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Was passiert, wenn "es" passiert? Der Himmel hängt nicht voller Geigen und auch Wolke 7 stellt sich leider als Märchen heraus. Marina, seit kurzem verheiratet mit Emanuel und seit wenigen Wochen schwanger, muss diese Tatsache schmerzlich erfahren. Ein plötzlicher Herzstillstand und auf einmal ist alles anders: Im Jenseits herrscht nicht nur die Ewigkeit, sondern auch die ewige Wahrheit. "Drüben" wird sie daran erinnert, dass wir alle mehr als ein Leben leben und immer wiederkehren. Schlimmer als diese Erkenntnis, ist für Marina aber die Einsicht, dass alle Krisen, Kriege und Katastrophen auf Erden gezielt inszeniert werden. Das reichste % der Menschen verfolgt einen streng geheimen, finsteren Plan der Unterwerfung und Ausbeutung gegen die restlichen 99%. Und sie sind erschreckend erfolgreich damit! Was kann ein einzelner, frisch verstorbener Erdenmensch unternehmen, um diese feindliche Übernahme der Erde zu verhindern?
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Seitenzahl: 569
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Für Daniel
„Unsichtbar wird der Wahnsinn,
wenn er genügend große Ausmaße angenommen hat.“
Berthold Brecht
"Unsere Gesellschaft wird von Verrückten geführt, für
verrückte Ziele. Ich glaube wir werden von Wahnsinnigen
gelenkt, zu einem wahnsinnigen Ende, und ich glaube ich
werde als Wahnsinniger eingesperrt, weil ich das sage.
Das ist das wahnsinnige daran."
John Lennon
„Glückliche Sklaven sind die erbittertsten
Feinde der Freiheit.“
Marie von Ebner-Eschenbach
„Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.“
Rosa Luxemburg
„Fakten hören nicht auf zu existieren, nur weil
sie ignoriert werden.“
Aldous Huxley
Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor
sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.
Mark Twain
„Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt und
diejenigen, die gewählt wurden,
haben nichts zu entscheiden.“
Horst Seehofer
“Man kann alle Leute einige Zeit
und einige Leute alle Zeit,
aber nicht alle Leute alle Zeit zum Narren halten”
Abraham Lincoln
„Wichtiger, als die Dinge richtig zu machen, ist es,
die richtigen Dinge zu machen.
Peter Ferdinand Drucker
„Ich habe gute Neuigkeiten. Es wird tatsächlich Frieden
auf Erden geben. Ich hoffe nur, dass wir Menschen noch
da sein werden, um uns daran zu erfreuen.“
Swami Beyondananda
"Wer auf der Suche nach der Wahrheit ist, sollte nicht
erschrecken, wenn er sie dann findet".
unbekannt
Statt eines Vorworts
Teil I – MARINA
Das Ende ist der Anfang
Jenseits ist diesseits
Teil II – ASRA
Das eigene Begräbnis
Das fliegende Klassenzimmer
Jahrgang 1898
Die Neue Weltordnung
Geheimbünde, Logen, Freimaurer,Illuminati – schon mal davon gehört?
Die geheimen Ziele der geheimen Bünde
Teuflische Sache
Wassermannzeitalter
Eine wirklich kranke Welt
Begegnung mit einer Aufdeckerseele
Impfen – das Jahrtausendgeschäft
In flagranti
Jeder ist seines Paradieses Schmied
Das Geschäft mit dem Krebs
Beim Weisenrat
Die neuen 10 Gebote
Teil III: ELLEN
Werbespot fürs nächste Leben
Zeitalter des Erzengels Michael
Traumhafte Begegnungen
Irmgard – alles ist Energie
Laura und ihre Kinder
Stefanie
Tangakwunu und das Regen beten
Ultralauter Schall
Friederike und das Wunschkind
Wer weniger fernsieht
Mein neues Leben
Nachwort
Quellen der Inspiration (Literaturverzeichnis)
Internet
Unsere Seele oder das, was unser Fleisch und Blut eigentlich zum Leben erweckt, hat mich schon immer fasziniert. Bereits mit nur 11 Jahren, wenn üblicherweise eher Teenie-Bücher angesagt sind, habe ich mir mein erstes Buch über das Leben nach dem Tod gekauft. Und habe es voller Hingabe immer wieder gelesen. Was macht uns zu dem, was wir sind und was wir erleben? Wo kommen wir her und wo gehen wir hin? Diese Klassiker unter den Fragen haben schon recht frühzeitig begonnen, mich intensiv zu beschäftigen.
Vielleicht hat das auch damit zu tun, weil ich mich als Kind – bis etwa ins Alter von 6 oder 7 Jahren – selbst nie als kleines Mädchen verstanden habe. Nie konnte ich begreifen, warum die Erwachsenen um mich herum, mich nicht für voll nehmen.
Oft habe ich das Gefühl gehabt, in einem „falschen“ Körper, einer zu jungen Ausgabe meines Selbst gefangen zu sein. Mir war immer klar, dass ich eigentlich „groß“ bin und habe es stets sehr seltsam und auch irgendwie unangenehm empfunden, mit Puppen spielen und mich sozusagen gezwungenermaßen mit „Kinderkram“ abgeben zu müssen.
Erst etwa ab dem Eintritt ins Schulalter ist dieses Gefühl allmählich verschwunden. Ab dann war ich auf einmal wirklich oder wieder das Kind, das alle in mir gesehen haben. Rückblickend kommt es mir so vor, als ob ich als Kleinst- und Kleinkind möglicherweise noch nicht ganz „angekommen“ war in dem neuen Leben mit dem neuen Körper. Irgendwann ist aus dem kleinen Kind dann ein größeres geworden und neue, größere Fragen sind dazu gekommen.
Nach der grundlegenden Frage, wo wir alle herkommen, war es zu der Überlegung, wo wir als Menschheit alle hingehen, nicht mehr weit. Gerade die globalen Richtungsentscheidungen kann man als einzelner oft überhaupt nicht verstehen und sich nur fragen: „Wer kann das wollen? Und wem nützt es?“
Diesen Fragen zu vielen anstehenden Themen der Gegenwart bin ich nachgegangen. Und habe Erstaunliches und geradezu Unglaubliches gefunden! Daraus wurde eine schräge, nicht alltägliche Geschichte mit Ecken und Kanten, die aber keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit oder gar Vollständigkeit erhebt.
Es handelt sich auch nicht um irgendwelche „gechannelten“ Informationen eines Mediums. Jede Ähnlichkeit der Romanfiguren mit lebenden Personen ist selbstverständlich zufällig. Mein Wunsch ist es, Gedanken und Phantasie anzuregen. Das ganze Leben ist ja ein Roman und manchmal ist die Wahrheit tatsächlich schräger als die Fiktion!
Aus dem hier und jetzt,
Barbara Niederberger-Sommersacher
Puh, was war das? So ein arger Schmerz, ein heftiger Stich in die Brust. So schnell er da war – so schnell ist er jetzt wieder weg. So etwas habe ich noch nie erlebt. Aber das gehört wohl dazu, wenn frau ihr erstes Kind erwartet. Da ist auf einmal alles wieder zum ersten Mal. Was war das für ein unvergesslicher Moment, als der Teststreifen sich tatsächlich verfärbt hat – innerhalb von Sekunden! Wenn so ein Ding sprechen könnte, hätte es wohl gerufen: „JAWOLL – sehr schwanger! Kein Zweifel!“ Dieses Gefühl war irgendwie unecht: Eine Mischung aus Begeisterung und Ungläubigkeit.
So viele Paare warten monate- oder manchmal auch jahrelang auf ein Kind und nichts passiert. Egal wie viele günstige Tage fürs „Üben“ bemüht werden. Nichts tut sich. Bei uns: das genaue Gegenteil. Kein Gedanke, ob jetzt oder später günstiger wäre für die Vermehrung. Wir haben gewitzelt, dass dieses neue Menschlein, diese kleine Seele oder vielleicht auch schon alte Seele sicher um uns herum geflattert sein muss und wohl am Fensterbankerl daneben gesessen ist, um die beste Gelegenheit zu ergreifen, um uns auf dieser Welt Gesellschaft zu leisten. Und schön ist es! Ich halte schon oft Zwiesprache mit diesem neuen Familienmitglied – soweit man ein bisher kinderloses Paar schon als Familie bezeichnen kann.
Mein Gesprächspartner misst jetzt gerade zu diesem Zeitpunkt noch keine ganzen 2 cm. Also etwas mehr als ein Reiskorn. Aber bereits mit einem messbaren Herzschlag und winzigen Arm- und Beinknospen. Auf diese Frage habe ich noch keine Antwort gefunden, die für mich glaubwürdig wäre: Ab wann ist so ein Reiskorn beseelt? Ist es wirklich beim Moment der Verschmelzung von zwei klitzekleinen Zellen, oder ist es, sobald das Herz schlägt oder erst viele Monate später oder überhaupt erst kurz vor der Geburt? Ich jedenfalls rede mit meinem Reiskorn und habe das Gefühl, er/sie/es ist präsent und „ansprechbar“. Das kann man von einer Zellkultur unter einem Mikroskop eher nicht behaupten.
Oder es ist alles nur Einbildung, weil bei einer frisch Schwangeren sowieso alles verrückt spielt. Die Hormone, die Launen, die Essgewohnheiten, die Befindlichkeit. Das behaupten zumindest alle – und zwar nicht nur diejenigen, die es selbst ausprobiert haben. Im Gegenteil: Es ist völlig erstaunlich, wie viele wahnsinnig gut gemeinter Ratschläge auf einen niederprasseln, sobald man/frau zu erkennen gibt, in „anderen Umständen“ zu sein. Da weiß auf einmal jeder und jede was zu tun oder zu lassen ist. Mein Rat an alle, die das noch vor sich haben: So lange wie nur irgendwie möglich tun, als ob nichts wäre. Ganz normal weiterleben. Und sobald es zwar nicht ruchbar, aber sichtbar wird was los ist, hat man üblicherweise bereits vier Monate – also schon fast die Halbzeit – hinter sich. So weit bin ich noch lange nicht und bereue es bereits immer wieder, dass ich die ungebetenen Ratgeber schon so frühzeitig auf den Plan gerufen habe. Alle, inklusive solcher, die nie Kinder in die Welt gesetzt haben, wissen auf einmal, was erlaubt und verboten ist zu essen, zu machen und zu denken. Höchst erstaunlich und fast nicht mühsam!
Ich frage mich nur, was da los ist? Auf einmal, wie aus dem Nichts, eine Menschentraube mitten auf der Straße. Gibt es da was zu sehen? Als anerkannt neugierige Nase dränge ich mich also auch ein bisschen vor, um zu sehen, was da so spannendes passiert ist. Gerade eben, vor zwei Minuten – oder halt gerade vorhin – war noch nix los. Oje. Da liegt eine Frau auf der Straße. Anscheinend einfach umgekippt. Es ist nicht einmal eine Gehsteigkante in der Nähe, um darüber zu stolpern. Schaut bewusstlos oder jedenfalls sehr weggetreten aus die Beste. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor. Vom Gesicht ist nicht viel zu sehen, weil die Haare darüber hängen. Lustig, der Mantel und die Schuhe könnten meine sein. So ein ähnlicher Geschmack bei einem wildfremden Menschen! Normal würde man mitten auf der Straße aneinander vorüber hetzen, ohne wahrzunehmen, dass da jemand ist, der irgendwie ähnlich tickt wie Du selbst. Schade eigentlich.
Es muss schon etwas Außergewöhnliches passieren, damit wir einmal innehalten und uns die Mühe machen, näher hinzusehen. Ist ja wahr, bis vor ein paar Sekunden war ich auch noch völlig in meinem eigenen „Ich-werde-Mutterbitte-plagt-mich-nicht-mit-Ratschlägen-Wahnsinn“ gefangen in meinem Kopf und habe ganz sicher die letzten 99 Menschen, die an mir vorbei gezogen sind, auch gar nicht bemerkt, geschweige denn angesehen. Immer läuft das eigene Kino im Kopf und noch dazu aller meistens mit irgendeinem Schrott oder einer Gedanken-Endlos-Schleife, die genau nirgendwo hinführt.
Na endlich. Irgendwer aus der Menschentraube ist endlich Fraus genug – ist nämlich weiblich - sich endlich über die liegende Gestalt zu beugen und herauszufinden, was ihr überhaupt passiert ist. Die Frau berührt die Regungslose und spricht sie an. Keine Reaktion. Die Leute rund herum werden langsam nervös. Kein beruhigender Anblick, wenn eine offenbar relativ junge Frau einfach mitten auf dem Gehsteig liegt und keinen Mucks mehr macht. Irgendwer hat nach der Hand der liegenden Frau gegriffen und ist zusammen gezuckt. Er sagt, die Hand ist ganz schlaff und er kann keinen Puls fühlen. Jetzt greift ein anderer zum Handy und ruft endlich die Rettung und die Polizei. Man weiß ja nie.
Manche sind am helllichten Tag schon recht illuminiert oder vielleicht sogar mit Drogen vernebelt. Die Dame von zuerst streicht nun die Haare aus dem Gesicht, um offenbar zur Halsschlagader zu greifen. Aber das gibt es ja jetzt wirklich gar nicht! Diese Frau ist meine Doppelgängerin! Schlimmer noch – mein Ebenbild, in genau meinen Sachen! Diesen auffallenden Desigual Mantel habe ich heute früh ausgewählt, weil ohnedies alles grau in grau ist an so einem Hochnebeltag. Also wollte ich wenigstens für mich ein bisschen Farbe ins Leben bringen. Auch diese Stiefeletten kenne ich doch. Die habe ich genau jetzt auch an. Ich muss mich nun einfach ganz nach vorne drängen, weil so viele Zufälle mir jetzt doch zu steil sind.
Sehr nett. Die Leute, die da dicht an dicht stehen, lassen mich einfach durch. Keiner mault oder drängt mich weg. Nun stehe ich direkt neben der leblosen und reglosen Frau. Ich sehe an mir herunter und weiter auf sie. Wir sind einfach gleich! Nur dass ich selbst irgendwie zu leuchten scheine oder – schwer zu sagen – irgendwie durchscheinend. Während die Frau, die wie ich aussieht, sehr normal und gar nicht leuchtend hier vor mir liegt. Ich entschließe mich, nun doch etwas zu sagen. Keiner beachtet mich.
Nein, halt – stimmt nicht. Da sind auf einmal zwei Frauen, die mich anlächeln und sich nun ganz mühelos durch die Menschenmenge schieben. Sie kommen zu mir herüber. Die Gesichter der beiden kommen mir irgendwie vertraut vor. Was für ein seltsamer Tag heute! Auch diese beiden wirken irgendwie heller oder jedenfalls anders, als die restlichen Schaulustigen. Schwer zu erklären, aber es wirkt, als ob sie ein bisschen von innen leuchten würden. Sie schauen nicht so „dicht“ aus, wie alle anderen rundherum. Herrgott, wie komme ich auf derartig geisteskranke Gedanken? Wie soll denn jemand weniger „dicht“ sein?
Aus irgendeinem Grund steuern sie anscheinend wirklich auf mich zu. „Marina?“ Jetzt glaube ich es dann! Woher kennt diese Frau meinen Namen? „Ja? Woher kennen Sie mich? Sie kommen mir zwar bekannt vor, aber ich kann sie beide beim besten Willen nicht einordnen. Kennen wir uns von irgendwoher?“
„Wir kennen uns tatsächlich. Einfach nicht von hier. Erinnerst du dich an diesen kurzen, intensiven Schmerz vorhin?“ Das wird immer interessanter. Woher weiß diese Frau von diesem heftigen Stich in der Brustgegend? Ich könnte mich nicht daran erinnern, dass ich aufgeschrien hätte oder zu irgendjemandem neben mir eine Bemerkung darüber gemacht hätte. Das ist wirklich ein wenig „spooky“. Na, gut – dann spiele ich eben mit bei diesem Quiz, bis die Damen endlich damit raus rücken, warum sie mich offenbar gut kennen und ich mit ihnen nicht wirklich etwas anfangen kann.
Jetzt erst fällt mir auf, dass die Menschen rund um mich in heller Aufregung sind. Irgendetwas stimmt mit der Frau auf dem Boden ganz und gar nicht. Mittlerweile reden einige von den Passanten, die über sie gebeugt sind, von „kein Puls“, und sie spüren keine Atmung. Da fängt auf einmal einer mit Wiederbelebung und Mund-zu-Mund-Beatmung an. Das war anscheinend echt nicht nur ein kleines Hopperla. Ah, da ist jetzt endlich die Rettung. Ein Sanitäter ist direkt neben mir. Wobei – neben mir ist gar nicht der richtige Ausdruck. Fast könnte man sagen, er ist in mir oder durch mich durch? Jetzt bin ich gleich die nächste, die hier umkippt. Als ob sie es bemerkt hätten, sind die beiden Frauen, mit dem – nennen wir es – strahlenden Wesen, ganz nah bei mir und machen Anstalten mich aufzufangen. Die ältere von den beiden, die mir auch vertrauter erscheint, sagt dann auf einmal: „Wir sind hier, um dich zu begleiten. Es ist vielleicht alles recht verwirrend im Moment. Aber der Schmerz vorhin – das war ein Herzinfarkt. Dein Herz hat aufgehört zu schlagen.“
Die Alte kann nicht ganz DICHT sein! Was redet die da? Ich stehe hier in einer Menschenmenge, weil eine Frau, die mir sehr ähnlich sieht und auch zufällig meinen Kleidergeschmack hat, auf der Straße zusammen gebrochen ist. Was hat das mit mir und dem kurzen, kleinen Schmerz zu tun? Wie durch einen Schleier aus Fragezeichen bemerke ich, dass sie weiter redet: „Die Frau hier auf dem Boden: Das bist DU. Oder besser gesagt, dein Körper, den du die vergangenen 33 Jahre lang bewohnt hast. Und hier, schau` sie dir an: Das ist deine Tochter, mit der du dich schon wochenlang immer wieder unterhalten hast. Sie ist mitgekommen, um dich wieder zu Hause zu begrüßen. Es ist sehr oft schwer zu verstehen, was mit uns und unserem Körper passiert, wenn alles so schnell geht. Aber glaube mir, du warst damit einverstanden und deine Tochter auch.“
Ich glaube, ich bin im falschen Film. Diese nette ältere Dame will mir offenbar gerade weismachen, dass ich tot bin. Und das würde bedeuten, dass die arme Frau, die da vor mir auf dem Boden liegt: ICH BIN! Wie kann ich dann aber hier daneben stehen und das alles beobachten und mich quicklebendig wie immer fühlen. Wie soll sich das ausgehen? Ich kann ja nicht tot und gleichzeitig lebendig sein. Wie sollte es möglich sein, dass ich auf mich selbst, oder auf meinen Körper herunter schaue und mich selbst nicht einmal erkenne? Gerade habe ich mich noch gefragt, was eine recht junge Frau intus haben muss an Alk oder Drogen, um einfach mitten auf der Straße umzukippen? Ich schaue an mir und meinem Körper hinunter und sehe alles, wie immer: Die Stiefeletten, die ich vorhin auch bei der Frau auf der Straße gesehen habe, meine Lieblingsjeans und dann – ja seltsam, sogar der gleiche farbenfrohe Gehrock vom spanischen Kultlabel. An mir einfach irgendwie strahlender, als die Kleidung bei der liegenden Frau.
„Ja, in diesem Zustand verbleiben wir so, wie wir es in unserer letzten Erinnerung gespeichert hatten. Wenn du aber anders aussehen möchtest, dann ist das ab sofort nur mehr einen Gedanken weit entfernt. Diese Kleidung, die du noch immer an dir siehst, ist eine Illusion. Es ist Energie, so wie alles Energie ist. Ich bin deine Geistige Führerin und wir kennen uns, seit es dich als Seele gibt. Manchmal dauert es ein bisschen länger, bis die Erinnerung an uns und die „andere Seite“ wieder zurückkehrt. Vor allem dann, wenn der Umstieg so abrupt geschieht, wie bei dir jetzt gerade.“
Ich habe viele Bücher gelesen darüber, was einen „da drüben“ erwartet und ob es dieses Jenseits, das Leben nach dem Tod überhaupt gibt. Aber dass es mich jemals selbst betreffen könnte, daran habe ich in meinen abartigsten Fantasien natürlich nie gedacht. Es ist wirklich spannend zu lesen, wenn die unterschiedlichsten Menschen in Trance berichten, was mit ihnen passiert ist, als „es“ passiert ist.
Aber alle diese Berichte lesen sich eher wie Science fiction Romane, nicht wie etwas, das dir selbst an einem helllichten Vormittag mitten in deiner Heimatstadt widerfahren könnte. Natürlich steht in praktisch allen Schilderungen von der anderen Seite, dass es diese erstens tatsächlich gibt und dass wirklich Geistwesen da sind, um dir den Übergang in diese andere, neue Dimension zu erleichtern. Und das diese „neue“ Dimension ja eigentlich unsere wahre Seelenheimat ist und unsere Zwischenspiele auf der Erde immer wieder nur selbst gewählte Ausflüge zum Lernen und für das innere Wachstum sind. Das würde bedeuten, dass sich unser „echtes“ Leben sowieso zwischen den Leben hier auf Mutter Erde abspielt.
Diese hypnotisierten Klienten aus den diversen Büchern geben auch alle unabhängig voneinander an, dass es „drüben“ sehr schön, liebevoll und angenehm sein soll und wir nur immer wieder zurückkehren in ein menschliches Leben, um diverse schwierige Lebensaufgaben zu meistern, an denen unsere Seelen wachsen können und sich weiter entwickeln. Aber wie gesagt: So lange alles nur Buchstaben auf Papier sind, wissen wir alle: Papier ist geduldig und nimmt alles an.
Momentan fühle ich mich gerade nicht sehr liebevoll in glänzendes Licht und eine angenehme Yoga-Studio Atmosphäre gehüllt, sondern eher wirklich heftig durch den Wind. Am besten und einfachsten wäre es jetzt, einfach weiter zu gehen und meinem Liebsten zu Hause von diesem schrägen Vormittag zu erzählen. Der würde wieder alles auf meine Hormone in der Achterbahn zurückführen und alles ist gut. Aber: Aus irgendeinem unverständlichen Grund, komme ich hier nicht weg. Sobald ich versuche, mich in Bewegung zu setzen, um diese unheimliche Szene mit der Frau auf der Straße und den zwei sonderbaren Damen, die sich als was – als „Geistführer“ vorgestellt haben, zu verlassen, geschieht etwas Eigenartiges: Als ob ich mit einem Gummiband angebunden wäre, kann ich zwar ein paar Schritte weg machen, habe dann aber gleich das Gefühl, richtig gehend zurück gezogen zu werden.
Die ältere von den beiden komischen Frauen schließt wieder zu mir auf und sagt ganz sanft: „Ein bisschen überrascht bin ich schon, dass du offenbar gar keine Erinnerung an uns hast. Ich bin Desra, deine Geistige Führerin. Mit mir hast du vor deiner Geburt in dein aktuelles Leben vereinbart, dass du bereit bist zurück zu kehren, sobald Deine Aufgabe hier erfüllt ist in deinem jetzigen Erdenleben. Es war deine eigene Wahl zu gehen, wenn du in deinem Leben hier mit allen Themen durch bist.
Genau das ist nun der Fall: Du hast es geschafft in Emanuel deinen Seelengefährten vieler Leben wieder zu finden, ihr habt vereinbart, gemeinsam alle Herausforderungen und Hürden dieses Lebensdurchgangs zu bewältigen. Ihr erwartet jetzt euer erstes gemeinsames Kind. Auch dieses Kind gehört in euren inneren Seelenverband und hat sich bereit erklärt, dieses Leben als euer Kind mit euch zu verbringen, wenn es gemeinsame Themen zu lösen gegeben hätte. Hier und jetzt kann ich dir sagen: Du warst schneller als du dir selbst zugetraut hast. Du hast um deine Abberufung gebeten, um dich neuen, schwierigeren Arbeiten widmen zu können. Und da sind wir. Dein Körper hat deshalb einen Herzstillstand erlitten - ganz überraschend, kurz und beinahe schmerzlos. Wir begleiten dich nun zurück. Dann wird ganz sicher auch deine Erinnerung zurückkehren.“
Puh, das ist crazy – würde wohl der 12 jährige Sohn meiner Freundin Marlene dazu sagen. Ich neige schon zu verrückten und sehr lebensechten Träumen. Aber so etwas wie das ist mir mein Lebtag lang noch nicht passiert. Ich bin es gewohnt, in der Nacht in meinem Bett zu träumen. Aber mitten am Tag, umringt von hunderten fremden Menschen bin ich echt noch nie weggetreten, um in irgendeinen 3D-Traum in Farbe zu kippen. Normalerweise beherrsche ich auch die Gabe, aus einem Traum aussteigen zu können, wenn er zu mühsam, zu komisch oder zu grausam wird. Aber diesmal funktioniert diese Technik nicht. Diese zwei himmlischen Schwestern, oder was auch immer die beiden wirklich sind, lassen sich einfach nicht abschütteln! Da fällt mir auf, dass ich nach wie vor neben der Frau in meinen Kleidern stehe und jetzt Bewegung in die Szene kommt. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. In diesem Moment greift der Sanitäter oder Notarzt zur Halsschlagader und schüttelt ganz langsam den Kopf.
Sein Kollege verscheucht inzwischen die Menschenmasse, die schon verdächtig angewachsen ist, als ob es hier Freibier gäbe. Wieder sehr eigenartig: Jeder muss gehen, wird weg gedrängt und mit guten Worten versucht, zur Einsicht zu bringen, dass es hier nichts zu holen und nichts zu sehen gibt.
Nur ich darf bleiben. Warum eigentlich? Sehen mich die alle nicht? Ich stehe genau vor der umgekippten Dame und mich lassen sie einfach in Ruhe. Langsam wird mir unheimlich zumute. Auch die zwei vom Himmelfahrtskommando sind noch immer da und werden nicht gebeten zur Seite zu treten oder sich endlich davon zu machen. In meiner Ratlosigkeit stehe ich also da und höre eher beiläufig dem Sanitäter zu, während er der Frau den Mantel aufmacht. Wie durch einen Nebelschleier höre ich ihn auf einmal zu seinen beiden Kollegen sagen: „Das schaut nicht gut aus. Kein Puls, keine Atmung. Gebt mir bitte mal den Defi. So können wir hier nicht weg mit ihr. Schon komisch manchmal. Schaut völlig fit aus die Beste und doch hat ihr irgendetwas einfach die Lichter ausgeblasen.“
Die, die sich als Desra vorgestellt hat, ist auch diejenige, die offenbar das Sagen hat. Sie wendet sich wieder mir zu und macht Miene einen neuen Anlauf zu unternehmen, mir ihre abgefahrene Geschichte näher zu bringen. „Marina, so etwas ist uns beiden in unserer über unzählige Menschengenerationen währenden Zusammenarbeit noch nie passiert. Auch ich bin völlig überrascht, dass du offenbar sogar jetzt, nachdem dein menschlicher Körper abgelegt ist, gar keine Erinnerung an uns aufbringen kannst. Wir werden diesem Phänomen nachgehen. Aber erst, wenn wir dafür an einem geeigneteren Ort angekommen sind. Du kannst hier nichts mehr machen. Komm` bitte mit uns mit. Es wird sich alles aufklären und dann wird es dir auch wieder besser gehen. Wenn es für dich in Ordnung ist, können wir dich zu Emanuel begleiten, damit du dich von ihm verabschieden kannst. Du musst wissen: Auf der anderen Ebene, in jener Dimension, in die wir nun mit dir zurückkehren, ist auch er mit diesem Geschehen einverstanden. Ihr habt diese Entscheidung gemeinsam getroffen und werdet bei späteren Lerneinsätzen wieder zusammen sein.“
Emanuel – mein Süßer, mein Liebster. Ich kann das einfach nicht glauben. Jetzt, wo wir endlich richtig und innig zueinander gefunden haben, alle Hürden und Hindernisse aus deiner und meiner Vergangenheit überwunden sind – gerade jetzt soll alles vorbei sein? Unsere Liebe – die zwar vom ersten Augenblick an da war, riesengroß, tief und innig, ist uns dennoch nicht geschenkt worden. Die letzten drei Jahre waren gnadenlos und nicht nur einmal war ich der Verzweiflung nahe.
Dieser Mann, der als einziger unter allen, denen ich je begegnet bin, mein Herz und meine Seele oder einfach mich im Innersten berührt hat, ist ein so genannter „gebrauchter Prinz“. Soll heißen: Frau und Kinder hat er eigentlich schon hinter sich – oder eben nicht. Als wir uns kennengelernt haben, war er noch ein sozusagen „glücklich verheirateter Familienvater“ mit zwei Kindern und der dazu gehörigen Gattin. Dass diese Geschichte mit Glück und Familie schon sehr lange nur noch eine äußerliche Fassade war, durfte niemand wissen. Das war quasi die einzig verbliebene Gemeinsamkeit: Darüber wurde einträchtig geschwiegen.
Nach außen hin war die Welt eine heile: Reihenhaus im Grünen, gemeinsame Urlaube, gemeinsame Sorge um den gemeinsamen Nachwuchs und Auseinandersetzungen höchstens hinter gut verschlossenen Türen und abseits der lieben Kinder, für die diese traurige Komödie überhaupt nur veranstaltet wurde.
Mir war das zunächst alles gar nicht bekannt. Als wir uns das allererste mal gesehen hatten, warst du ein charmanter Herzensbrecher und Weltmeister im Flirten. Du: Ein attraktiver, männlicher Typ um die vierzig mit unwiderstehlich grau melierten Schläfen, der sich seiner Wirkung auf Frauen offensichtlich sehr bewusst war. Ich: Laut Angaben von Außenstehenden auch kein abschreckendes Beispiel der Gattung Frau. Aber oft missverstanden. Da ich mich nicht aktiv vordränge und auch nicht Aufmerksamkeit suche, werde ich oft als kühl und distanziert beschrieben. Was gar nicht meinem Wesen und schon gar nicht meiner Absicht entspricht.
Vielleicht hast du mich deshalb gar nicht angeschaut – zu viele andere und viel interessiertere Damen haben deine volle Aufmerksamkeit beansprucht. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir bei dieser ersten und sozusagen beruflichen Begegnung nicht einmal einen ganzen Satz miteinander gesprochen hatten. Höchstens „Guten Morgen“ und am Ende „Auf Wiedersehen“ - schließlich waren wir beide Teilnehmer an einer großen, internationalen Marketing-Tagung. Lediglich deinen Namen konnte ich damals vom Schild ablesen und mit deinen Kollegen plaudern. Die waren sich alle einig, dass du ein ganz besonders netter Kerl bist mit dem vor allem die Damen eine ganz große Freude haben. Ja vielen Dank – wenigstens das habe ich auch selbst ganz gut feststellen können. Und das wars.
Im ersten Jahr unseres Kennens haben wir sicher keine drei Worte miteinander gewechselt. Diese Begegnung war nur insofern einschneidend, als ich unter mehr als 800 Kongress-Teilnehmern aus der ganzen verdammten Welt nur dich interessant und lohnenswert gefunden hätte. Aber gut – oder eigentlich: schlecht. Ich bin wieder abgereist und war um einen Frust reicher: Der einzige spannende Mann weit und breit sieht mich nicht einmal. Weit habe ich es gebracht – und jünger werde ich auch nicht. Offenbar gehört man oder besser gesagt „frau“ schon mit knapp 30 Jahren bereits in die Kategorie der „Unverkäuflichen“ oder zumindest schwer Vermittelbaren. Es ist nicht so, dass ich jemals wirklich einsam gewesen wäre. Irgendwelche Bekanntschaften – wie das meine Omi immer pikiert festgestellt hat – gab es schon immer wieder. Auch als ich im ersten Jahr recht frustriert von diesem dreitägigen Kongress heimgekehrt bin, konnte ich mich trösten lassen. Aber schon längst weiß ich nicht mehr, wer den Job des „Trostpflasters“ damals erfüllen durfte.
Im darauf folgenden Jahr – wieder zum zeitgleichen Wochenende im Herbst, habe ich noch einmal an diesem Meeting teilgenommen. Diesmal mit dem Wissen, dass es das letzte mal sein wird. Dafür war ich wenigstens seelisch schon gewappnet wieder diesem unwiderstehlichen Frauenhelden zu begegnen. Da ich bereits aus dem Vorjahr vorgewarnt war, habe ich mir in diesem Jahr außer „Guten Morgen“ und „bye bye“ gleich gar nichts erwartet.
Außerdem hatte ich erst drei Wochen davor eine neue Bekanntschaft gemacht. Wie erwartet, haben wir uns freundlich begrüßt und danach ist jeder wieder seiner Wege gegangen. Natürlich konnte ich es nicht ganz vermeiden, zu beobachten, wie Emanuel stets im Epizentrum des weiblichen Interesses, immer gut gelaunt, immer zum Scherzen aufgelegt, einfach unübersehbar war. Ich habe mich natürlich fern gehalten. Das ist nicht mein Ding, wie eine Biene um einen Honigtopf um einen Mann herum zu scharwänzeln. Am letzten Tag dieses Treffens hat er ganz von selbst überraschender Weise begonnen, mit mir zu plaudern. Leider war das Thema nicht ganz das, was mich wirklich begeistert hätte. Voller Enthusiasmus hat er mir nämlich davon berichtet, dass er gerade von einer dreiwöchigen Safari in Südafrika zurückgekehrt wäre und wie unbeschreiblich toll diese Reise war. Naheliegend, dass ich ganz harmlos nachgefragt habe, mit wem er denn unterwegs war. Die niederschmetternde Antwort: Es waren zwei Pärchen – mit je einem Jeep und winzigen Dachzelten drauf. Wo also die Zeltbewohner sich ziemlich gern haben müssen, um drei Wochen auf geschätzten 1x1 m Schlaffläche zu verbringen.
Andererseits war es ein Trost für mich. Schließlich neige ich ständig dazu, die Schuld bei mir zu suchen und zu meinen, ich sei nicht schön, nicht gescheit, nicht interessant genug, um schöne, gescheite und interessante Männer für mich zu begeistern. Wenn einer aber bereits glücklich vergeben ist, dann fällt er für mich sozusagen vom Planeten. Egal ob fix liiert oder noch fixer verheiratet – der findet in meiner Wahrnehmung gar nicht mehr statt. Somit hat Emanuel es geschafft, mich durch seine begeisterte Urlaubsschilderung wieder mit mir und der Welt einigermaßen zu versöhnen. Jetzt hatte ich erfahren, dass ich nicht zu hässlich oder unvermittelbar wäre, sondern nur, dass ich leider zu spät dran war. Das fällt einfach unter Pech.
Am gleichen Abend nach unserer kleinen Plauderei stand das alljährliche Abschluss-Dinner und danach noch so eine Art Disco und Barbetrieb am Programm: „Get together“, wie das im heutigen neuen englisch-deutsch oder anglizistisch genannt wird. Weil dieses „together getten“ oft recht nahe geht, ist es von Jahr zu Jahr wieder ein guter Grund, sich wieder zu „meeten“. Wie auch schon im Jahr davor, war Emanuel auch diesmal – trotz seiner gerade beendeten glücklichen Pärchenreise – wieder der Mittelpunkt auf der Tanzfläche. Mit dem Wissen, dass seine Frau oder Freundin zu Hause wohl gerade erst die Koffer auspackt, während er hier wild herum flirtet, war er erst recht für mich abgehakt. Auf solche Männertypen stehe ich nämlich überhaupt nicht, die es brauchen, ständig ihren „Marktwert“ zu prüfen oder chronisch auf Aufriss sind, weil sie ja sooo cool und potent sind. Gegen zwei Uhr morgens hatte ich genug: Genug getanzt zu höchstens genügender Musik, genug getrunken und genug gesprochen mit nicht genügend interessanten Menschen.
Und auf einmal bist du vor mir gestanden: Emanuel, der gerade urlaubsfrisch heimgekehrte Weiberheld. Ohne lange zu fragen, hast du mich zur Tanzfläche geführt – diesmal nicht umringt von einem Tross brünstiger Damen. Was dann passiert ist, lässt sich eigentlich gar nicht beschreiben. Wir haben – nicht nur wegen der Lautstärke in der improvisierten Tagungs-Disco – kein Wort mehr gesprochen, nur getanzt, uns angeschaut und gefühlt. Rein vom Verstand her warst du schon längst kein Thema mehr für mich. Aber wo war der Verstand hin verschwunden? Nicht unsere Köpfe haben sich da kennengelernt, sondern nur die Herzen, die Gefühle und ich neige jetzt mehr als jemals zuvor zu der Ansicht, dass auch unsere Seelen sich getroffen und sehr wahrscheinlich wieder erkannt haben. Es war tatsächlich magisch. Nichts anderes war auf dieser Welt mehr vorhanden. Nur wir beide auf dieser Tanzfläche – unsere Hände, Körper und Gefühle. Einfach unbeschreiblich. Irgendwann hat der Discjockey aber Dienstschluss gehabt. Schließlich war das keine normale Disco, sondern ein seriöses Abschluss-Programm für eine in der Branche weltweit anerkannte Konferenz.
Im ersten Moment habe ich gedacht: Das wars jetzt. Wieder geht jeder seiner Wege – nur werden wir uns diesmal nicht mehr wieder treffen. Zu meiner großen Überraschung bist du aber einfach nicht gegangen. Die Musik war längst vorbei, deine und meine Kollegen haben sich noch zu einem berühmten letzten Gläschen an der Bar versammelt und du warst immer noch an meiner Seite. Oder noch besser:
Du hast mich noch immer im Arm gehalten. Was mich allem Wissen um deinen schönen Urlaub und die vielen Damen rund herum zum Trotz extrem glücklich gemacht hat. Irgendwann war aber auch dieses letzte einigermaßen offizielle Meeten zu Ende. Mittlerweile war es schon fast wieder hell und alle haben sich endgültig auf den Weg zu ihren Zimmern gemacht. Wie selbstverständlich bist du mit mir mitgekommen.
Ich habe damals gar nicht weiter darüber nachgedacht, ob du mich ganz ritterlich bis zu meiner Tür begleiten möchtest – oder eher machohaft bis zum Bett. Es wurde dann zweiteres. Die größte Überraschung kam erst zusammen gekuschelt unter der Bettdecke. Nein – nicht die Erkenntnis, wie das ist mit der Nase des Mannes und seines „Johannes“. Soweit sind wir gar nicht vor- und erst recht nicht eingedrungen. Wir haben uns gestreichelt und uns gegenseitig unser Leben erzählt.
Erst in diesem Moment habe ich erfahren, dass du bereits seit sozusagen ewig und drei Tagen mit deiner Ehefrau zusammen bist und du mit dieser Frau auch zwei Töchter hast. Der große Nachteil an der Sache: Deine Frau hat dich immer schon betrogen und du hast es leider erst erfahren, als bereits zwei Kinder mit ebendieser in die Welt gesetzt waren. Deine persönliche Rache war es gewissermaßen, dass auch du dich nicht mehr als verheiratet und zur Treue verpflichtet betrachtet hast. Dass es dennoch gemeinsame Urlaube ans andere Ende der Welt gab, hast du damit erklärt, dass du dich wegen der Kinder zu einer Art Ehealltag verpflichtet gefühlt hast. Und da gehören anscheinend auch Safaris dazu. Du hast mir aber auch mitgeteilt, dass du schon lange innerlich dieses gesamte Kapitel abgeschlossen hast und deine Ehe schon sehr lange nicht einmal mehr das Papier wert wäre, auf dem diese noch immer fest geschrieben stand.
Keine leichte Kost für eine strikte Verfechterin des Prinzips, niemals einen Verheirateten und schon überhaupt nicht jemanden mit Kindern an sich heran zu lassen. Manchmal hat das Leben schon extrem unlustige Späße auf Lager. Noch nie habe ich mich in der Nähe eines Mannes so geborgen und auch so geliebt gefühlt – obwohl wir damals auf eine Bekanntschaft von nicht einmal einer Stunde Tanz und noch einer Stunde Abschluss-Drink zurück blicken konnten. Tatsächlich war ganz von Anfang an dieses Gefühl da, dass wir uns schon ewig kennen und einander sehr vertraut sind.
Wow! Irgendetwas Arges muss wirklich mit mir passiert sein. Gerade jetzt, wo ich intensiv an dich gedacht habe, bin ich auch schon bei dir, Emanuel. Ich kann es einfach nicht erklären. Es ist Vormittag an meinem freien Tag. Du bist ganz normal in deinem Büro in deiner Agentur und erstellst irgendwelche Tabellen, die mir sowieso immer ein Rätsel waren. Ganz konzentriert sitzt du da und fixierst den Bildschirm vor dir. Keine Ahnung, wie ich da von jetzt auf gleich herein gekommen bin. Ich stehe nun direkt vor dir und wie immer siehst du mich natürlich nicht. Das ist nicht weiter erschreckend, da du, vertieft in deine Arbeit, wie immer die Welt um dich herum vergisst oder sehr erfolgreich ausblendest. Also stehe ich da und wundere mich. Es kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Gerade noch war ich in einer belebten Einkaufsstraße und eine Frau ist in meiner Nähe zusammen gebrochen, dann waren da die beiden anderen Frauen, die mich offenbar gut gekannt haben und nun bin ich wie durch Zauberei auf einmal bei dir – am anderen Ende der Stadt. Auf herkömmlichem Weg ist diese Strecke nicht unter mindestens 40 Minuten zu schaffen.
Das Telefon läutet. Dieses Ding ist offenbar die einzige Geheimwaffe, die es schafft, dich aus deiner Arbeitskonzentration zurück ans Tageslicht zu holen.
„Manu hier, was gibt’s?“ Auch das ist mir nicht unbekannt. Wer es wagt, dich aus deinen Gehirnwindungen heraus zu reißen, darf nicht mit allzu großer Freundlichkeit rechnen. Immer diese schreckliche Abkürzung! Mir ist es ein Rätsel, warum manche „Jugendsünden“ sich ein Leben lang halten. Emanuel hat so einen schönen, klangvollen Namen – aber das, was er schon ein Leben lang daraus macht, ist wie eine Verstümmelung. Mein – oder ja, natürlich unser - Kind muss einmal einen abkürzungsresistenten Namen erhalten. Einen, der kurz genug ist, damit niemand irgendetwas Halbes draus machen kann.
Wo war ich gerade? Ach ja, die Damen in deinem Büro sind sicher schon daran gewöhnt, dass dein Charme sich in Grenzen hält, wenn du dich gestört fühlst. Offenbar ist es die junge Sekretärin unten vom Empfang, die noch recht neu bei euch und daher noch leichter einzuschüchtern ist. Durch den Hörer vernehme ich ihr ängstliches Stottern, dass zwei Herren von der Polizei nach dir gefragt hätten. Sie möchte wissen, ob sie die zwei zu dir schicken darf. Dein Gesichtsausdruck versteinert noch mehr und mit verändertem Tonfall, fast ein wenig heiser, ersuchst du sie nun sogar die beiden Herren um eine Minute Geduld zu bitten. Du wirst gleich persönlich zum Empfang kommen und sie abholen.
Wie zu dir selbst sagst du auf einmal: „Komische Sache, dass Polizisten Verkehrsstrafen nun sogar persönlich zustellen, ist mir ganz neu. Was das wohl wieder zu bedeuten hat?“ Noch immer stehe ich mitten in deinem Büro, ich schaue dir kerzengerade in die Augen und – nichts! Du schließt deine Tabelle, trinkst einen Schluck von diesem ganz gesunden Kräutertee, den ich dir erfolgreich einreden konnte und greifst nach deiner neuen Strickjacke – auch für diese konnte ich dich erfolgreich begeistern. Mit einem letzten Blick durch den eher recht kahlen, oder sagen wir einmal äußerst männlich-funktionell gehaltenen Büroraum, dann drehst du dich zur Tür, um die beiden unerwarteten Besucher in Empfang zu nehmen.
Ich kann es nun endgültig nicht mehr fassen. Du beachtest mich mit keinem Wimpernzucken. Sogar in Zeiten unserer heftigsten Krisen und Auseinandersetzungen hat es das noch nie gegeben, dass wir uns gegenseitig mit völliger Nichtbeachtung gestraft hätten. Noch dazu jetzt kann ich es umso weniger verstehen. Es ist noch keine drei Stunden her, als wir uns richtig innig und wie frisch verliebt zu Hause voneinander verabschiedet hatten. Du hast mir einen erfolgreichen und unterhaltsamen Einkaufsbummel gewünscht, nachdem wir endlich angezogen und ausgehfein waren. Entgegen aller Informationen aus diversen schlauen Ratgebern und auch im Gegensatz zu dem, was die vielen ungefragten menschlichen Ratgeber zum besten gegeben haben, ist mir die Lust auf meinen Herzallerliebsten durch die beginnende Schwangerschaft nicht vergangen. Eher ganz im Gegenteil.
Ich war nie ein Kind von Traurigkeit, wie man salopp sagt, aber in diesem Lebensbereich habe ich durch dich ganz neue Dimensionen an buchstäblicher Verbundenheit kennenlernen dürfen. Die heißen Liebhaber, die mir in meiner Vorgeschichte – also vor unserer Begegnung – über den Weg gelaufen sind, haben oft viel von abstrakten Stellungswechseln und kreativen Positionierungen verstanden und ich habe auch zugegebenermaßen gerne mitgespielt. Aber leider habe ich allzu oft die Erfahrung machen müssen, dass die wirklich perfekten Liebhaber völlig begeistert sind von ihren beglückenden Fähigkeiten, dass sie erst glücklich sind, wenn sie so viele Damen wie nur irgendwie möglich beglücken können. Soll heißen: So einer ist dir nicht einmal treu bis zur nächsten Nummer.
Zu viel Glück gilt es zu verteilen! Super, bei diesem Gedankengang wäre der Umkehrschluss wahrlich nicht schmeichelhaft. Ich möchte also definitiv nicht behaupten, dass anständige und treue Männer somit schlechte Liebhaber sein müssen. Sie haben nur nicht den zwanghaften Trieb alles und jede zu erobern. Das finde ich persönlich sehr erfreulich.
Mit Emanuel schaukle ich nicht am Luster – was ich bisher, um ehrlich zu sein, auch noch nie getan habe. Wir machen Liebe im besten Sinn des Wortes. Schön gesagt, oder? Das war auch heute Morgen so. Sogar unsere „Lust-igkeit“ ist durch eine glückliche Fügung unseres Schicksals, oder vielleicht durch unsere Seelenverwandtschaft – wer weiß? - ganz im Gleichklang. Im zeitlichen nämlich. Abends ist mit uns nicht viel anzufangen. Das Bett sehen und hinein sinken und weg kippen ist meist beinahe eins. In der Früh, frisch erholt und ausgeschlafen, sind wir beide dann guter Dinge und in Stimmung für ein Spiel mit dem Ding. Heute hast du mich ganz vorsichtig mit deiner Hand erforscht, ganz so, als ob du dich in unbekanntes Gelände vorwagen würdest. Zentimeter für Zentimeter hast du meinen Bauch untersucht – auf der Suche nach dem neuen Mitbewohner. Dann hast du dich südlicheren Regionen zugewendet. Es gibt also wirklich gar keinen Grund, mich jetzt schlichtweg zu ignorieren.
Bereits an der Tür angekommen, bleibst du auf einmal wie angewurzelt stehen und schaust doch noch einmal zurück in den Raum – zu mir! Aber du schüttelst nur mit irgendwie ratloser Miene den Kopf und gehst nun endgültig hinaus. Wie vom Donner gerührt bleibe ich wo ich bin. Das kann einfach nicht wahr sein. Wie von Zauberhand bin ich in Emanuels Büro katapultiert worden und er schaut mich tatsächlich nicht einmal an. Was ist mit dir passiert mein Liebster - oder mit mir? Wieder ist ein Gedanke ausreichend: Schon bin ich wieder bei ihm und sehe, wie er die beiden Uniformierten begrüßt und weiter bittet. Die Herren machen ganz betretene Gesichter und wissen offenbar nicht, wo sie anfangen sollen. Da höre ich den jüngeren von den beiden fragen: „Kennen sie eine Marina Herzog?“
Emanuel schaut ein bisschen ungläubig und nickt, während er antwortet: „Ja natürlich. Sie ist meine Frau. Herzog ist ihr Mädchenname – aber ich glaube im Führerschein hat sie das immer noch nicht umschreiben lassen. Ist das ein Problem?“ Nun schaltet sich der streng blickende, ältere Polizist ein. „Nein, das ist nicht weiter schlimm. Können wir uns irgendwo ungestört mit ihnen unterhalten? Ich fürchte, wir haben leider sehr schlechte Nachrichten für sie.“ Emanuel wird unruhig. Das erkenne ich an seiner Haltung. Die Schultern werden dann unnatürlich straff und die Hände ballt er zu Fäusten – so fest, dass die Fingerknöchel ganz weiß werden. Er geht voran und weist den Herren den Weg in die agentureigene Cafeteria, wo bis vor kurzem sogar noch die ehemalige Schwiegermutter den Kaffee ausgeschenkt hat.
„Bitte, nehmen sie doch Platz. Darf ich ihnen einen Kaffee oder Tee bringen?“, diese höflichen Allgemeinplätze helfen Emanuel scheinbar, ein wenig von seiner Anspannung zu verlieren. Die Polizisten lehnen dankend ab und wählen einen Tisch im hintersten Winkel des kleinen, farbenfroh gestalteten Betriebscafés.
„Herr Dahlberg, wir sind heute Vormittag zu einem Unglücksfall in der Stadt gerufen worden. Ihre Frau ist auf offener Straße zusammengebrochen.“ Weiter kommt der ältere der beiden nicht, der mittlerweile eine professionell wirkende Trauermiene aufgesetzt hat. Emanuel fällt ihm ins Wort: „Ihr ist hoffentlich nichts Schlimmes passiert? Sie ist im dritten Monat schwanger. Wir erwarten unser erstes Baby.“
Der jüngere der beiden Beamten atmet hörbar und sagt mehr zu sich selbst: „Oh, nein – das auch noch.“ Noch bevor Emanuel irritiert oder verärgert reagieren kann – das war in der Kürze der Zeit nicht eindeutig an seinem Mienenspiel zu erkennen – schaltet sich der Ältere wieder ein und sagt schnell, vielleicht etwas zu schnell: „Leider hat ihre Frau heute Vormittag einen Herzanfall erlitten. Sie wurde umgehend reanimiert. Aber ich muss ihnen mitteilen, so leid es mir tut, dass man ihr nicht mehr helfen konnte.“
Emanuel ist üblicherweise nicht schwer von Begriff, aber angesichts einer derartig unfassbaren Neuigkeit fragt er nur verständnislos: „Was wollen sie mir damit sagen?“ Die beiden Polizisten tauschen unbehagliche Blicke aus. Für die beiden ist es offenbar nicht das erste mal, dass sie einem Hinterbliebenen versuchen klar zu machen, dass ein nahe Verwandter oder Ehepartner leider verunglückt oder wie auch immer zu Tode gekommen ist. Verständnislosigkeit und dieses Nicht-begreifen-können oder -wollen gehören für sie zum traurigen Berufsalltag. Nun unternimmt der Jüngere einen weiteren Versuch, meinem Liebsten – und genau genommen auch mir selbst – klar zu machen, dass ich tot bin und sagt vorsichtig: „Ihre Frau ist vor etwas mehr als einer Stunde offenbar auf der Straße zusammen gebrochen. Passanten haben die Rettung und die Polizei verständigt.
Es wurden sofort Wiederbelebungsmaßnahmen ergriffen – leider erfolglos. Wir haben die traurige Aufgabe, ihnen mitzuteilen, dass man nichts mehr für sie tun konnte. Würden sie uns bitte begleiten, um die leider notwendigen Formalitäten zu erledigen?“ He, das erklärt einiges. Die beiden himmlischen Schwestern waren also doch keine Hirngespinste und keine Irren aus einer Anstalt Entsprungenen, sondern offenbar tatsächlich Wesen aus einer anderen Welt. Emanuel hat mich nicht ignoriert, weil er einen plötzlichen Groll gegen mich gehegt hätte, sondern weil ich für ihn tatsächlich nicht vorhanden war oder bin. Lieber Gott, was mache ich jetzt bloß?
Wie aus dem Nichts sind die beiden Damen wieder an meiner Seite. Desra schaut mich mitfühlend an und meint: „Wir haben uns für dein Wiedersehen mit Emanuel absichtlich im Hintergrund gehalten. Das geht schließlich nur euch beide etwas an. Ich hoffe, dass du nun besser in der Lage bist, zu verstehen, was wir dir schon vorhin erklären wollten. Sobald unsere Seele den Körper verlassen hat, sind wir für die inkarnierten Menschen nicht mehr sichtbar und nur noch für die wenigsten spürbar. Wobei Emanuel für einen kurzen Moment ganz sicher schon deine Anwesenheit gespürt hat. Das sind aber ganz feine, intuitive Signale, die üblicherweise den allgegenwärtigen Alltagsverstand nicht durchdringen können. Er hat nur kurz innegehalten und dann doch den Raum verlassen, obwohl du noch da warst. Daran wirst du dich nun leider gewöhnen müssen. Du siehst zwar alles und kannst bei den Menschen sein, die dir ein Leben lang lieb und wichtig waren, aber umgekehrt finden dich deine Lieben ohne Körper, ohne die vertraute materielle Hülle, praktisch kaum mehr. Deshalb laden wir dich ein, mit uns zu kommen. Es warten neue Aufgaben auf dich und auch so manches freudiges Wiedersehen!“
Die hat Nerven. Ich wüsste nicht, auf wen ich mich in dieser Situation freuen sollte. Der Mensch, der mir von allen am wichtigsten ist, kann mich weder sehen noch spüren. Ich kann nicht mehr mit ihm sprechen und ihm auch anderweitig nicht mehr mitteilen, wie sehr ich ihn liebe und ihn jetzt schon vermisse. Wie erstarrt sitzt Emanuel den beiden Polizisten gegenüber, sichtlich unfähig irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Wenn ich ihm nur helfen könnte! Das würde es für uns beide leichter machen, das unfassbare irgendwie zu ertragen. Beim besten Willen kann ich mir nicht erklären, wann wir uns damit einverstanden erklärt hätten, unser Leben bzw. meines quasi wegzuschmeißen, sobald es uns gut geht und wir alle Hindernisse überwunden haben. Auf einmal höre ich meinen Ehemann sprechen – abgehackt und wie ein Automat: „Was muss ich machen? Mitkommen? Wohin? Wo ist Marina?“
Hilfesuchend schauen die beiden Uniformierten sich gegenseitig an. So viele Fragen und doch wissen sie keine wirklich zufriedenstellende Antwort. Was sollten sie auch sagen? Dass jeder Tote in dieser Situation zunächst obduziert – das heißt, aufgeschnipselt und auseinander genommen wird? Nicht sehr tröstlich für einen frischen Witwer, der gerade erfahren musste, dass er auch nicht bald Vater seines ersten Kindes mit dieser Frau mehr wird. Ich bin nun ganz nahe bei Emanuel, versuche ihn zu berühren – was natürlich nicht gelingt. Es ist schlichtweg zum verrückt werden! Da stehe ich praktisch direkt neben dem Menschen, den ich am meisten von allen liebe und kann nichts für ihn tun. Er ist mittlerweile wie versteinert, sowohl in seiner Miene als auch in seiner Hautfarbe. Die zeigt nämlich einen sehr ungesunden Grauton. Wie ein willenloses Opfer lässt Emanuel sich nun von den Polizisten in sein Büro begleiten. Er holt seine Papiere und die Autoschlüssel.
Dann folgt er ihnen. Sie wollten ihn mitnehmen in das Krankenhaus, in welches ich – oder was von mir noch übrig ist – eingeliefert worden war. Schon makaber. Da fährt eine Leiche im Rettungswagen mit und wird auch ganz fürsorglich ins Spital gebracht. Einfach nicht in die Notaufnahme und auf die Bettenstation, sondern in den Keller zu den Kühlfächern. Grausliche Vorstellung. Mein Liebster hat das freundliche Angebot mit den „Freunden und Helfern“, wie sich Polizisten selbst gerne nennen, zu mir ins Spital zu fahren, dankend abgelehnt. Er hat glaubhaft versichert, dass er sich in der Lage fühlt, selbst mit dem Auto zu fahren und hat darum gebeten, diese paar Minuten Fahrtzeit allein sein zu dürfen.
Jetzt sitzen wir also da im Auto nebeneinander, wie schon tausende Male in unserem Leben. Nur mit dem kleinen, entscheidenden Unterschied, dass ich diesmal tot bin und du mich nicht sehen kannst und auch sonst nicht wahrnimmst. Desra hat mich gerade vorhin noch einmal darum gebeten, mit ihnen zu kommen und dich ein wenig später wieder zu besuchen. Sie hat gemeint, dass ich momentan sowieso nichts erreichen kann, weil Schmerz und Trauer das Bewusstsein so sehr blockieren, dass derzeit gar keine Information zu dir durchdringen kann.
Das merke ich nun selbst – aber ich bringe es einfach nicht fertig zu gehen. Schließlich bist du mein Zuhause und mein Lebensmittelpunkt. Ich kann einfach nicht die Hoffnung aufgeben, dich doch noch zu erreichen. Wir waren uns immer so nahe. Gerade heute früh noch – so nahe, wie es zwei Menschen überhaupt nur sein können. Es ist doch wohl nicht möglich, dass diese innige Verbindung, die für mich immer ganz klar eine Seelenverwandtschaft war, auf einmal abreißt und durch nichts mehr ein Kontakt zueinander möglich sein sollte. Das würde bedeuten, dass alle Verbundenheit nur Illusion ist, nichts wirklich Tiefgehendes.
Ganz sanft versuche ich also noch einmal mich gedanklich anzunähern, strecke das, was ich noch an virtuellen Armen habe, nach Emanuel aus und versuche ihn zu berühren. Aber es klappt nicht. Nicht einmal durch ein Zucken oder Augen zwinkern könnte ich den Eindruck gewinnen, dass ich zu dir durchgedrungen bin. Das hat Desra wohl damit gemeint, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt wieder kommen sollte, weil im ersten Trauerschock einfach gar nichts geht. Aber für mich ist es auch unvorstellbar, mich einfach abzuwenden und mich ab sofort neuen Aufgaben zu widmen. Bis vor kurzem war ich voller Pläne und Aufgaben und habe mich sehr darauf gefreut, diese mit meinem Herzallerliebsten zu erleben und zu erfüllen.
Inzwischen sind wir beim Krankenhaus angekommen. Allein die Bezeichnung hat mich immer schon krank gemacht. Wie kann man einen Platz, der Menschen wieder gesund machen soll, nur Krankenhaus nennen? Wer ein bisschen Ahnung hat von der Macht des Unterbewusstseins, der weiß doch längst, dass alleine so eine missglückte Bezeichnung für einen Ort der eigentlich der Gesundung dienen sollte, das genaue Gegenteil bewirkt. Wer in ein Krankenhaus geht, macht somit alles, um wirklich krank zu bleiben. Aber wem sollte ich jetzt noch meine diesbezüglichen Überzeugungen mitteilen? Für mich ist das hier ohnedies nur noch ein Totenhaus.
Ich fürchte mich vor dem Moment die Frau von der Straße als totes Ich nun noch einmal ansehen zu müssen. Dennoch spüre ich einen ganz intensiven inneren Drang, mich diesem Anblick zu stellen. Ich brauche einfach die völlige Gewissheit, dass ich nicht in einem abgefahrenen Tagtraum gefangen bin, sondern wirklich und wahrhaftig gleichzeitig tot und dabei lebendig wie eh und je sein kann.
Ah, da kommt jemand auf Emanuel zu. Offenbar war sein Eintreffen schon angekündigt worden. Eine freundliche Krankenschwester (also die, die dafür zu sorgen haben, dass die Kranken sicher krank bleiben) schüttelt meinem Ehemann die Hand und bittet ihn, mitzukommen. Unbemerkt gehe ich oder schwebe ich – keine Ahnung, wie ich diese Fortbewegung jetzt bezeichnen soll – mit ihnen mit.
Unnötig zu betonen, dass auch die kranke Schwester mich natürlich weder gesehen noch bemerkt hat. Emanuel folgt ihr wie in Trance. Ihre bemühten Versuche, ihm zu versichern, wie leid ihr alles tut, prallen jedenfalls genauso ungehört ab, wie mein Bestreben, ihm klar zu machen, dass ich ja DA bin! Ganz in seiner Nähe.
Da sind wir. Schwester Anita, wie auf ihrem Namensschild zu lesen steht, hat eine unscheinbare Tür geöffnet, die keine Beschriftung aufweist und nur vom Personal mit Schlüssel aufgesperrt werden kann. Der kleine Raum ist recht kahl und unscheinbar – nur mit ein paar typisch weißgrau gehaltenen Spitalskästen ausgestattet. In der Mitte dieses Kämmerchens steht eine fahrbare Liege und darauf liege: Ich! So wie ich die Frau auf der Straße in Erinnerung hatte, nur wurden mittlerweile Mantel und Schuhe ausgezogen. Emanuel stürzt auf mich – oder nun, ja auf meinen Körper zu und versucht mich zu umarmen. Die Schwester berührt ihn vorsichtig am Ärmel, als ob sie ein bevorstehendes Unglück noch aufhalten wollte. Aber zu spät. Er berührt mich – und prallt natürlich vor Schreck zurück.
Mittlerweile ist mein Körper leider abgekühlt und auch die ersten Totenflecken beginnen sich auf der Unterseite der Arme zu zeigen. Auf sehr unsanfte Art hat mein Liebster also gerade erfahren müssen, dass tot in unserer irdischen Wahrnehmung wirklich tot, kalt, aus und Ende bedeutet. Auch ich bin ehrlicher Weise zurück gezuckt, weil er so erschrocken ist. Für mich ist das auch alles unpackbar – wie ein schlechter, böser Film. Noch immer kann ich nicht glauben, dass diese Erlebnisse echt sind.
Nie hätte ich mir träumen lassen, dass man als Toter so lebendig und so präsent sein könnte. Ich denke und fühle genau wie immer, nur dass ich auf mein „Ich“ auf einmal und erstmalig von außen drauf schauen kann. Erst jetzt bemerke ich, dass wir hier absolut nicht alleine sind! Direkt neben mir steht ein Mann in der sehr attraktiven Krankenhaus-Wäsche und schaut sich ganz irritiert um. Es scheint so, als ob er nicht wüsste, wo er ist. Niemand beachtet ihn. Normalerweise bin ich eher zurückhaltend und quatsche nicht einfach wildfremde Menschen an, nur weil sie ein bisschen ratlos dreinschauen. Aber bei diesem habe ich das seltene Bedürfnis, eine Ausnahme zu machen. Also drehe ich mich zu ihm um und frage, ob ich ihm behilflich sein kann. Er ist etwa um die 70, hat jede Menge Verband um die Arme und schaut insgesamt sehr mitgenommen aus.
„Sie können mich sehen? Bitte sagen sie mir doch, was hier los ist? Seit Ewigkeiten bin ich hier schon von einem Raum in den nächsten unterwegs, um irgendjemanden zu sprechen, der mir sagen kann, was mit mir los ist. Aber niemand beachtet mich, beinahe als ob ich Luft für alle wäre.“ Oje, der Ärmste! Ich bin wohl nicht die einzige, die sich sehr abrupt damit konfrontiert sieht, nicht mehr von dieser Welt zu sein. Komisch ist nur, dass für ihn – wie es aussieht – niemand gekommen ist, um ihn abzuholen und ihm zu erklären, was mit ihm passiert ist. Sehr super. Unsere Schöpferin, oder wem immer wir unser Dasein und auch das 'Nicht-mehr-Dasein' zu verdanken haben, hat wirklich einen sehr speziellen Humor. Jetzt ist es, wie es aussieht, offenbar an mir – die ich selbst noch gar nicht glauben kann oder will, dass ich vom irdischen Standpunkt aus mausetot bin, einem anderen, der nicht weiß, was auf einmal los ist, zu erklären, dass auch er tot ist. Und dass er sich nicht wundern muss, dass niemand ihn beachtet, weil ihn nämlich gar niemand sehen kann. Ein Beweis mehr für mich selbst, dass er und ich sozusagen von nun an in der gleichen Liga spielen. Emanuel und Schwester Anita stehen unmittelbar neben uns und haben überhaupt nicht reagiert und offenbar wirklich gar nicht bemerkt, dass ich direkt neben ihnen mit einem fremden alten Mann spreche. Indem ich einem anderen Ankömmling im Jenseits – oder wo auch immer wir hier gerade sind – klar mache, dass er buchstäblich hinüber ist, mache ich es mir gleichzeitig selbst klar.
Der Ärmste ist sehr mitteilungsbedürftig, weil er offenbar dringend einen Ansprechpartner gesucht hat. Da ich immer schon ein freundlicher und gutmütiger Mensch war und es, wie es scheint, noch immer bin, wende ich mich also dem Herrn zu. Bereit, mir seine Geschichte anzuhören – ihm quasi die „Beichte“ abzunehmen, wie ich das gerne genannt habe, wenn dir irgendwer unbedingt sein Herz ausschütten will. Also bitte – nur zu.
Der Herr lässt sich nicht zweimal bitten und legt los: „Heute morgen bin ich mit meiner Frau hierhergekommen, weil ich - wie sehr oft in den vergangenen zwei Jahren – wieder einen dieser unerklärlichen Fieberschübe hatte. Sie müssen wissen, dass ich schon seit fast zehn Jahren Krebspatient bin und seit einer ganzen Weile jetzt auch zuckerkrank. Ich kann mich kaum erinnern, wie wir hier im Krankenhaus angekommen sind, weil ich so hohe Temperatur hatte. Die Ärzte und Schwestern kennen mich hier schon. Es ist immer ein Bett für mich frei, dann erhalte ich üblicherweise ein paar antibiotische Infusionen und nach ein paar Tagen kann ich wieder nach Hause. Heute war es ein bisschen anders. Kaum war ich hier im Zimmer angekommen, habe ich mich gleich viel besser gefühlt. Alle Schmerzen waren wie weggeblasen und ich hatte das Gefühl, dass das Fieber mit einem Schlag weg war. Obwohl es mir auf Anhieb so viel besser gegangen ist, haben sich dennoch nach wenigen Minuten zig verschiedene, hektische Ärzte um mein Bett geschart und haben wirres Zeug geredet.
Die haben allen Ernstes gemeint, dass sie mir diesmal nicht mehr helfen könnten, obwohl ich mich blendend fühle. In dieser aufgeregten Menschenschar war auf einmal ein einziger Pfleger oder vielleicht war er auch schon ein Assistenzarzt, ein recht junger Kerl jedenfalls, der als einziger zu mir gesprochen hat. Er hat gemeint, dass ich ihn begleiten sollte. Alle anderen waren viel zu beschäftigt und haben mich gar nicht beachtet. Ich habe dem jungen Kerl gesagt, dass er sich nicht so wichtig machen soll. Zuerst möchte ich mit meinem behandelnden Arzt sprechen, bevor ich mit ihm irgendwohin gehe. Daraufhin hat er gemeint, dass er sich natürlich nicht aufdrängen möchte und mir gerne noch ein wenig Zeit lässt.
Jetzt frage ich sie: Zeit wofür bitte sehr? Mein Arzt hat nicht mehr mit mir gesprochen und meine Frau auf einmal auch nicht. Ja, ich gebe schon zu, dass ich sie nicht immer besonders freundlich behandelt habe. Auch ihre Meinung interessiert mich nicht besonders – aber dass sie von einem Moment zum anderen gar nicht mehr mit mir redet, finde ich schon ein bisschen übertrieben. Die kann jedenfalls etwas hören, wenn sich das alles hier wieder aufgeklärt hat.“
Dieser Herr hat mir gerade noch gefehlt. Einer von der mühsamen Sorte – ein völliger Egomane, der so sehr mit seiner eigenen Geschichte und seinen eigenen Problemen beschäftigt ist, dass er ansonsten gar nichts mitkriegt. Jeder Mensch, der offenbar den Fehler begangen hat, jünger als er selbst zu sein, ist anscheinend automatisch nicht ernst zu nehmen. Wie werde ich den nur wieder los? Unter uns gesagt, könnte ich es problemlos verstehen, wenn die Frau Gattin einfach genug hat und sich taub stellt. Zu ihrer Verteidigung muss ich aber festhalten: Sie kann anscheinend gar nicht anders reagieren. Emanuel hört und sieht mich schließlich auf einmal auch nicht mehr.
Der Alte hat mich derartig abgelenkt, dass ich gar nicht bemerkt habe, dass Emanuel nun mit mir – oder dem, was von mir noch übrig ist – allein in diesem kleinen Raum ist und gerade weint. Es zerreißt mir einfach das Herz mit ansehen zu müssen, wie ein so großer, kräftiger Mann, den nichts leicht umwirft, auf einmal da sitzt und hemmungslos schluchzt. Der egoistische Alte steht noch immer da und schaut verständnislos – gerade so, als ob er überhaupt nicht begreifen könnte, warum er nicht mehr der Mittelpunkt ist. Ich habe beschlossen, ihn am besten zu ignorieren. Wenn einer gar nicht begreift, dass er stört, dann ist es für dieses Leben jedenfalls ohnedies zu spät, um ihm noch besseres Benehmen und Mitgefühl beizubringen. Vielleicht klappt es ja beim nächsten mal.
Das darf jetzt aber nicht wahr sein. Jetzt tanzt noch wer an. Ah, so wie der aussieht, könnte das der junge Assistenzarzt oder Pfleger sein, den der alte Herr gar nicht sprechen wollte. Sehr nett, er geht zu dem Alten mit seinen vielen Leiden und führt ihn regelrecht ab. Vielen Dank – gut gemacht.
Emanuel hat von all diesen Geschehnissen gar nichts bemerkt. Er sitzt ganz in sich zusammen gesunken neben diesem fahrbaren Bett auf dem ich liege und ist noch immer völlig aufgelöst. Seine Verzweiflung macht mich so wahnsinnig traurig, dass ich das Gefühl bekomme, auch hemmungslos los weinen zu müssen. Irgendwie fühlt sich dieses weinen aber anders an – tränenlos und ein bisschen so, als ob es nicht von mir wäre, nicht aus meinem Innersten. Eher, als ob ein Teil von mir sich da selbständig machen würde. Mitten in dieser Gefühlsverwirrung tauchen auf einmal Desra und – hat sie das wirklich nicht ganz am Anfang unserer Begegnung gesagt - unsere Tochter – hier auf.
Zum ersten mal schaue ich diese junge Frau bewusst näher an – und sie mich. Ja, da ist etwas, eine Vertrautheit, eine innere Nähe. Auch wenn ich nicht sagen könnte, dass mir das Gesicht oder die Erscheinung der jungen Dame irgendwie wirklich bekannt wären. Der Verstand (so ich diesen noch besitze) sagt: „Nette Person, kenne ich aber nicht“, während sich die Seele sehr wohl über ein Wiedersehen freut.
„Diesmal war es uns nicht gegeben, Mutter und Tochter zu werden. Wir haben aber schon vor langer Zeit vereinbart, dass es diesmal sehr wahrscheinlich nicht zu einem gemeinsamen Leben auf der Erde kommen wird. Mir war es aber wichtig, dich noch persönlich zu treffen, bevor wir beide neue Aufgaben übernehmen. Wir haben schon viel zusammen erlebt in ganz verschiedenen Konstellationen. Bis vor kurzem noch war ich deine Großmutter. Vielleicht erinnerst du dich deshalb nicht an mich – weil du mich in einer anderen Gestalt in Erinnerung hast.“
Wie ein Erinnerungsblitz denke ich an meine Omi, die mir immer gesagt hat, dass sie erst diese Erde verlassen wird, wenn sie das Gefühl hat, dass ich endlich den richtigen Herzenspartner für mein Leben gefunden hätte. Und so hat sie es dann auch gemacht – und musste dafür einiges über 90 Jahre alt werden! Aber natürlich habe ich nie ein Jugendbild von ihr gesehen. In meiner Erinnerung war sie immer eine alte Frau. Und natürlich war mir bis jetzt nicht klar, ob jemand auf der „anderen Seite“ zwangsläufig die Optik seines letzten Menschenlebens behalten muss, oder ob das Erscheinungsbild sowieso nur Illusion und somit frei wählbar wäre. Aber das würde ich demnächst sicher herausfinden können.
Meine Großmutter war nun bereits seit ein paar Jahren tot. Was für eine unglaubliche Geschichte, dass jetzt auf einmal ein weiblicher Geist vor mir steht – wobei ich offenbar gerade selbst einer bin – und mir erklärt, noch bis vor kurzem sei er meine Omi gewesen.
