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Eine Frau wird in die Psychiatrie eingewiesen, die Diagnose lautet Schizophrenie. Sind ihre Beschuldigungen gegen ihren Ehemann ernst zu nehmen? Wahn oder Wirklichkeit? Kassandra Bergen, erfahrene Assistenzärztin in der psychiatrischen Klinik Eschenberg, hat schon manches erlebt. Aber dieser Fall ist anders. Das Schicksal ihrer Patientin lässt sie nicht mehr los. Was als Nachforschung aus medizinischem Interesse beginnt, nimmt bald einen unheilvollen Verlauf. Und nichts ist mehr, wie es zu sein schien.
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Seitenzahl: 460
Veröffentlichungsjahr: 2012
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1. Auflage 2010
Alle Rechte vorbehalten
© by Nydegg Verlag Bern, 2010
Lektorat: Urs Heiniger
Umschlaggestaltung und Satz: Sonja Benz, Bern
Umschlagbild: Stephan Polten
Autorinnenfoto: Rahel Bettschen
E-Book-Konvertierung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
ISBN 978-3-905961-05-8
Nydegg Verlag, CH-3015 Bern
www.nydegg-verlag.ch
1
Halb drei Uhr morgens ist keine gute Zeit für einen Anruf. Lotteriegewinne, gute Wünsche und freudige Nachrichten werden zu christlicheren Zeiten übermittelt. Halb drei Uhr morgens bedeutet Ärger. Besonders, wenn man Dienstärztin in einer grossen psychiatrischen Klinik ist. Besonders, wenn man erst knapp zwei Stunden zuvor in einen unruhigen Schlaf gefallen ist. In diesem Fall nervt ein Anruf um halb drei Uhr morgens gewaltig.
Ich tastete nach der Nachttischlampe, knipste sie an, noch benommen, zitternd und mit klopfendem Herzen, wie jedes Mal, wenn ich zu früh und nach zu wenig und zu unruhigem Schlaf aufgeweckt wurde. Wo war das verdammte Telefon?
Ich nahm den Hörer ab. «Bergen, Dienstärztin, Psychiatrische Klinik Eschenberg», meldete ich mich, unwirscher, als ich tagsüber geklungen hätte. Ich fühlte mich überhaupt nicht gut.
Der Anrufer klang zu dynamisch, überdreht. Ein Notfallarzt aus der Umgebung, der mir, ich hatte es befürchtet, einen notfallmässigen Neueintritt anmeldete. Wir hatten keine freien Betten, aber aufgrund unserer Aufnahmepflicht hatte ich keine Wahl, ich würde die Frau aufnehmen müssen.
Ich fragte nach dem Wohnort der Patientin, schlug in meinem Verzeichnis nach: Sie gehörte zu unserem Zuständigkeitsgebiet, keine Chance, sie an eine andere Klinik weiterzuweisen.
Meine Versuche, den Mann am anderen Ende in Hinsicht auf unsere überfüllten Aufnahmestationen auf den Folgetag zu vertrösten, scheiterten erwartungsgemäss. Sogar meine leicht hinterhältige Drohung, die Patientin müsse in diesem Fall womöglich in einem Badezimmer untergebracht werden, wurde abgeschmettert. «Badezimmer? Vollkommen gleichgültig! Sie wird den Unterschied nicht bemerken! Und glauben Sie mir, ich werde mehr als erleichtert sein, wenn sie erst bei Ihnen untergekommen ist! Hässliche Sache, das!» Ein Geräusch im Hintergrund – ein Taschentuch, das über eine schweissnasse Stirn wischte?
Resigniert fragte ich nach Details. Doris Greub, eine Frau von 36 Jahren. Abhängig von Heroin, Kokain, Medikamenten. Verheiratet mit einem Peter Greub, eine Tochter. Offenbar bestand zudem die Diagnose einer Schizophrenie, die nun entgleist war – das war der Grund für den Beizug des Notfallarztes gewesen. Die Frau hatte in ihrer Wohnung herumgeschrien, ihren Ehemann mit einem Messer angegriffen. Nachbarn hatten die Polizei alarmiert, die hatte die Wohnung gestürmt und schliesslich den Arzt gerufen.
Ich notierte mir die Einzelheiten, fragte nach Details, Geburtsdatum, psychiatrischer Vorgeschichte, Medikamenten. Der Arzt konnte mir herzlich wenig sagen – er kannte die Frau nicht, hatte sie zuvor nie betreut. Ich klemmte mir den Hörer zwischen Schulter und Ohr, brachte meinen Dienstcomputer zum Laufen, durchkämmte das elektronische Archiv. Ich fand keinen Eintrag unter ihrem Namen – auch bei uns war die Frau nicht bekannt.
Wir beendeten das Gespräch, wobei mein Anrufer deutlich herzlicher klang als ich. Er hatte seine Pflicht getan und konnte sich in sein wohlverdientes Bett zurückziehen. Ich hätte eine Menge dafür gegeben, wenn mir dieses Privileg auch vergönnt gewesen wäre – selbst wenn das betreffende Bett mit hässlicher Bettwäsche aus Kunstfaser bezogen war und etwas muffig roch. Nur widerwillig ergab ich mich meinem Schicksal und nahm erneut den Hörer zur Hand, um eine der Aufnahmestationen über den kommenden Eintritt zu informieren.
Es war ein hektischer Sonntag gewesen, ein langer Arbeitstag, gefolgt von einem frustrierenden Abend. Ich hatte meinen Dienst um halb zehn Uhr vormittags angetreten und in der Folge kaum Zeit gefunden, hastig das eine oder andere Sandwich im Stehen zu verschlingen, von Toilettenpausen ganz zu schweigen. Bis nach Mitternacht war ich nicht zur Ruhe gekommen.
Mit acht Notfalleintritten hatte ich den Durchschnitt für einen Sonntag deutlich überschritten, eine Ehre, auf die ich gerne verzichtet hätte. Ein Suizidversuch eines betrogenen Ehemannes, der im Aufnahmegespräch angesichts seiner kaltschnäuzigen Gattin schluchzend am Boden zusammengebrochen war, gefolgt von mehreren verwahrlosten Alkoholikern, deren Gesichter, Geschichten und Ausdünstungen sich auf unheimliche Weise glichen, ein gereizter und sehr kräftiger Maniker, überdreht und misstrauisch, den ich nur mit Mühe und schwitzend vor Anspannung dazu hatte bewegen können, sich freiwillig isolieren und fixieren zu lassen – es grenzte an ein Wunder, dass eine hässliche Schlägerei hatte vermieden werden können. Ein Teenager im Katzenjammer nach einer durchzechten Partynacht mit zu viel Alkohol und Pillen und zu wenig Verstand, der von einem strengen Notfallarzt wegen Selbstgefährdung eingewiesen worden war und bei uns wie ein kleiner Junge dagesessen hatte, hilflos und verloren, und hoffentlich kuriert von derlei Abenteuern. Die üblichen bodenlos Depressiven und entgleisten Schizophrenen, und daneben ein beispielloses Chaos auf den Stationen, Selbstverletzungen, Panikattacken, Konflikte, Selbstmordabsichten.
Ich hatte für heute meinen Anteil am Elend der Welt getragen, fand ich, und hatte die Nase voll. Meine Stimmung war so menschenfeindlich und uneinfühlsam, wie sie nur sein konnte.
Erfahrungsgemäss würde sich meine Laune und damit meine Zugänglichkeit bessern, sobald ich die Frau vor mir sähe – sobald aus dem Fall ein Mensch würde. Also gab ich mir etwas Zeit, schimpfte vor mich hin, als ich mich aus der verschwitzten Decke wühlte, mich anzog und meine Sachen – Dienstordner, Kugelschreiber, Schrillalarm für den Gang über das dunkle Klinikareal – zusammensuchte. Die Deckenbeleuchtung im Dienstarztzimmer war grell, eine blanke Neonröhre, und ich verzichtete darauf, sie einzuschalten, begnügte mich mit der schwächlichen Nachttischlampe, um mich zurechtzufinden.
Ich verliess den Raum, tappte durch den dunklen Korridor des Hauptgebäudes, tastete erfolglos nach Lichtschaltern, deren Lage ich im Ernstfall immer vergass. Meine Schritte hallten auf dem steinernen Mosaikboden wider. Sie klangen unheimlich in der Dunkelheit.
Schliesslich fand ich meinen Weg nach draussen und machte mich auf in Richtung Aufnahmestationen.
Die Luft war frisch für diese Nacht Anfang Juni, eine angenehm kühle Brise brachte meinen weissen Kittel zum Flattern und besserte meine Stimmung etwas. Ich ging über das Klinikareal, das sich weitläufig und parkähnlich vor mir erstreckte, folgte einem der vielen schmalen Wege, die das Gelände durchzogen und von Laubbäumen und Büschen aller Art gesäumt waren. Als ich das Wirtschaftsgebäude passierte, erkannte ich Rabatten mit Tränendem Herz und Akelei, die in der durch Inseln von Wegbeleuchtung unterbrochenen Dunkelheit zu leuchten schienen. Irgendetwas duftete wunderbar, Lilien vielleicht?
Langsam wurde ich zurechnungsfähiger, begann, mich vorzubereiten, meine Gedanken zu ordnen.
Unterwegs begegnete ich dem Nachtwächter – einem gemütlichen, breiten Mann mit einem struppigen Bart und einer Taschenlampe in seiner Rechten. Er grüsste mich freundlich. Ich schilderte ihm kurz die Lage. Er lächelte. «Wenn du mich brauchen solltest, ruf mich nur. Ich komme gerne.»
Dankbar verabschiedete ich mich. In Situationen wie dieser war jede Hilfe willkommen, denn wenn es hart auf hart ging, fehlte nachts oft das nötige Personal.
Als ich nach einigen Gehminuten auf der Aufnahmestation 1d ankam, einem eingeschossigen, zweckmässigen Gebäude, stand bereits ein Polizeiwagen vor der Tür
– Himmel, das war aber schnell gegangen. Ich schloss die schwere Eingangstür auf, die die Spuren der Jahre und verschiedener Ausbruchsversuche trug, und orientierte mich am Lärm, ging auf dessen Ursprung zu – auf ein Isolierzimmer im hinteren Trakt. Es blieb schleierhaft, wie es den Pflegenden stets gelang, im Notfall auch bei überbelegtem Haus Zimmer freizuschaufeln. Wie auch immer, ich war überaus dankbar für diese unerklärliche Gabe.
Rasch folgte ich dem engen Gang nach hinten, bemühte mich, meine Schritte auf dem Linoleumboden leise zu halten, um keinen der Patienten zu stören. Die Beleuchtung war gedämpft, die Bilder an der Wand, allesamt Produkte aus der hausinternen Kunsttherapie, waren kaum zu erkennen.
Im Zimmer präsentierte sich mir ein Bild des Elends. Eine magere, ungepflegt aussehende Frau wand sich kreischend und offenbar von panischer Angst getrieben im harten Griff eines schwitzenden Polizisten, ein bleicher, übernächtigt und entsetzt wirkender Mann mit tiefen Kratzern im Gesicht, wahrscheinlich der Ehemann, redete hektisch auf sie ein, erreichte mit seinen verzweifelten Versuchen, sie zu beruhigen, jedoch nichts – im Gegenteil, sie trat hysterisch nach ihm, brüllte Verwünschungen und Anklagen und war kaum zu bändigen.
Ein zweiter Polizist stand unschlüssig im Hintergrund, während Sonja Reichenbach, eine erfahrene Pflegefachfrau, die ich gut kannte, sich routiniert an der dicken Matratze zu schaffen machte, die im Isolierzimmer als Bett diente – sie installierte die Gurte für die Fünf-Punkte-Fixation, und im Moment sah es wirklich danach aus, als würden wir sie in Kürze brauchen.
Ich trat seitlich auf die Patientin zu, stellte mich dabei unauffällig, wie ich hoffte, zwischen sie und ihren Mann, dessen Nähe sie zusätzlich aufzuregen schien.
«Mein Name ist Bergen, ich bin die Dienstärztin. Frau Greub? Was ist passiert?»
Meine Stimme klang ruhig, gelassen und tief. Trainingssache, dachte ich sarkastisch, denn ungeachtet all meiner Erfahrung, all der ähnlichen Situationen, die ich schon erlebt hatte, fühlte ich mich in Momenten wie diesem immer unbehaglich. Mein Herz schlug rascher als sonst, und ich atmete gepresst. Aber ich gab mir alle Mühe, diese Zeichen der Anspannung zu verbergen.
Die Frau wandte sich mir zu, mit gehetztem Blick. «Ärztin?», fragte sie ratlos.
Ich nickte und erklärte: «Sie sind hier in der Psychiatrischen Klinik Eschenberg. Ich habe gehört, dass es Ihnen nicht gut geht.» Das war noch milde ausgedrückt. «Können Sie mir sagen, was passiert ist?»
Sie zögerte einige Augenblicke, offenbar schwankend, ob sie mir trauen könne. Dann schoss ihr wirrer Blick zu ihrem Mann. «Er!» Ihre Stimme klang brüchig.
Ich wartete einen Moment, als sie nicht mehr dazu sagte, fragte ich nach. «Ihr Mann? Was ist mit ihm?»
Jetzt brach ihre Stimme völlig, sie war kaum noch zu verstehen. «Meine Tochter!» Ein trockenes Schluchzen unterband eine Fortsetzung. Gebeugt und zitternd stand sie vor mir.
Der erste Aggressionssturm, so schien es, war vorbei. Zum Glück. Ich war schon darauf gefasst gewesen, dass eine Schlägerei losbrechen würde. Ich berührte sie leicht an der Schulter. «Sie haben heute viel durchgemacht. Kommen Sie, setzen wir uns.» Ich wies, in Ermangelung von Tisch und Stühlen, die in Isolierzimmern aus Sicherheitsgründen fehlten, auf die dicke Matratze.
Sie nickte, schwankte unsicher darauf zu.
Ich drehte mich kurz zu ihrem Mann um und sagte leise: «Ich weiss, für Sie war das alles sehr belastend. Ich werde später mit Ihnen sprechen. Würden Sie einen Moment draussen warten?» Dabei warf ich Sonja, die ruhig dastand, einen raschen Blick zu.
Sie verstand. «Kommen Sie, ich begleite Sie. Vielleicht möchten Sie etwas trinken nach der Aufregung?» Sie öffnete die Tür.
Er, ein grosser, breiter Mann von vielleicht Mitte vierzig, blickte mich einen Moment lang starr an. Ich hatte den Eindruck, als wollte er aufbegehren, widersprechen. Doch dann sackten seine Schultern nach unten, und er wirkte nur noch erschöpft. Wortlos verliess er den Raum.
Die Polizisten sahen mich fragend an.
«Bitte warten Sie vor dem Zimmer», bat ich sie. Das war ein Risiko – durchaus möglich, dass die Frau, die nun zitternd und zusammengesunken auf dem Bettrand sass, bei der kleinsten Provokation wieder aggressiv würde. Dann wäre ich in Schwierigkeiten – ich war zwar jünger und gesünder als die Frau, doch ich machte mir keine Illusionen darüber, dass ich den Kürzeren ziehen würde, wenn sie von Panik getrieben auf mich losgehen würde. Aber ich hatte das Gefühl, dass das Schlimmste vorüber war, dass sie jetzt etwas Ruhe und eine vertrauensvolle Atmosphäre brauchte, und die Gegenwart von zwei kräftigen Uniformierten bewirkte in der Regel das Gegenteil. Ich würde es einfach darauf ankommen lassen.
Als wir allein waren, setzte ich mich neben die Patientin. Beiläufig zog ich das Betttuch über die um die Matratze festgezurrten Fixationsgurte, um diese vor dem Blick der Frau zu verbergen. Sie bemerkte nichts davon, starrte vor sich hin, zog die Nase hoch. Ich reichte ihr ein Papiertaschentuch, Standardausrüstung in meinem Dienstkittel.
«Darf ich rauchen?», fragte sie leise. Ihre Stimme klang rau, als wäre sie es nicht gewohnt zu sprechen. Aber wahrscheinlich rührte das nur daher, dass sie sich zuvor heiser geschrien hatte.
«Bitte. Haben Sie Zigaretten und Feuer?»
Sie hatte, und ich fand, dass es nicht der geeignete Zeitpunkt war, darauf hinzuweisen, dass sie beides später würde abgeben müssen.
Sie steckte sich zitternd eine Zigarette an, inhalierte tief, atmete aus. Seufzte.
«Was für eine Nacht, nicht wahr?», meinte ich mitfühlend.
Sie lachte auf, es klang zu laut, hysterisch, aber immerhin ein Lachen.
Erst jetzt hatte ich Gelegenheit, sie genauer zu betrachten. Ihr Teint war fahl, dunkle Ringe lagen unter ihren Augen, deren Pupillen, darauf achtete ich genau, weder besonders eng noch besonders weit waren. Tiefe Furchen zogen sich durch ihr schmales Gesicht, und ihr Haar, mittelbraun und mittellang, hing an ihrem Kopf herunter, als schäme es sich seiner Existenz. Die Hände waren gerötet, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand gelblich verfärbt, wie bei vielen starken Rauchern. Ich liess meinen Blick über ihre dünnen Arme gleiten. Keine Einstichstellen, keine Abszesse. Ihre ganze Erscheinung, ihre Zerbrechlichkeit hatte etwas Anrührendes.
«Können Sie mir erzählen, was Sie belastet?»
Sie starrte einige Momente auf ihre Zigarette. Dann begann sie zu sprechen. «Sie werden mir nicht glauben. Keiner glaubt mir.» Eine Pause. Ich schwieg und wartete.
«Mein Mann hat meine Tochter benutzt.» Ein kurzer, unsicherer Blick zu mir.
«Benutzt?», fragte ich sachte.
«An Männer verkauft!», stiess sie hervor. Ihre Stimme kippte, sie atmete stossweise. Verängstigt schaute sie sich um. «Sie können mich hören», flüsterte sie dann kaum hörbar. Ihr Blick schweifte weiterhin rastlos durch den Raum.
Es gab wenig Erfreuliches, an dem sich ihre Augen hätten festhalten können. Der Raum war kahl, die Wände, ursprünglichweissgestrichen,warenzerkratzt,einZeugnis vergangener Rangeleien, der Boden fleckig. Keine Bilder an den Wänden, keine Pflanzen. Eine abschliessbare Tür aus bruchsicherem Glas trennte den Hauptraum vom kleinen Eingangsbereich ab, bot Eintretenden die Gelegenheit, sich zuerst ungefährdet einen Überblick zu verschaffen.
«Wer kann Sie hören?»
«Sie! Männer! Ich weiss nicht, wer! Sie stehen hinter den Mauern. Ich kann sie hören.»
Ich hörte nichts, keinen Laut von draussen, keinen Ton von den wartenden Polizisten. Nichts.
«Sie haben grosse Angst, nicht wahr?», fragte ich.
«Ja!», sie schluchzte wieder. «Ich bin schuld. Ich darf nicht. Ich darf doch nicht. Er war immer so gut zu mir!» Sie brach zusammen, weinte. Ich reichte ihr ein zweites Papiertaschentuch, nahm ihr die Zigarette ab, die sie offenbar vergessen hatte und die in ihrer Hand der Bettwäsche besorgniserregend nahe kam, entsorgte sie behelfsmässig in der Toilette.
«Hören Sie diese Männer jetzt?», fragte ich, sobald ich zurück war.
Sie schaute wieder zu der Wand ihr gegenüber. «Sie flüstern.»
Ich nickte. «Und was flüstern sie?»
Sie sah mir direkt ins Gesicht, die Augen, gerötet vom Weinen, weit aufgerissen. «Dass ich nicht leben darf. Dass ich mich umbringen soll.»
Ich nickte erneut. Das hatte ich befürchtet. Imperative Stimmen, die sie zum Suizid aufforderten.
«Sind Sie schon lange Ärztin?», fragte sie unvermittelt.
Gedankensprünge, bezeichnend für einen akuten psychotischen Zustand.
«Viele Jahre», antwortete ich. «Aber Sie sind mir im Moment wichtiger.» Ich lächelte freundlich, um diese Abfuhr abzumildern. «Haben Sie heute etwas konsumiert?»
Sie kniff die Lippen zusammen, wirkte beschämt. «Ich versuche, damit aufzuhören», meinte sie leise. «Aber in den letzten Wochen ist es wieder vorgekommen, zweimal. Sugar.»
«Wann, und wie viel?»
Sie fuhr sich fahrig über die Stirn. «Ach Himmel, weiss doch nicht – vor einer Woche oder so. Ein halbes Gramm vielleicht!»
«Gespritzt?»
«Ich spritze schon lange nicht mehr. Geraucht», entgegnete sie mit einer gewissen Würde.
Ich unterdrückte ein Lächeln. «Und neben dem Heroin? Kokain, Cannabis, LSD oder Ähnliches?» Substanzen, die psychotische Symptome wie Wahn und Halluzinationen förderten.
Sie schüttelte den Kopf. «Schon seit Tagen kein Kokain mehr. Hatte zu wenig Geld.» Sie lächelte zynisch. «Ab und zu nehme ich Benzos.»
Sie meinte Benzodiazepine, Beruhigungsmittel wie Valium oder Temesta – sie waren beliebt und wirksam, machten ungeheuer schnell abhängig und verschlechterten die Hirnfunktionen derjenigen, die sie über längere Zeiträume in zu hohen Dosen konsumierten, in beängstigender Weise.
Ich nickte, fragte nach, notierte mir genaue Dosierungen. Erstaunlich – wenn es stimmte, was sie sagte, hatte sie recht wenig konsumiert, und die Einnahme lag schon eine Weile zurück. Ihr Zustand liess sich sicher nicht allein durch eine Substanzeinnahme erklären.
Ich fragte weiter, in gelassenem Gesprächston, um die Schuld und die Scham, die sie quälten, etwas abzumildern. «Haben Sie psychische Probleme?» Sie verzog das Gesicht, blickte hastig über die Schulter. «Schizophrenie», meinte sie dann knapp, senkte den Kopf.
«Wer hat diese Diagnose gestellt?»
«Ein Psychiater. War früher bei ihm in Behandlung. Jetzt nicht mehr.»
Sie verlor sich, blickte abwesend zu Boden. Ihre Gedanken, so schien es, waren plötzlich abgerissen – auch dies war typisch für eine Psychose.
«Bei dem Psychiater sind Sie nicht mehr in Behandlung?», nahm ich den Faden wieder auf.
Sie schreckte hoch, schaute mich verwirrt an, sammelte sich dann wieder. «Nein. Hat nicht viel gebracht. Ich bin jetzt bei unserem Hausarzt, Doktor Lehmann. Er gibt mir Medikamente.»
«Und nehmen Sie diese Medikamente auch?» Erfahrungsgemäss wandern mehr verordnete Medikamente auf direktem Weg in die Kanalisation, als mancher gutgläubige Verschreiber glauben möchte, und besonders Medikamente gegen Schizophrenie, mit ihren ausgeprägten unangenehmen Nebenwirkungen, werden von den Patienten oft heimlich abgesetzt.
«Ja!», schnappte sie wütend.
«Habe ich Sie mit meiner Frage verärgert?», fragte ich ruhig.
Sie blickte mich forschend an, wirkte dann besänftigt.
«Schon gut», meinte sie. «Sie müssen ja fragen. Es ist nur so, dass auch mein Mann und mein Hausarzt dauernd behaupten, ich würde meine Medikamente nicht zuverlässig einnehmen. Aber das tue ich!», stiess sie hervor und funkelte dabei die Tür an, hinter der ihr Mann zuvor verschwunden war. «Ich will nicht verrückt sein! Meine Tochter braucht mich!»
Der Gedanke an ihre Tochter schien sie erneut niederzudrücken.
«Wie heisst denn Ihre Tochter?»
Sie holte tief Luft, schoss einen unsicheren Blick in Richtung Wand, blickte dann wieder auf den Boden.
Ein Funken mütterlichen Stolzes mischte sich in ihre Stimme, als sie erneut zu sprechen begann. «Tabea. Sie ist vierzehn. Aus einer früheren Beziehung – zu ihrem Vater habe ich keinen Kontakt mehr. Sie ist wunderschön, und clever ist sie auch, wenn sie auch in der Schule …»
Ihre Stimme versiegte erneut.
«Haben Sie ein Foto von ihr dabei?», fragte ich.
Sie schaute mich erstaunt an, wühlte dann – im Wechsel mit mehreren wachsamen Blicken zur Wand – in ihrer Hosentasche herum und förderte schliesslich ein abgewetztes, schmuddeliges, ehemals rotes Stoffportemonnaie zutage. Sie zog eine zerknitterte Fotografie hervor. Ich nahm sie an mich.
Sie zeigte ein tatsächlich sehr hübsches junges Mädchen mit langem, glattem dunklem Haar. Sie war zu stark geschminkt, zu knapp angezogen für ihr Alter. Ihre Haltung hatte etwas Herausforderndes, Trotziges, und ihre Augen liessen sie viel älter aussehen als ihre vierzehn Jahre.
«Sie haben recht, sie ist sehr schön. Sie sieht Ihnen ähnlich.» Ich lächelte sie an und gab ihr das Bild zurück.
Es stimmte – hinter der ausgezehrten Magerkeit meines Gegenübers, hinter all der Verwüstung konnte ich doch sehen, dass sie schön war – oder es zumindest einmal gewesen sein musste.
Sie lachte abwehrend, freute sich aber offensichtlich trotzdem über das Kompliment.
Die Atmosphäre zwischen uns war ruhiger geworden, und ich hatte den Eindruck, als hätte die Frau ein gewisses Vertrauen zu mir gewonnen.
Ich überlegte, ob ich die neu gewonnene Entspannung durch genaueres Nachfragen zu den Einweisungsumständen gefährden sollte, entschied mich dagegen. Ich blieb auf neutralerem Terrain, fragte nach Medikamenten, körperlichen Leiden, sozialer Situation, Bezugspersonen.
Sie hatte wenige Bindungen in ihrem Leben, wie sich zeigte. Ihren Mann, ihre Tochter, ihren Hausarzt. Einige Kollegen, die auch konsumierten, was, wie sie verächtlich meinte, nicht viel wert war. Eine geliebte alte Tante, die aber im Ausland lebte.
Frau Greub hatte keine Arbeit, auch das überraschte mich nicht. Die meiste Zeit war sie zu Hause, machte den Haushalt, mehr schlecht als recht. Als repräsentierende Gattin eines Bankers scheitere sie regelmässig, fügte sie bitter hinzu.
«Ich frage mich heute noch, warum Peter mich geheiratet hat …»
Und damit waren wir wieder beim Thema. Sie verspannte sich, klammerte sich an ihren Knien fest.
«Es ist schwierig, darüber zu sprechen, nicht wahr?», fragte ich sie vorsichtig.
Sie nickte verkrampft, schoss erneut gehetzte Blicke zur Wand, schien zu lauschen. Dann schaute sie mich wieder an.
«Ich hasse meinen Mann!»
Ihre Anspannung war sichtlich gestiegen, ihre Bewegungen, eben noch einigermassen entspannt, wurden fahriger, ihre Angst stand greifbar im Raum. Noch ein paar Fragen in diese Richtung, das ahnte ich, und sie würde erneut entgleisen.
«Schauen Sie, Frau Greub.» Ich sah sie an. «Ich habe das Gefühl, es wird Ihnen zu viel, wenn wir jetzt im Detail über das sprechen, was passiert ist. Ich schlage vor, dass wir uns für heute Nacht darauf beschränken, dafür zu sorgen, dass Sie wieder zur Ruhe kommen, in Ordnung?»
Sie wirkte überrascht, zweifelnd – aber auch Erleichterung war spürbar. «Ich möchte Ihnen einige Medikamente geben, damit Sie Ruhe finden und wir morgen über alles sprechen können.»
Das war das Angenehme an Menschen mit Suchterkrankungen, sie waren in der Regel nur zu gerne bereit, Medikamente einzunehmen – im Gegensatz zu nicht süchtigen Patienten, welche vor der Einnahme von Psychopharmaka oft zurückschreckten, was dann jeweils längere und fruchtlose Diskussionen nach sich zog.
«Von dem Medikament gegen die Schizophrenie, das Sie bereits einnehmen, Serinal …», setzte ich an, wurde von ihr jedoch heftig unterbrochen.
«Ich sagte Ihnen doch, dass ich es genommen habe!»
«Das glaube ich Ihnen auch», entgegnete ich geduldig und merkte, dass ich es für den Moment auch tatsächlich tat, «aber angesichts Ihres Zustands braucht es eine höhere Dosis, was meinen Sie?»
Sie überlegte kurz, nickte dann.
Ich besprach meine Verordnungen mit ihr, bezog sie mit ein, und der Effekt, ihre Kooperation, blieb nicht aus.
Schliesslich stand ich auf. «Sie bleiben für heute Nacht in diesem Zimmer. Es ist dafür eingerichtet, dass Sie geschützt und abgeschirmt sind.» Ich wies auf die halb sichtbaren Gurten am Bett. «Diese Gurten benützen wir, wenn jemand so ausser sich ist, dass er sich oder andere gefährdet. Sie machen den meisten Leuten aber Angst,» – ein Blick in ihr Gesicht zeigte, dass dem bei ihr bestimmt so war – «und deshalb möchte ich sie am liebsten nicht benutzen. Meinen Sie, Sie können mit uns zusammenarbeiten, sich zusammennehmen? Ich weiss, es ist schwierig, und Sie haben grosse Angst.»
Sie zögerte, nickte dann wieder.
«Meinen Sie», fragte ich weiter, «Sie können den Stimmen, die Sie zum Selbstmord treiben wollen, widerstehen? Muss ich Angst haben, dass Sie sich etwas antun werden?»
Sie überlegte erneut, gründlich, blickte dann auf, Tränen in den Augen. «Nein. Meine Tochter», sagte sie nur, und ich nickte.
Ich nahm ihr Zigaretten und Feuerzeug ab – ein Brand in einem abgeschlossenen Patientenzimmer könnte verheerende Folgen haben – und verliess sie dann, nachdem ich ihr versprochen hatte, Frau Reichenbach von der Pflege zu ihr hineinzuschicken. Ein letzter Blick zurück – Frau Greub sass klein und verloren auf der Matratze und starrte vor sich hin. Wieder berührte mich die Verletzlichkeit, die Kraftlosigkeit, die sie verbreitete.
Ich verliess das Zimmer, schloss ab und ging den Gang hinunter, der mir nun noch enger und dunkler vorkam. Beim Vorbeigehen entliess ich die beiden stoisch wartenden Polizisten, die sichtlich froh waren, dass ihr Einsatz beendet war.
Ich fand Sonja Reichenbach im Stationszimmer, wo sie den Ehemann der Patientin, der völlig erschöpft aussah, an den Tisch gesetzt und mit Tee und Gebäck versorgt hatte.
Der Raum war hell erleuchtet. An der Wand zu meiner Linken hing die grosse Plantafel. Mit Filzstift waren in einen Grundriss aller Patientenzimmer Namen und Geburtsdaten notiert worden, oben links die im Voraus geplanten Mutationen, und in einem rot umrandeten Feld unten rechts fanden sich wichtige Mitteilungen an alle. ‹Schere und Föhn bei Frau Hurni› war da zu lesen, damit die genannten heikleren Gegenstände nicht vergessen gingen, und ‹Herr Joss ist über die Mauer entwichen, wurde ausgeschrieben›.
Ich wandte mich an Sonja, informierte sie mit ein paar kurzen Worten. Sie nickte, richtete rasch einen Plastikbecher mit Medikamenten und verliess damit den Raum.
Ich setzte mich an den Tisch zu Peter Greub, der trübe in seinen Tee gestarrt hatte, als ich hereingekommen war, nun jedoch besorgt und angespannt zu mir aufsah. Die Kratzer in seinem bleichen Gesicht traten deutlich hervor. Ich registrierte, dass er trotz der ganzen Aufregung und trotz der späten Stunde überaus korrekt gekleidet war. Kurzärmeliges Hemd mit dezenter Krawatte, sandfarbene Hose mit messerscharfer Bügelfalte, wie ich sie nie und nimmer hingekriegt hätte.
«Was hat sie gesagt?», fragte er mit gepresster Stimme, der ich anzuhören glaubte, dass sie gewohnt war, Befehle zu erteilen.
Ich konnte einen Seufzer nicht ganz unterdrücken. «Ich habe nicht viel aus ihr herausbringen können. Es hat sie furchtbar aufgeregt, über die Einweisungsumstände zu sprechen, und ich fand es wichtiger, dass sie wieder zur Ruhe kommt. Es geht ihr etwas besser, sie hat sich beruhigt und wird, so denke ich, mit uns zusammenarbeiten.»
Er wirkte erleichtert, entspannte sich etwas. «Gut!», meinte er grimmig.
Ich nickte. «Immerhin. Aber ich wäre froh, wenn ich Ihnen einige Fragen stellen dürfte.»
Er machte eine Kopfbewegung, die deutlich machte, dass ich anfangen solle.
«Ihre Frau hat angedeutet,» – eine höfliche Umschreibung – «dass es gewisse Konflikte zwischen Ihnen gibt?»
Er lachte trocken auf, ein bitteres Geräusch. «Konflikte? Meine Frau wirft mir vor, ich wünsche ihr den Tod. Ich sei daran schuld, dass sie Drogen nehme, und ich hätte irgendwie ihre Tochter ausgebeutet. Ich bitte Sie, das nennen Sie Konflikte?» Er schnaubte.
Ich griff mir meinen Notizblock. «Erzählen Sie», forderte ich ihn auf.
Er fuhr sich durch das kurz geschnittene, grau melierte Haar. «Als ich meine Frau geheiratet habe», begann er, «wusste ich, worauf ich mich einliess. Oder ich dachte zumindest, dass ich es wüsste. Aber das hier …» Er machte eine hilflose Geste, mit der er den Raum und alles, wofür er stand, mit einschloss. «Das hätte ich nie erwartet.» Er räusperte sich.
Ich sah ihn mitfühlend an. Für die Angehörigen war es immer besonders schwer – sie liefen irgendwo am Rande mit, wurden nicht selten kaum in den Behandlungsprozess einbezogen und waren doch in hohem Mass belastet.
Er fuhr fort. «Wir haben vor zwei Jahren geheiratet. Ich wusste, dass meine Frau …», er suchte sorgfältig nach dem richtigen Wort, «instabil war. Sie hatte früher Drogen genommen, ziemlich heftig und lange, und ich wusste auch, dass sie damals psychotische Episoden gehabt hatte. Aber als ich sie kennenlernte, ging es ihr besser. Sie war clean, hatte zuvor eine Therapie gemacht. Sie arbeitete – nichts Grossartiges, natürlich, aber sie arbeitete immerhin. Sie nahm ihre Medikamente, wirkte gesund. Sie war eine hübsche, sympathische Frau.»
Er sah mich herausfordernd an, als erwarte er, dass ich widersprechen würde.
«Das kann ich mir gut vorstellen», meinte ich. «Wie haben Sie sich kennengelernt?»
«Wie das Leben halt so spielt – auf einer Hochzeit. Mein Cousin hat eine alte Schulfreundin von ihr geheiratet. Doris stand während der Feier meistens unsicher in einer Ecke. Sie wirkte so verloren damals, so schutzlos. Ich fühlte mich von Anfang an zu ihr hingezogen.» Sein Blick wanderte in unbestimmte Fernen, fokussierte sich dann wieder. «Nun ja, wir heirateten schliesslich, und eine Weile ging alles gut. Doris bemühte sich, das will ich ihr zugutehalten. Sie versuchte, ihre neue Rolle als Ehefrau eines erfolgreichen» – er hüstelte – «Bankers so gut als möglich auszufüllen. Aber Sie wissen, wie das ist.»
Ich wusste es nicht, schwieg aber.
«Das gesellschaftliche Parkett ist, nun ja, bisweilen wie Glatteis, besonders für eine Frau mit ihrer Geschichte.»
Ich fühlte mich ein wenig schuldig, weil ich merkte, dass ich den Mann nicht besonders gut leiden mochte, bei allem Mitgefühl.
«Und dann machte Tabea auf einmal Probleme, Doris’ Tochter aus einer früheren Beziehung. Die Kleine hatte schon zu den instabileren Zeiten ihrer Mutter Schwierigkeiten, sich im Leben zurechtzufinden. Eine Weile ging es gut, aber vielleicht machte es ihr Mühe, dass ich in ihr Leben trat, wer weiss? Sie hatte schlechten Umgang, konsumierte das eine oder andere, ging nicht mehr zur Schule. Das Übliche eben.»
Er zuckte mit den Schultern. «Und da ging es abwärts mit Doris. Sie fing wieder mit den Drogen an, ab und zu, dann immer häufiger. Sie nimmt auch ihre Medikamente nicht regelmässig, auch wenn sie das Gegenteil behauptet.» Ein grimmiger Blick. «In letzter Zeit stand es mehrfach auf der Kippe mit ihr. Mein Freund Georg Lehmann, unser Hausarzt, hat sich alle Mühe gegeben, einige Male konnten wir sie wieder auffangen, aber die letzten Tage …» Erneut ein Schulterzucken.
Ich blickte ihn fragend an.
«Sie hat in letzter Zeit die Medikamente ganz weggelassen», erläuterte er. «Mehr Drogen konsumiert, als gut für sie war. Und dann ist sie zunehmend wirr geworden, hat mich beschuldigt, es kam zu Streitigkeiten. Sie warf mir alles Mögliche vor, von Mordabsichten bis hin zum Missbrauch von Minderjährigen.» Er schüttelte verächtlich den Kopf.
«Heute Abend ist die Situation völlig aus dem Ruder gelaufen. Doris hat mich angebrüllt, offenbar völlig verladen, hat sich verfolgt gefühlt von irgendwelchen Stimmen, die ihr hässliches Zeug eingeflüstert hätten. Furchtbares Zeug. Ich hätte Tabea missbraucht oder so etwas Ähnliches. Ich habe mich gewehrt – bei allem Verständnis, das konnte ich doch nicht auf mir sitzen lassen, oder? Eine derart widerliche, völlig aus der Luft gegriffene Behauptung! Ich habe mir das nicht mehr anhören mögen. Ich konnte einfach nicht mehr.»
Ich nickte verständnisvoll.
«Ich habe sie also angebrüllt – und das tut mir jetzt leid, ich hätte es nicht tun sollen, ich weiss!», fügte er hastig hinzu.
«Ich finde das nachvollziehbar. Sie hatten schon eine Menge durchgemacht», beschwichtigte ich.
Er sah mich dankbar an. «Schliesslich ist sie durchgedreht. Hat Geschirr zerschlagen, Stühle und Lampen umgeworfen. Und dann hat sie sich auf mich gestürzt. Sie hat nicht so viel Kraft, wissen Sie, dünn, wie sie ist – aber heute Nacht, da hatte ich Mühe, sie zu bändigen. Und sie hatte ein Messer, aus der Küchenschublade. Wollte mich ernsthaft umbringen, glaube ich.» Er schüttelte ungläubig den Kopf.
Sachlich meinte er dann: «Die Nachbarn haben die Polizei verständigt. Den Rest kennen Sie.»
Ich nickte. Eine Geschichte, wie ich sie schon häufig gehört hatte, in verschiedenen Varianten. Es passierte nicht selten, dass sich Schizophrene im sich aufbauenden psychotischen Schub gegen ihre engsten Angehörigen wandten, sie verdächtigten und beschuldigten.
Peter Greub beugte sich vor, sein Blick eindringlich. «Ich liebe meine Frau, wissen Sie. Sie ist eine wunderbare Person. Aber in letzter Zeit … da bin ich ratlos. Ich weiss nicht, was ich tun soll. Was ich auch mache, es ist immer falsch. Und diese Anschuldigungen, die verletzen mich sehr. Wie kommt sie bloss auf so was?! Ganz abgesehen», er lehnte sich wieder zurück, «von meinem guten Ruf, der zum Teufel gehen wird, wenn sie dergleichen laut herumschreit. Sie wissen ja, wie die Leute sind. Etwas bleibt immer hängen – auch wenn die Quelle der üblen Nachrede eine» – er sah mich entschuldigend an – «Wahnsin-nige ist.» Er strich sich mit der Hand über das Gesicht, das gezeichnet war von dieser erschöpfenden Nacht.
Ich stellte ihm noch einige medizinische Fragen, glich seine Angaben über Medikation und Vorgeschichte mit denen seiner Frau ab. Er nannte mir die Adresse des Hausarztes, der offenbar über das Professionelle hinausgehend eine wichtige Rolle im Leben der Familie spielte – wie Hausärzte das so oft tun. Ich wusste das nur zu gut, ich war mit einem verheiratet.
Schliesslich schickte ich Peter Greub nach Hause. Er konnte nichts mehr tun und brauchte Schlaf, was ich ihm nachfühlen konnte. Er fragte, ob er seine Frau noch einmal sprechen könnte. Ich riet ihm davon ab. Er akzeptierte, halb frustriert, halb erleichtert, und verliess die Station durch die Haupttür, die ich ihm mit meinem Generalschlüssel öffnete.
Kaum hatte Greub die Station verlassen, kam Sonja zurück ins Stationszimmer. «Sie hat sich beruhigt, ihre Medikamente anstandslos genommen und sich hingelegt. Ich habe die Gurten rausgenommen», erklärte sie.
Ich nickte erleichtert. Ich hasste es, wenn Notfalleinweisungen in Aggressionen und Gewalt mündeten. Eine der Schattenseiten meines Berufes.
Sonja und ich setzten uns gemeinsam an den Tisch, und ich machte meine Verordnungen, legte die Medikation für die nächsten Stunden fest.
«Ich möchte neben den üblichen Laborwerten gerne eine Urinprobe auf sämtliche Substanzen», fügte ich hinzu, «und dann am Morgen eine Spiegelbestimmung für Serinal.» Die Ermittlung der Menge Serinal im Blut der Patientin würde klären, ob sie tatsächlich ihre Medikamente regelmässig genommen hatte, wie sie so verzweifelt behauptete.
Ich verabschiedete mich von Sonja und trat hinaus in die Nacht, die erste Anstalten machte, zum Morgen zu werden; ein kaum wahrnehmbarer hellerer Streifen am Horizont liess mich auf die Uhr blicken. Ich stöhnte auf – halb fünf. Die Luft war angenehm frisch und klar, als ich mich auf den Rückweg zu meinem Pikettzimmer im Hauptgebäude machte. Sie tat das Ihre, meinen Wachheitszustand so stabil wie möglich zu halten. Trotzdem schwankte ich leicht vor Müdigkeit, als ich die letzten Stufen der Steintreppe zum Pikettzimmer hinauf nahm.
Ich nahm den Computer in Betrieb, um meinen Bericht über den Neueintritt zu schreiben. Der Bildschirm flirrte vor meinen Augen. Ich vertippte mich häufiger als sonst, als ich die Einweisungsumstände, die aktuelle Situation und das Prozedere beschrieb, den Psychostatus dokumentierte.
Ich druckte den Bericht aus, von dem ich hoffte, dass er trotz meines halb deliranten Zustandes einigermassen verständlich sein würde, und war dankbar, dass der altersschwache Drucker für einmal keine Zicken machte. Dann legte ich das Papier zusammen mit dem Einweisungsbericht des zuweisenden Arztes in die neu eröffnete Krankengeschichte, einen Ringordner aus rosa Karton, liess meinen Kittel über den Bürostuhl fallen und warf mich ins Bett.
Kaum hatte mein Kopf das Kissen berührt, schlief ich ein.
2
Der Wecker schrillte um Viertel nach sieben. Es dauerte volle zehn Minuten, bis ich einigermassen zurechnungsfähig war und wagen konnte, mich aufrecht hinzusetzen.
Ich vermied es, mir auszurechnen, wie viele Stunden Schlaf ich insgesamt gehabt hatte, das Ergebnis hätte mich frustriert – besonders angesichts der Tatsache, dass ich einen anspruchsvollen Arbeitstag vor mir hatte.
Ein Blick in den Spiegel bestätigte sämtliche Befürchtungen – ich sah aus wie der Zorn Gottes und fühlte mich auch entsprechend. Meine Haare, dunkelbraun und schulterlang, hingen trübe an meinem Kopf hinunter, meine Augen wirkten verhangen. Grossartig.
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