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Nach den überstandenen Abenteuern aus "Jemand Chips?" (erschienen im Novum-Verlag) haben sich der Informatiker Sam und die freiberufliche Übersetzerin Yvonne in einem Vorort eines Vorortes von Malmö niedergelassen. Ihr intelligenter Gefährte KR, ein Notebook mit einem Faible für deutsche Schlager, beschäftigt sich mit einer folgenschweren Erfindung, die aus einem geheimen Raum in einer Lampenfabrik in Deutschland stammt. Während einer Urlaubsreise trennen sich die Wege von Sam, Yvonne und KR plötzlich für eine Weile. Die Story springt munter zwischen den Akteuren umher und erzählt deren Erlebnisse in den verschiedenen Szenarien. Es geht um Diebstahl, Hehlerei, polizeiliche Ermittlungen, nervenaufreibende deutsche Schlager, unwahrscheinliche Reisen und erstaunliche Begegnungen, welche die Leser (hoffentlich) immer wieder überraschen. Zum besseren Verständnis wird empfohlen, dieses Buch als Fortsetzung von "Jemand Chips?" zu lesen, aber es handelt sich grundsätzlich um eine in sich geschlossene Erzählung, die auch ohne Kenntnis des Vorbandes genossen werden kann.
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2020
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24 blaue und 25 rote eigentlich eher unscheinbare Memory-Sticks befanden sich seit knapp einem Jahr unbenutzt in einem ebenso unscheinbaren Paket, etwa in der Größe von zwei aufeinandergestapelten Schuhkartons, an einem sehr, sehr sicheren Ort.
Sam und Yvonne hatten den Garten um das Haus mittlerweile liebevoll in eine kleine Parklandschaft verwandelt und saßen auf einer der drei auf dem Gelände sorgsam verteilten Bänke in der Sonne.
„Weißt du eigentlich noch, wie es hier vor einem Jahr ausgesehen hat?“, fragte Sam.
„Aber ja!“, sagte Yvonne. „Ich erinnere mich nur zu genau. Der einzige Baumstamm auf dem Grundstück lag auf meinem Dach und teilte das Haus in zwei Hälften. Seitdem haben wir eine Menge lohnende Arbeit und Geld investiert und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen.“
„Das will ich wohl meinen!“, bestätigte Sam befriedigt.
Aus dem inzwischen wiederhergestellten Haus erklangen in enormer Lautstärke deutsche Schlager, was auch der Hauptgrund war, dass die beiden sich die Bank ausgesucht hatten, die am weitesten vom Haus entfernt war.
„Ich glaube, KR langweilt sich“, meinte Yvonne.
„Er liebt doch deutsche Schlager“, stellte Sam fest.
„Das stimmt zwar. Aber warum muss er denn immer und immer wieder denblonden Bauerndudeln?“
„Nun, er ist immer noch begeistert von seinem großen Sieg im Schlagerwettbewerb, denke ich.“
„Er geht mir damit aber gewaltig auf die Nerven. Vielleicht sollten wir ihn irgendwie mit etwas anderem beschäftigen.“
„Du weißt doch, wie schnell er immer mit allem fertig ist. Eine andere Beschäftigung hält ihn jedes Mal nur für kurze Zeit vom Schlagerhören ab. Und dann geht es wieder von vorn los. Er tut es doch so gern und wir haben ihm eine Menge zu verdanken. Außerdem passen diese Schlager unschlagbar gut zu seinem krassen Erscheinungsbild.“
„Damit hast du allerdings recht, aber ich werde langsam den Verdacht nicht los, dass du ebenso wie er für dieses Gedudel schwärmst.“
„Gott bewahre, nein! Es entspricht ganz und gar nicht meinem Musikgeschmack.“
„Dann sollten wir etwas unternehmen.“
„Wahrscheinlich hast du recht, aber es ist gerade so schön hier.“ Sam machte keinerlei Anstalten, sich zu erheben und etwas zu unternehmen und streckte seine Beine noch ein paar Zentimeter weiter von sich, bis derblonde Bauerseine Schallwellen erneut in den Äther streute und Yvonnes Gesichtsausdruck so etwas ähnliches wie Mordgedanken vermuten ließen.
„Okay, lass uns mit ihm reden“, sagte Sam schließlich und Yvonne stimmte ihm mit einem entschiedenen Kopfnicken zu.
Sie erhoben sich und Sam tanzte etwas unbeholfen zu den Klängen auf die Haustür zu, während Yvonne sich beinahe des preußischen Stechschritts bediente.
„Mit deinem Fahrradhelm auf dem Kopf sähe dein Gang noch ein bisschen militärischer aus“, meinte Sam lachend.
„Deine Bewegungen sehen eher aus, als wärest du ein Fußballer, der gerade ein Tor geschossen hat“, konterte Yvonne.
KR lag wie üblich vor dem großen Spiegel im Wohnzimmer und bewunderte sein Aussehen. Auf seinem Display tanzten bunte Linien zum Takt des Schlagers. Er hätte mit Sicherheit gern selbst getanzt, was ihm aber als kleinem, äußerst pinkfarbenen Rechner verständlicherweise nicht wirklich möglich war. Als er Sam und Yvonne sah, drehte er die Musik etwas leiser und rief: „Ist das nicht schön?!“
„Stimmt“, sagte Yvonne, „das ist nicht schön!“
„Nicht am Zanken fangen!“, mahnte Sam rasch und fügte an KR gewandt an: „Wir möchten etwas mit dir besprechen.“
KR schaltete die Musik aus und Yvonne atmete tief und hörbar aus.
„Was gibt es denn?“, fragte KR mit einem Tonfall, der seiner Farbe mehr als genug entsprach. „Eine Aufgabe? Eine Recherche? Sorgen, Nöte, Kümmernisse?“.
„Sowas in der Art“, antwortete Sam, ohne zu wissen, wie er nun fortfahren sollte.
Yvonne sprang ein: „Wir machen uns Sorgen um dich.“
„Welcher Art?“, fragte KR neugierig.
„Wir haben das Gefühl, dass du dich langweilst.“
„Keine Spur! Wie kommt ihr darauf?“
„Du dudelst seit Wochen jeden Tag deutsche Schlager. Das muss dir doch auf die Dauer großen Schaden zufügen.“
„Wie das? Ich liebe deutsche Schlager! Besonders derblonde Bauerhat es mir angetan.“ KR hätte vor lauter Verblüffung allzu gern seine Augenbrauen hochgezogen.
Sam meinte, einen Geistesblitz zu haben: „Yvonne meint, dass du beim Hören dieser Schlager das Denken verlernen könntest.“
„Keineswegs“, erwiderte KR und entschärfte damit Sams Geistesblitz auf die Wirkung einer eher harmlos flackernden Stehlampe. „Poesie hat bislang noch keinem geschadet.“
„Poesie!“, platzte es aus Yvonne heraus.
Noch bevor Sam seine Deeskalationstalente unter Beweis stellen konnte, lenkte KR ein: „Nun ja, ich gebe zu, dass der Poesiegehalt der Schlager sich in überschaubaren Grenzen hält, aber ihr führt etwas ganz anderes im Schilde, wie ich vermute.“
„Hui! Das Denken klappt ja doch noch!“, rief Yvonne in gespielter Überraschung.
„Sag ich doch“, bestätigte KR. „Also, nur heraus damit.“
Ihre weibliche Intuition sagte Yvonne, dass sie jetzt Tacheles reden musste: „Deine Schlager gehen mir langsam auf die Nerven. Tagein tagaus Schlager, Schlager, nichts als Schlager. Früher hast du fast immerzu geistreiche Dinge von dir gegeben. Und heute? Nur noch dieses Gedudel.“
„Früher war mehr Lametta“, versuchte KR einen Scherz, den Yvonne allerdings nicht verstand, und als KR dies blitzschnell bemerkte, korrigierte er sich sofort: „Ich meine, früher war hier mehr los. Probleme, Abenteuer und so.“
Yvonne hakte ebenso blitzschnell ein: „Da haben wir es!“
„Was denn?“
„Du langweilst dich.“
„Nur ein bisschen. Ich habe ja meine Schlager und vor allem denblonden Bauern.“
„Wie wäre es denn …“, begann Yvonne.
„Was?“, unterbrach KR sie.
„Nun, äh, wie wäre es denn, wenn du dich noch einmal mit den Memory-Sticks beschäftigts?“
„Willst du mich umbringen?“
„Niemals würde mir so etwas auch nur im Entferntesten einfallen!“, rief Yvonne nun etwas beschämt. „Aber bei deinen Fähigkeiten findest du doch bestimmt einen Weg, der die Sache etwas ungefährlicher macht.“
„Du willst Zeitreisen?“
„Warum nicht? Wenn du es irgendwie einrichten könntest …“
„Hmm, ich müsste darüber nachdenken. Das kann aber dauern.“
„Du hast alle Zeit der Welt“, flötete Yvonne.
„Eine Zeit für dich ohne Schlager“, ergänzte KR wissend.
„Ein nicht unbedingt unwillkommenes Nebenprodukt“, gab sie zu.
„Okay, ich mache mich an die Arbeit“, KR versank unvermittelt in seinen Nachdenkmodus und schaltete sein Display ab.
Sam hatte den Dialog mit immer ängstlicherem Gesichtsausdruck verfolgt, und als er wusste, dass KR jetzt nicht mehr zuhörte, fragte er trotzdem sehr leise: „Ist dir unser Leben nicht mehr aufregend genug?“
Die enttäuschte Klangfärbung seiner Stimme war ihr selbstverständlich nicht entgangen, sodass Yvonne antwortete: „Unser Leben ist schön. Aber noch schöner ist es ohneblonde Bauern. Und davor sind wir erst mal eine Weile sicher. Zumindest, bis KR mit seinem Nachdenken fertig ist. Damit wird er aller Voraussicht nach nicht so schnell sein, wie du vorhin befürchtet hast. Und außerdem hat er jetzt eine echt knifflige Aufgabe.“
„Wahrscheinlich hast du recht“, stimmte Sam zu und begleitete sie zu der sonnigen Bank direkt neben der Haustür.
„Ich spendiere uns jetzt einen Schnaps“, sagte Yvonne.
„Ich trinke nicht“, kam es aus dem Haus von KR.
„Dann nehme ich zwei!“, rief sie fröhlich in seine Richtung, holte den Schnaps aus der Küche und summte tatsächlich die Melodie vonblonde Bauern.
Als sie zurück war, sagte Sam: „Ich dachte, dieser Schlager geht dir auf die Nerven.“
„Das ist nur der Nachhall der KR-Disco. Ich versuche den Wellensittich-Effekt.“
„Wellensittich-Effekt?“
„Ja. Der Kurzzeitspeicher im menschlichen Gehirn kann nur eine begrenzte Anzahl von Gedanken gleichzeitig bearbeiten und bei Überschreitung der Kapazität wirft er einen Gedanken einfach über Bord.“ Sie dachte gleichzeitig an sechs ihrer Lieblingssongs und summte danach die Melodie des ChansonsLa mer.
Es vergingen zwei für Yvonne und Sam wunderschöne, angenehm schlagerfreie Tage, bis sich KR zum ersten Mal wieder zu Wort meldete: „Die blauen Sticks befördern noch unausgegoren und unkontrolliert in die Vergangenheit, und die roten Sticks führen den Benutzer in die Gegenwart zurück, allerdings für den Bruchteil einer Sekunde vor dem Start.“
„So weit waren wir schon mal“, stellte Yvonne etwas ernüchtert fest.
„Ach ja?“, fragte KR zerstreut.
„Hast du beim Nachdenken etwa Schlager gehört?“
„Äh, nur ein paar und auch nur ganz leise.“
„Habe ich es nicht gesagt?“
„Äh, was?“
„Dass dich die dämlichen Schlager am Denken hindern. Du solltest deine Intelligenz nicht leichtfertig aufs Spiel setzen!“
„Es ist aber auch eine äußerst schwierige Aufgabe.“
„Zugegeben. Doch mit deinem Gedudel kommst du der Lösung vermutlich nicht gerade wesentlich näher.“
„Sei bitte nicht so streng mit KR“, sprang Sam ihm bei.
„Danke Sam. Aber Yvonne hat recht. Ich muss mich besser konzentrieren.“
Es vergingen zwei Wochen, in denen KR kein einziges Wort von sich gab. Vor zehn Tagen hatte Yvonne, die als freiberufliche Übersetzerin arbeitete, einen neuen, recht lukrativen Auftrag erhalten, der sie für eine ganze Weile an ihren Schreibtisch fesselte. Sam nutzte diese Zeit, um sich an dem alten Rechner zu versuchen, der bei einem Experiment KRs seinen Geist aufgegeben hatte.
„Was tust du da?“, fragte ihn KR, als er aus seiner langen Denkpause erwachte.
„Oh, ich versuche nur, den alten Rechner wieder flott zu machen“, antwortete Sam. „Vielleicht kann man da noch was retten.“
„Sei aber vorsichtig“, mahnte KR. „Er ist infiziert und wir wissen nicht, welche Auswirkungen das auf alle anderen elektronischen Teile im Haus und der Umgebung haben kann. Du musst unbedingt sämtliche Funknetze ausschalten.“
„Habe ich schon. Ich bin Informatiker, falls du es vergessen hast.“
„Wenn ich mich recht erinnere, bist du nicht gerade der ausgesprochene Star der Informatikerszene auf Erden.“
„Danke für die Blumen.“
„Welche Blumen?“
„Das war eine Redewendung.“
„Bedeutung? Ich bekomme keine Verbindung zum Internet.“
„Diese Redewendung wird gebraucht, um sich für ein Lob zu bedanken.“
„Habe ich dich gelobt?“
„Im Gegenteil. Du hast meine Fähigkeiten als Informatiker in Zweifel gezogen.“
„Warum bedankst du dich denn dafür?“
„Das war ironisch gemeint.“
„Ach so.“
Yvonne meldete sich von ihrem Schreibtisch aus zu Wort: „Hey! Kann mir mal einer sagen, warum ich nicht ins Internet komme?“
„Ich habe unsere Funknetze abgeschaltet“, rief Sam.
„Warum das? Ich brauche das Internet für meine Arbeit.“
Sam ging zur ihr und stellte für ihren Rechner eine Kabelverbindung zum Router her: „So, jetzt kannst du weiter surfen.“
Yvonne gab sich ohne weitere Fragen damit zufrieden, weil sie von ihrer Arbeit vollends gefordert war.
KR setzte den Dialog mit Sam fort: „Sag mal, nimmst du dir bei der Gelegenheit auch mein Alter Ego vor?“
„Alter Ego?“
„Mein anderes Ich. Den kleinen schmuddeligen Rechner, von dem ich mich geklont habe, bevor mein anderes Ich durchgedreht war.“
„Das hatte ich eigentlich nicht vor, aber jetzt, wo du es sagst …“
„Lass bloß die Finger davon! Um den werde ich mich selbst kümmern. Er wird noch gebraucht.“
„Aha? Wofür denn?“
„Einstweiliges Betriebsgeheimnis. Gib mir Bescheid, wenn du mit dem alten Rechner fertig bist. Den brauche ich auch noch.“
Sam hatte sämtliche Bauteile des alten Rechners ausgebaut, die auch nur im Entferntesten irgendeine Memory-Funktion haben konnten, und durch neue ersetzt. Nachdem er ein Betriebssystem aufgespielt und den Rechner wieder zum Laufen gebracht hatte, gab er KR Bescheid, der nach weiteren zwei Tagen des Nachdenkens meinte: „Ja, ich wäre denn auch soweit.“
„Wie weit?“
„Um die nächsten Schritte einzuleiten.“
„Du hast einen Plan?“
„Ja.“
„Und der wäre?“
„Das überstiege deinen Horizont, aber ich bräuchte deine Hilfe.“
„Aha?“, tönte Sam herausfordernd.
„Na ja, nur deine Hände, nicht deinen Kopf.“
„Aha“, gab Sam klein bei. „Wie lange wirst du brauchen?“
„Zwei Wochen.“
„Und in der Zeit soll ich …“
„Strippen ziehen, Verbindungen herstellen und wieder trennen, Sticks reinschieben und herausziehen …“
„Zwei Wochen lang?“
„Ja.“
Etwas ungehalten empörte sich Sam: „Das ist mir zu viel! Ich kann doch nicht zwei Wochen lang bei dir stehen und darauf warten, dass ich irgendwelche Handgriffe für dich erledigen darf!“
„Du darfst zwischendurch auch sitzen.“
„Nein, lieber KR, das kannst du nicht von mir verlangen. Außerdem bin ich ja gar nicht so scharf darauf, die blauen und roten Memory-Sticks wieder zu aktivieren.“
„Aber Yvonne.“
„Ja, ich weiß schon. Aber gibt es denn keine andere Lösung?“
„Doch.“
„Welche?“
„Du könntest mit einigen elektronischen Schaltern und sonstigem Gedöns einen Aufbau schaffen, mit dem ich dann allein zurechtkäme.“
„Okay, gib mir eine Liste.“
Sam nahm die Liste, besorgte allen geforderten elektronischen Schnickschnack in Malmö und montierte nach KRs Anweisungen den gewünschten Aufbau. Der reparierte Rechner wurde mit KRs altem Ich und mit KR selbst mit Kabeln verbunden. Dazwischen wurden einige elektronische Schalter installiert, die von KR nach Belieben angesteuert werden konnten, bis dieser schließlich zufrieden war: „Jetzt musst du mich nur noch über ein elektronisch schaltbares Kabel mit dem Router verbinden, damit ich gelegentlich ins Internet rauschen kann. Die Funkverbindungen müssen unbedingt abgeschaltet bleiben.“
„Dann kann Yvonne aber nicht weiterarbeiten“, wandte Sam ein.
„Yvonne!“, rief KR.
„Ja?“
„Willst du immer noch diese Zeitreisen?“
„Natürlich! Ich brenne darauf. Seid ihr schon soweit?“
„Noch nicht ganz. Ich brauche noch zwei Wochen. Aber in dieser Zeit kannst du nicht ins Internet.“
„Das macht nichts. Ich habe noch fünf Wochen bis zur Abgabe meiner Übersetzung. Da kann ich locker zwei Wochen Urlaub einlegen, die ich auch dringend brauche.“
„Siehst du?“, sagte KR zu Sam. „So einfach geht das.“
„Und du kommst dann wirklich ganz allein zurecht?“
„Im Prinzip schon. Ich brauche jetzt nur noch die blauen und roten Sticks.“
„Alle 49?“
„Ja. Und ich muss sie alle einzeln ansteuern können.“
„Das hättest du ja nun auch mal gerne vorher sagen können.“
„Es hat mich bislang niemand explizit danach gefragt.“
Sam besorgte das weitere elektronische Equipment, holte die 49 Memory-Sticks aus dem sehr, sehr sicheren Versteck und komplettierte den Aufbau entsprechend. Einen roten und einen blauen Stick platzierte er in KRs ansteuerbaren USB-Ports. Dann war KR schließlich wirklich endgültig zufrieden.
Sam lud Yvonne auf eine kleine Reise nach Deutschland ein. Er hatte einfach Lust darauf, Schleswig-Holstein kennenzulernen, womit Yvonne sofort einverstanden war: „Liegt da nicht diesesAngeln, von wo aus die Eroberung Englands erfolgte?“
„Ja“, sagte Sam. „Auf unserer Tour zur Auslieferung der Lampen sind KR und ich dort vorbeigekommen.“
„Und das WikingerdorfHaithabu? Das müssen wir uns unbedingt ansehen!“
„Ich besorge uns einen Mietwagen, dann kann es losgehen.“
Sam fuhr mit dem Bus nach Malmö und mietete, von einer nostalgischen Anwandlung animiert, einen VW-Polo Caddy, der allerdings nicht in Weiß, sondern nur noch in Gelb zu haben war. Schon am nächsten Morgen hatten sie gepackt und waren reisefertig.
„Pass gut auf dich auf, KR. Und keine Schlager!“, mahnte ihn Yvonne beim Abschied.
„Ja ja, ist ja schon gut. Ich werde keine Zeit für Musik haben, soviel ist schon mal sicher.“
Sie nahmen die Öresundbrücke nach Kopenhagen, überquerten Seeland und Fünen und fuhren über Kolding nach Flensburg, wo sie einen Zwischenstopp einlegten. Bei ihrem Bummel durch die Stadt kamen sie am Museumshafen vorbei, wo gerade dieDagmar Aaenablegte, mit der sich Arved Fuchs auf eine neue Polarexpedition begab. Gleich gegenüber lag das Schifffahrtsmuseum, vor dem sich Julia und Heinz am Karfreitag 1987 das erste Mal trafen, was eine kleine Messingplakette an dem vor dem Haus aufgestellten Segelmast verriet.
Nach einer geruhsamen Nacht in einem Hotel am Hafen setzten sie ihre kleine Reise fort, die sie zunächst in einen Ort namensFreienwillführte.
„Jetzt sind wir schon in Angeln“, bemerkte Sam.
„Oh, lass uns mal von der Hauptstraße abbiegen“, forderte Yvonne begeistert.
Sam steuerte den Wagen gegenüber der Kirche nach links in eine Seitenstraße, der sie folgten. An einer Bushaltestelle sahen sie einen kleinen Jungen auf dem Dach des Wartehäuschens stehen, der von einer Gruppe begeisterter Jungen dabei angefeuert wurde, wie er von oben auf die Straße pinkelte. Sam stoppte den Wagen und Yvonne rief dem Jungen zu: „Das macht man aber nicht!“
Der Junge war überraschend schlagfertig und rief zurück: „Das ist hier Tradition! Das hat mein Onkel vor vielen Jahren auch schon gemacht!“
Yvonne lachte und sagte: „Merkwürdige Bräuche haben die hier.“
Die beiden fuhren weiter, bis sie auf die Hauptstraße zurückkehrten.
„Jetzt sind wir offenbar mittendrin“, bemerkte Sam, als sie ein Ortsschild mit der BezeichnungMittelangelnpassierten.
„Das klingt ja wieMittelerde“, lachte Yvonne. Vor einem kleinen Strohdachhäuschen rasierte ein Mann seine Hecke so akkurat, dass die beiden anschließend sehr verwundert waren, als sie der Straße weiter folgten, deren Vorgärten eher großstädtisch anmuteten, also mehr oder weniger verwahrlost aussahen. An der einzigen Kreuzung des Ortes war Sam von der dortigen Ampelanlage leicht irritiert, da sie reihum immer dem gesamten Straßenzug grünes Licht bescherte und es somit keinen Gegenverkehr gab.
„In Angeln ist anscheinend alles irgendwie anders als anderswo“, sagte er.
In einem Ort namensSörupversuchte eine blonde Frau aufgeregt, einige Briefe durch das leicht geöffnete Seitenfenster auf Yvonnes Seite zu werfen. „Das ist ja geradezu verrückt, was die Eingeborenen hier machen!“, rief Yvonne.
„Das mag wohl daran liegen, dass unser Wagen wie ein Postauto aussieht“, versuchte Sam das merkwürdige Verhalten der Frau zu erklären.
„Die werfen ihre Post einfach in die Postautos?“
„Offenbar ist das hier so.“
In einem kleinen Wäldchen zeigte Yvonne aufgeregt auf die rechte Seite der schmalen Fahrbahn und rief: „Dort brennt es!“
Wissend stoppte Sam das Auto. Beide stiegen aus und gingen auf das Haus zu, auf dem ein Mann das Dach mit einem Hochdruckreiniger bearbeitete. Der Mann hatte sie entdeckt, schaltete seine Höllenmaschine aus und stieg vom Dach.
„Sie kommen mir aber bekannt vor“, sagte der Mann. „Suchen Sie wieder nach einem Weg?“
„Oh nein“, antwortete Sam. „Wir machen nur eine Fahrt ins Blaue. Sind Sie mit Ihrem Dach immer noch nicht fertig?“
„Man ist nie fertig mit dem Hochdruckreinigen.“
„Ach so. Wir wundern uns heute ganz besonders über die Sitten und Gebräuche in dieser Gegend. Gerade versuchte eine Frau, Briefe in unser Auto zu werfen. Ist das hier so üblich?“
„Für gewöhnlich nicht. Aber meine Frau versucht das manchmal. Das könnte sie gewesen sein. Gelegentlich überraschte sie früher auch unseren Zeitungszusteller mit einer Oben-ohne-Vorstellung. Wir haben das Zeitungsabonnement allerdings vor Kurzem gekündigt.“
Yvonne war auf der Weiterfahrt nachdenklich geworden: „Sag mal, Sam, sind das die Leute, die die Angelsachsen hier vergessen haben, als sie nach England zogen?“
„Keine Ahnung, aber es macht ein bisschen den Anschein. Doch die Engländer sind meines Wissens auch nicht ganz frei von merkwürdigen Verhaltensweisen.“
Auf der Weiterfahrt erzählte Sam von der Tour, die er mit KR vor rund einem Jahr in dem gestohlenen Lieferwagen unternommen hatte und in der Nähe von Schleswig besuchten sie das Haithabu-Museum. Sie waren beeindruckt von dem Ort, der vom achten bis zum elften Jahrhundert einer der wichtigsten Handelsplätze der Wikinger gewesen war. Yvonne war wieder etwas ruhiger geworden, weil die Menschen hier keine besonderen Auffälligkeiten mehr zeigten.
„Erstens sind wir nicht mehr mitten in Angeln und zweitens sehen wir hier nicht unbedingt die Eingeborenen, sondern die Besucher, die aus allen Teilen der Welt kommen“, erläuterte Sam.
Und tatsächlich: Solche Erlebnisse wie in Angeln hatten sie während der ganzen Reise durch Schleswig-Holstein nicht mehr gehabt.
„Irgendwie vermisse ich KR schon jetzt.“
„Er wird in Ruhe rechnen“, sagte Sam, dem KR ebenfalls fehlte. „Und eine Zeitreise hast du nun eigentlich auch schon gehabt. Reicht dir das nicht schon?“
„Nun, wir selbst blieben ja in der Gegenwart. Nur, was wir gesehen haben, war zeitlich manchmal etwas zurückgeblieben. Eine richtig echte Zeitreise war das in meinen Augen noch nicht.“
In Husum machten sie einen kleinen Spaziergang am Hafen und Sam bemerkte, dass Husum der Geburtsort eines sehr berühmten Schriftstellers ist.
„Du meinst Theodor Storm“, sagte Yvonne.
„Nein“, korrigierte Sam. „Ich meine Heinz Hoffmann.“
„Der mit den Chips?“
„Genau.“
Nach einer guten Woche traten sie die Heimreise an und kehrten erholt und guter Dinge in den Vorort eines Vorortes von Malmö zurück, in dem Yvonnes Haus lag. Mit ihrem Reisegepäck eilten sie zum Haus.
„KR ist weg!“, rief Yvonne aufgeregt.
„Und mit ihm das ganze Equipment!“, staunte Sam fassungslos.
„Wir hätten ihn nicht alleinlassen dürfen!“
„Vielleicht ist er auf einer Zeitreise und taucht gleich wieder auf“, hoffte Sam.
Yvonnes Blick verfinsterte sich, aber das sah nur so aus. In Wirklichkeit dachte sie konzentriert nach und murmelte: „Die roten Sticks führen den Benutzer in die Gegenwart zurück, allerdings für den Bruchteil einer Sekunde vor dem Start ...“
Sam hielt Yvonnes Gemurmel für eine nostalgische Reminiszenz, bis sie ausrief: „Er kann nicht auf einer Zeitreise sein!“
„Warum nicht?“
„Er wäre einen Sekundenbruchteil vor seiner Abreise wieder hier.“
„Ja, wenn er einen der roten Sticks aktivierte. Aber vielleicht ist er momentan daran gehindert“, warf Sam ein.
„Und warum ist er denn mit dem gesamten Elektrofirlefanz verschwunden?“
„Weil eine Zeitreise mit den verdammten Sticks die gesamte Verbindung mit sich reißt. Erinnerst du dich? Dieser Kerl im Flughafenterminal war mitsamt dem Laptop verschwunden, und ich musste mit KR in den Dreißigjährigen Krieg ziehen, weil ich den blauen Stick noch an den Fingern hatte, als ich ihn in KRs USB-Port steckte.“
„Das ist wohl richtig, aber warum liegt denn das Verbindungskabel zum Router noch auf dem Fußboden? KR hat bekanntlich keine Hände.“
„Vielleicht war der Zug in die Vergangenheit so heftig, dass er die Kabelverbindung aus KRs Port gerissen hat …“, versuchte sich Sam noch ein letztes Mal.
Yvonne war bei klarem Verstand: „Das halte ich für sehr unwahrscheinlich, geradezu unwahrscheinlich unwahrscheinlich, wenn die Zeitreise die gesamte Verbindung mit sich reißt.“
„Wahrscheinlich hast du recht“, gab Sam resignierend zu. „Aber was ist denn nach deiner Meinung geschehen?“
„Er wurde geklaut!“
„Dann kann es eine gefährliche Sache werden. Sowohl für den Dieb als auch für KR.“
„Wir müssen nach Spuren suchen, nachdenken und einen Plan entwickeln.“
„Und das alles ohne KR …“, sinnierte Sam, dessen Miene so etwas ähnliches wie Hoffnungslosigkeit wiederspiegelte.
In einem abgedunkelten Zimmer, in dem es leicht süßlich roch, schaltete sich KR ein und checkte sein Equipment:Die Verbindungskabel sind allesamt abgezogen und ich kann in der Dunkelheit nicht erkennen, ob alle Gerätschaften zumindest in diesem Raum sind. Außerdem weiß ich noch nicht einmal, welcher KR ich derzeit bin, der schmucke oder der schmuddelige. Ein Funknetz ist hier im Moment nicht vorhanden und ich habe keine Verbindung zum Stromnetz. Mein Akku hat nur noch 15%. Ich muss also auch noch Strom sparen! Ob ich wohl auf einer Zeitreise bin? Dann wäre es mit dem Strom problematisch. Mal sehen, was hier demnächst passiert. KR schaltete sich vorsichtshalber wieder aus.
Yvonne und Sam hatten im Garten Spuren von zwei Fahrrädern entdeckt, wobei hinter einer Fahrradspur zwei parallel verlaufende Spuren zu sehen waren.
„Es waren vermutlich zwei Diebe und die Parallelspuren deuten darauf hin, dass sie einen Anhänger dabei hatten“, stellte Yvonne fest.
„Okay Sherlocka! Dann müssen sie aus der eher näheren Umgebung stammen“, ergänzte Sam. „Was meinst du, sollen wir Polizei und Versicherung einschalten?“
„Sherlocka?“
„Gender! Die weibliche Ausgabe von Sherlock.“
„Ach so. Aber Polizei und Versicherung einzuschalten, halte ich für keine gute Idee.“
„Warum nicht?“
„Denk doch mal nach. Wenn die Versicherung oder die Polizei KR und seine Ausrüstung finden, könnte es zu einemplötzlichen Verschwinden von Menschenkommen, oder?“
„Hmm, wahrscheinlich hast du recht. Aber wie willst du denn allein ermitteln? Und das auch noch ohne KR! Und vielleicht sind sie ja schon allesamt über die Zeitgrenzen hinweg abgezittert.“
„Das ist zwar möglich, doch so schnell sollten wir die Flinte nicht ins Korn werfen. Es besteht ja noch die Hoffnung, dass KR irgendwas unternimmt.“
„Etwa Schlager dudeln?“
„Ha! Damit würde er die Halunken zumindest erst mal in den Wahnsinn treiben“, versuchte Yvonne wenigstens amüsiert zu klingen. „Du solltest jetzt das Funknetz im Haus wieder aktivieren, damit wir notfalls telefonieren können.“
Sam fingerte am Router herum: „Voilà!“ Im selben Moment klingelte Yvonnes Smartphone: „Yvonne Gustafsson!“, meldete sie sich.
„Guntram von Franckenbergh am Apparat. Sie wünschen eine Sinnermittlung?“, kam es vom anderen Ende der Verbindung.
„Äh, nein, wieso?“
„Hmm. Auf meinem Display erschien Ihre Nummer alsunbeantworteter Anruf. Da habe ich einfach zurückgerufen. Sie haben einen skandinavischen Akzent.“
„Sie rufen ja auch in Schweden an und mein Deutsch ist nicht gerade vom Feinsten.“
„Ihr Deutsch ist ausgezeichnet, wenn ich Ihnen da widersprechen darf.“
„Dankeschön! Aber eine Sinnermittlung brauche ich wirklich nicht. Ich weiß ja noch nicht einmal, was das ist.“
„Dann möchte ich mich für die Störung entschuldigen. Vermutlich bin ich im falschen Buch.“
„Oh, es war trotzdem nett, mit Ihnen zu plaudern. Vielen Dank und auf Wiederhören“, beendete sie leicht verwirrt das Gespräch.
„Wer war das denn?“, fragte Sam.
„Das war ein Mann aus Deutschland, der fragte, ob ich eine Sinnermittlung wünsche.“
„Eine Sinnermittlung? Was ist das denn?“
