Anschlag im April - Ulrich Cardell - E-Book

Anschlag im April E-Book

Ulrich Cardell

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Beschreibung

Der schwere Anschlag auf ein Solarforschungs-Unternehmen mit 7 Toten ist Ausgangspunkt dieses aktuellen Politthrillers. Kommissar Brockmann aus Mainz ermittelt. Er wird in ein Mächtespiel auf europäischem Parkett involviert, das ihm das Äußerste abverlangt. Packende Verhöre bei den Pariser Kollegen, blitzartige Zugriffe auf Hintermänner und faszinierende Hintergrundgespräche enthüllen das Ausmaß des Falles, der bis in das Bundeskanzleramt und zu einem dramatischen Countdown führt.

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Seitenzahl: 460

Veröffentlichungsjahr: 2012

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I. Kapitel

1.

Der Regen nahm zu. Er prasselte auf das Dach und gegen die Fensterscheiben des Pförtnerhauses der deutschen Niederlassung von Advanced Solar Technology (AST). Der Wind trieb den Regen vor sich her. Die Wolken vom Atlantik zogen in geschlossener Formation über die Landschaft. Es war Anfang April und der Monat hatte rundum ungemütlich begonnen.

Willy Hagmann hatte noch sechs Stunden Wache. Jede der drei Schichten des Sicherheitspersonals von AST begann mit der Übergabe des elektronischen Wachbuchs durch den jeweiligen Gruppenleiter.

Der Job bei AST war für ihn wie ein kleiner Lottogewinn. Die Firma AST hatte strengere Sicherheitsstandards installiert, als die Produktion vor einem guten Jahr ausgeweitet wurde. Deshalb wurden zehn neue Security-Mitarbeiter eingestellt – und so war Willy Hagmann zu seinem Job gekommen. AST zahlte nicht schlechter als die frühere Firma in Frankfurt am Main, und er genoss es, nicht mehr zwei Stunden täglich fahren zu müssen. Er fühlte sich wohl bei AST, deshalb nahm er seine Aufgabe ernst und traf seine Vorbereitungen für den zwanzigminütigen Kontrollgang, den er alle zwei Stunden machen musste, sehr sorgfältig.

Er prüfte seine Funkverbindung, nahm die Pistole aus dem Schließfach, steckte sie in das dazugehörige Holster und befestigte es am Gürtel seiner Uniformjacke. Rasch griff er nach seiner Regenpelerine und meldete seinem Gruppenleiter den Beginn seines Rundgangs.

Er verließ den Kontrollraum am Sonntag um 00:05 Uhr.

2.

Die Polizeistation in der Kreisstadt Simmern im Hunsrück hatte nachts nur eine kleine Präsenz von drei Beamten. Früher war die Nachtschicht am Wochenende ganz besonders beliebt, weil nicht viel zu tun war. Die jungen Leute vergnügten sich in den größeren Städten wie Mainz und Wiesbaden oder fuhren bis nach Frankfurt am Main. Wenn es Ärger gab, hatte die dortige Polizei das Nachsehen. In Simmern war es fast immer ruhig.

Dann aber, vor gut einem Jahr, änderte sich das. Seither war die Nachtschicht in der Beliebtheitsskala der örtlichen Polizei zurückgefallen. Toni Assauer hatte in dieser Nacht das undankbare Los gezogen. Die neu angeordneten fünf Kontrollfahrten um das Gelände der Firma AST gingen an ihn. Die erste hatte er bereits absolviert.

»Bis gleich!«, rief er seinen Kollegen zu, die sich gerade über ihre Kinder unterhielten. Er verließ das Revier um 00:05 Uhr.

Der Wind war böig und es regnete unvermindert, die Sicht war erschwert.

Als Toni auf die Straße zum Haupttor von AST einbog, war er noch etwa tausend Meter von der Pforte entfernt. Manchmal sah er dort Willy, der wie Toni aus Simmern stammte. Zu seiner Verwunderung stand vor dem Haupttor ein Lastwagen, der offensichtlich etwas anliefern wollte.

»Wieso eigentlich um Mitternacht?« dachte Toni, sah in dem Augenblick aber, dass das Tor sich öffnete und den Weg in eine Sicherheitszone freigab, die durch ein Innentor begrenzt war. Ein Wachmann von AST näherte sich dem Führerhaus des LKWs. Toni bog nach rechts auf den asphaltierten Rundweg ab.

3.

Als Willy den Durchgang am zweiten Tor öffnen wollte, der vom Sicherheitsbereich der Einfahrtszone ins Werksgelände hineinführte, sah er aus den Augenwinkeln Scheinwerfer auf der Zufahrtsstraße aufleuchten.

Zunächst dachte er, es sei der Streifenwagen der Polizei, die etwa zur gleichen Zeit wie er selbst ihre Kontrollrunde absolvieren musste. Aber er erkannte sehr schnell, dass die Scheinwerfer des Fahrzeugs für einen PKW zu weit auseinander lagen. Trotz der Dunkelheit und des starken Regens konnte er die Silhouette eines LKWs ausmachen.

Der LKW näherte sich dem Tor. Der Fahrer ließ die Fensterscheibe herunter und rief ihm etwas zu, was er nicht verstand. Willy machte ein fragendes Handzeichen und wies ihn an, bis an die höhenverstellbare Sprechanlage heranzufahren.

Willy schloss das Wachhäuschen wieder auf, betätigte den Knopf für die Höhenadjustierung der Sprechanlage und sagte knapp: »Wo wollen Sie hin?«

Der Fahrer beugte sich aus dem Fenster, rief mit leichtem Akzent »Material für die Entwicklungsabteilung« in das Mikro und zog sich schnell wieder zurück, um nicht zu viel Regen abzubekommen.

»Wie? Jetzt mitten in der Nacht zum Sonntag wollen Sie etwas anliefern? Wir haben doch überhaupt kein Personal zum Entladen.«

Aber der Fahrer ließ sich nicht abwimmeln. »Ich hätte schon Samstagvormittag liefern sollen. Aber auf der Autobahn war ein schwerer Unfall, ich habe zehn Stunden verloren. Das Material muss Montag früh da sein.«

Willy, der so einen Fall noch nicht erlebt hatte seit er für AST arbeitete, sagte kurz »Warten Sie!« und rief seinen Gruppenleiter an. Der meldete sich knapp wie immer mit »Hartmann« und hatte eine gewisse Ungeduld in der Stimme, weil er Willy eigentlich schon auf seinem Rundgang vermutete. »Was gibt es? Warum sind Sie nicht unterwegs?«

Willy gab die nötigen Informationen, und Hartmann antwortete kurz: »Ja, der Transport wird erwartet. Lassen Sie ihn in den Sicherheitsbereich – ich komme zu Ihnen rüber.«

Willy wunderte sich zwar, dass darüber vorher keine Silbe gesprochen wurde, aber wenn der Gruppenleiter die Sache selber in die Hand nehmen wollte, musste ihm das recht sein. Willy öffnete das erste Tor. Es war 00:10 Uhr.

4.

Toni umrundete mit seinem Wagen das umzäunte Areal von AST. Er warf immer wieder einen Blick durch das regennasse Seitenfenster in Richtung Zaun.

Als er auf der Rückseite des Gebäudekomplexes entlang fuhr, wunderte er sich, dass von den übrigen Wachleuten, die ebenso wie Willy ihre Runde drehen mussten, keiner zu sehen war.

»Die machen es sich bei dem Wetter sicher drinnen bequem«, deutete er seine Eindrücke und fuhr an der anderen Seite des Fabrikgeländes entlang. Am Zaun schien ein Gegenstand zu liegen. Er fuhr langsamer. Aber er konnte ihn nicht identifizieren. Während der Wagen langsam weiterrollte, nahm ihm eine Bodenwelle zwischen Zaun und Straße die Sicht.

Toni entschied, dass Regen, Wind und Dunkelheit ihn getäuscht hatten und fuhr weiter. Gleich darauf bog er um die letzte Ecke, die ihn wieder zurück in Richtung Haupttor führte. Als er wieder an der ­Zufahrtsstraße anlangte, hielt er kurz an, er glaubte Willy an der Art, wie er seine Mütze trug, zu erkennen. Er und eine weitere Person fertigten den LKW ab.

Toni fuhr zurück zu seinem Revier.

5.

Willy trat an den LKW heran. Die Fahrertür öffnete sich. Der Fahrer trug einen dunklen Overall. Sein Gesicht war von einem kurz geschnittenen Vollbart umrahmt. Er hatte kalte Augen. Willy blieb unbeeindruckt und verlangte die Papiere für die Lieferung. Neben dem Fahrer saß ein weiterer Mann, ebenfalls im dunklen Overall.

Hinter Willy ertönte Hartmanns Stimme: «Lassen Sie die Papiere mal sehen!«, und er drehte sich um, um die Transportpapiere an Hartmann weiterzugeben. Hartmann hatte die Hand ausgestreckt, als Willy unterhalb der linken Schulter einen schweren Schlag verspürte. Im Fallen drehte sich sein Körper leicht zurück zum Führerhaus des LKW, und er nahm mit weit aufgerissenen Augen wahr, dass der Fahrer eine Pistole mit Schalldämpfer in der Hand hielt, mit der er ein zweites Mal schoss.

Als Willys Körper auf den Boden aufschlug, war er bereits tot. Es war 00:20 Uhr.

6.

Toni kam um 00:25 Uhr wieder zurück aufs Revier. »Alles ruhig. – Nur dass so spät noch ein LKW ankam.«

Der Revierleiter zuckte mit den Schultern und setzte sein Gespräch fort, ohne sich länger um Toni zu kümmern. Der suchte sich eine der leeren Zellen aus, legte sich auf eine Pritsche und dachte an seine neue Freundin. Draußen stürmte und regnete es noch immer. Toni schloss die Augen, vergaß seinen Tee und träumte ein wenig vor sich hin. Die gedämpften Geräusche aus dem Wachzimmer machten ihn schläfrig.

Tonis Halbschlaf war jäh zu Ende, als ein Grollen an sein Ohr drang, das er zunächst als unwirklich wahrnahm. Aber als die Pritsche und der ganze Raum leicht erzitterten, war er sofort auf den Beinen und stürmte vor ins Wachzimmer. Seine Kollegen hatten bereits die Tür aufgerissen.

In den tief hängenden Wolken waren grelle gelbe Lichtblitze zu sehen. Dort, wo die Blitze in die Wolken stiegen und sie erhellten, war nichts, nur flaches Land … und die Fabrik von AST!

Toni griff sich die Autoschlüssel des Streifenwagens, rief dem zweiten Kollegen zu: »Komm mit!« und stürmte aus dem Haus. Sein Chef löste Feueralarm aus und sah durch das Fenster, wie Toni und der Kollege mit dem Streifenwagen davon fuhren. Es war 01:30 Uhr.

Als sie am Eingangstor von AST ankamen, brannten alle Gebäude auf dem Gelände. Die beiden Sicherheitstore standen offen und vor dem Wachhäuschen und am äußeren Eingangstor lagen zwei leblose Körper auf der Straße. Aus der Ferne konnten sie die Sirenen hören, die die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr aus dem Schlaf holten.

Toni sprang aus dem Wagen und rannte zu den am Boden liegenden Männern. Als er den zweiten auf den Rücken legte, erkannte er Willy, aus dessen Mantel Blut rann. Er fühlte den Puls, kein Lebenszeichen.

Sein Kollege, der bei dem anderen stehen geblieben war, rief: »Hier liegt der Hartmann, der ist tot. Aber der ist nicht an der Explosion gestorben – der ist erschossen worden!«

Toni rannte zurück zum Streifenwagen, rief den Revierleiter an, schrie ins Telefon: »Hier sind wahrscheinlich alle tot! Das ganze Gelände ist verwüstet. Hartmann und Willy sind ermordet worden. Wir brauchen die Kripo – schnell!«

Während sein Chef in der Landeshauptstadt Mainz anrief, um die Kriminalpolizei zu alarmieren, traf die freiwillige Feuerwehr auf der Zufahrtsstraße zum Gelände von AST ein.

ToninahmsicheinHerz,schauteüberdieVerwüstung–undverweigertedemWehrführerdenZutritt.Eswar01:45Uhr.DerRegenließnach.

7.

Die Nachricht aus Simmern erreichte die Telefonzentrale des Landeskriminalamtes in Mainz, als gerade ein Schub Jugendlicher eingeliefert wurde, die lautstark protestierten.

Durch den Lärm hindurch versuchte die junge Beamtin die eingehende Alarmmeldung aus Simmern richtig einzuordnen: »Brandstiftung, Sabotage, zwei Tote – wahrscheinlich ermordet – auf dem Gelände eines bekannten Herstellers von Solartechnologie in Simmern.«

Sie entschied sich für eine kurze Denkpause. »Ich rufe gleich zurück«, antwortete sie und unterbrach die Verbindung nach Simmern.

Sie wusste, dass es im Moment zwei Möglichkeiten gab: Entweder sie rief den Chef der Nachtschicht an oder holte zunächst den Leiter der Mordkommission aus dem Schlaf, denn die Mordkommission war nachts nur als »Stand-by-Mannschaft« organisiert, weil der Schwerpunkt der Wochenendkriminalität nicht bei Mord lag.

Die Beamtin entschied sich für beides. Aber in umgekehrter Reihenfolge. Zuerst rief die Beamtin den Leiter der Mordkommission an, der sich leicht schlaftrunken mit »Schneider« meldete, und gab die bekannten Fakten durch.

Schneider war sofort auf dem Sprung und gab knappe Anweisungen: »Die sollen niemanden an den Tatort lassen! Trommeln sie mein Team zusammen! Und fordern Sie noch zwei Spezialisten aus dem Bereich Brand und Sprengstoffe an. Ich bin in fünfzehn Minuten bei Ihnen. – Und wir brauchen zwei Autos.«

Die Telefonzentrale hatte mitgeschrieben und arbeitete die Aufträge ab. Schließlich wollte sie noch den Chef der Nachtschicht anrufen, als sich Simmern erneut meldete. Es war 02:00 Uhr.

8.

Toni hatte Mühe, den Leiter des Löschzuges, der auf das brennende Fabrikgelände drängte, zurückzuhalten. »Ihr fahrt mir hier nicht rein!«, rief er dem entschlossen wirkenden Feuerwehrmann entgegen. »Zu retten ist hier eh nichts mehr. Das Einzige was ihr hier tun könnt, ist Spuren zu verwischen. Und das lasse ich nicht zu!«

Während Toni sich mit dem Feuerwehrkommandanten auseinandersetzte, wurde ihm bewusst, dass er bisher noch keinen von den übrigen Wachleuten gesehen hatte. Er drehte sich um und schaute über das Gelände. Aber er konnte nirgends ein Lebenszeichen entdecken.

Sein Blick fiel auf seinen geschockten Kollegen, der immer noch fassungslos neben der Leiche von Hartmann stand. Da ließ er den Feuerwehrmann ohne ein weiteres Wort stehen, ging an dem Streifenwagen vorbei und rüttelte seinen Kollegen an der Schulter.

»Du bleibst hier! Stell den Wagen mitten auf die Straße, damit niemand auf das Gelände fahren kann. Und bleib in der Nähe des Funkgerätes. Wir müssen Kontakt halten. Ich gehe jetzt da rein. Vielleicht gibt es Überlebende.«

Er vergewisserte sich, dass sein Kollege zum Streifenwagen ging und Anstalten machte, das Auto auf die Mitte der Fahrbahn zu rangieren. Dann lief er an Hartmanns und Willys Leichen vorbei durch den offenen Sicherheitsbereich.

Das Terrain von AST bestand aus einem Verwaltungskomplex und drei Fabrikhallen. Sämtliche Gebäude brannten. Reste der Dächer lagen zersprengt und Teile der Außenwände waren eingestürzt. Die Anlage war zerstört. Durch die Wucht der Explosionen waren Gegenstände auf das Gelände geschleudert worden. Selbst die Fahrzeuge des Wachpersonals hatten Feuer gefangen.

ToniranntelinksamZaunentlang.ErentwickelteeinegewisseTechnikdenkleinenBrandherdenauszuweichen.NurinderNähedesZaunesfühlteersichvormöglichenweiterenExplosionensicher.AlsernachetwadreihundertMeterndasEndederLängsseiteerreichthatteundumdieEckebog,saherineinigerEntfernungeineGestaltamBodenliegen.SeineErinnerungandieKontrollfahrtumMitternachtwurdesofortwachgerufen.

Er erkannte die Uniform des Wachschutzes der AST. Toni musste die Leiche nicht untersuchen. Dem Mann war der halbe Kopf weggeschossen worden.

ErriefüberdasFunkgerätdasRevieranundgabdieMeldungüberdenweiterengrausigenFunddurch.»Wahrscheinlichhatesdievieranderenaucherwischt.«ErliefzurückzumEingangstor.Eswar02:00Uhr.

9.

DieTelefonzentraledesLandeskriminalamtesinMainznahmdenerneutenAnrufausSimmernentgegenundsagte:»HalloSimmern,ichwollteSieebenzurückrufen.«Weiterkamsienicht.DerRevierführerausSimmernschrieinsTelefon:»Wahrscheinlichsindalletot!–NochweiterefünfLeute!EinendavonhatmeinKollegegerademithalbabgeschossenemKopfgefunden.GehenSievoninsgesamtsiebengetötetenPersonenaus.«

Die junge Frau bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend. Der Fall schien brisanter zu sein, als sie es zunächst eingeschätzt hatte. Womöglich war es ein Fehler, dass sie den Chef der Nachtschicht noch nicht benachrichtigt hatte, fuhr es ihr durch den Kopf, als sie dem Revierführer Simmern zurief: »Die Mordkommission ist unterwegs. Sorgen Sie dafür, dass der Tatort unberührt bleibt. Geben Sie über Veränderungen der Lage unverzüglich Nachricht.« Jetzt war es höchste Zeit, den Chef der Nachtschicht einzuschalten und ihn mit allen vorliegenden Informationen zu versehen.

Sie erreichte Kriminaloberrat Brockmann, als dieser an einem Bericht schrieb, den er sich für die Nachtschicht aufgehoben hatte.

Das, was ihm die Telefonzentrale berichtete, war für ihn ein Alarmzeichen auf höchstem Niveau. Er fragte zurück: »Ist Schneider schon unterwegs? Wenn nicht, soll er warten, ich fahre mit nach Simmern.«

10.

Schneider und Brockmann kannten sich gut und lange. Manfred Brockmann war ein Polizist mit einer großen Zahl von Dienstjahren und wenig Aussicht auf Beförderung, obwohl er sein Metier gut beherrschte. Manchmal dachte er im Stillen, seine Beförderungschancen seien so mäßig, weil er seine Sache so gut machte!

BrockmannhattevorJahrendieMordkommissiongeleitet.SchneiderwarinjenerZeitseinbesterMitarbeitergewesen.AlsBrockmannaufstieg,hatteerSchneideralsseinenNachfolgervorgeschlagen.DiesePersonaliesorgtefürdenerstenEinbruchinBrockmannsKarriere,dennauspolitischeinflussreichenKreisenwareinandererKandidatprotegiertworden.

Eine Niederlage in Personalfragen vergisst die Politik nie.

So wurde Brockmann unter dem alten Polizeipräsidenten zwar noch Oberrat, blieb seither aber auf der Stelle des stellvertretenden Leiters der Kriminalpolizei in Mainz blockiert. Brockmann war jetzt siebenundvierzig Jahre alt. Auch wenn vieles in seinem Leben nicht glatt lief, eines wusste er, er hatte den richtigen Beruf, dieser passte auf seinen Zuschnitt wie ein Maßanzug, er konnte darin seine Fähigkeiten richtig spielen lassen. Umso heftiger schmerzte ihn, dass in seinem Umfeld mehr und mehr politisch ›gesetzte‹ Personen befördert wurden. Das bekam der Qualität der Polizeiarbeit in manchen Fällen gar nicht.

Die Meldung über die Ereignisse bei AST in Simmern hatte Brockmanns politische Instinkte geweckt. Er wusste, dass AST bahnbrechende Ergebnisse im Umfeld der Solartechnologie zugeschrieben wurden. Anlässlich einer Fortbildungsveranstaltung für Führungskräfte im Landesdienst war einer der Geschäftsführer eingeladen worden, um über Energiepolitik zu sprechen, dieser hatte die Gelegenheit genutzt, um en passant das Unternehmen vorzustellen. Bei jenem Vortrag kam zum Ausdruck, dass man in der Forschung auf einen Durchbruch bei der Effizienz der Stromgewinnung aus Solarzellen hoffte, der etwa um den Faktor vier oder fünf liegen sollte. Der nachfolgende Redner hatte die Verbindung zur Ansiedelungspolitik des Landes gezogen und dabei die Bedeutung von AST für die Region hervorgehoben. Brockmann war also nicht ganz ohne Vorinformationen.

Er brachte Schneider mit wenigen Worten auf den Stand seines Wissens und schloss seine Erläuterungen mit der Bemerkung: »Wenn die letzten Meldungen richtig sind, wonach die ganze Wachmannschaft ausgelöscht worden ist und die Fabrik in Schutt und Asche liegt, dann wird das Ganze auch eine politische Dimension annehmen.«

Schneider hatte verstanden, dass Brockmann nicht nur wegen der ermordeten Wachmänner mitgekommen war. Es war ihm unter diesem Aspekt eher recht, in Begleitung zu fahren. Er wusste, dass Brockmann ihn seine Arbeit machen lassen würde. Aber sein Chef konnte besser abschätzen, was im Fall des Falles politisch zu tun sein würde.

Die drei Autos des LKA Mainz kamen um 03:20 Uhr am Tatort in Simmern an.

11.

Die Fahrzeuge rollten bis zu Toni Assauers Streifenwagen vor. Die Feuerwehren hatten am Rand der Zufahrtsstraße eine Kolonne gebildet, nachdem Toni dem Wehrführer gesagt hatte, dass die Mordkommis­sion auf dem Weg sei und eine zügige Durchfahrt benötigen würde. Der Kommandant hatte sich mürrisch gefügt und Anweisungen gegeben, die Fahrzeuge an den Fahrbahnrand zu rangieren.

Jetzt standen die Feuerwehrmänner tatenlos herum und sahen zu, wie der Brand an den Gebäuden langsam zurückging.

Rund um das Terrain von AST hatte Toni weitere Polizisten verteilt, die der Revierführer in Simmern aus der Polizeischule am Flughafen Hahn, einer ehemaligen US-Air Force-Base, organisiert hatte. Es waren fünfzehn Männer und Frauen, die für eine Prüfung lernen mussten und deswegen nicht nach Hause gefahren waren. Hinzu kamen noch acht Polizisten aus der Umgebung, die alle aus dem Schlaf geholt worden waren und nun das Gelände notdürftig sicherten.

Zahlreiche Neugierige hatten sich trotz der nächtlichen Stunde eingefunden und standen in Grüppchen auf der Ringstraße.

Brockmann und Schneider stiegen aus dem Wagen und gingen auf Toni zu, der gerade telefonierte. Toni begrüßte Schneider zuerst, weil er ihn von seinem Vorbereitungslehrgang für die Kommissaranwärter kannte. Schneider stellte seinen Chef vor, der rasch zur Sache kam.

»Und – wer war zuerst am Tatort?«

Toni sagte »Ich«, zeigte auf seinen Kollegen und ergänzte »Wir!«

»Wer hat den Fall gemeldet?«, fragte Brockmann weiter.

»DieExplosion!«,gabTonialsAntwort,undalsBrockmannihnfragendanschaute,ergänzteer:»WirhabenaufdemRevierdieExplosiongehörtunddieBlitzeamHimmelgesehenundsindsoforthergefahren.DiezweiTotenlagenimEingangsbereich.DieFabrikanlagenbrannten.DieTorestandenweitoffen.DieFeuerwehrkambaldnachuns.IchhabeihnendenZutrittzumGeländeverboten–ichdachte,eswärebesserzuerstdieSpurenzusichern.DieGebäudewarennichtmehrzuretten.SpäterhabeichnocheinentotenWachmanngefunden–hintenaufderlinkenSeite.«TonizeigteindieRichtungseinesgrausigenFundes.»VondenübrigenvierMännern,dieDiensthatten,habenwirinzwischenzweiweiteretotgefunden.Wodiebeidenanderensind,wissenwirnochnicht.«

Brockmann sah, dass Toni blass im Gesicht war. Das Scheinwerferlicht verstärkte den Eindruck noch. Er hätte ihn gerne geschont, aber dafür gab es jetzt keine Chance. Er sagte knapp: »Wir gehen jetzt rein. Sie kommen mit!« Er zeigte auf Toni, der nur stumm nickte.

»Herr Schneider, lassen Sie Ihre Leute hier vorne beginnen. Sie selbst und Sie beide«, er sah die zwei Sprengstoffexperten an, »begleiten mich.«

Der Führer des Feuerwehrzuges hatte sich ungebeten hinzugesellt. Brockmann musterte ihn kurz und entschied dann: »Beordern Sie zwei Ihrer Männer mit Feuerlöschern her, ziehen Sie sich weiße Overalls an«, er zeigte auf die Kriminalpolizisten, die sich schon umgezogen hatten und die ihm und Schneider Overalls mitgebracht hatten, »und gehen Sie genau hinter uns her.« Der Wehrführer lebte auf und gab seine Anweisungen. Zwei junge Männer kamen mit Handlöschgeräten herbei gerannt.

Schneider wandte sich jetzt an Tonis Kollegen: »Sie bewachen hier weiter den Eingang. Lassen Sie den Streifenwagen stehen. Gleich kommen Fahrzeuge mit technischer Ausrüstung und Beleuchtung. Die sollen vor ihrem Wagen halten und auf weitere Anweisungen warten!«

Es war 03:30 Uhr.

12.

Brockmann entschied sich, zuerst nach der von Toni erwähnten dritten Leiche zu sehen und instruierte die Sprengstoffspezialisten. »Nähern Sie sich schon einmal den Gebäuden so gut Sie können. Nehmen Sie die Feuerwehr mit. Aber machen Sie nur im Notfall Gebrauch von Löschmitteln. Wir wollen später sehen, wenn wir besseres Licht haben, was wir an Spuren finden können. Wenn zwischen den Gebäuden Leichen liegen, geben Sie über Funk Nachricht.«

Brockmann wandte sich ab und ging mit Schneider und Toni den Zaun entlang.

Als sie die Leiche des dritten Wachmannes in Augenschein nahmen, fiel Toni auf, dass Schneider sofort durch den Zaun nach draußen schaute – genau wie Brockmann. Toni suchte nun ebenfalls etwas zu entdecken, sah aber nichts, außer einem kleinen Wäldchen, das etwa hundert Meter von der Umzäunung entfernt war.

Draußen hatten die Zuschauer begonnen, hinter den drei Männern herzulaufen und bildeten nun eine größere Menschentraube, der ein einzelner Polizist auf dem äußeren Asphaltweg entgegen trat.

Brockmann sah Schneider an. Der sagte: »Präzisionsgewehr!« Brockmann nickte und zeigte auf die Menschenansammlung. »Wir haben zu wenige Leute hier«, murmelte Schneider. »Ich lasse noch mehr Spurensucher anrücken, das Gelände ist zu groß für so wenige Fachleute.«

»Und ich telefoniere mit dem Polizeipräsidenten und beantrage eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei, damit das gesamte Gebiet abgesperrt werden kann«, ergänzte Brockmann.

Beide Männer nahmen ihre Handys und begannen zu telefonieren.

Unterdessen starrte Toni auf die Leiche und überlegte, ob er seine Entdeckung auf der Kontrollfahrt schildern sollte. Er beschloss, sie zunächst zu verschweigen.

Es war 03:50 Uhr.

13.

Der Polizeipräsident war ein Mann der Politik. Er hatte am Samstagabend eine Gala seiner Partei besucht. Und die Ministerpräsidentin des Landes hatte es sich nicht nehmen lassen, mit ihm unter den Augen aller Anwesenden ein Gespräch zu zweit zu führen.

Die Gäste verhielten sich danach spürbar entgegenkommend ihm gegenüber und Polizeipräsident Rickeberg fühlte sich entsprechend. Diese gute Stimmung hatte sogar seinen Schlaf beflügelt. Er träumte von seinen Chancen, der nächste Innenminister des Landes zu werden.

Als das Telefon ihn weckte, dachte er zunächst, das Klingeln sei Bestandteil seines Traums. Die Orientierungsphase war jäh abgeschlossen, als die Stimme seiner Frau aus dem Kissen neben ihm »Telefon« brummte.

Rickeberg machte seine Nachttischlampe an und hob den Hörer ab. Die Stimme Brockmanns holte ihn endgültig in die Wirklichkeit zurück, denn er mochte ihn nicht. Mehr noch. Er erkannte in ihm den Rivalen, dessen Karriere er mit Hilfe seiner Partei bisher erfolgreich gestoppt hatte. Für derartige Empfindungen war aber angesichts der Schreckensmeldungen aus Simmern kein Platz.

Als Brockmann den Namen AST nannte, erinnerte Rickeberg sich sofort daran, dass er auf einer Sicherheitskonferenz wegen der knappen Haushaltsmittel jede permanente Polizeiüberwachung von Industrieansiedelungen mit dem Hinweis abgelehnt hatte, dass es unmöglich sei, derartige Maßnahmen in einer halbwegs ausgewogenen Weise zu organisieren, da andere Unternehmen die gleichen Ansprüche anmelden würden. Die Lösung sollte in einer Aufstockung des betrieblichen Security-Personals bestehen, das sich zudem besser im Betrieb auskannte. Deshalb werde man auch in so prominenten Fällen wie AST nicht anders verfahren, hatte er argumentiert.

Daraufhin wurde die bis dato geltende Regelung eingeführt, auch die Neuansiedelung von AST in Simmern nur vom betriebseigenen Wachpersonal sichern zu lassen. Einziges Zugeständnis war die nächtliche Streifenfahrt der Polizei alle zwei Stunden am Wochenende.

Die Sitzung lag etwas mehr als eineinhalb Jahre zurück. Der Vertreter des Bundeskriminalamtes, der damals als Beobachter für die Bundesebene an der Sitzung teilgenommen hatte, war anderer Meinung gewesen, hatte aber ansonsten geschwiegen, um angesichts der schließlich verkündeten Entscheidung ohne Gruß und ohne eine Miene zu verziehen die Sitzung zu verlassen. Der Innenminister des Landes war zu dieser Zeit längst zu einem anderen Termin entschwunden.

Rickeberg wusste um das Risiko, das sich aus der von Brockmann geschilderten Entwicklung bei AST für ihn ergeben konnte. Die Misere würde ihm angelastet werden.

Weil er seine Chancen auf den Posten des Landesinnenministers wahren wollte, schluckte er jede Art von Abneigung gegen Brockmann hinunter und sagte ihm volle Unterstützung zu. Nach dem Gespräch rief er selbst den Chef der Bereitschaftspolizei an, um eine Hundertschaft in Richtung Simmern auf den Weg zu bringen. Dann wählte er die Telefonnummer des Innenministers von Rheinland-Pfalz. Es war 04:20 Uhr. Die Polizeimaschine lief sich langsam warm.

14.

Brockmann und Schneider hatten die beiden anderen Leichen in Augenschein genommen. Die eine lag ebenfalls nahe am Zaun. Aber auf der gegenüberliegenden Seite des Areals. Genauso ermordet durch einen Kopfschuss.

Die fünfte Person war auf der halben Distanz zwischen Zaun und dem rückwärtigen Gebäude gefunden worden. Schneider vermutete, dass der Wachmann sich auf dem Weg zur Seitentür des Gebäudes befunden hatte und dort tödlich getroffen wurde. Wegen der Nähe zum Feuer war die Leiche stark verbrannt.

Die Sprengstoffexperten gaben über Handy Nachricht, dass vermutlich eine weitere Leiche in dem Innenbereich zwischen zwei Laborgebäuden lag – wohin man aber immer noch nicht vordringen konnte. Der siebte Wachmann blieb zunächst unauffindbar.

Schneider teilte die neu hinzugekommenen Mitarbeiter aus Technik und Mordkommission ein, um die bereits gefundenen Toten untersuchen zu lassen. Bald wimmelte das Gelände von Menschen in weißen Overalls, und es gab zusätzliches Licht.

Toni und sein Kollege wurden auf ihr Revier entlassen. Jeder von ihnen mit der Aufgabe, unabhängig vom anderen einen genauen Bericht zu verfassen über alle Vorgänge seit der Explosion bis zum Eintreffen der Mordkommission.

Brockmann ging derweil zu den Sprengstoffexperten, hinter denen immer noch der Leiter der Feuerwehr mit seinen zwei Gehilfen her marschierte. Brockmann hatte einen groben Überblick über die Lage und das Terrain. Nun wollte er mehr über die Ursachen der Zerstörung wissen.

»Wir können über die Art des Sprengstoffs noch nichts sagen – allenfalls allgemein«, fing der eine Experte an.

Als Brockmann Augenbrauen und Hände zu einer fragenden und zugleich fordernden Geste nutzte, fügte der andere hinzu: »Die Sprengstoffe, die verwendet wurden, hatten sowohl Explosivkraft als auch stark brandbeschleunigende Wirkung. Letzteres vermutlich mehr als Sprengkraft, obwohl der Eindruck der starken Zerstörung zunächst in eine andere Richtung deutet.«

Der erste Sprengstoffmann taute jetzt auf und ergänzte: »Das wäre vermutlich aber der falsche Schluss. Hier ging es klar um Zerstörung durch große Hitze und durch Sprengkraft – in dieser Reihenfolge. Und im Übrigen wurden die Ladungen in den Gebäuden angebracht – die Täter hatten also Zugang.«

Die Feuerwehrleute sahen sich beeindruckt an. Brockmann wurde klar, dass er sie wahrscheinlich nicht mehr einsetzen würde. So bedankte er sich und entließ sie zu ihrer Einheit.

15.

Brockmann und der Chef der Bereitschaftspolizei, Dirk Weber, kannten sich seit vielen Jahren und waren fast gleich alt. Weber rief ihm schon aus einiger Entfernung zu: »Was hast du denn hier für ein Inferno?«

Brockmann brachte eine halbe Grimasse zustande. »Kleine Jungs haben hier jedenfalls nicht gezündelt.« Er rief noch den Leiter der Spurensicherung Jochen Ziegler hinzu.

»Mindestens drei der gefundenen Leichen sind von außerhalb des Geländes erschossen worden. Wahrscheinlich mit Spezialmunition aus Präzisionsgewehren. Wir vermuten, dass die Täter sich in dem Wald dort hinten«, er zeigte in die Richtung eines kleinen Waldstückes, »und getarnt rund um die AST herum postiert hatten. Herr Ziegler, nehmen Sie mit Ihrer Gruppe Orientierung an den Leichenfunden, so dass die Position der Schützen in etwa eingegrenzt werden kann.«

»Und du«, wandte er sich Weber zu, »sorg‘ mit deiner Hundertschaft dafür, dass das Gelände im Abstand von etwa 400 Metern umstellt wird. Wir brauchen Spuren der Schützen. Also etwa zwanzig Meter hinter dem Wäldchen beginnen. Mit dem Rest deiner Truppe scheuchst du die Zuschauer zurück auf die Zugangsstraße. Und lös‘ die postierten Kollegen auf der Ringstraße ab, die stehn schon fast vier Stunden Wache.«

»Wenn alles soweit ist, Herr Ziegler, lassen Sie Ihre Leute gezielt in das Waldstück und zu den anderen verdächtigen Plätzen vordringen. Dann entscheiden Sie, ob und wann die Bereitschaftspolizei nachrücken soll. Herr Weber gibt Ihnen das Zeichen, wenn seine Einheiten postiert und die Zuschauer entfernt sind. Wir brauchen Spuren, Leute.«

Die Männer nickten einander zu und gingen auseinander. Es war 06:30 Uhr.

16.

Brockmann rief Schneider über das Handy an, um herauszufinden, wo er sich gerade aufhielt. »Ich komme vor zum Eingangstor«, antwortete Schneider, »wir haben die letzte Leiche gefunden! Sie liegt in dem Gebäude hinten rechts und ist stark verbrannt. Aber auch sie ist zuerst erschossen worden, dann kam das Feuer. Ich bin gleich bei Ihnen.«

Brockmann schaute über die qualmende Szene, die sich seinem Auge bot und in der Dutzende von Menschen in weißen Overalls ihrer schwierigen Arbeit nachgingen. Sein Handy klingelte und Polizeipräsident Rickeberg meldete sich. »Herr Brockmann, wie ist der Stand der Dinge?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Ich habe den Innenminister gesprochen. Wir kommen gegen zehn Uhr bei Ihnen vorbei. Im Übrigen hat der Innenminister das Bundeskriminalamt informiert. Haben Sie schon erste Erkenntnisse?«

Brockmann zögerte. Der Polizeipräsident war als Schwätzer ohne große Hinwendung zur Sache bekannt. Er rang sich aber doch zu einer kurzen Beschreibung der Lage durch: »Die Täter müssen zwischen Mitternacht und 01:30 Uhr auf dem Gelände gewesen sein. Sie haben offenbar regulär Zugang erhalten. Ein Alarm wurde nicht ausgelöst. Alle Gebäude sind durch Sprengladungen mit großer Brandwirkung zerstört. Die Aufzeichnungen der Videoüberwachung sind ebenfalls verbrannt. Alle sieben Wachleute sind vermutlich ermordet worden. Wir suchen jetzt weiter nach Spuren!«

Der Polizeipräsident sagte daraufhin: »Na schön, dann suchen Sie mal weiter – wir sehen uns nachher«, und unterbrach die Verbindung.

Brockmanns Kommentar war kurz: »Idiot!« Durch das Gespräch war ihm entgangen, dass Schneider schon neben ihm stand und grinste.

»Ich frage nicht, wer das war«, lachte er ihn an. Dann wurde er wieder ernst und berichtete: »Die Täter waren in den Gebäuden. Wir glauben aber nicht, dass sie sich den Zugang erzwungen haben. Sie hatten Schlüssel oder sind eingelassen worden.«

Eine Pause entstand, weil Brockmann diese Informationen erst zuordnen musste.

»Die Lage der ersten Leiche am Tor gibt mir zu denken.« Schneider zeigte auf die Plane, mit der der tote Hartmann abgedeckt war. »Das war der Gruppenleiter, der die sechsköpfige Wachmannschaft heute Nacht führte. Was macht der außerhalb der Umzäunung? Er ist mit einer Pistole bewaffnet, hat sie aber nicht gezogen. Und er liegt auf derselben Straßenseite – genau wie der Wachmann da drüben.« Er zeigte auf Willys Leiche vor dem Wachhaus. »Beide haben je zwei Geschosse abbekommen, – nur der dort«, er zeigte wieder auf Hartmann, »hat beide Treffer auf der Vorderseite, als ob die, die ihn erschossen haben, für ihn völlig unverdächtig waren. Die Einschüsse sind von schräg oben gekommen. Und er ist vermutlich später erschossen worden und liegt näher am Ausgang.« Schneider schwieg.

Brockmann schaute an ihm vorbei. Die letzten Löschfahrzeuge der Feuerwehr entfernten sich gerade, während zwei Trupps der Bereitschaftspolizei Schaulustige auf die Zufahrtsstraße zurückdrängten.

»Also«, folgerte Brockmann, »ein Spion im Security-Team, der seinen Verrat mit dem Leben bezahlt hat.«

Schneider sah ihn an und lächelte fast unmerklich. Er hatte schon immer an Brockmann gemocht, dass dieser schnell und stringent Schlüsse ziehen konnte. »So kann es gewesen sein«, antwortete er.

Auf der Straße näherte sich ein dunkler Fünfer BMW und Brockmann sagte tonlos: »Das BKA!« Es war 07:00 Uhr. Schneider zog sich wieder an seine Arbeit zurück.

17.

Der Wagen des BKA rollte bis kurz vor das Eingangstor, hielt am Fahrbahnrand an und ein Mann und eine Frau, die den Wagen gesteuert hatte, stiegen aus.

»Mayer, BKA«, stellte sich der Mann vor und gab Brockmann seine Karte: Robert Mayer, Kriminaldirektor – Bundeskriminalamt – Leiter Sicherungsgruppe Berlin.

Brockmann erwiderte: »Manfred Brockmann, Leiter der Nachtschicht beim LKA Mainz.« Er hatte keine Karte.

Die Frau, die Mayer gefahren hatte, schaute kurz auf Mayer.

Als der aber keine Anstalten machte, sie vorzustellen, sondern seinen Blick über das Gelände schweifen ließ, gab sie kurz entschlossen Brockmann die Hand. »Barbara Stein, die Stellvertreterin von Herrn Mayer!«

Ihr Händedruck war fest, ohne angestrengt männlich zu wirken. Sie war schlank, etwa einen Meter siebzig groß, hatte dunkelbraunes, leicht ins Schwarze tendierendes Haar und einen gut gebräunten Teint, zumindest wenn er in dem schwachen Licht Mayers überarbeitetes Gesicht zum Vergleich nahm.

»Welch eine Lichtgestalt in unserem Gewerbe«, dachte Brockmann, während er sie etwas zu ausgiebig musterte. Sie gab ihm ihre Karte und unterbrach dadurch seine Beobachtungen. Sie lächelte, denn sie hatte sein Interesse bemerkt.

»Darf ich fragen, ob es irgendwelche verwertbaren Erkenntnisse gibt?«, eröffnete Mayer das Gespräch. »Sie haben ja hier ein regelrechtes Schlachtfeld. Sieht aus wie nach einem Bombenangriff. Haben Sie schon Ergebnisse?«

Brockmann zögerte. Ihm war instinktiv klar, dass es mit der Nebenbemerkung Rickebergs, der Innenminister habe das BKA benachrichtigt, eine besondere Bewandtnis haben musste. Er hatte aber keine genaue Kenntnis der Rolle des BKA in diesem Fall und wollte sich bis zum Eintreffen des Innenministers bedeckt halten.

Andererseits waren die allgemeinen Fakten so offensichtlich und die kriminaltechnischen Ermittlungsergebnisse nicht wirklich von staatstragendem Charakter, dass Brockmann sich entschloss, hinhaltend Auskunft zu geben, um im Gegenzug mehr über die Bedeutung des Falles für das BKA zu erfahren. Brockmann skizzierte den Stand der Ermittlungen, während die Kriminaltechnik begann, die Leichen zur Obduktion nach Mainz zu überführen.

Mayer schwieg, als Brockmann seine Ausführungen beendet hatte. Dann sagte er: »Wir brauchen eine Kopie Ihrer Untersuchungsergebnisse. Und wir möchten uns auf dem Gelände umsehen.«

Brockmann hatte mit beidem gerechnet, denn warum sollte das BKA sonst erscheinen? Um aber mehr über die Interessenlage des BKA zu erfahren, fragte er Mayer sehr direkt zurück: »Und wo haben Sie hier Ihre Eisen im Feuer?«

Mayer tat erstaunt und auch Barbara Stein war überrascht, überließ aber Mayer das Reden. »Hat man Sie denn nicht informiert? – Es handelt sich bei dem Forschungsgegenstand von AST um eine Sache von nationaler und internationaler Bedeutung. Sowohl politisch als auch – aus Sicht der Firma AST – geschäftlich. Hier sollten«, er sagte »sollten«, als stünde für ihn sicher fest, dass alles für lange Zeit verloren war, »hier sollten die Speichermedien für die Solarzellen der fünften Generation entwickelt und produziert werden. Damit hätte Deutschland seinen fossilen Energiebedarf binnen zehn Jahren um fünfundzwanzig Prozent senken und durch erneuerbare Energiegewinnung ersetzen können!«

Mayer schwieg wieder und Brockmann zog es vor, das Schweigen nicht zu unterbrechen, weil er das Gefühl hatte, Mayer würde zu weiteren Ausführungen anheben. Und so geschah es auch. Mayer monologisierte offenbar gerne: »Dieses Forschungsvorhaben wird zu fast fünfzig Prozent von der Bundesregierung gefördert. Deshalb auch der Wunsch nach verstärkten Sicherheitsvorkehrungen. Aber das hat man Ihnen wahrscheinlich auch nicht gesagt?«, formulierte Mayer als Frage. Aber eigentlich meinte er es als Feststellung.

Brockmann schwieg und dachte für sich, dass Rickeberg ihn absichtlich nicht informiert hatte. Vermutlich in der Hoffnung, das BKA würde nicht so früh am Sonntagmorgen vor Ort sein und der Innenminister und er hätten dann die Gespräche mit dem BKA geführt.

»Wir haben«, fuhr Mayer fort, »nein«, unterbrach er sich dann selbst, »ich habe davor gewarnt, das Objekt nur in so nachlässiger Weise zu schützen!«

»Was meinen Sie mit ›nachlässig‹?«

Mayer antwortete leicht pikiert und fast schon ins Persönliche abgleitend. »Bei Ihnen hielt man eine Patrouillenfahrt der örtlichen Polizei alle zwei Stunden und nur am Wochenende für ausreichend, um ein Objekt von solcher Bedeutung zu schützen.« Er begleitete seine Aussage mit einer abfälligen Handbewegung und fuhr fort: »Wie auch immer. Ich habe ausdrücklich vor möglichen Folgen eines so ›entspannten‹ Umgangs mit den Sicherheitserfordernissen gewarnt.«

Brockmann konnte sich nicht beherrschen mit leichter Ironie zurückzufragen: »Und warum hat man Sie nicht erhört?«

Mayer schwieg verstimmt. Und Brockmann meinte ein diskretes Lächeln um die Mundwinkel von Barbara Stein zu erkennen. Er schätzte sie auf Mitte Dreißig.

Um die Situation zu entspannen, sagte Brockmann »Gehen wir erst einmal über das Gelände, damit Sie sich einen weiteren Eindruck verschaffen können. Im Übrigen erwarten wir den Innenminister und den Polizeipräsidenten gegen zehn Uhr.«

Es war inzwischen 08:30 Uhr und ein graues Tageslicht war aufgezogen.

18.

Auf dem Rundgang begegneten sie Schneider. Brockmann machte ihn mit den beiden BKA-Vertretern bekannt, nahm ihn mit auf die Begehungstour und gab ihm dann ein Zeichen, sich bei passender Gelegenheit etwas zurückfallen zu lassen. Als der Abstand zwischen Mayer und seiner Begleiterin groß genug zu sein schien, kam Brockmann auf den Punkt.

»Ich brauche Sie an einem anderen Ort. Lassen Sie die Dinge hier von Ihren Leuten zu Ende bringen. Fahren Sie zum Revier in Simmern und vernehmen Sie die beiden Polizisten. Die mussten regelmäßig während der Nacht Streife fahren. Davon hat der junge Assauer nichts gesagt! Gehen Sie dem unbedingt nach. Das hier entwickelt sich zu einer verdammt politischen Kiste. Ich betreue die zwei da vorne weiter und warte auf Rickeberg und den Innenminister. Wenn das hier alles klar ist, komme ich aufs Revier. Wenn Sie vorher fertig werden, rufen Sie mich an.«

Mayer und Stein, die ihren Alleingang bemerkt hatten, waren stehen geblieben, um auf Brockmann zu warten. »Na, gibt es noch Neuigkeiten, die wir erfahren sollten?«, fragte Mayer spitz.

Aber Brockmann blieb ruhig und entgegnete »Wir haben nur unsere to-do-Liste angepasst. Herr Schneider übernimmt ein paar Dinge, die ich erledigen wollte. Denn nun sind Sie da und ich muss hier auch noch auf den Innenminister warten.«

Das nahm Mayer zum Anlass sich wichtig zu machen. «Ich muss meinerseits dem Bundesinnenministerium einen kurzen Bericht geben.« Er griff nach seinem Handy, entfernte sich und ließ Barbara und Brockmann alleine.

Barbara – Brockmann hatte sich entschlossen, sie für sich Barbara zu nennen – eröffnete das Gespräch mit der Frage: »Wann haben Sie in Mainz denn von den Vorgängen hier erfahren?«

Brockmann schaute auf die Uhr und rechnete zurück. »Etwa gegen 02:00 Uhr. Da anfangs nur von zwei Toten die Rede war, wurde zunächst die Mordkommission benachrichtigt. Bald darauf war das Bild etwas präziser und so bin ich gleich mitgefahren. Wir waren gegen 03:15 Uhr hier.«

Kaum dass er geantwortet hatte, ärgerte er sich, dass sie ihn auf so simple Weise zu präzisen Schilderungen verleitet hatte. Andererseits würde das alles im Protokoll stehen.

Aber er musste auf der Hut sein. Die Frau gefiel ihm zu gut.

Barbara lächelte ihn an, als hätte sie seine Gedanken erraten. »Und da haben die Polizisten aus Simmern Sie erwartet?«, fragte sie weiter in leichtem Plauderton.

»Ja«, sagte Brockmann, der eigentlich keine Lust verspürte, seinem Misstrauen die Oberhand über ihre Anziehungskraft zu geben, »denen war es gelungen noch Polizei aus der Umgebung zu organisieren, um das Gelände nach außen abzusichern. Später kam die angeforderte Hundertschaft, die seither die Sicherung übernommen hat.«

»UndjetztsuchenSienachSpurenvondenPräzisionsschützen?«,stellteBarbarafestundzeigteaufdieKettevonBereitschaftspolizisten,vordereinigeMännerundFraueninweißenOverallsinRichtungZaunliefen.

Brockmann bejahte das und betrachtete sie genauer. Sie hatte grünbraune Augen und einen vollen roten Mund. »Zu schön, zu weiblich für diesen Beruf«, dachte er.

Sie waren an der Stelle angekommen, wo dem dritten Wachmann der Kopf zerrissen worden war. Die Spurensicherung hatte die Ringstraße bereits überschritten und bewegte sich auf den Zaun zu. Die Bereitschaftspolizei hielt mit ihrer Kette auf dem Asphalt an.

Jürgen Ziegler trat näher zu Brockmann, während die anderen den Zaun, durch den die Kugel ihr Ziel gefunden hatte, untersuchten.

Brockmann stellte Barbara vor, und Ziegler berichtete: »Keine Munition, aber ein Körperabdruck an der Waldgrenze. Wir vermuten, dass der Täter mit einem ›Zweibein‹ geschossen hat. Er ist zwischen einem Meter siebzig und einem Meter achtzig groß. Die anderen drei Teams werden auch bald Ergebnisse liefern. Wenn sie mehr gefunden haben, rufe ich an. Alles andere im Bericht. Im Übrigen muss der eine Täter ein Auto am Waldrand geparkt haben. Da gab es einen Hauch einer Spur. Aber wegen des Regens dürfen wir uns keine zu großen Hoffnungen machen.«

Er nickte Brockmann zu und sagte mit Blick auf Barbara: »Ich weiß schon, den Bericht wollen Sie noch heute haben. Aber er wird vorläufig sein und es wird spät werden.« Dann ging er davon und sammelte seine Mitarbeiter ein.

Barbara lächelte Brockmann an. »Sie haben Ihre Leute gut gezogen, Kompliment.« Brockmann lächelte etwas unsicher, weil er Barbara nicht genau einschätzen konnte. Ihr schien seine Verlegenheit gut zu gefallen. In ihren Augen glaubte er einen Anflug von Zuneigung zu erkennen und war noch mehr verunsichert.

Es war 09:30 Uhr. Mayer hatte sein Telefonat beendet und kehrte zu ihnen zurück.

19.

Schneider hatte leichtes Spiel bei seiner Vernehmung von Toni Assauer und dessen Kollegen.

Zunächst las er die Berichte der beiden Polizisten. Er glich sie ab und fand keine nennenswerten Differenzen. Also knöpfte er sich schwerpunktmäßig Toni vor, von dem er schon wusste, dass er die Kontrollfahrten zum AST-Komplex durchzuführen hatte.

Toni war erkennbar bedrückt. Aber Schneider wusste nicht, ob es die Folge des Schocks war, so viele Tote vorzufinden und die ganze Zerstörung zu erleben.

Deshalb begann Schneider sein Verhör damit, dass er mit Toni im Nebenraum allein und hinter verschlossenen Türen Platz nahm und ihm Anerkennung zeigte für sein Vorgehen. »Sie haben Ihre Sache gut gemacht! Es war richtig, der Feuerwehr den Zugang zu verweigern.« Er machte eine Pause und beobachtete die Wirkung seiner Worte auf Toni. Dem wurde zwar erkennbar wohler in seiner Haut, aber so ganz traute er den Komplimenten nicht. Schneider lobte also weiter: »Sie haben auch richtig gehandelt, als Sie dann im Alleingang auf das Gelände sind, um die Lage genauer zu erkunden. Und als Sie den Wachmann innen am Zaun fanden, den mit dem Kopfschuss, haben Sie ebenfalls die richtigen Schlüsse gezogen und uns sofort die neuen Fakten und Ihre Schlussfolgerungen nach Mainz übermittelt. Und deshalb haben wir angemessen schnell reagieren können. – Also hat Ihr Vorbereitungslehrgang für die Kommissarlaufbahn doch nachhaltig gewirkt.«

Toni war hin- und hergerissen zwischen seinen selbstkritischen Gedanken und den ermutigenden Worten von Schneider. Der schwieg und wartete.

In das Schweigen hinein sagte Toni: »Herr Hauptkommissar, da ist noch etwas, was mich bedrückt. Als ich meine Kontrollfahrt um das Gelände von AST begann, es war kurz nach Mitternacht, stand da ein großer LKW, ein Sattelschlepper vermute ich. Ich habe hier einen kurzen zweiten Bericht verfasst, der die Kontrollfahrt betrifft. Danach hat Herr Brockmann nicht gefragt. Aber ich habe alles aufgeschrieben.« Er gab Schneider ein Blatt Papier, er war sichtlich aufgeregt.

Schneider überflog die knappe Seite und sagte dann mit ganz ruhiger Stimme: »Dass Sie nicht zur Pforte vorgefahren sind, war auch richtig, denn Ihr Auftrag schloss die Abfertigung von Lastkraftwagen nicht ein. Dass Sie die Leiche des dritten Wachmanns bei dem Wetter und bei der Geländebeschaffenheit im Vorbeifahren nicht eindeutig als menschlichen Körper identifiziert haben, will ich Ihnen glauben.« Und er fuhr fort: »Es ist, wenn man die vorläufigen Erkenntnisse berücksichtigt, auch besser so. Sie hätten in beiden Fällen die nächsten Minuten nicht überlebt!«

Er machte wieder eine Pause und ergänzte seine Ausführungen nach reiflicher Überlegung: »Die Täter sind planvoll und entschlossen vorgegangen. Die hätten sich von Ihnen nicht aufhalten lassen. Weder am Eingangstor, noch draußen am Zaun. Die hätten Sie rücksichtslos umgelegt – und dann ihre Arbeit etwas schneller erledigt, aber nichts hätte sie hindern können. So ist es besser, Sie leben und ich kann den Hergang der gesamten Tat genauer rekonstruieren.«

Toni war entlassen. Die Möglichkeit, dass er selber Opfer hätte werden können, war ihm bis dahin noch gar nicht in den Sinn gekommen. Die Geschehnisse waren für ihn wie ein Film abgelaufen.

Schneider machte sich seine Aufzeichnungen und rief dann Brockmann übers Handy an, um ihm zu sagen: »Ich bin hier fertig. Die ganze Sache hat ziemlich genau zwischen 00:05 und 00:08 Uhr ihren Anfang genommen.«

»Dann kommen Sie zurück! Der Innenminister und Rickeberg treffen gerade ein.« Es war 09:45 Uhr.

20.

Dass der Innenminister, Rickeberg und Mayer sich kannten, war sofort klar. Mayer ging auf beide zu, und ließ dabei Barbara und Brockmann hinter sich. Den Innenminister begrüßte er mit den Worten »Wir kennen uns ja von dem Abstimmungsgespräch seinerzeit in Mainz.«

Der Minister nickte nur und war ansonsten reserviert.

Rickeberg war da schon etwas geschäftiger und versuchte eine verbindliche Stimmung herzustellen, indem er fragte: »Und wen haben Sie uns da noch mitgebracht?« Er schaute auf Barbara. Und während er einen Schritt vorwärts machte, um sie zu begrüßen, sagte Mayer: »Frau Kriminaloberrätin Stein.« Kein Wort mehr. Er drehte sich nicht einmal zur Seite, um die Vorstellung zu begleiten.

Vielleicht weiß er ja den Namen von Rickeberg nicht mehr und will sich nicht blamieren, dachte Brockmann, der seinerseits von Rickeberg nicht die geringste Aufmerksamkeit erfuhr.

»Stein? Stein?«, wiederholte Rickeberg. »Sind Sie mit dem früheren Präsidenten des BKA verwandt?«

Barbara zögerte zu antworten. Brockmann spürte das deutlich. Alle anderen wohl auch – nur Rickeberg nicht. So, als sei ihr das Thema unangenehm, gab sie nur ein kurzes »Ja!« zum Besten. Aber Rickeberg war nicht mehr aufzuhalten in seiner Neugier und bohrte weiter: »Und wie genau, wenn ich fragen darf?«

Barbara antwortete in der knappsten Weise, die denkbar war. »Ich bin seine Tochter.«

Rickebergs Augen strahlten, und er begann seinen persönlichen Kontakt zu Barbaras Vater zur Sprache zu bringen, um sich gut in Szene zu setzen.

Daraus wurde aber nichts, denn dem Innenminister war die Situation zu dumm geworden, und er unterbrach Rickeberg recht harsch: »Herr Rickeberg, wir sind nicht hierhergekommen, um alte und neue Bekanntschaften zu pflegen!« Er machte seinerseits einen Schritt auf Barbara zu. »Mein Name ist Martin. Ich bin der Innenminister dieses Bundeslandes und heiße Sie in Rheinland-Pfalz herzlich willkommen, auch wenn der Anlass eher traurig ist.«

Rickeberg, der die Zurechtweisung überspielen und durch eine elegante Überleitung auf Brockmann ungeschehen machen wollte, kam nur bis zum Anfang seines Satzes: »Ja, und das hier …«, indem er auf Brockmann zeigte, aber Martin unterbrach ihn und sagte: »Ich weiß, dass das Herr Brockmann ist – unser erfolgreicher Bandenjäger!« Er schüttelte Brockmann die Hand und fragte »Was also hat sich zugetragen?«

Brockmann, der sonst eher keine Neigung verspürte, gegenüber Vorgesetzten den Unterwürfigen zu spielen, weil er das in einer Republik für ein unnötig unwürdiges Verhalten hielt, begrüßte Martin ausnahmsweise formal. Er tat das aber vor allem, weil er Rickeberg nicht aus seiner selbstverschuldeten Isolation befreien wollte.

»Guten Morgen, Herr Innenminister!«, begann er deshalb seinen schnörkellosen Bericht.

Barbara hatte die Situation aufmerksam beobachtet. Die Distanz zwischen Rickeberg und Brockmann war ihr sofort aufgefallen. Interessant war für sie, dass Innenminister Martin lobende Worte für Brockmann äußerteundseinenPolizeipräsidentenineineDefensivrollebrachte.Siehatteauchbeobachtet,dassMartinaufMayernichtweitereingegangenwar,sondernihneheralsnichtanwesendbehandelte.UndsiestelltesichdieFrage,wiedievonMayerangesprocheneAbstimmungsrundewohlverlaufenseinmochte.

BrockmannnahmdiefünfköpfigeGruppemitüberdasGeländeunderläutertejeweilsanOrtundStelledenvermutlichenTathergang.AlsdieRundewiederinderNähedesToresankam,resümiertederInnenministerknapp:»DasistnichtdieTateinesnationalenWettbewerbersvonAST!Ichglaube,dasshiereininternationalerKonkurrentseineHändeimSpielhat.«

MartinschwiegnachseinenBemerkungenundschauteMayerprüfendan.

MayerhieltdenZeitpunktfürgekommenmitzuteilen,dassdasBundesinnenministeriumdenFallansichzuziehengedächte,natürlichnachAbschlussderkriminaltechnischenUntersuchungenhiervorOrt,unddassmanmorgenNachmittaginBerlinineinerinterministeriellenRundedievorläufigenErgebnissebewertenunddasweitereVorgehenbesprechenwerde.Natürlichgehemandavonaus,dassdasrheinland-pfälzischeInnenministeriumbisdahinschonErgebnissedes»Chaos«hierinSimmernzurVerfügungstellenwerde.

AlsMayer»Chaos«sagte,sahihnMartinmithartemBlickanunderwiderte:»Ichdachte,dieBewertungwollenSieerstmorgenvornehmen?«DannwandteersichanBrockmann,ohneRickebergauchnurimGeringsteneinzubinden.»HabenSieIhrenBerichtbismorgen11:00Uhrfertig?«

Brockmannsagte:»Erwirdum11:00fertigsein!«

»Sehrgut,dannseheichSieum11:00UhrbeimirzumVortrag.«DannwandteersichMayerzu:»Wann,sagtenSie,beginntIhreSitzungmorgenNachmittaginBerlin?«

»Wirhaben15:00Uhreingeplant«,entgegneteMayer,derdasunsichereGefühlhatte,dasseinochnichtalles.Damitlagerrichtig,dennMartinsagteinknappembefehlsartigenTon:»HerrBrockmannwirdRheinland-PfalzbeidieserSitzungalspermanenterTeilnehmervertreten!«ErschauteBrockmannan:»Siefliegenmorgen,nachdemVortragbeimir,nachBerlin.RichtenSiesichgegebenenfallsdaraufein,dortauchlängeralseinenTagzubleiben.ÜberdieErgebnisseberichtenSiemirjedenTag.Direkt!«Womiterklarmachte,dassRickebergkeinGliedinderInformationskettedarstellte.

UndalsMayereinwendenwollte,erhabekeinenEinflussaufdieZusammensetzungdesGremiumsinBerlin,erkönnedieTeilnahmeBrockmannsalsonichtsicherstellen,unterbrachihnMartinschonfastbarschundsagte:»Siekönnendasnicht.Aberich!–DasThemakläreichspätermitdemBundesinnenministerpersönlich.«

DannwandteersichRickebergzu.»Siehabenjasicherschongesehen,dassdaamTordiePressesteht.GehenSiehinundsagenSie,dassichgleicheinkurzesStatementabgebenwerde!«

Rickeberg,dersichzumBurschendegradiertsah,fieldasGesichtherunter,underfragtesich,währenderaufdieJournalistenzuging,obMartinvomInhaltseinesGesprächsmitderMinisterpräsidentinWindbekommenhabenkönnte.Ermussteesannehmen.

WährenddessenverabschiedeteMartinMayermitdenWorten»Siehabensichernochvielzutunbismorgen15:00Uhr!GuteReise.«ErreichteBarbaradieHandzumAbschiedundsagtezuBrockmann:»SiekommenmitzumPressestatement.IchwillesknapphaltenundkeineFragenzulassen.Aberessiehtimmerbesseraus,wennderBeamte,derdieUntersuchungleitet,dabeiist.«Ergingvoraus.Mayer,dichthinterihm,hatteBrockmannnurkurzzugenicktundwareinfachlosgelaufen.SofolgtenBarbaraundBrockmanninleichtemAbstand.

»Sehenwirunsmorgen?«,fragteBrockmann.Barbaraantworteteganzselbstbewusst:»Ichbinnichtsicher,obichbeiderSitzunganwesendseinwerde.DasentscheidetMayer.–AberSiehabenmeineTelefonnummeraufderKarte.RufenSiean,wennSiemichnichtunterdenSitzungsteilnehmernfinden«,undsiedrückteihminihrerunnachahmlichenArtdieHand.DamiterzeugtesiebeiBrockmanneinGlücksgefühl.Sienahmeswahr,lächelteundginghinterMayerandenJournalistenvorbei.

MartinstarteteseinPressestatement.EswarSonntag11:30Uhr.

21.

In Berlin waren die Regenwolken aus dem Westen erst mit der üblichen Verspätung angekommen, so dass es immer noch etwas regnete und stürmte, als der Telefonanruf aus dem Bundesinnenministerium den Leiter des Bundeskanzleramtes erreichte.

Frank Menzer lebte mit seiner Frau in einem Haus am Rande der Hauptstadt, nahe Potsdam. Er liebte es im Grünen spazieren zu gehen und an dem nahe gelegenen See Kraft zu schöpfen. Er genoss die Ruhe und Abgeschiedenheit dort, die ihn die Nähe der Hauptstadt vergessen ließ. Menzer konnte ohne dieses Umfeld, das ihm die nötige Entspannung bot, nicht existieren, denn seine berufliche Tätigkeit verlangte äußerste Konzentration.

Als das Telefon klingelte, konnte Frau Menzer auf dem Display erkennen, dass das ›Amt‹, wie sie es nannte, sie angewählt hatte. Sie rief laut: »Frank, dein Typ wird verlangt!«

Menzer hob ein schnurloses Telefon im Obergeschoss ab, meldete sich und erfuhr von einem Mitarbeiter, dass der Staatssekretär des Innenministeriums in der Leitung sei.

Menzer wusste, dass Staatssekretär Hillmeyer ihn nicht in seiner Sonntagsruhe stören würde, wenn es nicht besonders dringlich wäre.

Er eröffnete das Gespräch mit dem Versuch zu flachsen und fragte: »Lieber Herr Hillmeyer, wo brennt es denn?« Und bekam zur Antwort: »Ich wusste bisher nicht, dass Sie hellseherische Fähigkeiten haben. Guten Morgen, Herr Menzer. Aber es ist wahr. Die ökologische Zukunft unseres Landes auf dem Feld der Fotovoltaik ist heute Nacht verbrannt – und zwar auf den ersten Blick vollständig!«

Hillmeyer erzählte Menzer in kurzen Worten die bisher bekannten Fakten über die Vorgänge in Simmern und schloss mit seinem eigentlichen Anliegen: »Wir haben eine Lagebesprechung der Fachebene auf morgen 15:00 Uhr anberaumt. Bis dahin werden die vollständigen Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung aus Mainz vorliegen. Das hat man uns zugesagt. Der Herr Bundesinnenminister bittet Sie zu erwägen, ob der Geheimdienstkoordinator sowie einige geeignete Personen aus seinem Umfeld nicht dazu stoßen sollten. Wir sollten nicht den Eindruck erwecken, das Thema auf die leichte Schulter zu nehmen. Zunächst werden wir das Gespräch nur auf der Ebene derer, die für die Sicherheit zuständig sind, führen, um nach dem Treffen und im Lichte der Analyse zu entscheiden, ob wir daraus eine Task-Force bilden. Der Herr Minister hat mich mit der Leitung der Sitzung beauftragt. Wir werden in unserem Ministerium tagen.«

Menzer sagte die Teilnahme des Geheimdienstkoordinators sowie weiterer Mitarbeiter aus den Diensten seiner Zuständigkeit zu. Denn er verstand die Bedeutung, die dem Vorfall zukam, sofort.

Es war Sonntag 13:00 Uhr und das Thema AST hatte die Arena der großen Politik betreten.

II. Kapitel

1.

Brockmann traf Innenminister Martin am Montag um 11:00 Uhr im Ministerium.

Das Haus, in dem Martin residierte, lag in der Altstadt und stammte teilweise noch aus dem Barock. Es passte in gewisser Weise zu ihm, denn er war dem äußeren Anschein nach eine barocke Gestalt. Dieser Eindruck wurde vornehmlich durch seine Größe und körperliche Fülle vermittelt. Unter den Länderinnenministern war er der Dienstälteste. Mit dem Bundesinnenminister Hofer verband ihn eine lange, parteiinterne Bekanntschaft.

Als Brockmann von der Sekretärin in das Büro Martins geleitet wurde, sah er ihn zunächst nicht, denn Martin stand in einem alten, großen Schrank, dessen Türen bis zum Boden reichten und weit geöffnet waren. Martin schaute kurz aus seinem Versteck heraus. »Nehmen Sie an dem Gästetisch Platz, Herr Brockmann. Ich setze mich gleich zu Ihnen.«

Brockmann war von der privaten Atmosphäre, die Martin erzeugte, überrascht. Es war allgemein bekannt, dass Martin mit allen Wassern gewaschen war – sonst hätte er sich nicht so lange an der Spitze des Ministeriums halten können. Mittlerweile waren es schon elf Jahre, in denen er unangefochten diese Aufgabe wahrnahm. Brockmann hatte sich vorgenommen, auf der Hut zu sein.

»Wollen Sie auch einen Schluck?«, fragte die Stimme aus dem Schrank.

Martin war auch dafür bekannt, dass er einen guten Tropfen nicht verschmähte – zu keiner Tageszeit.

»Was soll es sein?«, fragte Martin einfach weiter, ohne eine Antwort von Brockmann abzuwarten.

Der überlegte nur kurz und erwiderte einem inneren Impuls folgend: »Ich schließe mich Ihrer Wahl an.«

Das schien Martin zu gefallen, denn er murmelte aus seinem Versteck heraus: »Gute Entscheidung!« Kurz darauf verließ er den Schrank mit zwei Gläsern Whiskey. Das eine reichte er Brockmann, der zur Begrüßung immer noch stand, hob sein Glas, sagte »Cheers!« und trank.

Brockmann dachte nur »Trink langsam, sonst überlebst du das Gespräch nicht!«

Sie setzten sich.

»Also, Herr Brockmann, was können Sie über den Fall berichten, nachdem knapp vierundzwanzig Stunden vergangen sind, seit wir uns getrennt haben?«

Brockmann sah, dass Martin hellwach war, und schloss daraus, dass er Alkohol schon am Morgen benötigte, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Er selbst spürte, dass sich eine gewisse Wärme seiner bemächtigte und war froh, dass er wenigstens angemessen gefrühstückt hatte, um für dieses morgendliche Überraschungstrinken eine Grundlage im Magen zu haben.

Er riss sich von seinen Beobachtungen los und begann seinen Vortrag der ermittelten Fakten.

Als Brockmann den wahrscheinlichen Zeitablauf des Geschehens schilderte und in Beziehung zu den mit Präzisionswaffen ermordeten Wachmännern brachte, unterbrach ihn Martin. »Die Täter wussten also genau, wann und wo der Wachschutz von AST seine Kontrollen machen würde?«

Brockmannnickte.»AlsunserStreifenwagenseineRundebeendethatte,istdieganzeAktionamTorangelaufen.SiehabennureinenFehlergemacht–undderhättedemStreifenpolizistenfastdasLebengekostet.DerWachmannanderlinkenZaunseiteistzufrüherschossenworden.Wirvermuten,dasserseinenRundgangzufrühbegonnenhatteundderSchützefürchtete,ihnnichtmehrsicherzuerwischen,wennerdenStreifenwagenerstvorbeilassenwürde.DashättedasganzeVorhabengefährdenkönnen,underentschlosssich,ihnnochvordemPassierenderPolizeistreifezutöten.DieBodenwellendesGeländeswarenideal,umdieLeichenichtgleichzuerkennen.InletzterKonsequenzistesauchgenausogekommen.AbereswarriskantfürdieTäter.«