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Im dritten Thriller aus der Serie um Kommissar Manfred Brockmann bekommt dieser die starke und rücksichtslose Hand eines einflussreichen Industriellen zu spüren. Völlig unerwartet wird Brockmann bei seinen Ermittlungen in die Auseinandersetzungen zwischen den internationalen Drogenkartellen hineingezogen. Er und seine Mitarbeiter erleben hautnah die Verquickung von Kriminalität, Wirtschaft und Politik. Kann Brockmann der Intrige von Sebastian Karst, einem der reichsten Industriellen Deutschlands, entrinnen? Welche Interessen verfolgen die USA in dem Spiel über alle Grenzen? Wird Russlands zerstörerische Politik der Unterwanderung der Europäischen Union Erfolg haben? Brockmann kann sich behaupten, aber um welchen Preis?
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Seitenzahl: 377
Veröffentlichungsjahr: 2016
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ULRICH CARDELL
WACHWECHSEL
ULRICH CARDELL
WACHWECHSEL
Thriller
swb media publishing
Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.
1. Auflage 2016
ISBN 978-3-946686-84-2
© 2016 swb media publishing, Gewerbestraße 2, 71332 Waiblingen
Lektorat: Catrin Stankov, Bernau
Titelgestaltung: swb media publishing
Titelfoto: © swb media publishing
Satz: swb media publishing
www.swb-verlag.de
Der Anruf von Ulrike Karst erreichte Brockmann am Samstagabend. Privat. Ohne jede Vorwarnung. Die Karsts gehörten zu seinem entfernten beruflichen Bekanntenkreis und ihr Anruf am Wochenende hatte an sich keine Berechtigung, die sich aus der Qualität ihrer gegenseitigen Beziehung hätte begründen lassen. Nur dass die Karsts zu den zehn reichsten Familien in Deutschland gehörten, ließ für sie selbst diesen Schritt zweifellos gerechtfertigt erscheinen - und dass ihre Tochter verschwunden war.
„Herr Brockmann, Sie müssen helfen. Wir sind völlig verzweifelt. Unser Kind ist seit drei Tagen nicht zu erreichen. Nicht telefonisch, nicht über Freunde, gar nicht! Ich bitte Sie, uns heute noch aufzusuchen. Wir können das nicht länger aushalten! Bestimmt ist ihr etwas zugestoßen. Im Übrigen kann ich nicht länger tolerieren, dass sie uns immer wieder an der Nase herumführt, so, als würden wir in ihrem Leben nicht existieren.“ Ulrike Karst sagte den letzten Satz in einem fordernden Ton, als wäre Brockmann für das Verschwinden ihrer Tochter mit verantwortlich.
Brockmann wusste, dass er nicht untätig bleiben konnte. Die Karsts spielten eine zu bedeutende Rolle in Deutschland.
Er rollte die Augen gen Himmel, als seine Frau Barbara ihn fragend anschaute. Da wusste sie, dass dieser Abend einen anderen Verlauf nehmen würde als geplant.
Brockmann sagte zu, binnen einer Stunde in Bad Homburg zu sein, wo die Karsts in einem schlossähnlichen Anwesen residierten.
Es war jetzt 19:30 Uhr und der Samstagabend war gelaufen.
Brockmann führte noch ein Telefonat mit seinem Stellvertreter, der am Wochenende Dienst hatte, gab ein paar knappe Anweisungen und machte sich auf den Weg ins Bundeskriminalamt, wo ein Fahrer und eine Mitarbeiterin auf ihn warten würden.
Er wollte die Strecke keinesfalls alleine fahren, weil er mittlerweile an seinen Sehqualitäten in der Dunkelheit Zweifel hatte. In einem knappen Jahr würde er die offizielle Pensionsgrenze von 60 Jahren erreichen. Da wollte er weder den Fehler machen, die Karsts auf den regulären Dienstweg zu verweisen, noch später bei Nacht mit dem Dienstwagen einen Unfall zu verursachen.
Im Übrigen wollte er eine Beamtin dabei haben, weil es um die Tochter der Karsts ging. Erfahrungsgemäß konnte eine Frau auch Dinge wahrnehmen, die ihm vielleicht entgehen würden in dem Fall Jasmin Karst, wenn es denn ein Fall würde. Und sie würde auch in den persönlichen Sachen viel eher stöbern können, ohne den Widerstand von Frau Karst zu erzeugen, als wenn er selber Anstalten dahingehend machen wollte.
Die Kantonspolizei in St. Moritz empfing die Nachricht gegen 20:00 Uhr am Samstag. Etwa zu der Zeit, als Brockmann sich anschickte, in Begleitung von Kriminalrätin Augustin und einem Personenschützer, der den Dienstwagen steuerte, in Richtung Bad Homburg über die Autobahn zu fahren.
Eine nackte Frauenleiche war in Sils Maria am See gefunden worden. Durch einen reinen Zufall. Ein Hotelgast hatte seinen Hund am See frei laufen lassen. Das war an sich nicht erlaubt, denn es gab in dieser Zone des Sees seltene Vögel, die unter Schutz standen. Heute war die Missachtung des Verbots eine Hilfe. Denn ansonsten wäre die Leiche frühestens am nächsten Tag entdeckt worden.
Die Kantonspolizei hatte zügig geschaltet. Die Frauenleiche war zwar nicht bekleidet gewesen. Aber an einem Fußkettchen gab es eine Widmung: Für Sabrina.
Ein Abgleich mit den Hotelmeldungen ergab, dass in Sils Maria im Hotel Berghaus eine Sabrina Eberle gemeldet war. Sie war mit ihrer Freundin Jasmin Karst Stammgast im Hotel, blieb aber gelegentlich schon mal einige Tage fort, wenn beide Abstecher nach Italien machten oder nach Lugano. Da sie beide bekannt und zahlungskräftige Gäste waren, hatte die Direktion des Hotels keinen Grund gesehen, das Fernbleiben der beiden Frauen vom Frühstück zum Anlass einer Suchmeldung zu machen. Ganz im Gegenteil. Das renommierte Haus scheute jedes Aufsehen.
Als Brockmann und Frau Augustin am Anwesen der Karsts in Bad Homburg ankamen, war es kurz vor 21:00 Uhr. Haus und Park waren hell erleuchtet. Sebastian Karst kam ihnen einige Stufen auf der Treppe des Eingangs entgegen: „Danke, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. An diesem Samstagabend“, schob er nach. Es war ihm wohl unangenehm, dass seine Frau bei Brockmann angerufen hatte. Vielleicht dachte er auch daran, dass die Sache nach hinten losgehen könnte, wenn sich herausstellte, dass seine Tochter Jasmin wieder einmal Vater und Mutter zum Narren gehalten haben sollte, worüber gelegentlich in der Regenbogenpresse berichtet wurde.
Brockmann folgte Herrn Karst in einen der Wohnbereiche im Erdgeschoss ihres riesigen Anwesens. Nach Brockmanns Erinnerung lagen hinter den beiden geschlossenen Doppel-Schiebetüren auf der rechten und linken Seite des Raums noch weitere Räumlichkeiten, die fast das gesamte Erdgeschoss umfassten.
Den gesamten Wohnbereich schätzte er auf etwa vierhundertfünfzig Quadratmeter. Er kannte das Haus nur von einem einzigen Besuch, der allerdings schon mehr als zwei Jahre zurücklag.
Die geschlossenen Schiebetüren begrenzten den Wohnbereich jetzt auf etwa einhundertvierzig Quadratmeter. Es gab mehrere Sitzzonen.
Frau Karst hatte sich auf einem Zweisitzer vor dem großen Fenster positioniert, hob den Kopf, senkte das Taschentuch, in das sie hineingeweint hatte, und begrüßte Brockmann mit einem schwach gehauchten: „Danke für Ihren Besuch.“
„Ich darf Ihnen Frau Kriminalrätin Augustin vorstellen. Sie ist eine enge Mitarbeiterin.“ Renate Augustin war knapp dreißig und einfach hinter Brockmann hergelaufen, während Herr Karst sie nicht wahrgenommen zu haben schien. Sie sagte nichts, beobachtete aber alles was vor ihren Augen ablief sehr genau.
Brockmann und Frau Augustin nahmen auf dem Sofa gegenüber Frau Karst Platz, nachdem Herr Karst eine entsprechende Geste zu beiden gemacht hatte. Er selbst setzte sich in einen Sessel, der in gewisser Weise wie eine Brücke am Rand zwischen beiden Sofas stand.
„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Vermutlich keinen Alkohol?“ Karst fragte es rein rhetorisch, schien aber wohl auch erforschen zu wollen, ob doch einer von beiden nach Alkohol fragen würde. Brockmann wehrte ab: „Ein Mineralwasser wäre gut“, entschied er für sich und Frau Augustin.
Kurz darauf betrat ein livrierter Bediensteter der Karsts den Raum, wie von Zauberhand herbeigerufen, und stellte je eine mittelgroße Flasche Wasser vor ihnen auf den flachen Glastisch in der Mitte zwischen den Sofas. Für Brockmann ein stilles Wasser, für Frau Augustin eine Flasche Medium. Sie wurde gefragt, ob ihr die Wahl recht sei. Brockmann nicht. Er nahm zur Kenntnis, dass Herr Karst seine Wahl von vor über zwei Jahren hatte notieren lassen. Oder hatte er sie sich sogar gemerkt? Brockmann wollte alles im Gedächtnis behalten. Er war sehr konzentriert.
„Weshalb sind Sie zu der Überzeugung gekommen, dass Ihrer Tochter etwas zugestoßen sein könnte?“ Er schaute bei seiner Frage Sebastian Karst direkt in die Augen.
Seine Frau war mit ihrer Antwort schneller: „Ich spüre es. Eine Mutter spürt, wenn ihr Kind sich in Gefahr befindet.“
Brockmann hatte etwas Anspruchsvolleres als Antwort erwartet, dafür, dass er an diesem Samstagabend nicht mit seiner Frau in den Rheingau gefahren war. Nicht diese reine Gefühlsbegründung. Deshalb sah er wieder Herrn Karst an, der aber weiterhin nicht zum Zug kam: „Sie hat den falschen Umgang. Wir haben das nicht verhindern können. Sie ist uns entglitten“, antwortete wieder Frau Karst und fing erneut an zu weinen.
Frau Augustin schwieg derweil eisern. Sie überließ Brockmann das Feld ganz allein und beschränkte sich weiter darauf, alles genau zu beobachten: die Karsts, die Einrichtung, die Beleuchtung durch einige halb gedimmte Deckenstrahler und die Lampen auf den gläsernen Beistelltischen neben den Sofas, die Palmen in einigen Ecken des Raums, den Livrierten, der sich in einer freien Ecke seitlich von ihnen und Herrn Karst postiert hatte und sich nicht mehr bewegte.
Sie schätzte die voraussichtliche Blickrichtung aus dem Fenster ein: Rechter Winkel zum Eingangsbereich, vermutlich war da immer noch ein riesiges Stück Garten, in den man blicken würde, wenn es Tag wäre und wenn nicht die dünnen Vorhänge den Blick nach draußen auf die erkennbaren Leuchtpunkte der Illumination des Gartens beschränkt hätten.
„Ich kann das Gefühl meiner Frau so nicht teilen. Aber eine gewisse Sorge hat mich auch befallen. Das muss ich zugeben. Meine Tochter Jasmin hat sich noch immer alle Tage bei mir gemeldet. Das ist nun seit drei Tagen nicht mehr der Fall. Sie wollte mit einer Freundin ins Engadin fahren. Das muss auch so geschehen sein, denn ihre Ankunft im Hotel hat sie uns noch kurz mitgeteilt. Seither ist jeder Kontakt ausgeblieben.“
Dass Sebastian Karst mit diesem dünnen Statement davonkommen würde, war für Frau Augustin ausgeschlossen. Sie bemerkte auf Brockmanns Gesicht zwar noch keine Ungeduld, aber sie kannte sein Vorgehen.
„Welches Hotel in welchem Ort im Engadin?“ Brockmann war nicht unfreundlich, aber er fand die Einlassungen der Karsts offenbar auch etwas merkwürdig. Wieso gab es keine klaren Aussagen über die Personen, mit denen sie zusammengetroffen oder gar gemeinsam in Urlaub gefahren war? Wieso diese schleppende Unterhaltung, wenn das einzige Kind der Karsts tatsächlich in Gefahr sein sollte? Wenn die Lage so bedrohlich sein musste, dass die Karsts den Chef des BKA am Samstagabend privat alarmierten?
Sebastian Karst war ein zielstrebiger Unternehmer. Renate Augustin wusste von ihm nur, was auch in den Zeitungen stand. Danach nahm er in wirtschaftlichen Angelegenheiten vorzugsweise den kürzesten Weg zum Ziel.
„Sils Maria. Das Berghaus. Mit einer Freundin.“ Karst antwortete wieder sehr knapp.
„Wie heißt diese Freundin?“
„Sabrina Eberle. Sie kennen sich noch aus der Schule.“ Frau Karst hatte sich wieder eingeschaltet.
Während Brockmann sich die Fakten kurz notierte, erklang zum ersten Mal Frau Augustins Stimme im Raum: „Wo ist Ihre Tochter Jasmin zur Schule gegangen?“
Frau Karst war irritiert. Vielleicht hatte sie zunächst den Eindruck, dass Brockmann seine Begleiterin nur pro forma mitgebracht hatte. Die Frage von Frau Augustin war jedenfalls so etwas wie eine Störung der bisherigen Abläufe.
Es verging ein zu langer Augenblick, bis Frau Karst antwortete: „Sie war in Montreux im Internat. Die letzten vier Jahre ihrer Schulzeit.“
Dann war wieder Sendepause.
„Wo war sie vorher zur Schule gegangen und was war der Grund für die Veränderung?“
Frau Karst wand sich für einen Augenblick, um eine passende Begründung vorzubringen.
„Es gab da eine Drogensache, derentwegen sie die Schule hier in Bad Homburg verlassen musste.“ Sebastian Karst kam seiner Frau zuvor und brachte zugleich sein wahres Handlungsmuster ans Tageslicht. Er zögerte nicht, die Tatsachen beim Namen zu nennen. Jedenfalls wenn es ihm angezeigt erschien. Renate Augustin hatte Ähnliches über sein Vorgehen in der Geschäftswelt gelesen.
„Gab es keine Möglichkeit, sie an der Schule zu belassen?“
„Nein, die Schulleitung verlangte ihren Abgang.“ Jetzt hatte wieder Ulrike Karst geantwortet. Es schien, als wollte sie das, was jetzt folgen musste, selber schildern.
„Die Schulleitung glaubte damals Hinweise darauf zu haben, dass Jasmin nicht nur Drogen konsumiert, sondern dass sie anderen Mitschülern auch Drogen beschafft hatte.“
Aber Sebastian Karst ließ sich das Heft nicht aus der Hand nehmen: „Sprechen wir es doch ganz deutlich aus. Ihr wurde vorgeworfen, gedealt zu haben!“ Karst sah seine Frau strafend an, als hätte er erwartet, dass sie das selber formuliert hätte.
Frau Augustin war ganz konzentriert: „Von wem wurde sie mit Drogen versorgt?“
„Von irgendeinem Typ aus der Frankfurter Partyszene. Wir haben damals einen Privatdetektiv eingesetzt, der Jasmin überwacht hat. Dessen Auskunft hat uns genügt, um sie aus ihrem Umfeld gänzlich herauszulösen.“ Sebastian Karsts Ton war entschlossen, als würde er die Entscheidung von damals noch einmal zu treffen haben.
Frau Augustin ließ nicht locker: „Wer genau war dieser Typ, wie Sie ihn nennen. Wie war sein Name?“
„Ich weiß den Namen nicht mehr. Das Ganze liegt ja nun schon Jahre zurück.“ Herr Karst blockte ab und seine Frau sagte auch nichts mehr.
Brockmann fand, dass Frau Augustin ihre Sache sehr gut machte. Mit wenigen Schritten zur Mitte des Problems. Jetzt griff er wieder in das Gespräch ein: „Wenn Ihnen wirklich an Ihrer Tochter etwas liegt und wenn Sie fürchten, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte, dann sollten Sie alle Karten auf den Tisch legen, unverzüglich, und uns die Notwendigkeit, in den Akten der Vergangenheit zu wühlen, ersparen.“
„Das werden Sie ja sowieso tun“, war die knappe Antwort von Sebastian Karst.
Nur war das für Brockmann die falsche Antwort: „Herr Karst, ich werde den Eindruck nicht los, dass Sie sich in einer merkwürdigen Art von Verzögerung bewegen. Wenn Sie an Ihre Tochter denken, dann kann jeder schnelle Hinweis auf Zusammenhänge hilfreich, weil zeitsparend sein. Alles andere lässt bei mir den Eindruck entstehen, dass es für Sie Gründe gibt, nicht alle Karten auf den Tisch zu legen.“
Brockmann wurde erkennbar stinkig. Jedenfalls für Frau Augustin, die ihn hinreichend kannte.
Die Entscheidung fiel durch die Intervention von Ulrike Karst: „Sebastian, du musst Herrn Brockmann alle Umstände von damals offenbaren. Es hilft niemandem, die Dinge zu verschweigen.“
Die Kantonspolizei Graubündens war zügig am Werk. Die Polizei vor Ort hatte alles für die alarmierte Kriminalpolizei aus Chur gesichert. Die Leiche von Sabrina Eberle war noch in der Nacht vom Samstag nach Sankt Moritz ins Spital gebracht worden. Die Pathologie gab kurz nach Mitternacht einen ersten Bericht frei, der Fremdeinwirkung als wahrscheinliche Todesursache nannte. Es gab Würgemale am Hals und auf ihrem Körper Anzeichen, dass sie geschlagen worden war. Der Todeszeitpunkt war vorläufig mit Samstag zwischen 15:00 und 17:00 Uhr angegeben. Weitere Untersuchungen sollten am Sonntag erfolgen. Der Chef der Pathologie war auf einer Konferenz in Bern. Als vorläufige Quelle der Identifizierung hatte der stellvertretende Direktor des Berghotels die Leiche in Augenschein nehmen müssen: Nach seiner Bestätigung handelte es sich um Sabrina Eberle.
Noch am Abend waren Kriminalbeamte aus dem Polizeihauptquartier Graubündens in Chur nach St. Moritz gereist, um den Ort des Leichenfundes zu sichten und einer intensiveren kriminaltechnischen Untersuchung zu unterziehen.
Da die Tote als deutsche Staatsbürgerin identifiziert worden war, wurde im Übrigen die Bundespolizei in Zürich benachrichtigt, weil sie für die Kontakte zur deutschen Polizei zuständig war. Gegen 23:00 Uhr am Samstag erging eine Information an das BKA, die den Tod einer jungen Frau, die vorläufig als Sabrina Eberle identifiziert war, nach Deutschland meldete. Weitere polizeiliche Erkenntnisse wurden zunächst nicht mitgeliefert.
Es war 22:30 Uhr am Samstag, als das Gemisch von Tatsachen und Vermutungen, das die Karsts zunächst erzeugt hatten, belastbaren Fakten wich: Der damals beauftragte Privatdetektiv hieß Wilhelm Hingsen, ansässig in Frankfurt, in der Kaiserstraße. Die Person, von der Jasmin den „Stoff“ bezogen hatte, hieß in der Szene „Brody“. Ein Mann Ende zwanzig zu der Zeit. Also vor etwas mehr als vier Jahren. Sein aktueller Aufenthalt war den Karsts nicht bekannt. Sie hatten nach eigenem Bekunden nur die zügige Entfernung ihrer Tochter aus dem Drogenmilieu zum Ziel gehabt. Das sei durch die blitzartige Umsiedlung Jasmins in das Schweizer Internat auch gelungen. Kontakte ihrer Tochter zu „Brody“ habe es nach ihrer Kenntnis nicht mehr gegeben. Ihr sei auch jedweder Kontakt untersagt gewesen.
Frau Augustin verzog keine Miene bei der Schilderung der damaligen Geschehnisse. Aber sie hatte jede Menge Zweifel, ob der geschilderte Ablauf so reibungslos vonstattengegangen war. Und während Brockmann das Gespräch am Laufen hielt, schickte sie der Nachtschicht erste Hausaufgaben von ihrem Tablet-PC nach Wiesbaden: Namen und Adresse des Privatdetektivs Hingsen sowie den Spitznamen „Brody“ für den Dealer. Schließlich auch die wenigen Daten von Sabrina Eberle aus Bad Homburg. Zeit war ein knapper Faktor, wenn es um Entführung gehen sollte, woran Frau Augustin vor allem dachte. Jasmin war die Tochter schwerreicher Eltern. Entführung gäbe Sinn.
Das musste nicht für Sabrina Eberle gelten. Deren Eltern waren dagegen vermutlich finanziell vergleichbar schlechter situiert.
Zwischen beiden jungen Frauen musste jedenfalls eine enge Freundschaft bestehen, die über die letzten Jahre der Trennung nicht gelitten haben konnte, wenn sie wiederholt miteinander in Urlaub fuhren. Die Schilderungen von beiden Karsts ließen an diesem Punkt allerdings Fragen offen, die Frau Augustin bei sich bietender Gelegenheit zu klären versuchen würde.
Da vorerst aber keine Entführer bekannt waren, handelte sich alles in Frau Augustins Gehirn um eine reine Spekulation. Nur entwarf sie sich gerne Szenarien, um die darin enthaltenen Ansätze mit den Fakten, die sich im Laufe von Ermittlungen ergaben, abzugleichen. Damit war sie in den fünf Jahren ihrer Zugehörigkeit zum BKA erfolgreich gewesen. Brockmann fragte Sebastian Karst gerade nach dem Privatdetektiv Hingsen: „Wie sind Sie an den Mann gekommen? War er Ihnen schon vorher bekannt?“
„Ja, ich hatte ihn schon mehrfach mit anderen Aufträgen betraut.“
„Welcher Art waren diese Aufträge“
Karst zögerte. Seine Frau sagte auch nichts, sondern sah ihn nur an, so als wäre sie gespannt, wie er aus dieser Zwickmühle jetzt herauskommen würde.
Er blieb in der Antwort knapp: „Darüber möchte ich keine Auskunft geben, da es sich um vertrauliche Aufträge handelte, die meine wirtschaftlichen Interessen betrafen.“
Diese Antwort wurde für Brockmann endgültig zu einer Quelle des Misstrauens: „Gibt es irgendeinen Anhaltspunkt aus Ihrer Sicht, dass wirtschaftliche Interessen hinter dem Verschwinden Ihrer Tochter verborgen sein könnten?“
„Herr Brockmann, was sollen diese Spekulationen? Sie sollten das Thema mit meiner Tochter bearbeiten und sich nicht in Vermutungen über geschäftliche Belange ergehen!“ Karst war etwas härter im Ton geworden.
Das ließ Frau Augustin aufhorchen. Brockmanns Reaktion hätte sie voraussagen können: „Herr Karst, Sie sind, nach allem was ich weiß, ein erfolgreicher Kaufmann. Sie verstehen Ihre Geschäfte, wissen also sicher genau was Sie tun. Und ich bin ein erfolgreicher Kriminalist. Und deshalb sage ich Ihnen ganz offen und ganz nüchtern: Diese Antwort macht mich misstrauisch. Sowohl in der Sache als auch im Ton. Ich bin heute Abend auf Ihre Bitte hin nach Bad Homburg gekommen und Sie versuchen mich seit Beginn unseres Gesprächs mit hinhaltenden und begrenzten Auskünften abzuspeisen, obwohl es um Ihre Tochter geht. Da stimmt irgendetwas nicht. Sehen Sie mir bitte nach, dass ich Ihnen das so unverblümt sage. Aber ich werde nicht meine Mitarbeiter in eine Nebelwelt schicken, um für Sie Nachforschungen anzustellen, wo Ihre Tochter verblieben ist, wenn Sie uns keinen reinen Wein einschenken, so dass wir verstehen, was sich hinter alledem verbirgt. Wir sind keine private Detektei sondern das Bundeskriminalamt.“
Da ergab sich das für Frau Augustin Unerwartete, Herr Karst brach das Gespräch ab: „Dann bedaure ich, dass wir dem Wunsch meiner Frau folgend um Ihre Hilfe nachgesucht haben. Es war ein Irrtum. Haben Sie Dank für Ihre Bemühungen, aber ich werde die Sache mit meiner Tochter selber in die Hand nehmen.“
Herr Karst erhob sich. Das Gespräch war beendet. Der Ton seiner Worte war abweisend. Die Höflichkeitsfloskeln waren reine Fassade.
Brockmann erhob sich seinerseits, war aber offenbar ganz ruhig, fast so, als hätte er mit Karsts Reaktion gerechnet.
Frau Augustin benötigte etwas mehr Zeit aufzustehen, weil sie ihren Tablet-PC erst noch verstauen musste. Dann aber war sie ebenfalls auf den Beinen. Weil etwas kleiner und von dem Glastisch vor ihr daran gehindert, seitwärts vorzutreten, musste sie hinter Brockmanns Rücken vorschauen, um Sebastian Karsts Mienenspiel genau beobachten zu können. Das war ihr wichtig. Sie wollte seine Reaktion genau einschätzen können. Aber in seinem Gesicht zeigte sich keine Regung.
„Herr Siebert wird Sie vor die Tür begleiten“, waren Karsts abschließende Worte. Er deutete auf den Livrierten, der sich sofort in Richtung Ausgang bewegte.
Sie wurden ohne Handschlag verabschiedet. Brockmann nahm diese Wende im Gespräch mit völliger Gelassenheit hin, verneigte sich knapp gegenüber Frau Karst, die völlig deprimiert auf ihrem Sofa saß. Brockmann machte Frau Augustin ein Zeichen, dass er auf ihrer Seite den Ausgang ansteuern wollte, um nicht noch einmal an Herrn Karst vorbei zu müssen, und verließ mit ihr das Haus der Karsts gegen 23:00 Uhr.
Die Kriminalpolizei aus Chur war nach 21:30 Uhr am Fundort der Leiche eingetroffen. Die uniformierten Polizisten aus St. Moritz hatten alles weiträumig gesichert. Das Gebiet um den Fundort war mittlerweile von Hochleistungsstrahlern hell erleuchtet, obwohl Ende August noch etwas Licht durch die untergehende Sonne gespendet wurde.
Da über den See ein kalter Nordwestwind fegte, wagte sich nur eine kleine Zahl von Neugierigen in die Nähe des abgesperrten Geländes. Der kalte Wind hatte schon den ganzen Tag eine ungemütliche Lage geschaffen, so dass zu dem Zeitpunkt, als der Hundebesitzer die Leiche Sabrina Eberles gefunden hatte, außer ihm keine Menschen auf dieser Seite des Sees zu sehen gewesen waren. Jedenfalls hatte der Mann das so zu Protokoll gegeben. Er selbst war mit seinem Hund bald nach dem Ortsausgang von Sils nach links abgebogen und hatte die Route zur linken Seeseite gewählt.
Die Kriminaltechnik ging die Spurensuche gewohnt systematisch an. Einige Beamte waren am Fundort zugange, die anderen suchten nach Transportspuren, um Hinweise darauf zu finden, auf welche Weise und aus welcher Richtung Sabrina Eberle an den Silser See gebracht worden war.
Die Spurensuche dazu ergab nichts außer einigen Reifenabdrücken, die von einem Geländewagen stammen konnten. Die Profile wurden sowohl per Gipsabdruck als auch fotografisch gesichert. Damit war das Thema Fahrzeugspuren erschöpft und die Kriminalbeamten versuchten noch etwas über den letzten Abschnitt des Transportes zu ermitteln, denn irgendwie musste die Leiche ja vom Auto ins Schilf gelangt sein. Die Abdrücke in der unmittelbaren Nähe des Fundortes schienen zu drei verschiedenen Sorten von Schuhen zu gehören: Zwei waren irgendeiner Art von Boots zuzuordnen. Verschieden von der Größe her. Der dritte Abdruck zeigte Profile eines Sportschuhs. Ansonsten gab es viele Abdrücke von Hundepfoten, die mehrfach die vorhandenen Spuren zerstört hatten. Der kleinere Abdruck der Boots konnte später dem Zeugen zugeordnet werden, so dass am Ende nur zwei Abdrücke von Belang waren. Der Sportschuh und die größeren Boots.
Oberleutnant Ueli Rütter, der die kleine Truppe von Kriminalpolizisten anführte, hatte keine großen Erwartungen an den Fundort gehabt. Er kannte sich im Engadin gut aus, denn er stammte von hier, wusste also schon vor seiner Ankunft, dass der Sand am Ufer des Sees immer auch von steinigen Abschnitten durchsetzt war, so dass dort Abdrücke nur schwer auszumachen sein würden. Am Ende erschien ihm das Ergebnis trotzdem sehr mager.
Die Stelle, an der Sabrina Eberle gelegen hatte, befand sich bereits im Schilfgürtel des Sees, also im Wasser. Unmittelbar an der Grenze zwischen Wasser und Land gab es die besten Abdrücke, aber der Hund hatte viel davon unbrauchbar gemacht. Allem Anschein nach war der Körper von Sabrina Eberle am Ende auf einer Plane ans Wasser geschleift worden. Jedenfalls deuteten die letzten zwei Meter darauf hin. So als hätte jemand die Plane alleine bis ans Wasser gezogen, weil eine zweite Person sich die Füße nicht nass machen wollte. An der Stelle, ab der die Täter vermutlich die Plane zunächst gemeinsam getragen hatten, gab es die zweitbesten Abdrücke und sie waren, gemeinsam mit den schwachen Reifenspuren, die Hauptausbeute des Abends. Ueli Rütter war unzufrieden. Er ließ die Suche gegen 23:00 Uhr abbrechen und begab sich dann noch ins Berghotel, wo der Hundebesitzer auf ihn wartete, um noch einmal vernommen zu werden.
Brockmann und Frau Augustin waren sich schon während des Gesprächs unausgesprochen einig, dass die Karsts irgendetwas zu verbergen versuchten, das mit dem Wegbleiben ihrer Tochter zu tun haben könnte. Jetzt, im Auto, gab Brockmann einem speziellen ersten Aspekt seiner Eindrücke Ausdruck:
„Was immer der Grund war, mich lässt der Gedanke nicht los, dass ein so gewiefter Mann, wie Karst es zweifellos ist, es zulässt, mich zu sich zu bestellen, um mich dann wieder fortzuschicken, nachdem seine Frau über die Möglichkeit, dass der gemeinsamen Tochter irgendein Leid geschehen sein könnte, berichtet hatte. Was steckt dahinter?“
Renate Augustin gab Brockmann im Stillen recht. Der Besuch war äußerst merkwürdig verlaufen.
Als sie schon fast wieder in Wiesbaden waren, kam per SMS eine Rückmeldung an Frau Augustin zu der von ihr vor über einer Stunde verschickten Datenanfrage: Sabrina Eberles Tod wurde gemeldet. Einschließlich Todeszeitpunkt. Ohne weitere Informationen. Nur das. Aus der Schweiz. Sie sagte nur: „Das müssen Sie lesen“, und hielt Brockmann die Meldung vor die Augen.
„Das ist ja unglaublich! Die Karsts tragen uns das Thema vor und die Freundin von Jasmin Karst ist zu dem Zeitpunkt gerade schon tot.“ Brockmann nahm ihr das Smartphone aus der Hand und starrte lange auf die Meldung. Dann sagte er abrupt: „Frau Augustin, das Ganze ist Ihr Fall. Sie tragen alle Daten zusammen, derer Sie habhaft werden können. Suchen Sie die Familie der getöteten jungen Frau auf und finden Sie ansonsten heraus, wer von der Schweizer Polizei die Untersuchung vor Ort leitet. Kontaktieren Sie denjenigen und lassen Sie sich alles im Detail übermitteln, was zu dem Thema bekannt ist. Im Übrigen stoßen Sie das Thema Jasmin Karst bei den Schweizer Kollegen an. Ganz zurückhaltend. Aber die sollten dort schon mal von unserem Interesse an der jungen Frau wissen. Vielleicht können die Schweizer ganz diskret etwas zum Aufenthaltsort von Jasmin herausfinden. Wenn nötig, fahren Sie in die Schweiz, nach St. Moritz, und recherchieren vor Ort. Soweit es technischer oder logistischer Unterstützung bedarf, die den üblichen Rahmen sprengt, lassen Sie es mich wissen. Ich habe das ungute Gefühl, dass in dieser Sache noch allerlei Erlebnisse auf uns warten, die uns nicht erfreuen werden. Wir sollten uns, ganz entgegen dem Ausgang dieses merkwürdigen abendlichen Zusammentreffens, der Sache in hohem Tempo annehmen. Schon wegen der betroffenen Personen. Die Karsts sind nicht nur sehr reich. Sie haben auch die besten Verbindungen zu jedermann in der Bundesrepublik, auch in die Politik, und können sehr unangenehme Zeitgenossen sein. Wenn es in ihrem Interesse liegt, werden sie uns auch weiterhin einzusetzen versuchen. Und sei es mit politischem Druck. Seien wir also gut vorbereitet. Wir haben die Karsts heute nicht zum letzten Mal gesehen.“
Sie kamen auf dem Gelände des BKA an. Brockmann verabschiedete sich bei Frau Augustin mit den Worten: „Alles in dieser Sache über meinen Tisch. Nichts ist zu banal. Ich will alles wissen. Haben wir uns verstanden, Frau Augustin?“
„Vollständig!“, war die knappe Antwort von Renate Augustin. Dann trennten sich beide.
Es war bereits nach Mitternacht, als Brockmann wieder zu Hause war.
Ueli Rütter traf den Zeugen Kurt Kaiser in einem separaten Raum des Berghotels, den die Hotelleitung zur Verfügung gestellt hatte. Kaiser war Österreicher, aus Wien. Er machte schon den sechsten Sommer hintereinander im Berghotel Urlaub. Er war alleinstehend. Nach eigener Auskunft geschieden. Alter: fünfundfünfzig. Seinen Hund hatte er im Hotelzimmer gelassen, weil der ja nichts aussagen könne, ließ er mit ernstem Gesicht heraus, obwohl es wohl als Scherz gemeint war.
Er schilderte den Ablauf seines Spaziergangs in bewegten Worten, ohne etwas zu berichten, was nicht schon aus dem Protokoll bekannt war. Nach der Existenz anderer Personen am See befragt, meinte er auf der Halbinsel am gegenüberliegenden Ufer ein Pärchen gesehen zu haben. Aber er glaube, es sei zu weit entfernt, als dass es etwas hätte sehen oder hören können. Das war die einzige neue Information.
Nach einer knappen halben Stunde verließ Ueli Rütter den einzigen bekannten Zeugen, sprach noch mit dem diensthabenden Hoteldirektor, um die Frage zu vertiefen, wo die andere Frau sei, mit der Sabrina Eberle zusammengewohnt hatte, und erfuhr, dass man sie im Hotel seit nunmehr dreieinhalb Tagen nicht mehr gesehen hätte. Auch sei das gemeinsam genutzte Auto verschwunden. Ein Mercedes Benz C-Klasse, mit deutscher Nummer, wohl aus Frankfurt. Genau konnte sich niemand erinnern. Da die Personalien schon von seinen uniformierten Kollegen festgestellt worden waren, warf er nur einen kurzen Blick in das Hotelzimmer der beiden Frauen und ließ es sodann wieder versiegeln. Er würde es morgen einer peniblen Prüfung unterziehen lassen.
Danach fuhr er nach St. Moritz auf die Polizeistation, um mit seinen Mitarbeitern die Ergebnisse zu besprechen und die weiteren Schritte für den nächsten Tag zu planen. Es war schon nach Mitternacht, als er dort ankam. Nach der Besprechung ließ er Jasmin Karst zur Fahndung ausschreiben und fuhr dann zu seinen Eltern nach Bever, um wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.
Renate Augustin war am Sonntagmorgen um 09:00 Uhr wieder im Dienst. Sie hatte schlecht geschlafen. Das Erlebnis bei den Karsts, verbunden mit Brockmanns Bemerkungen über Einfluss und Gefährlichkeit dieser Leute, hatte sie unruhig träumen lassen.
Gerade als sie sich einen grünen Tee aufgegossen und an ihrem Schreibtisch wieder Platz genommen hatte, ging die Fahndung nach Jasmin Karst als Email ein. Sie sah, dass die Kriminalpolizei in Chur die Fahndung auf den Weg gebracht hatte und dass die Polizeistation in St. Moritz als weitere Anlaufstelle für zweckdienliche Meldungen angegeben war.
Sie überlegte kurz, ob die Schweizer bei den Karsts schon nach der Handynummer von Jasmin gefragt haben würden, und beschloss augenblicklich, sich mit der Schweizer Kriminalpolizei kurzzuschließen, um parallele Ermittlungen zu vermeiden. Die Träume der letzten Nacht machten sie vorsichtig. Sie wollte sich nicht in Doppelermittlungen ergehen und dabei die Konfrontation mit den Karsts in Kauf nehmen. So wählte sie die Schweizer Kollegen in Chur an, obwohl sie davon ausging, dass ein Team der Kripo vor Ort war. Sie wollte das gemeinsame Vorgehen ganz grundsätzlich abstimmen und dafür brauchte sie den Leiter der Kripo der Kantonalpolizei in Chur. Sie sah im internen Verzeichnis des BKA nach, wer die Kripo des Kantons Graubünden leitete, und rief an.
Oberstleutnant Ronelli war im Dienst. Am Sonntag. Renate Augustin war positiv überrascht. Sie benötigte nur eine Zwischenverbindung über sein Vorzimmer, um ihn zu sprechen.
„Räto Ronelli, guten Morgen Frau Kollegin. Was kann ich für Sie tun?“
„Guten Morgen, Herr Ronelli. Ich würde gerne mit Ihnen über den Fall Jasmin Karst sprechen. Auch wenn es bei Ihnen noch kein Fall sein sollte.“
„Ich höre Ihnen zu, Frau Augustin.“
Renate erzählte ihm in knappen Worten über ihr Wissen zu dem möglichen Verschwinden von Jasmin und dass sie gerne eine Abstimmung mit seinen Mitarbeitern organisieren würde.
Nachdem sie ihre Gründe dafür plausibel gemacht hatte, kam das Okay von Ronellis Seite ohne großes Zögern: „Wir hätten uns ohnehin mit dem BKA in den nächsten Tagen in Verbindung gesetzt. Es wird wahrscheinlich auch in Deutschland einiges zu ermitteln geben. Haben Sie im Übrigen einen Vorschlag, wer der Familie Eberle den Tod ihrer Tochter meldet?“ Das war eine recht direkte Aufforderung, die Aufgabe zu übernehmen.
Renate war nicht auf den Kopf gefallen. „Wenn Sie mir noch etwas über die Details des Geschehens in St. Moritz sagen können, will ich das übernehmen.“ Sie brauchte unbedingt schnell Informationen über das gesicherte Wissen der Kantonalpolizei. Denn sie wollte für sich beurteilen können, ob Brockmanns Anregung an sie, eventuell selber nach St. Moritz zu fahren, realisiert werden musste. Sie hatte dazu eigentlich keine große Lust. Aber wenn sich Anhaltspunkte ergäben, die ihr Erscheinen dort erforderten, würde sie nicht zögern. Dazu war die Sache zu heiß.
Räto Ronelli gab die bisher bekannten Fakten weiter und sagte zum Abschluss, dass man heute Morgen die Unterkunft beider Frauen einer genauen Überprüfung unterziehen würde. Der Kollege, der die Untersuchung leite, hieße Ueli Rütter. Er würde ihn jetzt über das Gespräch mit Renate informieren und sie dann von ihm anrufen lassen.
Renate zögerte für eine Sekunde, weil der Vorschlag zwar folgerichtig war, aber sie dadurch in die Defensive des Abwartens gedrängt war. Darum schlug sie vor, der Kollege möge doch umgehend zurückrufen, damit sie danach zu den Eltern von Sabrina Eberle fahren könne. Sie wolle das aber nicht ohne den Kontakt mit Rütter tun, da die Eltern möglicherweise den Wunsch äußern würden, in die Schweiz zu fahren, um ihre tote Tochter nach Deutschland zurückzuholen.
Ronelli verstand Renates Anliegen sofort, sagte den umgehenden Rückruf zu und murmelte nach dem Telefonat in seinen Vollbart : „Was eine nachhaltige Person!“ Dabei grinste er leicht vor sich hin und wählte Ueli Rütter an.
Renate Augustin fertigte sich eine Check-Liste ihrer Prioritäten in einem kleinen Buch, das sie immer bei sich führte. Da stand nun als erste Aufgabe „Brockmann“, dann kam als Nächstes „Handyüberwachung Jasmin“. Danach rangierte „Eberle“.
Da sie den Anruf aus der Schweiz auf dem Display des Telefons sehen würde, wenn er einträfe, rief sie gegen 10:00 Uhr Brockmann an.
„Guten Morgen. Ich störe Sie nur ungerne an Ihrem Sonntag, will aber Ihrem Auftrag, Sie auf dem Laufenden zu halten, Folge leisten.“
Brockmann war entspannt und forderte sie auf zu berichten.
Nachdem sie ihre neuen Erkenntnisse geschildert hatte, trug sie ihm die Absicht vor, die Handynummer von Jasmin Karst zu erfragen, um sie orten zu lassen. Sie war sich sicher, dass die Kollegen in der Schweiz das Gleiche in die Wege leiten würden. Sie wollte auf jeden Fall vermeiden, dass Jasmin schon wieder in Deutschland war, während in der Schweiz noch nach ihr gesucht würde.
Brockmann stimmte allem zu, stellte aber sicher, dass Renate bei den Eberles nicht ohne eine Begleitung erscheinen sollte und entschied im Übrigen, dass er die Handynummer von Jasmin selber erfragen wollte. Ihn interessierte die Reaktion der Karsts auf die Meldung von Sabrina Eberles Tod. Würden sie an ihrer merkwürdigen Verhaltensweise des gestrigen Abends festhalten oder würde sich alles ändern?
Renate nahm die durch Brockmann entschiedene Aufteilung der nächsten Schritte hin und verabschiedete sich von ihm.
Während sie überlegte, wer als ihre Begleitung geeignet und wer überhaupt am Sonntag verfügbar war, klingelte ihr Telefon. Sie identifizierte die Schweizer Vorwahl und hob ab.
„Renate Augustin.“
„Ueli Rütter hier. Mein Chef hat mich soeben angerufen und mir gesagt, dass Sie gerne etwas über unsere Leiche erfahren würden.“
„Ja, das ist richtig. Und wenn Sie einverstanden sind, habe ich dann auch noch etwas für Sie.“
„Ich bin einverstanden.“ Rütter fand Renates Stimme sympathisch und versuchte sich vorzustellen, wie sie wohl aussah. Vermutlich wie die meisten Polizistinnen, dachte er, um sich wieder auf den eigentlichen Gegenstand des Gesprächs zu konzentrieren.
Er legte die bis dahin vorliegenden Informationen offen. Erzählte ihr von den Spuren am See, die schon ausgewertet waren: Die Reifenabdrücke wiesen auf einen BMW X5 hin. Sehr wahrscheinlich neuestes Baujahr. Die Schuhabdrücke der Boots deuteten auf einen Mann von einiger Größe, vermutlich irgendetwas zwischen 1,85 und 1,90 Meter. Der andere Schuh gehörte ebenfalls einem Mann, der aber wahrscheinlich nur um 1,70 Meter groß war. Dann erzählte er noch von dem einzigen Zeugen, der aus Wien stammte, und dass die Polizei aus St. Moritz heute mit einer Flugblattaktion nach weiteren Zeugen suchte, die sich möglicherweise am anderen Ufer aufgehalten haben könnten. Die Todesursache habe sich bestätigt: Sabrina Eberle sei von ihren Mördern geschlagen und dann gewürgt worden. Schließlich sei ihr Tod eingetreten. Er sagte Mörder im Plural, weil er von den Fußspuren darauf schloss, dass es sich um mindestens zwei Täter handelte.
Renate bat darum, ihr die Untersuchungsergebnisse zu mailen. Dann fragte sie nach Jasmin Karst.
„Wir haben eine Mobilfunknummer, die dem Hotel bekannt war, weil Jasmin Karst sie für Notfälle hinterlassen hatte.“
Renate notierte die Nummer und erzählte Ueli Rütter dann die knappen Fakten des Vorabends. Auch, dass ihr Chef jetzt noch einmal mit den Karsts in Kontakt treten wollte, um die Handynummer von ihnen zu erfragen.
Dagegen hatte Rütter nichts einzuwenden, weil damit ein Abgleich mit seinen Informationen zustande kommen konnte.
Renate gab ihm ihre Email-Adresse und Rütter sagte zu, ihr neue Ergebnisse schnellstmöglich zu senden. „Und Sie sprechen mit den Eltern von Sabrina Eberle?“
„Ja, dazu werde ich mich in den nächsten Minuten auf den Weg machen.“
„Geben Sie mir später ein Feed-back zu Ihren Eindrücken?“
„Geht klar. Kann aber bis zum Nachmittag dauern.“
„Das ist schon recht.“
Renate fand seine Art gewinnend. Nach dem Gespräch wählte sie einen Kollegen aus der Wochenendbereitschaft aus, der sie nach Bad Homburg begleiten würde.
Bevor sie abfuhr, rief sie bei den Eberles an, um sicherzustellen, dass sie jemand antreffen würde. Frau Eberle hob ab, Renate sagte kurz ihren Namen, avisierte ihre baldige Ankunft und bat, auf sie zu warten.
Frau Eberle begann daraufhin übergangslos zu weinen und Renate nahm sich vor, schnell zu fahren. Es war 11:00 Uhr, als sie mit ihrem Kollegen das Gelände des BKA verließ.
Brockmann erreichte Sebastian Karst etwa um diese Zeit. Er hatte bewusst noch etwas gewartet nach dem Gespräch mit Renate. Er wollte keinen Vorwand formaler Art zulassen. Aber 11:00 Uhr am Sonntag war auch für einen wichtigen, sehr reichen Geschäftsmann zumutbar, zumal, wenn es um die eigene Tochter ging.
„Ja, bitte“, hörte er Karsts dunkle, reservierte Stimme.
„Guten Morgen, Herr Karst, Brockmann am Apparat. Ich habe Ihnen die traurige Mitteilung zu machen, dass die Reisepartnerin Ihrer Tochter, Sabrina Eberle, gestern tot im Silser See aufgefunden wurde. Jedenfalls ist es uns so gemeldet worden.“
Brockmann stoppte nach diesem ersten Satz und lauschte auf Karsts Reaktion.
„Das ist ja schrecklich!“, kam es aus dem Hörer. Zu geschäftsmäßig für Brockmanns Geschmack. Und der nachfolgende Satz bestärkte ihn noch in seiner Einschätzung. „Haben Sie das den Eltern schon mitgeteilt?“
Warum fragte Karst nicht nach seiner eigenen Tochter? „Das geschieht in diesem Augenblick. Frau Augustin ist zu den Eberles gefahren.“
Karst schwieg. Dann sagte er ganz trocken: „Und war es das, was Sie mir sagen wollten, oder gibt es noch etwas anderes zu berichten?“
Brockmann blieb trotz Karsts Kaltschnäuzigkeit ganz ruhig: „In Anbetracht der genannten Tatsache bitte ich Sie, mir die Nummer des Handys Ihrer Tochter Jasmin durchzusagen.“
„Wozu wollen Sie die Nummer haben? Wenn sie meinen Anruf nicht annimmt, wird sie bei Ihnen auch nicht abheben.“
Das war noch ein Fehler von Sebastian Karst. Brockmann blieb weiter ruhig: „Sie wollen doch wissen, wo Ihre Tochter sich aufhält, oder hat sich daran etwas geändert? Also geben Sie mir bitte die Daten.“ Er hatte eine abschlägige Antwort gar nicht erst abgewartet, sondern seinen Wunsch wiederholt, der jetzt zur Forderung geworden war.
Karst zögerte wieder, schob dann aber vor, er müsse sich die Nummer aus seinem Notizbuch holen, weil er sie nicht auswendig wisse.
„Bitte, ich warte.“
Nach einigen Momenten war Karst wieder am Apparat und sagte Brockmann die Nummer durch. Ein Unterton, der das Gefühl belästigt zu werden ausdrückte, war in seiner Stimme. Er schloss das Gespräch mit dem Hinweis, dass er an seiner Linie von gestern festhalte und selber nach seiner Tochter Nachforschungen anstellen würde.
Brockmann bedankte sich knapp, ging aber auf Karsts Hinweis nicht weiter ein. Er war schon längst auf einer anderen Fährte.
Renate Augustin hatte Frank Faller mit zu den Eberles nach Bad Homburg genommen. Faller war ein sportlicher Oberkommissar, der sich gut als Begleitung für alle unvorhergesehenen Fälle eignete. Renate war unsicher, was sie erwartete.
Eltern die Nachricht vom Tod ihres Kindes zu überbringen, gehört zu den schwersten Aufgaben, die Polizisten übernehmen müssen. Auch wenn man sich eine gewisse innere Rüstung zu schaffen versucht, es war immer wieder eine traurige Pflicht, die zu leisten auch Renate nicht unberührt ließ.
Die Eberles wohnten in einem sanierten Altbau am Kurpark in Bad Homburg. Gute Mittelschicht, dachte Renate, als sie vor dem Haus ankamen. Aber natürlich eine völlig andere Umgebung als gestern bei den Karsts. Renate fand Frau Eberle so vor, wie es sich am Telefon angebahnt hatte: in Tränen aufgelöst. Sie hatte schon am Fenster auf die Ankunft gewartet.
Zweite Etage. Renate klingelte und ging mit Faller die Treppen hoch. Die Tür zur Wohnung stand offen. Frau Eberle saß in ihrem Wohnzimmer in einem Sessel und rief mit Tränen erstickter Stimme: „Kommen Sie herein. Ich konnte nicht mehr stehen.“
Als Renate mit ihrem Begleiter Frau Eberles Wohnzimmer betrat, war sie angenehm überrascht. Das Zimmer mit dem Blick auf den Kurpark, von dem aus Frau Eberle ihre Ankunft beobachtet hatte, war modern, aber zugleich einladend wohnlich möbliert.
Frau Eberle machte eine Geste gegenüber den beiden Besuchern, dass sie sich setzen mögen, und weinte weiter still vor sich hin. So nahmen sie auf zwei weiteren Sesseln Platz, die um einen flachen Tisch gruppiert waren.
„Frau Eberle, wir haben vorhin miteinander telefoniert. Mein Name ist Augustin, das ist mein Kollege Faller. Ich komme zu Ihnen, um Ihnen zu sagen, dass nach Auskunft der örtlichen Polizei Ihre Tochter in der Schweiz einem Unfall zum Opfer gefallen ist. Sie ist gestern tot in der Gegend von Sils Maria aufgefunden worden. Mein Kollege Faller und ich sprechen Ihnen unser Beileid aus.“
Renate hatte zu der Notlüge, Sabrina sei Opfer eines Unfalls geworden, gegriffen, weil sie die Nachricht abmildern wollte und zugleich hoffte, ohne das Wort „Mord“ benutzt zu haben, aus einer neutralen Position etwas mehr über die Beziehung zwischen Sabrina und Jasmin zu erfahren.
Doch es kam ganz anders als erwartet: „Ich glaube nicht an einen Unfall. Sie hätte nie mit Jasmin zusammen wegfahren dürfen. Aber sie hat schon lange nicht mehr auf mich gehört.“ Ihr Weinen verstärkte sich wieder.
„Wie meinen Sie das, Frau Eberle? Wieso hätte sie nicht mit Jasmin Karst in Urlaub fahren dürfen?“
„Die Familie Karst lebt in anderen Sphären als wir normalen Menschen. Nicht nur, weil sie viel mehr Geld besitzen als wir anderen. Sie haben auch andere Beziehungen und Bekanntschaften. Ja, sie denken deshalb ganz anders als wir.“ Frau Eberle machte eine Pause in ihren Ausführungen. „Aber vielleicht waren sie ja schon immer so und sind nicht erst durch ihre Geschäfte und die Welt, in der die Geschäfte getätigt werden, so geworden.“ Wieder Pause. Renate sagte nichts. Faller auch nicht. Er war in dieser Hinsicht eine gute Wahl. Er konnte sich in solch heiklen Situationen völlig zurücknehmen.
Als von Frau Eberle nichts mehr kam, fasste Renate nach: „Warum sollte Ihre Tochter nicht mit der Tochter der Karsts wegfahren? Sie kannten sich doch aus der Schule. Waren schon lange Freundinnen.“
„Die Freundschaft war einseitig. Meine Tochter hatte immer den Willen, etwas Besseres zu werden. Zu den Reichen dazuzugehören. Sie hat die Freundschaft eher gewollt als Jasmin. Jasmin ist in ihrem ganzen Wesen unabhängiger. Sie hat Sabrina nur benutzt. Wenn sie nach irgendwo reisen, aber lieber nicht alleine fahren wollte, war meine Tochter immer ihre willkommene Ansprechpartnerin. Und Sabrina suchte die Welt der Reichen. Diese Schwäche begriff sie schon. Aber sie hat sie nicht beherrschen können. Das hat sie von ihrem Vater. Der war auch immer von dem Reichtum der Karsts geblendet.“
„Darf ich fragen, wo sich Ihr Mann aufhält?“ Renate wollte das plötzlich wissen, weil ihr der Verdacht kam, dass Frau Eberle allein mit ihrer Tochter in der Wohnung leben könnte.
„Mein Mann hat mich wegen einer anderen verlassen. Schon vor fünf Jahren. Er hat mich und Sabrina mit der Wohnung hier und etwas Geld abgefunden. Glaubt er.“ Frau Eberle war aus der traurigen Stimmung plötzlich in eine bittere Tonart verfallen. Sie sann vor sich hin, als wären ihre Besucher gar nicht anwesend. „Jetzt habe ich auch noch meine Tochter verloren. Wären wir den Karsts doch nur nie begegnet.“
„Das verstehe ich nicht. Wieso haben die Karsts etwas mit der Trennung von Ihrem Mann zu tun?“
„Sie verstehen gar nichts! Wie sollten Sie auch?“ Frau Eberle sackte in sich zusammen, als hätte sie jeden Halt verloren und begann wieder leise zu weinen.
„Dann helfen Sie mir zu verstehen!“
Frau Eberle schwieg weiter. Aber Renate sah, wie es in Frau Eberles Gesicht arbeitete und wartet geduldig. Dann brach es aus ihr hervor, als gäbe sie einem Drang nach Befreiung ihrer Seelenqualen freien Lauf: „Alles begann damit, dass mein Mann vor gut zehn Jahren eine neuen Job suchte und in einer der Firmen von Sebastian Karst angestellt wurde. Als Gruppenleiter. Die Firma steuerte die Logistik von großen Industrieprojekten, die durch andere Industriezweige des Firmenkonglomerats der Karsts produziert wurden. Sie begreifen: Die einen produzierten, die anderen bereiteten die Auslieferung an die Kunden mit ihrem speziellen Know-how in logistischer Hinsicht vor. Eine gut bezahlte Arbeit. Mein Mann ist gelernter Ingenieur.
Wir lernten die Karsts bei einem Elternabend in der Schule unserer Tochter persönlich kennen. Sonst kommt man ja mit Leuten dieser Kategorie so nicht zusammen. Aber Jasmin war in ihren schulischen Leistungen zurückgefallen und ihre Eltern wollten wohl Interesse an der Schule zeigen, um für ein anberaumtes Gespräch mit der Klassenlehrerin gutes Wetter zu machen. Also erschienen beide an dem Abend. Mein Mann machte rückblickend betrachtet den Fehler, sich nach Beendigung des Elternabends Herrn Karst vorzustellen und seine Anstellung in einer seiner Firmen ins Spiel zu bringen. Was immer ihn dazu verleitet hat. Wahrscheinlich hatte er Sorge, dass der Fortbestand der Firma, in der er arbeitete, durch die Globalisierung gefährdet sein könnte. Denn mit der Globalisierung kam für Karst die große Herausforderung, seinen Konzern umzubauen.
Mit diesem Zusammentreffen begann unser Unglück. Mein Mann erhielt wenige Wochen nach dem Elternabend seine Kündigung. Gleichzeitig wurde ihm aus der Konzernführung signalisiert, dass er unter Beibehaltung seiner bisherigen Bezahlung eine andere Verwendung in Russland übernehmen könne. Mit Auslandszulage. Mein Mann willigte ein, um nicht arbeitslos zu werden. Er ging schon zwei Monate später nach Moskau. Dort arbeitet er seither, hat eine andere Frau kennen gelernt und lebt dort mit ihr zusammen. Die letzten Schuljahre unserer Tochter musste ich alleine meistern. Zum Glück war sie eine gute Schülerin.“
Frau Eberle hielt nach diesen Worten in ihrer Schilderung des Familienschicksals inne. Als sie weiter berichtete, bekam alles eine andere Wendung.
„Meine Tochter war also gut in der Schule. Jasmin war immer nur durchschnittlich. So gab Sabrina ihr gelegentlich Nachhilfe. Im Haus der Karsts.
Als beide fünfzehn waren, driftete Jasmin in ihrem Verhalten ab. Sie nahm wohl ab dieser Zeit Drogen und wurde in der Klasse von Fünfzehnjährigen damit zum Mittelpunkt, denn sie konnte immer auch für andere Nachschub beschaffen. Es schien ihr zu gefallen, von der Mehrzahl der Klassenkameraden respektiert zu werden. Vorher war das nicht der Fall, denn sie war, wie geschildert, Durchschnitt in ihren schulischen Leistungen. Ihre Attraktivität bestand bis dahin in ihrem netten Aussehen, das stets durch das neueste Outfit unterstützt wurde. Dann noch durch ihre finanziellen Möglichkeiten, die von Zeit zu Zeit durch recht opulente Partys im Haus der Karsts unterstrichen wurden. Dann kamen die Drogen hinzu.
