Jane's Melody - Kein Tag ohne dich - Ryan Winfield - E-Book

Jane's Melody - Kein Tag ohne dich E-Book

Ryan Winfield

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Beschreibung

VERLIERE nie die Hoffnung. VERTRAUE dem Schicksal. FOLGE deinem Herzen.

Die 40-jährige Jane hadert mit ihrem Schicksal: Ihre Tochter Melody, zu der sie seit Monaten keinen Kontakt mehr hatte, ist überraschend gestorben. Als sie einen jungen Mann am Grab ihrer Tochter beobachtet, versucht Jane, von ihm mehr über Melodys jüngere Vergangenheit zu erfahren. Caleb ist Musiker ohne feste Bleibe, und als Jane ihm anbietet, in ihrem Haus zu wohnen, nimmt er ihren Vorschlag an. Vor der malerischen Kulisse der einsamen Pazifikküste lernen die beiden sich näher kennen. Und Jane spürt, dass aus ihrer anfänglichen Sympathie für den jungen Lebenskünstler langsam mehr wird. Doch ist sie bereit, einen Neuanfang zu wagen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 424

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Buch

Manchmal hat das Leben andere Pläne –

hab Vertrauen und hör auf dein Herz …

Aus heiterem Himmel ereilt Jane der schwerste Schicksalsschlag ihres Lebens: Sie hat ihren liebsten Menschen, ihre einzige Tochter verloren. Melody hatte sich bereits ein Jahr vor ihrem Tod von ihrer Mutter entfernt, und nun kämpft Jane nicht nur mit ihrem schmerzlichen Verlust, sondern auch mit dem Wissen, dass ihr eigenes Kind ihr in letzter Zeit vollkommen fremd geworden war. Als Jane einen jungen Mann an Melodys Grab stehen sieht, verspürt sie den Drang, von ihm mehr über ihre verstorbene Tochter zu erfahren. Der fünfundzwanzigjährige Caleb ist Straßenmusiker, und Jane bietet ihm spontan an, in ihrem Haus auf einer Insel bei Seattle zu wohnen. Bald entwickeln sich zwischen den beiden echte Nähe und zarte Gefühle – und Jane stellt fest, dass Seelenverwandtschaft keine Altersgrenzen kennt. Doch sie zweifelt: Soll sie dem Schicksal vertrauen und ihrem Herzen folgen?

Autor

Ryan Winfield wurde 1975 in einer kleinen Stadt am Pazifik im Nordwesten der USA geboren und hat schon als Kind zahlreiche Bücher verschlungen und selbst Texte verfasst. Jane’s Melody ist sein erster Roman bei Blanvalet und wurde in den USA sofort zu einem New-York-Times-Bestseller. Wenn er nicht schreibt, geht Ryan Winfield gerne Bergsteigen oder macht Yoga. Er lebt mit seiner Frau in Seattle.

RYAN WINFIELD

JANE’S

MELODY

KEIN TAG OHNE DICH

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Barbara Röhl

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel Jane’s Melody

bei Atria Books, a division of Simon & Schuster, Inc., New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung September 2016 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Copyright © der Originalausgabe 2013 by Ryan Winfield

All rights reserved including the right of reproduction

in whole or in part in any form.

This edition published by arrangement with the original publisher,

Atria Boos, a division of Simon & Schuster, Inc., New York.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016 by

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: © www.buerosued.de

unter Verwendung einer Vorlage von Sarah Hansen

Umschlagmotiv: © Getty Images/Ilya Terentyev

Redaktion: Catherine Beck

BL · Herstellung: sam

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-16238-2V001

www.blanvalet.de

Für alle Mütter

TEIL EINS

1

Am Tag nach der Beerdigung fuhr Jane noch einmal zum Friedhof der Insel, saß im Auto und sah zu, wie es auf das Grab ihrer Tochter regnete. In den Nachrichten hieß es, dass es seit siebzehn Tagen nicht aufgehört hatte. Aber das war Jane gleichgültig – der Regen entsprach ihrer Stimmung.

Sie ließ den Motor laufen, stellte die Scheibenwischer auf ein niedriges Intervall ein und sah zu, wie das Wasser über die Windschutzscheibe lief und den trostlosen Ausblick dahinter verschleierte. Immer wieder sagte sie sich, dass es nicht wahr sein konnte, dass ihre Melody nicht wirklich tot war. Aber dann schoben die Scheibenwischer den Regen weg, und sie blickte wieder auf das frisch zugeschüttete Grab ihrer Tochter.

Gestern hatte sie mit einer kleinen Trauergemeinde, darunter ihre Mutter und ihr Bruder, die sie beide nicht ausstehen konnte, unter einem Zeltdach gestanden, zugesehen, wie der Sarg hinuntergelassen wurde, und gewünscht, sie läge darin und nicht Melody. Der Pfarrer der Inselkirche hatte ein paar Worte gesprochen, und das war es gewesen. Ihre Tochter war für immer gegangen.

»Eine Mutter sollte ihre Tochter nicht begraben müssen.«

Das hatte ihre eigene Mutter zu ihr gesagt, als sie zum Auto zurückgegangen waren. Und sie hatte recht, obwohl die Art, wie sie es aussprach, Jane den Eindruck vermittelte, dass ihre Mutter ihr die Schuld daran gab.

Und vielleicht war sie ja wirklich dafür verantwortlich, dachte sie.

Das Schuldgefühl schoss wie ein stechender Schmerz an Janes Rückgrat hoch, sodass sie sich vor Qual krümmte. Um ihn zu lindern, sagte sie sich das Motto ihrer Sponsorin vor wie ein Mantra.

»Ich habe es nicht verursacht, ich konnte es nicht kontrollieren. Ich habe es nicht verursacht, ich konnte es nicht kontrollieren. Ich habe es nicht verursacht, ich konnte es nicht kontrollieren.«

Als sie wieder aufrecht sitzen konnte, griff sie ins Handschuhfach und wühlte zwischen den Papieren nach der Packung Viginia Slims, die sie für Notfälle dort versteckte. Sie klopfte eine Zigarette aus der Packung, betätigte mit zitternder Hand den Zigarettenanzünder und sog in einem langen Zug den beruhigenden Rauch ein. Dann fuhr sie das Fenster einen Spalt herunter und warf die Zigarette in den Regen.

Wieder fuhren die Wischerblätter über die Scheibe und machten sie frei, und Jane hätte fast aufgeschrien, als sie einen fremden Mann am Grab ihrer Tochter stehen sah. Was hatte erhier zu suchen? Er hatte den Kopf gebeugt, entweder in Trauer oder um den frisch gravierten Grabstein zu lesen, und trug einen grauen Mantel und eine vom Regen durchweichte Jeans.

Mit einem Mal hatte Jane ein schlechtes Gewissen, als belauere sie einen privaten Moment zwischen ihrer Tochter und diesem Fremden. Hätte Jane das laut ausgesprochen, hätte es töricht geklungen, aber irgendwie wirkte es in ihrem Kopf vollkommen vernünftig.

Der Mann bückte sich und legte etwas auf das Grab.

Sie fragte sich, ob er ihr Blumen gebracht hatte.

Sie streckte die Hand nach dem Scheibenwischerhebel aus, um die Scheibe noch einmal freizumachen, aber sie berührte aus Versehen das Fernlicht, und ihre Scheinwerfer flammten auf. In dem Moment, als sich die Wischerblätter erneut über die Scheibe bewegten, drehte der Mann sich um und sah Jane an. Noch nie zuvor war sie erschrocken und fasziniert zugleich gewesen. Er war jung – mit Sicherheit unter dreißig –, aber seine ausdruckslose, beinahe starre Miene sprach zusammen mit seinem distanzierten Blick von dem tief sitzenden Schmerz eines viel älteren Menschen. Einen Regenschirm hatte er nicht dabei, aber er trug eine Baseballkappe, von deren Schirm der Regen herablief. Während sie einander ansahen – sie in ihrem Wagen und er am Grab ihrer Tochter –, strömte der Regen über die Scheibe und verwischte seine Gestalt, bis er nur noch als wasserumflossene Silhouette zu sehen war. Und dann verschwand auch die. Mehrere Sekunden später huschten die Wischerblätter wieder über die Scheibe, aber der Fremde war fort.

Als Jane die fünf, sechs Meter, die das Auto vom Grab trennten, zurückgelegt hatte, war sie vollkommen durchnässt. Sie stand da, wo der Unbekannte gewesen war, und blickte sich um, aber er war nirgendwo zu sehen. Als sie nach unten schaute, dachte sie, wie seltsam es war, dass die Grasstreifen, deren Ränder durch Schlammflecken bezeichnet waren, schon wieder auf dem Grab lagen. Sie wusste, das Gras würde im nächsten Frühling wieder Wurzeln schlagen und Melody für immer in eine unveränderliche Welt einsiegeln, die nur den Toten gehörte. Am liebsten hätte sie das Gras zurückgerollt, die Hände in die Erde gewühlt und gegraben, bis sie zu ihrer Tochter kam. Sie wollte in den Sarg steigen und sie in den Armen halten wie damals, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war – bevor der Alkohol und die Drogen gekommen waren. Dann sollten sie ruhig kommen, das Grab wieder zuschütten und sie beide da unten allein lassen. Sie fühlte sich ohnehin schon wie tot.

Im Gras glitzerte etwas und zog Janes Blick auf sich.

Sie bückte sich und hob die Münze auf, die der Fremde zurückgelassen hatte. Nichts Besonderes, nur ein Silberdollar, der 1973 geprägt war, in Janes Geburtsjahr. Sie hielt die Münze in der offenen Hand, als wäre sie so zerbrechlich wie ein Rotkehlchen-Ei, und fragte sich, welche Bedeutung sie hatte und warum der Unbekannte sie hier hingelegt hatte. Jane wusste so wenig über ihre Tochter, da sie vor ihrem Tod fast ein ganzes Jahr nicht mit ihr gesprochen hatte. Sie sehnte sich nach einer Verbindung zu Janes Leben – einer Aussicht zu begreifen, was passiert war; einer Chance, dem Sinnlosen einen Sinn zu geben … falls das überhaupt möglich war.

Lange stand sie im Regen und sah in Erinnerungen versunken auf die Münze, bis sie von Kopf bis Fuß durchnässt war und die Münze in ihrer Hand in einem kleinen See schwamm. Sie hatte sie wieder auf das Grab legen wollen, wo der Fremde sie zurückgelassen hatte, doch dann steckte sie sie in die Tasche, ohne zu wissen, warum, und ging zurück zu ihrem Auto.

Jane fuhr in die kleine Garage ihres kleinen einstöckigen Holzhauses aus den 1950ern und stellte das Getriebe auf Parkstellung, schaltete jedoch noch nicht ab. Sie schloss die Augen und ließ den Luftzug aus der Heizung über ihr Gesicht wehen – der Geruch ihrer nassen Sachen mischte sich mit dem Fichtennadelgeruch des Lufterfrischers und den letzten Spuren ihres Zigarettenrauchs. Als sie die Augen wieder öffnete, stellte sie den Rückspiegel so ein, dass sie sich selbst sehen konnte. Es waren die geübten Bewegungen einer Frau, die vor tausend langweiligen Terminen in Coffeeshops, um tausend langweilige Versicherungspolicen zu verkaufen, schon tausendmal ihr Make-up überprüft hatte. Aber zum ersten Mal erkannte sie das Gesicht, das in dem rechteckigen Spiegel ihren Blick erwiderte, nicht wieder. Und was sie verwirrte, war nicht, dass sie ungeschminkt war, sondern die Hoffnungslosigkeit in diesen Augen.

Sie hob die Hand, drückte die Fernbedienung für die Garagentür und sah zu, wie der Schatten der sich schließenden Tür über den Spiegel rückte und ihr Gesicht auslöschte, bis es vollkommen im Dunkel lag. Die Glühbirne in der Garage war schon vor langer Zeit durchgebrannt, und sie hatte zu viel zu tun gehabt, um sie auszuwechseln – genauso, wie sie zu beschäftigt gewesen war, um ihre Tochter zu suchen und ihr Hilfe anzubieten. Doch jetzt, als sie das Fenster ein Stück herunterfuhr und den Sitz nach hinten stellte, war sie froh darüber, dass das Licht nicht brannte.

Das beleuchtete Armaturenbrett warf Lichtpunkte an die gepolsterte Decke, und sie tat so, als wären sie in Wirklichkeit ferne Sterne. Sie erinnerte sich, irgendwo gelesen zu haben, Kohlenmonoxid sei geruchlos, aber sie roch die Abgase, die durch das halb offene Fenster hereinwehten. Vielleicht zum ersten Mal seit diesem Lamaze-Kurs, in den ihre Freundin sie geschleppt hatte, als sie mit Melody schwanger war, konzentrierte sie sich auf ihre Atmung. Schwer zu glauben, dass das inzwischen zwanzig Jahre her war. Sie fragte sich, wohin sich die Zeit davonmachte, wenn man nicht aufpasste.

Man hatte ihr erzählt, dass das Leben schnell vorbeigehen würde.

Aber niemand hatte gesagt, dass es so blitzartig sein würde.

Sie begann an einen behaglichen Ort zwischen dieser Welt und der nächsten zu treiben und überließ ihre Gedanken einem Zustand, in dem die Zeit keinen Einfluss hat und sich Erinnerungen entfalten und mit verlorenen Hoffnungen und vergessenen Träumen mischen.

Sie erinnerte, erinnerte, erinnerte sich …

Wie sie ihre neugeborene Tochter im Arm hielt.

Dunkelrote Wangen, eine Stupsnase.

Der hungrige Aufschrei, den sie mit ihrer Brust stillt; die Freude, einem so vollkommenen Wesen Nahrung zu schenken.

Ach, wenn man zurückgehen könnte!

Für immer in dieser Wärme sein.

Bleiben, bleiben, bleiben.

Ihre Gedanken huschten fünf Jahre weiter, zu ihrer ersten Nacht in diesem Haus. Wieder sah sie das Lächeln ihrer Tochter, als sie aufwachten und Schnee vor dem Fenster sahen. Sie erinnerte sich daran, wie sie die winzige Hand in ihrem Fäustling festgehalten und Melody die Straße entlanggeführt hatte, um ihre neue Umgebung zu erkunden. Seltsam, dachte sie, aber die kleinen rosa Gummistiefel, die Melody an jenem Tag getragen hatte, lagen irgendwo in einer Schachtel genau in dieser Garage, in der sie jetzt saß und sich daran erinnerte.

Ein schrilles Geräusch riss die Erinnerungen davon.

Ein hartnäckiges Klingeln im Inneren des Hauses.

Nach einiger Zeit öffnete Jane die Augen und versuchte zu erraten, wer wohl am Telefon sein mochte. Sie hatte nur ein Festnetzgerät, weil es zu ihrem Internetpaket gehört hatte, und außer ihrer Sponsorin kannte niemand die Nummer. Soll es doch klingeln, dachte sie. Aber dann wurde ihr klar, dass sie das nicht tun durfte. Sie wusste, wenn sie nicht ranging, würde Grace kommen und nach ihr sehen. Der Gedanke, dass Grace diejenige sein würde, die nach allem, was sie für Jane getan hatte, ihre Leiche finden würde, verstärkte die Schuldgefühle noch, die sie ohnehin schon bedrückten.

Als sie aus dem Auto stieg, wurde ihr schwindlig, und bis sie das Telefon erreichte, hatte das Klingeln aufgehört. Sie stand daneben, stützte sich mit der Hand auf den Tisch und wartete darauf, dass Grace noch einmal anrief, denn das würde sie. Zehn Sekunden später klingelte es, und sie nahm den Hörer ab und zwang sich zu einem Lächeln.

»Hallo.«

»Hi, Jane. Ich bin’s, Grace.«

»Oh, hi, Grace.«

»Ich habe den ganzen Tag über auf deinem Handy angerufen. Bist du okay?«

»Mir geht’s bestens«, sagte Jane. »Einfach bestens.«

»Komm schon, J. Erzähl mir nicht so was.«

»Was soll ich dir nicht erzählen?«

»Du weißt aber schon, wofür ›bestens‹ steht, oder?« Als Jane nicht reagierte, antwortete Grace an ihrer Stelle. »Es steht für BE… scheiden, STinkig, Emotional und NeurotiSch.«

Jane konnte nicht anders, als zu lachen, nur ein wenig.

»Ja, wenn das so ist«, sagte sie, »dann geht’s mir wirklich, wirklich bestens.«

»Ich komme vorbei«, erklärte Grace.

Jane sah sich in dem Chaos um – auf der Couch türmte sich noch Bettzeug, und auf der Arbeitsplatte in der Küche stapelte sich schmutziges Geschirr. Sie schüttelte den Kopf. Man hätte meinen können, ihre Mutter und ihr Bruder hätten wenigstens hinter sich aufgeräumt, nachdem sie darauf bestanden hatten, zur Beerdigung zu kommen, aber zu geizig gewesen waren, in einem Motel zu übernachten. Aber nein, sie waren aufgetaucht, hatten dafür gesorgt, dass sich alles nur um sie drehte, und es irgendwie fertiggebracht, den absolut grauenhaften Tag noch schlimmer zu machen.

»Wie wär’s, wenn ich zu dir komme?«, schlug Jane vor. »Ich wollte ohnehin gerade los und habe das Auto mit laufendem Motor in der Garage stehen.«

Als sie auf den Parkplatz der Harbor-Wohnanlage fuhr, war ihre Kleidung größtenteils getrocknet.

Grace drückte die Tür auf, und sie nahm den Aufzug in den dritten Stock. Sie hatte kaum die Hand gehoben, um zu klopfen, als Grace schon die Tür aufriss und sie umarmte.

»Ach, du lieber Gott, du bist ja klatschnass. Komm rein und setz dich. Ich mache uns Kaffee. Ich habe Peet’s da. Oder möchtest du lieber heiße Schokolade?«

»Kaffee ist gut. Danke.«

Jane saß in einem Polstersessel und sah durch das Wohnzimmerfenster auf den Jachthafen hinaus. Die Masten der Segelboote bewegten sich in einem hypnotisch wirkenden Rhythmus vor und zurück, und der Regen pladderte herab und wurde vor dem dunklen Himmel von den orangefarbenen Straßenlaternen auf dem Dock angestrahlt, obwohl die Uhr auf dem Kaminsims erst drei Uhr nachmittags zeigte.

Grace reichte ihr einen dampfenden Becher.

»Zwei Splenda und ein Schuss Sahne«, sagte sie und setzte sich auf den Sessel gegenüber Jane. »Genau, wie du ihn magst.«

Jane hielt die Tasse mit beiden Händen und ließ ihre kalten Finger an ihrer Wärme auftauen. Sie trank einen Schluck und lächelte Grace zu, um ihr zu bedeuten, dass er gut war. Grace lehnte sich seufzend in ihrem Sessel zurück und sah Jane an, sagte aber nichts. Lange Zeit verging, und die beiden Frauen saßen einfach nur friedlich zusammen. Das einzige Geräusch war das leise Klirren von den Metallteilen der Bootstakelagen, das durch das Isolierglas drang.

»Was ist eigentlich aus eurem Segelboot geworden?«, fragte Jane schließlich.

»Ach Gott«, sagte Grace. »Das Ding? Es zu verkaufen war das Beste, was wir je getan haben. Ich dachte, ich hätte dir davon erzählt. Bob hat versucht, so zu tun, als wäre es wegen der Krise auf dem Immobilienmarkt. Aber er war auch kein besserer Seemann als ich. Oh, ich habe dieses Teil gehasst. Fürchterlich eng. Und ein Tag kann sehr lang werden, wenn man draußen auf dem Wasser ist und nichts zu tun hat.«

Ein weiteres langes Schweigen.

»Habe ich dir erzählt, wie wir damit einmal zu den Inseln hinausgefahren sind? Ich musste Bob versprechen, niemandem etwas davon zu sagen, aber zum Teufel, die Geschichte ist zu gut, um sie nicht zu erzählen. Er ist vor Anker gegangen und wollte ein romantisches Dinner bei Sonnenuntergang veranstalten. Hat eine Flasche Sekt aufgemacht und eine rote Rose angeschleppt. Sagte, er wolle unser Liebesleben wieder in Schwung bringen. Natürlich ist er eingeschlafen, bevor er selbst überhaupt in Schwung kam. Jedenfalls kam die Ebbe, während wir unter Deck waren, und wir sind auf einer Sandbank auf Grund gelaufen. Es kippte um wie ein Spielzeugboot. Wir wurden davon wach, dass wir aus der Koje fielen. Bob hat sich das Handgelenk verstaucht, und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, musste die Küstenwache uns abschleppen. Gott, war das peinlich.«

Jane lächelte und nippte an ihrem Kaffee. Sie hatte ganz vergessen, wie viel besser sie sich immer durch Graces bloße Anwesenheit fühlte. Aber ihre Erleichterung dauerte nur kurz, denn ihr fiel ein, dass ihre Tochter tot war, und ein stechender Schmerz durchfuhr sie. Grace musste es ihr vom Gesicht abgelesen haben. Sie seufzte.

»Ich würde dich ja fragen, wie es dir geht, aber ich kann mir vorstellen, dass du darauf keine Antwort wüsstest.«

Jane kämpfte mit den Tränen und schüttelte einfach nur den Kopf.

»Ist noch jemand bei dir zu Hause?«, fragte Grace.

»Sie sind gestern Abend gefahren«, sagte Jane.

»Haben sie getrunken?«

»Mein Bruder ja. Und meine Mutter hätte es besser auch getan. Kaum zu glauben, aber sie haben sich so laut gestritten, dass meine Nachbarin angerufen hat, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Und sie lebt eine halbe Meile entfernt. Außerdem war es der Abend vor der Beerdigung. Wenn mir im Moment nicht alles egal wäre, würde ich mich für sie schämen. Gott, ich hasse meine Familie, Grace. Ich weiß, dass es nicht richtig ist, aber ich hasse sie trotzdem.«

»Hast du versucht, für sie zu beten?«, fragte Grace.

»Ich habe dafür gebetet, dass sie bekommen, was sie verdient haben.«

»Reicht zur Not auch«, befand Grace mit dem Anflug eines Grinsens.

Ein Windstoß trieb den Regen gegen das Fenster, und die Masten überkreuzten sich vor dem dunkler werdenden Himmel immer schneller.

Nach einer Weile stand Grace auf. »Ich beziehe dir das Gästebett frisch. Und versuch nicht mal, mich davon abzubringen, weil Bob nämlich über Nacht in Dallas ist und ich die Gesellschaft brauchen kann. Ich bin zu alt, um stürmische Nächte allein zu verbringen. Wenn du dich in der Lage dazu fühlst, hole ich die Schirme, und wir können in den Pub gehen und Muschelsuppe essen.«

Jane wusste, dass jeder Widerspruch sinnlos war, daher nickte sie nur und sah Grace nach, die in die Diele ging. Als sie fort war, blickte Jane wieder durch das Fenster in den Regen hinaus.

Sie wusste, dass es irgendwann aufhören würde. Sie wusste, der Frühling würde kommen und mit ihm ein frischer Wind, der die Wolken davonwehen würde. Und sie wusste, dass die Sommersonne wieder aufgehen und die Welt von Neuem in die Farben tauchen würde, die sie früher geliebt hatte. Das war ihr vollkommen klar. Sie glaubte nur nicht daran.

2

Das Auto hinter Jane hupte.

Sie schaltete auf Drive und fuhr auf die Fähre. Sie befand sich an der Spitze einer Autoschlange und hinter einer Gruppe triefnasser Fahrradpendler in gelbem Regenzeug. Sie wirkten unglücklich, aber entschlossen, während sie ihre Räder verstauten, an ihr vorbei nach oben in die Bordcafeteria gingen und die Klickplatten an ihren Fahrradschuhen auf den Treppenstufen aus Metall laut klapperten. Ein bärtiger Fährenangestellter kam vorbei und blockierte Janes Reifen. Er versuchte sich an einem halbherzigen Lächeln, gab aber auf, als er ihre hoffnungslose Miene bemerkte.

Für alle anderen war es einfach ein normaler Tag.

Als die Fähre unterwegs war, saß Jane in ihrem Wagen und sah zu, wie die dunklen Regenwolken über die Elliott Bay zogen. Die stampfenden Motoren ließen die Fähre vibrieren, und ihr Fichtennadel-Lufterfrischer hüpfte an dem Faden, mit dem er am Spiegel hing. Sie sah einer Möwe zu, die vor der Fähre herflog und auf der Luftwelle segelte, die der Bug vor sich herschob. Jane war lange nicht in der Stadt gewesen. Zu lange, dachte sie. Hätte sie sich nur auf die Suche nach ihrer Tochter gemacht, ihr mehr Hilfe angeboten; dann wäre Melody vielleicht noch am Leben. Sie wusste, Grace würde ihr jetzt ins Gedächtnis rufen, dass sie getan hatte, was sie konnte, alles Menschenmögliche – dass sie fünf Entzugskliniken gezahlt und Melody so viel Unterstützung wie möglich gegeben hatte, bis es Zeit gewesen war, sie in Liebe loszulassen.

Sie erinnerte sich daran, was der Therapeut in der letzten Einrichtung gesagt hatte. »Sie könnten ihr ein Seil zuwerfen, aber ergreifen muss sie es selbst.« Und sie hatte ihr eine Rettungsleine zugeworfen, oder? Sie hatte angeboten, Melody mit nach Hause zu nehmen, unter einer einzigen eisenharten Bedingung: Sie musste clean und nüchtern bleiben.

Aber Melody hatte das Angebot abgelehnt und war ihr wieder einmal entglitten, um sich wieder mit dem Zeug zuzudröhnen, nach dem sie nachtein, nachtaus suchte und dabei in der ganzen Stadt auf einer Couch nach der anderen wohnte.

Das Nebelhorn der Fähre ertönte und schreckte Jane aus ihren Gedanken auf. Sie tippte die Scheibenwischer an, um einen Regenschauer zu beseitigen, den der Wind auf das Deck der Fähre geweht hatte, und sah zu, wie die Skyline von Seattle aus dem Nebel vor ihnen emporwuchs. Als junge Frau hatte sie selbst in der Stadt gewohnt, die Universität Washington besucht und einen Bachelorabschluss in Frauenstudien angestrebt. Aber dann hatte sie Bruce kennengelernt und sich verliebt; jedenfalls hatte sie das geglaubt. Sie war im sechsten Monat schwanger, als Bruce sich davonmachte und es ihr allein überließ, sich auf die Geburt des Babys vorzubereiten; das Klischee einer College-Abbrecherin. Sie hatte gedacht, Bainbridge Island wäre perfekt, um Melody großzuziehen – ruhig und friedlich, eine kleinstädtische Insel mit guten Schulen. Und eine Zeit lang war es das auch gewesen. Aber anscheinend gab es keinen Ort, der immun gegenüber dem Einfluss von Alkohol und Drogen auf Teenager war, besonders wenn man prädisponiert für ihren Missbrauch war. Alkoholismus lag auf jeden Fall in Janes Familie, und, wie sie vermutete, auch in der von Melodys Vater.

Die Fähre dockte an, und die Radfahrer kamen herunter und strampelten in den Regen davon. Jane folgte ihnen und fuhr in Richtung Capitol Hill durch die Stadt.

Während sie vertraute Stellen passierte, fragte sie sich, ob ihre Tochter sie ebenfalls entdeckt hatte. Vielleicht hatte Melody sogar ihren eigenen Geist in dem alten Café gespürt, wo sie sich über Lehrbücher gebeugt hatte. Oder ihre Tochter hatte ihre Fingerabdrücke auf einem Regalbrett im Buchladen des Viertels gesehen, der sich seit ihrer Geburt nicht verändert hatte, ja in dem wahrscheinlich seither nicht mehr staubgewischt worden war. Oder hatten sie einander über die zwanzig Jahre alten Wachsreste auf der Theke der Steampipe Lounge angesehen, wo ein hübsches Mädchen am Freitagabend immer einen oder zwei Drinks abstauben konnte, wenn sie einen gefälschten Ausweis dabeihatte? Gott, was war ich jung und dumm, dachte Jane. Aber sie musste zugeben, dass sie auch Spaß gehabt hatte.

Als sie vor dem Apartmentgebäude ankam, überprüfte sie die Adresse noch mal, um sicherzugehen. Es war ein altes, heruntergekommenes dreistöckiges Haus im Craftsman-Stil, das schon vor langer Zeit in einzelne Wohnungen ohne Fahrstuhl aufgeteilt worden war, doch trotz der abblätternden Farbe und des durchhängenden Dachs war die Hausnummer auf dem Bordstein frisch aufgemalt und deutlich zu lesen. Hier hatte ihre Tochter also gelebt. Hier war ihre Tochter gestorben.

Es nieselte jetzt nur noch, und Jane saß in ihrem Wagen und sah durch das von Tröpfchen übersäte Fenster zu der rot gestrichenen Tür im dritten Stock hinauf, durch die ihre Tochter vor gerade einmal zehn Tagen zum letzten Mal getreten war. Jane fragte sich, ob sie es gewusst hatte. Hatte sie innegehalten, um noch mal die Aussicht auf die Stadt auf sich wirken zu lassen? Hatten die Wolken aufgeklart, um ihr zum Abschied einen letzten Sonnenuntergang zu zeigen? Hatte sie gezögert? Oder hatte sie nur daran gedacht hineinzugehen, um sich ihren Schuss zu setzen, und nichts anderes gesehen als das Vergessen, das auf sie wartete und nach dem sie sich so sehnte? Jane wünschte sich nur halbherzig, sie könnte es verstehen.

Noch nie war Jane eine Treppe so schwergefallen.

Sie klopfte an die Tür und wartete.

Sie klopfte noch mal.

»Jetzt regen Sie sich mal nicht auf«, schrie eine Frauenstimme von drinnen. »Komme ja schon.«

Mehrere Riegel wurden zurückgezogen, und die Tür öffnete sich mit vorgelegter Kette fünfzehn Zentimeter. Hinter der schmalen Öffnung war das blasse Gesicht einer jungen Frau zu sehen.

»Ich habe der Frau am Telefon gesagt, dass ich keine verdammte Inspektion will«, fauchte das blasse Mädchen. »Außerdem habe ich mein Kind seit Dezember nicht einmal bei mir gehabt, dank seinem Bastard von Vater.«

»Es tut mir leid«, sagte Jane. »Ich glaube, Sie verwechseln mich mit jemandem.«

Das Mädchen beugte sich weiter in den Türspalt hinein und musterte sie. »Oh, Mist! Sie sind Melodys Mom. Tut mir leid.«

»Ich würde gerne ihre Sachen abholen.«

Das Gesicht des Mädchens verschwand, als sie sich abwandte und in die Wohnung blickte. Als sie sie wieder ansah, nahm Jane an, sie würde die Türkette lösen und sie hereinbitten, doch das tat sie nicht.

»Warten Sie hier«, sagte sie stattdessen. »Ich suche sie Ihnen zusammen. Dauert nur einen Moment.«

Dann schloss sie die Tür und verriegelte sie wieder.

Jane stand auf der Schwelle und wartete. Sie sah auf die Straße hinunter und fragte sich, auf welchem Weg ihre Tochter an jenem Tag nach Hause gegangen und wo sie hergekommen war. Die Umgebung erinnerte sie an andere Viertel, in denen sie selbst gewohnt hatte, nachdem sie mit siebzehn aus ihrem Elternhaus geflüchtet war und sich auf eigene Beine gestellt hatte. Ein Kater schlug mit den Pfoten nach dem Inhalt eines umgekippten Mülleimers. Ein Kind trat einen Fußball wieder und wieder eine Gasse entlang und wich dabei geschickt Pfützen aus. Ein tiefergelegtes Auto, hinter dessen getönten Scheiben Bässe wummerten, fuhr spazieren, und hinter dem offenen Fenster einer Wohnung auf der anderen Seite hörte sie ein Paar laut streiten.

Jane wollte schon auf einen schnellen Zug an einer Zigarette zu ihrem Wagen hinuntergehen – nur einen, um ihre Nerven zu beruhigen –, als sich die Tür öffnete und das Mädchen ihr einen Karton in die Arme schob.

»Ist das alles?«, fragte Jane ein wenig erstaunt.

Das Mädchen zuckte die Achseln. Sie war sich mit einem Kamm durchs Haar gefahren, und wenn sie sprach, roch ihr Atem nach Hustentropfen.

»Da waren noch andere Sachen, aber die haben wir zusammen benutzt. Sie wissen sicher, wie das ist.«

Jane nickte, denn sie verstand, was sie meinte.

»Ich war irgendwie erstaunt, als Sie angerufen haben«, sagte das Mädchen, »weil Melody nie erwähnt hat, dass sie hier Familie hatte.«

Jane spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen, und während sie mit dem Karton dastand, lief ihr eine die Wange hinunter.

»Mist«, sagte das Mädchen. »So habe ich das nicht gemeint. Tut mir leid.«

»Haben Sie sie gefunden?«, fragte Jane.

Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Nööö. Ich war das ganze Wochenende bei meinem Freund. Candance kam dann an dem Morgen vorbei.« Sie unterbrach sich und sah zu Boden. »Manchmal frage ich mich, was gewesen wäre, wenn ich zu Hause gewesen wäre, verstehen Sie?«, setzte sie dann leise hinzu.

»Können Sie mir etwas über sie erzählen? Ich meine, was sie vorhatte oder wie es ihr ging?«

Das Mädchen seufzte und vollführte eine Geste. »Ich wünschte, ich könnte Ihnen etwas sagen. Aber wir waren nicht eng befreundet oder so. Sie ist erst vor ein paar Monaten hier eingezogen.«

»Haben Sie eine Ahnung, wo sie ihre Zeit verbracht hat?«

»Keinen Plan«, sagte das Mädchen. »Sie könnten es im Devil’s Cup versuchen. Die Leute haben angerufen und gesagt, sie hätten noch ihre letzte Lohnabrechnung.«

»Melody hatte Arbeit?«

»Oh ja«, antwortete sie. »Sie hat, vielleicht eine Woche nachdem sie hier eingezogen ist, im Devil’s Cup am Pike-Markt angefangen. Wenn ich richtig darüber nachdenke, wollte sie Kosmetikerin werden. Hatte sogar schon alle Anmeldeformulare ausgedruckt. Es war nicht so, wie Sie denken. Sie hatte halt einen kleinen Rückschlag, verstehen Sie. Aber ich schätze, manchmal reicht das. Ein einziger mieser Tag, ein einziger mieser Schuss. Ach, ich rede zu viel. Ich muss mich jetzt fertig machen und los.«

Jane dankte ihr und wandte sich zum Gehen. Sie war mit dem Karton zwei Stufen die Treppe hinuntergegangen, als das Mädchen ihr nachrief.

»Hey! Ich sag das jetzt nicht gern, verstehen Sie … aber Melody war mir noch Miete schuldig.«

Jane blieb stehen, setzte den Karton auf einer Stufe ab und kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Scheckbuch.

»Wie viel schuldete sie Ihnen?«

»Hundertfünfzig«, sagte das Mädchen.

»Auf wen soll ich den Scheck ausstellen?«

»Haben Sie kein Bargeld?«

Jane öffnete ihre Brieftasche und zählte ihr Geld.

»Ich habe nur fünfundachtzig Dollar dabei.«

»Dann nehme ich die, und wir sind quitt.«

Jane streckte ihr das Geld entgegen, blieb aber auf der zweiten Stufe stehen, sodass die junge Frau ins Licht heraustreten musste, um es zu nehmen. Sie sah die dunklen Schatten unter ihren Augen und die roten Einstiche an ihren Armen und hätte das Geld beinahe wieder zurückgezogen, tat es aber nicht. Das Mädchen riss ihr die Scheine aus der Hand, dankte ihr und zog sich dann schnell wieder in die Wohnung zurück, schloss die Tür und verriegelte sie.

Jane fuhr zum Devil’s Cup und musste dreimal um den Block kreisen, bis sie einen Parkplatz fand, der so nahe lag, dass sie zu Fuß gehen konnte. Der Coffeeshop war klein und eng, nur ein paar Schemel vor einer Theke am Fenster, und wurde von bunt gemischten Kids aus der Gegend besucht, die die Nasen in ihre iPhones steckten. Sie stellte sich an und hörte zu, wie die Gäste vor ihr ihre Koffeindröhnung zum Mitnehmen bestellten – »Caffè breve«, »Short drip«, »Latte macchiato«.

Als sie an der Reihe war, zog das Mädchen an der Kasse einen rosa Lutscher aus dem Mund. »Was soll’s sein, Lady?«, fragte sie.

Sie hatte rotes Haar und einen Ring in der Augenbraue. Gesichtspiercings mussten in Mode sein, dachte Jane, denn als sie ihre Tochter in der Leichenhalle gesehen hatte, hatte diese einen kleinen Diamantstecker in der Nase getragen. Manchmal fragte sie sich immer noch, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, ihn dort zu lassen, obwohl ein starkes Gefühl ihr etwas anderes geraten hatte. Wahrscheinlich schon.

»Ich bin die Mutter von Melody McKinney«, erklärte Jane.

»Sie ist bestimmt sehr stolz auf Sie«, gab das Mädchen zurück, steckte den Lolly wieder in den Mund und sprach damit weiter. »Was können wir Ihnen heute zu trinken zubereiten?«

»Kannten Sie Melody?«

»Sollte ich?«, fragte das Mädchen.

»Man hat mir gesagt, sie hätte hier gearbeitet.«

»Oh«, sagte das Mädchen und wirkte plötzlich peinlich berührt. »Die Mutter dieser Melody. Tut mir leid. Ich bin aus unserer Filiale in Belltown und mache nur Vertretung. Warten Sie einen Moment.«

Sie verschwand im Hinterzimmer und kam eine Minute später mit einem Umschlag wieder. »Das ist ihr letzter Scheck«, erklärte sie. Dann sah sie auf die Theke. »Sorry«, setzte sie schnell hinzu. »Das klang jetzt übel.«

Jane steckte den Umschlag in ihre Handtasche. »Ich hatte eigentlich gehofft, mit jemandem reden zu können, der mit Melody zusammengearbeitet hat. Jemandem, der sie kannte.«

»Sie sollten unter der Woche noch mal kommen«, sagte das Mädchen. »Dann arbeitet Lewis, und er wäre der Beste, mit dem Sie reden könnten.«

»Lewis?«

»Ja. Er ist der Filialleiter. Sie können ihn nicht verwechseln. Er sieht aus wie eine Mischung aus ›mein kleines Pony‹ und der Freiheitsstatue.«

Jane trat nach draußen und sog die kühle, feuchte Luft tief ein. In dem kleinen Coffeeshop hatte sie das Gefühl gehabt, als rückten die Wände auf sie zu; vielleicht weil sie sich ständig vorgestellt hatte, statt der unhöflichen Rothaarigen stünde Melody lächelnd hinter der Theke. Wäre sie nur vor zwei Wochen hier gewesen. Es kam ihr vor wie eine grausame Lotterie, dass einige Leben zu früh endeten, während andere weitergingen.

Als sie die Straße entlang zu ihrem Wagen ging, hörte sie einsame Gitarrenklänge, die der Wind herantrug und die von einer noch einsameren Stimme begleitet wurden. Den Song hatte sie noch nie gehört, aber er war wunderschön und passte zu ihrer Stimmung.

Sie folgte der Musik um die Ecke und entdeckte ihren Urheber in einem Hauseingang. Er trug eine schmierige Baseballkappe und beugte den Kopf über die Gitarre, sodass Jane sein Gesicht nicht erkennen konnte. Sein Gitarrenkoffer stand offen auf dem Gehweg vor ihm. Darin befanden sich ein paar weit verstreute Dollarscheine und einige Münzen. Jane fühlte sich von dem Song, den er spielte, so berührt, dass sie stehen blieb und in ihrer Handtasche nach etwas kramte, das sie ihm geben könnte, aber sie hatte Melodys Mitbewohnerin ihr letztes Geld gegeben. Alles, was sie fand, war der Silberdollar, den der Unbekannte auf Melodys Grab gelegt hatte, und von dem mochte sie sich nicht trennen.

Sie wartete darauf, dass der Song zu Ende ging, damit sie den Mann fragen konnte, wie lange er noch hier sein würde, für den Fall, dass sie mit einer Spende zurückkehren würde. Doch als er schließlich den letzten Akkord anschlug und den Kopf hob, machten seine Augen sie sprachlos. Er war es – der Mann vom Friedhof, der Fremde im Regen. Der Blick durch ihre Windschutzscheibe hatte sich in ihr Gedächtnis eingegraben. Diese Augen würde sie überall wiedererkennen, immer.

Jane meinte, auch von seiner Miene abzulesen, dass er sie wiedererkannte, aber der Eindruck verflog rasch und wich einem breiten Lächeln.

»Irgendwelche Musikwünsche?«, fragte er.

»Das war wirklich gut«, sagte sie und beschloss sofort, nichts davon zu sagen, dass sie ihn schon einmal gesehen hatte. »Ich meine, richtig gut.«

Er nickte leicht. »Danke, Ma’am.«

»Haben Sie das geschrieben?«

»Na ja«, sagte er und wirkte plötzlich schüchtern, »ich habe es noch nie irgendwo aufgeschrieben, weil ich im Kopf noch immer daran arbeite, aber die Melodie und der Text sind von mir, falls Sie das meinen.«

»Das ist wirklich toll«, sagte Jane.

»Bin froh, dass es Ihnen gefällt. Normalerweise bevorzugen die Leute das alte Zeug, das sie kennen. Nostalgie, schätze ich. Aber so toll der Song auch ist, ich kann nur so und so oft am Tag ›Hallelujah‹ singen.«

Während er sprach, sah sie ihm aufmerksam ins Gesicht.

»Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind, wenn es Ihnen nichts ausmacht?«

Er nahm seine Baseballkappe ab und fuhr sich durch das lange dunkle Haar. Er seufzte. »Also, wenn man mir die Wahrheit über meinen Geburtstag gesagt hat und falls ich nicht vorher sterbe, werde ich im Juli fünfundzwanzig.«

»Sie sind noch keine fünfundzwanzig und haben so einen Song geschrieben? Komponieren Sie schon Ihr ganzes Leben?«

»Kann ich nicht mit Sicherheit sagen«, meinte er achselzuckend. »Hab noch nicht mein ganzes Leben hinter mir.« Dann lächelte er ihr noch mal zu und wechselte das Thema. »Möchten Sie etwas Bestimmtes hören?«

Jane fühlte sich so von dem grünen Funkeln in seinen traurigen Augen angezogen, dass sie sich vorbeugte, um sie besser sehen zu können. »Wie heißen Sie?«

»Ich will ja nicht unhöflich sein, Lady, aber ich verdiene mir so meinen Lebensunterhalt. Also, möchten Sie einen bestimmten Song hören? Wenn nicht, muss ich nämlich weiter.«

»Aber ich möchte mich mit Ihnen unterhalten.«

»Dann sind Sie an den Falschen geraten.«

Er hob die Gitarre über den Kopf, ging in die Hocke, um das Kleingeld aus seinem Kasten zu klauben, und legte die Gitarre hinein.

»Ich wollte Ihnen nur ein paar Fragen stellen.«

»Unten an der Ecke Pine Street und 1st Avenue finden Sie fünfzig Kerle, die Ihnen für ein Bier ein Ohr abkauen. Ich gehöre nicht dazu.«

Er kniff sich wie zum Abschied in den Schirm seiner Kappe, nahm seinen Gitarrenkasten und ging davon.

»Ich habe Sie auf dem Friedhof gesehen«, sagte Jane zu seinem Rücken.

Er blieb stehen und drehte sich langsam um.

»Ich habe im Auto gesessen und Sie gesehen. Melody muss Ihnen viel bedeutet haben, dass Sie bei diesem Regen gekommen sind.« Jane öffnete ihre Handtasche. »Hier. Sie haben diese Münze zurückgelassen.«

»War sie Ihre Schwester?«, fragte er.

»Nein, ich bin ihre Mutter.«

Ein betrübter Ausdruck huschte über sein Gesicht wie eine Sturmwolke, und Kummer blitzte in seinen Augen auf. Kurz hatte Jane den Eindruck, er würde vielleicht in Tränen ausbrechen. Doch er sah auf den Gehweg hinunter.

»Mein Beileid«, sagte er.

Dann drehte er sich um und ging davon.

Ohne Erklärung, ohne ein Abschiedswort.

Jane stand da und sah ihm nach.

Kaum war er um die Ecke verschwunden, als vor ihr, wo er gestanden hatte, ein Regentropfen auf den Gehweg klatschte, als sei sein Schatten noch hier und weine.

Jane stand allein auf dem Gehsteig und spürte, wie Tränen in ihr aufstiegen.

Dann ging Regen nieder wie ein Vorhang, und Jane sackte in dem geschützten Hauseingang zusammen, in dem er gespielt hatte, schlang die Arme um die Knie und sah zu, wie die Tropfen auf die Straße trommelten – das einsame Rauschen von Wasser unter den Reifen anonymer vorbeifahrender Autos nahm den Platz seiner Melodie ein.

3

»Du musst etwas essen.«

Mit mütterlich besorgter Miene wies Grace auf die Schale Muscheleintopf, die vor Jane stand.

»Ich weiß«, sagte Jane, »aber ich habe in letzter Zeit einfach keinen Hunger.«

»Hier, tunk etwas von dem Sauerteigbrot hinein.«

Grace schob den Teller mit Brot auf Jane zu und winkte dem Kellner, der die Tische abwischte, nachdem die letzten Mittagsgäste des Pubs gegangen waren.

»Kann ich Ihnen noch etwas bringen?«, fragte der Kellner.

»Zwei Bier bitte.«

»Helles oder das Hefeweizen?«

»Das helle ist gut«, sagte Grace.

Sie musste Janes verblüffte Miene bemerkt haben, denn sobald der Kellner davongegangen war, wandte sich Grace ihr zu.

»Was?«, fragte sie.

»Ich habe dich nur noch nie wirklich trinken sehen«, sagte Jane.

»Hey, nur weil mein dummer Mann versucht, trocken zu werden, und nur weil deine Familie es tun sollte, heißt das noch lange nicht, dass wir uns nicht ab und zu ein Bier schmecken lassen dürfen, oder? Außerdem, wie sollen wir sie sonst ertragen?«

»Gutes Argument«, meinte Jane lachend.

Da sie nicht auf leeren Magen trinken wollte, brachte Jane ein paar Löffel von ihrer Muschelsuppe hinunter, bevor der Kellner zurückkam und die Halblitergläser vor sie beide hinstellte. Das Bier schmeckte kräftig und bitter, ließ sich aber gut trinken, und nach nur wenigen Schlucken lehnte sich Jane auf ihrem Stuhl zurück und begann sich tatsächlich ein wenig besser zu fühlen. Sie sah Grace an und erinnerte sich an ihren ersten gemeinsamen Besuch in diesem Pub. Ungefähr eine Woche nachdem sie sich kennengelernt hatten, war das gewesen, und Jane hatte ihr eine Lebensversicherung verkauft. Schwer zu glauben, dass das fünfzehn Jahre her war und Grace damals in ihrem Alter gewesen war.