller fallen konnte, sondern auch, dass sowohl er als auch Arifiel getötet werden würden, wenn sie bei dieser Geschwindigkeit zusammenstießen. Er öffnete seine Flügel und verwandelte sie dadurch in zwei Fallschirme, während er die Hinterklauen nach unten neigte und die Schriftrolle losließ – um sie kurz darauf mit den Zähnen zu packen, als er mit dem Kopf an ihr vorbeikam. In der kurzen Zeit eines Herzschlags schrumpfte der Abstand zwischen ihm und Arifiel zu nichts zusammen, als seine Hinterklauen ihren linken Flügel erreichten.
Er packte Arifiels Vorderklaue – eine Hand mit drei Krallen, die vom Mittelgelenk ihres Flügels ausging. In einer fließenden Bewegung ließ er die erste Schelle um diese Klaue zuschnappen. Der Zusammenstoß sandte einen Ruck durch seinen Körper, während er sich mit den Hinterklauen an ihrem Flügel zu schaffen machte und er den Kopf nach unten neigte. Mit den Vorderklauen packte er ihre linke Hinterklaue. Sie trat um sich in dem Versuch, ihn loszuwerden.
Arifiels scharfe Zähne gruben sich in Graxens Oberschenkel, aber sie biss in einem ungünstigen Winkel zu, was verhinderte, dass sie echten Schaden anrichten konnte. Sie knurrte und schüttelte den Kopf, als sie gemeinsam im freien Fall hundert Fuß nach unten stürzten, während alles um sie herum zu einem Wirrwarr aus Grau und Blau verschwamm. Sie öffnete den Kiefer, als suchte sie nach einer verletzlicheren Stelle seines Körpers. Graxen breitete die Flügel aus und schoss weg, während Arifiel, deren linker Flügel an das linke Bein gekettet war, zurückblieb.
Für einen Sonnendrachen wäre dies das Todesurteil gewesen. Glücklicherweise waren Himmelsdrachen Meister der Lüfte. Arifiel streckte ihren freien Flügel so weit wie möglich aus, während sie ihren Körper zu einem engen Ball zusammenzog. Sie verwandelte sich in einen blauen Kreisel, der in einer wirbelnden Spirale auf den Wald zuraste. Sie würde unsanft landen, aber sie würde es überleben.
Graxen warf die Glocke weg, die er von ihrem Gürtel gezogen hatte; die Lederkappe saß wieder auf dem Klöppel. Insgesamt waren in der Zeit vom Beginn seines Sturzfluges bis zum Fesseln von Arifiel nicht mehr als zehn Herzschläge vergangen.
Etwas fiel an ihm vorbei, das er aus dem Augenwinkel kaum erkennen konnte. Dann blitzte es im Sonnenlicht silbern auf – die leere Brustplatte einer Walküre. Graxen warf einen Blick über die Schulter und stellte fest, dass Träne kaum zehn Schritt hinter ihm war. Sie hatte ihre Rüstung abgeworfen, sogar ihren Helm, was ihr größere Geschwindigkeit verlieh. Ihre großen Brustmuskeln bewegten sich wie mächtige Maschinen unter ihren Schuppen. Graxens Herz schlug schneller vor Freude. Er hatte schon immer Spaß gehabt an einem guten Wettrennen.
Er wandte sich von seiner Verfolgerin ab und tauchte wieder nach unten, auf den Fluss zu. Als er unten ankam, zog er sich rechtzeitig in die Waagerechte und glitt über das Wasser. Die Gischt der Brandung benetzte sein Gesicht, was er sehr begrüßte. Hätte er nicht einen Brief im Mund gehabt, er hätte sich einen raschen Schluck gegönnt. So aber verließ er den Fluss, bog zum Wald hin ab und flog auf die ungleichmäßigen Baumstämme zu, die vor ihm aufragten. Mit kraftvollen Flügelschlägen beschleunigte er sein Tempo und stürzte sich in den Wald. Es war eine Sache, über den Baumkronen zu fliegen. Eine weit größere Herausforderung war es, zwischen den Ästen eines unbekannten Waldes zu fliegen, was die meisten Drachen als reinen Selbstmord betrachtet hätten. Seine Augen beobachteten jeden Ast und jeden Schatten, während sein Schwung ihn weiter und weiter trug. In den Lücken zwischen den Bäumen schlug er mit den Flügeln, um in der Luft zu bleiben. Die Flügelspitzen stießen Zweige und Reben beiseite, und hinter ihm wirbelte Laub auf.
Weiter vorn fand er einen hellen Flecken auf dem Waldboden – eine Lichtung, die dreimal so lang war wie sein Körper. Mit einem scharfen, heftigen Ausbruch von Energie zog er sich zum Himmel hoch und flog wieder über die Bäume. Erst jetzt gestattete er sich, einen Blick zurückzuwerfen. Er war sicher, dass die Walküre störrisch genug gewesen war, ihm zu folgen, wenngleich ihre längeren Flügel es eigentlich unmöglich machen mussten. Er hoffte, dass ihr nichts Schlimmes geschehen war, als sie sich zwischen den Ästen und Zweigen verfangen hatte.
Zu seinem Erstaunen war sie immer noch in der Luft, jetzt viele Schritte hinter ihm. Sie würde die Lichtung jeden Moment erreichen. Er sah mit herabhängendem Kiefer zu, wie sie auf die Lichtung kam und sich wieder über die Bäume schwang. Sie hatte ihren Blick noch immer auf ihn gerichtet.
Also schön. Wenn er ihr nicht davonfliegen konnte, würde er ein paar Tricks anwenden müssen.
Er legte sich schräg und flog einen scharfen Bogen, während er mit den Hinterklauen nach der Ledertasche griff. Mit einem heftigen Grunzen zerrte er so kräftig an der Tasche, dass der Riemen riss und sie sich löste. Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, schoss er zu Träne zurück. Sie sahen sich in die Augen. Ihre Wege würden sich in wenigen Augenblicken kreuzen. Sie verriet keinerlei Furcht, als sich der Abstand zwischen ihnen immer mehr verringerte.
Im letztmöglichen Augenblick senkte Träne den Kopf, um auszuweichen, und glitt unter seinem Körper hindurch. Graxen packte die Tasche mit den Hinterklauen und öffnete sie weit. Er ließ das Leder aus den Klauen gleiten, und die behelfsmäßige Kapuze rutschte über ihren Kopf.
Dann verlagerte er den gesamten Körper in der Luft und flog wieder auf den Damm zu. Als er einen Blick zurückwarf, sah er, dass Träne den Kopf hin und her riss, während sie versuchte, die Kapuze loszuwerden; sie war ganz offensichtlich orientierungslos. Der Instinkt brachte sie dazu, langsam weiter aufzusteigen, wie es jeder Drache tun würde, dem man vorübergehend die Sehfähigkeit geraubt hatte. Erleichtert stellte er fest, dass es keinerlei Hinweise auf irgendwelche Verletzungen gab. Dass er ihr die Kapuze über den Kopf gestülpt hatte, war nicht ganz ohne Risiko gewesen.
Graxen ließ schließlich auch diese letzte Gegnerin hinter sich zurück und stürmte auf den Damm zu, über dessen massive Steinmauer er rasch hinwegflog. Von dort aus blickte er auf das tiefe silberblaue Wasser des Bergsees hinunter. Das Nest, eine beeindruckende Festung aus Stein und Stahl, ragte wie eine Erinnerung aus der Tiefe hervor. Er kannte diesen Platz in seinem tiefsten Innern. Innerhalb dieser Mauern war er geboren worden. Die Luft roch wie Träume, als er sie in großen Zügen durch die Nase einsog.
Überall um ihn herum schossen jetzt dunkle Gestalten über den Himmel. Ein Dutzend Walküren hatten ihn bemerkt, aber keine von ihnen war näher als eine halbe Meile. Solange keine von ihnen so schnell wie Träne war, würde ihn auch niemand aufhalten können, ehe er sein Ziel erreichte. Er bog nach oben ab, als er die äußere Mauer der Festung erreichte, und schob sich über die Eisenspitzen, die darauf entlangliefen. Im Nest abzustürzen, war gar nicht gut, denn der Boden war voller scharfer, nach oben ragender Metallspitzen, die die männlichen Drachen davon abhalten sollten, hier zu landen. Ein Stück voraus ertönte Alarm von der Hauptglocke, und dann hörte er jemanden weiter unten rufen: »Zur Seite! Die Tore schließen sich!« Ein Rumpeln kam von tief unterhalb der Insel, als uralte Mechanismen sich in Gang setzten.
Er flog auf den größten Turm der Festung und einen davon abgehenden Balkon zu. Als er über den Rand gelangte, sah er die Tür zum Zimmer dahinter offen stehen. Ein Metallrost glitt nach unten, um den Raum zu verschließen. Er erinnerte an die zackigen Zähne einer großen Bestie. In der Hoffnung, dass der Marmorboden dahinter so glatt war, wie er aussah, machte er sich so dünn wie möglich und glitt unter den Zähnen hindurch. Er rutschte über den Marmor und zog den Schwanz gerade rechtzeitig ins Zimmer, als das Tor sich schloss. Eine Weile wirbelte er noch herum und drehte sich rutschend im Kreis, während er die Flügel ausbreitete, um wieder auf die Hinterklauen zu kommen. Er hatte die scharfen Klauen in dem verzweifelten Versuch, irgendwo Halt zu finden, ausgestreckt, aber er rutschte weiter und kam erst wenige Zoll vor der gegenüberliegenden Wand zum Stillstand.
Er öffnete den Kiefer und ließ die Schriftrolle fallen, fing sie, während er sich umdrehte, mit der Vorderklaue auf. Die Rolle war feucht von seinem Speichel. Er streckte die Flügel von sich, um sich zu ergeben, als unzählige Walküren ins Zimmer stürmten und ihre Speere auf ihn richteten.
»Seid gegrüßt«, sagte er mit der ruhigsten Stimme, zu der er fähig war. »Ich habe eine Nachricht vom König zu überbringen.«
Die Walküren bildeten einen Halbkreis um ihn herum, während er sich mit dem Rücken an die kalte Steinwand drückte.
»Deinesgleichen ist der Zutritt hier verboten«, knurrte eine.
»Wir sollten dich an Ort und Stelle ausweiden«, schnappte eine andere.
»Das sollten wir«, erklang eine feste Stimme hinten im Zimmer. »Aber nicht jetzt.«
Graxen sah über die Mauer aus Walküren hinweg zu einem gealterten weiblichen Himmelsdrachen, der sich auf einen knorrigen Stock stützte. Ihr Körper war gebeugt, aber ihre Augen strahlten. Ihr Gesicht verströmte eine unverwechselbare Aura der Würde. Die Matriarchin!
»Er hat es mit seiner kostbaren Botschaft bis hierher geschafft«, sagte sie mit einer Stimme, die vom Alter heiser war, der es aber nicht an Autorität mangelte. »Wir werden ihn sagen lassen, was er zu sagen hat.«
»Danke, Matriarchin«, sagte Graxen. Er blickte zu den Wachen hin. »Ich habe den Auftrag, allein mit dir zu sprechen. Würdest du bitte deine Aufseher wegschicken?«
»Glaubst du, wir fallen auf diesen Trick rein?«, schnaubte eine Walküre und stieß ihren Speer vor, bis er knapp vor Graxens Rippen verharrte.
»Speere senken!«, befahl die Matriarchin, während sie näher kam und Graxen mit einem kühlen Blick musterte. »Wir haben von diesem armseligen Exemplar nichts zu befürchten. Er ist nichts weiter als eine überaus große Brieftaube.«
»Ich ziehe es vor, mich als Gesandter des neuen Reiches zu bezeichnen.«
»Ah, ja, das neue Reich. Die Gerüchte reisen schneller als du, Graxen. Ich habe bereits von Albekizans Tod gehört. Shandrazel ist jetzt König.«
»Im Augenblick, ja«, sagte Graxen.
»Eine seltsame Ausdrucksweise«, sagte die Matriarchin.
»Eine angemessene Ausdrucksweise für seltsame Zeiten.«
»Erkläre dich.«
»Das tue ich«, sagte er und warf wieder einen Blick auf die Wachen. »Wenn wir allein sind.«
Die Matriarchin wartete einen langen Moment, während ihre goldenen Augen sein Gesicht fixierten. Er sah sich selbst in diesem Blick, einen grauen Drachen vor grauem Stein. Er versuchte, irgendein Gefühl in ihren Augen zu finden, einen Hinweis auf … ja, auf was? Was würde er gern sehen? Reue? Zärtlichkeit? Hass? Liebe? Er hatte die Matriarchin seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen. Ein Treffen mit ihr hatte er sich beinahe jeden Tag vorgestellt, hatte sich überlegt, was er sagen würde, aber jetzt, da es zustande gekommen war, fühlte er sich vollkommen ungeübt und unbeholfen.
Die Matriarchin seufzte. »Du bekommst deine Privataudienz. Walküren, lasst uns allein.«
Graxen entspannte sich und senkte die Schwingen. Bis zu diesem Moment hatte er nicht gewusst, ob er das Treffen überleben würde. Die Walküren waren dafür bekannt, dass sie mit Eindringlingen unbarmherzig umgingen. Er hatte nicht gewusst, ob er irgendwie anders behandelt werden würde. Es war sogar sehr gut möglich gewesen, dass er in Anbetracht seiner Familiengeschichte noch schlimmer behandelt werden würde.
»Ich hatte befürchtet, du könntest mich hassen«, sagte Graxen zur Matriarchin, als die letzte Walküre den Raum verlassen hatte. Die Wache schloss die Tür mit einem letzten Blick auf ihn. In ihren Augen stand Mordlust.
»Und ich hasse dich auch mit meinem ganzen Blut«, sagte die Matriarchin und schüttelte betrübt den Kopf. »Du bist mein größter Fehler, Graxen. Ich verfluche die Entscheidung, dir als Kind nicht das Genick gebrochen zu haben. Es bereitet mir nichts als Schmerz, dich wiederzusehen.«
Graxen nickte; er fühlte sich nicht mehr unbehaglich. Auch diese Worte hatte er viele Male in seiner Vorstellung gehört. Er war von Natur eine Missgeburt, eine Verhöhnung der sorgfältigen Ahnenreihen, die die Himmelsdrachen seit Jahrhunderten so mühsam zu erhalten versuchten. Natürlich musste die Matriarchin, deren einzige Aufgabe es war, die Integrität dieser Ahnenreihen zu bewahren, ihn verachten.
»Es … es tut mir leid«, sagte er.
»Was nützt mir das?«, fauchte die Matriarchin. Sie schüttelte den Kopf und seufzte. »Dein Bedauern kann meinen Kummer nicht lindern. Ich habe vier Töchter und zwei gute Söhne geboren. Ihre Nachkommen müssten jetzt in die Dutzende zählen. Und doch hat das Schicksal sie alle in ihrer Jugend hinweggerafft, einen nach dem anderen, durch Krankheit und Unfall und Verrat. Sie sind alle tot … alle bis auf den verfluchten Siebtgeborenen.«
Graxen senkte den Kopf; er fand keine Worte, die ihren Schmerz lindern mochten. Ein Teil von ihm hatte Mitgefühl mit der gealterten Matriarchin, ein Teil von ihm teilte ihren Kummer. Aber darunter war etwas, das ärgerte sich über die Ungerechtigkeit ihrer Verachtung. Es war nicht sein Fehler, dass ihm das Unglück seiner Geschwister erspart geblieben war. Wie konnte man ihm die Schuld dafür geben, dass er ihr einziges überlebendes Kind war?
Sie ließen den Turm weit hinter sich, als Graxen der Matriarchin eine gewundene Treppe nach unten folgte und in das Herz ihrer Domäne, zum sagenumwobenen Fadensaal geführt wurde. Die riesige, runde Kammer, die beinahe hundert Schritt Durchmesser hatte, wirkte wie ein Wald aus dicken Granitsäulen, die die Festung darüber stützten. Kunstvolle, farbenprächtige Wandteppiche hingen an den Wänden, auf denen Szenen aus der Ballade von Belpantheron in herrlichen Einzelheiten dargestellt waren. Strahlende, karmesinrote Sonnendrachen rissen goldgeflügelte Engel mit blutigen Kiefern beim Höhepunkt einer Schlacht, die Jahrzehnte währte.
Die Walküren waren meisterhaft im Maschinenbau; obwohl die Kammer unter der Oberfläche des Sees lag, gab es keinerlei Hinweise auf irgendwelche leckenden Stellen oder Pfützen. Verspiegelte Schächte befanden sich fünfundzwanzig Fuß über ihnen in der Decke und lenkten Sonnenlicht in den Raum. Trotzdem herrschte eine höhlenähnliche Kühle und Feuchtigkeit im Zimmer. Der widerliche Weihrauch, der in dünnen Schwaden von silbernen Wandleuchtern an den Wänden aufstieg, konnte den unterschwelligen Geruch von Schimmel nicht überdecken.
Die Matriarchin ging durch das Zimmer, ohne sich nach Graxen umzusehen. Das einzige Geräusch im Raum war das Klopfen ihres Stockes, als sie über den gefliesten Boden humpelte. Seit sie den Turm verlassen hatte, hatte sie weder gesprochen noch ihm einen Blick zugeworfen. Graxen wollte etwas sagen, aber er fürchtete, die heilige Stimmung dieses Ortes zu zerstören. Die Wandteppiche des Fadensaals waren von unschätzbarem Wert. Abgesehen von der äußeren Darstellung der Schlacht waren die Fäden in einem ausgeklügelten Code miteinander verwoben. Für die Matriarchin und andere, die in diese Form der Überlieferung eingeweiht waren, erzählte jeder Faden dieser Wandteppiche eine Geschichte. Dickere Linien repräsentierten die Leben all der individuellen Himmelsdrachen, die jeweils im Laufe der Jahrhunderte im Nest geboren worden waren. Dünnere, parallel dazu verlaufende Fäden stellten erwünschte genetische Merkmale dar. Linien kreuzten sich in kunstvollen Mustern, da jede Paarung, jede Geburt, jeder Tod eines Himmelsdrachen in allen Einzelheiten vermerkt worden war.
Jahrhunderte zuvor war beschlossen worden, dass das genetische Schicksal der Rasse der Himmelsdrachen zu wichtig war, als dass es dem Zufall überlassen bleiben konnte. Daher war es den männlichen und weiblichen Drachen nicht gestattet, sich nach Lust und Laune zu vermischen. Jede Paarung war das Ergebnis einer sorgfältigen Entscheidung, die die Matriarchin und ihre Vorgängerinnen getroffen hatten. Viele Paarungen wurden bereits Generationen zuvor geplant. Andere warteten darauf, dass ein Himmelsdrache ein neues Merkmal aufwies – erhöhte Intelligenz zum Beispiel oder eine gut dokumentierte Widerstandskraft gegenüber Krankheiten. Es war die Pflicht der Matriarchin, diese wünschenswerten Erbveränderungen einzufangen, indem sie sie sorgfältig mit einer dafür empfänglichen Blutslinie verband.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Saals war ein Teil der schwarzen Wand nicht von Wandteppichen verhängt worden. Hier hing eine einzelne Schieferplatte, die zwölf Fuß hoch war und viermal so lang; sie war übersät mit farbigen Strichen und unzähligen hingekritzelten Bemerkungen. Die Matriarchin ging hinüber und musterte die Tafel, als hätte sie Graxen ganz vergessen und würde sich wieder ihren gewöhnlichen Pflichten widmen – dem Lenken des Schicksals ihrer Rasse. Sie lehnte ihren Stock an die Tafel, während sie eine dicke Kreide in die Vorderklaue nahm.
Wie oft bei älteren Drachen, waren die Schuppen der Matriarchin blasser geworden; sie verliehen den langen Schuppen, die vom Nacken das Rückgrat hinunterliefen, eine Art weißen Schatten. Der einst juwelenähnliche Glanz ihrer Schuppen war verblasst, als läge er unter lebenslangem Staub begraben.
Graxen zuckte zusammen, als die Matriarchin die Kreide an die Schiefertafel legte und eine lange, kreischende Linie von oben nach unten zog. Links standen Hunderte von hingekritzelten Bemerkungen in einem Regenbogen von Farben, umgeben von Kreisen und verbunden durch Linien und Pfeile. Er kannte keinen der Namen bis auf einen. In einem großen, gelben Oval und umgeben von pinkfarbenen Fragezeichen stand in dicken Großbuchstaben der Name Vendevorex. Es gab keine Linien, die seinen Kreis mit einem anderen verbanden.
Rechts von der Linie, die sie gezogen hatte, war die Tafel leer und schwarz. Obwohl ihre Klaue zitterte, schrieb sie in ordentlichen, gleichmäßigen Buchstaben: »Weltordnung nach Albekizan.«
Ohne Graxen anzusehen, fragte die Matriarchin: »Ist es wahr, dass der sogenannte Zauberer tot ist?«
»Ja«, sagte Graxen. »Sein Scheiterhaufen wird heute Nacht entzündet.«
Die Matriarchin zog ein schwungvolles »X« über Vendevorex’ Namen. »Der ›Meister der Unsichtbarkeit‹ ist seit fünfzehn Jahren eine Klette an meinen Schuppen gewesen«, murrte sie. »Er war blutleer, ein Geschöpf ohne Geschichte. Ich habe nie erfahren, woher er stammte. Es freut mich zu hören, dass er gegangen ist. Asche in einer Urne zu sein ist das einzige angemessene Schicksal für einen solchen … Fehltritt.«
Die Art und Weise, wie sie »Fehltritt« sagte, verlieh dem Wort Gewicht und machte es zu etwas Festem, das Graxen in die Brust traf.
Sie ließ ihm nicht die Zeit, sich von dem Schlag zu erholen. »Shandrazel trägt jetzt die Krone. Er gefällt sich als Gelehrter. Metron wird ihn mit Leichtigkeit kontrollieren.«
»Shandrazel ist ein freier Denker«, sagte Graxen. »Er wird niemandes Marionette sein. Ganz sicher keine Schachfigur von Metron.«
»Metron hat Albekizan kontrollieren können«, sagte die Matriarchin. »Der Hohebiologe wird auch für seinen Sohn eine geeignete Wahl sein.«
»Deine Informanten haben dich nicht ausreichend informiert«, sagte Graxen. »Metron ist kein Hohebiologe mehr.«
»Was?« Sie riss den Kopf herum und sah Graxen zum ersten Mal richtig an. Dann wandte sie den Blick rasch wieder ab; die Neuigkeiten schienen sie zu bestürzen. »Ist er tot?«
»Verbannt«, sagte Graxen. »Metron hat sich mit Blasphet verbündet. Androkom ist der neue Hohebiologe.«
»Nein!« Die Matriarchin erweckte den Eindruck, als würden die Neuigkeiten ihr körperlichen Schmerz bereiten. Sie ging die Wandteppiche entlang und fuhr mit den Fingern über die Fäden. »Androkom ist eine schreckliche Wahl. In seiner Ahnenreihe findet sich überdurchschnittliche Intelligenz, ja, aber sie führt auch das Risiko des Wahnsinns mit sich. Sieh hier!« Sie deutete mit ihrer knorrigen Klaue auf eine dunkelrote Schuppe an der Wange eines Sonnendrachen. »Shangon, sein zweitentfernter Samen – «
»Sein zweitentfernter Samen?«
»In der Sprache der weniger Gebildeten sein Großvater«, knurrte sie. Sie wirkte verärgert über die Unterbrechung. »Shangon war ein herausragender Gelehrter. Im Alter von dreißig Jahren hat er sich das Recht erworben, sich fortzupflanzen. Unglücklicherweise, wie es manchmal geschieht, hat die Erfahrung ihn zerbrochen. Er ist wahnsinnig geworden und hat versucht, zum Nest zurückzukehren. Die Walküren waren gezwungen, ihn zu töten. Die Abkömmlinge von Androkoms Geschlecht müssen fünf Generationen verstreichen lassen, ehe sie wieder Positionen der Macht bekleiden können. Ihn zum Hohebiologen zu machen, birgt ein absurdes Risiko!«
»Shandrazel ist bereit, dieses Risiko zu tragen«, sagte Graxen. »Er erkennt Androkoms kühne Gedanken an. Und seine Bereitschaft, die Vernunft über die Tradition zu stellen.«
Die Matriarchin folgte schwarzen Fäden von dem zweitentfernten Samen zu einer anderen roten Schuppe, die Androkom darstellte. Von hier gingen keine schwarzen Linien aus. Androkom war noch verhältnismäßig jung, noch nicht zur Fortpflanzung bestimmt. Die Matriarchin steckte eine nadelscharfe Kralle in den Wandteppich und zerrte an den Fäden, die die Schuppe darstellten, so dass sie ausfranste.
»Bis hierher und nicht weiter«, sagte sie, und ihre Stimme klang kalt. »Ich kann seine Vergangenheit nicht zunichtemachen, aber ich habe gerade seine Zukunft gestoppt.«
Graxen zitterte, als ihm die ganze Härte ihres Urteils klar wurde. »Androkom könnte der größte Hohebiologe werden, der jemals gelebt hat«, wandte er ein. »Du würdest seine Blutlinie in einem Moment der Verärgerung beenden? Wie kannst du wissen, was die Zukunft bereithält?«
Die Matriarchin kniff die Augen zusammen. »Ich kenne die Zukunft nicht«, sagte sie kühl. »Ich erschaffe sie.«
»Aber – «
»Spar dir deinen Atem, Graxen. Du kannst nicht verstehen, welche Bürde ich trage, welche Verantwortung darin liegt, dafür zu sorgen, dass die Kraft unserer Rasse die nächsten Jahrhunderte erhalten bleibt. Du hast nicht die Kompetenz, mich zu beurteilen.«
»Wieso nicht?«, fragte Graxen. »Als dein Kind bin ich doch vermutlich dazu bestimmt gewesen, deine Intelligenz zu erben. «
Er musterte den Wandteppich mit Androkoms Stammbaum. Befand sich irgendwo auf diesem Stoff auch der Faden seines eigenen Lebens? »Darüber hinaus wird mein Vater viele wünschenswerte Merkmale gehabt haben, da du ihn ja für die Paarung ausgewählt hast.«
»Du bist so durchschaubar, Graxen«, sagte die Matriarchin. »Ich werde dir den Namen deines Vaters nicht sagen.«
»Wieso nicht?«, fragte Graxen. »Andere Himmelsdrachen kennen ihre Herkunft doch auch. Wieso muss es für mich ein Geheimnis bleiben, wer mein Vater ist?«
»Sein Stammbaum endet mit dir, einer Missgeburt. Seine Identität ist nicht länger von Bedeutung. Du bist sein einziger Nachkomme. Wenn du stirbst, ist damit auch die Gefahr gebannt, die er dargestellt hat.«
»Ich hätte diese Welt bei meiner Geburt verlassen können«, sagte Graxen. »Andere Missgeburten sind im See ertränkt worden. Wieso hat man mich am Leben gelassen?«
Die Matriarchin hob ihre Vorderklaue in einer abwehrenden Geste. »Was für eine nutzlose Frage. Du lebst jetzt und erfüllst einen Zweck im Leben, wie untergeordnet dieser als Bote des Königs auch sein mag. Bisher hast du einen auffälligen Mangel an Fähigkeit bewiesen, was die Erfüllung deiner Pflichten anbelangt. Wie lautete Shandrazels Botschaft?«
»Ich bringe eine Einladung. Shandrazel beruft in drei Tagen ein Gipfeltreffen ein. Er lädt sämtliche Anführer im Königreich ein, das Ende der Ära der Könige zu besprechen und dabei zu helfen, eine neue Ära der Gleichheit und Gerechtigkeit für alle Rassen einzuleiten.«
Die Matriarchin stieß ein bellendes Geräusch aus, das Graxen zunächst für ein Husten hielt. Dann begriff er, dass es ein Lachen war. »Gleichheit? Es gibt keine Gleichheit in dieser Welt und wird auch nie welche geben. Die Erde hat vier intelligente Arten hervorgebracht, das ist wahr, aber es ist selbstverständlich absurd zu glauben, sie wären gleich.«
»Shandrazel sieht das anders. Ich denke, wenn du ihn reden hörst, wirst du erkennen, wie aussagekräftig seine Argumente sind.«
»Und ich hoffe, dass du erkennen wirst, wie aussagekräftig marschierende Menschen mit Drachenköpfen auf ihren Piken sind«, knurrte die Matriarchin. »Sie sind nichts weiter als große, sprechende Affen mit niederen Begierden, die nicht von Vernunft geleitet werden. Ihre animalischen Fortpflanzungspraktiken haben dazu geführt, dass sie uns gegenüber im Verhältnis eins zu tausend in der Überzahl sind. Ihnen die Freiheit zu geben, wäre höchst unverantwortlich und gefährlich.«
»Ich habe nicht sehr viel Erfahrung mit den Menschen. Aber wenn sie wirklich so primitiv sind, wie du sagst, wieso sollten sie dann eine Bedrohung für uns darstellen?«
Die Matriarchin schüttelte angesichts Graxens Ignoranz den Kopf und seufzte. »Noch eine Krise, die es zu überwinden gilt. Flieg zurück zu Shandrazel. Sag ihm, dass ich eine Gesandte zu seinem Gipfeltreffen schicken werde. Jemand muss dort die Stimme der Vernunft vertreten.«
»Danke«, sagte Graxen.
»Damit hast du deine Meldung überbracht«, sagte die Matriarchin und wandte sich wieder ab. »Du kannst jetzt gehen.«
»Ich habe eine lange Reise hinter mir«, sagte Graxen. »Ist es nicht Brauch, einem Boten des Königs etwas zum Essen und Trinken anzubieten und ihm die Zeit zu geben, sich auszuruhen? «
»Shandrazel achtet die Bräuche nicht, wie du bereits bemerkt hast«, sagte die Matriarchin. »Er hätte ein Mitglied der Luftwache schicken können. Wieso hätte er dich auswählen sollen, wenn nicht als beabsichtigte Verhöhnung?«
»Shandrazel interessiert sich nicht für die Stammbäume der Himmelsdrachen. Ich glaube nicht, dass er weiß, dass ich dein Sohn bin.«
»Soll ich dann also glauben, dass es reiner Zufall ist, dass er dich gewählt hat?«
»Nein. Als Shandrazel von Albekizan verbannt worden ist, hat er Zuflucht beim Kolleg der Türme gesucht. Chapelion hat ihn weggejagt. Mir hat er jedoch leidgetan, und deshalb bin ich ihm gefolgt. Ich habe ihm in seinem Exil als Bote gedient. Jetzt diene ich ihm öffentlich. Dennoch hast du recht. Meine Anwesenheit hier ist nicht zufällig. Ich habe darum gebeten, diesen Auftrag zu erhalten. Es war meine einzige Möglichkeit, dich zu fragen … zu fragen …«
»Stammel nicht so«, schnappte sie.
Graxen hatte das Gefühl, als wären selbst die einfachsten Worte schwer auszusprechen. Er starrte auf die zerfransten Fäden, die Androkom gewesen waren, und wurde sich plötzlich bewusst, dass da noch Hunderte ähnlicher Fäden waren, die das Ende eines Stammbaums bedeuteten. Er wusste, dass er einer davon war.
»Ich möchte mich paaren«, sagte Graxen. »Die Vorstellung bekümmert mich, dass dein Faden mit mir enden soll. Die Farbe meiner Schuppen ist ein oberflächlicher Fehler. In jeder anderen Hinsicht bin ich, wie ich glaube, ein exzellenter Kandidat, um deine Blutlinie weiterzuführen. Ich bin stark, ich bin eifrig, ich bin – «
»Raus«, sagte sie.
»Aber, wenn du nur – «
»Walküren!«, rief sie.
Die Teppiche an der Wand beulten sich nach vorn. Etwa zwanzig Walküren tauchten mit Speeren in den Händen aus einem verborgenen Gang auf. Graxens Eingeweide zogen sich zusammen, als er begriff, dass sie jedes einzelne Wort gehört hatten, das er gesprochen hatte. Himmelsdrachen waren eigentlich Geschöpfe des Verstandes; sie waren frei von den Begierden, die geringere Wesen beschmutzten. Sein beschämendes Bekenntnis, sich fortpflanzen zu wollen, war zweifellos von all diesen Kriegerinnen gehört worden.
»Ich werde gehen«, sagte er.
»Du bist schnell hergekommen«, knurrte eine der Walküren. »Also verschwinde auch schnell.«
Das Knirschen eines Gitters hallte durch die Steinwände, als Graxen vom Fadensaal über die Treppe zurück zu dem Turm ging, durch den er zuvor eingetreten war. Als er jetzt den hohen Raum betrat, war das Eisengitter wieder oben. Walküren standen dort in zwei Reihen und bildeten einen Gang, durch den er hindurchging. Er senkte den Blick; er war nicht in der Lage, die eisigen Blicke der Frauen zu ertragen.
Als er auf das Balkongeländer sprang und die Schwingen ausbreitete, hörte er eine der Wachen hinter sich ein Wort murmeln: »Missgeburt.«
Er neigte sich nach vorn und ließ sich nach unten fallen, den Spitzen entgegen. Rost und Moos und feuchter Sand hingen in der Luft, die über sein Gesicht strich. Seine Federschuppen spielten mit ihr, und dann lenkte er sich in einem sanften Bogen weg von den Spitzen, bis er im letzten Augenblick, ehe er gegen das Felsenufer knallte, mit den Flügeln schlug und nach vorn schoss, hinauf in eine strahlende Wintersonne, die ihn nicht zu wärmen vermochte.
Einen Moment später passierte er den Rand des Staudamms. Überall am Himmel waren Walküren. Grimmiger Stolz stieg in ihm auf, dass er als bedrohlich genug angesehen wurde, um eine solche Streitmacht auf den Plan zu rufen.
Erneut folgte er dem Fluss mit seinen Windungen und Biegungen, während er sich in Gedanken verlor. Was spielte es für eine Rolle, dass es ihm nicht gestattet war, sich fortzupflanzen? Hunderte von anderen Drachen teilten sein Schicksal. Darüber hinaus gab es männliche Drachen, die sich weigerten, obwohl es ihnen möglich war. Viele prominente Biologen waren der Meinung, dass eine Vermischung der Geschlechter den Geist verunreinigen würde; sie wollten den Schaden nicht riskieren, den auch nur eine einzige leidenschaftliche Nacht ihrem Verstand antun mochte. Androkom würde die Tatsache, dass er die Erlaubnis zur Fortpflanzung nicht erhielt, vermutlich gar nicht bekümmern. Metron, der ehemalige Hohebiologe, hatte eine Einladung zum Nest mit den berühmten Worten ausgeschlagen: »Ich ziehe es vor, von der Geschichte an meinen Arbeiten gemessen zu werden statt an der Qualität meiner biologischen Überbleibsel.«
Während Graxen dahinflog, schweiften seine Gedanken über Fortpflanzung allmählich ab und widmeten sich dem Thema Essen. Die Boten des Königs reisten mit leichtem Gepäck, denn sie verließen sich auf die Gastfreundschaft jener, die sie aufsuchten. Glücklicherweise war es nicht weit bis zu seinem nächsten Ziel; die Stadt Drachenschmiede war nicht mehr als dreißig Meilen entfernt.
Das Gelände veränderte sich, als Graxen sich der Stadt näherte. Die fast noch ursprünglichen Wälder um das Nest herum wichen einer hügeligen Landschaft mit meist kahlen Bergen. Riesige Haufen aus rostendem Metall waren hier und dort zu sehen, und an den verschlammten Flussufern erstreckten sich stümperhafte Barackenstädte. Menschen in Lumpen zogen herum, hinter sich Karren voller Müll. Es waren Sammler, Leute, die ihren Lebensunterhalt damit verdienten, dass sie die Landschaft nach Relikten aus vergangenen Zeitaltern durchkämmten, nach unergründlichen Gegenständen aus Stahl, die schon vor langem verrostet waren. Und doch hatte sogar der Rost einen Wert – die Sammler verkauften ihre Waren an die Gießereien von Drachenschmiede, in denen die Metallanteile in riesigen Schmelzöfen weggeschmolzen wurden, so dass das Erz zum Vorschein kam und dann neu aufbereitet und zu den Rüstungen und Waffen geschmiedet werden konnte, die von den Drachenarmeen getragen wurden. Die Menschen, die Graxen unter sich sah, arbeiteten daran, die Maschinen ihrer eigenen Unterdrückung zu befeuern.
Drei Rauchsäulen stiegen in der Ferne auf. Graxen rümpfte die Nase, als der Gestank der Gießereien zu ihm drang. Er machte einen großen Bogen um die Stadt und suchte nach einem guten Platz zum Landen. Die Erddrachen, die unter ihm über die ungepflasterten Straßen eilten, wirkten aus dieser Höhe wie kleine Käfer. Nirgendwo innerhalb der Festung deutete irgendetwas auf Pflanzen hin. Die Hügel in der Umgebung bestanden aus nichts weiter als rostfarbenem Durcheinander, Unkraut und ein paar vereinzelten kärglichen Bäumen hier und dort. Erddrachen waren nicht gerade bekannt für ihren Sinn für Schönheit.
Als Graxen die Stadt zur Hälfte umrundet hatte und durch den Rauch einen Blick zurückwarf, sah er dort, wo er vor kurzem die Runde begonnen hatte, ein funkelndes Licht aufflackern. Beim Weiterfliegen begriff er, dass das Licht vom schimmernden Helm einer Walküre stammte, die ein paar Meilen von ihm entfernt war. Folgte ihm jemand vom Nest bis hierher? Oder war es nur Zufall? Es war unumgänglich, dass die Walküren Geschäfte mit Drachenschmiede machten – all die Stahlgitter und Turmspitzen, die das Nest zu einer Festung machten, mussten schließlich von irgendwoher kommen.
Er flog langsamer. Die Walküre kam näher. War sie eine Botin der Matriarchin? Vielleicht hatte sie ihre Meinung geändert? Kaum hatte er diesen Gedanken gedacht, verwarf er ihn auch schon wieder, beschämt darüber, wie bereitwillig sein Herz sich an eine Hoffnung klammerte.
Graxen beschloss, sich der Walküre direkt entgegenzustellen, und veränderte seinen Kurs entsprechend. Der Abstand zwischen ihnen verringerte sich rasch. Als sie sich auf hundert Schritt angenähert hatten, erkannte er, wer es war – Träne, das Drachenweibchen, das ihn verfolgt hatte. Sie trug wieder ihre Rüstung, aber keinen Speer. War es Rache, weshalb sie hinter ihm her war? Aber wenn ja, wieso war sie dann unbewaffnet? Sie schwang sich jetzt in einem Bogen herum, und er tat das Gleiche auf seiner Seite, so dass sie gemeinsam einen großen Kreis durch die Luft vollführten. Während sie lässig dahinglitten, sahen sie sich beide über die Entfernung hinweg an.
»Du hast deine Tasche fallen lassen«, sagte sie, und etwas Verschmitztes blitzte in ihren Augen auf. Graxen sah, dass seine Ledertasche an ihrem Gürtel befestigt war, genau dort, wo zuvor die Schellen gewesen waren. Ihr Schwanz schnellte vor und riss die Tasche frei. Sie taumelte in einer Spirale der Erde entgegen. Graxen tauchte nach unten ab und schnappte sie sich mit den Hinterklauen. Die Tasche fühlte sich schwer an – irgendetwas war darin. Er hob rasch den Kopf. War dies ein Trick, um ihn von einem hinterhältigen Angriff abzulenken? Die Walküre flog weiter im Kreis; in ihrer Miene war nicht die geringste Boshaftigkeit zu erkennen.
»Danke«, sagte er und schlug mit den Flügeln, um sich wieder auf gleiche Höhe mit ihr zu bringen.
»Es tut mir leid, dass Spatz dich angegriffen hat. Sie hätte dort nie als Wache eingeteilt werden dürfen.«
»Sie hat nur ihre Arbeit getan.«
»Unsere Arbeit ist es, die Insel zu verteidigen, nicht, unschuldigen Boten zuzusetzen.«
»Ich bin Feindseligkeit gewöhnt«, sagte Graxen.
»Sie hat dir bemerkenswerte Reflexe beschert«, sagte sie.
An Komplimente war Graxen nicht gewöhnt. Er stellte fest, dass es ihm schwerfiel zu antworten. Eine lange Pause entstand, in der niemand sprach.
Träne nahm die Stille als Einladung zu einer weiteren Erklärung. »Spatz ist erst seit einem Jahr eine Walküre. Während ihrer ersten Wache ist sie mit zwei anderen, erfahreneren Walküren von einer Gruppe Fetzenflügeln aus dem Hinterhalt überfallen worden.«
»Oh«, sagte Graxen. Das Einzige, das bei den Himmelsdrachen noch geringer galt als eine Missgeburt, war ein Fetzenflügel. Dabei handelte es sich um kriminelle Himmelsdrachen, deren Flügel zur Strafe aufgeschlitzt worden waren. Für immer auf den Boden beschränkt, überlebten Fetzenflügel mit Betteln oder durch Räubern. Es klang, als wäre Spatz Letzterem zum Opfer gefallen.
»Die älteren Walküren sind getötet worden. Spatz wurde … misshandelt. Sie ist erst vor kurzem in den Dienst zurückgekehrt. Ihr Angriff auf dich war ein Angriff auf die Geister, die sie heimsuchen. Und dann stammt sie aus dem Geschlecht von Pachythan, weshalb sie sich vielleicht zusätzlich verpflichtet gefühlt hat, so mit dir umzugehen.«
Graxen verstand nicht, was ihre Herkunft damit zu tun haben sollte. Pachythan war der jüngere Bruder von Metron. Wollte sie damit sagen, dass Spatz gewissenhafter war, weil sie die Nichte eines derart herausragenden Himmelsdrachen war?
»Ich möchte nicht, dass du alle Walküren in einen Topf wirfst. Die meisten hätten dich ohne Provokation deinerseits nie angegriffen. «
»Ich bin froh, dass du die Ereignisse, die dann folgten, nicht als Provokation siehst«, sagte Graxen.
»Wärst du in der Nähe gewesen, als ich mich befreit habe, hätte ich dich sicherlich ausgeweidet. Aber ich hege keinen Groll. Du hast mich einfach besiegt. Wenn wir uns das nächste Mal treffen, werde ich ganz gewiss keine so leichte Gegnerin sein.«
»Das vermute ich«, sagte Graxen. »Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass wir uns wiedersehen. Die Matriarchin hat mich unmissverständlich aus dem Nest gejagt.«
»Wie es ihre Pflicht ist«, sagte Träne. »Flieg weit, Graxen der Graue. Geh mit dem Wissen, dass du dir meinen Respekt erworben hast.«
»Ich fühle mich geehrt«, sagte er. »Darf ich nach deinem Namen fragen?«
Sie hatte sich schon in Schräglage gebracht und schlug mit den Flügeln; ihr Körper zeigte in Richtung Nest. Sie warf einen Blick zurück und rief: »Nadala.«
Graxen trieb langsam dahin, während er zusah, wie Nadala kleiner wurde, als sie wegflog, bis sie nur noch ein Klecks und dann eine Erinnerung war.
Schließlich richtete Graxen seine Aufmerksamkeit wieder auf Drachenschmiede. Er ließ sich in die Stadt hinunter, in Richtung einer breiten Straße, die an den zentralen Gießereien vorbeiführte.
Tausende von Erddrachen marschierten einträchtig singend durch die Straße.
Yo ho ho!Schnell geduckt, sonst verschluckt!Yo ho ho!Schnell geduckt, sonst verschluckt!
Die Verse waren fünf Sekunden lang, wobei das »Yo ho ho« immer lauter wurde und das »Schnell geduckt, sonst verschluckt« immer leiser. Danach wurden die Verse wiederholt, und noch einmal und noch einmal, bis Graxen sich selbst ermahnte, dass er hier einen Auftrag zu erledigen hatte, und weiterflog. Kurz bevor er landete, nahm er die Tasche in die Hinterklauen. Dann, als er gut aufgekommen war, schlang er sie sich wieder über die Schulter. Erneut bemerkte er, wie schwer sie war, aber bevor er dem weiter nachgehen konnte, prallte er beinahe gegen einen Erddrachen, der direkt auf ihn zumarschierte. Erddrachen waren klobige, flügellose Wesen, die wirkten wie die unheilige Vereinigung von Mensch, Schildkröte und Alligator. Die meisten waren nicht größer als fünf Fuß und durch ihre mächtige Muskulatur beinahe ebenso breit. Ihre grünen, schnabelförmigen Gesichter erinnerten an die Köpfe von Schildkröten. Als Spezies waren sie berüchtigt für ihre Kurzsichtigkeit, was erklärte, warum derjenige, der sich ihm jetzt näherte, nur noch wenige Zoll weit weg war, bevor er stehen blieb und so einen Zusammenprall verhinderte. Er wirkte verblüfft.
Graxen vermutete, dass der hier sich ebenso gut als Führer eignete wie alle anderen. »Ich bin hier, um Charkon zu sprechen«, sagte er daher. »Kannst du mir sagen, wo ich ihn finde?«
Der Erddrache sah ihn stumpfsinnig an, als versuchte er zu erfassen, was Graxen gesagt hatte. Erddrachen besaßen eine sehr unterschiedliche Intelligenz. Keiner von ihnen war – im Durchschnitt gesehen – so klug wie die Himmelsdrachen, aber viele brachten etwas zustande, das der menschlichen Intelligenz nahe kam, und die meisten waren klug genug, um Befehlen zu gehorchen und die Dinge zu tun, die sie tun sollten. Dennoch reichte es bei einer beträchtlichen Anzahl nicht einmal zum Reden. Graxen fragte sich, ob er wohl so einen erwischt hatte, auch wenn dieser Erddrache nicht aufhörte, tonlos zu wiederholen: »Schnell geduckt, sonst verschluckt, yo ho ho …«
Schließlich blitzte etwas in den Augen des Drachen auf.
»Charkon ist unser Boss«, sagte er.
»Richtig«, sagte Graxen. »Ich muss ihn finden. Ist er hier?«
»Es ist Schlupftag«, sagte der Drache.
Graxen stand kurz davor, aufzugeben und es bei einem anderen Drachen zu probieren, als der hier weitersprach. »Komm mit.« Graxen ging hinter der Kreatur her und versuchte, nicht auf den dicken, alligatorähnlichen Schwanz des Drachen zu treten, der über die Erde schleifte.
Graxen gesellte sich zu einer Gruppe von Erddrachen, die zur Stadtmitte unterwegs waren. Alle menschlichen Sammler, die er zuvor gesehen hatte, waren verschwunden. Der Lärm, den die Erddrachen auf dem Marktplatz veranstalteten, war besorgniserregend. Obwohl Graxen größer war als alle anderen in der Menge, wog selbst der kleinste Erddrache viermal so viel wie er. Graxen hatte eine unangenehme Vision, wie er von diesen fürchterlichen Kreaturen erdrückt wurde. Weswegen waren sie überhaupt alle hier? Und wurden sie es nie leid, dieses verdammte Lied zu singen?
Glücklicherweise erwies sich sein Führer als ziemlich wirkungsvoll, als es darum ging, sich durch die Menge zu schlängeln. Der Erddrache drängte sich einfach hindurch, stieß diejenigen um, die vor ihm waren, und trampelte über sie hinweg. Gelegentlich blieb er stehen, um ein sich besonders langsam bewegendes Hindernis zu beißen und es so dazu zu bringen, sich schneller zu bewegen. Graxen murmelte Entschuldigungen, während er über die Drachen hüpfte, die sein Führer niedergestoßen hatte.
Schließlich erreichten sie das Zentrum. Ein großer Hügel aus rotem Ton war dort aufgeschichtet; er erinnerte an einen Ameisenhügel von zehn Fuß Höhe und doppelt so breiter Basis. Der Lehm knisterte und knackte und hatte das Aussehen von gesprungenen Blumentöpfen, als wäre er durch zu viele Erdbeben zerstört worden.
Neben dem Hügel stand jemand, den Graxen sofort als Charkon erkannte, obwohl sie sich nie begegnet waren. Charkon war alt für einen Erddrachen, beinahe achtzig. Erddrachen bekamen im Alter sogar noch festere Muskeln, und Charkons Arme und Beine waren so dick wie Baumstämme. Aber es war sein Gesicht, an dem Graxen ihn erkannte. Charkon war ein Veteran aus den Tagen der Rebellion im Süden, und irgendwann musste sein Gesicht sich am falschen Ende einer Streitaxt befunden haben. Ein großes, gezacktes Stück seines linken Schnabels fehlte, und wo sein Auge gewesen war, war jetzt nur noch eine hässliche Knolle aus Narbengewebe. Dennoch, trotz Charkons üblem Gesicht, strahlte eine wilde Intelligenz in dem verbleibenden Auge, und er stand mit einer so edlen Haltung da, wie sie für einen Erddrachen kaum möglich schien.
Charkon nickte Graxen zu und winkte ihn zu sich heran.
»Du bist Graxen der Graue«, sagte Charkon. Er schrie über den Gesang der Menge hinweg. »Ich hatte mit dir gerechnet.«
»Shandrazel hat mich geschickt – «
»Ich weiß«, sagte Charkon. »Er möchte, dass ich zum Palast komme. Ich werde mich morgen auf den Weg machen. Die Drachen von Drachenschmiede dienen den Sonnendrachen seit Jahrhunderten. Es wird mir eine Ehre sein, mich mit Shandrazel beraten zu dürfen.«
»Oh«, sagte Graxen und beugte sich näher, um bei dem ohrenbetäubenden Lärm besser hören zu können. »Ich wurde hier gar nicht mehr gebraucht, oder?«
»Ich bin so lange am Leben geblieben, weil ich den richtigen Stimmen gelauscht habe«, sagte Charkon. »Du musst dich deshalb nicht schlecht fühlen. Die Sammler versorgen mich immer wieder mit Neuigkeiten. Ich bin gut darin zu erkennen, welche die richtigen sind.«
»Ich verstehe«, rief Graxen zurück. Er warf einen Blick auf den roten Lehmhügel, der jetzt eindeutig bebte. »Was passiert da?«
