Jemand wie du - Xavier Bosch - E-Book

Jemand wie du E-Book

Xavier Bosch

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Beschreibung

Jean-Pierre Zanardi, der an der Rive Gauche eine Kunstgalerie betreibt, ist ein Freigeist. Paulina Homs lebt mit ihrer Familie ruhig und zufrieden in Barcelona – bis sie allein zur Hochzeit ihrer Cousine Júlia nach Paris reist. Es werden fünf Tage, die ihr Leben verändern sollen. Denn in Jean-Pierre Zanardi, der auch zur Feier kommt und ihr Tischherr ist, begegnet Paulina einem Mann, der nicht nur wie Marcello Mastroianni aussieht und in den schönsten Buchhandlungen der Welt antiquarische Bücher über Schmetterlinge sucht, sondern jeden Augenblick in etwas Besonderes zu verwandeln weiß. Fasziniert von seiner Art, das Leben und die Liebe zu sehen, lässt Paulina sich auf eine leidenschaftliche Liebesaffäre ein, die ihr ganzes weiteres Leben bestimmen wird, auch wenn wie sich nach diesen wenigen intensiven Tagen schweren Herzens von Jean-Pierre losreißt und die Liebenden sich nur noch ein einziges Mal begegnen sollen …Jahre später findet Gina in einem Buch über Schmetterlinge, das aus einer Buchhandlung in London stammt, merkwürdigerweise eine Visitenkarte ihrer früh verstorbenen Mutter Paulina Homs, auf der »Apelle-moi! – Ruf mich an!« geschrieben steht. Gina, die wenig über ihre Mutter weiß und von der großen Liebe so gar nichts hält, beginnt zu recherchieren und stößt auf eine unglaubliche Geschichte und den bewegendsten Liebesbeweis der Welt …

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Wir danken dem Institut Ramon Llull für die freundliche Unterstützung der Übersetzung dieses Buches.     ISBN 978-3-85179-414-4 Alle Rechte vorbehalten © 2015 by Xavier Bosch © 2015 für die katalanische Ausgabe: Columna Edicions, Llibres i Communicació, s.a.u. © 2015 für die spanische Ausgabe: Editorial Planeta, s.a. Titel der katalanischen Originalausgabe: Algú com tu Übersetzung aus dem Katalanischen von Petra Zickmann © 2018 für die deutschsprachige Ausgabe: Thiele Verlag in der Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, München und Wien Covergestaltung: Christina Krutz, Biebesheim am Rhein Covermotiv: Nathaniel Goldberg/Trunk Archive Konvertierung: CPI books GmbH, Leckwww.thiele-verlag.com   Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Inhaltsverzeichnis

Cover & Impressum

Zitate

  1. Eine rätselhafte Gestalt

  2. Ein Liebhaber in deinen Armen

  3. Kein guter Tag

  4. Dritter Stock ohne Aufzug

  5. Frauen enthaaren sich

  6. Mit dem Bierglas in der Hand

  7. Von allen Büchern dieses eine

  8. Ich habe euch an denselben Tisch gesetzt

  9. Als hätte die Welt um uns aufgehört zu existieren

10. Im Schatten von Notre-Dame

11. Bulgarische Liebeslieder

12. Eine Viertelstunde vor dem Weltende

13. Dreimal um den Block

14. Fliegende Blumen

15. Eine Terrasse über dem Watergate Walk

16. Der Spaziergänger

17. Eine Welt in der Welt

18. Und plötzlich bricht die Klippe

19. Wir haben die Worte, die wir verdienen

Guide

  

Für meine Eltern Jordi und Maria Rosa.

Auch wenn sie es nicht lesen, war ich es ihnen schuldig.

 

 

 

Die Liebe wird aus der Erinnerung geboren,

lebt von der Intelligenz

und stirbt am Vergessen.

 

RAMON LLULL

 

 

 

Parle-moi de ma mère!

 

DON JOSÉ ZU MICAELA

CARMEN VON GEORGES BIZET, 1. AKT

 

 

 

Ich bitte dich lediglich darum, aus unserer Geschichte keinen Roman zu machen.

Sie soll nur uns beiden gehören.

 

PAULINA

1.

Eine rätselhafte Gestalt

Nie werde ich den Moment vergessen, in dem ich dich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe.

»Ich wette, sie kommt morgen nicht in die Schule«, flüsterte Àxel.

»Und woher willst du das wissen?«, flüsterte ich noch leiser zurück.

Vielleicht hätte ich nie ein Auge auf dich geworfen, wenn Àxel nicht diese Wette vorgeschlagen hätte, als er dich mitten im Unterricht weggehen sah.

»So, wie sie abgeholt wird, kommt Gina nicht wieder.« Wir schauten beide aus dem Fenster, sahen dich an der Hand dieses Mannes, der mit ruhigen Schritten davonging und dich mitnahm, und Àxel fügte hinzu: »Jedenfalls nicht vor Montag.«

»Ihr zwei da hinten … Würdet ihr bitte den Mund halten?«

Mit Ayuso, dem Bibliothekar der Schule, war nicht gut Kirschen essen. Er war der Philosophielehrer der höheren Klassen, und obwohl er uns ein ums andere Mal zur Ordnung rufen musste, hatte er sich unsere Namen zum Glück immer noch nicht gemerkt. Tatsächlich war den Neunjährigen der Zutritt zum Paradies der Buchstaben nur einmal in der Woche gestattet, mittwochs nach dem Essen. Irgendein schlauer Padägoge hatte sich gedacht, es würde den Reiz des Bibliothekssaals erhöhen, wenn man ihn zum verbotenen Ort erklärte, weil wir dadurch Lust bekämen, uns öfter dort aufzuhalten, in den Regalen zu stöbern und in Geschichten zu blättern, bis wir auf eine stießen, die uns packte. Auf dieses eine Buch – jeder auf sein ganz persönliches natürlich –, das die Freude am Lesen in uns wecken würde.

Für Àxel und mich jedoch war die Bibliothek vor allem der ideale Ausguck. Ja, sicher gab es dort Regale über Regale voller Bücher, ordentlich aufgereiht, mit dem Rücken nach vorne und sortiert nach Ayusos System – einem gewiss sehr ausgeklügelten System –, aber wir saßen lieber an der anderen Seite des Raumes vor dem großen Fenster. Wir legten irgendein Buch aufgeschlagen vor uns auf den Tisch, unterhielten uns flüsternd und beobachteten derweil den Hof mit den drei Pinien, während Ayuso an seinem hochherrschaftlichen Schreibtisch saß und, eine winzige Brille auf der Nasenspitze, uralte Postkarten von Barcelona archivierte.

Àxel und ich hatten entdeckt, dass das große Fenster der Bibliothek ein strategischer Aussichtspunkt war, von dem aus man das gesamte Schulgelände überblicken konnte. Das Auge erfasste alles, von der Tür zur Turnhalle und den Umkleiden für die Jungen und Mädchen bis zum Haupttor, hinter dem man, wenn man den Hals reckte, noch ein Stückchen vom Carrer de Bellesguard erspähte, einer Sackgasse, in der die Frühaufsteher unter den Lehrern ihre Autos nebeneinander parken konnten. Auf der anderen Seite des großen Bibliotheksfensters lagen der Zeichensaal und, neben einer halb vertrockneten Bougainvillea, die Tür zum Sekretariat, wo sich im Falle von Verletzungen oder Kopfschmerzen auch Erste Hilfe, Zuflucht und Trost finden ließen.

Mittwochs zwischen drei und vier war den drei Pinien auf dem Schulhof für eine Weile Ruhe vergönnt. Weder mussten sie als Torpfosten herhalten, noch band man ihnen Springseile um die Stämme. Wenn alle Kinder in ihren Klassenräumen waren, ging kaum noch jemand über den Hof. Nachdem der Abwasch erledigt war, schlurften die Köchinnen davon. Das Aufsichtspersonal des Speisesaals schwang sich auf die Fahrräder und verschwand eilig den Carrer de Bellesguard hinunter, um den Nachmittag zu genießen und sich ins Leben zu stürzen. Wenn wir mittwochs zwischen drei und vier mit der gesamten 3c in der Bibliothek waren, sahen wir hin und wieder Eltern durch das Schultor kommen und direkt aufs Sekretariat zusteuern, um aus dem Mund des Klassenlehrers das Urteil über ihr Kind zu vernehmen. An jenem heißen Mittwoch jedoch, einem Maitag, an dem es uns in unseren Schuluniformen schon zu warm wurde, sahen wir zu einer Zeit, zu der sonst nur der Wind und die Stille durch den Pausenhof strichen, eine rätselhafte Gestalt.

Aus einem Taxi, das unmittelbar vor dem Schultor hielt, stieg ein Mann, der ungefähr im Alter unserer Eltern sein mochte, aber keiner der uns bekannten Väter war. Er trug Krawatte. Einen dunklen Anzug und eine Krawatte. In unsere Schule kamen nur sehr selten Krawatten.

»Sieh mal, Biel!«

Àxel deutete auf etwas, aber ich verstand nicht, was er meinte.

»Das Taxi wartet.«

Ich mag die Taxis von Barcelona, gelb und schwarz, eine schwer verdauliche Farbkombination, die einem Auto aber viel Persönlichkeit verleiht. In Buenos Aires sind die Taxis übrigens auch gelb und schwarz.

Der Mann mit der Krawatte hatte dichtes, störrisches, schwarzes Haar und stieg mit müdem Schritt die Stufen von der Straße zum Schulgebäude hinauf. An der Tür zum Sekretariat wurde er von der Schulleiterin mit sehr ernster Miene empfangen. Daraus schloss Àxel, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Besuch handelte. Die Direktorin, Senyora Ramos, trat nur widerstrebend und ausschließlich in heiklen Fällen in Erscheinung. Sie schüttelten einander die Hand, gingen ins Sekretariat, und damit verloren wir die weitere Entwicklung für einige Minuten aus dem Blick. Das Gespräch war jedoch offenbar kurz, denn die Direktorin kam allein wieder heraus und strebte, hochaufgerichtet und mit kerzengeradem Rücken – entweder wegen eines Bandscheibenschadens oder weil sie wie eine strenge Tänzerin wirken wollte –, schnurstracks auf den Zeichensaal zu. Jeden Mittwoch, während wir, die 3c, nach der Mittagspause in die Bibliothek mussten, hattet ihr, die 3b, Unterricht im Zeichnen oder Modellieren. In jener Woche sollten alle Drittklässler Joan Mirós Haus in Mont-roig del Camp abmalen, das Torío an die Wandtafel gehängt hatte. Nicht schlecht. Einen Miró kopieren, und das in einer Stunde. Und mit so vertrockneten Farben, dass es, als wir sie endlich mit Wasser aufgeweicht hatten, schon Zeit war, das Blatt abzugeben. Prima Typ, dieser Torío. Was vielleicht am Fach liegen mochte. Trotzdem machte auch er, als er mit der Direktorin aus dem Zeichensaal kam, ein ernstes Gesicht. Dann gingen sie wieder hinein, und im nächsten Augenblick sagte Àxel, der von seinem Platz aus besser sehen konnte:

»Sieh nur, Biel, sieh nur! Sie nehmen Gina mit.«

Torío blieb in der offenen Tür des Zeichensaals stehen, und die Direktorin ging mit dir weiter zum Sekretariat, und da dachte ich, das ist ja seltsam.

»Was mag sie angestellt haben?«, fragte ich Àxel.

Noch ehe ihr das Sekretariat erreicht hattet, kamen der geheimnisvolle Mann und deine Klassenlehrerin, deren Namen ich nicht mehr weiß, wieder heraus, sie hängte dir den Rucksack über und gab dir – ganz mütterlich, wenn ich das so sagen darf – rechts und links einen Kuss. Und die Direktorin, die noch nie jemandem ein Küsschen gegeben hatte, beschränkte sich darauf, dir mit kühler Geste über die Wange zu streicheln. Der Mann aber wirkte sehr entschieden, nahm dich bei der Hand und entfernte sich langsam mit dir Richtung Straße. Als ihr am Zeichensaal vorbeikamt, winkte dir Torío mit einem Pinsel Lebewohl und lächelte dir zu, soweit ich das aus der Ferne beurteilen konnte. Ich musste mir eh schon den Hals verdrehen, um etwas zu sehen.

»Meinst du, sie haben sie rausgeworfen?«

»Gina?«

»Warum bringen sie sie wohl fort?«

»Der Mann ist jedenfalls nicht ihr Vater …«

»Wer soll es denn sonst sein?«

»Ihr Vater hat einen Schnurrbart, und diesen Mann habe ich noch nie gesehen.«

Und während Ayuso damit beschäftigt war, einen schusseligen Schüler zusammenzustauchen, weil dieser Italo Calvinos Der Baron auf den Bäumen zu spät zurückbrachte, spekulierten Àxel und ich darüber, warum man dich der Schule verwiesen haben mochte.

»Sie hat vielleicht Geld geklaut«, schlug einer von uns vor.

»Geld, wo?«

»Aus dem Lehrerzimmer vielleicht«, überlegten wir.

»Oder sie haben sie in der Jungenumkleide erwischt.«

Wir mussten lachen.

»Ja, sie ist reingegangen, hat sich ausgezogen und den Jungs von der 3b ihre Muschi gezeigt.«

Ayuso, der an der Tür stand, brüllte uns an. Wir taten, als wären wir in unsere Lektüre vertieft und fühlten uns gar nicht angesprochen, gingen jedoch wispernd weitere Möglichkeiten durch. Zu diesem Zeitpunkt hattet ihr, der schweigsame Mann, der dich abgeholt hatte, und du, die Schule bereits verlassen und wart ins Taxi gestiegen. Der Fahrer hatte die Wartezeit bei laufendem Taxameter genutzt, um den Wagen zu wenden, damit er aus der Gasse direkt auf den Carrer de Bellesguard fahren konnte.

»Vielleicht sind ihre Eltern gestorben …«

»Ihre Großeltern, meinst du wohl. Wie kommst du auf ihre Eltern?«

In diesem Augenblick, an einem heißen Mittwoch im Mai gegen vier Uhr nachmittags, als ich durch das Fenster der Bibliothek auf die drei Pinien im Hof einer Schule starrte, die den Namen eines Heiligen trug, und Ayuso zu einer phantasmagorischen Figur wurde, die ständig vor sich hin schimpfte, brach für mich eine Welt zusammen. Mich erfasste plötzlich die erschreckende Erkenntnis, dass auch Eltern sterben konnten. Das hatte mir bis dahin noch niemand gesagt. Ich hatte auch noch nie darüber nachgedacht. Und mit einem Mal gerieten alle meine Gewissheiten ins Wanken. Ein Risiko hielt Einzug in mein Leben. Eine neue, unbekannte, tiefe Angst.

»Àxel, glaubst du wirklich, dass unsere Eltern sterben können, solange wir noch Kinder sind?«

Er erzählte mir, er habe einen Vetter, dem das passiert sei, und behauptete, es stimme nicht, dass Eltern erst sterben, wenn sie alt sind. Na ja, jedenfalls nicht unbedingt. Ich wollte es nicht glauben, und als meine Mutter mich abholte und wir in unseren R5 stiegen, fragte ich sie, ob es wahr sei, dass … Ich musste mich überwinden, das Thema zur Sprache zu bringen, und hoffte, es sei nur eine Erfindung von Àxel. Die genaue Antwort meiner Mutter weiß ich nicht mehr, aber ich begriff, dass jeder in jedem Alter und jederzeit abkratzen konnte. Wie die drei Rotaugen, die wir zu Hause hatten und die nacheinander im Aquarium eingegangen waren, einfach so, adéu, ohne dass wir je erfahren hätten, warum. Kannst du dir vorstellen, wie erschüttert ich war? Deshalb habe ich gesagt, dass ich den Tag, an dem du mir zum ersten Mal aufgefallen bist, nie vergessen werde. Natürlich wusste ich auch vorher schon, wer du warst. Gina, ein Mädchen aus der Parallelklasse, eines der besten im Turnen, von dem ich allerdings nicht einmal den Nachnamen kannte.

Senyoreta Núria, unsere Klassenlehrerin, teilte es uns am folgenden Tag mit. Sie stand an der Tafel, mit ernster Miene, und sagte, wir müssten uns für den Rest des Schuljahres um Georgina Castro kümmern und nett zu ihr sein, wenn sie traurig wäre, denn ihre Mutter sei gestorben. Keine Schulklasse neunjähriger Jungen und Mädchen hatte Senyoreta Núria jemals so aufmerksam zugehört. Und Núria hatte in ihren dreizehn Jahren als Lehrerin noch nie so betroffene Mienen gesehen. Um mich herum sah ich mehr als einen Mitschüler erbleichen, als unvermutet dieselbe Erkenntnis über ihn hereinbrach, die auch mich verstört hatte. Jemand schluchzte sogar. Ich glaube, es war eine Freundin von dir. Und du tatest uns furchtbar leid. Àxel, der das Interesse des künftigen Journalisten schon erahnen ließ, erkundigte sich bei Senyoreta Núria, ob Ginas Mutter plötzlich oder an einer schlimmen Krankheit gestorben sei.

»Es war eine Gehirnblutung«, sagte Gina, die Biels bekümmertem Monolog zugehört und gegen ihre eigene Wehmut angekämpft hatte.

So hatte man es uns damals nicht gesagt. Stattdessen hieß es nur, Ginas Mutter habe sich auf einmal nicht wohlgefühlt und sei dann gestorben. Und von da an, wann immer meine Eltern sich nicht wohlfühlten oder aus irgendeinem Grund schlecht aussahen, machte ich mir insgeheim Sorgen, auch wenn ich es niemandem sagte, und wünschte mir, der Arzt käme und würde sie sich ansehen. Und lauschte, ob sie gleichmäßig atmeten. Und ob sie …

»Biel, darf ich mal etwas klarstellen?«

Gina hatte zu frösteln begonnen.

»Klar.« Biel, der neben ihr lag, starrte an die Decke und streichelte die Härchen auf ihrem Unterarm. »Nur zu …«

»Du hattest die Gefährlichkeit des Lebens entdeckt. Und das finde ich sehr bedauerlich. Deine Unschuld war im Eimer. Aber diejenige, der es damals den Boden unter den Füßen weggezogen hat, bin ich. Mir war die Mutter weggestorben. Einfach so. Mit einunddreißig. Von jetzt auf gleich, gute Nacht.«

»Na, hör mal, ich …«

»Morgens bringt sie dich noch zur Schule, und mittags holt dich dein Onkel ab, bringt dich im Taxi nach Hause, und während er dir ein Glas Milch hinstellt, sagt er dir, was geschehen ist.«

»Mensch, Gina, ich wollte doch nicht … Ich habe das doch nur erzählt, weil Àxel die Wette sonst gewonnen hätte. Weil er damit fein raus gewesen wäre. Wenn es an einem Mittwoch passiert war, dann kamst du doch tatsächlich vor Montag nicht wieder in die Schule.«

»Das weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich überhaupt nicht an diese Tage. Als hätte es sie nie gegeben. Und weißt du, was das Allerschlimmste ist? Dass ich mich nicht an meine Mutter erinnere. Weder an ihre Stimme noch an ihren Geruch, an nichts, an rein gar nichts. Ich war erst neun, wie sollte es auch anders sein? Wenn ich es mir hätte aussuchen können« – sie lächelte, um Biel nicht länger zu strafen – »hätte ich es vorgezogen, sämtlichen Drittklässlern meine Muschi zu zeigen.«

2.

Ein Liebhaber in deinen Armen

Nur einer hatte die Brille, mit der man dreidimensional sehen konnte, nicht aufgesetzt. Im gesamten Parkett befand sich unter den gut zweihundert Zuschauern, die auf eine nicht sichtbare Leinwand starrten, nur ein einziges Kind, das seine eigene Brille trug und kaum etwas erkennen konnte, weil es den ganzen Film mit eigenartig gedoppelten Konturen anschauen musste. Es war ein Titelfoto der Zeitschrift Life. »J. R. Eyerman, 26. November 1952«. Mehr Information ging aus der Bildunterschrift nicht hervor. Ein Schnappschuss in Schwarzweiß, entstanden bei der Premiere des ersten 3D-Films in den Vereinigten Staaten. Das Poster hing in Ginas Zimmer an der Wand. Das geschniegelte Publikum – die Frauen in schicken Kleidern, die Männer in Schlips und Kragen –, das mit Ausnahme des kleinen Jungen Brillen aus weißer Pappe auf der Nase hatte, brachte Gina zum Lachen. Alle schienen stolz, Zeugen eines Ereignisses zu sein, wie es in der jahrtausendelangen Existenz der Menschheit noch nie eines gegeben hatte. Was die Premierengäste nicht ahnen konnten, war, dass sie selbst in die Geschichte eingehen würden, weil ihre staunenden Gesichter auf einer Fotografie verewigt worden waren, von der sie nicht einmal etwas mitbekommen hatten. Ansammlungen von Menschen, von denen keiner mehr am Leben war, faszinierten Gina. Viele Leute, viele Gesichter, in verschiedenen Ebenen aufgereiht, und natürlich in Schwarzweiß. Ob Fußballfans auf einer altertümlichen Tribüne, Nazis bei einer Militärparade oder der Strom einfacher Bürger beim Sonntagsspaziergang auf der Rambla aus einer Zeit, als die Männer noch flache Hüte trugen.

Gina betrachtete ihre Gesichter, stellte sich ihr Leben vor und dachte immer dasselbe: Sie sind alle tot. Dies war ihre ganz persönliche Art, das fürchterliche, hartnäckige Gefühl der Vergänglichkeit zu ertragen, das mehr oder weniger an uns allen nagt, so angestrengt wir es auch zu überspielen suchen.

Gina, die sich nie schminkte, gab ihren dichten Wimpern mit einer Spezialzange Schwung. Mit hochgesteckten Haaren schlüpfte sie in das dunkelgrüne Kleid, das sie auf den Boden gelegt hatte. Sie stieg hinein und zog es mit einer mechanischen Geste hoch. Dann schloss sie die drei Knöpfe an der Hüfte, betrachtete sich in dem Spiegel neben dem Poster, öffnete das Fenster, um zu lüften, strich den bedruckten Bettüberwurf glatt, griff nach der Mappe und den Kopfhörern ihres Walkmans und hastete aus dem Zimmer, um sich auf den Weg zur Universität zu machen. Vom Flur aus hörte sie das Schnarchen.

»Ich gehe jetzt.« Ihr Vater, der reglos im Sessel saß, hatte sie nicht gehört. Ihn weckte nicht einmal die Schlussmelodie der Fernsehnachrichten. Sie trat zu ihm und wiederholte etwas lauter:

»Ich gehe.«

Es nützte nichts, er schlief wie ein Murmeltier. Die tägliche Siesta in seinem geliebten Ohrensessel, der seit jeher zu Hause im Esszimmer gestanden hatte. Schon auf den Fotos von der Wohnung der Großeltern war dieser Sessel zu sehen. Allenfalls hatte man ihn, um dem Zahn der Zeit entgegenzuwirken, frisch aufgepolstert und mit einem dunkleren, weniger empfindlichen Samt bezogen, damit er wieder aussah wie neu. Sie rüttelte ihren Vater an der Schulter.

»Wie ein Siebzigjähriger.«

»Was?«

»Dauernd pennst du vor dem Fernseher ein.«

»Ich bin müde«, murmelte er mit geschlossenen Augen.

»Ich gehe. Bis morgen dann.«

»Wohin?«

»Zur Vorlesung, Papa«, sagte sie und dachte: Wohin denn sonst?

»Bis morgen?«

Gina hatte nicht die Absicht, weitere Erklärungen abzugeben, sie stellte sich taub und ging den Flur entlang, in der Hand den Motorradhelm und im Ohr die Musik von Gloria Gaynor, die aus einem weichen, runden Ohrstöpsel kam.

»Wo du hinwillst, habe ich dich gefragt.«

Ihr Vater war aufgewacht. Er klang verärgert.

»Zur Vorlesung.«

»Du hast bis morgen gesagt …«

»Wolltest du nicht nach Bilbao?«

»Na und? Ich will wissen, wo du hingehst, auch wenn ich nicht zu Hause bin.«

»Das wird sich weisen, sobald ich aus der Uni komme.«

Es war nicht das erste Mal, dass Gina auf ihr Recht pochte, Geheimnisse zu haben.

»Aber du könntest mir wenigstens sagen, was du vorhast.«

»Keine Ahnung, Papa. Erstens weiß ich noch nicht, wo ich nach der Vorlesung hingehen werde, weder mit wem noch bis wann. Und zweitens bin ich achtzehn Jahre alt und kann machen, was ich will.«

»So siehst du aus!« Jetzt war er hellwach. »Selbst wenn du achtundzwanzig wärst, kannst du nicht machen, was du willst. Solange du die Füße unter meinen Tisch streckst, will ich wissen, was du tust und wo du bist.«

»Und was ist mit dir?«

»Mit mir, wieso?«

»Du erzählst mir doch auch nichts. Immerhin strecken wir beide die Füße unter denselben Tisch …«

»So weit kommt’s noch!«

»Mit wem fährst du denn nach Bilbao?«

Ihr Vater, den Hintern fest im Sessel, hatte nicht die geringste Lust, ihr zu erzählen, dass er allein reisen und den letzten Flieger von Barcelona nach Bilbao nehmen würde, um am folgenden Tag in Galdakao einen Termin mit dem Anwalt eines Herstellers von Scheibenwischergestängen wahrzunehmen, und dass er den Flughafen von Sondika hasste, weil es dort immer so windig war und die Maschine bei der Landung schwankte, als wollte sie mit den Tragflächen über den Boden schrammen, noch bevor die Räder aufsetzten. Ausgerechnet auf dem in diesem stürmischen Tal gelegenen Flughafen hatte er schon einige üble Erfahrungen gemacht. Manuel Castro – damit das klar ist – mochte keine Flugzeuge und benutzte sie nur, wenn es unvermeidlich war. Dann betete er während des gesamten Startvorganges, solange die Nase des Fliegers höher war als das Heck, ein Vaterunser nach dem anderen, ohne die Lippen zu bewegen, bis das Lämpchen erlosch und er den Sicherheitsgurt öffnen durfte. Das verstand er als beschwichtigende Geste des Piloten, der seinen Passagieren damit augenzwinkernd mitteilte, dass die Lage unter Kontrolle war und sie nichts zu befürchten hatten, bis das Signal wieder aufleuchtete. Doch statt irgendetwas davon zu sagen – Manuel behielt schon seit Jahren alles für sich –, musterte er Gina von oben bis unten.

»Und in diesen Leichenklamotten lassen sie dich in die Universität?«

»Musst du schon wieder davon anfangen? Du bist …«

Sie verabscheute den Tonfall, in dem ihr Vater »Leichenklamotten« sagte. Er presste das Wort mit einer Verachtung zwischen den Zähnen hervor, die sie wütend machte. Es kränkte sie. Sie konnte es nicht ertragen, wenn er sich wegen ihrer Kleidung, die sie secondhand kaufte, mit ihr anlegte. Oder wegen ihrer Art zu leben. Zu lachen. Zu denken. Zu essen – wenig und gesund. Sie schnappte sich die Schlüssel von ihrem Roller, die über dem Flurschränkchen an der Rakete von Tim und Struppi hingen, ging grußlos aus der Wohnung und zog, sachter, als ihr zumute war, die Tür hinter sich ins Schloss.

Als sie um Viertel vor neun wieder nach Hause kam, war niemand mehr da. Isabel war kurz nach sechs gegangen, nachdem sie mit dem Bügeln fertig war und das Abendessen gerichtet hatte.

»Komm rein. Warst du etwa noch nie hier?«

»Wann sollte das gewesen sein?«

So wie Gina ihn im Aufzug abgeknutscht hatte, schwante Biel, dass ihm die Nacht seines Lebens bevorstand.

»Ich weiß nicht. Vielleicht warst du mal zum Spielen bei mir, als wir noch zusammen in die Schule gingen.«

»Nein.«

»Oder zu irgendeinem Geburtstagsfest?«

»Dafür waren wir nie eng genug befreundet.«

»Hätte ja sein können, was weiß ich …«

»Ist das dein Zimmer?«

»Nein, das von meinem Vater, Blödmann.« Gina trat ans Fenster. »Es geht auf den Hinterhof. Eine Garage mit Eternitdach ist nicht gerade die schönste Aussicht.«

»Ist ja gut. Nach einem Mädchenzimmer sieht es jedenfalls nicht aus«, versuchte er, sich herauszureden. »Wegen der Farben, meine ich, und so gar nicht kitschig …«

»Schon recht.«

Biels Blick richtete sich auf das Poster am Kleiderschrank.

»Tolles Foto.«

»Nur einer hat keine 3D-Brille auf. Mal sehen, ob du ihn findest.«

Biel trat dicht an das Bild heran. Er beschloss, systematisch vorzugehen. Aufs Geratewohl war nicht sein Stil. Er begann in der unteren rechten Ecke des Fotos und ließ den Blick im Zickzack aufwärts gleiten, Reihe für Reihe, Gesicht für Gesicht.

»Bist du sicher, dass einer keine Brille trägt?«

»Gibst du auf?«

»Auf keinen Fall.«

»Ein Tipp.« Gina schlang von hinten die Arme um ihn und grub ihr Kinn in seine Schulter. »Es ist ein kleiner Junge.«

Biel spielte den Gelassenen, während er weiter den Zuschauerraum absuchte, von links nach rechts und von unten nach oben.

»Ich habe ihn. Hier.« Er wies mit dem Finger auf die Stelle. »Ein kleiner Junge.«

»Habe ich doch gesagt. Meinst du, der lebt noch?«

»Tja …, wie alt wird er da gewesen sein? Zehn, zwölf? Natürlich kann er noch leben. Wie alt wäre er dann jetzt? So Ende vierzig …«

»Und die anderen?«

»Wenn das 1952 war … Weißt du, was diese Leute sich angesehen haben?«

»Ja, das habe ich in Erfahrung gebracht.« Sie kramte in ihrem Gedächtnis. »Bwana, der Teufel, den allerersten 3D-Film.«

Gleich zu Beginn ihres Studiums hatte Gina recherchiert, was es mit dem Poster auf sich hatte, das in ihrem Zimmer an der Tür des Kleiderschranks mit den Wintersachen hing. Bei der Metro-Goldwyn-Mayer gab es einen Drehbuchautor, Milton Gunzburg, dessen Bruder Augenarzt war. Die beiden Brüder entwickelten eine Kinoform, die sie Natural Vision nannten. Niemand interessierte sich dafür. Weder für sie noch für ihre Erfindung. Bis der Produzent und Radiomann Arch Oboler die enormen kommerziellen Möglichkeiten erkannte, die in dieser Aufnahme- und Projektionstechnik steckten, bei der die Zuschauer das Gefühl hatten, mitten im Geschehen zu sein, mit den Protagonisten über Klippen zu stürzen oder von Mördern attackiert zu werden. Bwana, der Teufel, einen Film über Männer, die von Löwen gefressen wurden, hatte Oboler selbst produziert. Wie es hieß – und niemand hatte dem je widersprochen –, basierte er auf einer wahren Begebenheit. Die Uraufführung fand am 26. November 1952 im Paramount Theatre von Hollywood, Los Angeles, statt, und dort schoss J. R. Eyerman das Foto, das die Zeitschrift Life auf ihrer Titelseite veröffentlicht hatte, lange bevor Gina Homs es in ihrem Zimmer aufhängte. Als sie in ihrem ersten Semester Kunstgeschichte an der Universität von Barcelona das Werbeplakat für den ersten 3D-Film aufgetrieben hatte, war sie hellauf begeistert. Der Slogan lautete: »A LION in your lap! A LOVER in your arms!«

»Ein Liebhaber in deinen Armen.« Gina schmiegte sich an Biel.

»Mir gefällt dein Zimmer«, gab er zurück. Er war einen Kopf größer als sie.

»Am liebsten mag ich das Bett.« Gina ließ ihn los, und mit einem Sprung, den sie offensichtlich nicht zum ersten Mal machte, warf sie sich auf die Matratze. Unter ihrem Fliegengewicht gab diese kaum nach. »Komm.«

Gina knöpfte ihr Kleid auf und ließ es auf den Teppich fallen. Leichenklamotten, dachte sie, so ein Quatsch. Büstenhalter und Slip – die nicht den Anspruch erhoben zusammenzupassen – überließ sie Biel. Der Junge, freudig erregt wie ein Fußballer vor dem Auswärtsspiel, wusste, dass nicht viel von ihm erwartet wurde. Er legte ihr eine Hand zwischen die Schenkel und die andere auf die Brust und war sicher, dass Gina, wenn sich seine Gitarristenfinger ordentlich Mühe gaben, schneller zum Höhepunkt kommen würde, als er das Concierto de Aranjuez spielen konnte. Schon mit den ersten Arpeggien überraschte er Gina, die sich dieser 3D-Erfahrung mit geschlossenen Augen hingab. Fünfzig keuchende Atemzüge später zog sie sich ein Kissen übers Gesicht und kam ohne einen Laut.

Rasch riss er sich die Kleider vom Leib und legte sich auf sie, drang mit erregten Stößen in sie ein, um schließlich viel zu hastig mit ihr gleichzuziehen. Als schriebe das Handbuch der Missverständnisse vor, dass es sich beim Sex um einen Wettkampf handelte, der immer unentschieden ausgehen musste.

Und kaum hatte er sich zurückgezogen, noch immer mit einem Puls von hundertzwanzig, stellte er ihr eine Frage. Die, die er nicht hätte stellen dürfen.

»Wie war’s?«

Schon seit ihrer frühesten Jugend konnte Gina diese verflixte männliche Manie, jede Nummer benoten zu müssen, nicht ausstehen. Als ließe sich alles auf eine simple Zahl reduzieren. Als glaubten die Männer aller Altersklassen, mindestens eine Eins verdient zu haben. Um sich nicht festlegen zu müssen und ihr Bett nicht in ein Diskussionsforum über guten und schlechten Sex zu verwandeln, worauf sie partout keine Lust hatte, wich sie der Frage aus.

»Wer hätte gedacht, dass ich es mal mit dem hässlichsten Jungen der Klasse treiben würde!«

»Also, ich muss doch sehr bitten … Immerhin habe mich ganz gut gemacht, oder etwa nicht?«

»Gib dich nur keinen falschen Hoffnungen hin, aus uns wird kein Ehepaar.«

Sie lachten. Biel trocknete sich mit dem Handtuch ab, das Gina ihm im rechten Moment gereicht hatte, damit er das Laken nicht befleckte, und ließ es neben seine Schuhe auf den Boden fallen. Er atmete tief durch, legte sich auf den Rücken und schaute zur Decke. Sanft strich er über die Härchen auf Ginas Unterarm. Sie lagen nebeneinander und schwiegen, während sich ihr Herzschlag beruhigte. In diesem Zustand entspannter Erschöpfung überkam den jungen Mann mit der schiefen Nase und den buschigen Augenbrauen ein ungewöhnliches Mitteilungsbedürfnis.

»Nie werde ich den Moment vergessen, in dem ich dich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe.«

Biel – dankbar und euphorisch, weil er mit einer ehemaligen Klassenkameradin im Bett lag, von der er nicht einmal zu träumen gewagt hätte –, dämpfte die Stimme, als wären sie Schulfreunde im Ferienlager, die von Etagenbett zu Etagenbett Gedanken und Kümmernisse austauschten.

Er erzählte ihr von der Wette, die er an jenem Mittwochnachmittag mit Àxel in der Bibliothek abgeschlossen hatte, als ein Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hatten, durch den Hof mit den drei Pinien auf das Schulgebäude zugegangen war.

Der Mann habe mit ernster Miene diesen und jenen angesprochen, bis Gina Castro aus dem Zeichensaal geholt worden sei. Gina, die damals noch Georgina Castro hieß, habe das halbfertige Miró-Gemälde liegen gelassen, und der nette Torío habe ihr zum Abschied mit dem Pinsel zugewinkt, während die Direktorin der Schule hochaufgerichtet in der Tür zum Sekretariat gestanden und zugeschaut habe, wie der rätselhafte Mann und das Mädchen aus der 3c mit ihrem Rucksack in ein Taxi gestiegen und in die Welt entschwunden seien.

Gina hörte ihm zu, als beträfe die Geschichte gar nicht sie, als wäre jener Tag nicht der erschütterndste ihres Lebens gewesen. Sie verstand nicht, warum ihr, so schwer diese Stunden auch gewesen waren, nichts davon im Gedächtnis geblieben war, als hätte sie, was Biel ihr erzählte, allenfalls wie einen kurzen, nebulösen Traum erlebt. Auch hatte sie keine Ahnung, wie ihre Klassenkameraden vom Tod ihrer Mutter erfahren haben mochten. Sie hatte sich nie Gedanken gemacht, was sie wohl über sie redeten, nachdem sie, ohne es zu ahnen, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt war. Oder was ihre Mitschüler über sie dachten, wenn sie sie im Hof, im Speisesaal oder im Klassenraum sahen, das kleine Mädchen, das mit neun Jahren seine Mutter verloren hatte, einfach so, bumm, mit einem Schlag. Sie verstand nicht, welches seltsame Oxitocyn sie jenen Nachmittag in der Schule hatte vergessen lassen. Als wäre das alles niemals geschehen.

»Und weißt du, was das Allerschlimmste ist? Dass ich mich nicht an meine Mutter erinnern kann. Weder an ihre Stimme noch an ihren Geruch, an nichts, an rein gar nichts. Ich war erst neun, wie sollte es auch anders sein? Wenn ich es mir hätte aussuchen dürfen, hätte ich es vorgezogen, sämtlichen Drittklässlern meine Muschi zu zeigen.«

Wieder fingen sie an zu lachen. In dem folgenden Schweigen vernahm Biel einen dumpfen Schlag. Eine zufallende Tür.

»Was war das?«

»Nichts. Der Aufzug.«

»War das nicht sehr nah?«

»Immer mit der Ruhe. Mein Vater ist verreist.«

»Es war aber direkt hier.«

»Vermutlich die Nachbarn.« Gina war nicht beunruhigt. »Die haben fünf Kinder.«

Plötzlich aber erkannte sie das Geräusch des väterlichen Schlüsselbundes. Die Gewohnheit macht, dass jeder seinen Schlüssel auf eine ganz charakteristische Weise ins Schloss steckt. Und dieses Geräusch hörte sie seit vielen Jahren mehrmals am Tag.

»Mist, mein Vater.«

»Verdammt, Gina, was sagst du da?«

»Versteck dich unterm Bett!«

Biel sprang über Gina hinweg und nutzte den Schwung, um unter dem Lattenrost zu verschwinden. Seine Bewegung beschrieb einen ebenso perfekten Bogen wie sein Nasenrücken. Gina raffte seine Kleider zusammen und warf sie wie eine Kegelmeisterin hinter das Bett.

»Hallo, Kleines«, rief ihr Vater aus der Diele, ehe er die Tür hinter sich zuzog.

»Die Schuhe, die Schuhe«, sagte Biel leise.

»Und Bilbao?«, rief Gina, während sie hastig in ihren Schlafanzug schlüpfte. »Was ist passiert?«

»Die Schuhe«, beharrte Biel nervös und in so ersticktem Ton, dass Gina ihn nicht hörte.

»Gewitter über dem Flughafen.« Die trockene Stimme ihres Vaters kam näher. »Sie haben die Maschine nicht starten lassen.«

»Augenblick, Papa, ich ziehe mich gerade um.«

»Im Norden soll es geregnet haben …«

An seinem Schritt erkannte Gina, dass ihr Vater direkt vor der Tür stand.

»Komm nicht rein.« Gina fuhr sich mit den Händen durch das Haar.

»Du weißt, dass ich geschlossene Türen nicht leiden kann.«

Und Manuel Castro, der Mann der früh verstorbenen Paulina Homs, öffnete die Tür.

3.

Kein guter Tag

»Es war kein guter Tag«, sagte Isabel. Ginas Großmutter war herbeigeeilt, so schnell sie konnte, und, ohne auch nur hallo zu sagen, ins Zimmer ihrer Enkelin gestürzt, um sich zu vergewissern. Ihr Sohn hatte ihr telefonisch mitgeteilt, was passiert war, und sie wollte es nicht wahrhaben. Sie konnte einfach nicht glauben, dass Gina nach einem Streit mit ihrem Vater – den Grund dafür hatte Manuel ihr nicht nennen wollen – ihr Zimmer geräumt hatte. Zurückgeblieben waren lediglich die Plüschtiere ihrer Kindheit, die Kisten mit den Schulsachen, der Zauberwürfel mit der vervollständigten grünen Seite und das Poster mit den Damen und Herren aus Los Angeles, die 3D-Brillen trugen. Der Großmutter gefiel dieses Foto vom anderen Ende der Welt überhaupt nicht. Auf einen Stock gestützt, der schneller war als sie, marschierte sie aufgebracht zurück in die Küche und bestürmte die Haushälterin mit ihren Fragen. Ob sie wisse, warum ihre Enkelin das Elternhaus verlassen habe, warum sie in eine Studenten-WG gezogen sei, wo diese Bruchbude sei, ob sie dort ein Zimmer für sich habe. Und vor allem wollte sie wissen, ob Gina nicht auf die Idee gekommen sei, zu ihr zu ziehen, ins Haus ihrer Oma Lourdes. Ihrer einzigen Großmutter.

Isabel wusste alles, sagte aber nichts. Ohne den Blick von der Marmorplatte zu heben, meinte sie nur: »Es war kein guter Tag.«

»Wie lange arbeiten Sie schon hier, Isabel? Sicher an die zwanzig Jahre …« Großmutter Lourdes ließ nicht locker.

»Nicht ganz. Ich kam kurz nach der Hochzeit der Herrschaften hierher.«

»Sie sind wie eine Mutter für Gina gewesen, seit Paulina gestorben ist, Sie wissen alles …«, sagte Lourdes und pochte mit der Spitze ihres eleganten Stockes auf den Boden. »Sagen Sie mir jetzt endlich, was passiert ist.«

Isabel, die – auf der Basis von Versuch und Irrtum – gelernt hatte, dass ihr in dieser Familie Probleme erspart blieben, indem sie so tat, als ginge ihr alles zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus, liebte Gina. Sie hatte miterlebt, wie das Mädchen zur Frau wurde, wie es die üblichen Gefühle und Ängste entdeckte. Doch dass sie Ginas Unterwäsche wusch, ihre Haare aus der Dusche klaubte, die Toilette putzte, das Bett machte und jede Woche etliche Salate ohne Zwiebeln für sie zubereitete, machte sie ihrer Meinung nach längst nicht zu Ginas Mutter. Es war eine würdevolle Arbeit. Und verhältnismäßig gut bezahlt. Und es stimmte, dass sie alle Geheimnisse Ginas kannte und zu ihrer Vertrauten und Ratgeberin geworden war. Dennoch war es ein Job wie jeder andere, und in diesem Krieg zwischen Vater und Tochter wollte sie nicht zwischen die Fronten geraten. Trotz ihrer steinernen Miene machte sich Isabel – schwarze Mähne, gerümpfte Nase – jedoch Sorgen, ob Senyor Castro womöglich glaubte, jetzt, da er allein war, auf ihre Dienste verzichten zu können, oder zu dem Schluss gelangte, keine Zugehfrau mehr in Vollzeit zu brauchen. Vielleicht ihre Stundenzahl zu reduzieren, was sich am Monatsende bemerkbar machen würde. Zudem hatte Isabel zu Hause in Masquefa einen Faulpelz auf dem Sofa und zwei Söhne, die für vier aßen. Nichtsnutze, deren Mutter sie tatsächlich war.

»Es war kein guter Tag.«

»Isabel, um Himmels willen!«

»Sie wissen ja, wie sich Ihr Sohn gebärdet, wenn er wütend wird.« Unschlüssig, ob sie weiterreden sollte, fuhr sie fort, Sellerie zu schnippeln. »Und Ihre Enkelin ist ein bisschen wie Sie. Stolz wie eine Bonjoc.«

»Gina ist keine Bonjoc.«

Aber diesen verdammten Charakter hat sie sehr wohl von Ihnen, dachte Isabel. Stolz und aufbrausend wie die Großmutter. Aus demselben Holz. Aber auch das sprach sie nicht aus. Isabel wusste, was geschehen war. Zumindest die Version von Gina, die so wütend auf ihren Vater war wie noch nie zuvor.

Manuel hatte Biel unter dem Bett hervorgezerrt. Er hatte ihm seine Kleider hingeworfen und ihm befohlen, zu verschwinden und Gina nie wieder zu behelligen.

»Hast du das kapiert?«

»Ja, Senyor Castro.«

»Und du, hast du es auch kapiert?«

Gina, beschämt und zornig und gerade wieder im Schlafanzug, hatte ihrem Vater wütend den Zauberwürfel an den Bauch geworfen – »Ich habe dir gesagt, du sollst nicht reinkommen« – und sich im Bad eingeschlossen. Sie weinte in sich hinein. Sie wollte nicht, dass ihr Vater, der so außer sich war, wie sie ihn noch nie erlebt hatte, sie draußen hören konnte.

»Wir unterhalten uns morgen. Jetzt komm mir besser nicht unter die Augen.«

Rechtsanwalt Castro wusste, dass er in so überhitzter Stimmung den Fall nicht würde lösen können.

Es war, als stünde das Haus in Flammen. So schnell war Biel noch nie angezogen gewesen. Er schob sich an Ginas Vater vorbei und wagte es, mit dünner Stimme zu sagen:

»Hören Sie, wir sind immerhin volljährig.«

»Und deshalb hast du dich unterm Bett versteckt, ja?«

»Idiotisch, ja, aber ich …«

Biel hob die Schultern, ohne innezuhalten.

»Raus jetzt!«

Der Aufschrei war ebenso kurz und laut wie der Knall, mit dem Biel die Tür zuschlug, bevor er für zwanzig Jahre aus Ginas Leben verschwand.

Der folgende Tag war kein guter Tag.

Isabel – stets im Haus von acht bis sieben, eine Stunde zum Mittagessen und für die Telenovela – hatte das Frühstück gerichtet. Zwei Gläser Orangensaft, handgepresst und durchgeseiht, einen Milchkaffee und einen Toast mit Pfirsichmarmelade für Senyor Manuel und ein Käsebrötchen für Gina. Wie jeden Morgen hatte sie auf den Küchentisch die bunte Decke gelegt, die Paulina auf ihrer letzten Norwegenreise in Bergen gekauft hatte. Isabel hatte sie so oft gewaschen und gebügelt, dass ihr das blau-rote Muster und die weihnachtlich anmutenden Bäume schon allzu verblichen erschienen. Dennoch war es die einzige Tischdecke, die der Senyor und Gina wollten. Zum Frühstücken hätten sie keine andere akzeptiert.

Manuel, geduscht und nach Acqua di Parma 1916 duftend, setzte sich als Erster zu Tisch. Die Zeitung klappte er nicht einmal auseinander, um die Titelschlagzeile zu sehen. Auch hängte er nicht wie jeden Morgen das Jackett über die Stuhllehne, ohne sich darum zu scheren, dass er es zerknautschte. Eitel war er nicht. Er besaß drei dunkle Anzüge und zwei blaue Jacketts, die er, ohne viel darüber nachzudenken, mit breiten Krawatten kombinierte, von denen er eine reiche Auswahl hatte. Dass die Mode mittlerweile schmale vorschrieb, war ihm gleich. Er brüstete sich damit, noch nie seine Zeit vor einem Schaufenster vertrödelt zu haben und zu tragen, was er wollte. An diesem Morgen wirkte er bekümmert. Senyor Manuel hatte nichts als »Stopp« und »Danke« gesagt, als sie ihm die gewünschte Menge Milch in den Kaffee goss.

Gina, dünn und knochig wie ihre Mutter – was sie auch andauernd zu hören bekam – , erschien kurz darauf. Ihr Haar war offen und nass. Ab und zu fiel von den tiefschwarzen Spitzen ein Tropfen und versickerte auf ihrer Bluse. Sie fühlte sich wohl in diesem Kleidungsstück. Es war neu, hatte die Farbe eines alten Kamels, gelbliche Knöpfe und lange, absichtlich ausgefranste Puffärmel.

»Guten Morgen«, in artigem Ton.

»Guten Morgen«, ohne Überschwang.

Sie sahen sich nicht an. Isabel ließ sie allein. Sie wusste, dass dies die gemeinsame Mahlzeit für Vater und Tochter war. So hatte es Senyor Manuel gewollt, seit Isabel in diesem Haus tätig war.

»Hast du mir wegen gestern nichts zu sagen?«

»Nein …«

»Meinst du nicht, wir sollten darüber sprechen?«

»Was soll ich dazu sagen?«, stöhnte sie, damit ihr Vater merkte, dass sie auf dieses Thema keine Lust hatte und lieber so tun wollte, als wäre nichts geschehen. »Erbärmlich.«

»Was?«

Sie schwieg.

»Nun sag schon. Reden wir in aller Ruhe. Was ist erbärmlich?«

»Nein. Du zuerst.«

»Na schön.« In zwei Schlucken trank ihr Vater seinen Saft aus. »Ich will nicht, dass es hier jedes Mal, wenn ich verreise, zugeht wie in einem Bordell.«

»Nennst du mich gerade … Hure?«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Du hast mich Hure genannt. Das fängt ja gut an.«

Sie schob den Stuhl zurück, als wollte sie aufstehen.

»Ich habe gesagt, und zwinge mich nicht zu sagen, was ich nicht gesagt habe, dass meine Wohnung kein Freudenhaus ist. Und ich will, dass du aufpasst, mit wem du dich abgibst. Es kann nicht sein, dass du den Erstbesten einfach mit nach Hause nimmst.«

»Biel ist nicht der Erstbeste. Er ist ein Schulfreund.«

»Es ist mir scheißegal, wer er ist.« Manuel, der nicht hatte schlafen können und sich schon vorgestellt hatte, wie dieses Gespräch verlaufen würde, bemühte sich, nicht die Stimme zu erheben. »Ich jedenfalls habe in all den Jahren noch nie jemanden mit nach Hause gebracht.«

»Das wäre ja auch noch schöner.«

»Aus Respekt vor dir.«

»Bestimmt.«

»Und aus Respekt vor deiner Mutter.«

»Ha! Jetzt soll ich mich wohl auch noch bedanken.« Gina, erbost, hätte den Blick gen Himmel gerichtet, wäre er nicht von der Zimmerdecke aufgehalten worden. »Hörst du das, Mama? In der ganzen Zeit hat Papa nie eine Frau mit nach Hause gebracht, dass du es nur weißt. Er spielt nur jeden Donnerstag Poker. Du kannst ihm dankbar sein.«

»Werd nicht theatralisch. Und nicht so laut, bitte.«

Sie hörte nicht auf ihn. Isabel stand draußen im Flur und spitzte die Ohren. Sie wusste, dass es weder das erste noch das zweite Mal war, dass Gina mit einem Schulkameraden in ihrem Zimmer verschwand. Oder mit einem Kommilitonen. Oder mit einem jungen Ausländer, den sie in einem Museum kennengelernt hatte. Und wenn nicht im Museum, dann eben in einer Bar oder auf einer Party. Isabel wusste Bescheid, weil sie die Spuren auf den Laken sah. Oder die Handtücher, die Gina hinterher in den Korb mit der Schmutzwäsche warf.

»Zu dumm, Mamita, da heiratest du einen Heiligen und hast gar nichts davon. Jammerschade.«

»Du bist sehr ungerecht.«

Gina gab die dramatische Pose auf und sah ihrem Vater direkt in die Augen.

»Alles klar. Der Herr Anwalt hat gesprochen. Der große Anwalt, der seiner Tochter verbietet, ihre Freunde zu sehen.«

»Schluss jetzt, Gina!«, brüllte Manuel, und sie verstummte sofort. Sekunden später hatte er zu seinem gelassenen Konversationston zurückgefunden. »Lass es gut sein. Ich meine es ernst.«

»Ich auch.«

Ihr Vater zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief.

»Gib mir den Aschenbecher.«

Gina stand halb auf und streckte den Arm nach hinten zum Abtropfgitter neben dem Spülbecken. Der umgestülpte Aschenbecher war noch feucht. Manuel Castro spürte den heißen Michkaffee in seinem Atem, als er das Gespräch wieder aufnahm.

»Ich sage ja nur, du sollst vorsichtig sein und dich nicht ausnutzen lassen. Und dass in diesem Haus gewisse Regeln herrschen, auf deren Einhaltung ich bestehe. Das sage ich dir nicht zum ersten Mal.«

»Nein, es ist nicht das erste Mal. Stimmt. Aber es könnte das letzte Mal sein.«

Gerade weil es schlimm sein würde, was sie ihm mitzuteilen hatte, wusste Gina, dass sie sich nicht so ereifern durfte.

»Sieh mal, Papa, nimm es mir nicht übel … Ich weiß es zu würdigen, dass du mir ein Vater warst, so gut du es eben konntest. Es ist sicher nicht einfach, als Witwer mit einem neunjährigen Mädchen dazustehen, das du nie gebadet, dem du nie die Windeln gewechselt hattest. Du warst nie zu Hause, wenn ich ins Bett musste, weil du immer spät von der Arbeit kamst.«

»Was soll das heißen?«

»Ich mache es dir nicht zum Vorwurf. Wirklich nicht …«

»Es klingt aber so.«

»Wirklich nicht.« Gina legte ihrem Vater die Hand auf den Arm, und er zog ihn nicht weg. »Ganz im Gegenteil. Lass mich ausreden. Ich meine, es war schon eine Leistung, immerhin wurde ich von einem Tag zum anderen und für die nächsten zehn Jahre zum Mittelpunkt deines Lebens. Und du warst immer für mich da. Du hast dich um mich gekümmert, mich verwöhnt, mich beaufsichtigt, dafür gesorgt, dass ich meine Hausaufgaben mache, mir bei der Integral- und Differenzialrechnung geholfen, mich überallhin mitgenommen: ins Kino, in den Zirkus, in den Tivoli von Kopenhagen, auf den Tibidabo … Du hast mir Manieren beigebracht, mit mir geschimpft, wenn ich es verdient hatte, und mir eine Unmenge Sachen geschenkt. Die Heiligen Drei Könige, der Weihnachtsmann, der Tió, sie alle kehrten bei uns ein, und mir hat es nie an irgendetwas gefehlt. Du hast mich zwei Sommer hintereinander mit meinen Schulfreundinnen nach Canterbury geschickt, um Englisch zu lernen, du hast mit mir über Mama gesprochen, du hast mir erzählt, wie sie war, hast mir Fotos von ihren geliebten Reisen gezeigt, bist mit mir zum besten Hautarzt gegangen, als mein Gesicht aussah wie ein Streuselkuchen, du hast mich studieren lassen, was ich wollte, und mir das gesamte Studium bezahlt. Das alles rechne ich dir hoch an, chapeau, Papa, das war eine reife Leistung, ich bin dir dankbar und werde dir wahrscheinlich mein Leben lang dankbar sein. Und … verdammt noch mal, wie schwer es fällt, das auszusprechen! … Verflucht, Papa, ich liebe dich. Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich liebe dich, hörst du?«

Manuel wappnete sich innerlich. Isabel, die den Staubsauger in der Hand hielt, ohne ihn einzuschalten, weil sie nicht stören wollte, kamen vor Rührung fast die Tränen.

»Aber ich habe es satt, Papa. Wie ich dir das eine sage, sage ich dir auch das andere.«

»Was hast du satt?«

»Die Kontrolle. Dass du mir ständig im Nacken sitzt. Dass du dich einmischst, mit wem ich mich abgebe und mit wem nicht. Und dass kein Tag vergeht, nicht ein einziger, an dem du, zum Beispiel, deinen Kommentar darüber abgibst, wie ich angezogen bin. Ist nur ein Beispiel.«

»Das sind Leichenklamotten. Tut mir leid, dir das sagen zu müssen.«

»Es sind Secondhandklamotten. Ich kaufe sie in einem Laden im Carrer d’Avinyó, und sie sind nicht von Toten. Sie sind aus zweiter Hand. Sachen, die eine andere Person getragen hat. Mir ist es egal, von wem sie sind. Kleidungsstücke, die mir gefallen und die ich mir leisten kann. Also kaufe ich sie mir. Na und? Merkst du denn nicht, dass du …«

»Dass ich was? Sag’s schon …«

Sie schwieg.

»Nicht auszuhalten bin?«

»Ein Krittler bist du. Den lieben langen Tag nörgelst du an mir herum. Ich weiß nicht, warum, Papa. Und ich habe genug.«

»Wovon?«

»Von dir. Von deinem Kontrollwahn. Es tut mir leid, verdammt noch mal. Du hast mich zu einem selbstständigen Menschen erzogen, zu einer Frau, die allein klarkommt und sich was zutraut. Dreißigtausend Mal hast du mir das eingeschärft. Und als würdest du es mir übelnehmen, dass ich jetzt achtzehn bin, Regeln, Regeln, nichts als Regeln.«

»Das ist jetzt nicht das Thema.«

»Doch, meines schon. Ich will einen Vater. Einen normalen Vater, keinen Leibwächter.«

»Das Thema ist, dass unter deinem Bett ein nackter Mann lag.«

»Ja, und was ist dabei? Einen Augenblick vorher hatte er auf meinem Bett gelegen. Und sogar auf mir, stell dir mal vor.« Weitere Details, die sich ihr Vater ohnehin selbst ausmalen konnte, wagte sie zwar nicht zu schildern. Doch was stattdessen aus ihrem Mund kam, erwies sich als eine noch schlimmere Provokation.

»Und wenn mir danach ist, wird er da wieder liegen.«

»Nicht in diesem Haus, Gina. Und sprich bitte nicht in diesem Ton mit mir.«

»Siehst du? Bitte. Was heißt hier bitte? So redest du immer, ohne ausfallend zu werden, ohne dass dir je der Kragen platzt. Nie wirst du laut, aber du hältst auch nie die Klappe, du quasselst und schimpfst und schimpfst und quasselst und machst mich ganz fertig. Es hängt mir zum Hals raus. Wenn du immer schon so warst, kann ich Mama nur bedauern, dass sie mit dir zusammenleben musste.«

»Pass auf, was du sagst, Tochter.«

Aufgebracht drückte Manuel Castro seine Zigarette aus.

Gina Homs, die nur noch für wenige Tage Georgina Castro sein würde, fasste sich ein Herz.