Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Mit schwäbischem Schwung, bayrischer Gelassenheit und Herzblut erzählt Rena Ronk ihre Lebensgeschichte. Mit ihrem unerschütterlichen Optimismus lebt sie das, was gelebt werden darf. Freundschaften, ihr Glaube und die Liebe zur Natur geben ihr Kraft und Stärke. Ein schwerer Schicksalsschlag verändert das Bisherige. Rena öffnet sich für Neues, denn "jede Zeit hat ihre Stunde". Es gelingt ihr, Tage der Trauer und Unausgeglichenheit in Freude und Leichtigkeit zu verwandeln. Auf ihrer Suche begegnet sie Menschen, die sie inspirieren, ihren Weg in den Schamanismus und die Energiearbeit einzuschlagen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Rena Ronk
Geboren in Baden-Württemberg, als Friseurmeisterin jahrelang tätig. Sie lebt heute im Alpenvorland, in einem Haus, das einer Almhütte gleicht. Als ausgebildete Alltagsschamanin und zertifizierte Energiearbeiterin unterstützt sie Menschen, ihre eigene Kraftquelle zu finden.
Lektorat
Michaela Didyk, München
Grafik, Satz
Gloria Vockerodt-Moog, München
Einleitung
Eine Kindheit in Geborgenheit
Mit Jonas hält die Liebe Einzug
Das Projekt „Eigenheim“
Schwiegereltern und Schwägerin
Neue Entscheidungen für Haus und Beruf
Heimat ist überall
Jonas’ Krankheit – das Schicksal annehmen und verwandeln
Ein Haus wie im Paradies
Mit neuer Bewegung den Lebensraum weiten
Vier Generationen treffen aufeinander
Auszeit für neue Kraft – Fastentage und Reise nach Ägypten
Weitere Herausforderungen und ein Aufschwung in Zypern
Liebe, Kinderlachen und Humor
Letzter Urlaub mit Jonas
Im Alltag Balance finden
Krafttanken in Andalusien und Abschied von Jonas
Auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela
Trauerbewältigung und schon Neues in Sicht
Der Weg in die Wüste
Schritte vorwärts – und doch wieder eingeholt
Dem Alleinsein mit Aktion begegnen
Die Energiearbeit nimmt ihren Anfang
Das Leben in Leichtigkeit tiefer erfassen
Talente ausbilden und Spuren der Liebe hinterlassen
Träume leben im Hier und Jetzt
Nachwort
Fußnoten-Verzeichnis
Unverbindliche Kontaktadressen
Was für ein wunderbarer Morgen! Noch steht der Mond am Himmel, weckt mich und schaut mir mitten ins Gesicht. Das ist der Anfang einer Reise nicht nur für mich, sondern für alle, die neugierig sind, etwas Besonderes zu erleben.
Der Herbst steht ins Haus, ich kann es schon ahnen. Die Natur hat sich in ein farbenprächtiges Kleid gehüllt. Staunend folge ich meinem Weg, wo auch immer er hinführt. Es ist Zeit, voll ins Leben einzutauchen. „Träum nicht, handle“, sagt meine innere Stimme. Aber das ist einfacher gesagt als getan.
Ich will Dir meine Geschichte erzählen und Dir zeigen, was es bedeutet, im JETZT, genau im HEUTE zu leben. Komm mit, es geht los! Mit allen Sinnen und voller Begeisterung lass uns die Welt entdecken!
Genau wie ich kannst auch Du die Freude in Dir spüren, die Dich leicht und unbeschwert durch den Tag trägt, die ein Leben voll Trauer und Unausgeglichenheit verwandelt. Das soll gehen, fragst Du skeptisch? Sämtliche Ängste und Blockaden lösen und wieder Freude im Leben finden?
Du willst es wissen? Dann leiste mir Gesellschaft auf meiner Entdeckungsreise. Ich nehme Dich auf den Weg mit. In meine Kindheit zunächst und dann Lebensabschnitt für Lebensabschnitt weiter. Damit Du siehst, dass es geht, das Leben in seiner Fülle voller Freude anzunehmen.
Als ich das Licht der Welt erblickte, stand die Zeit unter einem guten Stern. In den fünfziger Jahren ging es aufwärts, der Mythos vom Wirtschaftswunder nahm seinen Anfang. Autos wie der VW Käfer eroberten die Straßen. Das traute Heim schälte sich langsam, aber stetig aus den beengten Wohnverhältnissen heraus. Es war ein gutes Gefühl, behütet und beschützt aufzuwachsen. Alle unter einem Dach versammelt: „Familie Wohlfühlprogramm“ hieß das. Oma Dora, Opa Gottlob, Mama Gerti, Papa Reiner und ich mitten drin. Da fielen schon einmal Sätze wie „Achtsamkeit und Respekt sind die Grundlage in einem guten, freudigen Miteinander.“
Nicht nur dieser Ausspruch ist mir in Erinnerung geblieben, sondern noch ein anderer: „Achtung, die Bratkachel ist offen.“ Übersetzt sollte das bedeuten, nicht so laut sprechen, das ist für Kinderohren nicht bestimmt. Doch meine Antenne war auf Sendung. Meine lustigen Zwischeneinlagen ließen die Erwachsenen so manche Lachträne verstecken. „Papa, wenn ich groß bin, dann heirate ich dich!“ „Ja was machen wir dann mit Mama?“ „Die brauchen wir auf jeden Fall, die kocht doch immer so lecker.“ Was Kinder vorhaben und spontan zum Ausdruck bringen, freut und beglückt Menschen jeder Generation. Kinder leben im Jetzt und Heute. Wenn sie handeln, sind sie in ihrem Element: Sie spielen, lachen, singen, schweigen, erfinden, arbeiten – und alles ist selbstverständlich und natürlich.
Ein Kindheitserlebnis in der Weihnachtszeit ist mir noch besonders im Gedächtnis. Draußen lag die Landschaft still und leise, Schneeflocken tanzten im wilden Reigen. Immer wieder setzte sich ein glänzender Kristall in Weiß auf den Fenstersims. In der vom Holzfeuer warmen Küche stellte Oma Dora den vorbereiteten Schokoladenteig zum Plätzchenbacken auf den großen Tisch. Da stand also der Schlemmerteig vor mir! Noch warten und weiter verträumt dem Schneeflocken-Zauber zusehen? Nein, natürlich ran an den Teig, lautete meine bessere Devise. Bis zu den Ellenbogen war ich im Plätzchenteig versunken, als Dora die Küche betrat. Oma war außer sich. Ihr blieben die Worte im Hals stecken. Nur ihre sonst so strahlenden Augen schickten schon wie vor einer großen Explosion die ersten Blitze aus. Ich dagegen fand tief im Plätzchenteig die Welt völlig in Ordnung. Also nahm Dora, immer noch sprachlos, Schaber und Spachtel, um mich wieder halbwegs küchentauglich zu machen.
Es war wunderbar, als der Plätzchenteig endlich auf dem bemehlten Tisch ausgewellt lag. Welch ein Spaß, Sterne, Herzen, Glocken, Tannenbäume und Kugeln auszustechen und dann aufs Backblech zu legen! „Rena, sei bitte nicht so übermütig“, mahnte Oma, als einmal meine Teigsterne im hohen Bogen zu schwungvoll ihr Ziel verfehlten. Ich war in meinem Element und strahlte vor Glück. Im ganzen Haus duftete es schon nach der Weihnachtsbäckerei.
Als meine Eltern, Reiner und Gerti, gut gelaunt von der Arbeit kamen, krachte es. Dora legte los! Sie sei restlos überfordert gewesen, ich habe nur Unfug im Kopf gehabt „Ich möchte, dass ihr Rena sofort die Meinung sagt, man sollte ihr gründlich die Leviten lesen!“
Gerti, die mich am Abend nach der Arbeit endlich in den Arm nehmen wollte, stand stocksteif da, als sie leise zu sprechen begann: „Wofür soll ich Rena bestrafen? Was auch immer passiert ist, ich kann nicht Stunden später die Hand erheben oder wie ein Schulmeister zur falschen Zeit eine Strafarbeit aufgeben.“ Im Klartext hieß dies, dass Oma Dora zukünftig sofort selbst meinen Übermut und meine Ungezogenheit bremsen würde. Nur eine kurze Mahnung erging an mich. Doch dieser Tag blieb mir in guter Erinnerung. Meine Eltern hatten mich mit dem oft falschen und schmerzlichen Verhalten vieler Erwachsener verschont.
Kannst Du Dir heute vorstellen, ohne Fernsehgerät Deine Freizeit sinnvoll zu gestalten? 1963 stand in unserem Wohnzimmer das erste Schwarzweiß-Gerät. Die Erwachsenen saßen nun in ihrer Freizeit wie gebannt davor, während ich „Fury“ und „Flipper“ zu meinen Lieblingssendungen erkor. Voller Begeisterung und Aufregung verfolgte ich die Episoden. Die Fantasie ging manchmal mit mir durch: Flipper, der Delfin, ein Retter in Seenot! Noch jetzt kann ich die Spannung, mit der ich mitten im Geschehen „dabei“ war, spüren.
Zum Glück ließ die Fernsehsucht der Familie wieder nach. Denn die Freizeit war meinen Eltern heilig. Sie prägten meinen Sinn für die Natur, und obwohl Gerti gerne auch die Stricknadeln klappern ließ, gingen wir gemeinsam Skifahren oder wanderten auf der Schwäbischen Alb. Das feste Fundament, das ich als Kind mit auf den Weg bekam, war mir sehr nützlich. Und so geht es wohl jedem. Denn diese Basis trägt, wenn der Wind aus verschiedenen Richtungen ins Gesicht bläst und man glaubt, es gehe nicht mehr weiter.
Die Schulzeit war von Erlebnissen geprägt, die nicht immer mit meinem Kinderherz in Einklang standen. Doch der Wahlspruch der Lehrer und mancher Erwachsenen hieß eben: „Ohne Fleiß kein Preis.“ Das mag stimmen, aber für mich bedeutete es ein hartes Stück Arbeit. Mit der Schule fing der unbewusste Stress für meine Kinderseele an. Ich wollte gut sein, sogar noch besser, was den Druck verstärkte und mich auch in Freundschaften belastete. Jede Zeit hat jedoch ihre Stunde und so war es herrlich, wenn mein Fleiß mit guten Noten belohnt wurde.
In diesen jungen Jahren gehörte meine Freundin Gobi zu mir wie das Wasser im Ozean. Ich teilte mit ihr alle meine großen und kleinen Sorgen. Vor allem in der wilden Pubertät, als sich unsere Körper langsam, aber zunehmend verwandelten, war Gobi mein Ventil. Bei ihr wusste ich meine unbändige Kraft und Energie gut aufgehoben. Beide staunten wir über so manches Neue, manchmal verzweifeln wir aber auch, weil unsere Entwicklung zur Frau, wie wir sie uns vorstellten, nicht schneller voranging. Unterentwickelt kamen wir uns vor. Mann oh Mann, was waren wir kindisch! Eben typische Teenager. Es bewahrte uns noch vor den Jungs, selbst wenn sich unsere Gedanken auch um sie zu drehen begannen. Ja, wir blieben uns treu und konnten uns ganz auf unsere berufliche Zukunft ausrichten! Das bildeten wir uns zumindest ein. In unseren Herzen sehnten wir uns natürlich nach der so verheißungsvollen, großen Liebe, von der wir schon sooft gehört hatten.
Ich war 17 Jahre alt, hatte brünettes Haar, eine dominante Nase, einen schmalen Mund, braune leuchtende Augen und wunderschöne Lachgrübchen. Die wurden mir jedoch erst bewusst, als Jonas es mir einmal ins Ohr flüsterte.
In dieser „Zeit des Entdeckens“ geht nun die Lebensreise eine Station weiter. Der Kalender zeigte das Jahr 1970 – die Faschingszeit stand vor der Tür. Hurra, das erste Mal durfte ich auf einen Ball! Natürlich in Begleitung. Hanna, Gertis Kusine, war dafür auserwählt. Ich war aufgeregt, alles knisterte vor Spannung bis hin zu meinem blau glänzenden Kostüm und der Goldkette im Haar. Wie eine Prinzessin tauchte ich in die fröhliche Menge, fasziniert vom bunten Spektakel. Fast alle Tische waren belegt, auf der Tanzfläche wogte schon ein ausgelassenes Treiben. „Bin ich denn da richtig?“ Noch nicht zu Ende gedacht, zerstreute eine Stimme meinen Zweifel. „Darf ich dich auf die Tanzfläche entführen?“ fragte ein junger Mann, in seinem offenen, klaren Gesicht ein Lachen. Eine lange Feder zierte seinen grünen Tiroler Hut auf dem blonden Lockenschopf. Die Lederhose und das blauweiß karierte Hemd, dazu die derben Schuhe, das gefiel mir an ihm. Mein Herz klopfte. Wie von einer Sternschnuppe berührt, stand ich auf und schwebte auf die Tanzfläche. Wir wirbelten durch den überfüllten Saal. Oh, was für ein Gefühl von Wärme mein Herz erreichte! Es war, als ob ich ihn schon immer kennen würde. Dieses Achtsam-Sein, mal reden, lächeln, ganz vorsichtig, und dennoch in einer Ausgelassenheit mich führen lassen. Doch – was war das? Höre ich richtig? „Du hast wunderbare Zähne und eine ziemlich große Nase.“ In der Bar machte mir Jonas spontan sein Kompliment. Mein Glas mit Orangensaft fiel mir fast aus der Hand, weil ich so heftig lachen musste.
Das war es leider, die Zeit blieb nicht stehen, auch wenn es uns in diesem Augenblick voll Glückseligkeit recht gewesen wäre. Wir sagten tschüss, ein Händedruck mit einer schüchternen Umarmung musste genügen. Auf dem Heimweg mit Hanna wieder allein, fiel mir auf, dass ich lediglich seinen Namen kannte: Jonas. Wieso wusste ich nicht mehr über ihn? Zu Hause legte ich mich weinend ins Bett. Wo war die wunderbare Stimmung im vollen Saal und zusammen mit Jonas geblieben? Meine Gedankenmühle setzte ein. Die Tage zogen sich hin, ich ging meiner Arbeit nach.
Halt, ich habe noch gar nicht erwähnt, dass ich im elterlichen Betrieb eine Friseurausbildung absolvierte. Das machte mir viel Spaß, denn ich verstand es gut, mit Kunden umzugehen und kreativ für jeden Typ die passende Frisur zu kreieren. Dabei griff ich die Modetrends auf und setzte sie sofort in die Tat um. Manchmal kam ich mir wie ein Psychologe vor, natürlich ohne Ausbildung. Die Kunden schütteten mir ihr Herz aus. Viel Zeit, um an mein eigenes zu denken, blieb da kaum. So folgte ein Tag nach dem anderen, bis endlich Gobi kam und ich ihr von meiner Liebe zu Jonas erzählen konnte. Und eben vom Pech, keine Adresse zu haben.
„Jede Zeit hat ihre Stunde“, gab Gobi nur trocken zur Antwort. „Was soll ich denn mit einem solchen Satz anfangen?“ „Lass ihn einfach so stehen, du kannst im Jetzt nicht immer an das Gestern denken, sonst siehst du das Licht nicht, das dir heute scheint.“ Gut, dass es Gobi gab! Sie hatte es, wie schon so oft geschafft, dass ich mich besser fühlte. Meine Faschingslaune stieg, Rosenmontag stand noch bevor – und damit auch eine Chance, Jonas wieder zu treffen! „Rena, entspanne dich endlich! Es gibt doch noch andere tolle Männer!“, bremste Gobi mich. „Du hast ja keine Ahnung! Meine Gedanken fahren Achterbahn. Ich glaube, das ist die Liebe!“ „Denkst Du zwischendurch auch an meine Frisur? Kannst Du mir was Neues zaubern?“ Oh, wie, was – wir lachten miteinander. Ich spritzte ein paar Wassertropfen auf Gobi und setzte einen Schaumtupfer auf ihre schön geformte Nase. Unsere Freundschaft verband uns tief. Gobi war über das perfekt gelungene Ergebnis, eine klassische Variante ihrer Frisur, begeistert. „Also bis bald!“ Sie drückte mich und mahnte beim Abschied: „Denk dran, genieß am Montag den Faschingsball! Adele, Rena!“, fügte sie in ihrem Schwäbisch hinzu.
Es ging an diesem Tag Schlag auf Schlag im Salon, denn in den sechziger und siebziger Jahren hatte die Dauerwelle Hochsaison. Toupierte Köpfe mit Locken, Wellen, je höher desto toller. Reiners Spruch war unser Arbeitsmotto: „Zufriedene Kunden sind der Erfolg guter Arbeit“. Damals war so ein Tag! Unser Team – Inge, Petra, Papa Reiner, der unser Chef war, und ich – schwangen die Putztücher. Unser Arbeitsplatz glänzte, als wir ihn gut gelaunt verließen. Ich zog mich in mein kleines Mansardenzimmer zurück. Es wirbelte in meinem Kopf und die Gedanken schlugen Purzelbäume. Wie gut, dass ich noch für die Gesellenprüfung büffeln musste!
Die Zeit verflog – Rosenmontag! Im Fernsehen konnte man die Umzüge von Mainz, Köln und anderen Städten verfolgen. Wir saßen vor der Glotze und feierten mit dem Narrenvolk. Am späten Nachmittag hieß es Bahn frei für die eigene Aktion. Ich richtete mich für den Abend her und zog mit Inge und Werner los. „Vergiss die Zeit nicht, um ein Uhr bist du wieder da!“, rief Mama hinterher und hörte nur noch mein „Ja, ja, ja …“
Ein Schieben und Drängen erwartete uns am Eingang. Die Stadthalle war so voll, dass man sich kaum vorwärtsbewegen konnte. Endlich am Sitzplatz angekommen fühlte ich mich plötzlich allein, zumal meine beiden Begleiter bereits den Weg zur Tanzfläche suchten. „Ich gehe besser wieder nach Hause!“ Doch was erblickte ich da! Im Trubel bewegte sich ein Hut mit Feder! Im Saal voller Cowboys, Clowns, Matrosen und Gefangenen im Ringellook bewegte sich diese Feder auf mich zu! War das jetzt Wirklichkeit oder träumte ich mit offenen Augen? Bemerkte er mich nicht …, wollte er es nicht oder erkannte er mich nicht? Fuß über Kopf, ohne zu wissen, was geschah, sprang ich so schnell auf, dass mein Stuhl mit einem Knall umkippte. Keiner achtete darauf, keiner hörte es, der Geräuschpegel war so laut, dass sich auch mein Rufen in der treibenden Narrenflut verlor. Mein Blick war einzig auf die Feder gerichtet, meine wichtigste Aufgabe war, so schnell wie möglich dorthin zu gelangen. Wie eine Ertrinkende ruderte ich. Und da! Er war es, Jonas war tatsächlich in ein und demselben Raum! Was für ein unglaublicher Zufall! „Rena“, machte ich mir Mut, „du schaffst es, du erreichst ihn in diesem wild wogenden Meer von Narren!“
Immer wieder tauchte der Kopf samt grünem Hut unter, doch die Feder schwebte wie ein Zeichen über der Menge. Endlich war ich nah dran, während Jonas mich immer noch nicht im Blick hatte. Blitzschnell klopfte ich ihm auf die Schulter „Da bin ich!“ Seine blauen Augen und sein Lächeln sagten mehr als alle Worte. „Schön, dass du da bist, wollen wir gleich tanzen?“ Es klang so selbstverständlich, als ob wir uns erst gestern voneinander verabschiedet hätten! Die Schmetterlinge in meinem Bauch flogen kreuz und quer. Das war wohl das berühmte Gefühl, das alle beschrieben, wenn sie von der großen Liebe sprachen. Und wie ich die Stimmung, die Berührung, das Tanzen und Lachen genoss und wie wir uns verstanden! Diese Zweisamkeit war traumhaft. Wir hatten einen stillen Platz für uns entdeckt und waren uns einig, dass wir uns wiedersehen wollten „Das wird uns dieses Mal nicht passieren, dass du, liebe Rena, wie ein Geist auf einmal entschwindest!“ rief Jonas begeistert, als wir unsere Adressen und Telefonnummern austauschten. Wie im siebten Himmel und voll Zuversicht kämpften wir uns auf die Tanzfläche zurück. Ich spürte die Gewissheit in mir, dass Jonas das Wunder der Liebe verkörperte und ausstrahlte. Aus unserer Glückseligkeit, aus der wir zeitverloren gar nicht mehr zurückkehren wollten, holten uns jedoch bald Inge und Werner: „Ab nach Hause!“ Ein Händedruck und eine innere Klarheit, dass wir uns ohne weitere Absprache am kommenden Wochenende treffen würden, verband uns wie in einem Traum. „Darf ich dich anrufen?“ „Ja, ich freue mich“, flüsterte ich und schon verschluckte uns die Nacht. Jeder folgte seinem Weg.
So begann meine erste und einzige große Liebe. Das mag sich für Dich, lieber Leser, altbacken anhören und Dir im oft schnellen Partnerwechsel unserer Zeit fremd vorkommen, doch ich möchte dieses einmalige Glück nicht missen. Liebeskummer war mein Leben lang ein Fremdwort.
Gobi hatte recht und ich kann ihren Satz nur wiederholen: Jede Zeit hat ihre Stunde.
Das Leben war wie eine Entdeckungsreise, ich fieberte schon dem Wochenende entgegen. Als Jonas mit seinem hellblauen VW Käfer mit dem Kreuz in der Heckscheibe pünktlich vorfuhr, hüpfte mir das Herz und mein Glück war vollkommen. Seit unserem ersten Kinobesuch wusste ich, dass Jonas „mich auch mit Ecken und Kanten“ mochte.
Wie immer war ich gut in Form und vor allem, was die Frisur betraf, der Mode einen Schritt voraus. Doch damit holte ich mir im dunklen Kino nicht gerade Pluspunkte. Kurzum, ich täuschte langes Haar vor, indem ich eine Halbperücke trug, die ich mit einem weißen Band fixiert hatte. Im Gefecht von Küssen, Schulteranlehnen und Pfefferminzbonbons verrutschte das Teilstück. Als das Licht im Saal wieder anging, kam Jonas’ dezente Frage, ob denn meine Haare außer Rand und Band seien? Er gesagt, ich getan: Ruck, zuck! nahm ich den Haarersatz vom Kopf und steckte ihn – ab damit – in die Handtasche. Wie eine nasse Maus mit weißem Band sah ich nun wohl gewöhnungsbedürftig aus. „Du unbekümmertes Wesen, da bleibt mir doch glatt die Spucke weg“, kommentierte Jonas. Für mich war das kein Problem. Im Auto angekommen, rückte ich als angehende Friseuse entsprechend fingerfertig meine Haare zurecht. Ab diesem Treffen war ein zusätzlicher Begrüßungssatz geboren. „Bist du echt oder nur Ersatz?“ Bei jedem Wiedersehen hörte ich nun Jonas humorvoll die Frage stellen.
Oft habe ich mich gefragt, was Liebe ist. Keiner hat mir bis jetzt eine genaue Antwort gegeben. Ich beschreibe Liebe immer so, wie ich sie aus meiner Kindheit und vor allem seit meiner Begegnung mit Jonas zu verstehen begann:
Es gibt keine Schwierigkeiten, die sich nicht mit Liebe bewältigen lassen, keine Krankheit, die sich nicht mit Liebe heilen lässt, keine Tür, die sich nicht mit Liebe öffnen lässt.
Es spielt keine Rolle, wie groß das Problem ist, wie hoffnungslos der Anschein, wie tief die Verwirrungen, wie schwerwiegend der Fehler.
Mit Liebe lässt sich alles auflösen.
Das war also mein Lebensmotto, ich war beseelt vom Glücksgefühl der großen Liebe. Menschen sprachen mich an, was mit mir passiert sei, ob ich im Lotto gewonnen habe? Lachen und Heiterkeit gehörten zu Jonas und mir und verfolgten uns auf Schritt und Tritt. Was die Zukunftspläne betraf, waren wir beide von der „schnellen Truppe“. Wir spürten, dass unsere Liebe für eine Ehe reichte. Somit planten wir, unsere Verlobung mit unseren Familien am ersten Advent zu feiern. Alles sollte seine Ordnung und Richtigkeit haben. Noch heute klingt mir der alte Standpunkt in den Ohren, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. „Mädchen, vergib dir deine Krone nicht! Bevor du dich ganz hingibst, solltest du wissen, ob es der richtige Mann zum Heiraten ist.“
Heute lache ich darüber, denn in der Zeit der Pille ist es etwas anderes. Doch in den Siebzigern wollte ich nicht unbedingt heiraten „müssen“.
Jonas kam für mich an erster Stelle, was er sagte oder tat, war für mich klar und durchdacht. Vielleicht lag es daran, dass er acht Jahre älter war. Wehe, meine Eltern wagten es, etwas gegen ihn vorzubringen. Da war ich sofort auf Hundertachtzig. Doch solche Anfälle nahmen meine Eltern Gerti und Reiner als deutlichen Beweis, dass ich Jonas ohne Wenn und Aber liebte. Jonas und ich gingen unseren Weg ohne große Hürden. Es war eine traumhafte Zeit. Die Hochzeit im Jahr 1973 war mit 140 geladenen Gästen der Höhepunkt. Wir tanzten, lachten und hatten Spaß. Sketche wurden vorgetragen, für das leibliche Wohl war gut gesorgt. Um vier Uhr morgens traten die letzten Gäste den Heimweg an. „Schön war´s, lustig war´s,“ und als endlich auch wir beide das Gasthaus verließen, klang der wundervolle Tag aus mit seinem neuen Morgen und dem in sich so runden Gefühl, dass jede Zeit ihre Stunde hat. Stolz saß ich im Auto und stellte mir vor, wie Jonas mich über die Türschwelle tragen würde, wie wir die Hochzeitsnacht genießen und, und, und. Das war jedoch nur in meinen Träumen gespeichert, denn ich hatte vergessen, dass wir erst einmal 20 Stufen bis zur Eingangstür bewältigen mussten. Jonas nahm mich an der Hand und wir erklommen wie ein schon lange verheiratetes Ehepaar Stufe um Stufe das gemeinsame Zuhause. Müde, aber glücklich schliefen wir ein. Was für ein Leben wartete auf uns!
In den folgenden Wochen und Monaten holte uns der Alltag bald ein. Wir gingen, wie wir es als Schwaben gelernt hatten, fleißig zur Arbeit.
Alle unsere Freunde hatten schon Kinder. Das wollten wir natürlich auch. Da ich über den Eisprung genau Buch führte, war es anhand der Fieberkurve nur eine Frage des genauen Augenblicks. Es blieb trotzdem spannend. Schließlich klappte die Planung und im Jahr 1975 erblickte unser Goldschatz Ann Kathrin das Licht der Welt. Das Glück schien vollkommen. Man sagt so schön, gib deinen Kindern Wurzeln, solange sie klein sind, wenn sie größer und erwachsen werden, gib ihnen Flügel, damit sie selbständig werden. Ich wollte sehen, ob es nur eine Redewendung war. Auf jeden Fall, so dachte ich, lohnt es sich, wenn gute Gedanken gelebt werden.
Unseren ersten gemeinsamen Urlaub verbrachten wir in einer Ferienwohnung im Allgäu. Mit einem neu erstandenen Tragegestell für Ann Kathrin ging es sofort in die Berge. Der Wettergott, unberechenbar wie immer, überraschte uns nach zwei Stunden mit Regen. Ann bekam davon nichts mit, in unserem speziellen „Rucksack“ saß sie sicher und geschützt, bis mitten am Tag der Sandmann zu ihr kam. Das war nun eine Herausforderung für uns junge Eltern, denn der Tragesitz stellte sich beim Schlafen als Fehlkonstruktion heraus. Ann Kathrins Kopf fiel entweder nach vorne oder zur Seite. „Aufgepasst“, sagte ich zu Jonas, „jetzt brauchen wir Teamwork.“ Im Gleichschritt mit Jonas hielt ich Anns Kopf. Der Verkäufer hörte als Lohn für seine schlechte Beratung bestimmt seine Ohren klingen! Doch es stellte sich auch in dieser Situation heraus, dass wir selbst auf engen Pfaden den Dreh für ein gutes Miteinander kannten.
Als Ann Kathrin, schon älter, zu Fuß mitmarschierte, bekam das Tragegestell eine neue Aufgabe. Bei Gemeinschaftstouren mit Freunden diente es als Getränketräger. Die Ausflüge mit einem Grillfeuer waren immer Höhepunkte, nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Erwachsenen. Es folgten Kegelausflüge nach Rom, Athen und Istanbul. Die Kinder blieben unterdessen bei den Großeltern. So konnten Jonas und ich richtig entspannen. Nicht nur Städtereisen, sondern auch erlebnisreiche Skiausflüge gehörten dazu. „Rena, du kleine Pistensau“, nannten mich meine Freundinnen. Es war großartig, den ganzen Tag mit den Männern die Pisten zu erobern, mit einem Hüttenschwung zwischendurch. Meistens waren die Frauen dann ebenfalls nachgekommen. Wir erlebten eine Zeit voll Leichtigkeit und Ausgelassenheit, die uns in unsrer Jugend in die Wiege gelegt war. Lachen erfüllte den Hüttenraum, oft schien dabei mein Körper in eine andere Welt zu schweben. Solche Momente vermittelten Vertrauen und Sorglosigkeit, wie sie Freundschaft mit sich bringt.
Diese Form der Beziehung ist ein besonderes Gut, sie wächst langsam, und wenn sie das wahre Wunder von Geben und Empfangen erlebt, ist sie ein großes Geschenk und eine Fülle des Lebens.
Eine wunderbare Geschichte, die ich Dir dazu empfehlen kann, ist Vera Zingsems preisgekröntes Märchen „Das Geheimnis der Sonne“1, das von der Begegnung eines Mistkäfers und eines Schmetterlings handelt.
Freunde gehen durch dick und dünn. Eine gute Ehe hat dabei etwas mit der Freundschaft gemeinsam: Sie befähigt, ohne viele Worte, dem Lebenspartner Wünsche von den Lippen zu lesen.
Was ist der tiefere Sinn, dass dieses Buch seinen Anfang nahm? Warum sitze ich nun schon den dritten Tag auf der Gartenbank, ziehe intensiv die frische Luft ein und betrachte den blauen Himmel, an dem genau über mir ein Adlerbussard kreist?
Die Natur mit ihren vier Elementen begeistert mich seit jeher. Der Blick, den der Adler zur Erde wirft, vermittelt mir, wie sich Freiheit und Leichtigkeit zu jeder Zeit anfühlen. Diese Ruhe lässt meine Finger über die Laptop-Tasten fliegen.
Auf der nahen Wiese geht ein Fuchs auf Beutejagd. Die Raben, die gerade im feuchten Morgengras ein paar Würmer ergattert haben, suchen schnell das Weite.
Es ist wieder still – und genau in diesem Moment sinkt ein Laubblatt von der neben mir stehenden Buche auf meine Tastatur herab. Lächelnd nehme ich es und lege es auf die unterste Seite meines Notizblocks zum Pressen. In meiner Vorstellung sehe ich das Blatt schon als Lesezeichen in einem meiner Bücher. Meine Vision beginnt sich zu realisieren.
Es ist nicht schwer, in dieser Art mit allen Sinnen die Welt zu entdecken. Tauch daher mit ein in den Lebensstrom! Lass uns sehen, welche Erlebnisse Wunden zurückgelassen haben. Vielleicht sind lediglich Narben vorhanden, die uns noch daran erinnern. Das Leben sorgt ganz von selber für Höhen und Tiefen.
Komm, lass uns weitergehen!
Jonas hatte mit seinem Vater ein eigenes Geschäft eröffnet. In den ersten drei Jahren bedeutete es viel Arbeit und wenig Freizeit. Doch Jonas war ein außergewöhnlicher Mann. Wo er zupackte, war die Arbeit gut gemacht. Es schien alles glatt zu laufen, die Aufträge versprachen Erfolg. Walid, der Vater von Jonas, beschloss, ein Werkstattgebäude mit Garagen zu errichten. Das hieß, neben den im Alltag anfallenden Kundenaufträgen auch in der Freizeit oder bis spät in die Nacht bei Scheinwerferlicht zu hämmern, zu bohren und Kabelkanäle zu verlegen.
Es dauerte nicht lange, bis ich bei Jonas immer häufiger ein eigenartiges Husten bemerkte. Da ich genauso wie meine Schwiegermutter auf natürliche Heilmethoden und Homöopathie schwor, setzten wir auf Schmalzwickel und Hustensaft mit Efeuextrakt. Doch das Keuchen nahm nicht ab. Ein Zeichen, zum Arzt zu gehen! Doch auch dessen Medikamente bewirkten keine Linderung. Im Gegenteil! Jonas bekam zusätzlich ein Abszess, wieder halfen die Hausmittel nicht und der Facharzt ordnete einen operativen Eingriff an, um den Entzündungsherd zu entfernen. Schlag auf Schlag folgte und wir kamen nicht zur Ruhe. Denn der Husten rührte von einer verschleppten Lungenkrankheit. Jetzt waren Liebe, Freundschaft und eine Portion hoffnungsvoller Gedanken gefragt. Jonas kam zur Erholung ins Sanatorium. Vorsichtig versuchten uns die Ärzte die Tests und weitere Untersuchungen, die uns in Atem hielten, zu erläutern, bis sich bei der Diagnose Tuberkulose bestätigte, zum Glück noch im Anfangsstadium und heilbar. Die ganze Familie wurde auf Erreger untersucht, wir waren alle gesund samt unserem Goldschatz Ann Kathrin. Ich sah meinen sonst so lebensfrohen Mann das erste Mal weinen. Das ging mir sehr nah.
In unseren dreieinhalb Jahren Ehe waren wir noch nie getrennt. Jetzt sollte es auf ein halbes Jahr für die anstehende Heilung geschehen. Da mein Immunsystem auf den Test gut reagiert hatte, konnte ich Jonas wenigstens besuchen: Da leuchtete im Raum die Sonne auf trotz strömendem Regen! Wir brauchten die Aufmunterung, spürten die Kraft und Achtsamkeit in unserem täglichen Miteinander, ob am Telefon oder beim Besuch in der Klinik.
Jonas hatte plötzlich viel Zeit zum Nachdenken. Das veränderte unseren weiteren Lebensweg. Mein Mann ahnte, dass das Leben im Haus seiner Eltern für unsere junge Familie so nicht mehr weitergehen konnte. Jeden Tag miteinander schaffen, sich auch in der Freizeit begegnen, zeigte uns beiden Grenzen auf. Ich suchte mit Manu, meiner Schwiegermutter, das Gespräch. „Jede Zeit hat ihre Stunde“, meinte sie. „Für Jonas ist es sicherlich das Beste, wenn er nach seiner Heilung einen gewissen Abstand zum Alltagsstress gewinnt.“
Manu war eine weise und großherzige Frau, die ihren Sohn liebte, so wie es nur Mütter von Herz zu Herz tun. Jonas, vom Aussehen ganz der Vater, hatte seine Herzenswärme von ihr. Sein Vater Walid war in russischer Gefangenschaft gewesen und lernte Jonas erst im Alter von fünf Jahren kennen. So kam durch die Grausamkeiten des Krieges die Bindung zum Sohn in dessen wichtigen frühen Lebensjahren zu kurz. Die Tochter Su Amanda, später geboren, war dagegen Walids Sonnenschein. Das war auch gut so, damit sich der Vater in einer Welt voll Neuanfang und Wiederaufbau zurechtfinden konnte.
Jonas und ich waren uns einig, ein eigenes Nest zu bauen. Der Sommer war vergangen, als mein Mann nach drei Monaten Klinikaufenthalt wenigstens an den Wochenenden nach Hause durfte. Es war eine besondere Erfahrung, die Dankbarkeit zu spüren und zu wissen, dass die Liebe genauso wie die Hilfe der Ärzte, Robert Kochs bahnbrechende Forschung eingeschlossen, diese Krankheit heilen konnte.
Im Herbst war es soweit, Jonas kehrte in den Lebensalltag zurück. Wir wollten diesen Neuanfang bewusst angehen. Der erste Arbeitstag war für Jonas ein Erfolgserlebnis. Langsam, nicht so hektisch, hieß von nun an seine Devise. Trotz aller Widrigkeiten spürten wir, dass es schön war, eine Familie, Freunde und Arbeit zu haben. Die Not ließ mich umso stärker meine eigene Aufgabe erkennen. Kein Weg führte daran vorbei, selbst Kraft zu mobilisieren und vor allen Dingen nicht aufzugeben.
Wenn Ann Kathrin im Bett war und wir abends auf unserem kuscheligen Sofa saßen, erlebten wir die tiefe Verbindung zwischen uns. Wir wussten auch ohne Worte, egal was das Leben für uns bereithielt: Gemeinsam sind wir stark. Welcher Höhenflug war es, als Jonas eines Tages mit der Botschaft nach Hause kam, dass in meinem Heimatort gebaut wird und eine Doppelhaushälfte in Aussicht steht. Ich war völlig aufgedreht und außer Rand und Band. „Doch – was sagen deine Eltern?“ „Manu hat sich positiv dazu geäußert, sie ist zufrieden, es ist ihr wichtig, dass es mir gut geht.“ Das hörte sich vielversprechend an. Meine Eltern werden einen Luftsprung machen, wenn wir so nah bei ihnen wohnen. Ich sprudelte wie ein Wasserfall. „Dann kann ich mit dem Bus zur Arbeit fahren, das passt perfekt.“ Was für ein Leben! Alles fügte sich von alleine. Der Grund und Boden, auf dem unsere neue Heimat entstand, lag ruhig. Laut Plan hatten wir die Seite im Süden und Westen, die Garage trennte die zwei Wohnhälften voneinander. Jonas war Handwerker und wir planten entsprechend viel Eigenleistung ein. Unglaublich, aber wahr – ich sah unser Projekt „Eigenheim“ schon bis in die Details vor Augen!
Wir gingen wie ein Team vor: Jonas war für Sanitär und Elektrik zuständig, ich übernahm die Malerarbeiten und war für des Verlegen der Fliesen verantwortlich. Ann blieb entweder bei meinen Eltern oder kam mit auf die Baustelle. Sie fühlte sich wohl, ihre Kinderseele spürte die Ausgeglichenheit und Freude von uns Eltern. Tage voll Planen und Umsetzen erfüllten unser Leben. Es fiel uns in unserer Jugend leicht. Ich war gerade einmal 25 Jahre, Jonas 33 Jahre alt. Ein eigenes Haus zu bauen und einzurichten, genau wie wir es uns vorstellten, das beflügelte! Eine offene Feuerstelle, das Gefühl wohliger Wärme, durfte natürlich nicht fehlen. Da halfen Jonas’ Kegelbrüder, Freunde seit der Schulzeit. Sie waren vor Ort, wenn wir sie brauchten, und Albin baute uns den offenen Kamin. Es war unglaublich! Es lag an unserer neuen Lebenseinstellung, dass wir alles so erfolgreich stemmten. Was guttut, durfte sein, auch wenn Jonas’ Vater Walid mit dem Entschluss nicht sehr glücklich war. Ich begriff erst später, dass er noch viel zu lernen hatte. Damals verstand ich ihn in seinem Verhalten uns gegenüber nicht. Er hatte Manu beispielsweise verboten, uns auf der Baustelle zu besuchen. Um diese Ungereimtheiten mit ihm zu lösen, brauchte ich noch einige Jahre.
Inzwischen kenne ich verschiedene Wege, solche Erfahrungen zu verarbeiten. Es kann beispielweise über das Schreiben geschehen, auch mit Tagebuchaufzeichnungen, in denen belastende Ereignisse am selben Tag zu Papier gebracht werden. Jeder von uns macht es auf seine eigene Art. Ich komme in einem anderen Kapitel noch genauer darauf zurück. Ich bin heute – im Jetzt – sehr dankbar, so offen und ohne Frustration über meine früheren Erlebnisse Auskunft geben zu können.
Im Juni 1978 war es endlich so weit. Wir bewältigten, gut geplant und vorbereitet, an einem Wochenende unseren Umzug. Mancherorts wurde von Nachbarn noch eifrig gebaut, der Großteil aber wohnte wie wir schon im neuen Eigenheim. Ann Kathrin stürmte mit roten Wangen, großen glücklichen Kinderaugen und mit ihrem Bären im Arm in ihr neues Kinderzimmer. Freiheit, Leichtigkeit und Freude waren im ganzen Haus zu spüren. Überglücklich feierten wir unseren Einzug in die eigenen vier Wände.
Da wir nun auf dem Berg wohnten, mit herrlichem Fernblick, fuhr Jonas ab und zu mit dem Fahrrad ins Tal, um beim Bäcker Semmeln zu holen. Ich deckte in der Zwischenzeit den Tisch und bereitete den Tee sowie die heiße Schokolade. Die Markise mit ihrer orange-braun-roten Farbe diente nicht nur als Schutz vor den Sonnenstrahlen. Sie bewirkte zugleich ein warmes Licht im Innenraum, das unsere Geborgenheit zusätzlich zu bestätigen schien. Auch wenn noch viel zu tun war, fiel es nicht ins Gewicht. Denn wir waren angekommen und ein neuer Lebensabschnitt begann.
Ann fand schnell Freunde. Sonny, Sebastian und Rosi wohnten in der Nachbarschaft. An einem warmen Sommertag füllte ich den aufblasbaren Wasserpool. Die Kinder plantschten, sie waren voll in ihrem Element. „Mutti, schau, Sebastian hat mehr als wir zum Pipi machen!“ „Ja, das ist so, liebe Ann, Jungen haben einen Penis so wie Papi.“ Aha, die erste Aufklärung war damit schon erledigt. Als Erwachsene lächelt man oft darüber, wie unverstellt die Worte aus dem Kindermund sprudeln.
Anns Jahre im Kindergarten waren eine anregende Zeit. Wie glücklich und unbekümmert unsere Tochter dort mit den anderen Kindern spielte! Ich brachte sie hin und holte sie ab, alles verbunden mit einem regen Austausch. Denn Tante Lore und Tante Clara, die schon meine Kindergarten-Erzieherinnen waren, gaben ihren Schützlingen Freiraum für Aktion und Fantasie. „Stell dir vor, wir konnten bei dem schönen Wetter nicht im Garten spielen, dort wurde eine neue Schaukel aufgestellt. Wir waren dafür auf dem Schulhof. Aber dort habe ich beim Faul-Ei sogar das Taschentuch besser gesehen.“ Ich hakte mit einem Warum nach. „Weil dort kein Zierrasen ist, sondern nur glatter Asphalt.“ Erinnerungen wurden wach, ich sah mich plötzlich als Fünfjährige an kleinen Waschbecken stehen, die in Größe und Höhe so kindgerecht waren. Man könnte fast meinen, die Zeit wäre stehen geblieben!
Nichts hat sich verändert, doch die Zeit bleibt niemals stehen. Das ist gut so, sonst könnte ich im Jetzt nicht sagen, dass Schmerzen vergehen und Krankheiten heilen. Meine Erkenntnis für diesen Tag und darüber hinaus, lässt sich so formulieren:
Genieße die kleinen Dinge des Lebens, somit erkennst du auch die schönsten Dinge im Verborgenen.
Ein leichter Sommertag brach an, die warme Sonne ließ mein Herz höherschlagen. Jonas’ Mutter und seine Schwester Su Amanda kamen zu Besuch. Mit Tränen in den Augen, voll Glück über den großen Augenblick, dass die Beiden bei uns waren, genossen wir den Freudentag. Jeder Raum wurde besichtigt. Die Küche mit ihren rustikalen braunen Kacheln und den weißen Schränken wirkte klein, aber fein. Die Eibe vor dem Fenster bestach mit ihren roten Beeren genauso wie der Blick in die Ferne. Dort ragte ein Kirchturm in seinem nüchtern modernen Baustil auf. Wie häufig in den siebziger Jahren war manches altertümliche Gebäude ein Opfer von grauem Beton oder Flachdach geworden.
Im Wohnzimmer mit der Kachelofenecke konnten unsere Gäste spüren, wie sehr wir uns in unserem neuen Heim wohlfühlten. Wir zeigten ihnen den Hobbyraum. Die Tischtennisplatte stand bereit. Im Lauf der Jahre hätte sie wohl von so manchem Spiel erzählen können! Jonas’ Werkstatt übertraf alle Erwartungen. Genau und präzise hingen an den selbstgefertigten Halterungen Schraubenzieher und Schraubenschlüssel in Reih und Glied. Ein Griff genügte und das Werkzeug war gefunden.
Besonders stolz waren wir jedoch auf unseren Keller. Dort lagerte nämlich der selbstgebrannte Obstler und ein Holzfass, das wir im Spätherbst mit Apfelmost füllen konnten. Damit hatten wir das ganze Jahr ein Getränk, das mit Sprudel gemischt unser liebster Durstlöscher war. Im oberen Stockwerk hatten wir das dunkelgrüne Bad eingerichtet und die Schlafräume.
Nach unserer Besichtigung entkorkten wir eine Flasche Sekt und stießen liebevoll miteinander auf unser Glück an. Jonas war zufrieden, er konnte zwar in solchen großen Momenten seine Gefühle nicht offen zeigen, aber jeder spürte, dass wir uns allesamt verstanden und die Freude miteinander teilten. Ich, die ich als Einzelkind in einer behüteten Familie aufgewachsen war, merkte, wie schön es war, eine Schwester zu haben. Lediglich der Gedanke an Walid trübte das Ganze. Denn Jonas’ Vater war nicht mitgekommen. „Sei offen für das Neue und du entdeckst das Leben.“ Dieser mir so vertraute Spruch bestätigte sich in diesem Augenblick. Zu dritt standen wir an der Tür, um Jonas’ Mutter und seine Schwester zu verabschieden. Ein Hauch von Wehmut streifte uns nach den so harmonisch verbrachten Stunden, die sich jedoch verwandelte, sobald wir uns umarmten und Ann sich an mich schmiegte. So eng verbunden und im Wissen, eine starke Familie zu sein, brachten wir unseren Sonnenschein zu Bett. Im Wechsel lasen wir Ann noch eine Geschichte vor. „Gute Nacht, guter Tag!“ Mit Blick auf unsere schlummernde Tochter ließen wir die mit unserem Besuch verlebten Stunden nachwirken.
Man könnte sagen, schon wieder ein Wochenanfang wie jeder andere. Doch das stimmte dieses Mal nicht. Jonas war mit dem Auto zur Arbeit gefahren. Ich machte mich mit Ann ebenfalls fertig, aber wie so oft fand ich beim Aufräumen kein Ende. Schnell noch Staubsaugen, die Küche auf Glanz bringen, die Waschmaschine füllen, die Kissen aufschütteln – mit dem Kantenschlag in der Mitte, der war meine Macke. Die Kissen saßen steif wie die Zinnsoldaten in Reih und Glied. Die Kirchturmuhr mahnte bereits, als ich gewohnt knapp in der Zeit Richtung Kinderzimmer rief „Der Bus wartet nicht!“ Ann kannte das nur zu gut, Schuhe an und los ging es im Dauerlauf zur Haltestelle. Schon hatte der Busfahrer die Türen geschlossen, als er uns beide gerade noch um die Ecke biegen sah. Wieder auf die Tür, schwupp! und hineingesprungen!
Was für ein Tag! Wir drückten uns aneinander, saßen wie so oft schnaufend und nach Luft japsend im Bus. Und das war nur der Anfang meines hektischen Tags! Meine Mutter Gerti empfing uns wie immer gutgelaunt. Auf, mit Ann in den Kindergarten! Doch Omi war die Ruhe selbst, was für ein Glück für meinen Goldschatz!
Die Glastür zum Friseursalon war kaum aufgesperrt, da betraten die ersten Kunden bereits den Raum. Die Stammkunden kannten ihre Plätze. Das schien ein farbenfreudiger Tag zu werden!
Die Färbeschalen wurden mit den verschiedenen Nuancen gefüllt: aus Grau mach Braun, Schwarz, Rot. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt, wobei der Wunsch des Kunden natürlich Priorität hatte. Petra, unsere Azubi, hatte eine Kundin für Reiner mit spezieller Kopfwäsche verwöhnt und zum Lockenwickeln vorbereitet. Ich hantierte mit Pinsel und Farbe, Inge arbeitete mit Kamm und Schere. Alle waren wir intensiv beschäftigt. Gerti ließ uns nicht verhungern, aber zum Essen blieb an diesem Tag nur wenig Zeit. Ein Teller mit belegten Broten sowie ein Fitnesstrunk – das ließ sich nebenbei zu sich nehmen und schnabulieren. Mit Kaffee und heißer Schokolade hielt ich meinen Arbeitselan auf Hochtouren. Solche Tage waren ein Highlight für meinen Paps, die Kasse klingelte und das machte gute Laune.
Kunden kamen, Kunden gingen. Darunter auch ein junger Mann, der mit seiner frisch frisierten Elvis-Locke hinausschwebte. Ohne zu bezahlen! Kurz darauf kehrte er zurück: „Das ist mir auch noch nie passiert.“ Er hatte es zum Glück selbst bemerkt, zahlte und zu unserer Freude rasselte es in die Trinkgeldsau ordentlich. „In diesem Fall können Sie gerne öfter das Zahlen vergessen“, scherzte Inge mit ihrem blonden Haarschopf. Unser Salon stand im Zeichen von Vertrauen, von Geben und Empfangen. Trotz der vielen Arbeit waren wir am Abend rundum zufrieden. Gerti und ich besprachen häufig noch den Tag. Es war beruhigend, so im Austausch Lösungen zu finden. Am Abend holte Jonas Ann Kathrin aus dem Kindergarten, beide warteten schon auf mich: „Auf nun – nach Hause!“
In Jonas’ Elternhaus hatte sich seit dem Auszug vor zwei Jahren vieles verändert. Su Amanda stellte sich – mit finanzieller und handwerklicher Unterstützung durch Manu und Walid – ebenfalls auf die eigenen Füße. Sie lebte und arbeitete nun als versierte Künstlerin in ihrem kleinen Haus in Stuttgart. Ihre Skulpturen waren in Galerien ausgestellt und sowohl dort als auch privat zu erwerben.
Jonas half seiner Schwester bei der Einrichtung ihres neuen Heims und sorgte für die elektrischen Anlagen. Doch auch im elterlichen Haus wurde nun umgebaut, nachdem die Kinder flügge geworden waren und jeder sein eigenes Reich innehatte. Jonas war immer mitten im Geschehen. Walid bestimmte, der Sohn gab sein Bestes. Ich war zum Glück weit weg. Zwischendurch ein Besuch oder ein Telefonat reichten mir voll und ganz.
Das elterliche Haus wurde ein wahres Schmuckstück. Es war Walids Vorzeigemodell. Alle waren zur Einweihung eingeladen, ein Familienfest stand also bevor. Su Amanda mit Freund Harry und ihrem Berner Sennenhund Timm fühlten sich wie immer wohl. In meinem Kopf drehte sich dagegen das übliche Gedankenkarussell, denn mein Schwiegervater Walid hatte die unangenehme Angewohnheit, im schönsten Augenblick verletzende Worte zu sagen. Das löste bei mir schnell Alarm aus.
Manu hatte lecker gekocht und ein schwäbisches Menü aufgetischt: Braten, Spätzle und meinen heißgeliebten Kartoffelsalat. Eigentlich bestand kein Anlass, mit schweißgebadeten Händen am Tisch zu sitzen. Doch das war eine nervöse Reaktion meiner sensiblen Seele. Keiner außer Jonas und meinen Eltern wusste davon.
Walid war in seinem Element. Er erzählte von seiner Selbstständigkeit und was er dabei alles auf die Beine stellte. Manu hantierte in der Küche, immer mit einem Ohr bei der Unterhaltung. Sie war darauf bedacht, dass alles friedlich und reibungslos seinen Verlauf nahm. Sie war die gute Fee der Familie, würde man im Märchen sagen. Als ich mit Manu allein in der Küche war, sagte sie ernst und ohne einen Zusammenhang: „Es wäre schön, wenn ihr im Notfall für Su Amanda sorgen würdet.“ „Das wird doch nicht nötig sein, sie ist so erfolgreich und hat vielversprechende Kontakte“, beruhigte ich meine Schwiegermutter. „Rena, ich kann nicht mehr darüber sagen. Aber Künstler ticken anders.“ Damals wusste ich nicht, wie nötig Hilfe noch sein sollte.
Im Wohnzimmer war es inzwischen wie immer. Jeder versuchte, Walid sein Recht zu lassen. So war schließlich auch dieser Besuchstag überstanden. Mir war in jener Zeit allerdings zu wenig bewusst, dass Jonas jedes Mal ein Menge Kritik einstecken musste und manche Ungerechtigkeit für sich im Verschwiegenen verarbeitete. Männlicher Auffassung zufolge – und Joans war da ganz Mann – hatte man immer stark zu sein. So ein Unsinn, sagte ich, doch damals leider nicht laut genug.
Manu und Walid, inzwischen 59 Jahre alt, machten sich über ihre Zukunft Gedanken: „Wenn wir in Rente sind, unternehmen wir noch großartige Dinge. Ja! Dann werden wir richtig leben!“ Diesen Standardsatz meiner Schwiegereltern konnte ich schon nicht mehr hören. Ihr ersehnter Jahresurlaub rückte näher, es war die beste Erholung, auch für Jonas, wenn sein Vater in Ferien war. Wir waren daher zuversichtlich, als wir sahen, dass die Eltern entspannt und mit neuer Kraft nach Hause zurückkehrten. Der Alltag mit Arbeit stand wieder bevor, doch Manu hatte noch ihren freien Nachmittag und traf sich mit Freundinnen zum Kaffeekränzchen und Kuchen.
Abends wieder zu Hause, erzählte sie Walid und einem Nachbarn von ihrer unterhaltsamen Runde, als sie plötzlich über Übelkeit klagte. „Mir wird so schlecht“, brachte sie als letzten Satz gerade noch hervor. Walid trug sie in den Vorraum und versuchte sie wiederzubeleben. Als der Notarzt kam, konnte er nur noch Manus Tod feststellen.
Ich saß mit Jonas nichts ahnend zu Hause. „Ich komme sofort“, hörte ich ihn am Telefon sagen, als uns die Schreckensbotschaft erreichte. Herzinfarkt lautete die Diagnose. Trauer und das Gefühl von Leere stellten sich ein. Ich war schwanger und, während sich in mir alles wie ein Karussell zu drehen begann, spürte ich in diesem Augenblick zugleich auch den großen Kreislauf von Kommen und Gehen. Jonas nahm mich in seine Arme und flüsterte mir ins Ohr: „Mutter hinterlässt eine große Lücke, sie hat immer vermittelt und war der gute Geist zwischen uns Kindern und Papa.“
Als wir Walid besuchten, um die Zeit der Trauer gemeinsam zu tragen, spürten wir seine große Unzufriedenheit in jedem Satz. „Wir wollten doch noch so viel erleben. Jetzt hätten wir ohne Geldsorgen verreisen, ein großes Auto fahren können und überhaupt ein wunderbares Leben führen. Aber eure Mutter ist auf einmal nicht mehr da.“ Er gab allen die Schuld, nur sich selbst sparte er dabei aus. Ich war froh, dass ich mich die letzten beiden Jahre mit Manu so gut verstanden hatte. Was für ein Segen war es auch, dass ich weit weg wohnte und vom Alltag in diesem Haus so wenig betroffen war.
Plötzlich hörte ich einen Satz Walids, der sich wie ein Geschoß mitten in mein Herz bohrte: „Seit du in die Familie gekommen bist, war kein Frieden mehr.“ Wir waren gerade aufgestanden, um zu gehen, und ich fiel, so getroffen und ohnmächtig werdend, auf den Steinboden. Jonas kniete sich nieder, während Walid wie eine Steinstatue dastand. Das muss ein schlechter Film sein, in dem ich mich gerade befinde und dabei auch die Hauptdarstellerin bin, kreisten die Gedanken in meinem Kopf, als ich wieder zu mir kam. Ann Kathrin suchte mit ihrer zarten Seele Schutz bei mir. Wie Worte verletzen können, hatte ich in diesem Moment im wahren Sinn des Wortes am eigenen Leib erfahren. Ich war traurig. Jonas sah mich mit seinen liebevollen blauen Augen an, mit denen er mir Halt und Sicherheit im Sturm des Lebens signalisierte. Ich spürte die Kraft und Stärke, die er als Familienvater ausstrahlte.
Walids Ausbruch musste man seiner Verzweiflung und inneren Not zurechnen. Es war ein Ausnahmezustand, den der Tod seiner Frau mit sich brachte. Doch Walid vergaß dabei, dass auch Su Amanda und Jonas einen wunderbaren Menschen verloren hatten. Manu war feinfühlig gewesen, der Natur sehr nahe gestanden und zu damaliger Zeit in ihrer Einstellung zu Umwelt, Ökologie und Bioprodukten schon weit voraus.
Su kam über den Verlust ihrer geliebten Mutter nur schwer hinweg. Sie stürztesichauf ihreArbeit,mit Walid aus demGrab eine Art Denkmal zu schaffen. Jeder verarbeitete den Abschied auf seine Art. Es war das erste Mal in der kleinen Gemeinde, dass eine Ruhestätte mit einer riesigen Marmorplatte bedeckt wurde. Sus Skulptur – „Der Hockende“ in Bronze gegossen – erhob sich obendrauf wie ein Mahnmal. Meine Schwägerin hatte in einem körperlichen und seelischen Kraftakt ihr Werk anstatt wie vorgesehen im Garten der Eltern nun als Grabstein platziert.
In der Zwischenzeit hatte ich eine Fehlgeburt zu verarbeiten. Es sollte nicht sein, dass ich noch einmal das Wunder eines heranwachsenden Lebens in mir spürte. Ich war in der Situation nicht allein und die Zeit heilte, wie man so schön sagt, die Wunde.
Seit Manus Tod war Jonas völlig eingespannt. Seine Mittagspause hatte sich in eine Pflichtveranstaltung verwandelt. Jeden Tag aß er mit Walid in der Gaststätte und obwohl die Mahlzeiten der Stärkung und Erholung dienen sollten, verstand es Jonas’ Vater, ihm mit Arbeitsgesprächen den Appetit zu verderben. Su Amanda war an den Wochenenden eingeteilt. Anfangs fiel es ihr leicht, weil sie um ihre Fürsorge und Verantwortung wusste. Doch mit der Zeit wurde die Last, ständig da zu sein, immer drückender. Ihre freie schöpferische Seele blieb auf der Strecke. Die Anforderungen der Galerien zu erfüllen und als Künstlerin ihr Management straff durchzuziehen, wurden zur großen Herausforderung, der sie nicht mehr gewachsen war. Mit Jonas besprach sie daher ihre Entscheidung, in Deutschland ihre Zelte abzubrechen und zu einer bekannten Familie nach Frankreich überzusiedeln.
Sus Vorhaben versetzte ihren Vater in Angst und Schrecken. In weiser Voraussicht und zum Glück für die beiden Geschwister hatte Manu das Haus zur Hälfte Walid und zu je einem Viertel Su Amanda und Jonas vererbt. Das Eigentum der Kinder war so durch den Nießbrauch abgesichert. Su machte ihren Traum wahr. Sie blühte in ihrer neuen Heimat auf und verliebte sich in einen Weingutbesitzer. Mein Kontakt zu ihr war gerade in dieser Zeit eng und sehr vertraut. Unter der südlichen Sonne etwa eine Stunde von Marseille entfernt, konnte Su ihre Ideen und künstlerischen Fähigkeiten von Neuem entfalten. Liebe, davon bin ich auch heute noch überzeugt, war und ist der beste Boden für ein glückliches Sein, das eine große Tatkraft freisetzt. Harry hatte sich mit der Situation arrangiert und wohnte weiterhin in Su Amandas Haus. Er fand ebenfalls eine neue Lebensgefährtin, so dass wir als Außenstehende den Eindruck gewannen, dass alles in Ordnung sei.
Unser Leben konnte in ruhiger Bahn weiterfließen. Es war ein Segen, dass wir unser eigenes Zuhause hatten. So war es Jonas an den Wochenenden möglich, nach den arbeitsreichen Werktagen seinen Akku wieder aufzuladen. Wir waren jung und alles stand unter einem besonderen Stern.
Ein neuer Lebensabschnitt kündigte sich an. Unser kleiner Sonnenschein Ann Kathrin wurde eingeschult! Es war eine glückliche Fügung, dass es in unserer Stadt eine Waldorfschule gab. Die anthroposophische Lehre Rudolf Steiners war in Baden-Württemberg zuhause. Schon 1919 war die erste Einrichtung dieser Art in Stuttgart gegründet worden. Als wir Ann früh und gerade zweijährig in der Schule anmeldeten, wussten wir natürlich nicht, wie sie sich bis zur Einschulung entwickeln würde. Aber wie fast immer, hatte ich auch damals auf mein Bauchgefühl vertraut. Es war die richtige Entscheidung.
Es war ein Tag im September, genauso sonnig wie die Kinder, die sich in ihrem Gemüt voll Freude und Erwartung auf
