Janes Monopoly - Ulrich Cardell - E-Book

Janes Monopoly E-Book

Ulrich Cardell

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Beschreibung

Der zweite Roman aus der Serie um Kommissar Manfred Brockmann bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Mordermittlung und der Einflusssphäre ausländischer Geheimdienste, die ganz andere Interessen verfolgen. Kann Brockmann den Fall lösen? Welche Rolle spielt die geheimnisvolle britische Geheimdienstchefin Jane Freshfield, die mit großem Geschick den MI6 leitet? Wird der britische Industriemagnat James Donovan, der versucht, Großbritannien aus der Europäischen Union zu lösen, sein Ziel erreichen? Und was bezwecken die Amerikaner mit ihrer Intervention in Deutschland? Ein hochaktueller Thriller auf europäischem Parkett.

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Seitenzahl: 686

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ulrich Cardell

Janes Monopoly

Thriller

swb media publishing

I. Kapitel

1.

Der Tote musste in den letzten Augenblicken seines Lebens vor seinem Mörder gekniet haben. Der tödliche Schuss in sein Genick war von schräg hinten erfolgt. Professionell gemacht. Nur ein Projektil. Es war vorne am Hals wieder ausgetreten und wurde neben der Leiche im Waldboden gefunden. Leicht verformt. Aber brauchbar für die Kriminaltechnik.

Der Körper des Mannes war nach dem tödlichen Schuss nach vorn gefallen und lag seitlich in gekrümmter Haltung auf der kleinen Lichtung am Rand eines Waldweges, unweit der Bundesstraße. Merkwürdigerweise wies der Tote zwei weitere Einschüsse von der Seite auf, so als sei der Genickschuss doch nicht tödlich gewesen.

Das ausgebrannte Auto des Toten fand die Polizei zwei Kilometer entfernt auf einem Parkplatz im Taunus. Spuren waren nicht verwertbar. Auch dieser Teil der Tat war professionell ausgeführt. Die Nummernschilder waren vorher abmontiert worden und wurden am nächsten Tag im angrenzenden Gebüsch entdeckt. Damit war für den Mörder nur ein kurzer Zeitgewinn erkauft. Aber es war klar, der Mörder wollte Zeit gewinnen.

Die Feuerwehr hatte, von Vorüberfahrenden alarmiert, den Brand noch in der Nacht gelöscht. Die Leiche im Wald wurde aber erst am Morgen entdeckt.

Der Mörder hatte vermutlich vom Parkplatz aus mit einem anderen Wagen die Flucht angetreten. Sein Vorsprung betrug zum Zeitpunkt des Erscheinens der Polizei etwa zwölf Stunden. Die Tat war nach erstem Augenschein zwischen zweiundzwanzig Uhr und Mitternacht des Vortages geschehen.

2.

Am Ende des Bear Lake lag in großer Abgeschiedenheit ein komfortables Blockhaus mit Schlafgelegenheiten für gut zehn Personen. Der See erstreckte sich in Nord-Süd-Richtung und durchmaß beträchtliche Teile eines Nationalparks in der kanadischen Provinz British Columbia. Nur an wenigen Tagen im Jahr war er problemlos mit einem Wasserflugzeug aus diesen Richtungen zu erreichen.

Die einzigen beiden Landwege in diese Abgeschiedenheit führten in deutlichem Bogen um das zum Haus gehörige Terrain herum.

Wer sich als Wanderer in dieses Gebiet verirrte, setzte sich sofort dem Verdacht aus, für seinen Besuch von den falschen Motiven geleitet zu sein. Denn mitten im tiefsten Wald wurde der ungebetene Wanderer plötzlich mit Verbotsschildern konfrontiert: „Private Property! No trespassing!“

Das Haus war auf keiner Karte eingezeichnet und auf keinem öffentlich zugänglichen Satellitenfoto zu sehen. Und sollte ein Wanderer die Schilder in dieser Naturlandschaft ignorieren, konnte es ihm passieren, dass er von Park Rangern abgefangen wurde.

Dies alles geschah, um die Nutzer des „Lake-Lodge“ genannten Blockhauses bei ihren Treffen unbehelligt von der übrigen Welt ihren Geschäften nachgehen zu lassen.

Der fünfunddreißig Kilometer lange See dehnte sich in seinem letzten, südlichen Abschnitt plötzlich aus, so dass eine geräumige Bucht entstand. Die Besucher von Lake Lodge kamen dadurch in den Genuss eines atemberaubenden Blicks auf den See und die dahinter liegenden Berge. Das zum See gewandte Wohnzimmer ließ diesen Blick durch eine bis zum Boden reichende Fensterfront frei. Die Einrichtung im Stil von Landhäusern dieser Kategorie tat das ihrige dazu, dem Neuankömmling ein Gefühl von Wohlbehagen zu vermitteln.

Dass die riesige Glasscheibe des Wohnzimmers sowie alle anderen Scheiben im Haus aus schusssicherem Glas bestanden, konnten Außenstehende nicht erkennen. Die autorisierten Besucher verschwendeten daran keinen Gedanken, denn sie erwarteten schon aus professionellen Gründen nichts weniger als das.

Der Vorzug des sich hier erweiternden Sees bestand für diese Besucher vor allem darin, dass sie, unbemerkt von gelegentlich im See fischenden Hobby-Anglern, aus West und Ost mit Wasserflugzeugen landen konnten.

An Tagen, an denen die Lodge bewohnt wurde, waren Park Ranger auf einem Boot auf Patrouille und verhinderten Störungen durch abenteuerlustige Bootstouristen, denen es ohnehin untersagt war, soweit nach Süden in das Naturschutzgebiet zu fahren. Eine mitten im See liegende Insel verhinderte den direkten Blick auf Lake Lodge und bildete die Grenze zum hinteren Abschnitt. Die Lodge war also ein wahres Refugium.

So konnten die Teilnehmer der nach Lake Lodge einberufenen Konferenz auch dieses Mal unbeobachtet tagen, um offene Fragen zu diskutieren und praktische Schritte vorzubereiten.

3.

Sie nannte ihn Tiger, weil ihr das gefiel. Er selbst hätte sich diesen Namen nicht gegeben. Aber er ließ sie gewähren, denn sie beschrieb für sich damit vermutlich seine Eigenschaften als Liebhaber. Das schmeichelte seiner Eitelkeit.

Sie nannte sich „Aische“. Ihr richtiger Vorname war eigentlich Candy, aber sie machte davon keinen Gebrauch. Wenn er gelegentlich „Babe“ zu ihr sagte, spürte er nicht die gleiche emotionale Resonanz wie bei Aische. Also war es entschieden: Sie war Aische.

Ihre Verbindung war zunächst vornehmlich sexueller Natur.

Aische würde das immer bestritten haben, denn sie setzte eigentlich andere Prioritäten in Beziehungsdingen. Jedenfalls nach eigener Aussage.

Darin schien aber das Geheimnis ihrer Beziehung zu liegen. Beide bekamen sie aus der Verbindung Bestätigung ihrer jeweiligen Bedürfnisse, wozu er vor allem auch Sex zählte. Aber eben nicht ausschließlich.

Aische definierte die Trennung seelischer, körperlicher und geistiger Bereiche so klar nicht. Sie lebte nicht gerne „unentspannt“ und das bedeutete, dass sie alle ihr unliebsamen Gedanken zu verdrängen suchte.

Unabhängig davon war ihr aber irgendwie bewusst, dass er für sie zu alt war und auch intellektuell zu entfernt.

Er war achtundvierzig. Seine Ausstrahlung auf ihre Gefühle hatten sie schon gelegentlich thematisiert, aber sie hielten sich nicht wirklich mit Selbstanalysen auf. „Psychologisieren ist Zeitverschwendung“, sagte sie einmal und er fand zu dieser Zeit, dass sie damit nicht Unrecht hatte. Damals wusste er nicht viel von ihr.

Er hieß mit bürgerlichem Namen Bernhard Lotze, war schlank, sportlich und glaubte, dass sie vornehmlich deshalb bei ihm wohnte, weil er ihr eine Unterkunft bot und sie ihn sexuell attraktiv fand. In dieser pragmatischen Reihenfolge. Dass sie sich nach den ausgiebigen Aufenthalten im Bett glücklich und entspannt fühlte, schien ihm Beleg genug für seine Einschätzung. Ihre wahren Motive blieben im Verborgenen.

Sie war Anfang zwanzig, als er sie aufnahm, und hatte neben ihm weitere Männerbekanntschaften, die mehr oder weniger fortdauerten.

Jedenfalls waren die Nebenbeziehungen existent und Aische gab ihnen in unregelmäßigen Abständen Raum.

Sie war allerdings egoistisch genug, wie sie wiederholt versichert hatte, auf ihn nicht verzichten zu wollen. Aber im Stillen hielt sie an dem Gedanken an einen jüngeren Partner fest und er rechnete damit, dass sie ihn so überraschend verlassen würde, wie sie zu ihm gekommen war.

Er kannte sie schon über ein Jahr, bevor sie zu ihm zog, denn sie hatte im Nachbarhaus in einem kleinen Apartment gewohnt, das aus einem kombinierten Wohn- und Schlafzimmer, einer Kochnische und einem kleinen Bad bestand. Sie studierte damals schon irgendein musisches Fach, wechselte mehrmals den Schwerpunkt und schien mit dem Studium nicht so recht voranzukommen. Jedenfalls stand es nicht im Mittelpunkt ihrer Anstrengungen. Sie sagte gerne von sich: „Ich lasse mich treiben“, und beschrieb die eigene Situation damit recht genau.

Er wurde aus ihr nicht wirklich schlau. Sie hatte nur wenige Prinzipien, denen sie folgte: Sie war prinzipiell unpünktlich, katholisch ohne letzte Verbindlichkeit für ihr Handeln, in vielerlei Hinsicht von geringem inneren Antrieb, zugleich aber relativ tolerant. Ideologische Fixierungen waren ihr fremd. Und sie hatte eine Vorliebe für gute und reichliche Mahlzeiten. Dabei war sie gertenschlank, hatte zwei mittelgroße Brüste, von denen sie behauptete, sie würden ein Eigenleben führen und möglicherweise schlief sie deswegen auf dem Bauch. Sie war Engländerin.

Auch wenn er sonst ein ganz gutes Gespür für andere Menschen hatte, er kam nicht so recht hinter ihr Geheimnis. Ab einem bestimmten Punkt blockte sie ihn ab. Folglich wusste er eigentlich nichts von ihr. Aber in diesem Stadium ihrer Beziehung war es ihm ohne weitere Bedeutung.

Alles hatte damit begonnen, dass sie eines Morgens bei ihm klingelte und ihn mit der Tatsache konfrontierte, dass sie eine neue Bleibe suchte, da ihre bisherige Wohnung im Zuge einer Sanierung vollständig renoviert und dann weiterverkauft werden sollte. Für einen Rechtsstreit hatte sie in jedem Fall nicht den finanziellen Atem.

Er fand sie objektiv gesehen nicht besonders schön. Aber sie hatte eine gewisse Anziehungskraft, die er unter anderem ihrer Jugend und ihrer Unbekümmertheit zuschrieb. Sie gefiel ihm.

Also zog sie wenige Tage später bei ihm ein und seither bildeten sie eine undefinierte Gemeinschaft.

4.

Manfred Brockmann verbrachte seine letzten Urlaubstage im Garten seines Hauses. Heute war Donnerstag und er hatte noch bis zum Wochenende frei. Seltsamerweise war es ihm egal. Er hatte keine große Freude an seinem Urlaub gehabt. Zehn Tage an der Ostsee bei passablem Wetter, aber ohne rechten Impetus etwas Neues zu versuchen. Fünf Tage davon war er Segeln gewesen. Auf einem Dickschiff. Um Hiddensee und Rügen herum. Das hatte seine Stimmung aufgehellt. Aber die zwei Freunde, mit denen er zusammen den Urlaub verbrachte, waren in Streit geraten, so dass ab da die Stimmung schwierig wurde. Vorgestern hatten sie sich auf den Heimweg gemacht. Er war froh wieder daheim zu sein.

Wegen der starken Sonneneinstrahlung, die sich zwischen den alten Bäumen hindurch bemerkbar machte, hatte er den Liegestuhl gegen einen Strandkorb getauscht.

Barbara hatte den Strandkorb noch im ersten gemeinsamen Sommer angeschafft. Es war entgegen allen Vorhaben auch ihr letzter gemeinsamer Sommer geblieben. Die Enttäuschung über den geplatzten Traum einer dauerhaften Beziehung zu ihr hatte ihn seither in Beziehungsdingen abstinent sein lassen.

Der neue Job beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden füllte ihn zwar voll aus, aber gelegentlich kamen wehmütige Gedanken in ihm hoch. Heute im Garten war es so. Sie hatten im Frühjahr geheiratet. Vier Monate später war ihr Vater erkrankt.

Barbara war nach dem Tod ihres Vaters völlig verändert gewesen. Die ungünstige Entwicklung seines Gesundheitszustandes hatte sich über Monate hingezogen und eine Besserung war nicht mehr zu erwarten gewesen. Barbara kam mit dem sich abzeichnenden Verlust ihres Vaters nicht zurecht. Monatelang pflegte sie ihn. Sie zog schließlich wieder nach Wiesbaden in ihr Elternhaus, um Tag und Nacht bei ihrem Vater zu sein. Doch all ihre Bemühungen konnten den gesundheitlichen Verfall ihres Vaters nicht verhindern.

Als sich Brockmann in dieser Phase von Barbara vernachlässigt fühlte, hatte er eine kurze Episode mit seiner französischen Kollegin Evelyne Mayolle. Seine Beziehung mit Barbara ging darüber in die Brüche.

Subjektiv waren seine Empfindungen, dass sie ihn vernachlässigte und ihn das verletzte, zutreffend und verständlich gewesen. Jedenfalls aus der Perspektive eines Mannes. Objektiv war seine Handlung absoluter Dummheit entsprungen, denn Barbara tat, was geboten war, zumal wenn man ihre enge Beziehung zu ihrem Vater kannte. Nur dass für Brockmann in dieser Zeit nicht genug Aufmerksamkeit blieb, als er derer gerade bedurfte.

Ein Streit zwischen ihnen hatte ein Übriges getan, um ihn Barbara zu entfremden.

Obwohl seine Affäre auf zwei Tage anlässlich einer internationalen Konferenz beschränkt blieb, und er Barbara versicherte, dass er einen Fehler gemacht hatte, den er bereue und nicht wiederholen würde, blieb ihre Beziehung trotz aller Bemühungen seinerseits auf der Strecke.

Als Barbara sagte: „Ich kann nicht teilen“, war es entschieden.

Wenigstens eine Zeit lang wollte sie wieder getrennt von ihm leben. Bald darauf war sie als Sicherheitsattaché an die deutsche Botschaft nach Washington gewechselt. Sie telefonierten gelegentlich noch.

Aber die Entfernung war für ihre Beziehung keine Hilfe. Vor allem nicht für Brockmann.

Er war wieder allein in seinem Haus in Mainz. Unterstützt nur von Martha, der langjährigen Haushaltshilfe.

Er war durch die erfolgreiche Aufklärung des größten Kriminalfalls seiner bisherigen Polizeilaufbahn vor drei Jahren die Karriereleiter hinaufgefallen. Aber das war kein Ersatz. Barbara fehlte ihm. Schlimmer noch. Das weibliche Element war seinem Leben erneut völlig abhanden gekommen.

Er kannte diese Situation schon. Nach der Trennung von seiner ersten Frau war er in eine ähnliche Lage geraten. Auf Dauer ohne Frau war für ihn keine gute Lösung.

Er blickte von seinem Buch auf und schaute sich seinen Garten an.

„Ich bin geblieben, was ich immer war“, sagte er laut vor sich hin. „Ein erfolgreicher Polizist. Jetzt auf wesentlich höherem Gehaltsniveau als früher. Aber ich bin nicht glücklich.“ Er beendete sein Selbstgespräch, weil er nicht in eine depressive Stimmung verfallen wollte. Bewegung half ihm dabei meist.

Er stand auf und lief im Garten umher. Als er an dem Gartenhäuschen mit den Gerätschaften vorbeikam, gab sein Handy ein Signal ab, das ihm den Eingang einer SMS anzeigte.

Er las: „Einsam der Jäger allein!“ Das Codewort für Notfälle.

Ein schmales Grinsen zog über sein Gesicht. Seine Sekretärin gab ihm ein Zeichen, dass er sofort im Büro erwartet wurde. Es war ihm recht. Er wollte nicht länger grübeln, denn davon erwartete er keine Lösung seines privaten Zwiespalts. Er ging ins Haus und telefonierte, um sein umgehendes Erscheinen zu avisieren. Es war Donnerstag, 10:30 Uhr.

5.

„Die Ténéré kann nachts ungeheuer erkalten, während sie am Tag ein Glutofen ist. Wer hier leben will, muss einen starken Glauben haben, oder er wird nicht überleben, besagt ein altes Sprichwort der Tuareg.

In dieser menschenfeindlichen Welt behaupten sich nur die Stämme dieses arabischen Volkes, das Entbehrungen gewöhnt und von asketischer Lebensweise ist. Die Ténéré gehört territorial betrachtet zum zentralafrikanischen Staat Niger, der unter allen afrikanischen Staaten als der Ärmste gilt. In seinem Norden erstreckt sich die Ténéré mit ihren Wüsten und dem Aїr-Gebirge. Das ist das Einflussgebiet der Tuareg. Der Süden Nigers wird vom Stamm der Houssa beeinflusst und beherbergt die Zentralregierung des Landes. Die wirtschaftlich wichtigsten Aktivitäten sind ebenfalls im Süden angesiedelt. Eine der Haupteinnahmequellen des armen Landes besteht jedoch in der Gewinnung von Uran, was allerdings in den Minen von Arlit im Norden Nigers geschieht.

Frankreich, die frühere Kolonialmacht, ist unverändert tonangebend. Aber seit einigen Jahren zeigen andere Staaten, wie etwa China, zunehmendes Interesse an dieser Region. Wichtige Rohstoffe sind für alle Volkswirtschaften dieser Erde von Bedeutung.“

Aische überflog den Text auf dem Laptop von Bernhard Lotze mit geringem Interesse. Sie wusste von Bernhard, dass er Professor für Wirtschaftgeographie an einer deutschen Universität war. Genaueres hatte sie niemals zu erkunden versucht. Sein Thema fand sie schon im Ansatz „abturnend“. Und was sie nicht „anturnte“, ignorierte sie geflissentlich. So wandte sie sich wieder mit leichter Hand dem Staubwischen zu, was sie von Bernhards Laptop wegführte. Sie absolvierte ihre täglichen eineinhalb Stunden Hausarbeit relativ gewissenhaft. Ohne Gegenleistung wollte sie nicht mit ihm unter demselben Dach wohnen. Dann wäre sie sich berechnend vorgekommen, was sie nicht sein wollte.

„Aber wegen ihrer Abgeschiedenheit gegenüber den Zentren westlicher Einflussnahme ist die Ténéré in den zurückliegenden zehn Jahren immer stärker in den Fokus islamistischer Extremisten geraten, die sich geeignete Rückzugsräume organisieren mussten, um zu überleben. Die Ténéré unbemerkt zu erreichen, um Extremisten zu verfolgen, ist für westliche Staaten, die daran ein gesteigertes Interesse haben, nahezu unmöglich. Hier leben so wenige Menschen, dass jedes neue Gesicht sofort auffällt.

Die mohammedanischen Tuareg waren wiederholt in Aufstände verstrickt, um ihrer Verzweiflung über ihre wirtschaftliche Benachteiligung Ausdruck zu verleihen. Das war für Islamisten ein guter Nährboden, um Unterschlupf zu finden. “

Bernhards Text war noch nicht vollständig. Vor allem aber war er nicht für eine Vorlesung an einer Universität gedacht. Er hatte einen Auftrag von Externen angenommen, für die er von Zeit zu Zeit Expertisen anfertigte und auch reiste. Seine Spezialisierung auf Afrika und den arabischen Raum hatte einen passabel bezahlten Markt, der seine Nebeneinkünfte deutlich über sein eigentliches Salär als Professor anhob.

Die Konstellation, gelegentlich für eine Londoner Firma zu arbeiten und selber große Teile des Jahres in Italien zu wohnen, hatte den Charme der diskreten Distanz zur deutschen Steuerbehörde und auch zu seiner Hochschulverwaltung. Nebeneinnahmen in dieser Höhe wären ihm nicht ohne weiteres genehmigt worden. Bernhard war ein Lebenskünstler. Jedenfalls in mancherlei Hinsicht.

6.

Fünf Männer und eine Frau waren an diesem Donnerstagmorgen in der Lake Lodge eingetroffen. Die Frau war der Chef der einen Gruppe. Die andere Gruppe von drei Männern wurde von einem gutaussehenden, schlanken, dunkelhäutigen Mann geleitet.

Dienstbare Geister waren in begrenzter Zahl ebenfalls anwesend und sorgten für das leibliche Wohl der Gäste, lasen ihnen auch sonst jeden Wunsch von den Augen ab, verhielten sich im Übrigen aber ganz unauffällig. Wenn sie nicht mit Aufgaben im Haus beschäftigt waren, gesellten sie sich unaufgefordert zu den Park-Rangern und übernahmen ebenfalls Sicherungsaufgaben.

Die beiden Besuchergruppen waren ziemlich zur gleichen Zeit, aber in verschiedenen Wasserflugzeugen auf dem See gelandet. Jetzt, nachdem sie zusammen zu Mittag gegessen und vor dem großen Fenster im Wohnzimmer Espressi getrunken hatten, kamen sie zu ihrer ersten Sitzung in einem abhörsicheren Raum im Keller des Gebäudes zusammen.

Die Frau eröffnete das Meeting, indem sie sich an ihren dunkelhäutigen Gegenüber wandte: „Ich danke Ihnen, John, dass Ihre Firma unserer Einladung so kurzfristig gefolgt ist.“ Der Chef der CIA-Gruppe nickte.

Die Frau nahm es ohne erkennbare Reaktion wahr und fuhr fort: „Die Umstände erfordern schnelles Handeln. Wie Sie von eigenen Quellen sicher wissen, ist im Niger Uran in größerem Umfang abhanden gekommen.“ Sie sagte „abhanden gekommen“, als ob es sich dabei um einen Gegenstand handelte, der mal eben so abhanden kommt, und nicht um strahlendes Material, bei dessen Diebstahl sich die Tatbeteiligten unter Umständen eine tödliche Dosis radioaktiver Strahlung eingefangen haben konnten.

„Wir wissen noch nicht, wie es abgelaufen ist. Eigentlich sollte es unmöglich sein, es sei denn, dass die Franzosen bei ihrer Uranförderung und der anschließenden Verschickung so geschlampt haben, dass die Diebe nicht nur an das Uran gelangen konnten, sondern sich auch noch firmeneigener strahlenabsorbierender Behältnisse bedienen konnten. Wenn das der Fall sein sollte, werden sich unsere französischen Freunde ihre immer wieder demonstrierte Arroganz hoffentlich so tief in den eigenen Hals schieben, dass sie daran selber ersticken.“ Jane Freshfield musste entnervende Erfahrungen mit französischen Kollegen gemacht haben.

Der dunkelhäutige Amerikaner nahm ihre Stimmung auf und sagte jovial: „Na Jane, das wird den Franzosen hoffentlich leicht fallen, wenn sie an die Folgen denken, die aus dem Diebstahl des Urans für uns alle erwachsen könnten.“

Niemand im Raum lachte über den mäßigen Joke, zumal die angedeutete Konsequenz jedem der Anwesenden bewusst war.

Jane Freshfield lernte dabei zugleich, dass die amerikanische Seite über die soeben verbreitete Information schon zu verfügen schien.

Da der Diebstahl erst zwei Tage alt war, hatte sie gehofft, der CIA eine Neuigkeit verkaufen zu können. Aber die amerikanischen Vettern waren wieder einmal schneller gewesen oder sie blufften. Zumindest ließen sie nichts anderes durchblicken.

„Der nächste Punkt ist noch gravierender. Jedenfalls für das Vereinigte Königreich“, fuhr sie fort. „Uns liegen aus Kreisen irischer Terroristen Informationen vor, wonach Islamisten einen Anschlag mit einer durch Nuklearmaterial angereicherten, konventionellen Bombe in London planen. Können Sie aus Ihrer Nachrichtenlage in dieser Richtung etwas Erhellendes beitragen, John?“

„Nein, kann ich nicht“, sagte John ohne Zögern. „Aber die Drohung ist ja generell nicht neu. Und London als potentielles Ziel auch nicht“, schob er nach und wartete wieder. Seine schweigenden Mitstreiter warteten auch, so als wüssten sie, dass noch etwas nach Janes ersten Einlassungen folgen würde.

Jane fühlte sich augenblicklich unwohl in ihrer Haut. Sie war gerade fünfzig geworden, mittelgroß, sportlich und mit beträchtlichem weiblichen Reiz ausgestattet. Sie betrieb ihr Geschäft seit fünfundzwanzig Jahren. Sie war nach dem Studium zum britischen Auslandsgeheimdienst MI6 gegangen, der sie schon auf der Universität angeworben hatte.

Sie wusste nur zu gut, dass die Amerikaner ihre Karten so lange nicht auf den Tisch legen würden, bis sie selber einen Ansatz erkannten, der es lohnte, sich zu engagieren. Das setzte voraus, dass Jane etwas mitbringen würde, das die Amerikaner betraf und von dem die CIA noch keine nähere Kenntnis erlangt hatte. Für den MI6 ein schwieriges Thema, denn die eigenen finanziellen Mittel waren im Vergleich zu denen der Amerikaner schon seit Jahrzehnten immer weiter abgeschmolzen worden. Ihr Dienst war einmal, was die Effizienz anbetraf, der absolute Maßstab für alle anderen Geheimdienste der Welt gewesen. Aber das war einmal!

Die Einschränkungen der eigenen materiellen Gestaltungsmöglichkeiten hatten über die Zeit zu einer verstärkten Abhängigkeit von den Amerikanern geführt. Solange die britische Regierung die „special relationship“ zu den USA behauptet hatte, war diese Schiene halbwegs erträglich zu gestalten gewesen. Zwar immer auch mit Erfahrungen von Geringschätzung verbunden, sogar temporärer Entmündigung, aber summa summarum erträglich.

Seit aber diese „special relationship“ zu den USA von britischen Politikern öffentlich in Frage gestellt worden war und etwa zeitgleich die amerikanische Administration ihr neues Spielfeld in Asien entdeckt hatte, war die interne Beziehung zur CIA für ihren Dienst wiederholt zum Spießrutenlauf geworden. Dass der MI6 die CIA trotzdem nach Lake Lodge geladen hatte, war aus Sicht der Amerikaner logischerweise Beleg dafür, dass man die Hilfe der „Vettern“ benötigte.

Jane war auf diese Situation gut vorbereitet. Zum einen, weil sie in ihrem Studium die „special relationship“ zum Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Spezialisierung gemacht hatte und darum die zukünftige veränderte Bedeutung der USA in der Weltpolitik schon sehr frühzeitig einzuschätzen gelernt hatte. Zum anderen, weil die Amerikaner nicht wussten, dass Jane ein veritables Ass im Ärmel hatte, um einen wichtigen Wunsch zu platzieren, den sie, wenn das Ass nicht stechen würde, zur Not auch mit einer gewissen Portion Rücksichtslosigkeit durchzusetzen bereit war.

Da sich die Amerikaner ihrer vorteilhaften Ausgangsposition sicher waren, warteten sie einfach ab.

Jane musste sich zur Gelassenheit zwingen. Sie hätte natürlich viel lieber eine demonstrative Position der Stärke innegehabt. Aber sie konnte sich auch zügeln und im Kern war ihre Position schon stark – vor allem, weil die andere Seite davon nichts wusste. Also stellte sie sich zunächst dumm und fragte direkt heraus: „Habt ihr zur Zeit jemanden auf diesem Gebiet, der hilfreich sein könnte?“

Die Amerikaner verzogen keine Miene und John antwortete für seine Seite mit einem umfangreichen Text: „Nein!“

Damit war das Gespräch wieder erstorben.

Jane sagte ebenso knapp: „Schade!“ Sie hatte diese Art Hängepartie wiederholt genießen können und es widerte sie an, als potentielle Bettlerin dazusitzen. Also knallte sie John und seinen Mitstreitern den Satz: „Wir haben Al Soud!“ an den Kopf.

John versuchte sein Pokergesicht beizubehalten. Fletcher, der Mann, der neben ihm saß, bewegte seinen linken Arm zur Krawatte und rückte sie zurecht. Ab da saß sie etwas schief.

Der dritte Mann im Bunde, den sie als Mitchell kannte, blieb ruhig. Er hatte mit dem Thema al-Qaida nichts zu tun. Das wussten Jane und ihre Leute. Al-Qaida war Fletchers Job. Und er war Linkshänder.

John sagte trocken „Seit wann?“

Jane blickte den zu ihrer Rechten sitzenden Mitarbeiter an und sagte nur: „Frankie!“

Frankie war ein dünner, rothaariger Mann Mitte Vierzig und hatte viele Sommersprossen im Gesicht. Der Prototyp eines Schotten. Er antwortete John im Stil eines guten Pokerspielers: „Seit vorgestern!“ Ende der Mitteilung.

John wurde ungehalten: „Geht es etwas umfangreicher?“

Jane ertrug diese überhebliche Art nur mit Mühe. Aber da sie John seit Jahren kannte, hatte sie schon im Vorhinein gewusst, wie er reagieren würde, nachdem das Stichwort „ Al Soud“ preisgegeben war. Sie hatte ihre Leute gut gebrieft. Und genau so lief es jetzt ab.

Es war zunächst nur ein Patt, aber es fühlte sich schon fast wie ein Sieg an. Ungewohnt, wie sie sich eingestehen musste. Jetzt nur keinen Fehler machen, dachte sie und spielte ihr Spiel:„Haben Sie noch etwas hinzuzufügen, Frankie?“

„Im Sudan.“ Und um die eigene Leistung zu unterstreichen schob er wie beiläufig nach: „Unsere Kopfjäger!“ Dann schwieg er wieder.

John mochte nun seinerseits den schleppenden Verlauf des Gesprächs nicht länger tolerieren. Das lief sonst immer genau anders herum. Also wurde er noch ungehaltener und giftete über den Tisch: „Jane, was wollt ihr denn mit der Tour erreichen? Wir haben genug Dinge parat, die euch in gebührende Demut versetzen würden, wenn ihr sie kennen würdet. Also macht uns nicht zu euren Feinden.“

„Geht das so schnell?“, konterte Jane geschickt.

John ärgerte sich über sich selbst. Er war ein exzellenter Leiter operativer Abläufe. Aber in Verhandlungen mit Jane war er immer etwas impulsiv. „Was wollen Sie, Jane? Sie lassen uns doch nicht hier in die tiefe Einsamkeit von Lake Lodge fliegen, nur um zu sagen, dass Ihre Kopfjäger den Terroristen Al Soud gefangen haben. Da steckt doch etwas anderes dahinter. Was also? Was?“, schob er nach und starrte Jane an.

Ja, er hatte es auf den Punkt gebracht. Jane hätte nicht ans Ende der Welt fliegen müssen, um einen Deal über die gegenseitigen Nutzungsrechte des Gefangenen auszuhandeln. Sie brauchte John in dieser Abgeschiedenheit für ein unauffälliges Gespräch unter vier Augen. Sie schaffte die Voraussetzungen: „Die Luft hier drin ist nicht gut!“

Sie stellte es einfach nur fest.

Alle Anwesenden kannten die Spielregeln.

Jane und John verließen den Raum und die übrigen Anwesenden mussten sitzen bleiben – egal wie schlecht die Luft im Raum tatsächlich war.

Sie gingen zum See hinunter. Die Ranger und das übrige Hauspersonal bildeten sofort nach ihrem Heraustreten aus der Lodge um sie herum zwei Ringe. Den ersten in einigem und den zweiten, zusätzlichen äußeren, in sehr weitem Abstand, um sie gebührend auch gegen Lauschangriffe abzuschirmen. Alles war Routine und vielfach geübt. Jane und John konnten sich ganz auf sich konzentrieren.

„John, lassen Sie uns nicht allzu lange über Al Soud reden. Wir brauchen diesen Erfolg dringender als Sie, also werden wir ihn erst hergeben, wenn wir mit ihm ganz fertig sind. Das kann dauern. Sie brauchen ihn möglicherweise auch. Schon weil Sie neben allen Interessen Ihres Dienstes und Ihres Landes“, sie sagte es genau in dieser Reihenfolge, „auch noch Verpflichtungen gegenüber den Israelis haben, die Sie gerne einlösen würden.“ Hier schob Jane ihren ersten Halt ein, um John mit ihrer Einschätzung seiner Lage zu ködern.

„Was sollte ich den Israelis für einen Gefallen schuldig sein? Sie phantasieren, Jane.“

„John, wir beide wissen, dass Sie nächstes Jahr nicht ohne die Unterstützung wichtiger und vor allem mächtiger Fürsprecher zum Nachfolger Ihres Chefs gekürt werden. Nur ein tüchtiger Dunkelhäutiger zu sein, genügt nicht. Diese Zeiten sind durch. Das wissen Sie so gut wie ich. Eher hat sich die Windrichtung um fast hundertachtzig Grad gedreht. Sie benötigen die Unterstützung der Israelis wahrscheinlich dringender denn je.“

Jetzt kam sie zu ihrer eigenen Rolle: „Ich habe Al Soud aufspüren und festsetzen lassen. Und ich gebe ihn nicht her.“

John fand die Beschreibung seiner Interessen passabel, wenn auch nicht vollständig. Das war auch nicht nötig, denn Janes Hauptargument traf durchaus den Kern der Sachlage. Er musste ihre Bereitschaft zum Einlenken testen: „Wenn wir Ihren Premierminister mit der Möglichkeit seines baldigen politischen Untergangs konfrontieren würden, meinen Sie, solch ein Szenario könnte Sie erweichen?“

„Was für ein roher Versuch, John. Kommen Sie, versuchen Sie es noch einmal. Ich mag den Mann nicht leiden. Ihre kleine Drohung zu realisieren wäre für mich und halb England ein Grund, ein einwöchiges Straßenfest auszurufen. Kann es sein, dass es eine Zeit gab, in der Sie bessere Vorschläge unterbreitet hätten?“

Er begann sie leicht zu hassen, empfand aber zugleich einen gewissen sexuellen Reiz, sie zu schlagen. Da aber die Umstände nicht danach waren, gab er keinem der beiden Triebe Raum.

7.

Aische kochte Tee. Für Ben grünen chinesischen Nebeltee, für sich selbst Früchtetee. Er hatte seine Ausarbeitung fertiggestellt, las sie jetzt zum wiederholten Mal durch, brachte hin und wieder kleine Korrekturen an und versuchte die Aussagen zu pointieren. Zum Schluss schrieb er: „Deshalb gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass die wirtschaftliche Kluft, und daraus resultierend die politische Instabilität zwischen dem Norden und dem Süden Nigers, in absehbarer Zeit zum Bürgerkrieg führt und damit womöglich zur Spaltung des Landes. Sollte es zu derartigen Entwicklungen kommen, wird ein Eingreifen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich zu erwarten sein. Ob Nachbarstaaten Nigers dem tatenlos zusehen, bleibt offen, ist aber nicht wahrscheinlich. In diesem Fall muss mit nachhaltigen kriegerischen Handlungen gerechnet werden. Für die EU ergäbe sich durch die militärische Einbindung eines Gründungsmitglieds eine Situation von geradezu spätkolonialem Charakter. Davor kann nur gewarnt werden. Denn die EU ist nach der Schwächung des EURO-Systems in einer zu instabilen Lage, als dass sie sich durch wichtige Mitglieder auch noch in neue Kriegshandlungen verwickeln lassen darf. Dies könnte den Prozess zunehmender Divergenzen in der EU beschleunigen.“

„Bernhard, jetzt komm endlich. Der Tee wird kalt.“ Aische verbannte die Weltpolitik durch ihren Zwischenruf ins „Off“, wo sie nach ihrer Meinung auch hingehörte.

Sie sagte Bernhard zu ihm, wenn sie streng klingen wollte.

Er schloss seine Arbeit ab. Die Fakten waren zusammengetragen. Was seine Auftraggeber daraus machen würden, war für ihn noch nicht einschätzbar. Er schrieb eine kurze E-Mail an „Geo Enterprises“ in London und hängte seine Ausarbeitung an. Als er sie verschickt hatte, setzte er sich zu ihr, trank mit ihr Tee und sagte beiläufig: „Kann sein, dass ich demnächst für einige Wochen nach Afrika muss.“

Aische fand an dieser Idee keinen großen Gefallen. Sie war schon als Kind zu oft allein geblieben. Andererseits gewann sie dadurch den Freiraum, um die eine oder andere Klärung mit einem ihrer „Kerle“ – sie benutzte diesen Begriff für ihre noch offen gehaltenen Beziehungen – herbeiführen zu können. Als Kommentar runzelte sie nur die Stirn, schwieg und nippte an ihrem Tee.

8.

Brockmann war eine Stunde, nachdem er die SMS empfangen hatte, in seinem Büro in Wiesbaden. Fast freute er sich, die Urlaubserlebnisse verdrängen zu können. Er nahm diese Regung an sich verwundert wahr.

Der gute Geist in seinem Vorzimmer rief ihm, kaum dass er in der Tür stand, zu: „Willkommen! Der Chef von ‚Frankfurt Chemical‘ ist ermordet worden. Heute Nacht. Auf dem Heimweg von einem Empfang in Bad Homburg. Auf einem Waldweg an der B 455. Kurz bevor er nach Falkenstein hätte abbiegen müssen, wo er wohnte. Warum fährt so jemand nachts in den Wald, statt heimzufahren?“

Brockmann lachte seine Sekretärin an: „ Frau Michel, Sie haben den Fall offenbar schon fast gelöst. Das lobe ich mir. Da kann ich ja getrost wieder nach Hause fahren.“ Und weil er sich plötzlich wieder in seinem Element fühlte, spielte er das Spiel für einen Augenblick mit und tat so, als würde er sich wieder zum Gehen wenden.

„Nein, nein, Herr Brockmann“, rief sie mit ebenfalls gespieltem Entsetzen, „ohne Sie geht hier gar nichts!“

Das war zwar geflachst und zugleich ein wenig geschmeichelt, beschrieb andererseits die Tatsachen recht gut. Brockmann war ein initiativer und erfahrener Kriminalpolizist.

Sein Zuständigkeitsbereich hieß „Standortsicherung“. Das war vernebelnd für Dritte, ihm aber angenehm. Es war alles nicht so hoch aufgehängt. Aber effizient. Dafür hatte er in den drei Jahren, in denen er dem Bereich vorstand, gesorgt. Es ging im Wesentlichen um die Abwehr von Wirtschaftsspionage gegen deutsche Firmen. Er war erfolgreich auf seinem Gebiet. Gut vernetzt in der Wirtschaft, die seinen Sachverstand suchte, ihn auch in manche Entwicklung von selbst einweihte.

Er kannte sein Terrain.

Den Mord an dem Gründer von “Frankfurt Chemical“, mit dem er noch vor seinem Urlaub bei einer Konferenz über Sicherheitsfragen der Industrie zu Mittag gegessen hatte, durchschaute er allerdings überhaupt nicht. Da war nichts in seiner Erinnerung an das Gespräch mit Friedbert Jahn, was ihm den gewaltsamen Tod plausibel machen konnte. Also konnte der Grund auch gut im Privatbereich des Opfers liegen. Er musste sich der Sache auf jeden Fall annehmen, um sich aus der Nähe ein Urteil zu bilden.

Er sichtete die dürren Informationen zu dem Fall, die er auf seinem Schreibtisch vorfand.

Das hessische LKA hatte die Leitung der Ermittlungen übernommen. Erfahrungsgemäß schätzten die Kollegen die Einmischung des BKA nicht besonders. Darauf konnte er in diesem Fall aber keine Rücksicht nehmen. Er musste mehr wissen. Darum rief er den die Untersuchung leitenden Kollegen vom Morddezernat des LKA an und bat sehr höflich um Teilhabe an den Informationen, die sich aus den Ermittlungen ergaben.

Sein Gesprächspartner war in gewisser Weise zuvorkommend, denn Brockmann hatte sofort klar gestellt, dass er nicht in die Ermittlungen zur Mordsache eingreifen wollte, sondern aus der Perspektive seiner originären Zuständigkeit Fragen hatte. Also eher aus diesem gedanklichen Umfeld auf die Mordsache schaue, um herauszufinden, ob sich etwas hinter der Angelegenheit verbergen könnte, das den Anschein eines ‚einfachen‘ Mordes ausschlösse.

Sein Gesprächspartner schien bereit zur Kooperation zu sein.

Als Brockmann aber seinen Wunsch formulierte, sich vor Ort einen Eindruck verschaffen zu wollen, und dann gegebenenfalls die Familie von Friedbert Jahn zu vernehmen, wurde die Stimmung seines Gesprächspartners augenblicklich eisig.

Da zog Brockmann die Notbremse und drohte mit der Bundesanwaltschaft, die dann vermutlich das Verfahren ganz an sich ziehen und ihn, Brockmann, mit der polizeilichen Untersuchung betrauen würde. Da das aber nicht seine Absicht sei, hoffe er auf die Kooperation seines Kollegen. So hatte er schließlich Erfolg.

Eine halbe Stunde später fuhr er auf der B 455 in Richtung Tatort. Er hatte auf einen Fahrer verzichtet, um nicht zu großspurig aufzutreten. Seine einzige Begleitung war ein Mitarbeiter aus der eigenen Kriminaltechnik, denn er wollte ein zusätzliches geschultes Auge auf diesem Feld neben sich.

Als sie an den Waldweg gelangten, auf dem die Leiche von Friedbert Jahn gefunden worden war, mussten sie sich mehrfach ausweisen, bis sie am eigentlichen Tatort waren.

Der Leiter der Untersuchung hieß Krüger und Brockmann hatte früher schon von ihm gehört. Zusammengearbeitet hatten sie noch nie.

Sie sahen, dass weiß gekleidete Männer des LKA Hessen am Tatort zugange waren.

Bevor Krüger ihnen seinen grausigen Fund zeigte, mussten sie ebenfalls weiße Schutzanzüge anziehen. Sie hatten sich eigene mitgebracht. Auf dem Rücken stand BKA. Das machte es nicht wirklich einfacher von den Kollegen freundlich angesehen zu werden. Aber angesichts der Leiche schwand Brockmanns Sensibilität.

Jahn war regelrecht hingerichtet worden. Sein Oberkörper war seitlich von zwei Schüssen durchbohrt. Im Genick klaffte eine tödliche Einschusswunde.

„Zwei Fragen vorab, Herr Krüger. Wissen Sie schon, ob der Schuss ins Genick zuerst fiel? Und zweitens, ist die Leiche bewegt worden?“

„Sehe ich wie ein Stümper aus, Herr Brockmann? Natürlich haben wir zunächst alles so belassen, wie wir es vorgefunden haben. Aber die Untersuchungen sind jetzt soweit gediehen, dass wir den Toten in die Gerichtsmedizin transportieren lassen werden. Erst dann können wir Ihre andere Frage mit Sicherheit beantworten. Aber so wie es mir auf den ersten Blick scheint, wird wohl der Schuss ins Genick zuerst gefallen sein. Der Tod soll zwischen zweiundzwanzig Uhr und Mitternacht eingetreten sein.“

Brockmann schwieg und schaute nach seinem Mitarbeiter, der zu seiner Befriedigung von allem eigene Fotos schoss.

„Wann rechnen Sie mit Ergebnissen aus der Gerichtsmedizin, Herr Krüger?“

„Am späten Abend. Wir werden aber nicht warten. Wir werden jetzt zur Familie fahren, um da die Hintergründe zu checken. Ich sage Ihnen das, weil ich annehme, dass Sie dabei sein wollen, wenn wir Frau Jahn vernehmen.“

„Ich nehme die Einladung gerne an“, sagte Brockmann trocken.

Bald darauf fuhren sie hinter Krügers Auto den kurzen Weg nach Falkenstein, wo Jahn zu Hause gewesen war.

9.

Jane war nicht nur beruflich eine erfahrene Frau. Sie konnte Johns emotionale Zerrissenheit geradezu körperlich empfinden. Diese Eigenschaft machte sie zu einer gefährlichen Gegnerin, denn anders als John war sie in dieser Situation ansonsten völlig ohne Emotion.

Ihr Ziel war glasklar, aber John kannte es nicht. So begleitete sie seine Motivsuche mit einem unauffälligen Coaching: „Was haben Sie vorhin gemeint, als Sie sagten, dass Sie Informationen hätten, die uns Demut lehren würden?“ Sie fand sich selbst für einen kurzen Augenblick virtuos, als sie mit dem Wort „Demut“ seine Neigung sie zu unterwerfen bediente. Aber sie behielt sich ansonsten unter Kontrolle. Sie überzog ihre persönliche Überlegenheit nicht.

„Ich kann darüber nicht sprechen! Das wissen Sie genau, Jane.“

„Das einzige was ich weiß, John, ist, dass Sie mir kein Pardon gewähren würden, wenn ich in gleicher Situation wäre. Wenn ich Ihnen Verständnis abringen wollte mit so einem Satz wie Ihrem soeben, würden Sie mir – bildlich gesprochen - als Antwort die Kleider vom Leib reißen, damit ich meine Ohnmacht ganz deutlich spüren könnte.“ Mit dieser Formulierung schob sie verbal noch einen sexuellen Anreiz nach, ließ es dabei aber endgültig bewenden, weil sie glaubte, ihre Bemühungen würden auch so zum Ziel führen. Die Voraussetzungen dafür waren gegeben.

Und ihr Spiel ging auf.

John war in seiner Konzentration gestört: „Woran haben Sie so ein besonderes Interesse, dass sie mich derart zu reizen versuchen? Sie wissen, das könnte auch nach hinten los gehen!“ Er versuchte noch einmal Widerstand zu zeigen.

Zwecklos.

„Ich glaube nicht daran, dass wir uns über ein solches Thema auseinander dividieren würden, lieber John. So unprofessionell werden wir uns doch wohl nicht gerieren. Nicht nach dem, was wir zwei schon miteinander erlebt haben!“

Sie berührte den gemeinsamen wunden Punkt in ihrer beider Karriere.

In einer nicht so fernen Vergangenheit, als sie gerade geschieden war und auch die Dinge im Dienst in London nicht vorteilhaft für sie liefen, hatte sie um einen entscheidenden beruflichen Erfolg gekämpft. Hier in Lake Lodge. Mit allen Mitteln, auch denen einer attraktiven Frau. Und sie war damals mit John allein gewesen. Niemand wusste vom Verlauf des Treffens. Nur der Erfolg hatte gezählt. Sie hatte die entscheidenden Informationen mit nach London gebracht, war bald darauf zur stellvertretenden Direktorin des Geheimdienstes aufgestiegen.

Dass sie dafür einen ziemlichen hohen Preis gezahlt hatte, war ihr damals vertretbar erschienen, weil ihr der Erfolg in ihrer Laufbahn nach der Scheidung der einzige Maßstab gewesen war. So hatte sie auch die Ambivalenz zwischen Genuss und Ekel überspielt, die Johns sexuelle Ausschweifungen für sie bedeutet hatten. Die „Sitzung“ mit ihm hatte einen Tag und eine Nacht gedauert.

Sie hatten in den „Lesepausen“, wie John seine Erholungsphasen nannte, kleine Snacks genommen und etwas getrunken. Jane nahm in diesen Abschnitten die Rolle der gefügigen Dienerin ein, die auch alle seine kulinarischen Bedürfnisse stillte.

Sie war eine gute Gastgeberin gewesen, in ihren Dessous, die sie für das geplante Ereignis mitgebracht hatte. Es turnte ihn immer wieder an, sie so zu sehen. Er war unersättlich.

Erst ganz zum Schluss der Ausschweifungen überkam ihn damals eine gewisse Müdigkeit, an die er sich aber nicht mehr so ganz genau erinnerte. Aber er war ohne Argwohn geblieben. Auch einem Mann wie ihm konnte nach so einem sexuellen Marathon einmal die Kraft zur Neige gehen.

Am Ende war sie am Ziel gewesen – beruflich perfekt, wenn sie ihren Gesamteinsatz von damals bilanzierte.

Persönlich hatte sie ihren „Ausflug“ nach Lake Lodge noch längst nicht verkraftet, war mit ihren Erinnerungen an jenes Treffen und mit John noch nicht fertig. Sie wusste es, seit sie ihn heute wiedergesehen hatte. Vor allem aber fühlte sie es, wenn sie auch kontrolliert blieb.

Seither lebte sie mit einer Freundin zusammen, was aber nicht öffentlich bekannt war. Nach einem Mann spürte sie bis auf weiteres kein Verlangen.

Faktisch war Johns Risiko viel höher, als er zunächst realisierte, da er die Stoßrichtung von Janes Angriff noch nicht begriffen hatte: Er war verheiratet. Im puritanischen Umfeld der CIA und des amerikanischen Establishments würde sein One-Night-Stand nicht karrierefördernd wirken. Sie kannte seine Schwachstellen nur zu gut.

„Was sind das für Dinge, die Sie in der Hand haben, die uns zur Demut bringen würden, John. Sie wollen doch auch einen Erfolg mit nach Langley bringen. Also sollten wir zu einem Deal kommen. Al Soud in kurzer Frist gegen Informationen über meine Regierung und vielleicht noch etwas mehr!“

„Oho! Sie spielen also wieder auf ganz hohem Niveau, Jane. Was soll es denn diesmal sein? Ganz hoch hinaus? Vielleicht mitten hinein in die Regierung?“ Er höhnte ein wenig, klang aber nicht überzeugend.

Sie würde ihm ihr Ziel nicht nennen. Sie hatte nicht nur keinerlei Vertrauen zu ihm. Sie empfand ihm gegenüber eine Mischung aus Abneigung und einer uneingestandenen Anziehung, tarnte ihre Emotionen aber weiterhin meisterlich. Wenn sie heute an die vierundzwanzig Stunden mit ihm dachte, empfand sie vor allem Abscheu vor sich selbst. Aber aus dieser selbst verschuldeten Demütigung damals erwuchs ihr auch für die aktuelle Situation ein Vorteil, den sie nutzen würde: Sie kannte sein sexuelles Handlungsmuster und wusste instinktiv, dass er es auch woanders zur Anwendung gebracht haben würde. Das war keine „Eintagsfliege“ mit ihr. Dafür war er zu triebstark. Diese Praktiken würden auch beim sexuellen Kontakt mit anderen Frauen wiederzufinden sein. Wenn nur jemand auf die Idee kam, danach zu suchen. Dessen war sie sicher und hatte ihr Wissen bis heute wie einen Schatz bewahrt. Ihren „schmutzigen“ Schatz, wie sie ihn vor sich selbst bezeichnete.

Niemand hatte bis heute einen Auftrag von ihr erhalten, nach den unbekannten, schwachen Seiten in Johns Biographie zu fahnden. Ihr würde die Drohung genügen, ihn gefügig zu machen.

„John, Sie haben mein Wort. Wenn mich das, was Sie liefern können, überzeugt, ist Al Soud binnen Kurzem Ihr Mann. Sie wissen, dass ich zuverlässig liefere. Also sollten auch Sie bereit sein zu liefern!“

„Was soll ich liefern?“ John hatte plötzlich keinerlei sexuelle Phantasien mehr parat. Er hatte die ungute Gewissheit, dass Jane von etwas wusste, das sie nie in Erfahrung bringen durfte. Konnte es sein, dass sie wusste, wovon in Langley nur drei Personen Kenntnis hatten, aber noch nicht einmal der Präsident der Vereinigten Staaten? Konnte es sein, dass Jane von der Existenz des Dossiers mit dem schlichten Titel “E“ erfahren hatte? Eigentlich völlig ausgeschlossen.

Er bekam schnell Gewissheit: „John, wir sind schon so lange Verbündete mit ganz spezieller Nähe zueinander.“

Welch eine Anspielung, wenn man sie missdeuten wollte.

„Wir sollten keine derartigen Geheimnisse voreinander haben.“ Sie war fast schon ironisch.

Er war sich plötzlich sicher, dass sie eine Quelle aufgetan hatte, die ihr wenigstens den Ansatz eines Wissens über dieses Dossier verschafft hatte. Für einen Profi, wie sie einer war, genügte dieses Basiswissen, um sich den Umfang und den Detailreichtum einer derartigen Zusammenstellung auszumalen. Vor allem aber ihre Wirkungsmacht! Sein Hirn malte sich diesen Krisenfall in Windeseile aus: „Wenn das, woran Sie möglicherweise denken, Jane, wirklich durch Ihren Kopf schwirren sollte, würde ich Sie besser sofort davon überzeugen, Ihr Vorhaben unmittelbar zu vergessen. Ihr Gefangener ist in nichts ein Äquivalent für das, worüber ich verfüge. Ein Deal ist unmöglich!“

„Lieber John“, begann Jane scheinbar ganz auf die sanfte Weise, „nichts davon ist unmöglich. Das einzig Unmögliche wäre für mich, in der Zeitung zu lesen, dass Sie in einen ganz unappetitlichen Skandal verwickelt sind, der zu Ihrem Sturz aus dem Amt geführt hat, obwohl man Sie schon als den neuen Direktor der CIA gesehen hat! Ich würde eine derartige Entwicklung außerordentlich bedauern, aber natürlich wird die Untersuchung, die Sie vor Ihrer Ernennung über sich ergehen lassen müssen, auch das Feld sexueller Vorlieben streifen. Da Sie bisher alles meisterlich gesteuert haben, wird die Überraschung der Öffentlichkeit groß sein, zu Ihren sexuellen Praktiken etwas zu erfahren. Sie kennen den alten Spruch: Wenn die Suppe erst einmal angerichtet ist, kommen die Wölfe von alleine. Nein, mein Freund, an diesem Deal mit mir kommen Sie nicht vorbei. Dafür stelle ich Ihnen aber eine weitere Prämie in Aussicht: Ich habe von einer jungen Frau gehört, die sich Ihrer Vorlieben gerne annehmen würde. Sie teilt Ihre Neigungen. Lake Lodge stünde Ihnen für ein Wochenende Ihrer Wahl zur Verfügung! Entscheiden Sie sich also. Erfolg plus Prämie oder Absturz! Wählen Sie!“ Janes Gesicht war noch immer freundlich und verbindlich. Aber John wusste, dass es nur gespielt war. Und jetzt hasste er sie wirklich. Und sich selbst auch. Seine sexuelle Präferenzliste existierte augenblicklich nicht mehr.

10.

Ben begann sein Fitnessprogramm zu intensivieren. Er joggte täglich eine Stunde. Zusätzlich verordnete er sich ein leichtes Krafttraining. Er wollte vorbereitet sein, wenn er seinen Auftrag bekommen sollte.

Für den nächsten Tag hatte er eine kurze Reise nach Frankfurt am Main geplant. Ohne sie. Er wollte für den Fall einer Verpflichtung durch Geo Enterprises über den zeitlichen Spielraum verfügen, den er eingeplant hatte. Er dachte an zwei Wochen. Vielleicht etwas mehr. Das würde er als Forschungsreise verkaufen können und seine Lehrverpflichtungen etwas zeitversetzt im Semester anbieten. Es war jetzt August. In der Ténéré war, wie in den angrenzenden Teilen Afrikas, Regenzeit. Wahrscheinlich würde er Anfang September fahren. So hatte er für sich kalkuliert. Seine Kontakte zur Leitung seines Fachbereichs hatten sich bisher als hervorragend und belastbar erwiesen. Da er selber in seine Forschung investierte, war er bei der Hochschulleitung nicht unbeliebt. Folglich war er zuversichtlich, sich einen Zeitpuffer verschaffen zu können. Er wollte spätestens in zwei bis drei Tagen zurück in Verona sein.

11.

Das Haus der Jahns lag am Hang in einer kleinen, ruhigen Seitenstraße und verfügte über einen außerordentlich großen Garten. Der weite Blick aus dem Taunus hin zur Skyline von Frankfurt war atemberaubend. Eine selten glückliche Wahl, dachte Brockmann. Die meisten Häuser in Falkenstein hatten wegen der Hanglage faktisch viel kleinere Gärten.

Frau Jahn hatte selbst geöffnet. Eine schlanke, attraktive Frau von mittelgroßer Statur. Mitte Vierzig. Nur wenig von ersten Anzeichen der einsetzenden Alterung gezeichnet. Aber kreidebleich.

Krüger hielt sich nicht lange mit Formalitäten auf. „Mein Name ist Krüger. Ich komme vom LKA Hessen. Das hier“, er zeigte auf Brockmann und seinen Mitarbeiter, „sind Kollegen.“

Frau Jahn führte sie in einen großzügig eingerichteten Raum und bat sie, sich zu setzen. Brockmann ließ sie nicht aus den Augen, um keine ihrer Reaktionen zu verpassen, wenn Krüger ihr den Tod ihres Mannes eröffnen würde.

Krüger kam ohne Umschweife zur Sache: „Frau Jahn, ich bedaure Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Mann Opfer eines Gewaltverbrechens geworden und dabei zu Tode gekommen ist. Ich spreche Ihnen mein Beileid aus.“ Das war zwar sehr knapp, fast hölzern vorgegangen, hatte aber den Vorteil, dass Krüger unmittelbar weiter fragen konnte.

„Wann hatten Sie Ihren Mann zurück erwartet?“

Frau Jahn antwortete nicht, sondern weinte leise in ein Taschentuch, das sie aus dem Ärmel ihrer Bluse zog. Also hatte sie vermutlich schon vorher geweint!

Was wusste sie schon vor dem Besuch der Polizei?

Krüger ließ nicht locker: „Frau Jahn, wann hatten Sie Ihren Mann zurück erwartet?“

Diesmal antwortete sie mit dünner Stimme: „Abends, gegen zehn Uhr.“

„Warum haben Sie ihn nicht als vermisst gemeldet, als er nicht nach Hause kam?“

Frau Jahn weinte wieder lautlos vor sich hin.

Krüger machte einen erneuten Anlauf, den er mit etwas vorgespieltem Mitgefühl unterlegte: „Es tut mir sehr leid, dass ich Sie so unmittelbar nach dieser traurigen Nachricht befragen muss, aber Ihre Hinweise sind im Moment unsere wichtigsten Informationen.“

Frau Jahn gab weinend Auskunft: „Manchmal kam er später heim.“

Krüger fasste nach: „Kam es auch vor, dass er gar nicht nach Hause kam?“

Frau Jahn weinte heftiger. „Ja!“

„Haben Sie auch gestern Abend damit gerechnet, dass es später würde bei Ihrem Mann?“ Krüger hatte die unbeantwortete Frage von vorhin neu verpackt.

„Nein, eigentlich nicht. Er hatte mir jedenfalls nicht gesagt, dass es wesentlich später als halb elf werden würde.“

„Was war das für eine Veranstaltung, an der Ihr Mann teilnahm?“

„Es war eine Tagung des Verbandes der Pharmazeutischen Industrie. Davon gibt es mehrere im Jahr.“

„Gab es irgendeinen Anlass zur Beunruhigung für Ihren Mann oder gar eine konkrete Bedrohung?“

Frau Jahn zögerte den Bruchteil einer Sekunde, fuhr dann aber schnell fort: „Nicht dass ich wüsste.“

Brockmann beobachtete Krüger, um herauszufinden, ob jener das Zögern von Frau Jahn bemerkt hätte. Er konnte es aber nicht erkennen.

Krüger legte eine kurze Pause des Nachdenkens ein.

In die dadurch entstandene Stille hinein fragte Brockmann: „Ist etwas dran an den Übernahmegerüchten der Firma ihres Mannes durch British Pharmaceutical?“

Frau Jahn war durch Brockmanns Stimme und den Charakter seiner Frage völlig aus der Bahn geworfen. Die Stimme war gänzlich anders als die des bisherigen Fragers, hatte einen distinguierten Klang und traf offenbar einen wunden Punkt. „Woher wissen Sie davon?“

Krüger erkannte das sofort. Er überließ es Brockmann weitere Fragen zu stellen.

„In welchem Stadium befanden sich denn die Gespräche mit den Briten?“

„Das weiß ich nicht genau! Mein Mann hat mir nie viel aus seinen geschäftlichen Überlegungen mitgeteilt.“

Brockmann glaubte ihr instinktiv nicht und fragte weiter: „Wollte er denn überhaupt verkaufen?“

„Nein! Ursprünglich dachte er wohl, mehr bei einem Verkauf erlösen zu können. Als die Briten aber ihre Karten auf den Tisch gelegt hatten, war mein Mann voller Ablehnung. Einmal kam er sehr aufgeregt nach Hause und hat getobt, dass seine Gesprächspartner ihn um sein Lebenswerk betrügen wollten. Aber mehr ist mir nicht bekannt.“

Brockmann ließ nicht locker. Er hatte schon mehr erfahren, als anfangs zu erwarten war: „Kann es sein, dass Ihr Mann auch darauf spekuliert hatte, seine neuesten Forschungen würden den Wert des Unternehmens deutlich heben? Warum haben diese Dinge das Ergebnis der Verhandlungen nicht verbessert?“

Nach dieser Frage nahm die Vernehmung einen ganz veränderten Verlauf.

Frau Jahn starrte Brockmann fast entgeistert an und rief in aggressivem Ton: „Von wem haben Sie derartige Informationen? Wer sind Sie überhaupt?“ Ihr Misstrauen war offenbar.

„Ich habe mit Ihrem Mann vor wenigen Wochen bei einer Tagung über Sicherheitsfragen der Industrie zu Mittag gegessen. Ich bin der zuständige Abteilungsleiter für diese Thematik beim Bundeskriminalamt. Mein Name ist Brockmann. Ich hatte Ihren Mann damals so verstanden, dass die Risiken der permanenten Forschung enorm seien. Auch von Seiten der Kapitalbasis hat er das unternehmerische Handeln als sehr risikobehaftet geschildert. Deshalb wäre mir ein Verkauf nicht unlogisch erschienen.“

Frau Jahns Gesichtsausdruck war abweisend. So, als könnte sie die Informationen von Brockmann nicht richtig einordnen. Sie schwieg.

Krüger sagte auch nichts, sondern beobachtete das Schauspiel, das sich seit wenigen Augenblicken vor seinen Augen abspielte. Brockmann fuhr fort: „Mit welcher Bank hatte das Unternehmen Ihres Mannes seine Hauptgeschäftsbeziehung? Wer hat die Finanzierung der Forschung gewährleistet?“

Frau Jahn zögerte und sah Brockmann dabei offen in die Augen. So als suche sie zu ergründen, ob die Fragen von einem ehrlichen Interesse am Schicksal ihres Mannes getragen seien. Dann bewegte sie ihren Oberkörper mit einem kleinen Ruck ganz zu Brockmann hin und sagte mit einer gewissen Geringschätzung:„Die Deutsche Industriebank. Schon seit über zwanzig Jahren. Sie war fast von Anfang an die Hausbank meines Mannes.“

„Wer war der Ansprechpartner Ihres Mannes?“

„Der Geschäftsführer der Zentrale in Frankfurt.“

Das genügte Brockmann zunächst zu diesem Aspekt. Er wechselte die Stoßrichtung: „Hatten Sie zu den britischen Gesprächspartnern Ihres Mannes Kontakt, die die Verhandlungen über das Übernahmeangebot geführt haben? Haben Sie sie auf irgendeine Weise kennen gelernt?“

Frau Jahn war klug genug, nicht länger die völlig Unwissende zu spielen. „Einmal hat mein Mann in privatem Rahmen empfangen. Hier bei uns zu Hause. Es kamen zwei Engländer und der Prokurist meines Mannes, Herr Enders. Die Engländer hießen McFarlaine und Stanham. Sie waren beide von dem britischen Chemieriesen „Clanco Chemical“, dem British Pharmaceutical gehört. Eine hundertprozentige Tochter. Sehr ambivalente Persönlichkeiten, wie ich fand.“

„Was meinen Sie mit ambivalent?“

„Sie schienen von außerordentlicher Verbindlichkeit und Zuvorkommenheit zu sein. Aber auch von einer Zielgerichtetheit, die von den anderen Eigenschaften nicht kaschiert werden konnte.“

„Was konkret hat Ihnen diesen Eindruck vermittelt?“

„McFarlaine und Stanham spielten ihr Spiel in perfekt abgestimmter Weise. Sie kannten nicht nur alle kaufmännischen Eckdaten unserer Firma, sondern hatten auch Kenntnisse von dem, was mein Mann plante. Und sie sagten ihm offen ins Gesicht, dass er viel Geld benötigen würde, um die angestoßene Forschung zu Ende zu bringen. Und dass er besser jetzt verkaufen würde, als mitten im Prozess der angelaufenen Forschung. Dann sei sein Zug nicht mehr anzuhalten und sein Obligo würde ihre Bereitschaft in „Frankfurt Chemical“ zu investieren schmälern.“

Frau Jahn hielt abrupt inne, fast so, als sei sie erschrocken, soviel ausgeplaudert zu haben. Sie hatte mit dieser Einschätzung recht. Denn ihre Zurückhaltung vom Anfang der Vernehmung würde sie nie mehr aufrecht erhalten können. Nach allem, was sie berichtet hatte, wusste Brockmann, dass Frau Jahn viel tiefer in die Pläne und Gedanken ihres Mannes eingeweiht war, als sie anfangs zugeben wollte. Dahinter konnte sie nie mehr zurück.

Vor allem aber schien es Brockmann, als sei Frau Jahn einen Moment lang froh gewesen, alles von ihrer Seele abladen zu können, was ihr seit langem zur Last geworden war. Jetzt hatte sie wieder dichtgemacht.

Aber das war Brockmann im Moment egal. Er hatte ein Handlungsmuster geortet. Und er hatte eine erste Vorstellung.

12.

Als John erkannt hatte, dass seine Situation nicht so vorteilhaft war, wie ursprünglich eingeschätzt, tastete er ab, welcher Weg für ihn gangbar war. Gangbar bedeutete aus seiner Interessenlage heraus, dass er so wenig wie möglich preisgeben würde, bis er wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Das wäre dann der Augenblick, den Spieß umzudrehen.

Er war an sich ein kaum zu übertreffender Mann in operativen Angelegenheiten. Die Schwierigkeiten, in die er jetzt geraten war, machten ihm grundsätzlich nicht wirklich Angst. Das Szenario, das Jane für ihn aufgezeigt hatte, war zwar real. Aber John wusste auch, dass es auf dem Weg zum Ziel immer wieder unvorhergesehene Hindernisse geben würde. Auch für Jane. ‚Murphys Gesetz‘ würde auch hier gelten.

Für Jane war klar, dass sie ihre Drohung, ihn auffliegen zu lassen, gut untermauern musste, damit John die Gefahr für realistisch genug erachten würde. Darauf hatte sie sich mit aller ihr eigenen Akribie vorbereitet: „John, sie machen mich ernsthaft böse“, sagte sie jetzt in eiskaltem Ton zu ihm. „Ihre Frau weiß von Ihren Praktiken nichts. Ihre Kinder natürlich schon gar nicht. Auch die Verwandten und Freunde nicht. Das haben wir Geheimdienstleute doch gelernt. Unsere Familien halten wir ganz draußen. Am besten, niemand kann sie sehen.

Aber in Ihrem Fall wird das nicht klappen. Unser Zusammentreffen damals hat mir erlaubt, Ihre Präferenzen zu dokumentieren. Das habe ich alles selbst arrangiert. Sie wissen, dem Gastgeber steht mancher Weg offen. Dass ich hier ganz alleine auf Sie gewartet habe, mag Sie in Sicherheit gewiegt haben. Aber ich hatte nicht nur für die Verpflegung sorgen lassen!“ Sie spielte auf die Tatsache an, dass Lake Lodge eine Einrichtung des Kanadischen Geheimdienstes war. Aber natürlich waren die Bedürfnisse der britischen Kollegen für die Kanadier immer mit einer Priorität versehen, die unter Mitgliedern des Commonwealth besonders gut begründet ist. Das britische Königshaus stellte zugleich immer noch das kanadische Staatsoberhaupt.

Jane hatte also freie Verfügung über Lake Lodge gehabt.

Da sie damals nicht sicher sein konnte, wie ihr Zusammentreffen mit John verlaufen würde, hatte sie Vorkehrungen getroffen, alles was geschah, aufzuzeichnen. Diese Aufzeichnungen hatte sie nach Johns Abreise für sich auf einer DVD gesichert. „Sie können sich gerne am kommenden Wochenende zur besten Sendezeit in CNN betrachten. Gemeinsam mit Ihrer Familie. Wie würde Ihnen das gefallen?“

Sie beobachtete ihn genau. Jede Regung konnte ihr Auskunft über seinen nächsten Zug geben.

„Das wagen Sie nicht, Jane. Das würde Sie selbst vernichten.“

„Ich bin nicht darauf zu erkennen. Und dass der Schaden, den Sie mit Ihrem unfreiwilligen Fernsehauftritt für die CIA und Ihr Land anrichten könnten, noch dadurch vergrößert werden würde, dass man Ihnen erlaubt, öffentlich meinen Namen ins Spiel zu bringen, ist eher unwahrscheinlich. Wenn Sie sich erst einmal in der Lage befinden, in der ich Sie in dem geschilderten Szenario sehe, dann geht es allein um die Frage, was Sie mir damals verraten haben, um mir meinen Arsch ficken zu können. Und dann ist Ihr Arsch im Fokus der öffentlichen Diskussion, nicht meiner. Und jeder, der Ihrer habhaft wird, wird Ihnen den Arsch ficken.“

Sie war bewusst ordinär geworden, um ihn noch mehr zu beeindrucken. „Ihre Familie kommt dabei sowieso erst ganz am Schluss ins Bild, wenn von Ihnen nichts mehr übrig ist. Keine Beförderung, kein Monatsscheck, keine Rolle als zukünftiger Direktor. Keine Freunde mehr. Nichts.“

Jetzt schwieg sie wieder. Es war ihr nicht schwer gefallen, von ihrer sonst sehr gewählten Ausdrucksweise in die ordinäre Sprache abzugleiten, die John so gerne benutzte, wenn er sich gehen ließ. Sie war erstaunt über sich und versuchte, auch diese Regung zu verbergen.

John bemerkte davon nichts, denn er kämpfte mit seinen Gedanken und versuchte zugleich seine bösen Vorahnungen im Zaum zu halten. Er fand aber keinen unmittelbaren Ausweg. Er musste ihr nachgeben. Soviel war für den Augenblick klar. Aber beim ersten Fehler würde er sie vernichten.

„Was also wollen Sie von mir wissen?“

„Ich will alle Informationen über meine Regierung, die Deutschen und die Franzosen in der Spitze ihrer jeweiligen Regierung und über alle Personen in den Ländern, die zu den Einflussreichen zählen. Alles. Jedes Detail, jede Schwäche, jeden kleinsten Hinweis! Alles, mein Lieber, was Sie in der CIA gesammelt haben. Nichts darf fehlen. Gar nichts. Wenn Sie liefern, ich sage es noch einmal, winkt auch noch eine Prämie. Diesmal ohne Aufzeichnung. Versprochen.“

Ihre Erinnerung an die Zeit mit ihm, ihre im Ungleichgewicht befindliche Seele, forderte diesen Tribut. Die Erwähnung der analen Penetration und die Erinnerung an all die anderen Erlebnisse mit ihm, hatte ihre Selbstkontrolle für einen Augenblick außer Kraft gesetzt. In einer hintersten Kammer ihrer Emotionen war eine Regung aktiv geworden, die sie nicht aufkeimen lassen wollte.

Aber John war mit der Ungeheuerlichkeit des Ereignisses seiner Unterwerfung unter ihr Diktat zu beschäftigt, als dass er in diesem Moment Nutzen aus ihrer temporären Schwäche hätte ziehen können.

Er hasste sie augenblicklich, denn er wusste noch immer keinen Ausweg.

Sie standen jetzt schon eine ganze Weile am Ufer des Sees. Nur von einem Baum hinter ihnen leicht zur Lodge hin abgeschirmt. Ein leiser, kühlender Wind zog über den See und machte die sommerlichen Temperaturen dieses Augusttages erträglich. Lake Lodge war ein herrlicher Ort, wenn man dafür einen Sinn entwickelte.

Das Bild, das sie abgaben, als sie so miteinander am See standen und sich besprachen, hätte einem unbeteiligten Beobachter ganz idyllisch erscheinen müssen.

Aber der Eindruck trog. John war in die Enge getrieben, während Jane ihren ersten Schritt zur Durchsetzung ihres Plans gewagt hatte. Ihres Plans, an die Spitze des britischen Geheimdienstes zu gelangen.

13.

Ben war in Frankfurt am Main gelandet. Er ging direkt zur S-Bahnstation auf dem Regionalbahnhof. Sein Zug benötigte etwa zwanzig Minuten, bis er am Opernplatz ankam. Die restliche Strecke zu seiner Wohnung im Westend ging er zu Fuß.

Seine Wohnung hatte er vor etlichen Jahren von einem Bekannten gekauft. So leicht kam man sonst nicht an ein geeignetes Apartment in dieser bevorzugten Lage in Frankfurt. Eine Wohnung in der Größe von hundertachtzig Quadratmetern schon gar nicht. Ben hatte nach dem allzu frühen Tod seiner Eltern ein wenig Vermögen geerbt, hatte Teile davon spekulativ angelegt und Glück gehabt. So konnte er sich die Wohnung leisten, führte auch ansonsten ein komfortables Leben, verhielt sich dabei aber klugerweise recht unauffällig.

Seine Kollegen aus der Universität traf er, wenn nötig, gerne in Kneipen oder an anderen öffentlichen Orten, die keine Rückschlüsse auf seine privaten Lebensgewohnheiten zuließen. Damit war er bisher gut gefahren. Er wusste den Neidfaktor richtig einzuschätzen.

Umso erstaunter wäre er gewesen, wenn er die Bemühungen der Männer und Frauen hätte erkennen können, die ihn seit seiner Abreise aus Verona in einer lückenlosen Kette beschatteten: Im Bus zum Flughafen Verona. Nach der Ankunft in Frankfurt. Jetzt bis zu seiner Wohnung, in deren Nähe auch schon ein anderes mobiles Team gewartet hatte.

Ben hatte von der Beschattung nichts bemerkt. Seine geheimen Begleiter waren auch strikt angewiesen, jede übergroße Nähe zu vermeiden. Ihr Job war, auf Distanz zu bleiben, von Ferne zu beobachten, aber jeden Kontakt zu registrieren. Zu berichten wer, wann, wie lange mit Ben zusammen kam, oder mit wem er Verbindung suchte.

Seine Wohnung war schon länger „verwanzt“, die technische Durchführung war bilderbuchmäßig gelaufen. Aber auch diese Aktion konnte er nicht kommentieren, weil er keinerlei Argwohn hegte.

Warum hätte er auch argwöhnisch sein sollen? Er war sich keiner Schuld bewusst. Und die Sache mit den Nebeneinnahmen war ja genau genommen nur ein Thema für die Steuerbehörde. Und vor der fühlte er sich sicher.

Am nächsten Tag würde er mit dem Dekan seines Fachbereichs zusammentreffen. Wenn seine Dinge geregelt waren, wollte er noch einen Tag in der Deutschen Bibliothek verbringen. Danach gäbe es ein schnelles Wiedersehen mit Aische. Er freute sich auf seine Rückkehr zu ihr.

14.

Die Rückantwort von Geo Enterprises war kurz nach Bens Abreise auf seinem Smartphone angezeigt worden.

Geo Enterprises lud Ben zu einem Gespräch nach London ein. Schon für Anfang nächster Woche. Rückmeldung kurzfristig erbeten, um den reservierten Flug bestätigen zu können. Ben war überrascht, dass die Antwort derart prompt erfolgte. Was ihn aber am meisten überraschte, war, dass Geo Enterprises ihm einen Abflug von Verona reserviert hatte. Seinen Standort in Italien hatte er nicht bekannt gegeben. Diese Tatsache verunsicherte ihn, und er überlegte kurz, wer von seinem zweiten Wohnsitz in Verona wusste.

Er kam aber zu keinem Ergebnis, denn in dem Umfeld seines Hauses in Verona gab es kaum Touristen, denen er hätte begegnen können. Sollte ihn jemand zufällig entdeckt haben? Die Sache war rätselhaft und er beschloss, seinen Besuch in Frankfurt kürzer zu halten als geplant. Morgen würde er den verabredeten Termin durchziehen und noch am Nachmittag wieder nach Verona fliegen. Nur der Umstand, dass Ferienzeit war, konnte ihn in diesem Vorhaben behindern. Also suchte er bei Lufthansa nach einem geeigneten Flug. Die Maschine würde am Freitag um 15:00 Uhr zurückfliegen. Er buchte um. Dann rief er einen Freund an und verabredete sich mit ihm auf ein Bier, um Neuigkeiten aus der Universität zu erfahren.

Seine Beschatter mussten sich ihr Brot hart verdienen, denn es wurde in dieser Nacht spät.

Als Ben im Bett lag, war es schon zwei Uhr nachts. Das Bier entfaltete seine volle Wirkung und er schlief sofort ein. Am nächsten Morgen konnte er sich an keinen Traum erinnern, außer dass Aische einen anderen Mann hatte und er ihr zusah, wie sie das Haus verließ.