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Der Selbstmord seiner Mutter verfolgt Georg Schwarz sein Leben lang. Auch als Erwachsener kann er sich ihre Motive für die Tat nicht erklären und verzweifelt zunehmend an der immer gleichen Frage, die ihm niemand beantworten kann: Warum? Von Einsamkeit getrieben versinkt er im Alkoholismus, bis er eines Tages entscheidet, den Teufelskreis der Hilflosigkeit zu durchbrechen...
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Seitenzahl: 27
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Jederzeit, mein Freund
Kurzgeschichte von Marc Wulfers
© 2016 by Marc Wulfers
alle Rechte vorbehalten
Kontakt: [email protected]
Inhaltsverzeichnis
1: Der Wind
2: Love and hate
3: Exit
4: Ohne Schatten
5: Absprung
Georg Schwarz schaltete den Fernseher ab und starrte auf das Nachglühen der Bildröhre, das nach einigen Sekunden von der Dunkelheit verschluckt wurde. Die Bierdose stand direkt vor ihm auf dem Couchtisch und seine Hand fand sie sofort, auch wenn sich seine Augen noch nicht völlig an die neuen Lichtverhältnisse angepasst hatten. Er leerte sie in einem Zug und nahm sich vor, das Leergut am nächsten Tag fortzuschaffen. Zwei neue mit Bierdosen gefüllte Tüten hatten sich in der letzten Woche zu den anderen beiden gesellt, die schon seit einer halben Ewigkeit neben dem Mülleimer in seiner Küche standen. Nicht, dass es ihm etwas ausmachte, im Gegenteil: für einen angehenden Alkoholiker waren ein paar Euro Pfandgeld am Ende des Monats das Kapital, das das Mühlrad der Sucht in Schwung hielt.
Schwarz lachte trocken in den Raum und die Wände warfen ein kurzes blechernes Echo zurück. Mittlerweile hatten die Möbel und Gegenstände schattenhafte Konturen angenommen, die er zuordnen konnte: die Anbauwand, die Palme in der linken Ecke des Zimmer, der Schreibtisch zu seiner Rechten, auf dem der Computermonitor stand, der CD-Ständer. Er wandte den Kopf nach links, um aus dem Fenster zu sehen. Es war eine mondlose, wolkenverhangene Nacht. Regentropfen perlten an der Fensterscheibe hinab – er hatte den Regen überhaupt nicht mitbekommen. Aber andererseits konnte er sich auch kaum noch an den Inhalt des Filmes erinnern, den er gerade gesehen hatte. Irgendetwas über lesbische Teenager, die in einer amerikanischen Vorstadt um Anerkennung kämpften. Nun ja, wenigstens waren die Hauptdarstellerinnen recht hübsch gewesen…
Schwarz tauschte die leere Bierdose gegen das halb volle Päckchen Pall Mall und erhob sich vom Sofa. Er öffnete die Balkontür und trat in die kalte Herbstluft dieser Nacht hinaus. Weit unter ihm breiteten sich die Lichter der Stadt wie ein glitzernder Teppich aus. Er steckte sich eine Zigarette an und trat an die Brüstung, wo er die Arme aufstützte. Sonntagnacht, und der Wind flüsterte ihm ins Ohr und strich ihm mit kalten Fingern das Haar aus der Stirn. Schwere, regengeschwängerte Wolken trieben in einer endlosen Prozession über ihm nach Osten. Sie hingen so tief, dass Schwarz sich überlegte, wie es wäre, wenn er sich einfach auf die Brüstung schwang, sich abstieß und auf dieses graue Zuckerwattegebilde sprang, damit dieses ihn mit sich forttrug. Als er noch ein Kind gewesen war, hatte seine Mutter ihm erzählt, dass Engel auf Wolken schliefen und die Sterne ihren Schlaf behüteten. Natürlich stimmte das nicht, das wusste er heute – es war eben nur eine Geschichte gewesen, die man einem kleinen Jungen vor dem Einschlafen erzählen konnte – aber dennoch hatte er sie nie vergessen. Anders als die Stimme, die sie erzählt hatte. Oder ihr Gesicht. Irgendwo musste er noch ein Foto seiner Mutter haben, dessen war er sich sicher. Aber das spielte keine Rolle, weil er es nicht heraussuchen würde, um es zu betrachten. Wie würden ihn ihre Augen nach all den Jahren ansehen? Anklagend? Traurig? Flehend? Vergeblich, dachte er. Ja, vergeblich schien irgendwie das richtige Wort dafür zu sein.
Die Zigarette war verg
