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Der vierte Politthriller aus der Serie um den früheren Kriminal-Kommissar Manfred Brockmann spielt in der Zeit nach der großen Flüchtlingskrise aus dem Nahen Osten. Die Gefahr erneuter unkontrollierter Einwanderung ist nicht gebannt und die politische Atmosphäre in Deutschland hat sich verändert. Morde aus politischer Gesinnung erschüttern das Land. Die polizeilichen Ermittlungen stoßen auf eine Mauer des Schweigens. Als das Schweigen schließlich gebrochen wird, offenbaren sich Verbindungen zwischen Tätern und Politikern der Regierungspartei. Waren die Mordpläne Teil einer politischen Strategie? Brockmann erlebt einen Strudel krimineller Verstrickungen, während die Regierung versucht, im Nahen Osten eine Pufferzone für zukünftige Flüchtlinge zu errichten. Ein weiterer Politthriller von Ulrich Cardell mit hochaktuellem Bezug.
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Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2017
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ULRICH CARDELL
SADDAMS TRÄNEN
ULRICH CARDELL
SADDAMS TRÄNEN
Thriller
swb media publishing
Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.
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Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.
1. Auflage 2017
ISBN 978-3-946686-34-7
© 2017 swb media publishing, Gewerbestraße 2, 71332 Waiblingen
Lektorat: Catrin Stankov, Bernau
Titelgestaltung: Dieter Borrmann
Titelfotoanimation: © Dieter Borrmann
Satz: swb media publishing
Druck, Verarbeitung: Rosch-Buch, Scheßlitz
Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.
www.suedwestbuch.de
Oliver Sergej Lieber machte allein Urlaub auf Mallorca. Er hatte ihn sich redlich verdient. Sein Chef hatte für ihn eine Woche Sonderurlaub herausgeschlagen, was für die Firma eine Rarität war. Er kannte niemand, der so etwas jemals zuvor erlebt hatte. Es kam einer Adelung gleich. Nur offiziell nicht so hoch gehängt.
Lieber hatte seinen Auftrag mit einem derartigen Erfolg gekrönt, dass die Führungsspitze der Firma selber in den Genuss allerhöchsten Lobes gekommen war. So hatten sie sich dieses Äquivalent für Lieber erlaubt.
Natürlich war die Firma mit ihrem Erfolg in die Presse gekommen. Lieber hingegen nicht, denn es hätte der Politik der Firma widersprochen, dass Mitarbeiter für die Befreiung einer Geisel aus den Händen von Aufständischen namentlich der Presse bekannt gemacht worden wären.
Lieber wusste, dass alles bei dieser Aktion für ihn sehr knapp gelaufen war. Dass er am Ende erfolgreich zurückgekehrt war und den Piloten des abgeschossenen Tornados lebend mitgebracht hatte, während dessen zweiter Mann mit dem Fallschirm zu Tode gekommen war, war allein seinem Geschick in den Verhandlungen mit den Turkmenen zu verdanken.
Lieber war Russlanddeutscher.
Er hatte Russland mit seiner Mutter als Kind verlassen und mit ihr den Neuanfang in Deutschland erlebt. Auch all die Schwierigkeiten, neu Fuß zu fassen. Nach der Schule und einem Studium an der Fachhochschule war er von seinem Stiefvater in die Firma „empfohlen“ worden.
Er mochte seinen Stiefvater nicht besonders, denn der war sehr früh auf seine Mutter aufmerksam geworden, weil sie eine außerordentlich gutaussehende Frau gewesen war. Sein Stiefvater hieß Rüdiger Stock, war ein sehr einflussreicher Bundestagsabgeordneter und wollte sie für sich gewinnen, was ihm wegen seiner guten politischen Beziehungen gelang. Seine Mutter hatte Stocks Werben schließlich nachgegeben, um sich und den Sohn in günstigeres Fahrwasser zu bringen.
Stock wollte Lieber aus seiner Nähe entfernen, denn Oliver war das Kind eines anderen Mannes, der in Russland zurückgeblieben war.
Lieber hatte wegen seiner Intelligenz, seiner entschlossenen Art und seiner perfekten Kenntnisse der russischen Sprache in der Firma Karriere gemacht. Seine Expertise zu Russland war gefragt.
Im konkreten Fall hatten auch die Turkmenen dazugehört. Ein Stamm, der ethnisch der Gruppe der Turkvölker zugerechnet wurde, seit Jahrhunderten innerhalb Russlands Staatsgebiet beheimatet war, dem Islam anhing und sich zu Teilen radikalisiert hatte.
Kämpfer dieser Gruppierung waren an der türkisch-syrischen Grenze aktiv. In einem Streifen, den die syrische Regierung nicht mehr kontrollierte, aber gerne zurückerobert hätte.
Die Turkmenen waren zähe Kämpfer, listige Taktiker und wurden wegen ihrer ethnischen Nähe zur Bevölkerung der Türkei von deren Regierung unterstützt.
Dass der Tornado der Bundeswehr abgeschossen worden war, war einem technischen Defekt an der vierzig Jahre alten Maschine geschuldet. Wegen dieses Defekts wollte der Pilot auf kürzestem Weg zur türkischen Basis in Incirlik zurückkehren und überflog deswegen die gefährliche Zone der Rebellen.
Da eines der beiden Triebwerke ausgefallen war, die Maschine also relativ niedrig und mit gedrosselter Geschwindigkeit fliegen musste, wurde die Besatzung Opfer eines für sie unglücklich verlaufenen Beschusses durch zwei Flak-Batterien der Aufständischen, die mit ihren automatischen, doppelläufigen Geschützen auch das andere Triebwerk trafen, so dass die Besatzung aussteigen musste.
Der zweite Mann an Bord war durch den Beschuss offenbar verletzt worden. Er hatte sich ebenfalls mit dem Schleudersitz aus dem Tornado herauskatapultiert, war aber schließlich tot in seinem Schirm aufgefunden worden.
Lieber war nach zähen Vorverhandlungen über Mittelsmänner an die türkisch-syrische Grenze gefahren, um schließlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über die Grenze nach Syrien in das von den Turkmenen beherrschte Gebiet zu wechseln.
Olivers Freundin Lina war nicht mit nach Mallorca gefahren. Sie war zu Hause geblieben, nachdem es Streit gegeben hatte wegen einer anderen Frau, die Lieber beruflich kennengelernt hatte.
Sie hieß Renate, war in entferntem Sinn eine Kollegin und hatte ihm auf Anhieb gefallen, obwohl er das zu verbergen versucht hatte.
Ihre erste Begegnung fand in Wiesbaden statt, als Lieber zu Besuch in der Behörde war, für die Renate arbeitete. Dass auch er ihr gefallen hatte, war ihm nicht so unmittelbar klar gewesen. Aber er hatte die Anlagen seiner Mutter mitbekommen. Er sah gut aus: schlank, sportlich, groß und dunkelhaarig.
Als sie sich anlässlich einer Tagung in Berlin wiedertrafen, waren sie am nachfolgenden Abend zusammen ausgegangen. Er erzählte ihr im Lauf des Abends von seinem geplanten Urlaub auf Mallorca. Aber sie zog nicht sofort mit. „Das geht mir zu schnell“, war ihre erste Reaktion gewesen. Sie, die ansonsten eher entscheidungsfreudig war, wollte sich sicherer sein, worauf sie sich mit Oliver einließ. Sie wollte Zeit gewinnen.
Deshalb lag Lieber jetzt den dritten Tag allein am Strand und träumte von Renate, obwohl das optische Angebot an weiblichen Reizen in seinem Urlaubsumfeld beträchtlich war. Aber er fühlte sich davon nicht angesprochen. Er war mit seinen Sinnen und Gedanken auf Renate fixiert.
Lieber war achtundzwanzig Jahre alt. Renate war drei Jahre älter, was man ihr aber nicht ansah. Sie war ebenfalls recht sportlich, sowohl von der Figur her als auch in ihrem Auftreten. Das hatte ihn sofort fasziniert.
Zu seinem Erstaunen war sie an diesem ersten Abend mit ihm ins Bett gegangen, was ihm im Widerspruch zu ihrer Zurückhaltung in der Urlaubsfrage zu stehen schien.
Aber diese Überlegungen begründeten nicht seine Fixierung auf sie. Das waren, neben ihrem bestechenden Äußeren, eher die Erlebnisse mit ihr in jenen wenigen Stunden der Nacht.
Sie war wie entfesselt, fast so, als wäre sie lange mit keinem Mann mehr im Bett gewesen und hätte mit ihm ein Defizit aufzufüllen versucht. Sie hatte ihn eindeutig dominiert, was ihm so noch nicht widerfahren war. Es hatte ihn für eine kleine Phase ihres Zusammenseins eher aus der Fassung gebracht, dann aber hatte schließlich sein sexueller Egoismus obsiegt und er hatte das Geschehen mehr und mehr zu genießen begonnen. Sie war etwas Besonderes. Sie passte perfekt zu ihm. Das hatte er sehr schnell begriffen.
Die Sonne hatte gegen elf Uhr schon gewaltige Kraft. Dagegen versuchte er sich unter anderem mit einem Strohhut zu schützen, den er sich ziemlich weit über das Gesicht geschoben hatte. Trotzdem hielt er die Augen darunter geschlossen. Das machte ihm das Träumen leichter.
Lange würde er nicht mehr im Freien bleiben können. Er wollte sich seine Haut nicht verbrennen. Als er sich bei diesen Gedanken aufrichtete, klingelte sein Smartphone. Für einen Augenblick dachte er daran, dass das Renate sein könnte. Er wurde enttäuscht. Es war sein Chef.
Renate befand sich seit ihrem Aufenthalt in Berlin in leichter Konfusion. Die Erfahrungen mit Oliver Lieber verursachten bei ihr eine Mischung aus Zuneigung und Widerstand gegen die offensichtliche Konsequenz ihrer Impressionen. Sie war beeindruckt von ihm und dem, was er in ihr auslöste.
Wollte sie eine feste Bindung? Sie, die so lange ohne festen Partner gelebt hatte? Die es vorgezogen hatte, allein zu sein, statt von durchschnittlichen Beziehungen enttäuscht zu werden? Sie konnte sich nicht entscheiden. Noch nicht.
Also wandte sie sich wieder ihrem Alltag als Polizistin zu und verschob die privaten Überlegungen in die Zukunft. Denn aktuell lag eine zwar noch recht unspezifische Warnmeldung vor einem terroristischen Anschlag im Rhein-Main-Gebiet vor, die jetzt Vorrang hatte.
Es handelte sich dabei um den Hinweis einer Person aus dem rechten politischen Spektrum, die für den Verfassungsschutz seit etlichen Jahren verdeckt als Informant arbeitete. Die Quelle hatte einen beträchtlichen Glaubwürdigkeitswert aus vielen kleinen Hinweisen, war aber noch nie mit einer derart gravierenden Meldung hervorgetreten.
Gleich würde Renate in einer Lagebesprechung mehr erfahren. Sie war von ihrem Chef aufgefordert worden teilzunehmen. Ihr Chef hatte nichts im Detail mit ihr besprochen. Er war ein wenig kommunikativer, eher verschlossener Mann, auch wenn sie bisher gut mit ihm auskam.
Ihr kam beim Nachdenken die Ahnung, dass am Ende der Sitzung ein operativer Auftrag für sie stehen könnte.
Kollegen vom Landesamt für Verfassungsschutz würden auch dabei sein. Es war ein deutliches Zeichen für die unsicheren Zeiten in Deutschland, die sich fast schleichend entwickelt hatten.
Lieber musste seinen Urlaub abbrechen. Sein Chef hatte es soeben telefonisch angeordnet. Es gab Probleme im Nahen Osten, die sich auch auf Deutschland auswirken konnten. Schon wieder!
Nachdem die Flüchtlingswelle aus Syrien und anderen islamischen Staaten Deutschland zu unglaublichen Anstrengungen in organisatorischer und finanzieller Hinsicht gezwungen hatte, in deren Folge die Stimmung im Wahlvolk der Bundesrepublik gekippt war, galt eine neue Belastung dieser Art als nicht mehr verkraftbar.
Die Politik hatte mit allergrößter Mühe, einem Gutteil verschleiernder Rhetorik und viel Glück die Auswirkungen ihrer gewagten Nahostpolitik unter Kontrolle halten können. Es herrschte relative Ruhe in der Bevölkerung. Aber es war eine angespannte Ruhe. Die Medien, die eine beschwichtigende, eher deeskalierende Rolle gespielt hatten, waren durch rechte politische Strömungen zunehmend in Verdacht geraten, nicht alle Details der Folgen der Flüchtlingsaufnahme zu berichten. Und tatsächlich war den Medien das eine und andere Mal eine gewisse Einseitigkeit in der Berichterstattung nachzuweisen gewesen.
Nicht in dem Sinne, dass die von rechten Propagandisten unterstellte Systematik erkennbar wurde. Aber doch in der Weise, dass Folgen des ungehinderten Zustroms von Flüchtlingen bagatellisiert worden waren, die dann doppelt ungünstig zutage traten, als eine gewisse Zeit seit dem Beginn der planlosen, kaum kontrollierten Einwanderung vergangen war und der Bevölkerung schmerzlich bewusst wurde, dass Mieten stiegen, Löhne sanken und der Wettbewerb um einfache Jobs härter wurde.
Auch gab es ungünstige Nebeneffekte in Form von organisierter Bandenbildung in bestimmten Regionen Deutschlands, in denen sich schon zuvor bestimmte Clans von Libanesen und Türken sowie neuerdings auch von muslimisch geprägten Afrikanern aus Niger, Nigeria und Mali sowie den Maghrebstaaten erste Grundlagen gelegt hatten.
Der Zuzug von Landsleuten aus den jeweiligen Regionen verstärkte die Personaldecke dieser Banden, die nur ihresgleichen in ihren Reihen zuließen.
Ihr Geschäft hatte seine Schwerpunkte in der Prostitution, dem Menschen- und Drogenhandel und der Schutzgelderpressung. Die Clans waren gut abgesichert durch politische Verbindungen in die wichtigen Parteien und einen beträchtlichen Reichtum, den sie sich im Laufe weniger Jahre aus ihren Geschäften gesichert hatten. Damit konnten sie sich manche politische Entscheidung in ihrem Sinne „erkaufen“. Das alles hatten sie sehr geschickt und diplomatisch, wenn nötig aber auch mit der erforderlichen Härte durchgesetzt. Deutschland war für sie ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Gestern waren die Verhandlungen in Casablanca zwischen der schiitischen und der sunnitischen Seite über die Beilegung der Kriegshandlungen in den arabischen Ländern des Nahen Ostens abgebrochen worden.
Es war ein nichtiger Anlass, der zu dem erneuten Zerwürfnis zwischen beiden Seiten geführt hatte. Die politischen Wortführer der Sunniten hatten in ihrem Land einen schiitischen Mullah unter dem Vorwand verhaftet, er würde Unruhe stiften und seine Anhänger zum offenen Widerstand ermutigen. Daraufhin brach die schiitische Delegation die Verhandlungen in Marokko ab und flog nach Teheran und Bagdad zurück.
Der Zeitpunkt der Aktion rief aber bei den Fachleuten unter den Diplomaten Unbehagen hervor. Waren die Sunniten an der positiven Entwicklung der Verhandlungen nicht wirklich interessiert?
Andererseits: Warum kam die Verhaftung des Mullahs genau zu diesem Zeitpunkt? Hatten die sunnitischen arabischen Politiker für diesen zerstörerischen Schritt die Unterstützung der USA? So musste es wohl sein, denn zumindest der Irak war unverändert von den USA abhängig, soweit die Garantie ihrer Sicherheit und damit ihrer territorialen Integrität betroffen war.
Das Problem Deutschlands und damit von Liebers Firma war nun, herauszufinden, ob von den Friedensverhandlungen über diesen Teil des arabischen Raums noch etwas zu retten sein würde.
Der Schlüssel dafür lag in Damaskus. Das Regime dort hatte sich entgegen den Erwartungen etlicher Staaten des Westens wieder stabilisiert. Russland hatte daran einen beträchtlichen Anteil.
Wenn nichts vom schon erwarteten Friedensschluss zwischen den maßgebenden Parteien in der Region zu retten sein würde, käme auf Deutschland und andere europäische Staaten die Gefahr wieder anschwellender Flüchtlingsströme zu. Eine Aussicht, die Lieber missmutig stimmte.
Die Aussicht auf eine Destabilisierung Deutschlands lag nicht im Interesse seiner Firma. Lieber fand sie auch für sich in höchstem Maße unerwünscht. Käme es dennoch so, wären die Folgen für Renate und ihn selbst mit permanenter beruflicher Unruhe und Angespanntheit verbunden. Neben den öffentlichen Unsicherheiten keine guten Prämissen für die Fortentwicklung ihrer Beziehung.
Renate war nicht die Letzte, die den abhörsicheren Konferenzraum im Untergeschoss des BKA betrat. Nach ihr kamen noch zwei Mitarbeiter des Verfassungsschutzes herein.
Den Abschluss bildete ihr Chef, Abteilungspräsident Lochner.
Jetzt war die Versammlung der Terrorismusexperten vollzählig. Es konnte losgehen. Renate hatte sich einen Notizblock und einen Kugelschreiber zurechtgelegt. Man konnte nie wissen, wer welche Stichworte gab, die man besser notierte, damit sie nicht in Vergessenheit gerieten.
Sie schaute sich um: Der Raum war angemessen gefüllt. Renate war die einzige Frau. Neben den Leuten vom Landesamt für Verfassungsschutz, die sie vom Sehen kannte, waren noch Vertreter der Bundespolizei und der hessischen Landespolizei anwesend.
Darunter auch Polizeiführer aus dem taktischen Bereich sowie der Chef der Observierer des BKA, Otto Pringel. Renate war leicht beklommen zumute.
Ihr Chef legte sofort los, kaum dass er sich gesetzt hatte: „Frau Augustin, meine Herren, ich begrüße Sie. Der Anlass unseres Zusammentreffens ist Ihnen allen bekannt. Ich habe noch ganz aktuelle Informationen mitgebracht. Deshalb ist auch Herr Polizeirat Meininger von der Hessischen Landespolizei zu uns gestoßen. Die Neuigkeit besteht darin, dass der uns zugetragene Anschlagsplan in Darmstadt umgesetzt werden soll. Nach derzeitigem Stand ist eine ferngezündete Bombenexplosion zu erwarten. Sie soll im Hauptbahnhof Darmstadt platziert werden. Von einem Mitglied der rechten Szene.
Der Mann ist Mitglied der Neo-Nazi-Gruppierung Volkssturm und das schon seit Ende seiner Schulzeit. Was ihn damals in die Extremistenszene hat abdriften lassen, ist uns nicht im Detail bekannt.
Hier die Fakten, die uns bekannt sind: Der Mann heißt Rolli Körber und könnte an einer beträchtlichen Zahl von Straftaten beteiligt gewesen sein. Jedenfalls steht er bei uns in dem Verdacht. Nachzuweisen war ihm bisher nichts. Das wird sich jetzt hoffentlich ändern!“ Lochner schaute bei dieser Bemerkung die Kollegen von der hessischen Polizei und vom Landesamt für Verfassungsschutz ostentativ an, um dann fortzufahren: „Hier zunächst ein recht gutes Foto von ihm.“ Lochner zeigte auf die Projektionswand, auf der ein wirklich recht präzises Bild des vermutlichen Attentäters eingespielt worden war.
„Der Mann hat im Gegensatz zu etlichen anderen Aktivisten aus der rechten Szene eine völlig unauffällige Vita. Er ist Verwaltungsangestellter bei der Stadt Hanau und betreibt seine Rolle als rechter Aktivist nahezu unauffällig. Er ist zwar hin und wieder bei Demos des Volkssturms vom Verfassungsschutz registriert worden, ist aber kein Schlägertyp, hat sich nie bei aggressiven Aktionen beteiligt und ist deshalb in seinem beruflichen Umfeld unverdächtig. Vielleicht kann Herr Mackenrodt vom LfV später noch etwas Näheres zur Person sagen.“
Der angesprochene Mackenrodt nickte kommentarlos.
„Der genaue Zeitpunkt des geplanten Attentats war bisher nicht zu ermitteln, nur die ungefähre zeitliche Einordnung ist möglich. Die Quelle hat das kommende Wochenende genannt, so dass die konkreten Überwachungs- und Sicherungsmaßnahmen für den Hauptbahnhof Darmstadt ab Freitagabend 22:00 Uhr beginnen. Anlass für die Wahl des Wochenendes ist vermutlich die Austragung des Bundesligaspiels, so dass wir ganz besonders im zeitlichen Umfeld der Anreise der Fans aus Berlin mit dem Anschlag rechnen müssen. Darmstadt spielt gegen den Konkurrenten aus der Bundeshauptstadt, so dass der Andrang sowohl von auswärtigen Fans, die in Sonderzügen anreisen, als auch von Anhängern aus Darmstadts Umgebung groß sein wird. Warum gerade dieses Spiel ausgewählt wurde, ist noch nicht ganz klar. Am wahrscheinlichsten ist, dass mit dem Anschlag im Umfeld des Teams aus Berlin die größtmögliche Öffentlichkeitswirkung erreicht werden soll.
Wir werden also ab Freitag 22:00 Uhr nicht nur über die vorhandenen ständigen Überwachungskameras, sondern mit zusätzlichen Kameras und zusätzlichem Personal das Bahnhofsterrain observieren. Draußen, vor den beiden Zugangsseiten, drinnen ab der Eingangshalle auf der Stadtseite und auch auf den Abstellplätzen von der Seite Zweifalltorweg / Gewerbegebiet. Die Direktion der Bahn ist eingebunden.
Unser Personal wird aus uniformierten Kollegen auch von der Hessischen Landespolizei und aus den Observierern von Herrn Pringel bestehen. Dazu kommen noch Kollegen vom Verfassungsschutz. Alle beteiligten Seiten werden auch verdeckte Ermittler in Zivil oder in Arbeitskleidung der Bahnmitarbeiter einsetzen.
Vom operativen Ablauf her werden wir versuchen, die Unterbringung des Sprengsatzes frühzeitig zu lokalisieren und den Lieferanten festzustellen und ihn sodann zu observieren. Wir werden die Rückmeldung bei seiner Zelle abwarten, derweil den Sprengsatz vom Ort des geplanten Attentates entfernen und ihn durch unsere Experten entschärfen lassen, um dann den oder die Attentäter in die Falle laufen zu lassen. Die Leitung der Operation liegt beim BKA.“
Lochner hatte zunächst alles vorgetragen, was ihm nötig erschienen war. Er gab das Wort weiter an Mackenrodt, indem er ihn mit einer Handbewegung und dem Satz „Herr Mackenrodt, Sie haben das Wort!“ aufforderte zu reden.
Mackenrodt war ein kleiner Mann. Renate dachte an die Beschreibung ihrer Mutter für solche Männer. Sie bezeichnete sie als „Sitzgröße“. Renate musste unwillkürlich bei dem Gedanken lächeln.
Lochner nahm es wahr, denn er beobachtete sie aufmerksam, seit er seinen Vortrag beendet hatte. Als sie es bemerkte, verdichtete sich bei ihr der Gedanke, dass er planen könnte, sie stärker in die Operation einzubinden. Bisher war davon zwischen ihnen nicht gesprochen worden. Sie war ab sofort doppelt wach.
Oliver hatte seine Sachen gepackt, dem Reiseleiter des Veranstalters gesagt, dass er wegen eines Todesfalls in der Familie vorzeitig abreisen müsse, und sich nach den Möglichkeiten erkundigt, einen vorzeitigen Rückflug nach Berlin und einen Shuttlebus zum Flughafen zu organisieren. Der Reiseleiter war behilflich und Oliver hatte Glück. Die einzige Möglichkeit bot sich ihm am frühen Dienstagnachmittag, als ein Wechsel der schon länger in Urlaub befindlichen Gäste des Clubs gegen neu Anreisende bevorstand. Es war auf dem Flug von Mallorca nach Berlin genau ein Sitzplatz vakant, der für ihn umgehend gebucht wurde. Er bekam auch einen Sitz im Shuttlebus zum Flughafen, bedankte sich für die Unterstützung des Reiseleiters und dachte bei sich, dass ihm alles zu glatt ging. Ob das ein gutes Omen war?
Renate hatte die richtige Vorahnung gehabt. Als Mackenrodt seinen Vortrag zur Person des vermutlichen Attentäters beendet hatte, zog Lochner das Wort wieder an sich. „Vielen Dank für Ihre Ausführungen. Die ganze Aktion läuft ja sehr kurzfristig auf uns zu. Andererseits müssen wir dankbar sein, dass wir überhaupt von dem Verdacht erfahren haben. Es würde kein gutes Bild für die Sicherheitsorgane des Staates abgeben, wenn wir gar keinen Draht zur Szene hätten und von den Ereignissen überrollt würden. Deshalb, gehen wir entschlossen zu Werke.“ Der Satz kam aus Lochners Mund wie ein Befehl.
„Das Lagezentrum wird aus gegebenem Anlass in Darmstadt aufgebaut. Die Installation von Technik und Personal beginnt wegen des technischen Aufwandes schon heute am Dienstag. Insgesamt setzen wir, Bund und Land, rund 500 Mitarbeiter ein. Mehr Personal ist nicht verfügbar. Das BKA hat seine technische Abteilung mit den Vorbereitungen betraut. Es wird alles vorhanden sein, was wir standardmäßig bei solchen Einsätzen installieren. Wir sind mit Herrn Mackenrodt und Herrn Meininger übereingekommen, dass beide die stellvertretende Leitung übernehmen. Von unserer Seite wird Frau Oberrätin Augustin den Einsatz leiten. Frau Augustin, Herr Mackenrodt, Herr Meininger, Herr Pringel, ich darf Sie bitten, sich hinsichtlich der organisatorischen Fragen miteinander abzustimmen. Gibt es ansonsten noch Fragen?“ Lochner schaute im Kreis. Niemand rührte sich. „Dann darf ich mich bei allen Anwesenden für die Teilnahme bedanken und die Sitzung schließen.“ Lochner erhob sich, nickte allen zu und verschwand ohne mit Renate noch ein Wort geredet zu haben.
Renate war wie versteinert. Was war in ihren Chef gefahren, sie in so eine Bredouille zu bringen? Ohne jede Vorwarnung. Sie musste es bei anderer Gelegenheit hinterfragen. Jetzt war dafür keine Zeit. Sie setzte sich mit Pringel, Mackenrodt und Meininger an einen Tisch und begann damit, die notwendigen direkten organisatorischen Absprachen für die Leitung der Aktion zu treffen.
Oliver kam am Dienstagabend in Berlin an und fuhr direkt zu sich nach Hause. Er hatte die Firma kurz über den zeitlichen Ablauf seiner Rückkehr aus dem Urlaub benachrichtigt.
Auf seinem Handy war kurz nach der Landung eine SMS eingegangen, die ihn darüber informierte, dass er am nachfolgenden Morgen um 08:30 Uhr zu einer Besprechung verabredet war. Er nahm sich vor, bald ins Bett zu gehen, obwohl er nicht müde war. Viel mehr war er gespannt zu erfahren, was ihn konkret erwartete.
Der Abbruch der Verhandlungen in Casablanca war die eine Sache, aber darauf konnte ein Agent wie er keinen Einfluss haben. Was also hatte seine Rückkehr erfordert?
Als er am Mittwochmorgen wegen eines Staus leicht verspätet in sein Büro kam, war schon ein Kollege anwesend, der auf ihn wartete. „Du musst sofort zum Chef! Lass alles stehen und liegen und komm mit. Alle warten schon auf dich.“
Seine Spannung wuchs. Er folgte dem Kollegen zum Aufzug und fuhr mit ihm vier Etagen nach unten, um zu einem im letzten Untergeschoss liegenden abhörsicheren Lageraum zu gelangen.
Sechs Mitarbeiter des Dienstes waren schon im Raum. Auch sein Chef, der mit einem unbekannten Mann zusammenstand und irgendetwas besprach. Als Oliver den Raum betreten hatte, wurde es still. „Herr Lieber, schön dass Sie endlich zurück sind.“ In dem Satz schwang eine kleine Rüge wegen Olivers Verspätung mit, obwohl alles sehr freundlich klang. Sein Chef kam zwei Schritte auf ihn zu und gab ihm die Hand. Der andere Mann folgte in kurzem Abstand.
Olivers Chef stellte ihn vor: „Das ist Herr Fricke aus dem Außenministerium, der uns gleich mit den aktuellen politischen Anforderungen der Bundesregierung an uns und damit an Sie vertraut machen wird. Aber setzen wir uns doch erst einmal.“
Oliver begrüßte Herrn Fricke und setzte sich an den großen rechteckigen Tisch, auf den sein Chef gezeigt hatte. Fricke setzte sich ihm gegenüber und sein Chef an die Kopfseite.
Die übrigen Mitarbeiter im Raum nahmen Plätze an weiteren Tischen ein. Zwei waren Computerspezialisten der Firma, die Oliver vom Sehen kannte. Einer war Geograph. Oliver hatte mit ihm seine Reise zu den Turkmenen aus landschaftlicher und meteorologischer Sicht vorbereitet, weil dieses Gelände zwischen der türkischen Grenze und dem Gebiet nördlich der Stadt Aleppo zu den weniger bekannten Zonen gehörte, auch für Oliver. Ab Aleppo nach Süden und Westen hatten aufständische Syrer das Sagen. In der Zone nach Norden kurdische Einheiten, zwischen denen und der türkisch-syrischen Grenze die Turkmenen, zu denen er gereist war.
Einen weiteren Mitarbeiter kannte er vom „Reiseservice“, wie die Abteilung im Haus genannt wurde, die die Vorbereitungen für Auslandsaufträge traf und die ihm von den Flugverbindungen bis zur Ausrüstung alles lieferte, was technisch notwendig war.
Der Letzte in der Reihe der Anwesenden war Oliver unbekannt. Er schätzte, dass der Mann aus dem „operativen Geschäft“ war. Ein Außenagent also.
Daneben saß ein Offizier der Bundeswehr. Ein Major, den Oliver auch nicht kannte.
Olivers Chef riss ihn aus seinen Beobachtungen. „Ich gehe mal davon aus, dass Sie Zeitungen gelesen haben im Urlaub. Vielleicht auch Nachrichten geschaut?“
Oliver nickte.
„Das ist gut. Denn dann sollten Sie wissen, dass die Verhandlungen in Casablanca zur Beilegung der Syrienkrise abgebrochen worden sind. Da liegt der Hund begraben, weswegen wir Sie zurückgerufen haben. Die Folgen für Deutschland und damit für ganz Europa sind unsäglich, wenn die Verhandlungen nicht aus irgendeinem unbekannten Grund doch wieder aufgenommen werden sollten. Damit kommt die Bundesregierung ins Spiel, zu deren Positionierung Herr Fricke uns einen kurzen Bericht gibt.“
„Ja, gerne. Vielen Dank“, hob Herr Fricke an und stand auf, während gleichzeitig von unsichtbarer Hand eine Karte des Nahen Ostens auf der Leinwand des Lageraums erschien, um sich später, im Laufe des Vortrags, auf das Gebiet von Syrien, dem Libanon und der Grenze zur Türkei zu fokussieren.
„Wenn wir das Thema, dessen Bedeutung für uns aktuell gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, systematisch analysieren wollen, gehört dazu eine kurze Betrachtung der Entwicklung im Nahen Osten über einen längeren Zeitraum. Alles begann damit, dass die Türken, als ihr Reich noch Osmanisches Reich hieß, große Teile des heutigen nahen Ostens unter ihrer Kontrolle hatten. So auch Syrien, den Libanon, Palästina, den Sinai, einschließlich des heutigen Israel, sowie den Irak. Die aufstrebenden Großmächte des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts waren Großbritannien und Frankreich, die ihre Interessen in den Nahen Osten und nach Afrika ausdehnten. Damit kamen sie mit dem Osmanischen Reich in Konflikt, das seine Vorherrschaft im arabischen Nahen Osten zunächst weitgehend behaupten konnte, aber durch eigene Fehler und sein Bündnis mit dem Deutschen Reich im Ersten Weltkrieg auf die Verliererseite geriet. Dadurch ging dessen Kontrolle über den Sinai, Palästina, Libanon und Syrien sowie den Irak verloren. Diese Gebiete wurden später zwischen Großbritannien und Frankreich aufgeteilt.
Man kann das Ergebnis der diplomatischen Verhandlungen, dem sogenannten Sykes-Picot-Abkommen, zwischen diesen beiden Mächten ganz gut auf der Landkarte, die uns hier an die Wand projiziert worden ist, erkennen. Manche der Grenzlinien, wie hier zwischen Irak, Syrien und Jordanien, sind geradezu wie mit dem Lineal gezogen worden. Da spielte ethnische Zusammengehörigkeit keine große Rolle. Es wurde am grünen Tisch nach geostrategischen und ökonomischen Interessen entschieden. Konflikte mit den ansässigen Völkern, die nicht gefragt wurden, waren vorprogrammiert, blieben aber zunächst wegen der militärtechnischen Überlegenheit der beiden Großmächte begrenzt oder ohne Erfolg. Beide Großmächte verhielten sich den Arabern, etwa Saudi Arabien gegenüber als rücksichtslose Wahrer ihrer eigenen Interessen und hielten Versprechen nicht. Das gilt im Übrigen auch für die Zusage gegenüber den Kurden, ihnen ein eigenes Staatsgebiet zu gewähren. Diese Einschätzungen der großen Westmächte als unzuverlässige, nicht vertrauenswürdige Vertragspartner gelten bei den Völkern im Nahen Osten bis heute fort.
Nachdem diese Gebiete im vergangenen Jahrhundert eine relative Unabhängigkeit gewinnen konnten und Großbritannien und Frankreich, auch infolge des Zweiten Weltkriegs, an Einfluss verloren, begannen sich einige Staaten in diesem Gebiet den neuen Blöcken, Ost und West, anzuschließen, um dem fortbestehenden Druck der Engländer und Franzosen zu entkommen.
So banden sich Syrien und Ägypten, auch der Irak, an die Sowjetunion. Der neu gebildete Staat Israel war von Anfang an mit den USA verbündet, die nach dem zweiten Weltkrieg die tonangebende Macht im Nahen Osten wurden und England und Frankreich Schritt für Schritt zurückdrängten.
Vor allem zwischen den USA und den Saudis und ihren unmittelbaren Nachbarn am Golf gab es wegen des Öls enge Verflechtungen.
Als der Schah von Persien gestürzt wurde, bekam der Irak eine besondere strategische Rolle für die USA. Sie ermutigten den damaligen irakischen Machthaber Saddam Hussein zum Krieg gegen das Regime der Ajatollahs im jetzt Iran genannten ehemaligen Persien. Der sich daraus entwickelnde Konflikt zwischen Irak und Iran ging ohne Sieger zu Ende. Der gefühlte Sieger war aber der Iran, der, zunächst militärisch in die Defensive geraten, in verlustreichen Kämpfen die irakischen Truppen zurückwarf. Der anschließende Friede war für Saddam Hussein eine gefühlte Niederlage. Er verlor zwar keine Gebiete, musste aber das Heranwachsen des schiitischen Iran zur Vormacht am Golf akzeptieren.
Als Saddam dann versuchte Kuweit zu erobern, angeblich durch die USA ermuntert, schalteten diese sich ein, wandten sich gegen Saddam und der nächste Golfkrieg nahm seinen Lauf.
Saddam, geschwächt durch diese Niederlage gegen ein Aufgebot an internationalen Truppen unter Führung der USA, wurde durch äußere Umstände und eigene Fehler immer mehr zu einer Hassfigur in der internationalen Politik.
Seit der Auflösung der Blöcke im Zuge der Implosion der Sowjetunion ergaben sich neue Allianzen im Nahen Osten.
Als die USA dann den dritten Golfkrieg vom Zaun brachen, weil Saddam Hussein angeblich chemische und nukleare Waffen besaß, eine These, die der BND vergeblich gegenüber der Regierung der USA zu widerlegen versuchte, kam das Regime von Saddam Hussein zu Fall. Sein Sturz beendete auch die sunnitische Vorherrschaft im überwiegend schiitischen Irak. Saddam Hussein war in einem Versteck aufgespürt, vor ein schiitisches Gericht gestellt und aufgehängt worden.
Die von den Amerikanern eingesetzte neue irakische Regierung, gebildet aus der schiitischen Mehrheit im Irak, wollte die Sunniten des Landes benachteiligen und nicht wieder zu Einfluss gelangen lassen. Das führte zu unseren heutigen Problemen.
Wenn Sie so wollen, begann mit dem Sturz Saddam Husseins die endgültige Fehlentwicklung für uns. Sein Sturz war die Keimzelle, aus der heraus sich alles andere ergab. Bis hin zu unseren Flüchtlingsproblemen.
Gerüchte behaupten, dass Saddam Hussein kurz vor der Gefangennahme über den Verrat der Amerikaner an ihm geweint hätte. Er hatte für sie den Krieg gegen den Iran angezettelt und wollte bis zum Schluss nicht glauben, dass sie ihn fallen gelassen hatten, denn er war der Ansicht, dass er und die Amerikaner gleichgerichtete Interessen hätten und deshalb natürliche Verbündete seien. Der einst rücksichtslose irakische Herrscher und Mörder von so vielen Menschen soll den Amerikanern unter Tränen Rache geschworen haben.
So gingen Teile der verbliebenen ehemaligen sunnitischen Führungselite in den Untergrund und begannen sich neu zu organisieren und benutzen ihren sunnitischen Glauben als ideologische Klammer für alle Anhänger. Aus ihrem militärischen Arm erwuchs die Bewegung des Islamischen Staates, die ein neues Kalifat über die Grenzen des Iraks, Syriens, Jordaniens und von Teilen Saudi Arabiens errichten will. Der IS hat den Rückzug der Truppen der USA aus dem Irak abgewartet, um sich sodann militärisch bemerkbar zu machen. Dabei wurde er zunächst sträflich unterschätzt. Seine Kämpfer sind streng durch ihr sunnitisches Glaubensbekenntnis an ihre Gemeinschaft gebunden. Der Märtyrertod gilt ihnen als höchste Auszeichnung.
Ihr Umgang mit Andersgläubigen ist rücksichtslos. Schiiten sind des Todes. Es gilt als gerechtfertigt, sie umzubringen. Das gilt auch für Christen und andere Glaubensgemeinschaften. Alle diese Irrgläubigen sind entweder zu bekehren oder zu töten. Bei den Schiiten gilt im Übrigen Ähnliches.
Der IS wird zum Teil von den Saudis unterstützt. Damit nähern wir uns unserem eigentlichen Thema:
Das sunnitische Saudi Arabien sieht sich durch das schiitische Teheran in seiner Vormachtstellung auf der arabischen Halbinsel und in der ganzen Region gefährdet. Die Saudis wollen aus anderen Gründen eigentlich den Niedergang des IS. Bekämpften ihn bisher aber nur halbherzig.
Die Iraner fördern die Truppen der syrischen Regierung, die von der Familie des alawitischen Präsidenten Assad befehligt wird.
Die Saudis bekämpfen offiziell die syrische Regierung und den IS, haben aber dennoch Kontakte zu beiden Seiten. Ihr Hauptziel ist die Begrenzung des iranischen Einflusses am Golf.
Ähnlich ambivalent verhalten sich die Russen, die ganz andere Motive haben und schon dem Vater Assad zur Seite standen. Sie wollen durch ihren Einsatz in Syrien ihre Rolle als großer Mitspieler auf der Weltbühne der Politik erzwingen. Es wird ihnen wohl gelingen.
Ein verwirrendes Gemisch von zum Teil widerstreitenden Interessen beherrscht die Handlungen der Mächte in diesem Teil der Welt.
Der springende Punkt war bis jetzt, dass es gelungen war, alle wichtigen Akteure an den Verhandlungstisch zu bringen, um die Situation zu beruhigen und ein Ende des Krieges herbeizuführen. So jedenfalls die offizielle Version der USA.
Was jetzt aber gelaufen ist, bringt den absoluten Rücksturz in die alte Zeit. Beide Antipoden der sunnitischen und der schiitischen Seite, Saudi Arabien und Iran, haben sich wieder vom Verhandlungstisch entfernt. Die Lage ist für uns nicht voll durchschaubar. Es kann sein, dass die Iraner den Saudis eine Laus in den Pelz gesetzt hatten, die Sache also in Teheran ihren Ausgangspunkt nahm. Es kann aber auch sein, dass die Saudis stille Post von einer anderen Macht erhalten haben, in der stand, dass sie sich besser eine Rückzugsmöglichkeit sichern, um in bestimmter Lage noch aussteigen zu können.
Seit zwei Tagen ist jedenfalls der beschriebene Fall eingetreten. Beide Seiten stoppten die Gespräche zur Beilegung der Syrienkrise und sind vom Verhandlungsort Casablanca abgereist.
Und wir in Deutschland und im übrigen Europa können uns im Ergebnis wieder auf anschwellende Flüchtlingsströme gefasst machen. Ganz besonders dann, wenn der kalte Krieg zwischen Teheran und Riad zu einem heißen Krieg ausartete, während unsere Beziehungen zur Türkei angespannt bleiben.
Weitere Flüchtlinge wollen wir aber nicht.“
Legationsrat Fricke unterbrach seinen Vortrag und legte eine Pause ein. Aber Oliver hatte das Gefühl, der Part von Fricke sei noch nicht zu Ende.
So verhielt es sich auch. Fricke blätterte einen Handzettel um und suchte anscheinend nach einem Stichwort. Oliver fand ihn an dieser Stelle leicht gekünstelt, fast schon bühnenreif.
Dann tat er so, als hätte er das Stichwort gefunden. „Ah ja, das ist es“, fuhr er fort. „Wir müssen Umstände schaffen, in denen es möglich ist, das Wiederaufleben des Flüchtlingsstroms aus Syrien zu verhindern. Es ist das erklärte Ziel der Bundesregierung, eine Zuspitzung der innenpolitischen Situation in Deutschland, wie bei der ersten großen Flüchtlingswelle, zu unterbinden. Wir werden einen Zustand wie damals innenpolitisch nicht mehr schadlos überstehen. Deshalb“, Fricke machte eine Kunstpause, „wird die Bundesregierung alle Mittel einsetzen, um dem gegenzusteuern. Darum“, fuhr Fricke fort, „hat die Bundesregierung ab sofort den BND eingeschaltet, um in der Grenzregion Syriens für eine Situation zu sorgen, die die Durchreise von Menschen an die türkische Grenze erschwert oder ganz unmöglich macht.“
Fricke beendete seinen Auftrag abrupt und ließ den letzten Satz so stehen. Ohne weitere Ausgestaltung der Anforderung.
Oliver dachte, dass das ziemlich schlau war, denn der schmutzige Part fiel damit seinem Chef zu. Fricke setzte sich zum Zeichen, dass sein Vortrag nun wirklich beendet war, wieder auf seinen Stuhl und schaute Olivers Chef von der Seite an.
Renate saß regungslos in ihrem Büro. Sie kam nicht dahinter, was Lochner mit seiner Entscheidung bezweckte, sie mit der Leitung dieses Großeinsatzes in Darmstadt zu beauftragen. Bisher war sie mit ihm ganz gut ausgekommen. Zwar hatte sich keine große Nähe zwischen ihnen entwickelt. Aber aus ihrer Sicht war alles in Ordnung. Warum dann diese überfallartige Beauftragung? Sie fand keine Antwort.
Zum Glück hatte sie sich nichts anmerken lassen, solange die Kollegen von Verfassungsschutz und Landespolizei noch im Tagungsraum anwesend waren. Ihre Abstimmung war reibungslos verlaufen. Zweifel an der Durchführbarkeit des Vorhabens hatten Mackenrodt und Meininger nicht geäußert. Otto Pringel hatte zu der Zeit die Runde schon verlassen. Er hatte noch einen anderen Termin.
Sie selbst hatte da schon eher Zweifel.
Begonnen bei Lochners Vortrag. Als Lochner berichtet hatte, dass die eigenen Leute zum Teil auch in Bekleidung der Bahnmitarbeiter auftreten würden, waren ihr Bedenken gekommen. Was, wenn aus dem Kreis der Attentäter auch Leute in Bahnkleidung auftraten? Was, wenn der Lieferant selber Bahnmitarbeiter war? Was, wenn nicht der verdächtigte Rolli Körber selber der Lieferant war, sondern eine ebenso unauffällige, aber bisher unbekannte Person?
Die Polizeiführer vor Ort würden alle ihre Leute unbedingt auseinanderhalten müssen. Aber waren alle Leute vom Verfassungsschutz allen Polizeiführern bekannt? Ob das bei dem Gedränge im Zuge der herannahenden Massen der Fußballfans sicherzustellen sein würde?
Das galt natürlich auch für die Tage vor dem Fußballspiel, weil die Personenfrequenz auf dem Darmstädter Hauptbahnhof regelmäßig sehr hoch war. Sie musste es beim nächsten Treffen hinterfragen.
Zumindest im Hinblick auf die ansonsten bekannten Aktivisten der Rechten hatten sie bei der Besprechung vereinbart, dass Mackenrodt alle Personaldaten inklusive der vorhandenen Fotos bis Mittwoch bereitstellen und an Meininger und sie übermitteln würde, damit die eigenen Mitarbeiter Zeit hatten, die infrage kommenden Gesichter zu studieren.
In jedem Fall kam es vornehmlich darauf an, dass Lochners Plan, die Bombe samt Lieferant vorab zu identifizieren, funktionierte. Wenn das geschafft war, konnte man den Ablauf mit den Fans ruhiger angehen lassen. Jedenfalls was den originären Auftrag anging.
Wenn der erste Abschnitt der Aktion allerdings nicht planmäßig laufen sollte, wären die Karten neu gemischt.
Denn wenn die Bombe scharf gemacht irgendwo auf dem Bahnhofsgelände lagern sollte, ohne dass ihre genaue Position bekannt wäre, dann wäre die Büchse der Pandora offen! Bei dieser Vorstellung wurde ihr flau im Magen.
Die wahre Chance für die Entdeckung der Bombe und des Lieferanten lag tatsächlich in der Phase vor dem Fußballereignis am Samstag. Wenn der Lieferant sich tatsächlich an die Erledigung seiner Aufgabe machen würde, würde er vermutlich einen Zeitraum im Berufsverkehr wählen. Nur dass in Darmstadt wegen der vielen Studenten über den ganzen Tag verteilt ständig eine Art Berufsverkehr herrschte. Eine knifflige Situation, weil dadurch die Zeitabschnitte von Relevanz vervielfacht wurden. Die Observierer vor Ort mussten über lange Strecken gut konzentriert bleiben. Das galt ganz besonders auch für jene Mitarbeiter in der Einsatzzentrale, die alle Bildschirme im Blick behalten mussten. Renate hatte sich mit Meininger und Mackenrodt für morgen Nachmittag zum Ortstermin in Darmstadt verabredet. Sie mussten das Gelände genau kennen. Alle Ecken und Winkel der Örtlichkeit inspizieren. Es würde auf jede Kleinigkeit ankommen. Auch mögliche Verstecke mussten sie auskundschaften. Dabei würde ihnen der stellvertretende Bahnhofsvorsteher zur Seite stehen. Treffpunkt war morgen, Mittwoch, um 15:00 Uhr im Hauptbahnhof Darmstadt.
Die Brockmanns wohnten seit mehr als zwei Jahren vornehmlich in Berlin. Manfred Brockmann hatte nach seiner Zeit als Chef des BKA vor drei Jahren die Berufung zum Staatssekretär angenommen und war damit beauftragt worden, die neue Struktur der deutschen Geheimdienste zu entwerfen. Diese Arbeit konnte nicht von Mainz aus erledigt werden, wo sie ihr gemeinsames Zuhause hatten. Für Barbara brachte diese Entscheidung den Vorteil, nicht mehr an den Wochenenden von ihrem Arbeitsplatz im Innenministerium in Berlin nach Frankfurt fliegen zu müssen, um mit Manfred zusammen sein zu können, wie sie es über mehrere Jahre getan hatte, als ihr Mann noch an der Spitze des BKA gestanden hatte.
Sie hatten Glück gehabt und eine Wohnung am Hausvogteiplatz gefunden und sofort zugegriffen. Solch eine Gelegenheit ergab sich nur selten. Sie waren glücklich über ihre Entscheidung, denn die Wohnung lag zentral und doch ganz ruhig. Sie hatten sie gemeinsam eingerichtet, wenn auch Barbaras Handschrift deutlich erkennbar war. Ihr Hang zum Minimalistischen hatte sich durchgesetzt, ohne dass die Wohnung dadurch kühl wirkte.
Durch die Nähe zur U-Bahn-Station am Hausvogteiplatz war sie auch besonders verkehrsgünstig gelegen. Barbara benötigte kein Auto, um zum Dienst zu fahren. Brockmann selbst hatte sein Auto in der Tiefgarage, benutzte aber ebenfalls gerne die U- und S-Bahn in der Stadt, weil sie in ihrer Effizienz unübertroffen waren.
Brockmann erwartete heute einen Besucher, der sich am Vortag telefonisch angekündigt und um ein Gespräch unter vier Augen nachgesucht hatte. Wenn möglich in der privaten Atmosphäre der Brockmannschen Wohnung, was völlig ungewöhnlich war.
Brockmann hatte dem Wunsch des Anrufers zugestimmt, auch wenn ihm bei der Sache nicht ganz wohl war. Barbara und er wollten ihre Privatsphäre auch privat halten. Aber der Anrufer hatte einen guten Grund genannt: Er behauptete, wegen der Thematik, die er besprechen wolle, unter ständiger Beobachtung durch Presse und ausländische Nachrichtendienste zu stehen.
Er wohnte nur drei Häuser weiter und es gab eine Verbindung über die Gärten der Innenhöfe zwischen ihren Häusern, so dass der Mann das Haus, in dem die Brockmanns wohnten, erreichen und betreten konnte, wenn Brockmann ihm den Durchlass im relativ hohen schmiedeeisernen Gartenzaun öffnete, um den Weg über die Straße zu vermeiden.
Brockmann hatte Barbara am Vorabend von dem Anruf berichtet, weil er eine ganz bestimmte Erwartung an das Gespräch hatte und Barbara keinesfalls nachträglich mit etwaigen Weiterungen des zunächst Erwartbaren überraschen wollte.
Er kannte seinen Besucher nur von einer einzigen Begegnung, denn die vorläufige Abschlussbesprechung mit seiner Kommission war schon in die Amtszeit der neuen Regierung nach der letzten im Frühherbst gelaufenen Bundestagswahl gefallen. Die alte Bundesregierung hatte das Ergebnis der ersten Version auf Eis gelegt, weil es ihr taktisch nicht in die innenpolitische Landschaft passte, so kurz vor der Wahl. Die neue Regierung hatte sich nach ihrer Amtsübernahme nur ins Bild setzen lassen wollen. Da war er Karl Pfister zum ersten und bisher einzigen Mal begegnet, der als Abgeordneter der ehemaligen Oppositions- und nunmehr neuen Regierungsfraktion im Bundestag saß und in dieser Funktion dem Geheimdienstausschuss des Parlaments schon länger angehörte und dadurch Zugang zum vorläufigen Entwurf der Brockmann-Kommission erhalten hatte.
Pfister war der persönliche Vertraute des neuen Außenministers. Deren Freundschaft bestand dem Vernehmen nach schon seit vielen Jahren. Seine Berufung zum Staatssekretär hatte sich wegen einer Anhörung im Auswärtigen Ausschuss des Parlaments verzögert, so dass dadurch sein Name einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde. Er hatte sich früher als Wissenschaftler einen Namen als Spezialist für den Nahen Osten gemacht. Seine Berufung an die Humboldt-Universität in Berlin war bereits vor etlichen Jahren erfolgt.
Brockmanns Telefon klingelte. Er hob ab. Pfisters leicht schwäbisch gefärbte Stimme sagte „Jetzt“ und die Leitung war wieder unterbrochen.
Brockmann schaute auf die Uhr. Es war 09:30 Uhr an diesem Dienstag. Er griff sich seine Schlüssel, verließ seine Wohnung, fuhr mit dem Aufzug bis in den Keller, ging über die Kellertreppe wieder nach oben, um an die Gartenseite zu gelangen, ohne dass er durch die Glasscheiben der großen Eingangstür seines Hause hätte beobachtet werden können, und verließ das Haus über den Innenhof. In einiger Entfernung sah er Pfister auf den Gartendurchlass zustreben.
Brockmann probierte den Schlüssel, den er erst einmal benutzt hatte. Er funktionierte. Die Pforte war auf. Pfister gab ihm die Hand und drängte vorwärts. Es schien Brockmann, als wäre Pfister gehetzt. Brockmann schloss gewissenhaft ab und folgte seinem merkwürdigen Besucher. Offenbar fürchtete Pfister, jemand könnte aus den Fenstern zum Innenhof die Szene der Begegnung beobachten. Das kam Brockmann merkwürdig vor. Der Mann verhielt sich, als wäre er von einem Verfolgungswahn befallen.
Pfister wusste genau, wo Brockmanns Haus den rückwärtigen Eingang hatte und steuerte zielstrebig darauf zu. Bevor er das Haus vor Brockmann betrat, sah er sich noch einmal kurz im Rund des Innenhofes nach allen Fenstern um, ohne etwas zu entdecken. Dann verschwand er vor Brockmann im Treppenhaus.
Brockmann sagte knapp „Nach unten“ und zeigte auf die Treppe zum Keller. Pfister verstand nicht gleich.
„Man könnte uns ansonsten im Treppenhaus von außen sehen.“ Jetzt verstand Pfister den Umweg und marschierte wieder voran.
„Jetzt nach links!“ Auf Brockmanns Kommando bog Pfister nach links ab und stand vor dem Aufzug, der sie in die Brockmannsche Wohnung brachte.
Renate fuhr am Mittwoch nach dem Mittagessen mit der Regionalbahn von Wiesbaden nach Darmstadt. Sie wollte in der Rolle der Anreisenden auf Darmstadt zufahren und als Reisende auf dem Bahnhof ankommen, nicht mit dem Auto. Das war zwar nur eine der möglichen Perspektiven, aber sie hatte sich so entschieden.
Als sie aus dem Zug ausstieg, war es noch Zeit bis zum vereinbarten Termin. Sie schaute sich auf dem Bahnsteig um. Ihr fiel als Erstes auf, dass die Treppen, die zum Übergang über die Gleisanlagen führten, sehr eng waren. Durch die Existenz von in der Mitte zwischen den Treppen eingelassenen Aufzügen mussten die Passagiere nach rechts und links ausweichen. Dadurch würde sich das Gedränge noch potenzieren. Taschen, Koffer, jedwede Art von Behältnis war auf der Passage der Treppe niemals hinreichend zu identifizieren! Erst wenn sich die Reisenden oben auf der als Übergang über die Gleisanlagen angelegten Passage befanden, konnte sich der Strom der Menschen etwas entzerren.
Renate stieg die Treppen hoch und drehte sich auf dem ersten Absatz um. Sie konnte von dort den Bahnsteig hälftig überblicken. Die andere Hälfte Richtung Süden lag hinter der Treppe. Diesen Bereich würde man anders überwachen müssen.
Sie ging weiter nach oben auf die Passage, auf der sich Geschäfte in einzelnen Ladencontainern befanden, und wandte sich nach rechts, um den Ausgang ins Gewerbegebiet zu inspizieren. Auf dem Weg befanden sich weitere Ladenlokale, jetzt aber nicht in Containern, sondern in klassischer Form, da das neue Treppenhaus auch dem neuen Bürogebäude als Zugang diente. Sie ging nicht bis zur Straße hinunter, da ihr dafür die Zeit bis zum Treffen auf der anderen Ausgangsseite des Bahnhofs zu kurz bemessen war. Aber sie konnte schon von oben erkennen, dass man auf dieser westlichen Seite des Bahnhofs sehr viel ungestörter aus einem Auto aussteigen konnte als auf der Seite des alten Haupteingangs mit seinem Vorplatz und den Straßenbahnen und Bussen. Wenn man gefahren wurde und sich nicht um einen Parkplatz kümmern musste, war hier ein idealer Zugangspunkt.
Sie kehrte um und traf zuerst auf Meininger, der in Zivil erschien. Er hatte ebenfalls die Bahn als Transportmittel gewählt und stieg gerade die Treppe hoch, als sie vorbei kam. „Auch mit der Bahn gefahren? Wie ist Ihr erster Eindruck vom Umfeld?“
„Alles sehr klare Linien und doch verschachtelt. Ich kenne mich hier aus. War früher hierher versetzt worden. Bin dann immer mit der Bahn gefahren.“ Knapp aber klar, dachte Renate. Es konnte sich noch als sehr vorteilhaft erweisen, dass einer von ihnen größere Ortskenntnisse aufwies. Sie gingen weiter bis zum sehr schön restaurierten alten Haupteingang, wo sie auf Mackenrodt trafen, der mit dem Wagen gekommen war. Er hatte den stellvertretenden Bahnhofsvorsteher schon gefunden und unterhielt sich mit ihm.
Als sie einander bekannt gemacht hatten, der Mann hieß Zielen, begannen sie ihre Tour.
Brockmann bat Pfister, sich zu setzen. Sie befanden sich im Wohnzimmer und Brockmann hatte die Vorhänge zugezogen. So war die sehr schöne Fernsicht durch die Mohrenstraße nach Westen nur zu ahnen. Pfister hätte dafür aber wohl auch kein Auge gehabt, denn er setzte sich mit dem Rücken zur Fensterseite in einen der Sessel, die um das Sofa und den kleinen Tisch in der Mitte der Sitzgruppe standen.
„Danke, dass Sie mich so prompt und ohne Zögern in Ihrer privaten Sphäre empfangen. Ich weiß, wie ungewöhnlich mein Ansinnen auf Sie wirken muss. Aber mein Grund ist ganz einfach. Ich habe mich in eine Sache verstrickt, die polizeilicher Hilfe bedarf. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich wissenschaftlich speziell mit dem Nahen Osten beschäftigt gewesen. Habe viele Reisen dorthin gemacht, Kontakte geknüpft und auch Freundschaften geschlossen. Im Zuge der Migrationswelle sind auch Menschen, mit denen ich gut bekannt bin, nach Deutschland gekommen. Haben hier Zuflucht gefunden und sich ein neues Leben aufgebaut. Darunter auch Libanesen, die ich seinerzeit in Beirut kennengelernt hatte. Sie werden jetzt für mich zum Problem. Sie versuchen mich zu erpressen. Dafür gehen sie sehr subtil vor. Sie haben der Presse einen Wink gegeben. Ich bin, wenn ich keinen Ausweg finde, in wenigen Tagen mein Amt als Staatssekretär und bald darauf auch mein Bundestagsmandat los. Ich muss versuchen, aus dieser Falle, die die Libanesen mir gestellt haben, herauszukommen.“
Pfister machte eine Pause, um Brockmanns Reaktion zu testen. Brockmann reagierte, wie er es hunderte Male in seinem Beruf gemacht hatte. Er fragte ohne eine Regung erkennen zu lassen: „Was ist das für eine Falle? Bitte klar und ohne Umschweife.“
„Ich hatte damals in Beirut Zugang zu einem Etablissement, in dem mir Wünsche erfüllt wurden, die alle meine Erwartungen übertrafen. Ich hatte Verkehr mit sehr jungen Mädchen. Diese Mädchen waren in Liebesdingen sehr erfahren, obwohl noch blutjung.“
Brockmann hatte umgehend eine Einschätzung der Lage und wusste damit auch schon, was Pfister noch berichten würde. Bis auf das Ziel der Erpressung, das er nicht kannte. „Berichten Sie präziser, detaillierter über den Charakter der Erpressung.“
Pfister begann sich zu winden. „Die Mädchen waren nicht volljährig“, versuchte Pfister seine Situation ausweichend zu umschreiben.
„Genauer und detaillierter, habe ich gesagt. Versuchen Sie nicht, die Dinge bei mir zu verniedlichen. Ich will alles von Ihnen hören. Den ganzen Umfang dessen, worin Sie verstrickt sind. Bitte zügig. Für einen Polizisten sind Ihre Einlassungen nun nicht so ein völlig neues Terrain, dass es mich aus dem Sessel wirft. Wie jung waren die Mädchen?“
Pfister schien einerseits erleichtert, hatte andererseits nicht die Traute, seine Verfehlungen leichten Herzens zu beichten. „Etwa zwischen elf und fünfzehn Jahren alt.“ Er zögerte wieder.
Brockmann hatte flink alle bisherigen Informationen überschlagen und vorsortiert. Konnte gut sein, dass da noch mehr dahintersteckte und Pfister nur ein Testballon war, der Brockmanns grundsätzliche Bereitschaft, sich für einen Hilfesuchenden zu engagieren, in Erfahrung bringen sollte. „Lassen Sie nichts aus. Geben Sie mir alle Details. Sonst kann ich Ihnen nicht helfen!“
Das Stichwort, auf das Pfister gehofft haben musste, war gefallen. Wenn er es mit seiner Sache ernst meinte, musste er jetzt weiterreden.
„Als die Libanesen hier heimisch geworden waren, haben sie zunächst ihre alten Geschäftsgebiete wieder aufgebaut. Hier bei uns.“
„Von welchen Geschäftsgebieten reden Sie?“
„Drogen vor allem. Dann auch Menschenhandel. Auch im Schleusertum von Flüchtlingen sind sie zu Hause.“
„Und die Mädchen?“ Brockmann wollte nicht, dass Pfister auf vermeintliche Nebengebiete auswich. Er sollte zu seinen eigenen Problemen zurückkommen.
„Ja, die Mädchen kann man hier auch wieder buchen.“ Pfister sagte es ganz beiläufig, so als hätte es nichts mehr mit ihm zu tun.
„Berichten Sie genauer, wann Sie das erste Mal in Deutschland diese Dienste Ihrer libanesischen Bekannten in Anspruch genommen haben.“ Brockmann konnte Pfister jetzt nicht vom Haken lassen. Jetzt wurde es interessant.
„Vor drei Jahren.“
„Welche Dienste? Nur die Mädchen? Oder auch andere Dinge?“
Pfister zögerte wieder. Brockmann spürte förmlich, dass da noch mehr war. Er war innerlich wieder auf der Jagd. Es war gefühlt wie früher, nur, dass er nicht mehr im Polizeidienst war. Es war ihm egal. Er wollte diesen sich anbahnenden Fall begreifen. In vollem Umfang. „Weiter“, hörte er sich sagen, „weiter!“
„Auch ein wenig Drogen, aber das ist nicht so sehr meine Sache.“
„Was ist Ihre Sache denn ganz präzise?“
„Nachdem ich mich dazu verleiten ließ, diese Sache mit den Mädchen in Deutschland wieder aufzunehmen, sind weitere Mädchen und andere Männer hinzugekommen.“
„Also Sex mit Minderjährigen in größeren Gruppen?“
„Ja, genau.“
„Kennen Sie die Männer, die gemeinsam mit Ihnen und den Mädchen zusammenwaren?“
Pfister zögerte erneut.
„Ist das ein Ja? Kann ich Ihr Zögern so deuten?“
Pfister nickte zur Bestätigung nur.
Brockmann wechselte auf ein anderes Feld: „Haben Sie regelmäßig Drogen genommen?“
„Nein, ich sagte ja, das ist eigentlich nicht mein Ding.“
„Aber die anderen?“
„Schon eher.“
„Was und wie viel?“
„Das kann ich nicht genau sagen. Da war ich nicht so ganz bei der Sache. Es war mir auch egal.“
Brockmann glaubte ihm kein Wort. Pfister würde alles genau registriert haben. Schon um sich gegen andere abzusichern. Das war mit Sicherheit fest in seinen Politikergenen verankert. Wissen über andere war Macht.
„Aber nicht egal war Ihnen sicher, wer da mit Ihnen zusammen Sex hatte. Wer war da anwesend?“
„Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen. Deswegen bin ich auch nicht bei Ihnen.“
Diese Begrenzung des Themas mochte Brockmann nun seinerseits nicht akzeptieren. Aber das würde er Pfister noch beibringen. Jetzt wollte er zuerst Pfisters Erpressbarkeit begreifen. „Wie wirkt sich das Ganze konkret für Sie aus? Wer will Sie erpressen und mit welchen Mitteln und mit welchem Ziel?“
