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"Jans blinkende Welt. Auf der anderen Seite" Es begann in Köln mit diesem Geldregen, von dem alle Spieler träumen, und das an einem simplen Automaten. Dann der Kasinobesuch: Glitzernde Nachtwelt, Typen, die er am Tag zum Kotzen gefunden hätte. Dort drin war er nicht angewidert, da wurde er selbst zum Großmaul. Alles Ausrutscher, dachte er. Bald würde er wieder Boden unter den Füßen haben, doch es war nur Treibsand. Jan Siegel hat Träume, doch sie lösen sich nach der Wende auf: Modelltischler werden nicht gebraucht. Er versinkt im Automatenspiel, beginnt eine Therapie, doch kurz vor ihrem Abschluss verliert er alles - Geld und Vertrauen. Er flüchtet auf die andere Seite, begegnet Manne, dem Obdachlosen. Die Gespräche mit ihm sind wie ein Spiegel. Als er Gandhi aus der Band von früher trifft, weiß er: Platte machen darf nicht sein Ding sein. "Jans blinkende Welt" ist die Geschichte einer Lebenssuche in der Nachwendezeit. Sie erzählt vom Sich-Verlieren in die Sucht, dem Wieder(er)finden und von Menschen, die den Mut haben, Vertrauen zuzulassen.
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2021
Faites votre jeu - die Kugel rollt,
Auf grünen Feldern blitzt das Gold
Und lockt und lockt in Teufels Sold
Den Armen.
Faites votre jeu - er steht und grollt,
Die Kugel aber rollt und rollt
wie aus den Händen ihm das Gold -
Erbarmen!
Faites votre jeu – nun sei mir hold
Ein letztes Mal! Ich will mein Gold
ja nur zurück! Die Kugel rollt -
Verloren!
Faites votre jeu - die Kugel rollt -
er wankt hinaus --- der Teufel zollt
Den Dank für eure Gier nach Gold
Ihr Toren ---.
Hermann Buchholz, «Neue Gedichte»
Verlag Fechner, Guben, 1909
Teil I
Jana
Jan
Manne
Elisabeth
Jan
Elisabeth
Lu
Elisabeth
Jan
Gini
Elisabeth
Jan
Gini
Jan
Elisabeth
Teil II
Jan
Manne
Jan
Manne
Elisabeth
Jan
Gandhi
Jan
Nele
Helmut
Jan
Lu
Elisabeth
Jan
Jan und Nele
Sie sitzen in Sions Bierstuben, jeder ein blasses Kölsch vor sich. Um sie herum Grüppchen von Touristen. Im Sions muss man gewesen sein, steht in den Stadtführern. Sie ist das erste Mal hier und es ist der erste gemeinsame Abend mit dem Jugendfreund von damals.
«Zwei aus dem Osten, die sich in Köln wiedertreffen. Eine richtige Ost-West-Story.» Sie stößt Jan übermütig in die Rippen. Als er wie unabsichtlich den Arm auf die Lehne ihres Stuhls legt, quittiert sie es, indem sie sich zurücklehnt. Ihr Rücken berührt seinen Arm ganz kurz.
Jan, denkt sie, warum nicht Jan? Sie kneift ein Auge zu, hält ihr Bierglas dicht vor das Gesicht, lächelt.
«Du hast das nicht richtig erzählt: Robert hat dir gesteckt, dass ich in Köln bin?»
«Nicht von sich aus. Ich habe mit ihm telefoniert, ihn gefragt, ob er was von dir weiß - und er wusste.»
«Und dann?»
«Bin ich nach Hause, habe meine Sachen gepackt und bin her.»
«Einfach so?»
«Einfach so. Ich wusste, ich würde dich finden.» Jan lacht. «Ein Scherz. Ich habe mir natürlich erst Arbeit und eine Bleibe gesucht. Mit dem Leben Roulette spielen, ist nicht mein Ding. Mein Job - da hatte ich Riesenglück. Am Theater fehlte tatsächlich ein Modellbauer. So eine Stelle, das ist fürs Leben, wenn man sich damit abfindet, dass man nicht reich wird. Als ich anrief und sagte, ich bin vom Fach, habe im Osten aber keine Chance, da hat der Chef gesagt, komm her zur Probearbeit, zeig, was du drauf hast. Das mit dem Arbeiten zur Probe hatte echt Spaßfaktor. Gezahlt haben sie in dieser einen Woche nichts, trotzdem war es genau mein Ding. Ich durfte, ja, sollte mich gleich richtig reinknien. Habe ich gemacht. Der Chef hat nicht viel gesagt. Ich habe gespürt, dass es läuft.
Die Bleibe war eine Folge von allem. Eine alte Schauspielerin hat mir ein Zimmer angeboten. Sie spielt nicht mehr, kommt aber regelmäßig in die Kantine. Da hat sie mich angesprochen. Am Theater wissen immer alle alles und manchmal genauer als du selbst. Ist wie eine Familie, weißt du.»
«Du warst hartnäckig, wusstest, was du wolltest. Nicht, dass du gleich platzt, aber ich bin beeindruckt. Man muss was tun, darf nicht warten, was zu einem kommt. Jetzt kann ich es ja sagen. Als du vor vier Wochen anriefst, da dachte ich, alte Geschichten muss man nicht aufwärmen. Ja, wir waren damals heftig verliebt, Teenager halt und erst fünfzehn.»
«Zum Pausenkaffee hast du aber doch Ja gesagt?»
«Du hast dich eben nicht abwimmeln lassen. Vielleicht sind wir uns ja ähnlich?» Jana beobachtet ihre Jugendliebe amüsiert. Ist er etwa rot geworden? Seine Augen leuchten postkartenblau. In genau diese Augen hatte sie sich damals verguckt. Sie legt den Kopf schräg, lächelt, fährt sich mit der Linken durch ihr weizenblondes Strubbelhaar. Sie kämmt es immer ohne Pony aus der Stirn, aber da es sich kaum bändigen lässt, hängen ihr nach kurzer Zeit wieder Fransen ins Gesicht, die sie häufig wegpustet. Eine Angewohnheit. Sie spürt Jans Blicke.
«Hey, siehst du mich an oder durch mich hindurch?»
«Ich zähle deine Sommersprossen. Und das dauert. Mir scheint, es ist eine Lebensaufgabe.» Jan grinst unverschämt, das söhnt sie mit seinem platten Spruch aus.
Wenn Jan eine Story nach der anderen erzählt - als Soldat beim Bund, bei Erdöl von Baustelle zu Baustelle, sein Wunsch, sesshaft zu werden - erscheint ihr das eigene Leben langweilig. Sie hat lange nicht mehr so gelacht wie mit Jan. Viel Abwechslung gönnt sie sich nicht. Zuerst kommt die Arbeit, das ist mal klar. Da kniet sie sich rein, jeden Tag. Zweimal die Woche Fitnesscenter, mehr kann sie als Freizeitprogramm nicht vorweisen. Für richtige Freundschaften reicht die Zeit nicht.
***
Es geht schnell mit ihnen und erscheint ihr wie selbstverständlich: Nach acht Wochen, sie sitzen in Janas Wohnung an dem viel zu niedrigen Tisch beim Frühstück, räuspert sie ihre Verlegenheit weg und traut sich:
«Jan, ich gebe zu, ich war skeptisch. Aber heute früh, als wir zusammen aufwachten, war der Gedanke da. Ich habe ein gutes Gefühl mit uns. Was hältst du davon, zu mir zu ziehen? Worauf wollen wir warten? Und wozu zweimal Miete zahlen, wenn wir - also, ich möchte, dass wir jeden Tag so aufwachen.»
Jans Augen werden rund, sie freut sich über ihren Überraschungseffekt. Es passt alles. War ihr deshalb kein Kölner so begegnet wie Jan, weil sie anders ist, aus dem Osten eben?
«Jana?», nuschelt Jan, steht hastig auf, so dass der Stuhl fast hintenüber kippt, stürzt auf sie zu, nimmt ihr Gesicht in beide Hände und küsst sie heftig. Sie wehrt ihn lachend ab.
«Ich habe mein Brötchen noch nicht runtergeschluckt, jetzt musst du Krümel sortieren. Sag einfach ja. Es geht schnell, aber ich finde es nicht überstürzt.»
Jan hat nicht viel zu packen. Die zwei Reisetaschen und ein praller blauer Müllsack mit dem Bettzeug passen locker in den knappen Kofferraum ihres Autos, eine lange Papphülse gibt er nicht aus der Hand. Noch im Flur zieht er ein großes Poster heraus und rollt es aus: ein Sonnenaufgang mit Angelkahnim Vordergrund, über allem schleieriger Morgennebel.
«Was meinst du, finden wir einen Platz dafür?»
«Taschen noch nicht ausgepackt, aber Poster?» Jana wirft einen Blick auf das Motiv und grinst.
«Stimmungsvoll oder eher kitschig?»
«Das ist Natur, Jana. Die ist so. Hat für mich Erinnerungswert.»Etwas steigt in ihr hoch, das sie nicht recht deuten kann. Klar, dass nicht alles so bleibt, wenn Jan mit ihr zusammen lebt. Bisher wohnte sie immer allein. Sie wird lernen, damit umzugehen, wird es in den Griff kriegen.
«Wenn du es nicht über der Couch anpinnen willst. Der Platz ist verplant, ich komme nur gerade nicht dazu.» Sie überlegt kurz und geht dann ins Schlafzimmer. «Sieh mal, was hältst du davon?» Sie deutet auf eine freie Wandfläche zwischen Schrank und Bett. «Das wird deine Seite Jan. Ich schlafe immer am Fenster, das heißt, im Laufe der Nacht meistens quer. Ist bei einsvierziger Breite nicht übertrieben, finde ich. Bisher», sie sieht ihn schräg von der Seite an und grient, «ging es ja nächtens mit uns nicht so geordnet zu. Zwischen Bett und Wand, da kann dein Sonnenaufgang glühen, oder?» Als Jan meint, sie werden das eine oder andere sicher noch besprechen, schweigt sie vorsichtshalber. Jan setzt eilig hinzu, «mit der Zeit».
«Komm erst mal an», weicht sie aus. «Und dann, der Alltag frisst mich manchmal ziemlich auf. Ich habe keine Vorstellung, wie das mit deinen Arbeitszeiten am Theater ist. Und du weißt nicht wirklich, was bei mir manchmal los ist. Im Rhein-Center beginnt der Tag um halb acht. Um sieben muss ich aus dem Haus. Mein Abendstudium kostet auch ‹ne Menge Zeit.»
«Besonders ehrgeizig bist du aber nicht?» Jana runzelt die Stirn.
«Das ist mir sehr ernst, Jan. Eines Tages will ich Center-Managerin sein. Da muss ich ranklotzen.»
«Aber ins Theater gehst du mit mir ab und zu? Ich will dir doch zeigen, was ich da mache.» Jana winkt ab, sieht zur Uhr, sagt «Alles eine Frage der Planung.», dann verschwindet sie in der Küche für das Abendbrot.
Die Stunde im Sions bleibt eine Ausnahme. Wenn Jan von den Stücken und seinen Bühnenbildern erzählen will, muss sie sich zum Zuhören zwingen. Wie soll sie sich Zeit für solche Gespräche nehmen? Die fehlt ihr dann für das Lernen. Im Theater war sie bisher nicht und sie vermisst es derzeit nicht. Jan wird sich gedulden müssen. Als er sich von seinem zweiten Gehalt die lange gewünschte Angel anschafft und von nun an die freien Abende mehr beim Angeln verbringt, als zu Hause, ist sie froh. Wenigstens keine Gespräche, die zu nichts führen, und sie hat Ruhe zum Lernen.
***
«Dein Angelkram macht mich krank, Jan.» Sie kann sich nichts Freundliches abringen. Die Angelrute ist gegen die Wohnungstür gekippt, sie musste sich durch einen schmalen Spalt zwängen. Im Wohnzimmer lümmelt Jan quer im Sessel. Der Fernseher läuft. Er sieht erstaunt hoch.
«Tolle Begrüßung.» Sie zwingt sich, nicht zu antworten. Ein halbes Jahr wohnen sie erst zusammen, streiten aber fast täglich. Dieses Rumhängen, sie kann es nicht ertragen. Wortlos geht sie ins Schlafzimmer, streift die Schuhe von ihren brennenden Füßen, wirft Jacke, Hose, Bluse, Unterwäsche und Strümpfe auf das Bett und tapst nackt ins Bad. In der Wanne liegt Jans feuchte Wathose. Ein paar Fischschuppen glänzen klebrig am Wannenrand. Riecht es nicht sogar nach Fisch? Jana schnuppert und schnauft dann laut.
«Jan, dein Zeug blockiert alles, ich will baden.» Betont langsam steht er auf, brummt etwas wie ‹sei nicht so empfindlich›, wirft die Wathose über seine Linke und klaubt mit Rechts Kleinkram aus der Wanne.
«Dieses Zeug stinkt und macht alles nass. Überhaupt, die Angelei. Nie bist du da.»
«Wer ist hier nie zu Hause? Sieh auf die Uhr. Es ist nach neun und früh bist du - ich wette - um sieben weg. Und bist du anwesend, sitzt du über deinen Büchern. Sag du mir nicht, ich sei nie zu Hause. Den Fisch fandest du übrigens immer lecker.»
Sie zuckt mit den Schultern, braust die Wanne lange aus, schlingt fröstelnd die Arme um ihren nackten Körper und sieht zu, wie das Wasser einläuft. Dann steigt sie hinein, streckt sich, genießt die Wärme und schließt die Augen. Im Kopf rattert es weiter: diese beiden Schnösel. Kommen frisch von der Hochschule, werfen mit Wörtern um sich, deren Bedeutung sie erst nachschlagen muss. Soll sie sagen, das war im Studium noch nicht dran? Wie es praktisch aussieht, das weiß sie, verdammt noch mal, besser. Die argumentieren sich gegenseitig tot. Sie dazwischen. Jan ahnt nicht, wie das anstrengt, so unter Volldampf.
Das warme Wasser umspült sie. Langsam lässt das Brodeln in ihr nach. Plötzlich rüttelt Jan durch den Schaum hindurch an ihrer Schulter.
«Du, ich hab was gesagt!?»
«Du trampelst auf meinen Nerven herum. An denen haben heute schon etliche gesägt.» Jetzt kein Gespräch. Es führt zu nichts. Ging es mit ihnen zu schnell? Tickt er doch anders als sie? Sie hört die Tür ins Schloss fallen. Gut so. Sie genießt es, allein zu sein.
Wenn sie erst Centermanagerin ist, kann sie an den Schrauben drehen. Als die beiden Studies ihr Praktikum gemacht haben, kamen sie ständig zu ihr. Jana, sag mal dies, Jana, zeig mal jenes. Sie hat sich gefreut, hat gern erklärt. Andrea meinte, sie sei naiv. Die würden sie ausnutzen, und nach dem Praktikum wären sie Konkurrenten. ‹Willst du nicht mehr Centermanagerin werden?›, hatte Andrea gefragt. Und ob sie das will. Aber wieso soll sie nicht zeigen, was sie drauf hat? Erst jetzt, da die beiden die Ellenbogen ausfahren, ist ihr klar, was die Kollegin meinte.
Jan kann mit alldem nichts anfangen. Ob es denn gleich das ganze Center sein müsse, hat er kürzlich gefragt. Arbeit sei Arbeit, das Leben sei mehr. Wie er sich das vorstellt. Sie lässt Wasser zu, bliebe am liebsten für immer in der Wärme. Hier kann sie in Ruhe nachdenken. Es muss für das neue Marketingkonzept eine bessere Lösung geben. Da wollte sie beweisen, dass sie das hinbekommt, wollte das Geld für einen Dienstleister sparen. Und nun fehlt ihr die zündende Idee. Sie könnten sich zusammentun, die Studies und sie, gemeinsam Ideen entwickeln, stattdessen verschleißen sie sich in Machtspielchen. Hat Jan Recht? Alles lassen, wie es ist, zufrieden sein?
Jana hustet. Wasser ist ihr in den Mund gelaufen und es hat sich merklich abgekühlt. Da wäre sie fast eingeschlafen. Sie steht auf, wickelt sich in das Badetuch. Jetzt einfach nur schlafen, da kommt jetzt kein Einfall mehr.
Jan ist nicht zurück. Als früh um sechs der Wecker klingelt, liegt er neben ihr. Sie gleitet geräuschlos über den Bettrand. Nur keinen Wortwechsel, nicht jetzt. Beim Zähneputzen kreisen ihre Gedanken erneut um das Marketingkonzept, als hätte ihr die Nacht keine Pause gegönnt. Sie checkt ein paar Leute, mit denen sie gut kann. Die Studies werden schon sehen.
***
Sie schreckt hoch, muss wohl eingeschlafen sein. Jan steht vor ihr. Stimmt, heute war Premiere, wird also spät sein. Er schaltet den Fernseher aus.
«Wir müssen reden, Jana.»
«Reden ist gut, nur…» Sie gähnt und streckt sich, «Nicht jetzt. War ein anstrengender Tag. Blöd geguckt haben die, als ich mein Konzept vorgetragen habe und der Chef sagte, genauso machen wir es. Die Gesichter…» Sie kichert, gähnt noch einmal und drückt sich von der Couch hoch. Da stellt sich Jan frontal vor sie und wiederholt fest:
«Es ist mir ernst, Jana.»
«Am Wochenende? Morgen ist Studiengruppe, danach zwei Präsenztage an der Hochschule.» Jan besteht auf gleich. Ihr fehlt die Kraft für das Nein. Seufzend lässt sie sich auf die Couch zurückfallen. Soll er seine Chance haben.
«Ja, also, ich denke schon eine ganze Weile über uns, also…» Sie holt hörbar Luft, steht wieder auf, schiebt ihn beiseite und läuft auf und ab. Ewiges Gestammel. Erst ganz wichtig und nun … Da stellt es sich wieder vor sie.
«Ich weiß, was ich sagen will, Jana, aber es fällt mir nicht leicht. Ich will eine Familie, eine richtige. Das mit uns beiden ist doch nur, weil wir uns auf die Ketten gehen. Mit einem Kind wäre …» Sie bleibt verblüfft stehen.
«Hörst du mir manchmal zu? Ich kämpfe täglich gegen die beiden Studies, lass mir was einfallen, kann den Chef auf meine Seite ziehen, komme Stück für Stück meinem Ziel näher. Aber du, du verstehst rein nichts. Ein Kind! Weil du keine Aufstiegschancen siehst, soll ich auch nicht? Oder hast du die Hose voll, statt mal was durchzustehen?»
«Aufsteigen? Durchstehen? Ich will eine Familie, ein Kind, ein Mädchen wie du, Jana.» Sie lacht stoßweise und kann sich nicht mehr zügeln.
«Das ist ja zum Aus-der-Haut-fahren. Ein Mädchen wie ich? Willst du bestimmt auf keinen Fall. Und Kinderkacke? Nicht mit mir. An wem hängt denn ein Baby? Und wie es mit der Kinderbetreuung hier aussieht, muss ich dir nicht sagen. Mit Kind sind meine Pläne …» Sie pustet ihm ins Gesicht. Ihr ist heiß. Bestimmt hat sie wieder diese roten Flecken. Sie kann das nicht kontrollieren. Egoistisch, Jan ist egoistisch. Er will nirgendwohin. Deshalb soll sie es auch nicht.
«Jan, ich finde, wir sollten …» Aber er hört sie schon nicht mehr und stürmt aus der Wohnung. Die Tür fällt ins Schloss. Ihre Müdigkeit ist weg. Sie setzt sich wieder, grübelt, sucht vergeblich nach einem roten Faden, nach irgendetwas. Wie soll es mit ihnen weitergehen?
Er poltert die drei Treppen nach unten. Hat das alles sie gesagt, die Jana, die er zu kennen glaubte? Ich und Ich und Ich. Ist er ein Niemand? Weshalb wollte sie mit ihm zusammenziehen? Ist es nicht normal, sich Kinder zu wünschen? Viele kriegen das hin, Erfolg und Kinder. Aber sie bewegt sich keinen Zentimeter. Keine Chance für ihn.
Draußen stutzt er, reibt sich die Schläfen. In seinem Kopf ist ein dumpfes Pochen. Wohin? Auf der anderen Straßenseite blinkt die Leuchtreklame der Spielothek. Bisher ist er vorbei gegangen. Warum nicht bei einem Spiel den Ärger vergessen? Er betritt den Raum, geht zum Tresen und verlangt einen Kaffee, stürzt ihn schwarz hinunter. Gegen den Kopfschmerz. Es ist dämmrig. Die grau gestrichenen Wände schlucken viel Licht. Drei Jungen, jeder vor einem der Automaten, sind auf ihre Geräte konzentriert.
Er hat es vergeigt. Wie konnte er denken, dass sich Jana auch Kinder wünscht? Sie will keine Familie, sie will Karriere. Wofür braucht sie ihn eigentlich? Hat sie sich verändert oder war sie immer so, und er hat es nicht bemerkt? Wenn wahr ist, was sie gesagt hat …? Sie sah so entschlossen aus. Ein bisschen bewundert er ihre Kraft, aber dieses Rigorose erschreckt ihn.
Er gibt sich einen Ruck und geht zu zwei freien Automaten. Als er bei Erdöl war, hat er ab und zu in einer Kneipe gespielt. Immer, wenn er genug hatte von den ewig gleichen Gesprächen. Er schüttet alle Markund Zweimarkstücke aus dem Portemonnaie in die hohle Hand, wiegt sie abschätzend, nimmt den letzten Zehnmarkschein dazu und tauscht das Geld am Tresen. Nach ein paar Minuten dieses charakteristisch klackernde Geräusch. Die Ausgabe kann die nachrutschenden Geldstücke nicht halten. Er starrt ungläubig, sieht sich um, als brauche er Hilfe, klaubt das Klimperzeug aus dem Schacht und von der Erde, verteilt es auf beide Hosentaschen, behält einen Teil in der Hand und spielt am nächsten Automaten weiter.
Gewinn! Er braucht eine Sekunde, um es zu realisieren, ist wie betäubt, gleichzeitig aufgekratzt, raucht zwei Zigaretten hintereinander. Dann lässt er sich alles auszahlen und geht. Vor der Tür zählt er nach. Oh Mann, wenn ihn jetzt einer überfällt.
Zurück zu Jana? Zwecklos, viel zu spät. Sicher schläft sie. Außerdem kann er sie mit Geld kaum beeindrucken, ahnt er. Jedenfalls nicht aus der Quelle. Ist keine Leistung, hört er sie sagen.
Wie lebt man richtig? Jan denkt an seine Mutter. Die ist auch ehrgeizig und nimmt es mit dem pünktlichen Feierabend nicht so genau. Ludwig, ihr zweiter Mann, hat oft gebrummt, erinnert er sich. Trotzdem kriegen es die beiden hin. Das war nicht immer so, aber ihre Probleme hatten nichts mit Karriere zu tun. Er weiß nicht, wie die beiden ihre Krise überwunden haben. Er sollte mal wieder anrufen.
Als zwei Männer an ihm vorbei in die Spielothek gehen, wird ihm bewusst, dass er noch am gleichen Fleck steht. Um die Ecke ist eine Kneipe, fällt ihm ein. Er läuft los, nimmt die drei Treppen zum Eingang auf einmal, stößt die Tür auf. Der einzige nicht sehr große Raum ist fast leer. In einer Ecke drei Männer: mittleres Alter, nichts, was er sucht. Er setzt sich an den Tresen und nickt dem Kneipier zu.
«Mach mir ‹n Bier, ein großes bitte.» Der sieht vom Zapfen flüchtig hoch.
«Bisschen spät? Ich mache gleich dicht.»
«Schon klar. Nur das eine.» Der Kneipier mustert ihn am Zapfhahn vorbei, fragt, ob er schon mal da war. Dass diese Typen immer so ein Gedächtnis haben. Er nickt.
«Als ich hergezogen bin; war mit meiner Freundin hier. Wir hatten nach der Schlepperei ‹ne trockene Kehle.»
«Neu hier?» Der Kneipier schiebt ihm das Glas über den Tresen. Jan nickt wieder und nimmt einen langen Schluck.
«Heute ohne Freundin?», bohrt der andere. Soll er darauf eingehen? Dann gibt er sich einen Ruck.
«Sie will anders leben. Anfangs schien alles bestens.» In der Ecke scharren Stühle. Die drei sind aufgestanden. Einer schert aus zum Tresen.
«Moment», sagt der Kneipier, nimmt den Schein entgegen und gibt Wechselgeld raus. «Also alles war bestens», greift er den Gesprächsfaden auf und sieht Jan aufmerksam an.
«Schien so.» Jan rückt das Bierglas aus seinem Blickfeld. «Hast du das schon mal erlebt: Da schüttet jemand ein Füllhorn über dir aus, schwapp. Du freust dich wie ein Kind, dem der Weihnachtsmann im Januar begegnet. Dann setzt dein Denken ein, und du kriegst das Kotzen? Dabei könnte ich dich und die ganze Kneipe hochleben lassen. Na gut», er sieht sich um «keiner mehr da. Der Automat in der Spielo, das waren …»
«Lass mal, will ich nicht wissen», unterbricht der Kneipier.
«Du hast gewonnen, aber es war der falsche Zeitpunkt?»
«Wer braucht kein Geld, klar. Aber Jana» er stutzt, «ich bin Jan. Jan und Jana, lustig, nicht? Dachte, sie ist was Echtes, verstehst du? Ich will endlich zu Hause sein, mich auf meine Frau freuen, Kinder haben, von mir aus zwei oder drei. Die sollen lärmen, toben, mit mir zum Angeln fahren. So was alles.» Der Kneipier nickt und zieht fragend die Augenbrauen hoch.
«Jana ist anders. Verkäuferin, Abitur nachgeholt. Jetzt studiert sie neben der Arbeit BWL. Will Karriere machen. Frau, zweiter Bildungsweg, aus dem Osten. Alles klar? Füll nochmal nach, bitte. Tut mir leid, dass ich dich belöffle.»
«Was willst du tun?»
«Null Ahnung.»
«Deine Jana ist aus dem Osten. Das ist für dich kein Problem?» Jan prustet in das leere Glas. «Ich bin auch von der Sparte. Wir finden uns, der Osten riecht sich.»
«Beide, so was. Habe ich hier im Viertel nicht so oft. Genauer: Hatte ich noch nie. Die Gäste reden. Der eine so, der andere so. Faul, wollen nur abfassen; fleißig, wissen, was sie wollen. Ich denke mal, ihr seid wie wir: verschieden. Schubladen passen eh nie.» Der Kneipier beginnt ihm zu gefallen. Er nickt.
«Damals beim Bund, da war ich schon der Meinung, ihr tickt anders. Das war direkt nach der Wende.» Der Kneipier schiebt sich mit den Füßen einen Hocker unter und legt die Arme auf den Tresen.
«Das ist ja mal was. Ich, echter Kölner, kein Militär. Du, echter Ossi, warst bei denen. Erzähl.»
«Lange her; spät ist es auch. Ach was, heute ist eh alles egal. Ich kann morgen länger schlafen. Du sicher auch?» Der andere zeigt auf das Schild mit den Öffnungszeiten.
«Nachmittags um vier geht es bei mir los. Früher war noch Mittagstisch. Lohnt nicht mehr seit Fastfood, außerdem wollte sich der Koch verändern.»
«Okay, dann also. Glaub es oder glaub es nicht, für mich war das bei den Uniformen eine Bombenzeit. Schreibstube und Fahrer. Ruhige Kugel. War schon komisch. In der DDR die Schotten dicht, der Westen unerreichbar und ich plötzlich zum Bund nach Holland. Vielleicht hatte ich mit meiner Stubenbelegung Pech, es waren Weicheier, sorry.»
«Schwieriges Thema. Wir wissen ja eigentlich nichts voneinander.»
«Kann sein, ich bin noch nicht lange hier.» Der Kneipier unterdrückt ein Gähnen.
«Habe verstanden. Ich troll mich dann mal für heute. Demnächst mehr.» Jan legt einen Schein auf den Tresen. Als der Kneipier nach dem Wechselgeld kramt, winkt Jan ab.
«Ach ja, dein Gewinn. Danke. Und deine Jana?»
«Am Wochenende rede ich mit ihr.» Jan geht zur Tür und hebt den Arm. «Man sieht sich.»
***
Das Reden tat gut. Auf dem kurzen Weg nach Hause spinnt er an einer Idee. Richtig groß ausgehen wird er mit Jana, gleich Sonnabend. Kürzlich ist ihm ein orientalisches Restaurant aufgefallen, ‹Marrakesch›, heißt es. Sah von außen edel aus. Weggehen, ohne rechnen zu müssen, da kann sie hoffentlich nicht widerstehen. Er muss ihre Beziehung wieder flottkriegen.
Der Wecker klingelt. Schon sechs? Er blinzelt zu Jana. Sie hat das Deckbett wie einen Schlafsack um sich gewickelt. Kein Flecken nackte Haut, die er berühren könnte. Das Gesicht halb mit dem Kopfkissen verdeckt. Nur ihr strubbliger Hinterkopf lugt hervor.
Alles ist wieder da: der Streit, die Spielo, der Gewinn, der Kneipier mit den aufmerksamen Augen, seine Generalbeichte, die Idee mit Jana auszugehen. Aber so früh kann er nicht mit ihr reden. Sie verbreitet morgens regelmäßig Hektik. Läuft nach dem Duschen mit der Kaffeetasse hin und her, sucht Klamotten zusammen, stellt schon mal das Bügelbrett auf, wenn ein Kragen nicht perfekt ist. Kein Platz für ihn. Oft setzt er sich in die Küche, sieht aus dem Fenster, hört Nachrichten und Wetterbericht, bis sie aus dem Haus geht. Am Theater beginnt der Arbeitstag später. Die ‹Uhren› gehen dort anders. Vor den Premieren ist der Druck groß und viele Abende gehen drauf. Aber er ist stolz, zur Theatergilde zu gehören.
Janas Jobmühle dagegen: Umsatz, mehr Umsatz, das Leben in Hochglanz. Siehst du dahinter, ist alles platt, durchschaubar. Manipuliert, denkt er wütend. Wir werden alle manipuliert. Das Theater ist das wirkliche Leben, das wirkliche Leben ist Theater; Konsumtheater. Wir beten es an wie einen Götzen. Hast du Geld, gehst du in die Tempel, und es geht dir besser. Aber nur kurz, ist wie billiges Parfüm.
Er sollte weiterschlafen, aber es gelingt ihm nicht. Jana hantiert wie jeden Tag. Eine Weile hört er ihr Hin- und Herlaufen. Als die Tür ins Schloss fällt, fährt er mit einem Ruck hoch. Sie hat nicht nach ihm gesehen, nicht versucht, ihn zu wecken. Verlangt er zu viel oder das Falsche?
Er scharrt zur Dusche, mit dem rechten Fuß nach dem Hausschuh angelnd, der seinen Platz noch nicht gefunden hat. Heiß, kalt, heiß, kalt, so liebt er es. Das Badetuch um die Mitte gewickelt, geht er danach in die Küche und brüht Kaffee, gleich im Pott, türkisch und stark. Wie Jana kann er morgens nichts essen. Bis es nachmittags Zeit ist für die Kantine, reicht ihm ein Apfel. Er wird heute gut zu tun haben. Das Modell für dieses Stück von O’Neill muss noch in dieser Woche fertig werden. In den modernen Sachen gibt es zwar wenig Ausstattung, doch das macht oft mehr Mühe, als aufwändige Bühnenbauten für die Klassiker.
Wird es ihm gelingen, mit seiner Einladung bei Jana zu landen? Wenn sie wieder sperrig reagiert? Sperrig, er grinst. Wie das O’Neill-Stück mit dem ellenlangen Titel ‹Eines langen Tages Reise in die Nacht›. Verschieden große Kästen sollen auf der Bühne stehen, unbunt. Er hat noch kein Bild, wie es aussehen wird.
Das Stück ist schon merkwürdig. Wie nur kann eine ganze Familie so absacken in Alkohol und Drogen? Er fand die Story etwas übertrieben. Aber die Familie des Autors soll ja wohl ‹Vorbild› gewesen sein. Egal, auf jeden Fall wird ihn der Tag ablenken.
***
Wie er es sich gewünscht hatte, sind sie im ‹Marrakesch› - Braun- und Goldtöne an den Wänden, dicker hellbeiger Teppichboden, gedämpfte orientalische Musik, Hängelampen aus Eisen, die durch viele Stanzlöcher warmes Licht über Tisch und Fußboden streuen. Über allem der würzige Duft vielfarbiger, fremd aussehender Vorspeisen, Mezze genannt. Seit langer Zeit hört ihm Jana zu. Sie können wie in ihren ersten Wochen über die gleichen Dinge lachen. Jana nennt die Mezze verführerisch. Vielleicht sind Aphrodisiaka drin, witzelt sie. Er traut sich, ihr einen gemeinsamen Urlaub vorzuschlagen. Jana sagt nicht ja und nicht nein. Die Frage bleibt im Raum stehen. Reizthemen vermeiden sie. Jan ist dankbar. Der Spielautomat hat den Gewinn zum richtigen Zeitpunkt ausgespuckt.
In den Alltag können sie die Momente von Tausend-und-einer-Nacht nicht mitnehmen. Zwei Tage darauf knüpfen sie an ihren letzten Streit nahtlos an. Jana wirft wie nebenbei hin, es sei egal, ob sie seinen dreißigsten oder fünfzigsten Geburtstag vorbereiten. Er versprühe Elan und Energie eines Sechzigjährigen, da wäre der Fünfzigste schon ein Geschenk. Jan verliert die Fassung und brüllt zurück.
«Du willst also einen Wettbewerb? Wer kann am treffsichersten beleidigen?»
Sie trifft mit Worten verdammt genau, besser als er, gesteht er sich ein. Sie kann mit leichter Hand verletzen, wofür er erst schweres Geschütz heranschleppen und die Munition suchen muss. Er fühlt sich leer, verbal ausgeknockt. Er will doch nicht gewinnen um jeden Preis. Ihre Zuneigung will er, ihr Herz, bitte schön, nicht Bewunderung für seine Kampftechnik. Bei diesem Gedanken tropft der von Jana nachgesetzte ‹Schlappschwanz› fast an ihmab.
Wut und Enttäuschung treiben Jan immer öfter in die Spielothek, aber nie wieder spuckt einer der Automaten nur annähernd die damalige Summe aus. Woche um Woche fiebert er dem großen Gewinn entgegen. Vergeblich. Manchmal schafft er es, einen festen Betrag einzusetzen, aber oft muss er zum Geldautomaten, ‹nachladen.› Bis auf den Einsatz und etwas mehr holt er nicht heraus.
Einmal überredet ihn Roland, den er regelmäßig in der Spielo trifft, zu einem Kasinobesuch. Das ist etwas anderes. Diese Glitzerwelt! Kaum hat er sich umgesehen, sitzt er an einem Roulette-Tisch und ist fasziniert. Roland erklärt: «Wenn du schlau bist, setzt du auf Farben, einfache Chance. Immerhin verdoppelt es den Einsatz. Und wenn es nicht klappt, muss der nächste Einsatz eben doppelt so hoch sein, dann bist du wenigstens bei Null. Das begreifen viele nicht, ist aber logisch.»
Angespannt beugt er sich vor und setzt: Rouge, Impair, Rouge, Rouge, Rouge - gewonnen! Noch einmal Rot und noch einmal. Der Haufen Jetons wächst; wie damals am Automaten! Er wischt die kalt-klebrigen Handflächen am Stoff der Jeans ab, fühlt, wie sich Feuchtigkeit tropfenweise auf der Haut sammelt. Dann rinnt das Wasser an der Wirbelsäule hinunter. Unruhig rutscht er auf der Sitzfläche seines Stuhls vor und zurück. Einer raunt ihm zu, ‹hör auf, Junge, nimm den Segen und hau ab, sonst kommst du hier nicht mehr weg. Ich weiß, wovon ich rede›.
Jan nickt, aber seit wann ist ein Automatenspieler ein Weichei? Auf Farbe, einfache Chance, na gut, für den Einstieg. Er strafft sich. 36fach ist eine Zahl, und auf die setzt er. Als er aufsteht, ist alles verloren. Weit nach Mitternacht trottet er durch leere Straßen. Wieso hat es nicht geklappt? Das Geld, es wäre die Rettung für seinen Dispo gewesen. Etwas lenkt ihn beim Spielen: Flirren, Unruhe, Hoffen auf den Gewinn. Das nächste Spiel ist es. Nein, noch nicht. Aber dieses. Jetzt. Und dann – alles nichts.
Letzte Woche hat Jana gegiftet, er könne mal wieder einkaufen. Er hat ihr schon seit längerem kein Geld mehr gegeben. Selbst eingekauft hat er auch nicht. Ausgesprochene Regeln gibt es bei ihnen nicht. Wir sind keine Buchhalter, meinte Jana damals, aber jetzt wird sie oft ungehalten. Heute ist der Zehnte. Erst am Dreißigsten gibt es Geld.
***
Jan schließt die Wohnungstür auf, möchte alles hinter sich lassen, vergessen, sich verkriechen. Diesen Tag sollte er streichen. Beim Aufschließen hört er das Telefon. Er zieht die Jacke betont langsam aus. Nicht jetzt. Will der Chef nachkarten? So wie heute hat er den Leiter der Theaterwerkstätten Manfred Gerstner für alle nur Manne - noch nie erlebt. Als der ihm in die Augen sah und nur den Satz sagte ‹Du kannst wieder gehen›, da wusste er, reden ist zwecklos. Er hat auf dem Absatz kehrtgemacht. ‹Die Papiere schicken wir›, hat ihm Manne nachgerufen.
Das Klingeln gibt keine Ruhe. Er nimmt den Hörer ab und meldet sich.
«Jan? Mein Auto hängt im Straßengraben. Niemand hält an.» Jana schnieft hörbar. Er nickt nur.
«Jan???»
«Ja doch, Auto ist hin?»
«Weiß nicht.»
«Wo bist du?»
«Abfahrt Altstadt Nord.» Jan legt auf. Es ist nicht weit, vielleicht zehn Minuten. Aber im Nachmittagsverkehr weiß man nie. Doch er kommt gut durch. Er sieht ihren feuerroten Alpha von weitem. Kein Unfallgegner. Sie ist wohl die Böschung hinunter gerutscht. Wie hat sie das geschafft? Ist doch sonst so clever. Er parkt direkt hinter ihr und steigt vorsichtig aus. Sie lehnt an einem der frisch gepflanzten Straßenbäume.
«Sauber hingekriegt. Perfekt wie immer.»
«Lass das. Ich habe in der Hektik alles vergessen: Handtasche, Papiere, Geld. Handy steckte Gott sei Dank in meiner Jackentasche.» Jan mustert das lädierte Fahrzeug.
«Da muss jemand drunter sehen. Ich rufe ein Abschleppfahrzeug.» Jana sieht ihn besorgt an.
«Muss man das gleich bezahlen?» Jan zuckt mit den Schultern.
«Portemonnaie habe ich, ist aber eher leer.» Janas Augen bekommen den Ausdruck, den er in letzter Zeit oft gesehen hat.
«Der Herr hat mal wieder kein Geld. Wie ich alles bestreite, ist dir egal, oder?»
«Ich bin hier, weil du in der Klemme steckst. Kaum siehst du Land, teilst du aus. Der Abschleppdienst wird gleich da sein. Ich mach mich los.»
***
Er hat sich im Sessel zusammengerollt und schreckt hoch, als Jana heftig an ihm rüttelt.
«Wach auf.» Da ist er wieder, dieser Ausdruck in ihren Augen. Sie setzt sich ihm gegenüber, beugt sich zu ihm. Tief eingegraben in die Stirn die senkrechte Falte, die er gut kennt. Er gähnt zum Schein, braucht eine Sekunde zum Nachdenken.
«Was gibt es denn Wichtiges? Hat alles geklappt mit deinem Auto? Aber darüber willst du sicher nicht gern reden.»
«Ja, du schlaues Kerlchen.» Er gähnt noch einmal lautstark.
«Wir müssen grundsätzlich reden», setzt Jana erneut an. «Es geht so nicht mit uns. Du weißt das – Meister im Verdrängen.» Jan gestattet sich kein weiteres Gähnen, er verzieht nur den Mund.
«Hast du nichts zu sagen?» Jana steht auf, läuft umher, zupft an der Gardine, steckt den Finger prüfend in die Erde eines Blumentopfes und geht in die Küche, um die Erde abzuwaschen. Er weiß nicht, was er sagen soll.
«Ich begreife dich nicht. Du lässt dich wegsacken. Sag mir, ob du weiter spielst und was mit deinem Geld los ist.»
«Ach so ist das. Geld, das liebe Geld, das die Welt zusammenhält? Ohne Moos nichts los? Ohne Geld bin ich für dich nicht interessant, ist es das?»
«Jan, du weißt, dass es so bisher nicht war. Wir hatten Spaß, aber wenn du von deinem Leben nicht mehr willst als diese Spielbude und rumgammeln ohne mich. Was ich will, geht anders. Das scheint dich aber wenig zu interessieren.» Jan geht zum Fenster und starrt angestrengt in das Dunkel.
«Hat sich deine Mutter bei dir gemeldet, Jan?» Er fährt herum.
«Lass meine Leute aus dem Spiel.» Ihm wird mulmig. Raus hier, denkt er und hört nicht, was Jana noch sagt.
«Bin gleich da.» Er sieht aus dem Nebenraum, trocknet die Hände und geht hinter den Tresen. Den hat er schon mal gesehen, genauer will es ihm nicht einfallen. Er nickt dem Gast fragend zu. Der bestellt ein kleines Pils. Als er das Glas über den Tresen gereicht hat, ist das Bild wieder da.
«Jan? Du bist doch Jan, der Glücksritter von neulich?»
«Dass ihr Kneipiers euch Gesichter so verdammt gut merken könnt.»
«Berufsspezifik». Er zieht mit dem Zeigefinger das rechte Augenlid nach unten, dann streckt er dem anderen die Hand entgegen. «Ich bin übrigens Manne, hatte ich an dem Abend vergessen, glaube ich.» Jan verzieht das Gesicht, quetscht ein «Aua» heraus. Manne legt den Kopf schief.
«Wie jetzt?»
«War der falsche Name. So heißt mein Chef, also mein früherer. Ich bin gefeuert, heute ganz frisch.» Durch das gespülte Glas, das er prüfend gegen das Licht hält, mustert er Jan unauffällig.
«Spuck›s aus.» Viele hat er hier sitzen sehen wie diesen. Immer dieselben Augen; randvoll mit Geschichten, aber niemand da, bei dem sie ‹ausleeren› können. Ab und zu macht einer seinen Rucksack auf. Spannend, wenn sich wildfremde Menschen öffnen, die Seele aufräumen, wie er es nennt.
