Jekaterina - Anatoli Marienhof - E-Book

Jekaterina E-Book

Anatoli Marienhof

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Beschreibung

Ein Klassiker der russischen Literatur Der Aufstieg der deutschen Prinzessin Sophie, genannt Fieke, zur russischen Zarin Katharina II. zeugt von einmaligem Machtwillen. Die ehrgeizige junge Frau schreckt vor Intrigen und Ränkespielen nicht zurück. Vor dem geistigen Auge des Lesers entfaltet sich die untergegangene Adelswelt des 18. Jahrhunderts in lebendigen Bildern.

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EPUB

Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Anatoli Marienhof

Jekaterina

Aus dem Russischen von Birgit Veit

Ihr Verlagsname

Nachwort von Olga Martynova

Über dieses Buch

Ein Klassiker der russischen Literatur

Der Aufstieg der deutschen Prinzessin Sophie, genannt Fieke, zur russischen Zarin Katharina II. zeugt von einmaligem Machtwillen. Die ehrgeizige junge Frau schreckt vor Intrigen und Ränkespielen nicht zurück. Vor dem geistigen Auge des Lesers entfaltet sich die untergegangene Adelswelt des 18. Jahrhunderts in lebendigen Bildern.

Über Anatoli Marienhof

Anatoli Borisowitsch Marienhof (1897–1962) wurde in Nischni Nowgorod geboren. Neben Sergej Jessenin zählt er zu den wichtigsten Vertretern der literarischen Avantgarde der zwanziger Jahre. Unter Stalin waren Marienhofs Romane verboten, sodass der Autor lange Zeit in Vergessenheit geriet. Erst in den neunziger Jahren wurde er wieder entdeckt.

Inhaltsübersicht

Sämtliche Daten im ...Die Arbeit der ...Wenn die spanischen ...Erstes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelZweites Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. KapitelDrittes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. KapitelViertes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. KapitelFünftes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. KapitelSechstes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelSiebentes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. KapitelAchtes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. KapitelNeuntes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelZehntes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. KapitelElftes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. KapitelZwölftes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. KapitelDreizehntes Kapitel1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. KapitelNachwort von Olga MartynovaHinweis

Sämtliche Daten im Roman beziehen sich auf den julianischen Kalender, der in Russland bis 1918 verwendet wurde.

Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Roman wurde vom Deutschen Übersetzerfonds e.V. gefördert.

Wenn die spanischen Generale Geld von ihrem Herrn benötigten, machten sie beträchtliche Summen locker, indem sie ihren Schnurrbart verpfändeten.

 

Marat

Erstes Kapitel

1

Am einundzwanzigsten April 1729 wurde in der Stadt Stettin dem Generalmajor in preußischen Diensten, wohnhaft im Eckhaus Nr. 791 in der Domstraße, eine Tochter geboren.

Für das Eckhaus war es ein Ereignis. Aus Anlass der Geburt des Mädchens wurden im achten, vom Generalmajor befehligten Infanterieregiment mehrere Schüsse aus der Kanone abgefeuert.

Man kann nicht sagen, der neununddreißigjährige Vater sei sonderlich glücklich gewesen. Welcher Soldat, der etwas auf sich hält, will schon eine Tochter?

Die Geburt war schwer gewesen, und es hatte nicht geringe Hebammenkünste erfordert, bis das Mädchen endlich das Licht der Welt erblickte.

Als man dem Vater das Neugeborene brachte, inspizierte er das Mädchen mit angedrillter Gewissenhaftigkeit, schloss es aber nicht in seine Arme.

Der Generalmajor hatte schöne kugelrunde Pferdeaugen. Um die Ähnlichkeit mit den Augen des edlen Tieres voll zu machen, hätte es nur noch der Nachdenklichkeit eines Pferdes bedurft.

Nachdem der Generalmajor seine Tochter inspiziert hatte, sagte er mit schneidender, nicht auf Zimmerlautstärke eingestellter Stimme: «Wegschaffen.»

Es klang, als gebe er seinem Infanterieregiment bei einer Truppenübung auf dem Schießplatz einen Befehl.

Allein gelassen trat der Vater mit ausgreifendem Soldatenschritt zur Tür und sperrte sie mit dem Schlüssel ab, als wolle er vor Scham wegrennen. Sein Kind hatte einen dünnen, geröteten Leib, einen unverhältnismäßig großen, kahlen Kopf mit hoher Stirn, tränende Augen mit entzündeten Lidern, knorrige Hände und entzückende Mandelfingernägel. Letztere hatte jedoch nur die halb bewusstlose Mutter bemerkt. Alles andere hatte sie übersehen.

Der General wurde zunehmend finsterer. Er marschierte im Zimmer auf und ab. Gedanken schienen ihn zu bewegen. Doch wie jemandem, der nicht gewohnt ist zu denken, ging ihm immer ein und dieselbe, sein Kind beleidigende Floskel durch den Kopf. Dann ließ sich der General in den Sessel nieder, die fleischigen Wangen auf die Fäuste gestützt. Sein Doppelkinn hing herunter.

Immer noch ließ die Floskel sein Hirn anschwellen. Der General spürte förmlich, wie eng es den Gedanken im Schädelkasten wurde. Es kam ihm vor, als zögen sich die Stirnknochen schmerzhaft auseinander, als zögen sie sich auseinander durch Gedanken, die es doch gar nicht gab. Der General verstand nicht zu denken; dabei hätte es nicht geschadet, einmal nachzudenken. Nun, beispielsweise über seine während des niederländischen Feldzugs davongetragenen Siege über die Wirtshausmägde. Und die Mädchen von der Insel Rügen? Und die Soldatenfrauen in Pommern? Und der Spanische Erbfolgekrieg? Verdammt hübsche Teufelsweiber waren da hinter der Armee hergezogen.

Aber der General hatte ein schlechtes Gedächtnis.

***

Ein paar Jahre später, als er bereits Generalleutnant war, sollte ihm der Himmel einen Stammhalter schenken (o Gott, wie ungenau wir uns doch ausdrücken!). Der Junge kam mit einem verdörrten Bein auf die Welt. Sein Spielkamerad war eine Krücke.

Die zweite und die dritte Tochter des Generals sollte es nicht auf dieser Erde halten. Und im zweiundfünfzigsten Lebensjahr führte ein Schlaganfall zur Lähmung der linken Körperhälfte des Familienoberhaupts.

In den Adern des Fürsten Christian August von Anhalt-Zerbst, der als Generalmajor in preußischen Diensten stand, floss offenbar schmutziges Blut.

2

Die verwitwete Herzogin von Braunschweig-Wolfenbüttel war mit Prinzessin Johanna Elisabeth von Holstein-Gottorp verwandt, sie war deren Patentante, mehr noch: deren Wohltäterin. Als sie nun beschlossen hatte, Fürst Christian August von Anhalt-Zerbst, der als Generalmajor in preußischen Diensten stand, sei ein herrlicher Mann für die hübsche Prinzessin, blieb dieser nichts anderes übrig, als einzuwilligen.

Die Hochzeitsfeier fand im Lustschloss derer von Braunschweig-Wolfenbüttel statt. Die Herzogin gab ihrem Zögling eine Mitgift. Der Altersunterschied zwischen den Brautleuten lag etwas unter einem Vierteljahrhundert.

Bis zum Tode des über Anhalt-Zerbst regierenden Fürsten ließen sich die Vermählten in Stettin nieder, im Eckhaus der Domstraße, das Herrn Aschersleben, dem Vorsitzenden der örtlichen Handelskammer, gehörte.

Fünfzehn Jahre lang mussten unsere Eheleute auf den Tod des regierenden Fürsten warten. Im Jahre 1742 konnten sie endlich erleichtert aufatmen: Die Seele ihres Cousins, des Fürsten, hatte ihre Heimreise angetreten. Die Regentschaft über das Fürstentum fiel an Christian August und seinen älteren Bruder. Was die Ausdehnung der Ländereien des Hauses Anhalt-Zerbst betraf, so hätte ein nicht besonders hoch stehender Gutsbesitzer von Pensa kaum Grund zu Neid gehabt.

Die Familie zog von Stettin nach Zerbst. Doch auch dieses Vergnügen wurde dadurch vergällt, dass sie mit zahlreichen Verwandten in einem Haus zusammenleben musste. Aber wir wollen nicht vorgreifen.

3

Die neunzehnjährige Amme, die Frau des Trommlers, nahm mit antiker Schamlosigkeit ihre ballförmige, rosige Brust heraus und stopfte die Brustwarze wie einen Korken in den kleinen brüllenden Schlund.

Der General lächelte. Seine Freude war echt, und sein Lächeln ähnelte dem Schwanzwedeln eines Hundes. Wie dieser hätte der General seiner Stimmung nicht mit Worten Ausdruck verleihen können.

«Also», begann er, «ihren Tanten zu Ehren soll sie Sophie Friederike Auguste heißen.»

Über die Lippen des Kindes rann Milch, floss das rosige Kinn hinab und betröpfelte die Klöppelspitzen, die den geröteten Körper umschäumten.

«Lass sie uns Fieke nennen. Das ist doch ein großartiger Name, oder?»

«Ja, ein großartiger Name», wiederholte die auf dem Laken ausgestreckte Mutter.

Die Wöchnerin war so mager, dass es aussah, als sei die Decke nur unordentlich über das Bett gebreitet: Ihr Leib ließ keine Wölbung entstehen.

Die großen blauen Augen blickten auf ihren Mann und begriffen nicht, worüber er sich freute. «Andererseits», dachte die Wöchnerin, «hat er wahrlich Grund zur Freude, bei den fleischigen Wangen und dem Doppelkinn, das er hat.»

«Warum hat Fieke denn verweinte Augen? Hat sie vielleicht Bauchweh?», fragte der Vater.

Statt einer Antwort strich sich die zierliche Frau über die Schläfen: Der General war nicht imstande, leise, in Zimmerlautstärke zu reden.

«Ihre Augen tränen», antwortete die Amme.

«Unsinn, Fiekes Augen sind großartig! Sie funkeln wie die Knöpfe an der Uniform», sagte der General und lächelte.

Die selige Elternblindheit zeigte bei ihm etwas verspätet ihre segensreiche Wirkung.

Johanna Elisabeth dagegen hatte sogar schon wieder vergessen, dass ihre Tochter ungewöhnlich schöne Mandelfingernägel hatte. Die junge Frau war mit sich selbst beschäftigt.

«Bringt mir den Handspiegel», bat sie ihren Mann. Der General sah nach und fand ihn nicht. Als er das Gebetbuch vom Sessel auf den Tisch legte, fiel der Spiegel heraus, zerbrach aber nicht. Der General richtete sich wieder auf, er war gottesfürchtig. Ein rotes Netz spannte sich über die Äpfel seiner kugelrunden Augen, denen die Verträumtheit der Pferde fehlte. Offenbar war ihm das Blut zu Kopfe gestiegen. Der General strich sich ein paarmal mit der flachen Hand über das glatt gekämmte und hinten à la Friedrich Wilhelm zu einem Knoten zusammengebundene Haar.

«Wie kommt Ihr Spiegel in das Gebetbuch?», fragte er seine Frau mit gereizter Stimme.

Die Kranke lag mit niedergeschlagenen Lidern da. Ihr gefiel es, dass sie diesen preußischen Diener mit den fleischigen Wangen aus der Ruhe bringen und erzürnen konnte.

«Wie kommt Ihr Spiegel in das Gebetbuch?»

Die Frau schwieg.

Zum Glück hatte der General die Ritterakademie von Berlin besucht. Und den Orden für Großherzigkeit hatte er nicht dafür bekommen, dass er Frauen prügelte, sondern dafür, dass er auf Leute schoss, sie niedersäbelte und den Befehl gab, sie mit dem Bajonett zu erstechen.

4

Christian August wurde Kommandant von Stettin. Aus dem Eckhaus von Herrn Aschersleben zog die Familie um in ein Schloss alten Stils. Ein Kommandant hatte das Recht auf eine Dienstwohnung.

Einst hatten die pommerschen Herzöge das Schloss bewohnt. Die geraden Türme standen stramm wie preußische Grenadiere. Der Turm des Südflügels aber verdrehte die Augen, dass man es mit der Angst zu tun bekam. Das Zifferblatt der Turmuhr hatte die Form eines Gesichts. Wenn die Uhr schlug, bewegten sich die toten Augen. Ein steinerner preußischer Soldat hielt eine Zahl in den Zähnen, die den Monat anzeigte.

Die kleine Fieke brachte man in dem Gewölbezimmer neben dem Glockenturm unter, während die zartbesaitete Mutter es vorzog, sich im gegenüberliegenden Gebäudeflügel niederzulassen.

Johanna Elisabeth hatte eine Menge Ärger. Aus Paris hatte man ihr Puppen geschickt, die nach der allerneuesten Mode gekleidet waren. Doch ihr Mann war ein Geizhals, und die Schneiderinnen von Stettin taugten allesamt nichts. Außerdem schätzte der König von Preußen die Kreationen aus Frankreich nicht. Der Barbar protestierte gegen die Reifen aus Rohr, Stahl oder Fischbein, die einen Durchmesser von bis zu vier Arschin erreichten und unter den Röcken getragen wurden; genauso wie er gegen die Windmühlenflügel und die Schiffstakelage protestierte, mit denen die Modepüppchen ihre Frisuren dekorierten. Friedrich Wilhelm wünschte sich die deutschen Damen weniger schön gekleidet.

Wie sollte die hübsche Gemahlin des Kommandanten da nicht den Kopf verlieren? Und die junge Mutter, die ihre gesellschaftliche Erziehung in Braunschweig genossen hatte, versohlte Fieke, auch wenn diese das nicht unbedingt verdient hatte.

Fieke wurde Madeleine Cardel anvertraut. Als echte Französin brachte sie ihrem Zögling vor allem das Lächeln bei.

Vor dem Vater, der Mutter, den preußischen Offizieren und den Stettiner Damen hatte sich das Kind lächelnd zu zeigen. Personen aus dem Hochadel küsste Fieke den Rock.

Dem Sandhaufen auf dem Marktplatz an der düsteren Kirche mit dem goldenen Kreuz konnte Fieke entschieden mehr abgewinnen als dem Schloss der pommerschen Herzöge, mehr noch als ihrem Gewölbezimmer mit den Fenstern zum Hof.

Aus dem feuchten Sand buk Fieke Brote für eine aus Holzspänen gefertigte Riesenbäckerei. Sie hatte fünf Bäckergehilfen: die Tochter des Tuchwebers, die Tochter des Barbiers und drei Uhrmachertöchter; der Sohn des Apothekers war Chef der Bäckerei.

Als Magdeleine Cardel einen Rechtsanwalt heiratete, bekam Fieke eine neue Gouvernante: die dicke Babet, Magdeleines Schwester.

Die rotlippige, vor Gesundheit strotzende Dicke ekelte sich anfangs vor dem Kind, denn die kleine Fieke war fast ständig mit skrofulösem Schorf bedeckt. Wenn sich am Kopf Beulen bildeten, wurde das Kind kahl geschoren; Wildlederhandschuhe verbargen die Beulen an den Händen. Dieses kahle gepuderte Köpfchen mit der Haube, diese spindeldürren Ärmchen in den Wildlederhandschuhen erregten später bei der dicken Babet keinen Ekel mehr, sondern ein warmes, ein wenig in der Nase kitzelndes Mitleid. Wie oft hatte sie nasse Augen, wenn sie diesem elenden Würmchen aus der französischen Fibel vorlas!

5

Der Tanzlehrer kam jeden zweiten Tag zu Fieke.

«Eins, zwei, drei!»

Und mit traurigen Augen kletterte das Mädchen auf den Tisch.

«Eins, zwei, drei!», schnipste der im Sessel sitzende dünnbeinige Mann in weißen Seidenstrümpfen mit den Fingern. «Eins, zwei, drei!»

Die Ärmchen mit den Handschuhen zuckten wie Vögelchen.

«Eins, zwei, drei!», schnipste der dünnbeinige Mann in den Seidenstrümpfen weiter. «Eins, zwei, drei!»

Das erschöpfte Mädchen lächelte.

Eins, zwei, drei … eins, zwei, drei … eins, zwei, drei … Eine Stunde und länger brachte es das dünne Kind mit dem gepuderten kahlen Kopf fertig, auf dem Tisch Hopser und Drehungen auszuführen.

***

Deutschunterricht gab Fieke Herr Wagner, ein ausgezeichneter Preuße. Der sparsame König Friedrich Wilhelm stellte seinesgleichen als Vorbild hin. Vor dem Unterricht band sich Herr Wagner eine Schürze um und zog Leinenschoner über seine Ärmel. Reich wurde er dadurch trotzdem nicht. Und Christian August konnte ja nicht ahnen, dass ein guter Preuße ein schlechter Pädagoge sein kann.

***

Geschichte, Geographie und Religion unterrichtete der ansässige Pastor.

«Was war vor der Erschaffung der Welt?», fragte das Mädchen den ehrwürdigen Gottesdiener.

«Das Chaos.»

«Und was ist das?»

«Das wird Euch die Rute erklären», antwortete der erfinderische Religionslehrer. Und schlagartig begriff das Mädchen alles.

6

Im unteren Stock des pommerschen Schlosses wohnte der kluge alte Herr Bolhagen. Er war ein Freund und Gehilfe des Stadtkommandanten. Herr Bolhagen dachte manchmal für Christian August nach, und der Fürst teilte seine Gedanken Herrn Bolhagen mit. Auch Armut kann großzügig sein.

Es ist eine altbekannte Tatsache, dass untreue Frauen den treuen Freunden ihrer Männer keine große Sympathie entgegenbringen. Johanna Elisabeth dachte gar nicht daran, das zu kaschieren.

«Was gehen diesen muffigen Greis eigentlich ihre Röcke an! So, so, Herr Bolhagen versichert, unter ihrem Rock habe bequem ein runder Tisch mit zwanzig Zechbrüdern Platz? Aber sie hat nun wirklich nicht die geringste Lust, die dort unterzubringen, diese siebzigjährigen Gichtkranken, die mit Herrn Bolhagen befreundet sind.»

Am vergangenen Sonntag hatte die junge Frau doch tatsächlich selbst gehört, wie der alte Teufel zu ihrem Mann sagte: «Ihre Gattin kommt immer nur auf der Durchreise nach Stettin.»

«Also nein, da muss einem doch der Kragen platzen!»

Auf dem Festungswall bebten die Linden wie Mädchen. Der Nebel über der Oder, an deren schlammigen Ufern die Stadt lag, lichtete sich.

Johanna Elisabeth ließ nie jemanden zu Wort kommen. «Schließlich ist sie nicht die Tochter irgendeines Barbiers. Sie sonnt sich im Glanz zweier Kronen des Nordens. Das Oberhaupt ihres Hauses ist ein Neffe Karls XII., des Königs von Schweden, und Gemahl einer Tochter Peters des Großen. Ihr Bruder war der Bräutigam einer Tochter des russischen Kaisers. In Berlin, Hamburg, Quedlinburg, Eutin und Braunschweig hat sie zahllose Verwandte und Freunde.»

«Und Liebhaber», fügte der alte Bolhagen in Gedanken hinzu, während Fieke auf seinem Schoß schaukelte. Er hätte zu gerne gewusst, was dem Kind so durch den Kopf ging. Der Alte linste mit dem linken Auge nach dem Mädchen, sah aber nur das Lächeln, das wirkte, als sei es an ihrem Gesicht festgeklebt.

«Jawohl! Jawohl! Jawohl!» Johanna Elisabeth hatte die Angewohnheit, ihre Brüste festzuhalten, wenn sie aufgeregt war.

«Das ist vernünftig», dachte der Freund ihres Mannes, «die Mode der letzten Jahre leistet der Frivolität Vorschub; der Ausschnitt der Korsage rutscht jeden Monat tiefer nach unten: Bald werden uns die Frauen ihren Bauch zeigen.»

«Jawohl! Jawohl! Jawohl!» Die junge Frau war so in Wut geraten, dass sie kurz die Hand sinken ließ. Das war nun allerdings unvernünftig.

Der Alte wandte die Augen ab.

«In Hamburg, Quedlinburg, Eutin, Berlin und Braunschweig hat sie zahllose Verwandte und Freunde, das ist Herrn Bolhagen bestens bekannt. Denen kann sie doch nicht den Verzicht auf ihre Gesellschaft zumuten!»

Der Alte hätte gern gesagt: «Und Mann und Kindern? Denen, gnädige Frau, könnt Ihr den Verzicht auf Eure Gesellschaft zumuten?»

Aber Johanna Elisabeth hatte noch nicht einmal die Hälfte ihrer Argumente ausgebreitet. «So hat zum Beispiel die Großmutter des Herzogs Karl einen Narren an ihr gefressen. Was für eine ungewöhnliche Alte! Eine ihrer Töchter ist mit Kaiser Karl VI. verheiratet, eine andere war die Frau des russischen Herrschers, die dritte die eines Herzogs. Mehr als die Hälfte der Könige, Königinnen, Kaiser und Kaiserinnen Europas werden bald zu ihren Enkeln gehören. Schon allein dieser ehrwürdigen Person wegen sollte man so oft wie möglich in Braunschweig zu Gast sein.»

Der Alte sagte: «Braunschweig ist eine gute Stadt. Hans Jürgen, der Erfinder des Spinnrads, kam dort zur Welt.»

«Nein, der Herr Bolhagen, dieser verschrumpelte Pilz, der macht sich richtig lustig über mich», befand die junge Frau.

Sie musste wieder ihre Brüste festhalten. «Herr Bolhagen hat ganz zu Unrecht eine so geringe Meinung von Braunschweig. Der Hof des Herzogs ist dem preußischen Hof in allem überlegen. Welche Größe! Welche Pracht! Bälle, Opern, Konzerte, Jagdgesellschaften und Spazierfahrten. Niemand schlägt da die Augen zum Himmel auf, wenn er Reifröcke sieht. Ist Herrn Bolhagen eigentlich bekannt, dass man in Braunschweig unzählige Kavaliere antreffen kann, die ihre Frackschöße mit Fischbein unterlegen? Was für eine Ähnlichkeit mit der Frauenmode! Was würde wohl König Friedrich Wilhelm sagen, wenn er einen Mann in Krinoline an seinem Thron sähe? Dabei ist das doch so elegant!»

Christian August fuhr sich mit der Hand durch die Haare. «Hat meine Frau nicht ein zu vorlautes Mundwerk: Sie schwatzt und schwatzt und schwatzt.» Als Johanna seine Braut war, hatte der General zu ihr gesagt: «Sie zwitschern so.»

«Außerdem vergisst Herr Bolhagen, dass ich Mutter bin.»

Der kluge Alte grinste höhnisch: «Sieh einer an, er vergisst, dass sie Mutter ist.»

Johanna Elisabeth zupfte das auf dem geschorenen Kopf ihrer Tochter sitzende Häubchen zurecht.

«Schneller als gedacht wird Fieke schon ein junges Mädchen sein. Oder denken Sie etwa, meine Herren, ich will sie dem Apothekerssohn zur Frau geben?»

Fiekes Zunge wurde trocken, ihre Wangen färbten sich puterrot.

Auf dem Festungswall bebten die Linden.

7

Nachdem Mademoiselle Babet Fieke zu Bett gebracht hatte, ging sie ihre Notdurft verrichten. Kaum war das Mädchen allein im Zimmer, da setzte es sich rittlings auf das Kissen und galoppierte durch das Bett. Sie galoppierte bis zur Erschöpfung. Bei ihrer Rückkehr fand die Gouvernante sie ruhig lächelnd vor.

Babet blies das Licht aus.

Fieke nahm die beulenbedeckten Finger zu Hilfe und begann zu zählen: «Die Erste: Frau von Kaiser Karl, die Zweite: Frau des russischen Königs, die Dritte …»

Die ganze Nacht sah das skrofulöse Mädchen im Traum Kronen über Kronen.

8

Auf Fiekes Schoß lag ein großes französisches Buch in rotem Einband. «Fieke muss viele Fabeln von La Fontaine auswendig können, ganz viele. Sie ist noch ein Dummerchen, sie muss klug und gebildet werden, damit sie einer der Prinzen aus den Nachbarländern zur Frau nimmt.» So redeten alle: die Mutter, Mademoiselle Babet, der Herr Pastor.

Vor drei Tagen hatten sie Fieke ihre Puppen weggenommen. Sie weinte nicht. In Zukunft würde sie eben mit dem Taschentuch spielen.

Babet sah aus dem Fenster.

Wie trist doch die Novemberdämmerung in Stettin ist! Und wo ist sie nicht trist? Doch, doch, in Stettin ist sie besonders trist! In Stettin ist sie farblos und hat keinen Anfang und kein Ende. So kommt es einem jedenfalls vor.

Der Wind heulte.

«Am abscheulichsten ist es», dachte Fieke, «wenn der Wind heult. Oder eine Geige oder ein Hund. Es gibt Leute, die mögen Geige oder Orgel, aber wenn ein Hund heult, werden sie böse.» Fieke verstand das nicht. «Das ist doch eins.»

Babet sagte: «Und jetzt wollen wir das Abendgebet aufsagen.»

Das Mädchen kniete nieder. Aber sie konnte das Gebet nicht sprechen. Ein Hustenanfall hinderte sie am Atmen. Fieke musste auf den Arm genommen und ins Bett getragen werden.

Am Morgen betrat der Arzt sachten Schrittes das Zimmer. Er trug einen roten Regenmantel, Schuhe mit stumpfen Spitzen und einen Degen. Aber eine ordentliche Vorstellung von den medizinischen Wissenschaften hatte er nicht.

9

Die Krankheit, die mit Hustenauswurf, Stechen in der linken Seite und hohem Fieber begonnen hatte, hinterließ bei dem Kind unglücklicherweise eine Verkrümmung der Wirbelsäule.

Der Arzt mit dem roten Regenmantel ging sachten Schrittes ein und aus, doch ihr kleiner, hagerer Körper behielt die Form einer Zickzacklinie: Eine Schulter ragte über die andere, unter der kurzen unteren Rippe hatte sich eine Mulde gebildet, die rechte Hüfte hing herunter, der dünne Hals war abgeknickt wie ein Stängel und steif.

Die kugelrunden Augen von Christian August bekamen die Nachdenklichkeit der Pferde.

Johanna hörte auf, von den Maskenbällen in Braunschweig zu erzählen.

Lautlos rutschte der kleine Junge mit dem verdörrten Bein durchs Zimmer.

Der kluge alte Herr Bolhagen sagte: «Man muss den Henker holen. Er ist in Stettin der Einzige, der weiß, wie eine solche Krankheit zu heilen ist.»

Die junge Frau traute sich nicht zu widersprechen. Sie führte nur aus: «Natürlich möchte sie den Henker nicht ans Bett ihrer Tochter rufen, aber da in Stettin nun einmal keiner weiß, was man gegen die schreckliche Krankheit unternehmen kann, muss man wohl nach ihm schicken.»

Am nächsten Tag betrat statt des Arztes im roten Regenmantel der Henker das Zimmer.

Seine Haare verdeckten die Backen wie Schlappohren. Der Mund war trocken wie der eines Pastors. Die Augenlider hingen herunter. Unter dem Kaftan halbmilitärischen Zuschnitts war ein blütenweißes Hemd zu sehen.

Der Henker bat alle, das Zimmer zu verlassen.

Die Untersuchung der Kranken dauerte eine Stunde und fünfzehn Minuten.

Der Henker hatte lange, dünne, kalte Finger. Sie wirkten, als seien sie aus Gefängnisgitterstäben gemacht. Als er Fieke damit berührte, bekam das Mädchen eine Gänsehaut.

«Kommt Ihr aus Berlin?», fragte Fieke, die den Henker für einen berühmten Doktor hielt.

«Ja, mein Kind.»

«Und warum habt Ihr keinen Degen?»

Der Henker wusste nicht, was er antworten sollte.

Endlich durften der Vater, die Mutter und Herr Bolhagen das Zimmer wieder betreten.

Der Henker sagte: «Ich schicke ein Mädchen ins Schloss. Sie wird jeden Morgen in nüchternem Zustand mit ihrem Speichel die kranken Körperteile einreiben.»

Fieke brach in Tränen aus.

Der Henker strich ihr mit seinen kalten, langen Fingern über den Kopf.

«Außerdem fertige ich für Euer Kind ein besonderes Korsett an, das sie weder tags noch nachts ablegen soll. Ich komme jeden zweiten Tag. Das Mädchen wird wieder gerade gehen.»

Der Henker ging.

Johanna Elisabeth entriss sich ein Seufzer der Erleichterung.

Christian August sah seinen weisen alten Freund mit glücklichen Augen an.

«Herr Bolhagen, habt Ihr gehört, was er gesagt hat?»

«Ja, Herr.»

«Er ist sich sicher, dass Fieke wieder gerade gehen wird.»

«Ja, er ist sich sicher.»

***

Der Henker kam, wie versprochen, ins Schloss.

Nach anderthalb Jahren zeichnete sich eine Besserung ab.

Der Speichel der Jungfrau hatte geholfen.

10

Im Schlosshof ließ ein langbeiniger Offizier, dessen Tressen funkelten, seine Soldaten in roter Hose und blauem Waffenrock zur Wache antreten.

Der kleine Junge mit dem verdörrten Bein presste sich an die Fensterscheibe. Seine Knubbelnase war platt gewalzt wie ein Pfannkuchen.

«Rrrrechtsum! Llllinksum!», rief der hinkende Junge, der sich vorkam wie der langbeinige Offizier in den funkelnden Tressen.

«Geh in dein Zimmer. Du störst mich», sagte das krumme Mädchen streng. Sie lernte gerade einen Psalm auswendig.

«HErr, schaffe mir Recht, denn ich bin unschuldig! Ich hoffe auf den HErrn, darum werde ich nicht fallen. Prüfe mich, HErr, und versuche mich; läutere meine Nieren und mein Herz.» So begann der fünfundzwanzigste Psalm Davids. Vierundzwanzig Psalmen hatte Fieke schon hinter sich. Insgesamt sind es hundertfünfzig.

«Zukünftige Königinnen haben es schwer. Sie müssen sehr gelehrt sein», dachte Fieke, «sie müssen die hundertfünfzig Psalmen Davids aufsagen und Französisch und Deutsch lesen und schreiben können. Gut, dass sich der Pastor in Geschichte und Geographie nicht besonders gut auskennt. Sonst müssten sie auch diese Wissenschaften beherrschen. Was zukünftige Königinnen allerdings mit Herrn La Fontaines Fabeln anfangen sollen, ist nun wirklich nicht einzusehen. Anders das Tanzen. Königinnen richten Maskeraden und Bälle aus.»

Fieke bat Johanna Elisabeth, sie möchte den Lehrer in den weißen Seidenstrümpfen wieder kommen lassen.

«Mama, das hier ist ein ganz bequemes Eisenkorsett. Doch, wirklich, es stört mich überhaupt nicht.»

Wenn Babet nicht im Zimmer war, übte das krumme Mädchen ein paar Quadrille-Schritte. Das tat sehr weh. Fieke rannen die Tränen über die Wangen. Sie weinte und tanzte, weinte und tanzte. Da ist nichts zu machen, wenn du eine Krone tragen willst, musst du weinen und tanzen, weinen und tanzen.

Fieke wollte unbedingt aus dem Fenster sehen. «Vielleicht kommt Herr Bolhagen durchs Tor.» Aber sie konnte den Hals nicht drehen. Der Henker hatte das schwarze Band darum zu stramm gewickelt.

«Vielleicht bringt Herr Bolhagen wieder eine Zeitung und liest daraus vor. Gestern war das ja so interessant.»

Gestern hatte Herr Bolhagen von der Hochzeit der Prinzessin Auguste von Sachsen-Gotha mit dem Prinzen von Wales, dem Sohn des Königs von England, vorgelesen.

Der kluge Alte hatte sich an Babet gewandt und gesagt: «Diese Prinzessin Auguste ist Fiekes Cousine zweiten Grades. Aber glaubt mir, sie ist sehr viel schlechter erzogen als unser Mädchen.»

Und er strich Fieke über den geschorenen Kopf und meinte: «Hier sie, sie müsste eine Krone tragen.»

Zweites Kapitel

1

Herzog Karl Friedrich von Holstein-Gottorp war klein von Wuchs, hatte eine staubige Haut und ein Affengesicht.

Zarewna Anna dagegen, die älteste Tochter Peters des Großen, war nach Wuchs, Knochenbau und Fleisch stattlich zu nennen. Das galt auch für ihr Gesicht. Durch den Schnitt ihrer mongolisch geschlitzten Augen und die hufeisenförmigen Brauen, die wirkten, als seien sie vor Verwunderung hochgezogen, unterschied sie sich wohltuend von den zahlreichen rosig weißen Petersburger Schönheiten.

Die Verlobung des Affenherzogs mit seiner Tochter Anna richtete Peter aus.

Sogar ein Elefant erschien beim Herzog mit Glückwünschen. Den vierbeinigen Zarenhöfling, der mit seinem kostbaren Geschirr klimperte und mit äußerst wertvollen Decken behängt war, begleiteten sieben Gardesoldaten.

Peter erlebte die Hochzeit des Herzogs mit seiner Tochter Anna nicht mehr. Sie wurde bald nach dem großen Heulen und Wehklagen gefeiert, unter Katharina I.

Den Hochzeitszug zum Affenbräutigam führte der Hofquartiermeister auf einem Schimmel an. Ihm folgten in großem Abstand zwölf junge Brautführer in Zweierreihen auf trefflichen türkischen und persischen Rennpferden. Dahinter schritten ein Paukenschläger und vier Trompeter. Dann kamen noch zwei mal zwei Brautführer. Ihnen folgte in einer von sechs Goldfüchsen gezogenen Festkutsche der Hochzeitsmarschall Oberprokurator Graf Jagushinski; in der rechten Hand hielt er einen eckigen Stab aus massivem Silber, auf dem der Staatsadler mit Krone thronte. Hinter dem Oberprokurator kamen, wieder auf Rennpferden und in Zweierreihen, vier würdige Obristen als Oberbrautführer. Es folgte in einer von sechs Tigerpferden gezogenen, noch prunkvolleren Kutsche Fürst Menschikow persönlich mit dem Obermarschallstab, auf dem der in Brillanten glitzernde kaiserliche Adler thronte. Vier hoch zu Ross sitzende Oberbrautführer im Rang von Generalmajoren beschlossen den Hochzeitszug.

Und niemand wird ihm nachgerufen haben: Welch große Dummheit, welch geballte Finsternis. Eine Finsternis, die vor Gold, Silber und Brillanten glänzte.

Bald nach der Hochzeit gab es wieder großes Heulen. Beide Töchter von Peter stimmten einen Klagegesang an. Elisabeth bedauerte ihre Schwester, Anna sich selbst. Sie hatten auch allen Grund zum Kummer: Fürst Menschikow, der Oberhofmarschall der prunkvollen Hochzeit, verjagte Peters Tochter und ihren Mann aus Petersburg, aus Russland. Jawohl, er jagte sie fort, weil sie störten, ihm im Weg standen. Denn Fürst Menschikow wollte hoch hinaus.

2

Das Brautpaar fuhr im Triumph nach Holstein. Damit es ihnen nicht zu langweilig wurde, veranstalteten sie in der Hauptstadt Kiel Feuerwerke, Bälle und Maskeraden.

Und während dieser Feuerwerke wurde die Herzogin schwanger.

Die Hofdame Mawrutka Schepeljowa schrieb der Zarentochter Elisabeth Folgendes aus Kiel nach Petersburg: Eure Schwester bereitet alles vor, namentlich Häubchen und Windeln, und Euer künftiger Neffe strampelt schon jeden Tag in ihrem Bauch.

Über das Wetter meldete die Hofdame: In Kiel gibt es mächtige Regen und Winde.

Und sie unterschrieb folgendermaßen: Eure Dienerin und Tochter, Sklavin und Base.

***

Am zehnten Februar 1728 brachte die Herzogin einen Sohn zur Welt. Die Stadt Kiel und Umgebung erfuhren davon durch eine Kanonensalve, Glockengeläut, schmetternde Trompeten und Paukenschläge.

Der Neugeborene bekam den Namen Karl Peter Ulrich. Er war ein direkter Enkel Peters des Großen und über seine Großmutter ein Großneffe Karls XII.

«Der Kleine kann sich eine Krone aussuchen», sagte sein Vater. «Wenn er will, nimmt er die russische, wenn nicht, die schwedische.»

Wieder gab es Feuerwerke, Maskeraden und Bälle. Und danach, ohne Übergang, schwarze Tücher, schwarze Flore und schwarze Siegellackstempel: Die junge Herzogin Anna Petrowna war gestorben.

Das menschliche Gedächtnis ist überaus weise. Es neigt nicht dazu, großen Kummer lange in seinen unsichtbaren Kellern aufzubewahren. Aber die Menschen wollen um jeden Preis unglücklich sein. Sie schlagen ihr Glück leicht aus und stürzen sich in die Verzweiflung, deren Verlust sie fürchten. Seelische Wunden würden überraschend schnell verheilen, wenn wir sie nicht eifrig immer wieder aufrissen.

Holstein legte schwarze Röcke, Kleider, Mäntel und Hüte an, diese Gewänder menschlicher Dummheit. Im Oktober kamen russische Schiffe, um den Leichnam von Peters Tochter zu holen.

Anna Petrowna war wohl an der Schwindsucht gestorben.

Kaiserin Anna Iwanowna pflegte sich nach der Gesundheit von Peters Enkel mit den Worten zu erkundigen: «Ja, ist denn dieses Teufelchen aus Holstein immer noch nicht eingegangen?» Und das Teufelchen erbrach Galle; studierte unter Kopfschmerzen, die seinen kleinen Schädel zu sprengen drohten, die Geschichte Schwedens; drehte und wand sich bei der Quadrille; stand stundenlang Gewehr bei Fuß und dachte nicht daran, einzugehen.

«Wenn ich König von Schweden bin», so tröstete sich der kleine Teufel, «lasse ich Herrn Brümmer am Schwanz eines Pferdes festbinden.»

***

Der Herzog von Holstein gab Bälle in Sälen, die von Kerzenstummeln erleuchtet waren. Bei seinen Zechgelagen kamen Decken mit Löchern auf den Tisch.

Bei einem dieser Besäufnisse – Karl Peter Ulrich war neun Jahre alt – beförderte ihn der Vater mit lallender Zunge vom Unteroffizier zum Secondeleutnant.

Die Zechkumpane des Herzogs brüllten begeistert und erhoben die Gläser mit dem schlechten Wein über ihre Köpfe.

Karl Peter Ulrich, der vorher an der Tür Wache gehalten hatte, übergab sein Gewehr einem Soldaten und setzte sich zu den betrunkenen holsteinischen Offizieren an den Tisch.

Das war der schönste Tag seiner Kindheit.

Am nächsten Morgen, als der unbegabte Secondeleutnant beim Unterricht schwedisch radebrechte, spielte Brümmer mit der Peitsche und sagte: «Ich lasse Euch so auspeitschen, dass die Hunde Euer Blut lecken werden.»

3

1739 beerdigte Karl Peter Ulrich seinen Vater. Der Herzog hatte einen leichten Tod, er starb beim Verfassen seiner obszönen Memoiren.

Törichte Menschen verzichten zu einfach auf ihr Leben. Sie meinen, sie hätten nichts zu verlieren. Kann man denn etwas Größeres verlieren? Törichte Menschen geben eben nie die Hoffnung auf; selbst in der Grube hoffen sie, den Himmel zu finden.

Herrscher über Holstein und Vormund des elfjährigen Karl Peter Ulrich wurde der Titularbischof von Lübeck Adolf Friedrich, ein Onkel der kleinen Fieke.

Der Sitz des Herrschers war in Eutin. Kleine Seen von der Farbe ungestrichenen Eisens lagen zwischen sanften Bergen von der Farbe rostbedeckten Eisens. Der Ort war schön. Den Deutschen gefiel er jedenfalls. Sie nannten Eutin ihre Schweiz.

Menschen mit poetischer Seele haben die Angewohnheit, jede Datschensiedlung, in deren Umgebung sich zwei bis drei Hügel und eine Pfütze mit fetten Hausenten finden lassen, Schweiz zu nennen.

Im Sommer jenes Jahres versammelte sich die Familie in Eutin. Gekommen waren die Großmütter, Großväter, Onkel, Tanten, Neffen, Enkel und Enkelinnen.

Der Fürst hatte sein Mündel aus Kiel mitgebracht.

Aus Stettin hatte Johanna Elisabeth Fieke mitgenommen, mit der sie in Hamburg Station gemacht hatte.

Unterwegs wurden sie dauernd von zusammengerotteten Wolken überholt.

Sie erreichten Eutin am späten Abend.

Fieke wurde traurig. Es hieß, man werde ihr Essen machen und sie sofort zu Bett bringen. Sie brach bei dieser Vorstellung fast in Tränen aus. Sie brannte vor Ungeduld, endlich den Jungen zu sehen, der sich die Krone, die er wollte, aussuchen konnte.

«Ich werde sofort einschlafen», beschloss sie, «dann vergeht die Zeit schneller, denn die Zeit, wo man schläft, zählt nicht.»

Glaubt man Fieke, dann bedeutet das, ein Drittel des Lebens fällt weg, ein ganzes Drittel des Lebens zählt nicht.

4

Sie saßen auf einer Bank unter einem ausladenden Ahorn. Es schien, als blättere jemand über ihrem Kopf in einem großen Buch. Das war der Baum, der raschelte.

Die Erwachsenen sagten: «Wartet hier auf uns, wir sind gleich wieder da.» Und sie gingen zu dem Weg, an dem der chinesische Pavillon lag.

Von da kam italienische Instrumental- und Vokalmusik.

Der Junge wäre lieber auch zu dem Orchester gegangen. Er mochte Musik sehr. Fast genauso wie Soldatenaufmärsche. Ein klitzekleines bisschen weniger.

Stattdessen musste er die ganze Zeit mit «diesem widerlichen stocksteifen Mädchen» herumsitzen.

Er konnte sie nicht ausstehen. «Ein Mädchen, dünn wie eine Bohnenstange, und lächelt die ganze Zeit auch noch wie eine Blöde.»

Der Junge zuckte mit den Ohren und blickte nach oben zu den Blättern, die aussahen, als seien sie mit einer kleinen Schere aus grünem Papier geschnitten.

Fieke gefiel der Junge in der Reitjacke und den hohen Sporenstiefeln dagegen sehr.

Der Junge war alles andere als schön. Er sah aus wie ein Wurm, den ein Totengräber mit der Schaufel an die Erdoberfläche geworfen hat. Aber dieser Wurm war nun einmal der Enkel Peters des Großen und der Großneffe Karls XII. Deshalb gefiel er Fieke sehr.

Ein kleiner Offiziershut lag auf der Bank. Fieke streichelte zärtlich den Federbusch und sagte sich immer wieder vor: «Karl Peter Ulrich, Karl Peter Ulrich.»

Über ihren Köpfen raschelten die gelappten Blätter.

«Mama hat gesagt, er kann sich eine Krone aussuchen. Wenn er will, nimmt er die von Schweden. Wenn er will, die von Russland. Die von Holstein ist schlecht, die wird er keines Blickes würdigen.»

«Wollen wir nicht auch zum chinesischen Pavillon gehen?», schlug der Junge vor. Seine Augen waren fast gelb und so groß, dass man Angst bekam.

«Lass uns lieber hier bleiben. Am chinesischen Pavillon ist so ein Krach.»

«Das sind italienische Musikanten, die da spielen.»

«Ich mag es nicht, wenn gespielt wird.»

«Was für eine dumme Kuh!», dachte der Junge. «Musik ist für sie Krach. Solche Mädchen sollte man umbringen.»

Als Fieke mit kindlicher Schwärmerei den Federbusch streichelte, streckte Karl Peter Ulrich seine Zunge heraus, die aussah wie ein Kohlblatt: «Ätsch, du blöde Kuh.»

Das blasse, kränkliche Gesicht des Jungen war jetzt wirklich zum Totlachen. Auf einmal hob Fieke die Augen.

«Für einen Enkel Peters des Großen», sagte sie streng, «gehört es sich nicht, die Zunge herauszustrecken.»

Der kleine Hanswurst blieb dabei: «Solche Mädchen sollte man umbringen.»

Drittes Kapitel

1

In St. Petersburg herrschte strenger Frost. Anna Leopoldowna – die Regentin des Kaiserreichs – fühlte sich zu unwohl, um sich zu waschen. Sie hatte ihr fettiges Haar in ein weißes Tuch geschlungen und saß auf dem Bett.

Von der Newa blies ein eisiger Wind.

«Unser Haus ist wie ein löcheriger Sack», sagte die Regentin und steckte ihre rauen Hände mit den abgekauten Fingernägeln dem Hoffräulein Julia von Mengden unters Hemd.

Die wärmte sie.

Die Regentin blickte mit ihren Triefaugen gelangweilt aus dem Fenster. «Vielleicht sollten wir Karten spielen, Julinka.»

Die junge Julia von Mengden wehrte ab.

Da bat die Regentin: «Vielleicht könntest du mir dramatische Gedichte vorlesen.»

Anna Leopoldowna liebte die Poesie.

Aber wieder wehrte das Mädchen ab: «Keine Lust.»

Die rauen Hände mit den abgekauten Fingernägeln ringelten sich unter ihrem Hemd wie große Würmer. Das Mädchen wurde auf einmal wütend und begann, mit dicker Stimme französische Verse zu deklamieren.

Die Regentin fragte: «Julinka, muss es denn unbedingt diese Papageiensprache sein?»

Man hatte Anna Leopoldowna nach Russland gebracht, als sie ein Jahr alt war. Deutsch hatte sie in Petersburg einigermaßen gelernt, Französisch dagegen sprach sie nicht und verstand es auch nur schlecht.

«Hörst du, Julinka?»

Die tat, als höre sie nicht.

Da warf sich die Regentin gelangweilt auf das Bett und zog sich die mit rotem Pelz gefütterte Decke über den Kopf.

Der eisige Wind schüttelte das kaiserliche Haus, das Generaladmiral Graf Apraxin mit der gesamten Einrichtung und zwei Höfen einst Peter II. testamentarisch vermacht hatte.

Das alte Winterpalais, von Peter dem Großen erbaut und unter Katharina I. durch viele Anbauten erweitert, war schon 1732 den Musikanten und Bediensteten des Hofes zum Wohnen überlassen worden.

Anna Leopoldowna streckte ihr verschwitztes rotes Gesicht unter der Decke hervor und sagte: «Es ist heiß. Ich bin ins Schwitzen gekommen.» Sie trocknete sich Wangen, Hals und Nase mit dem Laken.

Prinz Anton, der Generalissimus der russischen Armee, hatte die Schönheit der Regentin, seiner Gattin, so beschrieben: «Was die Zeichnung ihres Gesichts angeht, so ist sie außer der Regel hübsch.»

Der von der eisigen Newa kommende Wind schüttelte und rüttelte an dem durchlässigen Apraxin-Bau. Es schien, als wolle er den Holzsack auf seine weißen Hörner nehmen und ihn weit, weit, ganz weit weg tragen, um ihn im baltischen Schlamm abzuwerfen.

Jemand wollte hereinkommen, doch die verschwitzte Regentin schrie: «Die sollen sich doch zum Teufel scheren, bis sie gerufen werden.»

Und beide Frauen wälzten sich nun genüsslich in Kleidern und Schuhen unter der Pelzdecke, die von dem Schweiß, dem Speichel und dem heißen Atem ganz verfilzt war.

Aus dem Pelz hüpften Flöhe. Die junge Julia von Mengden spuckte auf die Finger und fing sie mit großem Geschick.

«Toll, wie du das kannst!»

Und die Regentin des Kaiserreichs kratzte sich mit den abgekauten Fingernägeln an ihren pickeligen Schulterblättern und schimpfte, wie sie es gewohnt war, träge auf Prinz Anton, ihren Mann, der einem gelockten Weibsbild glich; auf den Grafen Ostermann, das Oberhaupt des zweiten Departements, wo dem Reglement nach die Entscheidungen über die Außenpolitik und das Seewesen getroffen wurden, de facto aber die Leitung des ganzen Kaiserreichs zusammenlief; auf den dünnbeinigen Marquis de la Chétardie, den französischen Gesandten, der die Deutschland- und Englandpolitik des Kabinetts hintertrieb. Weiter schimpfte sie auf die Zarentochter Elisabeth, die sie «Mondgesicht» nannte, auf deren Arzt Lestocq, den sie «Laufbursche von de la Chétardie» nannte, auf die Schweden, gegen die sie Krieg führten, ohne es zu wollen, und auf den Grafen Lewenhaupt, den gegnerischen Oberkommandierenden.

Ihn beschimpfte sie mehr als alle anderen. «Wie kommt er dazu, in einem Manifest zu behaupten, er kämpfe nicht gegen die lobenswerte russische Nation, sondern nur gegen die ausländischen Minister, die Russland in ihre Gewalt gebracht hätten, und so zu tun, als ginge es ihm nur darum, das große russische Volk von dieser Fremdherrschaft zu befreien?!»

«Habe ich dem Schweden, dieser verdammten Canaille, in Villmanstrand denn nicht eins in die Fresse gegeben?», fragte die Regentin träge.

«Und ob!»

«Und ich werde ihn auch weiter in allen Schlachten, wie ich will, besiegen. Diesen Feigling! Diesen Ochsen!»

«Aber wer hat Lewenhaupt überhaupt angestiftet, meine Liebe, wer war das denn?»

Und Julia von Mengden heizte der Regentin ein und sagte, das Kabinett von Stockholm sei doch von der Zarentochter Elisabeth und deren Arzt Lestocq zum Krieg überredet worden; sie hätten diesen Krieg doch angezettelt, um den Thron des einjährigen Kaisers ins Wanken zu bringen, denn das «Mondgesicht» habe die dreiste Absicht, ihr die Regentschaft zu entreißen.

«Hier, das würde ich mit dem Mondgesicht gern machen!», sagte das Mädchen erbost und zerquetschte einen großen Floh zwischen zwei Fingern.

«Gar nicht so einfach, diese Gardegevatterin zu zerquetschen.»

Anna Leopoldowna erklärte träge, Elisabeths Haus stehe jederzeit für Soldatenversammlungen offen und Elisabeth habe die Patenschaft für unzählige Kinder von Vätern, die im Preobrashenski-Regiment dienten, übernommen.

«Man sollte diese Janitscharen doch glatt den Schweden vor die Flinte treiben», sagte die junge Julia von Mengden.

«Diesen Vorschlag hat mir Ostermann schon gemacht», sagte die Regentin erfreut. «Was meinst du, vielleicht könnte der Schwede wirklich diese ganzen Janitscharen einen Kopf kürzer machen?»

«Nein, das schafft er nicht», sagte das Mädchen.

«Eben.»

Da klammerte sich die Regentin an den Gedanken, Elisabeth das Geld zu entziehen.

«Was will sie ihren Kindern dann zur Taufe in die Wiege legen? Fromme Wünsche?»

Das Mädchen schwieg.

«Na sag doch, Julinka, wer will das Mondgesicht dann noch, ohne einen Heller? Na, wer schon?»

«Dann wird sie sich eben von Frankreich Gold geben lassen», tröstete das Mädchen.

«Eben!», reagierte Anna Leopoldowna ruhig. «Frankreich wird es ihr an nichts fehlen lassen.»

Das Mädchen streckte sich.

«Wollen wir nicht aufstehen? Bald ist Empfang.»

«Ja, Schluss mit dem Rumliegen.»

Und nachdem die Regentin mit dem Ausspruch, «der glücklichste Ort in dieser Welt ist das Bett», ihre Philosophie auf den Punkt gebracht hatte, zog sie sich ihre Strümpfe über die fröstelnden Knie.

2

Die Zarentochter Elisabeth hatte ein rundes weißes Tellergesicht, einen sinnlichen roten Mund, lange Beine, einen breiten Hintern und von zartestem Flaum vergoldete Schultern.

Jeder Reiter, jeder Musketier in Petersburg kannte ihre Liebhaber: den Stutzer Naryschkin, den Grafen Buturlin, den Offizier Schubin, einen einfachen Gardesoldaten, den Stallknecht Andrej Wosshinski, den Ruderer der Bootskutsche Ljalin und den Sänger Rasumowski.

Ja, es gibt Frauen, wenn du die nur einmal flüchtig im Fenster oder auf einem vorwärts stürmenden Schlitten oder sonst wie im Gedränge oder Vorbeigehen gesehen hast, dann erscheinen sie dir am nächsten oder übernächsten Tag, ein Jahr oder zehn Jahre später oder am Ende deines Lebens im Traum, um dich in Versuchung zu führen.

Solch eine Frau war Elisabeth.

Sie fesselte jeden, ob Kaufmann oder Pope oder einfacher Soldat.

Den verstorbenen Kaiser Peter II., der ihr Neffe war, hatte sie ebenfalls gefesselt. Der sie allerdings weniger; sie ließ sich nicht mit ihm ein.

ANEKDOTE

Aus China kam eine Gesandtschaft nach Russland, um Anna Iwanowna zu gratulieren.

«Welche Frau in diesem Saal findet Ihr am schönsten?», fragte die pockennarbige Kaiserin den gelben Diplomaten, der von charmanten Petersburgerinnen umringt war.

«In einer Sternennacht ist schwer zu sagen, welcher Stern am meisten glänzt», antwortete der Gesandte, um sich aus der Affäre zu ziehen.

Aber die chinesische Höflichkeit passte den Russen nicht. Die pockennarbige Kaiserin forderte eine klarere Antwort.

Da verbeugte sich der Chinese vor Elisabeth und sagte: «Wären die Augen dieser Prinzessin ein wenig schmaler, wäre ihre Schönheit unwiderstehlich.»

3

In dem großen Petersburger Haus versammelte sich der Hof.

Die von Flöhen zerstochene Kaiserin sah mit Fischblick auf die Erschienenen.

Man trug Graf Ostermann herein, der an Händen und Füßen von der Gicht gezeichnet war. Unter Anna Iwanowna hatte er jahrelang seine Gemächer nicht verlassen, jetzt aber schleppte man ihn dauernd ins kaiserliche Haus.

Als der Generalfeldmarschall Graf von Münnich das würdige Gesicht des hereingetragenen Ostermann sah, machte er auf seinen hohen roten Absätzen eine abrupte Kehrtwendung. Alle sollten sehen, dass er den Minister für Auswärtiges und Seewesen nicht beachtete. Aber alle taten so, als hätten sie nichts bemerkt.

***

Feldmarschall Münnich hatte einmal bei dem regierenden Biron zu Mittag gespeist. «Es stimmt nicht, wenn der englische Gesandte sagt, Biron rede mit Menschen wie ein Pferd und mit Pferden wie ein Mensch», dachte der Feldmarschall. «Wirklich, Biron ist ein richtig herzlicher Mann und ein gastfreundlicher Hausherr.»

Und der satte Gast bedankte sich mit festen Umarmungen und heißen Küssen für die freundliche Bewirtung.

Ein paar Stunden später schickte er dem gastfreundlichen Hausherrn seinen Adjutanten mit einer Abteilung Musketiere auf den Hals.

Um sein Leben und die Macht zu retten, kroch der schreckliche Biron mit einem Hilfeschrei unter das Bett. Doch das half nichts. Die Musketiere traten den Regenten unsanft, wickelten ihn in eine Decke und warfen ihn in die Kutsche, die der Feldmarschall zu diesem Zweck bereitgestellt hatte.

Alles lief wie am Schnürchen. Münnich wurde Premierminister. Anna Leopoldowna schenkte dem Hoffräulein Julia von Mengden vier Kaftane des Herzogs Biron und beanspruchte den St.-Andreas-Orden und den Regententitel für sich – Kaiser war nach wie vor Iwan VI., ihr Sohn im Säuglingsalter. Der gestürzte Regent musste in die Verbannung, nach Pelym in Sibirien. Der Heilige Synod, das Ministerium und die Generalität veröffentlichten ein Manifest im Namen eines Kaisers, der noch die Brust bekam. Und vier Monate später jagte der an Händen und Füßen von der Gicht gefesselte Graf Ostermann den berühmten Feldmarschall Münnich, Sieger über etliche Völker und über den Herzog Biron, aus dem Ministerkabinett.

***

Die von Flöhen zerstochene Anna Leopoldowna ging auf und ab und musterte mit Fischblick die Erschienenen.

«Seht Euch mal den Hals der Regentin an», flüsterte dem englischen Gesandten Herrn Finch dessen Feind ins Ohr, der französische Gesandte Marquis de la Chétardie, der mit hunderttausend Flaschen französischem Wein und einem Gefolge nach Russland gekommen war, das aus zwölf Attachés, sechs katholischen Priestern, fünfzig Dienern und einigen erstklassigen Köchen bestand, darunter dem weltberühmten Monsieur Barideau.

«Die Staatsdamen und Hoffräulein übertünchen diese widerlichen Flecken gewöhnlich», entgegnete der Engländer, ohne sich im Mindesten aus der Ruhe bringen zu lassen.

«Weiß der Teufel! Es verdirbt ihm nicht die Laune, dass die Regentin sich lächerlich macht», dachte der Franzose besorgt. «Hoffentlich ändert England seine Position nicht. Hoffentlich kommt Herr Finch nicht auf die Idee, Elisabeths Arzt eine Pension anzutragen.»

Beide Türflügel öffneten sich.

«Das Mondgesicht kommt», sagte Julia von Mengden.

«Ja, das ist sie», bestätigte die Regentin.

Elisabeth trug einen Reifrock von der Farbe ausgepresster Himbeeren.

«Ihr solltet das Mondgesicht zur Rede stellen», riet das Mädchen.

«Unbedingt», stimmte die Regentin träge zu. «Ostermann drängt mich ebenfalls, ihr ins Gewissen zu reden.»

«Bringen wird das allerdings nichts», tröstete sie das Mädchen.

«Wieso nicht?»

«Das Mondgesicht hat jedem Soldaten fünf Rubel zugesteckt.»

«Nicht jedem. Nur denen, die gegen den Schweden antreten müssen.»

«Noch ist es nicht dazu gekommen.»

«Vielleicht kommt es ja auch nicht dazu», räumte Anna Leopoldowna unsicher ein.

«Sondern?», ereiferte sich das Mädchen.

«Vielleicht lässt der Herrgott uns ja doch nicht im Stich, Julinka.»

«Den Arzt müsste man in die Peter-und-Pauls-Festung sperren und dem Mondgesicht verbieten, sich mit Chétardie zu treffen.»

«Das sag ich ihr.»

«Das Mondgesicht wird wohl kaum darauf hören.»

«Allerdings», stimmte Anna Leopoldowna wieder zu.

Am anderen Ende des Saals brachte der mächtige Ostermann mit seiner äußerst liebenswürdigen Art und seiner durchaus staatsmännischen, außerordentlich gewählten und völlig unverständlichen Ausdrucksweise den französischen Gesandten zur Weißglut.

«Dieser Schuft! Dieses Rindvieh!», schimpfte der dünnbeinige Marquis leise. «Der muss doch wirklich jeden ins Irrenhaus bringen.»

Der würdige Alte redete unterdessen, redete und redete, in makellosem Französisch.

Das war die Art, für die der Diplomat Peters des Großen berühmt war und die ihn in den Augen der Russen zu einem nordischen Halbgott machte: Er schaffte es, die ausländischen Minister in vier europäischen und einer antiken Sprache formvollendet zur Weißglut zu bringen.

Anna Leopoldowna zog lustlos in das hintere Zimmer.

«Das bringt ja doch nichts», schickte das Mädchen ihr vernehmlich hinterher.

Der Regentin fiel wieder der philosophische Gedanke ein, nach dem der glücklichste Ort in dieser Welt das Bett und das beste Kleid der Schlafrock ist. In diesem Aufzug pflegte sie sich an gewöhnlichen Tagen zum Mittagessen und an den Kartentisch zu setzen.

Elisabeth ging auf Münnich zu.

Der alte Charmeur begrüßte sie mit einem Klacken seiner roten Absätze und dem Hochziehen der grauen Brauen.

Elisabeths blaue Augen machten Versprechungen, Hoffnungen.

Es gibt Frauen, die auch, wenn sie ganz allein sind, Versprechungen, Hoffnungen machen. Und wem? Dem Spiegel, dem Sessel, den vier Wänden.

«Sie würde mich zum Premierminister machen», dachte Münnich.

Finch klapperte mit seinen schweren Augenlidern in Feldmarschall Münnichs Richtung und flüsterte dem Marquis ins Ohr: «Was für ein seltener Fall: Tiger, Schlange, Fuchs und Esel hausen friedlich unter ein und demselben Hemd.»

So konnte man nur von jemandem sprechen, der in dem politischen Endspiel keinen einzigen Trumpf mehr einzusetzen hatte.

«Gut getroffen», entgegnete Chétardie. «Ich könnte mir wirklich kein besseres Porträt von Herrn Münnich vorstellen. Mein Herr, Ihr seid ein Tizian des Wortes.»

Finch dankte mit einer Verbeugung. «Ein Tizian des Wortes.» Das hört man gern, auch wenn man weiß, was die französische Liebenswürdigkeit wert ist.